Wahrheit und Dichtung eines bislang unbeachtet gebliebenen Geheimdienst-Berichtes zur Geschichte des Dritten Reiches
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| Abb. 1: Die Schauspielerin Renate Müller (1906-1937) - Hitlers "Girl", dann Opfer seiner "Guns and Gangsters"? |
Vorbemerkung: Die Erkenntnisse der folgenden Ausarbeitung verlieren nicht ihren Wert, benötigen aber manche deutliche Neubewertung seit ein späterer Blogartikel zu seinem Thema veröffentlicht ist.
Bei der Vorbereitung
meines Buches „Hitler und die Astrologen“
wollte ich die Angabe des Autors Johannes Müllern-Schönhausen aus
den 1950er Jahren überprüfen, dass Adolf Hitler den Wahrsager Erik
Jan Hanussen schon 1926 im Berliner Haus der engen Freundin Adolf
Hitlers, Helene Bechstein, kennengelernt habe. Eine Angabe, die sich
mit der Behauptung von Otto Strasser decken würde, nach der Adolf Hitler
schon Mitte der 1920er Jahre Redner-Unterricht bei Hanussen bekommen
hatte. Ich suchte also auf „Google Bücher“ mit den Suchworten
„Hanussen Bechstein Hitler“ und stieß dabei auf ein bis heute
wenig bekanntes und von der zeitgeschichtlichen Forschung so gut wie
gar nicht ausgewertetes Buch aus dem Jahr 1941 mit dem Titel
„Hitler's Girls, Guns and Gangsters“.
Es ist heute auch nur in wenigen deutschen Bibliotheken vorhanden.
In ihm wird ein spiritistischer Zirkel um Helene
Bechstein in einem Atemzug genannt mit Erik Jan Hanussen, und dass
beide spätestens seit 1931 Einfluss genommen hätten auf die Politik
Adolf Hitlers. Das würde natürlich gut zu den beiden eben genannten
Angaben passen. Allerdings arbeitet dieses Buch gänzlich ohne
Quellen- und Literaturangaben. Es erläutert auch nicht
andeutungsweise schon allein nur den biographischen Hintergrund
seines Autors und wie der Autor eigentlich zu all seinem Wissen
gekommen sein will. Als Autor war angegeben ein Felix Gross.
Er hatte schon ein Jahr zuvor im selben Verlag ein Buch über die
Geschichte der Geheimdienste im 20. Jahrhundert herausgegeben.
Um die historische Zuverlässigkeit seiner
Angaben überprüfen zu können, ergibt sich die
Notwendigkeit einer gründlicheren Auseinandersetzung mit dem Autor
selbst und seinem übrigen Leben und seinen literarischen
Produktionen. Und dabei stellt sich heraus, dass man auf einen
thematisch sehr vielfältigen Autor stößt mit einem sehr
interessanten Leben. Ein Leben, das nicht geringen Anteil hatte
nicht nur an politischen, sondern auch an wesentlicheren philosophischen, wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in
Deutschland zwischen 1907 und 1934.
Über Felix Groß, einen erstaunlich
veränderlichen, aber auch vielseitigen und kenntnisreichen
Journalisten, gibt es bis heute keine monographische Darstellung,
noch nicht einmal einen wissenschaftlichen Aufsatz. Da sein Leben so
gut wie nicht aufgearbeitet zu sein scheint, möchte ich hier meine
vorläufigen Recherche-Ergebnisse, die nach und nach zu ergänzen
sind, in vorläufiger Form veröffentlichen.
Es geschieht dies insbesondere auch deshalb, um
womöglich Nachfahren und Verwandte von Felix Groß auf diesem Weg zu
erreichen und gegebenenfalls noch Auskünfte übermittelt zu bekommen. 2011
lebte – wahrscheinlich in Wien – eine Nichte von Felix Groß, die
sich gut mit dem Werk ihres Onkels ausgekannt hat. Sie stand in Verbindung mit dem christlichen Wiener Autor David
Leitha, der 2011 Auszüge aus einem Buch über Jesus Christus von
Felix Groß neu heraus gegeben hat, und dessen Original-Ausgabe er an sie
verkauft hat. David Leitha schreibt über diese Nichte im Vorwort:
Einige Tage danach hatte sich die spätere
Käuferin gemeldet und mit mir über das Schicksal sämtlicher Werke
des Autors Felix Groß gesprochen. Es war ausgesprochen interessant
und stellte mir das (…) Büchlein in immer besseres Licht. (…)
Aufgrund dieses Gesprächs mit der späteren Käuferin war mir die
Bedeutung dieses Buches erst richtig bewusst geworden. (…)
Schließlich stand sie unten vor meiner Haustür, die das Buch kaufen
wollte. (…) Sehr neugierig und jetzt hoch erfreut nahm sie das
Büchlein aus meinen Händen entgegen.
Leider weiß Leitha auf
Nachfrage nicht mehr den Namen der Nichte, nur noch die Tatsache,
dass es sich eben um eine Nichte gehandelt hat.
Im folgenden soll dargestellt werden, was sich
durch Literatur-Recherche - ohne Rückgriffe auf etwaig staatliche
oder Privatarchive in Deutschland, England oder Südafrika, die
etwaig Bestände zu Felix Groß aufweisen - über ihn zusammentragen
lässt. (Bis jetzt kann dieser Darstellung leider noch nicht einmal
eine Fotografie von Felix Groß beigefügt werden.)
Felix Groß - Ein Leben zwischen tiefernster Philosophie und grotesker Scharlatanerie
Der in Wien (oder
Leipzig) geborener „Halbjude“ Dr. Felix Groß (vermutlich
1890-1960) hat bis 1934 Bücher veröffentlicht, in denen eine
völkische und christliche Weltanschauung vertreten wurde. Und zwar
eine solche, wie sie im engsten Umfeld der Wagnerianer von Bayreuth vertreten worden ist. Er ist 1933 nach Südafrika emigriert
und hat 1941 in London das eingangs genannte, im grotesken Boulevardblatt-Stil
geschriebene Hitler-Buch herausgebracht. Offensichtlich um den Durst
der britischen Öffentlichkeit nach „Geschichten“ über den
damaligen Kriegsgegner, das nationalsozialistische Deutschland, zu
stillen. Wobei bei den damaligen hochgehenden Emotionen offenbar weniger nach dem
Wahrheitsgehalt dieser Geschichten gefragt worden ist.
In diesem Buch schreibt Felix Groß ohne jede
Erklärung, aber zugleich auch ohne jeden noch erkennbar
fortbestehenden inneren Bezug über die ihm zum Teil persönlich
bekannten Anhänger seiner vormaligen Weltanschauung. Hat er sich in
seinem Verhalten ein Vorbild genommen an der von ihm selbst
ausgedeuteten Figur des „Logi“ in Wagners „Ring der
Nibelungen“, dem Loki der germanischen Göttersagen? Ihn jedenfalls lässt Richard
Wagner in „Rheingold“ von Gott Wotan ansprechen mit den
Worten:
„Loge heißt du,
doch nenn' ich dich Lüge!“
Sein Hitler-Buch ist in
der vergleichsweise bekannten Hitler-Studie des Psychoanalytikers
Walter Langer (1899-1981) ausgewertet worden, sonst aber offenbar so
gut wie gar nicht bis heute.
Wer also war dieser
Felix Groß?
Zunächst wird er in der Literatur genannt als der
Privatsekretär von Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), des
Schwiegersohnes von Richard Wagner und Verfasser des einflussreichen
Werkes „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“. Dann war Groß – auf
Weiterempfehlung von Chamberlain an seinen Freund, den deutschen
Biologen und Philosophen Jakob von Uexküll (1864-1944) -
Forschungsassistent des letzteren.
Daraus hervorgehend wurde Felix Groß ein von
diesen beiden offenbar sehr geschätzter und geförderter Spezialist
nicht nur für Richard Wagner, sondern auch für den Philosophen
Immanuel Kant. Noch 2012 druckte die Wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt eine „klassisch“ gewordene Sammlung
biographischer Texte über Immanuel Kant nach, die Felix Groß 1912
erstmals in dieser Form herausgebracht hatte.
Felix Groß wurde dann Journalist und –
offenbar irgendwann nach 1914 - Mitarbeiter der preußischen (oder
der österreichischen?) Aus- und Inlandsspionage, also vielleicht des
Nachrichten-Dienstes des Großen Generalstabs, bzw. der politischen
Polizei. (Vorläufer von Organisationen wie Wehrmacht-Abwehr, BND, Gestapo und
„Bundesamt für Verfassungsschutz“). Über seine Erfahrungen als
Geheimagent brachte er, wie schon gesagt, 1940 in London ein Buch
heraus („I knew those spies“). Sein Hitler-Buch aus dem Jahr 1941
schrieb er dann wohl insbesondere als Fortsetzung seines 1940
erschienen Buches.
Beide waren offenbar aus den Emotionen der
damaligen Kriegszeit heraus geschrieben, die repräsentiert wurden
etwa durch die „Gespräche mit Hitler“ von Hermann Rauschning,
ebenfalls ein Buch, in dem bis heute Wahrheit und Dichtung auf
nur noch schwer aufzulösende Weise miteinander vermischt worden
sind.
Die Spannweite solcher Lebensinhalte - zwischen
dem Ernst der Wahrheitssuche eines Immanuel Kant und der anderen
schon genannten Größen der deutschen Wissenschaft und Kultur
auf der einen Seite und einem Buch der psychologischen Kriegsführung
über Adolf Hitler und das Darstellen seiner Person privat
ausdrücklich auch mit Bezug zum Charly Chaplin-Hitler andererseits,
das oft bis ans Groteske streifende Anhäufen und Fabulieren von
zahllosen Geheimdienst-„Geschichten“ über das Privatleben Adolf
Hitlers und aller anderen führenden Nationalsozialisten – diese
Spannweite sollte wohl das Zeug in sich haben, zu monographischen
Darstellungen herauszufordern.
1907 - „Der Sieg über das Antigermanische“
Seit 1878 lebte in der
Nähe von Richard Wagner (1813-1883) in Bayreuth der Literat Hans von
Wolzogen (1848-1938) und gab die Monatszeitschrift „Bayreuther
Blätter“ für Richard Wagner heraus. Dieser Hans von
Wolzogen sollte auch zumindest ein guter Bekannter von Felix Groß
werden, der 1907 einer seiner Autoren wurde. Hans von Wolzogen gab
die „Bayreuther Blätter“ bis zu
seinem eigenen Tod im Jahr 1938 heraus und gehörte noch 1931 zu den
Freunden von Felix Groß, deren positive Urteile Felix Groß auf den Umschlag
seines eigenen Wagner-Buches druckte. Will heißen zwischen die Urteile von
Chamberlain und Uexküll (siehe Abb.).
In diesen „Bayreuther Blättern“ schrieb
Felix Groß 1907 schon als 17-Jähriger (?), die gegenwärtige Kultur
werde nur dann
als notwendige Vorstufe zu höchster
Gesamtkultur erscheinen (…), wenn nur in dem Kampfe des Un- und
Antigermanischen gegen das Germanische der Germane den Sieg erringt.
Ob das geschehen wird, kann freilich erst die Zukunft sagen. - Dieser
Sieg wird kein plötzlicher sein und kein Name wird ihn kennzeichnen.
Er ist schon jetzt errungen und wird in hunderten von Jahren noch
nicht errungen sein. Denn sein Schauplatz ist das innerste Herz jedes
Einzelnen.
Es handelt sich also um
jenen „jungen Felix Groß“, der von der Autorin Anne Harrington
als ein Schüler von Houston Stewart Chamberlain und als Wagnerianer
genannt wird.
Im selben Jahr begann Felix Groß, eine umfangreiche Deutung des
„Rings der Nibelungen“ von Richard Wagner in derselben
Zeitschrift erscheinen zu lassen. Diese stand im Gegensatz zu der
noch zu Lebzeiten von Richard Wagner vorherrschenden unpolitischen
Art der Deutung:
Ein über sechs Jahrgänge und insgesamt
acht Jahre gehendes, großangelegtes Interpretationstableau - die
umfangreichste Deutung, die in den Bayreuther Blättern überhaupt je
veröffentlicht worden ist - entwirft ab 1907 Felix Groß. (…) Sie
ist zunächst einmal entschieden darauf ausgerichtet, die Tetralogie
als Vorstufe zum Parsifal zu verstehen und dies heißt: sie in einen
religiösen Bezugsrahmen zu stellen. Der Ring theatralisiert in
seinen Figuren und Aktionen die Geschichte des germanischen
Heidentums, er zeigt dessen notwendiges Scheitern. (…) Wenn damit
der Ring als Parabel eines weltumspannenden Rassenkampfes verstanden
und ausgelegt wird, so hat das mit den Ursprungsintentionen Wagners
nun gewiss nichts mehr zu tun.
Und weiter ist darüber
zu erfahren:
Die offizielle Entpolitisierung wird erst
ab 1907 aufgehoben mit dem Erscheinen einer breit angelegten
Ring-Deutung von Felix Groß, dem Privatsekretär des
Wagner-Schwiegersohns und Rassentheoretikers Houston Stewart
Chamberlain. Die Exegese von Groß deutet den Ring als „neuen
germanischen Mythos“ und erklärt die germanische Geschichte als
Vorstufe des Christentums. Groß zielt auf den „arischen Mythos“
und den Kampf zwischen „edlem und unedlem Menschengeschlecht“ ab.
Bermbach kritisiert diese Umdeutung von Wagners radikaler Kritik an
Politik und Macht in „einen alle Politik beherrschenden Rassenkampf
(…), wobei merkwürdigerweise alle Arier, Wotan, Siegmund und
Siegfried untergehen, während der Nichtarier Alberich überlebt“.
Soll schon in dieser
Ring-Deutung jener „hintergründige“, groteske „Humor“
wiedergefunden werden, den man dann auch für „Hitler's Girls“
anzunehmen gezwungen ist?
Felix Groß hat jedenfalls einen wesentlichen
Anteil an der Politisierung der Wagner-Verehrung. Die Inhalte dieser
Aufsatzreihe hat Groß 1927 unter dem bezeichnenden Titel „Die
Wiedergeburt des Sehers“ in einem umfangreichen Buch
veröffentlicht,
das 1931 noch einmal erschien mit den werbenden Worten seiner drei
Freunde auf dem Umschlag (s. Abb.). In diese „mythische
Weltreligion“ ordnete Groß dann auch eine besondere
„weltgeschichtliche Mission“ des
Judentums ein.
Man darf durchaus schlussfolgern: Zumindest noch bis 1927,
wahrscheinlich auch bis 1931 muss sich Felix Groß mit den völkischen
Wagnerianern in Bayreuth sowohl weltanschaulich als auch persönlich
bestens verstanden haben.
Es ist sehr wesentlich, diesen Umstand
festzuhalten. Denn schon lange zuvor – 1923 – war es andererseits
- über Helene Bechstein – zu besten persönlichen Beziehungen
zwischen den Familien Wagner und Chamberlain zu Adolf Hitler
gekommen.
Schauen wir uns die Aktivitäten dieses
Wagner-Kreises - und des Felix Groß in diesem - seit 1907 noch ein
wenig genauer an. Anne Harrington behandelt sehr ausführlichen den
Briefwechsel zwischen den beiden Förderern von Groß – Chamberlain
und Uexküll - bis 1927, dem Todesjahr von Chamberlain. Nach diesem
hat etwa von Uexküll – sicherlich unter dem Einfluss von
Chamberlain – schon 1920 sehr heftig auf die „Zionistischen
Protokolle“ reagiert. Das hier beschriebene jüdische Komplott sei
in der bolschewistischen Revolution Wirklichkeit geworden. „Ist
Jehova vielleicht selbst der Teufel?“, fragte Uexküll
Chamberlain in einem Brief aus dem Jahr 1921. Und in diesem
Zusammenhang bemerkt die Autorin Harrington dann:
Uexkülls theoretischer Hass auf die
Juden als Gruppe hinderte ihn nicht daran, freundschaftliche
Beziehungen zu besonderen Juden aufzubauen, die er mehr oder weniger
als Ausnahmen von der allgemeinen Regel der jüdisch-deutschen
Umwelt-Unverträglichkeit ansah. Zu diesen Freunden gehörten (…)
die Wagnerianer Felix Groß und Arthur Trebitsch, beide ergebene
Schüler Chamberlains und tragische Beispiele jüdischen
Selbsthasses.
In der dazugehörigen
Anmerkung (ebd., Anm. 131, S. 405f) bezieht sie sich auf das Buch
„Evangelist of race“ von Geoffrey Field aus dem Jahr 1981 über
Chamberlain und ergänzt mit Berufung auf dieses:
Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete Groß
als Uexkülls Forschungsassistent. Er half ihm bei der Fertigstellung
seiner wichtigsten Studien über den Tonus von Wirbellosen.
Aus der Zusammenarbeit
zwischen Uexküll und Felix Groß ging dann auch 1913 eine
Aufsatzsammlung von Uexküll hervor.
Harrington weiter:
Geoffrey Field bemerkt, dass Groß
„Halbjude“ gewesen sei, sich seiner Herkunft aus einer „Mischehe“
geschämt und noch Ende 1933 Traktate über germanische Ideologie
verfasst habe, in denen die Juden aufgefordert wurden, sich an das
heroische teutonische Ideal zu assimilieren. Groß selbst schrieb
über Uexküll in einem Artikel für die konservativen Wagnerianer in
Bayreuth, die forderten, zur goetheschen Auffassung der
Naturwissenschaft als „systematische Kunst“ zurückzukehren.
Aus all dem geht hervor:
Noch 1933 stand Felix Groß ganz auf der Seite der völkischen
Wagnerianer von Bayereuth. Harrington macht dann noch längere
Ausführungen über den zugleich erwähnten blondhaarigen Juden
Arthur Trebitsch,
dem die physische Ähnlichkeit mit Chamberlain wichtig gewesen ist,
und der sich in dessen Todesjahr 1927 das Leben genommen hat.
Der Uexküll-Biograph Florian Mildenberger berichtet 2007 über
Chamberlain:
Zudem empfahl er ihm 1908 den aus Wien
stammenden Biologen Felix Groß (1886-19??) als ersten Assistenten.
Dieser kombinierte erstmals Uexkülls Umweltlehre mit Gedanken Kants.
Hier wird deutlich, wie
unsicher noch heute die Forschung über viele biographische Details
zu Felix Groß ist (Wien?, Biologe?, 1886?). Wichtig aber ist, dass
Felix Groß die Anregung, sich mit Kant zu beschäftigen, von Jakob
von Uexküll erhalten zu haben scheint.
In einer Anmerkung schreibt Mildenberger dazu:
Zudem publizierte Groß ein
populärwissenschaftliches Buch zur Verbreitung der Kantianischen
Philosophie.
Dieser Satz kann der
Breite des in jenen Jahren von Felix Groß über Immanuel Kant
Veröffentlichten und Herausgegebenen nicht gerecht werden. Darunter
Bücher, die bis heute Nachdrucke bei der Wissenschaftlichen
Buchgesellschaft in Darmstadt erfahren. Jakob von Uexküll führte
nun viele Forschungsreisen durch:
Bald schlägt er in Biarritz ein
fliegendes Aquarium auf oder wendet sich nach Monaco und Schloss
Liebenberg in der Mark, um mit seinen Mitarbeitern Felix Groß und
Lothar Tirala den Tonus der Krebsbeine zu erforschen.
In Liebenberg in der
Mark befand sich das Schloss des Fürsten Philipp von Eulenburg
(1847-1921), eines Freundes nicht nur des damaligen Kaisers, sondern
auch des Barons von Uexküll, der deshalb von Uexküll auch in seinen
Erinnerungen vor dem Homosexuellen-Vorwurf, der 1906/07 große Wellen
schlug im Deutschen Reich, in Schutz genommen wird. Immerhin ist
vielleicht von Interesse, dass die Tischrunde auf Schloss Liebenberg
zumindest bis 1907 als ein Homosexuellen-Treffpunkt galt.
Womöglich
hat Felix Groß, der in seinem Hitler-Buch von 1941 so genüsslich
breit über die homosexuellen Neigungen hochstehender
Nationalsozialisten zu erzählten hatte, und der kritisiert wird,
dass er in seiner Cecil-Rhodes-Biographie von 1956 seinem
Hauptprotagonisten ebenfalls Homosexualität unterstellte, auch hier
Erfahrungen mit einem solchen Milieu machen können.
Jakob von Uexküll hatte sich in dieser Zeit um
die Stelle eines Leiters an einem neu geplanten Institut für
Biologie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin-Dahlem beworben.
Ein solches Institut war aber zunächst nicht geplant worden und
deshalb wurden ihm lediglich Gelder für Forschungsreisen bewilligt.
Das bedeutete für seine Assistenten, sich nach
einem anderen Gelderwerb umsehen zu müssen. Über den fast
50-jährigen von Uexküll, der kurz vor 1914 doch noch eine
Professorenstelle bekommen hatte, schreibt Mildenberger:
Die Arbeitsbedingungen gestalteten sich
zunächst allerdings äußerst schwierig. Zum einen waren Uexkülls
frühere Assistenten längst zu anderem Broterwerb gezwungen. Lothar
Tirala hatte sich als Frauenarzt in seiner Heimatstadt Brünn
niedergelassen und Felix Groß verdingte sich als Journalist,
Freizeitphilosoph und Angestellter einer Handelsfirma.
Auch diese Worte
empfindet man wieder als zu wenig ernsthaft gegenüber Groß. Die von
Felix Groß im Jahr 1912 zusammengestellten drei Kant-Biographien
sind immerhin 1968, 1993 und 2012 von der Wissenschaftlichen
Buchgesellschaft Darmstadt nachgedruckt worden.
Auch gab Felix Groß
zusammen mit Chamberlain im Insel-Verlag eine Auswahl der Schriften
Richard Wagners heraus,
sowie weitere Veröffentlichungen über Richard Wagner. Die
Herausgabe von „Immanuel Kant's sämtliche Werke in
sechs Bänden“ durch Groß zog sich von 1912 bis 1921.
Was ihn dabei antrieb, geht hervor aus einer 63-seitigen Schrift
„Kant und wir“ aus dem Jahr 1913, deren Untertitel lautete:
Eine Darstellung der Kantischen
Philosophie als der einzig möglichen Grundlage einer Kultur der
Zukunft, zugleich eine Berichtigung des monistischen und anderer
moderner Kulturideale.
1912 brachte Groß zudem
eine Biographie über den Dichter Matthias Claudius heraus.
1914 bis 1933 – Randständiger Beobachter der
deutschen Aus- und Inlandsspionage?
Zwischen 1914 und 1927
werden von Groß über viele Jahre hinweg zumeist nur noch begonnene
Buchprojekte beendet oder Neuauflagen derselben heraus gebracht. An
diesem Aufhören von neuen Buchveröffentlichungen von Seiten von
Felix Groß wird deutlich erkennbar, dass sich sein beruflicher
Schwerpunkt ab dieser Zeit verschoben hat.
Viele Inhalte seiner Bücher von 1940 und 1941
deuten darauf hin, dass er in irgendeiner Form ein randständiger
Beobachter der Arbeit der Nachrichten-Abteilung des deutschen Großen
Generalstabes unter Walter Nicolai (1873-1947) und dessen
Stellvertreter Friedrich Gempp (1873-1947) gewesen ist. Eine erste
Vorstellung darüber, wie die weitmaschig vernetzt die damalige
deutsche Auslandsspionage gearbeitet hat, erhält man übrigens aus
dem Wikipedia-Artikel zu Mata Hari.
Auch erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass er
ab einem bestimmten Zeitpunkt - in den frühen 1920er Jahren - auch
Beobachtungsaufträge für den ihm gut bekannten Wagner-Kreis in
Bayreuth erhalten hat, zu dessen Politisierung er selbst zwischen
1907 und 1934 mit Buchveröffentlichungen nicht unwesentlich
beigetragen hatte.
Houston Stewart Chamberlain hatte 1908 Eva
Chamberlain geb. Wagner (1867-1942) geheiratet. Sie war die Tochter
von Richard und Cosima Wagner und Schwägerin von Winifred Wagner
(1897-1980), der Ehefrau ihres Bruders Siegfried Wagner (1869-1930),
die dreißig Jahre jünger war als sie. Ebenso wie ihre beiden Männer
begeisterten sich auch Eva Chamberlain und Winifred Wagner sehr früh
für den Nationalsozialismus und für Adolf Hitler. Houston Stewart
Chamberlain und Winifred Wagner lernten Adolf Hitler 1923 bei Helene
Bechstein kennen.
Wenn Groß 1940/41 über einen spiritistischen Kreis rund um Helene
Bechstein schreibt, von dem aus Einfluss genommen worden wäre auf
politische Entscheidungen von Adolf Hitler,
so kann man eine solche Geschichte nicht von vornherein und ohne
Begründung als „aus der Luft gegriffen“ bezeichnen. Schließlich
wird Felix Groß viele Möglichkeiten gehabt haben, davon etwas
mitzubekommen.
Stattdessen wundert man sich ein wenig, warum
dieses Buch von Felix Groß bislang in der zeitgeschichtlichen
Forschung so unbeachtet geblieben ist.
In seinem Hitler-Buch schildert er die okkulten
Beeinflussungen Hitlers sehr detailliert, und zwar einmal durch durch
Magda Goebbels, dann durch einen spiritistischen Kreis um Helene
Bechstein und zum dritten durch Erik Jan Hanussen. Und alle drei
jeweils manipuliert durch andere führende Nationalsozialisten. Sehr
offensichtlich ist Groß – ähnlich wie Hans Bernd Gisevius –
bemüht, die Manipulationsrolle jeweils untereinander
„rivalisierenden“ Nationalsozialisten zuzusprechen. Wobei
auffälligerweise ausgerechnet Hitler alle anderen nicht zu
manipulieren versucht haben soll. Dabei sind diese
Manipulationsversuche doch klar – das ergibt sich schon aus der
Sache selbst - von einem hinter alle diesen „Vordergrundpolitikern“
stehenden Geheimdienst ausgegangen oder mehreren, die nicht zuletzt
durch ihre Kontakte zu Allen Dulles in der Schweiz ihre Traditionen
über die Epochenjahre 1933 und 1945 hinwegretten konnten.
In dem gleichen Londoner Verlag, in dem „Hitler's
Girls“ erschien, war ein Jahr zuvor schon das Buch von
Felix Groß „I Knew Those Spies“ erschienen.
Beiden Bücher werden – etwa - auch in der Biographie „Stephanie
von Hohenlohe - Hitlers jüdische Spionin“ angeführt.
In einem Buch aus dem Jahr 2006 nennt der Historiker William C.
Fuller jr. Felix Groß
one German intelligence professional,
der in seinem Buch „I
Knew Those Spies“ nützliche Hinweise auf deutsche
geheimdienstliche Erfolge in Russland vor 1914 und bis zum Ende des
Ersten Weltkrieges gegeben habe. Felix Groß wird auch zitiert über
die Spionagehysterie in Deutschland bis Ende 1914:
Anyone with black hair or a beard was
arrested as a Russian while whoever appeared in an English-looking
raincoat was brought by a cheering mob to the nearest police station.
Im Leben des
Mitarbeiters der preußischen politischen Polizei Groß wird das
Interesse an Bärten noch einmal eine Rolle spielen (siehe unten),
ebenso wie er auch in seinem nachfolgenden Buch von 1941 über Erik
Jan Hanussen schreibt, dass dieser sich nach der Machtergreifung 1933
auf offener Straße schon allein wegen seiner dunklen Haare in Gefahr
gefühlt hätte. (Was doch jedes mal reichlich unglaubwürdig und
aufgesetzt klingt.)
Seine beiden Bücher erschienen in einem kleinen
Londoner Verlag - Hurst & Blackett -, der 1933 auch eine erste
gekürzte englische Ausgabe von „Mein Kampf“ herausgebracht
hatte.
Über „I Knew Those Spies“
heißt es 1940 in Verlagsanzeigen:
Amazing Revelations of
Secret Services in Wartime-German, French, Russian, English. No story
is so topical today as the spy story, for thousands of aliens are
still in our midst and of these a fairly large proportion must be
considered as secret agents in the pay of Germany. Such at least is
the opinion of Felix Groß, and it is based on first-hand knowledge,
for in the course of his career he has come in contact with most of
the master spies of the last twenty-five years and had excellent
opporunities of observing their technique. Consequently his assembly
of facts makes more enthralling reading than any fiction.
Den Autor Felix Groß
nicht ganz so zu ernst zu nehmen, empfiehlt eine Buchbesprechung der
„Northern Times“ vom 6. Dezember 1941
(auf Seite 5):
The
author, Felix Groß, if you don't take him too seriously, presents a
riot of party intrigue. Goebbels as the match-maker for an apparently
half-wit Fuehrer, who makes love by haranguing his female audience.
Building
on a structure of fact, and rumour, Groß gives you a shorthand
acount of what this and that person said in the desperate intrigue to
get Hitler married - or at least compromised - with beauty and
wealth, ranging from actresses to substantial widows.
There
is Frau Magda Goebbels, who plays handies with Hitler, Leni
Riefenstahl, the film actress, who failed to seduce him, Eva Baun.
Emmy Goering, the former Frau Sonnemann - they race across the pages,
matching their wits against the counter-plots of the party's
fancyboys, Roehm, Ernst and Heines and Co. „I think, boys, in order
to maintain a place in the front line, each of us had better also
acquire a female sweetheart,“ says Roehm. „It's honestly
sickening now to watch this female mass attack on Adolf.“ If you
want a minute to minute newsreel („Wochenschau“) of the private
life of the Fuehrer, „Hitler's Girls, Guns and Gangsters“ is it.
Nun, ein Vergleich
dieser Geschichten mit einer „Wochenschau“ ist nicht richtig.
Richtiger wäre gewesen, den Buchtext bezüglich dieser Inhalte in
Bezug zu setzen zu Charly Chaplins „Der große Diktator“.
Eine genaue Analyse des Buchtextes wie wir sie
unten unternehmen werden, ergibt: Das Buch enthält einesteils
seltene und deshalb keineswegs unwesentliche seriöse und ernsthafte
Aufklärungen Hintergrund-Vorgänge bei der Entstehung des Dritten
Reiches. Diese sind aber andererseits „eingerahmt“ und umgeben
von einer unglaublich krassen Hochstapelei, also von solchen
offensichtlichen Münchenhausen-Geschichten, dass diese eben den
Rezensenten sagen ließen, dass man den Autor über weite Strecken
nicht gar „zu ernst“ nehmen dürfe.
Zu klären bleibt eigentlich nur noch, ob einige
„interessantere“ Behauptungen dieses Buches eher in die
erstgenannte oder in die letztgenannte Kategorie gehören. Außerdem
stellt sich natürlich die Frage: Was waren die Beweggründe für ein
solches krauses Vermischen von ernsthaften Aufklärungen und
burlesken „Münchhausiaden“? Mussten die ernsthaften Botschaften,
die dieses Buch enthält, im Jahr 1941 in England so sehr inmitten
von Lügengeschichten versteckt werden, um überhaupt veröffentlicht
werden zu können? Dies ist der Verdacht, der sich aufdrängt.
Allerdings bleibt dann immer noch die Frage zu klären, ob die
wenigen wertvollen Botschaften es wert gewesen waren, in eine solche
Fülle von Nazi-Burlesken verpackt zu werden. Oder war Felix Groß
einfach ein früher Drehbuchschreiber für all die oft nur allzu
hohlen „Anti-Nazi-“Spielfilme, die Hollywood seither in vielen
Jahrzehnten produzieren sollte?
1928 - Verlagsgründung in Wien
Im Adressbuch des
deutschen Buchhandels von 1931 ist Dr. Felix Groß verzeichnet als
Inhaber des „Frohe Zukunft Verlag“ in Wien mit den Angaben:
Wien VII, Karl Schweighofer-Gasse 3,
gegründet 1928, Auslieferung nur in Leipzig.
Wahrscheinlich ist die
Auslieferung erfolgt über den F. K. Koehler Verlag in Leipzig (wie
es Antiquariatsangaben andeuten). Soweit übersehbar, bringt er in
seinem Verlag nur seine eigenen Bücher heraus. 1928 erscheint die
32-seitige Schrift „Aus einem Zimmer drei machen“, die in
einer Architekten-Fachzeitschrift rezensiert wird:
Mit Raumnot haben 80 % unserer
Bevölkerung zu tun, weil es finanziell sehr schwer ist, sich für
jede Beschäftigungsart einen eigenen Raum zu schaffen und weil es
unserem Rationalitätsempfinden widerspricht, solche Raumwerte dann
nur mit 5, 10 ...
Über sein „Die
Erlösung des Judentums, abgeleitet aus seiner weltgeschichtlichen
Mission“ heißt es 1932 in einer Kurzvorstellung:
Vier Jahrtausende jüdischer Geschichte
werden in knappester, aber treffender Darstellung mit dem Ergebnis
aufgezeigt, dass die schickalhafte Verbindung zweier
grundverschiedener Menschenstämme durch Christus erfolgt.
Über sein
Jesus-Christus-Buch schreibt 2011 der christliche Wiener Autor David
Leitha:
Während der ersten Seiten fiel mir
sofort auf, dass es sich um das Buch eines sehr gläubigen, aber auch
realistisch denkenden Menschen handelte. Da auch ich meinen Glaube in
Form von innerer Motivation im Gebet, innerer Freude und innerer
Genügsamkeit, als auch in Form von Hilfsbereitschaft nach außen,
Toleranz und Entgegenkommen anderen Menschen gegenüber, sowie
Bekunden und Bekennen von persönlichen Heilserlebnissen, täglich
lebe und erlebe, war ich sehr erfreut über den Inhalt des Werkes.
1933 – Emigration nach Kapstadt
Im Katalog der Deutschen
Nationalbibliothek ist zu Felix Groß verzeichnet:
Geboren in Leipzig, gestorben in Cape
Town (1933 Emigration nach Südafrika); Journalist und
Schriftsteller.
Nach 1933 oder 1934 hat
Felix Groß also in Kapstadt in Südafrika gelebt. Auf dem schmalen,
exotischen Landstrich zwischen wilder Meeresküste und Tafelberg in
jener Stadt, die der niederländische Schiffsarzt Jan van Riebeeck
(1619- 1677) im Jahr 1652 gegründet hatte.
Von dort aus veröffentlichte Felix Groß etwa
am 17. Januar 1938 einen kleinen Artikel über Heilmethoden in
Westafrika in der Zeitschrift „Life“,
unterzeichnet mit „Felix Groß, Cape Town South
Africa“.
Noch während des Zweiten Weltkrieges brachte er
ein Buch heraus über den deutschen Lebemann Fürst Pückler, in dem
seine Affäre mit der Opernsängerin Henriette Sontag besonderen Raum
einnimmt.
Womöglich hat er sich auch mit der Frage des
Föderalismus in Osteuropa beschäftigt, was, vorausgesetzt Felix
Groß war Wiener, von seiner Herkunft auch naheliegend hätte sein
können.
Am 17. Oktober 1947 erschien von ihm in der
Zeitschrift „Spotlight“ ein Artikel
über den Wagner-Dirigenten Albert Coates.
In seinem Buch „Rhodes of
Africa“ von 1956 bedankt sich Felix Groß bei einer
Tochter.
Über diese Biographie heißt es in einem Buch über den Burenkrieg
aus dem Jahr 2000:
Gross' biography is
superficial and some times seems unfounded, as when he bases
arguments on the assertion that Rhodes was homosexual. Overall it is
one of the most critical.
Mit der Homosexualität ist Felix Groß ja auch
in seinem Buch von 1941 umfangreicher befasst (siehe unten). Zu dem
letzten Satz des Zitats passt übrigens, dass Reginald Reynolds
(1905-1958), ein politisch linksstehender Kritiker der britischen
Kriegs- und Kolonialpolitik, der 1949 ein Buch über Bärte
herausbrachte, 1955 in einem weiteren Buch über einen Besuch bei
Felix Groß schrieb:
At Riebeeck Square I found
the offices of Dr. Felix Gross. We had not met before, but he had
written to me originally as a „fan“ after I wrote „Beards“.
He was no ordinary fan. (…) Like Felix Groß with the Kenya
settlers, I had been inclined, up to that time, to ...
Felix Groß wird 1982
auch in einer Geschichte des „Owl Club“
in Kapstadt als ein prominenter Journalist erwähnt - sicherlich als
ein Mitglied dieses kulturell und literarisch ausgerichteten
Männerclubs:
Dr. Felix Gross, prominent as a
journalist.
Das Buch „Hitler's
Girls, Guns and Gangsters“ von 1941
„Loge heißt du,
doch nenn' ich dich Lüge!“
(Wotan in
Richard Wagners „Rheingold“,
Kapitel 2,
3. Szene)
1939 bis 1943 – Westliche Hitler-Deutungen
So wie es während des
Kalten Krieges eine „Kreml-Astrologie“ gegeben hat, ein
Rätselraten um die jeweiligen Absichten und Ziele der
Kreml-Herrscher, so gab es zwischen 1939 und 1943 in den westlichen
Demokratien öffentlich und intern ein Rätselraten um das Phänomen
Adolf Hitler. Es bestand ein Bedürfnis, seine Psychologie zu
verstehen. Es war das auf Seiten des westlichen Auslandes auch Teil
der psychologischen Kriegsführung, dieses Bedürfnis zu stillen. Wir
kennen das auch aus unserer Zeit. So wie während des Irakkrieges das
Bedürfnis der Öffentlichkeit gestillt werden musste, mehr über
Saddam Hussein zu erfahren, so musste zwischen 1939 und 1943 das
Bedürfnis der Öffentlichkeit gestillt werden, mehr über Adolf
Hitler zu erfahren. Und so wie während des Irakkrieges das Bild, das
von Saddam Hussein in der Öffentlichkeit gegeben wurde, natürlich
kräftig mitbestimmt war von den starken Emotionen, von denen Kriege
begleitet zu sein pflegen (zumindest seit Beginn des 20.
Jahrhunderts) und so wie deshalb mehr Stereotypen gezeichnet wurden,
Klischees verbreitet wurden, holzschnittartige Darstellungen gegeben
wurden als ausgewogene, differenzierte Berichte, so war um 1940 auch
das Bild, das von Adolf Hitler gezeichnet wurde, von solchen
Emotionen und Gefühlslagen mitbestimmt und von dem, was man in ihm
sehen wollte.
Um dieses Bedürfnis zu stillen, erschienen im
Dezember 1939 in Frankreich und England - und im Januar 1940 in den
USA und in der Schweiz - Hermann Rauschnings „Gespräche
mit Hitler“.
Auffallenderweise gab es im westlichen Ausland
spätestens seit 1939 auch ein größeres Interesse, möglichst viele
Details – oder auch fröhliche Spekulationen - über Adolf Hitlers
Privatleben und über sein Verhältnis zu Frauen lesen zu können. Um
so weniger darüber an sicherem Wissen bekannt war, um so mehr
konnten die Spekulationen ins Kraut schießen. Unbedeutendste
Hinweise und Anhaltspunkte zu diesem Thema konnten zu großartigen
Geschichten aufgebauscht werden. Es scheint das geradezu eine
Modeerscheinung gewesen zu sein, die es sicherlich wert wäre, noch
einmal in ihrem Umfang, in ihren Ursachen und Zielrichtungen genauer
zu erforschen. Denn Felix Gross hat sich mit seinem Buch kräftig
daran beteiligt.
Nicht zuletzt auf der Welle der damals modernen
Psychoanalyse glaubte man womöglich, das Phänomen Hitler noch am
ehesten durch eine bei ihm vorliegende etwaig reichlich verkrampfte
Haltung gegenüber Frauen „erklären“ zu können.
Auch gab es natürlich immer ein Interesse an
Spionagegeschichten aller Art. Ebenso war Raunen über okkulte
Hintergründe, über Geldgeber Hitlers, über Intrigen und
persönliche Rivalitäten zwischen den Führern des Dritten Reiches
willkommen. Um so gruseliger und verrückter, um so besser, schien
das Motto zu sein. Nur ein Menschen, die sich auch privat und
untereinander wie unerklärliche Monster verhielten, glaubte man als
verantwortlich hinstellen zu können für all das, für das
Deutschland damals in den westlichen Demokratien stand. Und im Grunde
wissen wir bis heute nicht, ob an dieser Unterstellung nicht doch
zumindest ein Zipfelchen Wahrheit ist. Womöglich erst seit dem
Eichmann-Prozess in Jerusalem im Jahr 1960 war auch die These möglich
von der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt). Bis dahin
jedenfalls durfte das Böse, das sich im Dritten Reich verkörperte,
keinesfalls banal sein. Und Felix Groß gab sich sicherlich alle
Mühe, es als nicht gar zu banal darzustellen.
Der Historiker Ron Rosenbaum ist den Bedürfnissen,
denen solche Darstellungen um 1940 zugrunde lagen, schon 1999 in
seinem „Explaining Hitler“, das auf
Deutsch unter dem Titel „Die Hitler-Debatte“
erschienen ist, nachgegangen. Über dieses Buch heißt es
in der bis dato bestbewerteten Leserrezension auf Amazon:
Explaining Hitler is a
misleading title, for the focus is primarily on the Jewish academic
community's attempts to explain Hitler - to put it in grossly
oversimplified terms, this is somewhat like the prey explaining the
motivations of the predator. The result is that, while Hitler remains
a mystery, the academic and personal biases of the explainers are
revealed. To each person's theories and comments Rosenbaum adds his
own analysis, finding the flaws with precision.
Rosenbaum erwähnt in
seinem Buch kurz auch das Hitler-Buch von Felix Gross, aber er setzt
sich nicht ausführlicher damit auseinander. Jedenfalls scheint es
nicht außerhalb der Absichten der westlichen psychologischen
Kriegsführung gelegen zu haben, Hitler und das Dritte Reich gerne
auch operettenhaft aufgedonnert darzustellen. Kritiker der
Kriegsteilnahme Großbritanniens gab es in der Öffentlichkeit nach
1939 kaum. Es ging also weniger darum, überhaupt ernsthafter nach
den wahren Absichten Hitlers zu fragen, sondern einfach viel und
operettenhaft über ihn zu reden, ihn zum Thema zu machen, aber
niemals gar zu ernsthaft. So passte Charly Chaplin's „Der
große Diktator“ sicher gut in das Konzept der
psychologischen Kriegsführung oder auch die zahlreichen
Spekulationen von „I was Hitler's Maid“,
das 1940 erschien und in viele Sprachen übersetzt wurde, und von der
unverheirateten Astrologin Margarethe Kistner, die in Hitlers Haus in
Berchtesgaden wohnte, ausführlich zu berichten wusste. Auch ihre
Geschichte schmückt Felix Gross in einem Buch übrigens bunt aus.
Und so kann man sich denn auch die Entstehung
vieler solcher Veröffentlichungen erklären, eben auch „Hitler's
Girls, Guns and Gangsters“. Nämlich immer ähnlich der
Entstehung von Hermann Rauschnings „Gespräche mit
Hitler“. Über letztere heißt es heute auf Wikipedia:
Rauschning selbst hatte Hitler
tatsächlich nur etwa vier Mal getroffen und nie in einem
Einzelgespräch. So erfand Rauschning wenig konkrete Zeitangaben und
Orte und teilte seine wenigen persönlichen Erfahrungen um ein
Vielfaches auf. Weitere Anregungen entnahm er Berichten von
Bekannten, den Braunbüchern und der Tagespresse, sowie einigen
Sitzungen, an denen er in seiner Funktion als Senatspräsident
teilnahm. Der damals mittellose Rauschning bekam einen Vorschuss von
etwa 125.000 Franc.
Das heißt: Jeweils
wurde ein „Zipfelchen“ von Wahrheit oder das, was man dafür
hielt – etwas selbst Erlebtes, etwas, was man erzählt bekommen
hatte oder etwas Gelesenes – genommen und dieses „Zipfelchen“
von Wahrheit wurde dann gerne und reichhaltig ausgesponnen zu einer
Geschichte, „wie es hat gewesen sein können“ aber keinesfalls zu
der Geschichte, wie es tatsächlich gewesen ist. Obwohl letzteres
behauptet wurde. Und dies tat eben im Jahr 1941 auch der Journalist
deutsch-jüdischer Herkunft Felix Gross.
Eine in der Forschung gut bekannte psychologische
Studie über Adolf Hitler, die der Psychoanalytiker Walter Langer
(1899-1981) 1943 für den amerikanischen Geheimdienst erarbeitete,
und die 1972 als Buch heraus kam („The Mind of
Adolf Hitler - The Secret Wartime Report“), auf Deutsch
unter dem Titel „Das Adolf-Hitler-Psychogramm“,
hatte zahlreichst verfügbare Quellen zusammengetragen, ausgewertet
und zitiert, darunter auch das Buch des vormaligen deutschen
Geheimdienstmitarbeiters Felix Gross aus dem Jahr 1941.
Dessen Buch nennt der Historiker Ron Rosenbaum in
Auseinandersetzung mit dieser Walter Langer-Studie und ihren
Mutmaßungen zum Tod von Geli Raubal und ihres Liebhabers Baumann
(eigene Übersetzung:)
das ziemlich verdächtig klingende, Boulevard-angehauchte Buch von
1940 von einem Felix Groß mit dem Titel „Hitler's Guns, Girls and
Gangsters“, das der OSS-Analyst pflichtgemäß (und ausführlich)
zitiert. Groß zitiert natürlich die gewöhnlichen verdächtigten
Quellen wie Otto Strasser und ergänzt weiter das – wenn es wahr
ist – schaurige Detail, dass der misshandelte Körper des
unglücklichen Baumann weggeworfen in den Straßen gefunden wurde,
tot, nur wenige Tage nachdem Hitler die Kanzlerschaft übernommen
hatte. Ein anderes, ziemlich nutzloses Gerücht, so scheint es.
(Original:)
the fairly suspect-sounding tabloid-tinged 1940 book by one Felix
Gross entitled Hitler's Guns, Girls and Gangsters, which the OSS
analyst duly (and heavily) excerpts. Gross, of course, cites the
usual suspect sources like Otto Strasser, and further appends the
chilling (if true) detail that the „mutilated body“ of the
hapless Baumann was found dumped in the street, dead, just days after
Hitler's 1933 accession to the chancellorship. Another fairly useless
rumor, it appeared.
Es würde sicher gut zum
Inhalt dieses Buches von Felix Gross passen, wenn die einzelnen
Kapitel zuvor in einer Tageszeitung oder in einem Magazin zum
Vorabdruck gekommen wären. Es scheint, als wären sie ursprünglich
überhaupt nur für diese Form der Veröffentlichung recht zügig,
schnell und unbedacht dahin geschrieben worden. Scheinbar nicht
zuletzt auch, um einfach nur Zeilen zu füllen.
Oft hat man das Gefühl, dass Gross sich einfach
sehr gut hineinzuversetzen wusste in das, was die britische
Leserschaft – oder ein mächtiger britischer Zeitungsboss - damals
erwartete, was über Hitler und Deutschland geschrieben werden
sollte, als dass er hier wirklich sein eigenes Deutschlandbild
wiedergegeben hätte als jemand, der nun einmal die ersten vier
Jahrzehnte seines Lebens in Deutschland verbracht hatte und sich mit
diesem Deutschland deshalb doch noch irgendwie verbunden fühlen
musste. Dieser Eindruck irritiert oft sehr stark. Wie kann er etwa
über Friedrich Ebert schreiben (S. 120):
An dem Eichentisch, an dem der frühere
Sattler nun saß und versuchte, Deutschland vor dem Chaos zu retten,
hatten zuvor sieben Reichskanzler gesessen und die Befehle eines
neurotischen, Nero-ähnlichen, megalomanischen Kaisers ausgeführt.
Felix Groß wusste doch
genau, dass eine solche Kennzeichnung des Kaisers plumpe britische
Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges gewesen war. War er so auf
den Hund gekommen, dass er für die paar Schillinge, die er für
diese Zeilen bekam, derart seine Seele verkaufte? Hatte Felix Groß,
ein Autor, der einstmals über Wahrheitssucher wie Immanuel Kant oder
Jakob von Uexküll doch nichts Unwesentliches zu sagen hatte, es etwa
nötig, sich so unter Wert zu verkaufen? Hatte er es nötig, all das
zu verraten, für das er einst gestanden war?
Das ist das zutiefst Irritierende an diesem Buch.
Noch nicht einmal mehr der „Sattler“ Friedrich Ebert genießt
letztlich den Respekt und die Anerkennung des Felix Groß. Was bleibt
dann überhaupt noch übrig?
Die Angabe seines Buches, dass es einen okkulten
Zirkel rund um Helene Bechstein gegeben hat, findet sich sonst,
soweit übersehbar, bisher nirgendwo in der zeitgenössischen oder
Forschungsliteratur. Wenn es aber nun ein Dietrich Eckart war, der
die Bekanntschaft zwischen Helene Bechstein und Adolf Hitler
hergestellt hat, dessen vielfältige okkulte Interessen etwa in
unveröffentlichten Manuskriptteilen von Alfred Rosenberg's
Eckart-Buch geschildert werden, brauchen okkulte Interessen auch auf
Seiten von Helene Bechstein keineswegs von vornherein als
ausgeschlossen gelten. Und warum sollte ein Felix Groß, in jener
Zeit ein bekannter Wagner-Anhänger wie Helene Bechstein, zugleich
Mitarbeiter eines deutschen oder österreichischen Spionagedienstes,
von ihren okkulten Interessen nichts erfahren haben?
Was bezweckt Felix Gross damit, dass er nicht
(nur) einen sachlichen Bericht gab über das, was er aus dem
persönlichen Umfeld von Adolf Hitler wusste – oder zu wissen
behauptete - sondern aus all dem nur allzu oft eine groteske,
burleske „Komödie“ machte und sehr plumpe Erwartungen eines
britischen Lesepublikums und britischer Zeitungsmacher bediente?
In dem Buch wird Hitler privat immer wieder als
ein weinerlicher Mensch dargestellt, als ein weichlicher, läppischer,
ja, womöglich gleichgültiger Liebhaber, der sich zudem überaus
linkisch gegenüber Frauen verhalten hätte, insbesondere dann, wenn
er mit diesen allein gewesen wäre. Man fragt sich ständig: Warum
das alles? Wie kann ein Vertreter der Philosophie Kants und von
Uexkülls an all solchen Dingen überhaupt so viel Interesse haben?
Es handelt sich also gerade um der Vorgeschichte
des Autors willen um ein sehr ungewöhnliches Buch.
War die Schauspielerin Renate Müller eine Geliebte
Adolf Hitlers?
Aber nachdem man sich
durch eine großen Haufen von haarsträubenden Geschichten hindurch
gekämpft hat über „Hitler's Girls“, die einem zumeist
unglaubhaft erscheinen und aus der heute vorherrschenden Sichtweise
der „Banalität des Bösen“ allzu oft auch erscheinen müssen,
wird fast gegen Ende des Buches von Felix Gross der Fall der
deutschen Filmschauspielerin Renate Müller (1906-1937) gebracht, der
einem zuvor gar nicht bekannt war. Und indem man ihm hinterher
recherchiert, stößt man darauf, dass Gross diesen Fall in seinem
Buch wohl weitgehend richtig dargestellt hat. Auffallenderweise
erzählt er den Fall von Renate Müller in diesem Buch gar nicht zu
Ende.
Hatte er also womöglich an eine Fortsetzung
dieses Buches gedacht? Jedenfalls wird einem an dieser Stelle dann
plötzlich bewusst, dass eigentlich alle Geschichten von Felix Gross
über „Hitler's Girls“ irgendwie dem Strickmuster dieser
Geschichte der Renate Müller folgen. So als wäre der Fall von
Renate Müller überhaupt der Ausgangspunkt von Gross gewesen, auch
sonst über „Hitler's Girls“ zu mutmaßen. Und dann wird einem
zumindest wesentlich leichter nachvollziehbarer, wie Gross überhaupt
dazu kommen konnte, dieses Buch zu schreiben.
Über Hitlers Verhältnis zu Frauen hatte man ja
in vielen Punkten bis 1940 noch längst nicht so viel Sicherheit wie
heute. Dass etwa Leni Riefenstahl eine Affäre mit Hitler oder
Goebbels gehabt haben könnte, wird durch ihre sehr offene und sehr
ehrliche, nach dem Krieg erschienene Autobiographie wohl ziemlich
endgültig ins Reich der Fabel verwiesen. Doch 1940/41 konnte man
womöglich diesbezüglich mit manchem Recht ebenso seine Phantasie
schweifen lassen, wie dies noch heute die Boulevardblätter bezüglich
aller möglicher Stars und Sternchen tun, über deren Privatleben sie
eigentlich gar nichts Genaues wissen.
Und wenn im Dritten Reich ein solcher Fall wie
Renate Müller möglich war, dann, so möchte man sagen, wird man –
letztlich – auch fast alle Geschichten des Felix Groß wenigstens
für denkbar halten müssen.
Auch drängt sich nach längerer Beschäftigung
der Eindruck auf, dass Groß für viele seiner Erzählungen den
Ausgangspunkt genommen hat von Presseberichten oder
Buchveröffentlichungen (siehe seine Darstellungen zu Renate Müller,
Margarethe Kirstner). Und so wäre es naheliegend anzunehmen, dass
auch bei jenen Erzählungen, für die einem bislang keine anderen
Presseberichte oder Buchveröffentlichungen bekannt sind (etwa zu
Helene Bechstein), derartige Quellen – ob zuverlässig oder nicht -
der Ausgangspunkt für die Erzählungen von Gross gewesen sein
können.
Womöglich war es also um 1940 auch einfach eine
Modeerscheinung, nicht nur Bücher über Adolf Hitler herauszubringen
(siehe Hermann Rauschning), sondern insbesondere auch über Hitlers
Verhältnis zu Frauen. So war ja am 15. Juni 1940 auch ein Bericht
von Pauline Kohler – unter anderem über Hitlers Beziehung zu
Renate Müller - erschienen48.
1. Kapitel: Hitler „muss“ heiraten
Das erste Kapitel
handelt von der Geldknappheit der NSDAP im Jahr 1931, dann davon,
dass Geli Raubal unsterblich in Hitler verliebt gewesen wäre, dieser
die Liebe aber nicht erwidert hätte, woraus sich von beiden Seiten
eine Art Hassliebe aufeinander entwickelt hätte:
The more enamored she became
of him, the more cruelly he treated her. (…) With perverted cruelty
Hitler kept Angela Raubal like a prisoner, yet took no notice of her,
her devotion to him and her suffering. (…) His persecution mania
(…) made Hitler suspect his niece of having joined a plot against
his life.
Deshalb habe Hitler nur
noch selten in seiner Wohnung gegessen und geschlafen. Dann munkelt
Groß:
What actually happened
between Hitler and Geli in the last days of September, 1931, will
never be known.
Diese Munkelei steht
aber dann in allzu konfusem Kontrast zu seiner detaillierten
Schilderung der Ermordung Geli Raubals im Auftrag von Himmler und
Heydrich im 3. Kapitel (siehe gleich).
Als Hitler wegen Geli Raubal immer verrückter
geworden sei, habe ein „innerer Zirkel“ der Partei beschlossen
(nun, dabei kann es sich auch um eine satanismusnahe Loge gehandelt
haben), dass Putzi Hanfstaengl für Ablenkung sorgen solle. Im Haus
von Hanfstaengl hätte Hitler dann Putzi's Schwester Erna
kennengelernt und sich heftig in sie verliebt. Diese habe die Liebe
aber nicht erwidert, sondern nicht wenig später dem Professor
Sauerbruch zugewendet.
Kommentar: Dass es eine Liebe Hitlers zu Erna
Hanfstaengl gegeben hat, wird in der Literatur nicht ausgeschlossen.
In einem Tischgespräch vom 25. Januar 1942 erwähnt Hitler die
Schönheit Erna Hanfstaengls und die ihrer Mutter.
Hitler war ja schon nach dem mitßglückten 9. November 1923 in das
Haus von Putzi Hanfstaengl geflüchtet und hatte sich dort versteckt
gehalten. Und dort war auch Erna Hanfstaengl anwesend.
Gross sucht in seinem Buch quasi den Eindruck zu
erwecken, als wäre das Hauptproblem in der Zeit vor 1934 in der
NSDAP Hitlers Verhältnis zu Frauen gewesen, und als hätten sich
alle möglichen Leute mit allen möglichen Motiven darüber Gedanken
gemacht, wie darauf Einfluss zu nehmen sei und was für Folgen aus
dem jeweiligen Verhältnis zu erwarten seien. Als Motive auf Seiten
der „Rivalen“ Hitlers werden von Gross Erwägungen genannt und
unterstellt wie: Finanzierung der NSDAP durch „reiche“ Heirat,
„Ruhigstellen“ Hitlers durch eine Beziehung, bzw. Gefahr der
Ruhigstellung, Verbürgerlichung Hitlers durch eine Beziehung und so
weiter und so fort.
All das wirkt ziemlich überzogen und aufgesetzt,
geradezu komödienhaft. Aber man fragt sich natürlich auch, warum
Gross meinte, diese Dinge so darstellen zu müssen, von denen doch
gerade er besser als viele andere hätte wissen müssen, dass das
alles zumindest so platt nicht gewesen ist.
Um die Finanzprobleme der Partei zu lösen, seien
dann mehrere darauf gekommen, dass Hitler Winifred Wagner
(1897-1980), die reiche Witwe Siegfried Wagners, heiraten sollte.
Kommentar: Tatsächlich heißt es auf Wikipedia:
1933 kursierten Gerüchte, eine
Eheschließung zwischen Hitler und Winifred Wagner stehe bevor.
Dann wird von einer
Konkurrenz zwischen Himmler und Heydrich gegen Goebbels gesprochen,
in deren Verlauf die beiden ersteren ein Gespräch zwischen Goebbels
und dem Grafen Helldorf abgehört hätten, in dem ebenfalls diese
Heiratspläne besprochen worden seien. Und zur Durchführung
derselben hätten sie nun den Hellseher Hanussen gewonnen, so lässt
Gross Heydrich an Himmler berichten (S. 24f):
„Everything has already
been prepared to work with machine-like precision. They – Dr.
Goebbels and Count Helldorf – have now secured the services of that
dangerous charlatan, Eric Hanussen ...“
So endet das Kapitel I.
2. Kapitel: Der Hellseher Hanussen
Das Kapitel II gibt dann
über viele Seiten hinweg einen ausführlichen Bericht über das
Leben von Erik Jan Hanussen seit dessen Zeit im Ersten Weltkrieg (S.
26-40). In dem Kapitel heißt es dann (S. 33; Hervorh. n. i. Orig.):
Was ihn am meisten interessierte, waren
die ausgezeichneten Geschäftsperspektiven, die sich ihm im Umfeld
der Nazis eröffneten. Gemäß zuverlässiger Auskünfte waren
alle hohen Nazi-Führer, einschließlich Hitler, gläubige Anhänger
der Astrologie. (…) Herr Hitler, Göring, sogar der zynische Röhm,
alle konsultierten regelmäßig Horoskope. Der Boden war deshalb gut
bereitet für die okkulten Aktivitäten von Hanussen. Es blieb
nur die Schwierigkeit, Zugang zum inneren Nazi-Zirkel zu bekommen.
(…) Die Bekanntschaft mit Graf Helldorf war deshalb ein Glücksfalls
für Hanussen.
(Original:) What interested
him most, were the excellent business prospects open to him in the
Nazi field. According to reliable information, all the high Nazi
officials, Hitler included, were faithful adherents of astrology.
Herr Rosenberg had proclaimed the consultation of the stars an old
Teutonic custom. Sceptics he had silenced by pointing out that their
greatest authority, Goethe, had started his autobiography with a
detailed description of the heavens at the time of his birth. Herr
Hitler, Goering, even the cynic Roehm, all consulted horoscopes
regularly.
The
ground was thus already prepared for Hanussen's occult activities.
There remained only the difficulty of gaining access to the inner
Nazi circle. (…) Count Helldorf's acquaintance, therefore, came as
a godsend to Hanussen.
Kommentar: Dass die hier
getroffene Behauptung über Röhm stimmte, wird in meinem Buch
„Hitler und die Astrologen“ hinreichend aufgezeigt anhand seiner
Kontakte zu dem Astrologen Karl-Günther Heimsoth (1899-1934).
Hanussen, so Gross, habe über seine zahlreichen
von ihm bezahlten Mädchen in Berlin über ein Spitzelsystem verfügt,
über das er viele Informationen erhielt, die er dann einsetzte, um
seine zweifelnden Kunden - hier den Grafen Helldorf - von seinen
„Künsten“ zu überzeugen. Dem Grafen Helldorf sagte er, er hätte
(über Fernwahrnehmung) „gesehen“, dass er sich mit Rudolf Diels
getroffen hätte (ebd. S. 34f), damals – wie Gross? - leitender
Mitarbeiter der preußischen politischen Polizei unter dem
preußischen Innenminister Severing, später Gründer der daraus
hervorgegangenen Gestapo. Das habe Helldorf aus dem seelischen
Gleichgewicht gebracht und ihn zur Zusammenarbeit mit Hanussen
verleitet. Das darauf folgende Gespräch habe dann folgenden Verlauf
gehabt, Helldorf (ebd., S. 38):
„Der Führer ist
verrückt nach Astrologie. Seit den Tagen in München hat er immer
Horoskope konsultiert, bevor er wichtige Entscheidungen traf..
(…) Unglücklicherweise überzeugten ihn seine Sternengucker, dass
der 8. November genau der Tag wäre, an dem Mars günstig und Saturn
freundlich geneigt wären. Alles war für den 10. vorbereitet. Aber
Hitler kümmerte sich nicht darum. Er glaubte mehr an die Macht der
Sterne.“
(Original:)
„You must put your divine powers at the service of the Party as you
say. You must assist our Führer by your prophecies and - -“
„I'm
affraid that Herr Hitler will not listen to the predictions of a
stranger, and a foreigner at that.“
„This
you can leave to me and my friends. Der Führer is crazy about
astrology. Since his days in Munich he has always consulted his
horoscope before taking any important decisions. For this reason
we have often missed good opportunities as in the opinion of his
astrologers the constellations were against him, and we had to wait.
I suppose those stargazing chaps didn't know their job. Or sometimes
we jumped off too early for the same reason. The Munich Putsch in
1923 would have succeed had Hitler only waited a day or two until
everything was properly prepared. But unfortunately his star-peepers
persuaded him that November 8th was just the day as Mars
was favourable and Saturn kindly inclined. Everything had been
prepared for the 10th. But Hitler did not care. He
believed more in the power of the stars.“
A pact
was sealed between Herr Hanussen and Count Helldorf. The great
magician was to put his wealth, his organization, and his powers at
the disposal of the Party. His reward he could find when the Nazis
had seized power in the coming Third Reich.
Kommentar: Diese
Ausführungen würden gut zu anderen Ausführungen passen, nach denen
Hitler auch die Angriffstermine im Westen 1940 und Osten 1941 mit
Astrologen abgestimmt haben soll (siehe „Hitler und die
Astrologen“).
3. Kapitel: Der Tod Geli Raubals (18. September
1931)
Die „Story“: Am
Anfang des 3. Kapitels fragt Heydrich Himmler (eig. Übersetz.):
Sollen wir diesen Hanussen ermorden?
Und Gross lässt Himmler
antworten:
„Mein lieber
Heydrich, Sie dürfen nicht vergessen: Tote erzählen keine
Geschichten mehr. Aber ein lebender Hanussen wird uns noch einige
interessante Geschichten zu erzählen haben über seine Freunde Röhm,
Goebbels und Helldorf. Lassen wir Goebbels seinen Krieg mit den
Strassers ausfechten. Der Führer hat es so angeordnet. Indem sie
einander auszustechen versuchen und die Gunst des Führers zu
gewinnen versuchen, denke ich, leisten sie mehr für die Partei, als
wenn sie in Harmonie arbeiten würden. Es ist auch für uns
persönlich viel sicherer. Irgendwelche anderen Neuigkeiten?“
„Unser Agent in
Luzern, der Erna Hanfstaengl beschattet, berichtet, dass dort gestern
Abend Frau Hanfstaengl eine Gesellschaft abgehalten hat, um die
Verlobung ihrer Tochter mit dem berühmten Münchner Chirurgen,
Professor Sauerbruch, zu feiern.“
Das Kapitel schildert
dann die Ermordung von Geli Raubal. Ohne jede weitere Motivierung
sagt Gross:
Nach langer Diskussion wurde beschlossen,
dass Himmler mit der Aufgabe betraut werden sollte, Geli zu
„erledigen“.
Merkwürdiger- oder
auffallenderweise setzen diese Worte kein Hierarchiegefälle zwischen
Himmler und Heydrich voraus. Beide besprechen dann den Plan der
Ermordung von Geli. Himmler und Heydrich werden dabei so dargestellt,
als wären sie schon im Besitz der Macht und als verfügten sie über
den Staatsapparat. Himmler verfügt etwa über Knöpfe an seinem
Schreibtisch, mit denen er eine Warnung an seiner Tür einschalten
kann. Auch entsteht der Eindruck, als ob beide in ihrer Arbeit schon
seit Jahren bestens aufeinander eingespielt wären. Der Mord sollte -
wenn nötig - nach Betäubung durch Chloroform stattfinden und dann
als Selbstmord getarnt werden. Durchführen sollte ihn ein „Werner“
unter Hilfe von einem „Franz“:
„Der Distriktarzt ist auch einer der
unseren.“ (…) „Und was ist mit dem Führer?“ „Er wird
nichts damit zu tun haben.“
Kommentar: Erst am 30.
April 1931 war Heydrich unehrenhaft aus der Marine entlassen worden
und erst im August 1931 hatte er sich erstmals Himmler vorgestellt.
Der Beginn der geheimdienstlichen Tätigkeit von Heydrich in München
wird nach allen sonstigen Zeugnissen - Lina Heydrich etc. - als
äußerst einfach und spartanisch dargestellt, mit spärlichster
Personal- und Sachausstattung. Natürlich - diese Darstellungen
könnten auch der für Geheimdienste immer so wichtigen
„Legenden“-Bildung gedient haben.
Andere oder ergänzende Version: Gross versucht
hier 1941 - wie 1946 Gisevius – öffentlich gut bekannten Figuren
wie Himmler und Heydrich das zu unterschieben, was ein weniger
bekannter, aber eben tatsächlich gut ausgestatteter
„Schatten-Geheimdienst“ damals tatsächlich in Szene gesetzt hat.
Und warum sollte Gross diesem „Schatten-Geheimdienst“ nicht
zumindest ähnlich nahegestanden haben wie Gisevius?
Die ganze Deutung des Falles von Geli Raubal durch
Gross – unerwiderte (Hass-)Liebe zwischen Hitler und Geli, weder
Selbstmord, noch Mord durch Hitler - klingt so ungewöhnlich, aber
zugleich auch psychologisch durchaus in ein Gesamtbild passend, und
in der Sache selbst nicht ohne gar zu auffällige Widersprüche zu
sonst bekannten Tatsachen, dass sie schon deshalb womöglich mancher
Beachtung wert sein könnte.
Dabei brauchen die durch Gross angedeuteten
reichlich phantastischen Motivierungen – wie auch sonst – nicht
weiter beachtet werden. Die Motive könnten – wie auch sonst häufig
- im okkult-satanistischen Bereich gelegen haben und Hitler könnte
der Tod Geli Raubals - aus „den und den Gründen“ - vorausgesagt
worden sein, so dass er ihn willig und widerspruchslos hingenommen
haben könnte.
Gross lässt Himmler dann die Nachricht vom Tod
Geli's an Hitler in Berchtesgaden überbringen (S. 44f), wobei er
Hitler ohne jede Anteilnahme auf diese Nachricht reagieren lässt.
Hitler
gab vor, an ihren Selbstmord zu glauben
und drückte sein Missfallen aus über ein Mädchen katholischen
Glaubens, das sich das Leben nimmt.
Damit lässt Gross
Hitler die wahren Zusammenhänge durchaus erahnen. Gerade auch dieser
Umstand passt zu viel von der Art geheimdienstlicher Steuerung, die
man auch sonst bei Hitler zu beobachten glaubt. Etwa wenn Hitler 1938
vorgab, an die Homosexuellen-Vorwürfe gegen von Fritsch zu glauben.
Auf dieser Linie gibt es ja noch viele weitere Beispiele.
Gross schildert dann, Hitler sei über die
gleichzeitig bei ihm eintreffende Nachricht, dass Erna Hanfstaengl
sich mit dem Arzt Ferdinand Sauerbruch verlobt habe (der ihn
unmittelbar nach dem Hitler-Putsch 1923 im Haus Hanfstaengl an der
Schulter behandelt hatte), viel mehr schockiert gewesen, als über
den Tod Geli's.
Kommentar: Von einer Verlobung zwischen Sauerbruch
und Erna Hanfstaengl ist in biographischen Abrissen zu Sauerbruch
nirgendwo die Rede, dort heißt es lediglich:
1923 machte er die Bekanntschaft mit Erna
Hanfstaengl, mit der er später zeitweilig eine Liebesbeziehung
führte.
Oder:
1923 - Sauerbruch lernt Erna Hanfstaengl
kennen, mit der er später zeitweilig zusammenlebt.
Konrad Heiden schrieb
1936 in seiner Hitler-Biographie, an der sich Gross orientiert haben
könnte:
Alle seine Beziehungen zu Frauen haben
einen merkwürdigen Verlauf. (…) Erna Hanfstaengl ist eine Grosse,
eindrucksvolle, viel begehrte Dame der Münchner Gesellschaft, stolz
und kühl. Hitlers Neigung ist heftig, aber anscheinend ziemlich
einseitig; Erna Hanfstaengl zieht ihm den Chirurgen Sauerbruch vor.
Gross lässt jedenfalls
dann Hitler zu Himmler sagen (S. 45):
„Dieser Kerl, Herr Professor
Sauerbruch, den Fräulein Hanfstaengl heiraten wird, scheint sich
nicht besonders wohl dabei zu fühlen, in München zu bleiben. Ich
las grade in der Hanussen-Zeitung, dass er den Ruf an einen
Chirurgie-Lehrstuhl an der Berliner Universität angenommen hat.
Nebenbei: Lesen Sie eigentlich die Hanussen-Zeitung regelmäßig?
Eine ausgezeichnete Zeitung. Der Mann muss wirklich über fabelhafte
Voraussicht verfügen ...“
Und Gross schreibt
weiter:
Und nun war das Leben
von Herrn Hitler diktiert durch die Konstellationen der Sterne und
Herrn Hanussen's Voraussagen. Er bot Hanussen ein fabelhaftes Gehalt
an, um für ihn allein zu arbeiten, aber der schlaue Magier dankte
höflich und war sogar unwillens, den Führer persönlich zu treffen.
Hanussen fürchtete, dass die scharfsinnigen Augen Hitlers bald seine
nichtarische Herkunft erkennen würden, die Graf Helldorf und noch
nicht einmal der feinnasige Dr. Goebbels bisher entdeckt hatten, noch
nicht einmal vermutet hatten.
Über Telefon und
Telegramm, über seine Zeitungs-Artikel, über Nachrichten
übermittelt durch Helldorf, dirigierte Hanussen die Wege von Herrn
Hitler. Immer wieder wies er in seinen Prophezeiungen darauf hin, wie
günstig die Venus-Konstellation in dieser Zeit zur Lyra stand. Das
hieß, so erklärte er, dass eine Frau, die mit Musik in Zusammenhang
stand, Herrn Hitlers Schicksal beeinflussen würde. Er sollte
vorsichtig sein, was die Zwillings-Konstellation betrifft, sie
bedeute Unglück. Hanussen wusste, dass Hitler Venus interpretieren
würde als in Verbindung stehend mit Liebe, und Lyra mit Frau Wagner.
Die Gefahr der Zwillings-Konstellation warnte vor niemand anderem als
den Strasser-Brüdern. Hitler gab sofort Befehl, einen Besuch in
Bayreuth zu arrangieren. Und Himmler erhielt zur gleichen Zeit
strikte Order, die Strasserbrüder gut zu überwachen und ihm über
ihre täglichen Bewegungen zu berichten.
So endet das 3. Kapitel.
Kommentar: Hier wird gut erkennbar, wie Gross
arbeitet. Er gibt sich wirklich nicht viel Mühe mit der richtigen
zeitlichen Einordnung der Zusammenhänge. Er fabuliert darauf los mit
allem, was er so in der Erinnerung und im Hinterkopf zu haben
scheint. Und von dort scheint er in der Tat viele Details abrufen zu
können. Aber er hat alles noch nicht einmal anhand von
Nachschlagewerken wie „Who is who“ oder ähnlichem überprüft
und zeitlich richtig eingeordnet.
Denn dort hätte er ja schnell herausbekommen
können, dass Sauerbruch schon 1928 an die Universität Berlin
gewechselt war. Dementsprechend scheint es auch sehr zweifelhaft,
dass über die Verlobung Erna Hanfstaengls ausgerechnet im September
1931 in der Hanussen-Zeitung berichtet worden ist. Und auf ähnlich
„fabelhafter“ Linie wird dann auch ein Grosser Teil von allem
anderen liegen, was Gross so schreibt und berichtet: Ein wahrer Kern
mag immer enthalten sein, aber die zeitliche Einordnung kann um
mehrere Jahre falsch liegen, womit dann auch die jeweils von Gross
gegebenen Motivierungen der handelnden Personen in sich zusammen
brechen. Die Sorglosigkeit der Berichterstattung scheint geradezu das
Prinzip dieses Buches zu sein. Es scheint nur darum zu gehen, eine
schnell dahin geschriebene Geschichte zu liefern.
4. Kapitel: Die Bayreuther Festspiele
Das nächste, das 4.
Kapitel, gibt dann eine Schilderung der Bayreuther Festspiele. Und es
wird natürlich aufgrund der Zusammenhänge nahegelegt, dass es sich
um die des Jahres 1931 gehandelt hat. Dabei macht sich der
eingefleischte Wagnerianer Felix Gross noch nicht einmal die Mühe,
sich klar zu machen, dass die Bayreuther Festspiele bis heute in der
Regel vom 25. Juli bis 28. August stattfinden.
Gross, hingegen lässt Hitler Mitte September nach
Bayreuth aufbrechen und dann dort die Festspiele stattfinden. Wann
aber weilte Hitler in jenen Jahren wirklich auf den Bayreuther
Festspielen? Er war das erste mal dort auf Einladung der Familie
Bechstein im Jahr 1925.
Übrigens auch das ein sicher nicht unwesentlicher Umstand für das
Verständnis der Rolle des Ehepaares Bechstein und der Sichtweise von
Gross auf diese Rolle. Hitler war dann etwa in Bayreuth am 31. August
1930. Ebenso war er am 14. November 1930 bei Winifred Wagner,
die ihm die Sorgen ums Festspielhaus
ausbreitet.
Dass Winifred Wagner
diese Sorgen Hitler sagte, schildert der Sache nach auch Felix Gross,
verlegt dies allerdings in den September 1931. Über Hitler-Besuche
der Festspiele und Winifred Wagners in den Jahren 1931 und 1932
findet sich in der seriösen Literatur (bei nur oberflächlicher
Recherche) zunächst kein Hinweis.
Auch womöglich merkt man auch daran wieder: Gross
ist einerseits gut informiert, kümmert sich aber nicht im geringsten
um die korrekten zeitlichen Zuordnungen, die an einer Stelle einmal
leicht ins Bewusstsein zu rufen gewesen wären (jährliches Datum der
Festspiele), an anderer Stelle aber durchaus auch nicht ganz so
einfach zu recherchieren gewesen sein dürften für Felix Gross wie
das heute möglich ist (etwa die tatsächlichen Besuchstermine
Hitlers in Bayreuth).
Dass aber Winifred Wagner Hitler wiederholt ihre
finanziellen Sorgen mitteilte, dürfte sich unter den Wagnerianern,
unter denen sich Felix Gross sicher auch noch im Jahr 1931 ganz
selbstverständlich bewegt haben wird, gut bekannt gewesen sein.
Hitler war auch am 27. Juli 1933 auf den
Bayreuther Festspielen,
ebenso vom 22. bis 27. Juli 1934,
also nach den Röhm-Morden. 1934 lässt Hitler die nicht verkauften
Eintrittkarten aufkaufen (ebd.), ein Vorgang, von dem Gross ebenfalls
weiß (S. 51), den er aber wieder einmal zeitlich falsch zuordnet und
in das Jahr 1931 verlegt.
Die Fakten: Adolf Hitler war tatsächlich am
Todestag von Geli Raubal morgens aus München Richtung Bayreuth
abgefahren. Allerdings kehrte er auf die hinterher gesandte Nachricht
vom Tod Geli's sofort wieder nach München zurück und fuhr in diesem
Jahr dann – soweit übersehbar - nicht mehr nach Bayreuth.
Zumindest hielt er sich die Tage nach dem Tod von Geli in St. Quirin
am Tegernsee auf.
An allem wird erkennbar, wie fast grenzenlos
sorglos Gross Wahrheit und Falschbehauptungen in diesem Buch
durcheinanderwürfelt und miteinander vermischt, geradezu so, als sei
dies gar mit Absicht geschehen.
In Kapitel 4 gibt Gross eine schnell dahin
geworfene Schilderung der nationalsozialistischen Massenaufzüge in
Bayreuth anlässlich der Festspiele (S. 47-50). Natürlich wird er
sie selbst so erlebt haben. Dinge und Zusammenhänge, mit denen sein
eigenes Leben zutiefst verwoben waren, schildert er dann
folgendermaßen (S. 50f):
In der Villa
Wahnfried hatten Grosse Veränderungen stattgefunden seit dem letzten
Jahr. Frau Cosima Wagner, die Frau des Grossen Komponisten, war in
ihrem dreiundneunzigsten Lebensjahr gestorben. Eine Grosse Ära in
der Musikgeschichte war mit dem Tod dieser außergewöhnlichen Frau
zu Ende gegangen. Die Geschichte ihres Lebens liest sich wie eine
dieser romantischen französischen Novellen des frühen neunzehnten
Jahrhunderts.
Man merkt: hier spricht
ganz und gar der alte, verehrende Wagner-Verehrer, der Felix Gross
zumindest bis 1934 gewesen ist. Weiter:
Als illegitime
Tochter des Komponisten Franz Liszt und der Gräfin Marie d'Agoult,
hatte sie die Unstetigkeit des Charakters ihres Vaters und die
romantische Sehnsucht nach Irrealität ihrer Mutter geerbt. Nach
Wagners Tod wurde Frau Cosima der spirituelle Kopf und praktische
Manager der Bayreuther Festspiele. Strenger Konservatismus und
strikte Tradition herrschten vor sowohl in ihrem Haus wie im
Opernhaus.
Nach dem Tod dieser
Grossen Dame und ihres Sohnes, übernahm Siegfried Wagner's Witwe,
Frau Winifred Wagner, die Herrschaft in Bayreuth. Sie war eine
geborene Engländerin mittleren Alters und Mutter von drei fast
erwachsenen Kindern. Obwohl nicht schön, waren Frau Wagner ein
natürlicher Charm und Freundlichkeit mitgegeben und durch viele
Reisen und einen ausgeprägten Geschäftsinstinkt hatte sie
Erfahrungen gesammelt in der Fähigkeit, sich Freunde zu erwerben.
(…)
Es gab noch eine
tiefere Verbindung zwischen Hitler und Wagner. Beider Ideen, Leben
und ganze Mentalität waren gegründet auf mittelalterlichem
Romantizismus, auf Mystizismus und Symbolismus. Nietzsche, Wagners
intimer Freund, war der erste, der dieses gefährliche Gift in der
Wagnerschen Kunst erkannte.
Das schreibt derselbe
Autor, der 1927 ein 370-seitiges Wagner-Buch herausgebracht hatte mit
dem Titel „Die Wiedergeburt des Sehers - Wagners
'Ring des Nibelungen' und 'Parsifal' als eine neuerstandene mythische
Weltreligion“, der also als vormaliger Privatsekretär
ihres verstorbenen Mannes viel zur Propagierung dieses
„mittelalterlichen Romantizismus, Mystizismus und Symbolismus“
getan hatte! Man fragt sich bei diesen Worten: Wie ernst hatte es
Felix Gross dann eigentlich selbst jemals mit seiner eigenen
Wagner-Anhängerschaft gemeint?
Jedenfalls, überall wird spürbar: Hier spricht
der Kenner durch und durch. Und auch jemand, der ziemlich leicht
selbst das infrage stellen kann, was er Jahre und Jahrzehnte lang
nach außen hin betrieben und dargestellt hat. Und dann kommt Gross
auch noch auf jenen einstigen persönlichen Förderer zu sprechen,
der ihn an Uexküll weiterempfohlen hatte, der seine Bücher beworben
hatte und mit dem er eng zusammen gearbeitet hatte. Über diesen
äußert er sich - folgendermaßen:
Für ihn (Hitler) hatte Bayreuth in
früheren Jahren noch eine andere Attraktion. Im Wagner-Haus hatte,
gelähmt und allein, Frau Cosima's Schwiegersohn, Houston Stewart
Chamberlain, gelebt, der berühmte Autor eines voluminösen aber
ziemlich verwirrten Buches „Grundlagen des Zwanzigsten
Jahrhunderts“.
Gross will sogar
vergessen haben, dass dieser Klassiker eigentlich heißt „Grundlagen
des neunzehnten Jahrhunderts“? So sorglos schreibt er in
diesem seinem „Hitler's Girls“-Buch? Weiter:
Dieses Buch war, bevor Herr Hitler „Mein
Kampf“ schrieb, die offizielle Nazi-Bibel. Aber Chamberlain war
seit mehr als vier Jahren tot.
„Offizielle
Nazi-Bibel“ dürfte ebenfalls etwas gar zu arg übertrieben sein
und markiert einen deutlichen Umfall zurück in den üblichen Jargon
und in die übliche oberflächliche Denk- und Darstellungsweise
seines „Hitler's Girls“-Buches. Den Besuch Hitlers bei Winifred
Wagner lässt Gross dann folgendermaßen vorbereitet sein durch
Hintergrundkräfte (S. 53):
Something was definitely in
the air. Strange that for several days now she had from an anonymous
sender received an extraordinary Berlin newspaper, Hanussen's News.
Marked with red pencil, the horoscope of the day had cautioned widows
to watch Mars and Venus, whose brightness indicated that love would
enter their lives – a love between a widow and warrior.
Hitler wird dann als
Blödmann und tumber Thor dargestellt im Umgang mit Frauen - hier
Frau Winifred Wagner. Hitler hätte schließlich – im
Privatgespräch – einmal erneut schreiend seine oft wiederholten
Angriffe gegen das Judentum kundgetan, über eine Stunde lang. Gross
wird sich selbst in dem gesehen haben, was er dann weiter schrieb,
vielleicht schrieb er dabei ja auch über persönliche Bekannte oder
Informanten:
Einige wenige Gäste wie der berühmte
Dirigent Bruno Walter, Leo Blech, Otto Klemperer, die einzigen
„nicht-arischen“ Gäste im Haus, aber ebenso einige reine Arier
wie Adolf Busch und der Prinz Fürstenberg gingen als ein Zeichen
ihrer Indignation. Frau Wagner bemerkte ihr Gehen noch nicht einmal.
Sie schien hypnotisiert. Ihre Augen verschluckten fast den Redner.
Nach dem Ende von
Hitlers Monolog hätten auch alle übrigen „verständnisvoll“ den
Raum verlassen, um Adolf Hitler mit Winifred Wagner allein zu lassen.
So endet das 4. Kapitel von „Hitler's Girls“.
5. Kapitel: Hitler am Grab Geli Raubals (26.
September 1931)
Im 5. Kapitel lässt
Gross Hitler von Bayreuth nach Wien fahren, um Geli Raubal's Grab
dort zu besuchen. Aber danach lässt er ihn wieder nach Bayreuth
zurückkehren.
Hitler fuhr am 26. September 1931 tatsächlich
nach Wien, allerdings von Hamburg aus.
Über Himmler sagt Gross (S. 58):
Täglich erhielt er Berichte über
Goebbels Aktivitäten in Bayreuth von seinen Vertrauensleuten in
Berlin. Diese Agenten waren meistens Mitglieder von Otto Strassers
und Kapitän Stennes' „Schwarzer Front“, die ohne des Doktors
Wissen in Goebbels Propaganda-Abteilung arbeiteten.
Diese Agenten seien bei
der Trennung von Otto Strasser und Hitler innerlich auf Seiten von
Strasser, äußerlich auf ihren Posten geblieben:
Himmler schaffte es, Informanten auf
beiden Seiten zu haben.
In Bayreuth nun habe
Goebbels es erreicht, dass Gregor Strasser zum
Reichsorganisationsleiter ernannt wurde und hierfür von Berlin nach
München versetzt wurde. Auch das war allerdings schon 1928 geschehen
und nicht, wie Gross behauptet, 1931. Damit sei Goebbels einen
scharfen Kritiker seiner selbst in Berlin losgeworden.
Damit nun Goebbels nicht noch weitere, ähnliche
Erfolge in Bayreuth würde erringen können, lässt Gross Himmler mit
der „Berliner Illustrierten Zeitung“ das Gerücht ausstreuen,
Richard Wagner hätte jüdische Vorfahren gehabt. Und nachdem Hitler
diesen Zeitungsartikel gelesen habe, habe er Bayreuth innerhalb einer
Stunde und wieder einmal schleunigst und teppichbeissend verlassen.
Mit innerem Groll gegen die Ausstreuer dieses Gerüchtes.
Komödienschreiber Felix Gross.
6. Kapitel: Magda Goebbels und Hanussen
Im nächsten Kapitel
lässt Gross Joseph Goebbels Magda Quandt kennenlernen. Damit liegt
er ausnahmsweise einmal zeitlich einigermaßen richtig: Goebbels
lernte Magda Quandt im November 1931 in Berlin kennen und heiratete
sie schon am 19. Dezember desselben Jahres. Gross erzählt genüsslich
die Scheidungsstreitigkeiten von Magda Quandt, bevor sie Goebbels
heiraten konnte. Etwa dass sie – noch in erster Ehe verheiratet –
ihre neue Nazifreunde eingeladen hätte, die ihr erster Ehemann nicht
ausstehen konnte (S. 70):
Auf ihren Vorschlag hin brachte er
(Goebbels) seine Freunde, den Grafen Helldorf, Karl Ernst, Prinz Auwi
mit sich. Herr Eric Hanussen folgte und Frau Magda kam bald fast
täglich in sein Beratungszimmer, um seine Vorhersagen für den Tag
zu bekommen (für je 100 Reichsmark).
Von einer Verbindung
zwischen Magda Goebbels und Hanussen liest man sonst, soweit
übersehbar, in der Literatur nichts. Sehr wohl aber liest man in der
Literatur von dem allgemeinen Interesse der Magda Goebbels für
Astrologen, Wahrsagen, Handlesen und Kartenlegen, sowie für
Buddhismus. Es dürfte sich lohnen, sich darauf hin noch einmal
einige biographische Darstellungen zu Magda Goebbels genauer
anzusehen:
Als Magda schon mit Goebbels verheiratet
ist, liegen auf ihrem Nachttisch immer noch Bücher über den
Buddhismus.
(ebd., S. 23):
… Astrologen, Wahrsagen und Handlesen
und legt oft und gern die Karten, wenn ihre Tochter, die diese
Leidenschaft ihrer Mutter nicht sehr schätzt, gerade nicht in der
Nähe ist.
(ebd., S. 158):
… genau
nachgeprüft. Die Sterne lügen nicht! 1933 wird das Jahr des Sieges
sein!' Maria (Goebbels' Schwester, die zeitweise mit im Haus lebt)
und ich blicken verdutzt. Wir wußten zwar, dass meine Tochter seit
langem ein Hobby für die Astrologie hatte, aber so ultimativ hatte
sie ihre Ansichten bisher nie geäußert.“
… Aber trotz ihres
Glaubens an die Astrologie sind auch Magdas Nerven angespannt, und
als Goebbels eines ...
Und:
Als Bella Fromm innerhalb eines
öffentlichen Porträts Magdas Hang zum Buddhismus erwähnen wollte,
wurde sie mit einem Schreiben von Goebbels' Sekretärin gestoppt:
„Frau Reichsminister wünscht nicht, dass der Öffentlichkeit
berichtet wird, dass sie sich für Buddhismus interessiert.“
Die 1938 emigrierte
deutsch-jüdische Journalisten Bella Fromm schrieb (ebd., S. 59):
Magdas hübscher kleiner Kopf war ganz
verwirrt von einer Fülle von Ideen und Lehren, die einander
widersprachen. Sie interessierte sich plötzlich für Buddhismus und
war eine Zeitlang von dieser alten Philosophie gefesselt.
Der Mitarbeiter von
Joseph Goebbels, Wilfried von Oven, hat offenbar selbst an Astrologie
geglaubt und berichtet über Magda Goebbels:
Dass sie sich schon in ihren Reifejahren
und während ihrer ersten Ehe intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt
hat, steht außer Frage. Auch Goebbels wusste davon. Natürlich
musste die – wie Goebbels – streng katholisch erzogene Magda, die
darauf bestand, mit ihm protestantisch getraut zu werden, sich mit
den Mängeln der beiden christlichen Bekenntnisse auseinandersetzen.
Sie fand dabei in Buddhas Lehren, besonders dem Karma, ….
Und (ebd., S. 60):
… waren alle im gleichen
Tierkreiszeichen, dem Skorpion (24. Oktober – 22. November geboren.
Später wurde die Familie mit der jüngsten Goebbels-Tochter Heide
noch um einen vierten Skorpion vermehrt. Man mag der Astrologie noch
so skeptisch gegenüberstehen, wird aber doch nicht leugnen können,
dass die Gestirne, denen unsere Vorfahren Stonehenge und andere
megalithische Monumentalbauten weihten und mit denen sich danach die
hellenistische und arabischen Weisen so intensiv beschäftigten, ….
(ebd., S. 61):
… Dieser Astrologe hat Goebbels, ohne
ihn gekannt zu haben, treffender charakterisiert als der Ordinarius
des Abiturienten-Jahrgangs
(ebd., S. 62):
… Skorpion-Menschen ...
Tagebücher Goebbels
nach dem 20. Mai 1941, dem Luftlandeunternehmen auf Kreta (über
Rudolf und Ilse Heß?):
... Der nun geriet in
die Hände der Astrologen. Das Ergebnis liegt zutage. Seine Frau
spielt noch die Grosse und gekränkte Unschuld. Sie trägt viel
Schuld am politischen Untergang ihres Mannes. Man kann ihn nur
bedauern. Er wird nie wieder in der Öffentlichkeit auftreten können.
Frau Springer
empfangen. Ihr Mann ist auf Kreta gefallen. Ich tröste sie, so gut
ich kann. Sie bewahrt eine tapfere Haltung. …
Und:
Wenngleich selbst die Astrologie, von der
er eigentlich nichts hielt, „sonderbarerweise“ für Deutschland
spreche, so schien ihm doch das Leben „so drückend, dass man alle
Freude daran verliert“, denn fortwährend quälten ihn ...
7. Kapitel: Die Harzburger Front (11. Oktober
1931)
Im 7. Kapitel heißt es
(S. 78):
Herr Hanussen, der
erfindungsreiche Magier hat die Angelegenheit in seine eigenen Hände
genommen. (…) Innerhalb weniger Tage belieferte Hanussen Goebbels
mit einer reichen Auswahl von kompromittierenden Briefen von Kapitän
Röhm an seine Liebhaber.
Von Goebbels wurde
Hanussen angewiesen, eine Auswahl dieser Briefe – die weniger
kompromittierenden – an einen Anti-Nazi-Journalisten liefern. Der
gerissene Magier verkaufte sie zu einem erheblichen Preis an eine
sozialistische Nachrichtenagentur.
Doch dadurch hätte
Goebbels nicht sein Ziel erreicht, seinen Rivalen Röhm auszustechen,
da die Veröffentlichung dieser Briefe in der Partei einfach
übergangen worden wäre.
Um seinen Rivalen Göring auszustechen, habe
Goebbels Hanussen veranlasst, über seine „Mädchen“ Göring mit
Drogen zu beliefern. Aber Göring sei dadurch nur noch mehr
aufgeblüht, anstatt sich mit diesen umzubringen (S. 79f). Mit Hilfe
von Hanussen habe Goebbels dann versucht, seinen stärksten Rivalen,
Alfred Rosenberg, auszustechen durch verschiedene Intrigen in der
Hanussen-Zeitung und im „Völkischen Beobachter“. Alles habe sich
als Fehlschlag herausgestellt. Auch sei es Magda Goebbels nicht
gelungen, Adolf Hitler in Berchtesgaden zu verführen (S. 83).
Fast hat es ja den Anschein, als habe Felix Gross
mit all diesem aufgesetzten Geschichten als Doppelagent heimlich für
seine alten Freunde, die Nazis und Wagnerianer in Deutschland
gearbeitet, und ihnen mit einer solchen Fülle von haarsträubenden
Geschichten Belegmaterial in die Hände spielen wollen dafür, wie
verlogen und „verjudet“ tatsächlich die Sensationspresse im
westlichen Ausland wäre. So ganz leicht jedenfalls wollen einem die
Beweggründe des Felix Gross beim Niederschreiben all dieser
„Sex-and-Crime“-Geschichten ansonsten nicht eingehen.
Das Kapitel endet mit der Abreise Hitlers nach Bad
Harzburg zur Bildung der „Harzburger Front“ mit den deutschen
Konservativen.
8. Kapitel: Die Berliner politische Polizei und
die Auslandsfinanzierung Hitlers (Januar 1932)
Im 8. Kapitel lässt
Gross den Leiter der politischen Abteilung der Berliner Polizei
(Abteilung IA), einen „Dr. Baschwitz“ auftreten (S. 87ff). Er
residiert in seinem Hauptquartier in einem roten Backsteingebäude am
Alexanderplatz und erklärt ausländischen Journalisten aus England
und anderwärts die Situation in Deutschland, die Straßenkämpfe und
politischen Morde, und dass die Nationalsozialisten einen
gerichtsbekannten Zuhälter wie Horst Wessel zu ihrem nationalen
Heros erhoben hätten.
Soweit aufs erste übersehbar, ist dieser „Dr.
Baschwitz“, dessen Vornamen Gross nicht nennt, keine historische
Person. Es gab zwar den Journalisten, Massenpychologen und
Zeitungswissenschaftler Kurt Baschwitz (1886-1968), der 1928 bis 1933
Chefredakteur des Verlegerorgans „Zeitungsverlag -
Fachblatt für das gesamte Zeitungswesen“ (ZV) in Berlin
war. Aber von einer leitenden Position in der Berliner politischen
Polizei ist in Bezug auf seine Person nirgendwo die Rede.
Gross lässt Baschwitz auch den Heldenmut seines
direkten Vorgesetzten, des Vizepräsidenten der Berliner Polizei
Bernhard Weiß (1880-1951), hervorheben. Mit diesem betritt man
wieder festeren historischen Boden.
Um nun die Angaben von Gross besser einordnen zu
können, müssen zunächst einige Daten über die preußische
politische Polizei der Weimarer Republik zusammengetragen werden:
In Preußen waren um das Jahr 1930 etwa
1000 Beamte bei der politischen Polizei beschäftigt. In jeder der
seinerzeit 44 staatlichen Polizeiverwaltungen Preußens war sie als
Abteilung I der Verwaltungspolizei eingerichtet. In Berlin hatte sie
300 Mitarbeiter, in anderen Grossstädten wie Aachen, Dortmund und
Kiel jeweils nur ein Dutzend. In der Mehrheit waren sie ausgebildete
Kriminalbeamte, die sich meist freiwillig für diese Aufgabe gemeldet
hatten.
Und ergänzend:
Etwa 90 % der Beamten der Politischen
Polizei gehörten den Kriminalsekretär- bzw. den
Kriminalkommissar-Laufbahnen an und nur 10 % den
verwaltungspolitischen Beamten.
Mit 300 von 1000
Mitarbeitern kam natürlich der Berliner politischen Polizei
(Abteilung Ia) ganz von selbst eine Leitungsfunktion zu für die
gesamte politische Polizei in Preußen.
Bernhard Weiß nun hatte seit 1918 leitende
Positionen in der Berliner Kriminalpolizei inne und war 1921 bis 1925
selbst Leiter der (politischen) Abteilung IA beim Polizeipräsidium
und danach Polizeivizepräsident in Berlin. Seine Nachfolger waren
von 1926 bis 1932 Wilhelm Abegg (1876-1951) und von 1932 bis 1934
Rudolf Diels (1900-1957), der zuvor unter Abegg tätig gewesen war
und ihn 1932 zusammen mit dem Preußenschlag aus dem Amt
katapultierte („Abegg-Affäre“). Die preußische politische
Polizei (Abteilung IA) wurde dann von Diels in die Gestapo
übergeleitet.
Polizeipräsident von Berlin war 1925 und 1926
Albert Grzesinski (1879-1947). Er wurde zwischen 1926 und 1930
preußischer Innenminister und in dieser Zeit übernahm den Posten
des Polizeipräsidenten von Berlin Karl Zörgiebel (1878-1961).
Danach übernahm wieder bis 1932, bis zum Preußen-Schlag, Grzesinski
diesen Posten, der ihn nach dem Preußen-Schlag an Kurt Melcher
(1881-1970) abgeben musste.
Wilhelm Abegg, der offenbar zu einem Viertel
jüdischer Herkunft war (s. Wikip.), wird von Gross in seinem ganzen
Buch nicht erwähnt. Abegg lebte 1941, zur Zeit des Erscheinens von
„Hitler's Girls“ in der Schweiz. Er stand dort in einem
Gedankenaustausch mit Allen Dulles, den Abegg allerdings 1944 von
sich aus abbrach (s. Wikip.). Von einem solchen Vorgang hört man
selten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Abegg scheint ein
aufrechter Mann gewesen zu sein.
Jedenfalls scheint dieser Abbruch wesentlich dazu
beigetragen zu haben, dass Rudolf Augsteins „Spiegel“, seit jener
Zeit und bis heute ein Hauptorgan der Public Relation-Abteilungen der
westlichen Geheimdienste, 1949 nicht Wilhelm Abegg und seine anderen
1932/33 entlassenen preußischen sozialdemokratischen leitenden
Kriminalpolizeibeamten für den Aufbau der neuen deutschen
Kriminalpolizei für geeignet anpries, sondern jene
„fortschrittliche“ Reichskriminalpolizei rühmte, wie sie unter
Arthur Nebe (1894-1945) während des Dritten Reiches entstanden war.
Offenbar hatten die hier anvisierten ehemaligen Gestapobeamten und
die sie anpreisenden Journalisten keine Gespräche mit Allen Dulles
abgebrochen.
Es ist zu vermuten, dass der „Dr. Baschwitz“
des Felix Gross für Wilhelm Abegg steht. Und man glaubt zu spüren,
dass Felix Gross – oder Lektoren seines Buchmanuskriptes - mit der
Nichtnennung des eigentlichen Namens von Abegg schon 1941 auf Abstand
zu Abegg gehen. Denn sonst wird in „Hitlers Girls“ selten ein
Name nicht genannt. Es lebt davon, mit vielen historischen Namen um
sich zu werfen.
Das Buch geht also zu Abstand zu Abegg - aber
nicht völlig. Denn die von Gross dann gegebenen Ausführungen sind
eine bis heute nirgendwo beachtete, sehr spannende unabhängige
Bestätigung all der Forschungen, die es in den letzten Jahrzehnten
rund um das „Abegg-Archiv“ in der Schweiz gegeben hat und rund um
die damit verbundene Unterstellung einer Auslandsfinanzierung
Hitlers.
Gross lässt Baschwitz zunächst über die den
Nationalsozialisten viel zu konziliante Haltung seines preußischen
Innenminister Carl Severing (1875-1952) sprechen, um dann – und nun
wird es spannend - auf die Verantwortung der westlichen Demokratien
zu sprechen zu kommen. Jetzt beginnt man vielleicht zu verstehen,
warum die von Felix Gross mitgeteilten Erkenntnisse unter einem so
unernsthaften Titel und vermischt mit so unersthafter Behandlungsart
erscheinen mussten. All das diente womöglich der Tarnung brisanter
Inhalte? „Dr. Braschwitz“ argumentiert im folgenden nicht nur
allgemein mit der Haltung des Westens gegenüber Deutschland seit
1918 (Versailles etc.). Nein, Gross lässt „Dr. Baschwitz“
unerwartet konkret werden. Und zwar so konkret wie es nur zu einem
Wilhelm Abegg (oder ihm nahestehender Kollegen) passen kann. Und
damit wird man verleitet zu vermuten, dass auch Felix Gross die
Arbeit, Haltung und Einstellung des Wilhelm Abegg recht gut gekannt
haben muss (S. 90f):
„In diesem Gebäude wissen wir
vielleicht mehr als allerhand sonstige Leute über die feinen Fäden,
die die City und die Wall Street und den Place de la Bourse mit dem
Stahltrust in Düsseldorf und dem Kohlensyndikat im Rheinland
verbinden. Dass Herr Hitler jetzt in Geld schwimmt und dass er und
seine Satelliten mit Banknoten jonglieren können wie sie das noch
vor wenigen Wochen noch nicht einmal mit Münzen konnten, das liegt
vor allem an der Art der Kollaboration der ausländischen Trusts mit
ihren deutschen Brüdern.“
Und ohne wörtliche Rede gibt Gross dann die
weiteren Ausführungen von Baschwitz folgendermaßen wieder:
In der Zwischenzeit
feilschen deutsche Staatsmänner wie der tapfere aber ahnungslose Dr.
Brüning, blind gegenüber den Realitäten, mit gutgekleideten
Engländern jener Brigade, die ihre Krawatte nach alter Schule
bindet, und den französischen Marionetten der 'Zweihundert Familien'
um winzige Konzessionen in Genf. (…) Und in der Zwischenzeit
brachte Herr Hitler die Stärke seiner privaten, gut ausgerüsteten
Armee dank französischer, englischer und amerikanischer Gelder auf
fast eine Million Mann. (...)
„So viel Deutsch
sollten Ihre Leute in der Downing Street verstehen, um zu erkennen,
dass wenn dieser megalomane, dieser schizophrene Verrückte an die
Macht kommt, es bedeuten würde, dass die Reiter der Apokalypse die
Menschheit rücksichtslos niederreiten werden.“
Wahre Worte möchte man
sagen. Aber was soll man davon denken, dass es gleich danach wieder
mit grotesken Münchhausen- (oder Loge-/Loki-)Geschichten weiter
geht? Gross lässt den „Dr. Baschwitz“ dann seine Freunde in den
Kaiserhof führen, um ihnen dort Adolf Hitler zu zeigen, wie er mit
Eva Braun zusammen sitzt (S. 92):
Eva Braun schien die Rolle der
offiziellen Favoritin des Führers gegeben worden zu sein. Dr.
Baschwitz's Agenten
- also die 300 der
politischen Polizei Berlins (Abteilung IA), die ja offenbar Felix
Gross ganz gut gekannt hat -
hatten bislang die
wahren Zusammenhänge noch nicht ermittelt, aber Hitler war nun
überall in ihrer Begleitung zu sehen und hatte sie etabliert in
einer sehr eleganten Zwölf-Zimmer-Wohnung in München nahe seiner
eigenen – alles bezahlt mit englischem Geld und aus englischen
Geldbeuteln. Aber Leute wie Dr. Baschwitz zweifelten, ob hinter
dieser sogenannten Affäre überhaupt irgend etwas steckte. Es war
gut bekannt, dass die Nazis in der Öffentlichkeit Hitlers Normalität
demonstrieren wollten nach all den Gerüchten über unterstellte
Homosexualität. Nachdem er sich umgeben hatte mit so unverschämten
Perversen wie Kapitän Röhm, Edmund Heines, Karl Ernst, Graf Spreti,
Baldur von Schirach und Graf Helldorf, war es kein Wunder, dass es
Leute für gesichert hielten, dass der Führer ebenfalls dem dritten
Geschlecht angehörte.
Es gab ein Grosses
Rennen in der Partei, so setzte Dr. Baschwitz seine Geschichte fort,
Hitler mit einer Frau zu versorgen oder zumindest mit einer Mätresse.
Nach dem Fehlschlag mit Frau Wagner führte Putzi Hanfstaengl einen
Ersatz ein, (…) Frau Bechstein, die Witwe des Klavierbauers.
Immerhin hätte man
damit einen Anhaltspunkt zur Datierung dieser Geschehnisse. Denn auf
dem Wikipedia-Artikel zu Adolf Hitler heißt es:
Seit Januar 1932 kamen Gerüchte auf,
dass Hitler mit Eva Braun, einer Angestellten seines Fotografen
Heinrich Hoffmann, ein intimes Verhältnis habe.
Allerdings hat er ihr
erst gegen Ende des Jahres eine eigene Wohnung gegeben. Auch heißt
all das noch lange nicht, dass sich Hitler, wie hier von Gross
geschildert, mit Eva Braun täglich in der Öffentlichkeit hätte
sehen lassen. Und weiter: Die hier erwähnte Helene Bechstein
(1876-1951) war verheiratet mit Edwin Bechstein (1859-1934). Edwin
Bechstein starb am 15. September 1934. Also wieder einmal ein Datum,
das Felix Gross leicht hätte recherchieren können, und das er nicht
recherchiert hat. 1931 oder 1932 war Helene Bechstein keine „Witwe“.
Es könnte auffallend erscheinen, dass Felix Gross
Helene Bechstein als Witwe in Erinnerung hat, obwohl er schon im Jahr
1933 emigriert ist. Das könnte heißen, dass er sich auch danach
noch sehr genau auf dem Laufenden gehalten hat über die Vorgänge in
Deutschland, oder dass er darüber gut informierte Berichte erhalten
hat. Da das Ehepaar Bechstein zu den Wagner-Verehrern gehörte wie er
selbst, muss das ja auch nicht allzu unwahrscheinlich sein.
Wobei einem bewusst wird: Dass der britische
Geheimdienst überhaupt jemanden mit dem etwaigen Hintergrundwissen
eines Felix Gross 1933 nach Kapstadt hat ausreisen lassen, will einem
nicht so recht plausibel erscheinen. Vielleicht auch das ein Hinweis
darauf, dass es sich bei dem Buch „Hitlers Girls“ vornehmlich um
Hochstapelei handelt?
Im übrigen wird in der Literatur erwähnt, dass
sich Helene Bechstein Hoffnungen darauf gemacht habe, dass Hitler
eine ihrer Töchter heiraten würde. Hatte Felix Gross womöglich
diesen Umstand falsch in Erinnerung behalten?
Jedenfalls lässt er den „Dr. Baschwitz“ dann
noch von weiteren Versuchen berichten, für Hitler eine Frau zu
finden. Nämlich mit der Opernsängerin Rosalind („Rosa“) von
Schirach (1898-1981), einer Schwester Baldur von Schirachs.
Und mit Henriette („Henny“) Hoffmann (1913-1992), einer Tochter
des Hitler-Fotografen.
9. Kapitel: Ernst Röhm im „Eldorado“
Im nächsten Kapitel
lässt Gross „Dr. Baschwitz“ abends die ausländischen
Journalisten mitnehmen zu einer Razzia in einem Grossen Berliner
Transvestiten-Nachtclub, dem „Eldorado“ im Berliner Westend. Die
Schilderung, die Gross über dasselbe gibt, passt gut zusammen mit
der Schilderung jenes „Eldorado“ in der Lutherstrasse 31/32 auf
Wikipedia.
Dort heißt es unter anderem auch:
Der englische Journalist Sefton Delmer,
der mit SA-Chef Ernst Röhm einen freundschaftlichen Umgang pflegte,
berichtete in seinen 1962 erschienenen Memoiren über einen
gemeinsamen Besuch des Eldorados im Jahr 1931. Er bezeichnet es als
öde und verrauchte Tanzbar. Dort kam ein Transvestit an den Tisch,
den Delmer für einen Stricher hielt und Röhm für dessen Kunden.
Der Transvestit plauderte mit Röhm über eine vergnügliche Party in
den Tagen zuvor. Als dieser wieder gegangen war, meinte Delmer zu
Röhm: „Da haben Sie es, Herr Stabschef. Keine weibliche Nutte
würde so zu einem früheren Kunden kommen und sich in Gegenwart
eines Fremden mit ihm über eine gemeinsam verbrachte Nacht
unterhalten.“ Worauf dieser antwortete: „Ich bin nicht sein
Kunde. Ich bin sein Kommandeur. Er ist einer von meinen SA-Männern.“
Röhms Lieblingslokal war jedoch das Schattenbild, ebenfalls ein
Transvestitenlokal. Der spätere Politiker und SA-Gruppenführer Karl
Ernst schlug sich eine Zeit lang mit diversen Jobs durch und war
dabei auch - je nach Darstellung - eine Zeit lang Kellner,
Angestellter[ oder Stricher im Eldorado in der Lutherstraße.
Und das ist auch genau
die Botschaft, die Gross in diesem Kapitel vermitteln will. Die
Razzia war auf Anweisung von „Dr. Baschwitz“ von
Kriminaloberkommissar Seinemeyer vorbereitet worden. Wilhelm
Seinemeyer hinwiederum ist eine historische Person.
Baschwitz und Seinemeyer finden in dem Lokal vor (S. 100): Ernst
Röhm, Karl Ernst, Edmund Heines, Hans Erwin Graf von Spreti-Weilbach
(1908-1934),
dessen Wangen einen zarten Auftrag von
Rouge aufwiesen,
und Baldur von Schirach,
dessen rotbemalte Fingernägel viel
bewundert wurden.
Und in dieser
verrauchten, alkoholisierten Tafelrunde lässt Gross nun Röhm sich
darüber ärgern, dass Magda Goebbels keinem Homosexuellen die Hand
drücken wolle, und dass sie ständig mit Hitler zusammensitzen würde
(S. 104f):
„Wann immer ich Hitler zu erwischen
versuche für eine wichtige Besprechung, ob in München oder hier in
Berlin, werde ich von Schaub oder Brückner aufgehalten mit einem
diskreten Lächeln: 'Entschuldigung, Chef, aber der Führer ist
abgehalten und will nicht gestört werden.' (…) Und mir wird
gesagt, dass Frau Magda Goebbels ihm die Prophezeiungen des alten
französischen Astrologen Nostradamus vorliest, oder dass die damit
beschäftigt sind, Horoskope zu gießen (?) oder dass sie bloß Hand
in Hand in einem abgedunkelten Raum sitzen kosmische Inspiration
erwartend. Wenn er nicht mit ihr zusammen ist, dann sitzt er über
Stunden mit dieser alten Schachtel, Frau Bechstein, zusammen,
Spiritualismus mit verrückenden Tischen spielend und Unterredungen
mit dem Geist des alten Herrn Bechstein abhaltend. Na, wenigstens
gibt es den Trost, dass Adolf von diesen Séancen profitiert.“
Und damit kommt Röhm
dann darauf zu sprechen, dass Frau Bechstein – wie auch sonst aus
der Literatur bekannt - sehr viel Geld an die Partei spenden würde.
Zum Schluss taucht der Polizeipräsident Weiss
selbst im Eldorado auf, um Baschwitz mitzuteilen, dass Severing die
geplante Razzia in letzter Minute abgesagt habe, da ihm zu Ohren
gekommen war, dass Ernst Röhm sich selbst vor Ort befand, und weil
ihn Brüning und Hindenburg gebeten hatten, nichts gegen Röhm zu
unternehmen.
Gross macht aus all dem wirklich eine bizarre
Szene, indem er rundum alle Menschen den Polizeipräsidenten erkennen
lässt und sie „I-si-dor“ rufen lässt, so wie Goebbels es sie
gelehrt hatte.
10. Kapitel: Die Nachrichten-Abteilung des Kurt
von Schleicher
Das 10. Kapitel bereitet
auf die Kanzlerschaft von Franz von Papen (1879-1969) vor. schildert
Felix Gross Papen als einen bornierten, unerfahrenen, sorglosen und
fahrlässigen Militärattaché in den USA in den Jahren 1913 bis
1915, der durch seinen sorglosen Umgang mit Geheimunterlagen das
deutsche Auslandsspionagenetz in den USA verraten habe (S. 109):
Er war so sehr von seinen Fähigkeiten
des Aufdeckens und Ausspähen überzeugt, dass er es ablehnte, die
angebotene Hilfe einiger Experten der Nachrichten-Abteilung des
deutschen Generalstabes anzunehmen.
Die Darstellung, die
Gross gibt, deckt sich fast nahtlos mit der Darstellung auf
Wikipedia, wo es heißt:
Insgesamt unterliefen ihm bei seiner
Arbeit, die ihn unter anderem nach Mexiko führte, so viele
Missgeschicke, dass er im Januar 1916 des Landes verwiesen wurde. Bei
seiner Heimreise konnte er dank eines Diplomatenpasses die britische
Seeblockade mit freiem Geleit passieren und so deutschen Boden
erreichen. Papens naiver Glaube, dass die diplomatische Immunität
seiner Person auch für sein Gepäck gelten würde, erfüllte sich
jedoch nicht: Während seiner Kontrolle durch die britische Marine
wurden ihm sämtliche Unterlagen, die er mit sich führte,
abgenommen, so dass die Briten in den Besitz umfangreicher
Geheiminformationen kamen und durch Quittungen, Rechnungsbücher und
ähnliche Daten zahlreiche Angehörige Papens amerikanischer
Agentengruppe identifizierten, was eine Reihe von Verhaftungen nach
sich zog.
Ähnliches wäre von
Papen dann geschehen bei seiner nachfolgende Arbeit während des
Krieges in Palästina. Man glaubt aus dem Kapitel ablesen zu können,
dass Felix Gross damals selbst in der deutschen Auslandsspionage
tätig gewesen ist.
Des weiteren lässt Gross in diesem Kapitel auf
die Bühne spazieren: Werner von Alvensleben und seinen Herrenclub,
Kurt von Schleicher und seinen Spionagering, Heinrich Brüning, Oskar
von Hindenburg, den Sohn des Reichspräsidenten, Wilhelm Groener,
Kurt von Schleicher und Otto Meissner. Von fast allen erzählt er in
flapsiger Weise Ausschnitte aus ihren bisherigen beruflichen und
politischen Lebensläufen, von ihren Privatgewohnheiten, von ihrem
Verhältnis zu Frauen und in welchen Lokalen sie es gewohnt sind zu
essen, zu trinken und zu tanzen.
Und viele von ihnen haben einmal erneut ihre
eigenen Detektive, Spione und Agenten. Über die Tätigkeit Kurt von
Schleichers nach dem Ende des Ersten Weltkrieges schreibt er (S.
115):
Er hatte gelernt, wie man einen
Spionagering organisiert und er wusste, zu welchen Zwecken man ihn
benutzen konnte. Nichts passierte in irgendeinem Berliner
Ministerium, in den Büros irgend eines Armeegenerals, in den
Arbeitszimmern der ausländischen Botschafter, in den politischen
Salons der Tiergartenstraße, in den Konferenzräumen des
Reichstages, in den Fraktionssitzungen welcher Partei auch immer oder
im Karl Liebknecht-Haus, dem Hauptquartier der deutschen
kommunistischen Partei, das nicht innerhalb von 24 Stunden in
Schleichers kleinen Raum in der Bendlerstrasse bekannt geworden wäre.
War an der Arbeit dieses
Spionageringes etwa auch Felix Gross beteiligt? Auf Wikipedia heißt
es über Schleicher:
1919 übernahm er die Leitung des
politischen Referats im Truppenamt und avancierte zum engen
Mitarbeiter und Berater des Chefs der Heeresleitung General Hans von
Seeckt.
Erinnert sei, dass das
jenes Jahr war, in dem Wilhelm Canaris als geheimdienstlicher
Strippenzieher und Geldgeber der Rechtsverbände in die Ermordung von
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verwickelt war. Schon damals wird
Canaris auch oder insbesondere in guten Kontakten zur Bendlerstraße
gestanden sein. Gross jedenfalls weiter (S. 115):
Wenn bestimmte Leute besser informiert
gewesen wären, wären ihre Telefongespräche sicher diskreter
gewesen. Das Postgeheimnis bedeutete für Schleicher's Agenten
ebenfalls kein Problem. Sie erfuhren alles, was sie wollten, aus
Telegrammen und Briefen. Doch ihre Aktivität war nicht auf
Deutschland beschränkt. In Moskau, London, Paris, Genf, Brüssel
beschafften sie für ihren Chef wertvolles politisches Material und
erwiesen sich als ziemlich nützlich darin, Gerüchte zu streuen,
Nachrichten zu verbreiten, die öffentliche Meinung zu beeinflussen,
Kontakt mit bedeutenden ausländischen Politikern herzustellen und zu
beobachten, zu beobachten, zu beobachten.
Wie auch immer. Papen
habe Schleicher nun ab einem bestimmten Zeitpunkt (wohl irgendwann
1931 oder 1932) entgegengearbeitet (S. 117):
Papens Agenten begannen, Schleicher zu
beschatten. Es brauchte nur einen Tag oder zwei für die
Bendlerstrassen-Agenten, um den Plan gegen ihren Chef aufzudecken.
Schleicher war ziemlich amüsiert über Fränzchens Naivität. Für
einige hundert Mark bestach er Papens Detektive und versorgte sie mit
täglichen Berichten zur Übermittlung an ihren Auftraggeber. Als
Schleicher im Geheimen durch Roehm im täglichen Kontakt mit den
Nazis stand, war er sehr ängstlich, dass diese Aktivitäten nicht
den anderen Mitgliedern der „Palast-Kamarilla“ bekannt würden.
Papen sei auch neidisch
gewesen auf den Erfolg, den Schleicher bei Frauen hatte (S. 118f).
Und dann kommt die nächste „tolle“ Geschichte. Felix Gross
erzählt, wie sich Eva Braun täglich im Kaiserhof nach dem stumm
eingenommenen Mittagessen mit beidseitigem Strammstehen und
Hitlergruß von Hitler verabschiedet hätte und nur die Straße
überquerte, um im „Adlon“ ihren Liebhaber, einen jungen,
französischen Attaché zu treffen. Dieser habe sich aber auch häufig
mit Schleicher getroffen und Eva Braun sei schließlich zu Schleicher
als ihrem Liebhaber über gewechselt (S. 119). - Da bleibt man dann
als Leser eigentlich nur noch sprachlos zurück.
Jedenfalls sei bei diesen nächtlichen Partien zu
dritt oder viert auch Otto Meissner dabei gewesen. Damit kann Gross
dann diese Figur über die Bühne spazieren lassen und kann so
nebenbei auch die informierte Bemerkung über Paul von Hindenburg
fallen lassen (S. 122):
Der alte Mann, ziemlich senil in seinem
siebenundsiebzigsten Jahr konnte leicht gemanagt werden. Während des
Krieges hatte Ludendorff ihn darin trainiert, alles zu
unterschreiben, was ihm vorgelegt wurde.
Das Triumvirat Oskar von
Hindenburg, Meissner und Schleicher sei schließlich ergänzt worden
durch von Papen. Am ende des Kapitels lässt Gross Papen sich
folgende Gedanken machen, um die Kanzlerschaft erreichen zu können
(S. 124):
Und die Hindenburgs? Sie würden gekauft
werden müssen.
Papen wollte sie mit der
Schenkung ihres hoch verschuldeten Gutes Neudeck kaufen, so Gross.
11. Kapitel: Ein NS-Geheimdienst unter Walter
Nicolai?
Das elfte Kapitel
beginnt mit einer ausführlichen Geschichte darüber, wie Putzi
Hanfstaengl Hitler davon überzeugt, dass alle bedeutenden und
wohlhabenden Menschen – Napoleon, Mussolini … - eine Mätresse
hätten, bzw. bräuchte, so wie solche Leute „heutzutage“ auch
teure Autos führen, und wie Hanfstaengl zugleich Eva Braun davon
überzeugt, dass sie die geeignete für diese Rolle wäre (S. 126f).
Hitler weiß dann aber mit Eva Braun nicht so viel anzufangen und
schlägt vor, sie als Agentin für Himmler arbeiten zu lassen. Als
solche landet sie an einem Abend gedankenlos in der russischen
Botschaft, was wiederum Himmler in Rage bringt. Aber schlimmer war
dann einige Wochen später für Himmler, dass Eva Braun über Ernst
Röhm in Kontakt kam zu Schleicher (wie schon im Kapitel zuvor
erwähnt). Und dann sagt Gross über Himmler (S. 131):
Er hatte seine besten
Agenten auf den General angesetzt. Aber Schleicher war kein einfacher
Gegner. SS-Männer hatten versucht, in sein Haus einzubrechen. Am
nächsten Tag präsentierte der indignierte General Röhm eine
Fotografie, die zeigte, wie zwei Männer vom Balkon aus in sein
Arbeitszimmer einbrachen, geschossen von einer automatischen Kamera.
(…)
Deshalb übergab
Himmler die ganze Angelegenheit General Nicolai, seinem Kollegen vom
Nazi-Auslandsgeheimdienst im Vertrauen, dass sie damit in guten
Händen läge.
Denn Nicolai hätte noch
manches Hühnchen zu rupfen gehabt mit seinem Konkurrenten
Schleicher:
Als Chef der deutschen Spionage hatte
Nicolai in der Kriegszeit fast unbegrenzte Macht, um jeden auf Dauer
ins Gefängnis zu schicken oder um die Taschen seiner Freunde zu
füllen mit den Geldmitteln von Millionen, die ihm zur Verfügung
standen. (…) Er hatte in den vier Jahren ein ziemlich komfortables
Vermögen angesammelt, das er vorsichtig in der Schweiz, in Holland
und in Skandinavien angelegt hatte.
Es hätte eine Jahre
lange Intrige gegeben zwischen der Groener- und der Ludendorff-Gruppe
und als Groener die Nachfolge Ludendorffs angetreten hätte, wäre
für Schleicher die Gelegenheit zur Rache gekommen (S. 131):
Die erste Tat war,
Nicolai daran zu hindern, über die Geldmittel für die Spionage zu
verfügen. (…) Die zweite Tat geschah wenig später, als
Schleicher, nachdem er seinen eigenen Geheimdienst im Hauptquartier
aufgebaut hatte, aufdeckte, dass mehr als die Hälfte von Nicolai's
ausländischen Agenten im Dienst des britischen oder französischen
Geheimdienstes standen.
Nun kam für Nicolai
die Gelegenheit, einen Ausgleich zu erzielen in ihrer langjährigen
Fehde. (…) Unglücklicherweise hatten die vielen Fehlschläge
seiner Spionageorganisation während des Krieges dem alten General
nicht zur Lehre gedient. Außerdem fehlte ihm Erfahrung in
Kriminologie.
Nun folgten also
Nicolai's Agenten Schleicher, der wiederum darüber amüsiert gewesen
sei. Es folgt wieder eine haarsträubende Geschichte über erfolglose
Versuche gegen Schleicher. Aber als Nicolai nun Eva Braun auf
Schleicher ansetzen will, offenbart sie ihm, dass sie und Schleicher
sich gegenseitig lieben würden und sie deshalb nichts gegen
Schleicher tun würde. Harter Tobak!
Dass Walter Nicolai überhaupt einen
Auslandsgeheimdienst für die Nationalsozialisten betrieben habe,
weiß offenbar nur – Felix Gross. Sonst findet man darüber nichts
in der Literatur, auch nicht andeutungsweise. Und indem man das auf
sich wirken lässt, wächst natürlich auch der Zweifel dahingehend,
was an den Geheimdienst-Geschichten des Felix Gross überhaupt dran
ist. War sein Grosses Vorbild etwa nicht nur der leichtlebige Fürst
Pückler, über den er 1943 ein Buch herausbrachte, sondern mehr noch
- der Baron Münchhausen?
Denn alles folgende ist so grotesk
Münchhausen-mäßig, dass man sich schämt, sich überhaupt damit zu
befassen: Nicolai lässt Eva Braun in einem Zimmer einsperren und
bewachen, Schleicher entführt sie und verbringt mit ihr einen Tag
auf der von Hanussen geliehenen Yacht. Hitler ist untröstlich, weint
die ganze Nacht, so dass sich schließlich Röhm auf die Suche nach
der entschwundenen Eva Braun macht, seinen Freund Schleicher in
keinem ihrer gemeinsamen Berliner Nachtlokale findet, schließlich
bei Oskar von Hindenburg vorspricht, und der ihm den Aufenthaltsort
von Schleicher verrät. Dorthin fliegt Röhm mit einem Flugzeug, das
auf dem Wasser landen kann.
Und Schleicher gibt Eva Braun erst heraus, als ihm
Röhm verspricht, dass er, Schleicher, in der Bendlerstraße bleiben
kann, wenn sie, die Nationalsozialisten die Macht übernommen haben.
Solche Kapitel können natürlich auch den
Eindruck erwecken, als ob Felix Gross nur geblufft hat, als ob er
sich als ein „Kenner“ der Geheimdienstszene ausgegeben hat, ohne
es wirklich zu sein. Und als ob er sich die haarsträubendsten
Geschichten ausgedacht hat, um ein Publikum, das nichts anderes hören
wollte als Sensationen, zufrieden zu stellen. Dann wäre das alles
schlimmste Hochstapelei zu nennen.
12. Kapitel: Die „schwarzen Hundert“ des
Walter Buch
Das 12. Kapitel handelt
dann von Walter Buch (1883-1949), 1927 bis 1934 Leiter des
„Untersuchungs- und Schlichtungsausschusses“
(UschlA) der NSDAP, ab 1934 umbenannt zum obersten Parteirichter der
NSDAP. Auch der enge Mitarbeiter von Buch Emil Danzeisen (1897->1937)
ist Thema. Auf dem Wikipedia-Artikel zu letzterem steht, was im April
1932 durch die Presse ging, und was auch das Thema von Felix Gross
ist. Nämlich Hinweise auf eine „Tscheka im Braunen
Haus“ und auf die Existenz einer mit parteiinternen
Mordaufträgen befassten „Zelle G“ in der Reichsleitung der
NSDAP. Auf Wikipedia steht auch, der Historiker
Dornheim vertritt die These, dass
Danzeisen in den frühen 1930er Jahren das Oberhaupt einer privaten
Terrorgruppe gewesen sei, die Buch in seiner Eigenschaft als
Vorsitzender des Obersten Uschlas der NSDAP unterhalten habe, um ein
effektives Werkzeug zur Disziplinierung der Partei in die Hand zu
bekommen. Als Beleg hierfür verweist er auf eine
Gestapo-Untersuchung aus dem Jahr 1937 über „eine Terrorgruppe
Rödl-Danzeisen“, die sich vorwiegend aus Angehörigen des
SA-Sturms Laim zusammengesetzt habe.
All das war aufgeflogen
im Zusammenhang mit Plänen zur Ermordung der homosexuellen
SA-Führung im Jahr 1932. Darüber ist auch zu erfahren:
Der Plan, angeblich von dem
„Skalden-Orden“ betrieben, wurde nicht umgesetzt, weil sich
Himmler schützend vor Röhm stellte.
Felix Gross nun
berichtet zusätzlich, dass 1930 insbesondere auch Otto Strasser um
sein Leben gefürchtet habe. Gross weiß von unzähligen
Mordanschlägen auf Strasser zu berichten. Was er außerdem über
Buch berichtet, findet sich, soweit übersehbar, sonst nirgends in
der Literatur:
Während des Krieges (…) war er
freiwillig General der Militärpolizei eines Armeekorps. Egal ob ein
Spion oder ein beschuldigter Franc-tireur durch ein
Erschießungskommando erschossen wurde oder an einem Baum erhängt
wurde, Buch besuchte jede Exekution persönlich. Die Todesurteile von
Buch's Gerichtshof erreichten bald eine so alarmierende Zahl, dass
selbst die kaltblütigsten Stabsoffiziere im Generalhauptquartier
sich schüttelten, wenn sie die Berichte von diesen Massenexekutionen
lasen. Das Oberkommando versuchte, den Vampirismus dieses
augenscheinlich blutdürstigen Verrückten zu beenden.
Als oberster
Parteirichter hat Walter Buch auch die zahlreichen Mordtaten und
sonstigen Straftaten anlässlich der Reichskristallnacht 1938 für
größtenteils straffrei erklärt.
Das Resümee dieses Kapitels ist: Das Verhalten
Röhms bei den vorangegangenen Vorgängen rund um Eva Braun und Kurt
von Schleicher veranlasst Buch, Himmler anzuweisen, eine Akte Röhm
anzulegen, um Material zu sammeln, mit dem eine künftige Exekution
Röhms gerechtfertigt werden könne. Buch wird von Gross als der
düstere, allen Parteimitgliedern gefährliche und gefürchtete Mann
der NSDAP im Hintergrund geschildert. Es passt das überraschend gut
zu der Charakterisierung des Skalden-Ordens durch einer
Hintergrundpolitikkritikerin wie Mathilde Ludendorff.
13. Kapitel: Sein Leben eine einzige Lüge -
Hindenburg
Im 13. Kapitel lässt
Gross Paul von Hindenburg über die Bühne spazieren und sich für
Franz von Papen als Reichskanzler entscheiden. Neben viel Belanglosem
und Dummen sagt Gross dann aber wieder etwas, das so deutlich erst
mit den neuesten Hindenburg-Biographien wieder gesehen und gesagt
wird. Er charakterisiert Hindenburg nämlich als eine lebenslange
Täuschungsmaschine (S. 149f):
Diese neunzehn Millionen Wähler (…)
die erst wenige Wochen zuvor in den Reichspräsidentenwahlen für
Hindenburg gestimmt hatten und dabei einen königlichen Kampf gegen
seinen Opponenten Hitler geführt hatten, fühlten sich nun vom
Präsidenten verraten. Den Mann, dem er seine Wiederwahl verdankte,
Dr. Brüning, entließ er wie einen untreuen Diener. (…) Allmählich
wurde es offenbar, dass das ganze Leben von Hindenburg eine
kontinuierliche Lüge gewesen ist, ein fortlaufender Verrat derer,
die ihm vertraut hatten.
Und Gross geht dann die
ganze Reihe seiner Verrats-Handlungen durch. Auch Falkenhayn, mit dem
er befreundet war, sei schon während des Krieges von ihm verraten
worden:
Er krönte seine
Serie von Treulosigkeiten schließlich, indem er seinen ersten
Mitarbeiter preisgab oder viel mehr jenen Mann, der im Namen des
Marschalls tatsächlich in den letzten drei Jahren den Krieg und in
den letzten zwei Jahren die Politik geführt hatte – Erich
Ludendorff. Ohne den leisesten Versuch, Ludendorff gegen die Angriffe
des Parlaments zu verteidigen, opferte Hindenburg seinen Kameraden
auf dem Altar des Reichstages, um seine eigene Position zu sichern.
Einen Sinn für Dankbarkeit und menschlichen Anstand hat Hindenburg
nie besessen.
Mit derselben
Gleichgültigkeit hatte er seinen Kaiser verraten, seinen
allmächtigen Kriegsherrn, an den er durch einen Treueid gebunden war
(...). Er bot seinem Souverän nicht die Verteidigung an gegen
meuternde Truppen, obwohl sein gutes Beispiel die loyalen Soldaten
und Offiziere beträchtlich ermutigt hätte. Nein stattdessen gab er,
der höchste Armeekommandeur, seinem Souverän am 9. November 1918
den Rat (…), abzudanken und ein Deserteur zu werden durch eine
Flucht nach Holland. (…)
Mit derselben
Gewissens-Elastizität gab Marschall von Hindenburg einen Treueid auf
die neue Republik ab.
Dann aber gab
ausgerechnet wieder Hindenburg den Rat, den Vertrag von Versailles zu
unterzeichnen. Reichspräsident Ebert, der in dieser Sache auf
Hindenburg vertraut hatte, wäre durch diesen verraten worden.
Hindenburg wäre dann 1925 als Nachfolger Eberts durch politisch
rechtsstehende Wähler gewählt worden, hätte dann aber die
demokratische „Erfüllungspolitik“ gutgeheißen.
Seine alten Freunde nannten ihn einen
Erzverräter.
Dann entließ er Seeckt,
ohne ihn in Schutz zu nehmen dafür, dass er dem Sohn des Kronprinzen
erlaubte, an den Herbstmanövern teilzunehmen. Auch Seeckts
Nachfolger Groener wurde von Hindenburg verraten, so Gross. Und mit
dem Preußenschlag verriet Hindenburg seinen persönlichen Freund
Otto Braun.
Über den Preußenschlag von Papens sagt Gross (S.
153):
Noch willkommener war Herrn von Papen,
dem Grossen Verschwörer, die Tatsache, dass er die preußische
Geheimpolizei unter seine Kontrolle gebracht hatte mit ihrem
ausgedehnten Netzwerk von hunderten von bezahlten und freiwilligen
Agenten. Nun hatten sie für ihn zu arbeiten. Es kam nicht in seinen
naiven Intellekt, dass die ganze preußische Polizeikraft,
insbesondere nachdem die Sozialisten von allen Schlüsselpositionen
entfernt waren, durchsetzt war von Nazis auf allen Ebenen. Für Papen
war es wichtiger, seine guten Freunde, Oskar Hindenburg, Dr. Meissner
und General von Schleicher sorgfältig überwacht zu wissen, ihre
Korrespondenz abgefangen und ihre Telefongespräche abgehört.
Er lässt dann den
Reichskanzler von Papen am 13. August 1932 darüber nachdenken, wie
er zu einer engeren Zusammenarbeit mit Hitler kommen könne und lässt
ihn im Herrenclub mit Joachim von Ribbentrop zusammentreffen (S.
155). Nun wird diese neue Bühnenfigur dem Leser vorgestellt samt
ihrer Vorgeschichte. Nach dem ersten Gespräch mit Hitler (im Sommer
1932) sei er als künftiger Außenminister vorgesehen gewesen. Und
das erste, was Gross ihn tun lässt, ist, einen Geheimdienst zu
gründen (S. 161):
So erschien ein neuer Geheimdienst auf
dem politischen Schlachtfeld, neben General Schleicher's
Nachrichten-Abteilung, der preußischen Geheimpolizei jetzt unter von
Papens manikürten Krallen, Herr Himmler's Sicherheitsdienst, das
Marine-Auskunftsbüro, das kommunistische Nachrichtenzentrum im
Liebknecht-Haus, durch Moskaus GPU gut ausgestattet mit Personal und
Geldmitteln, Dr. Meissner's „Untersuchungs- und
Nachrichten-Abteilung“, die Dr. Goebbels-Hanussen-Charme-Brigade,
Röhms SA-Nachrichten-Abteilung, Rosenbergs Geheimdienst, Major
Buch's Schwarze Hundert und General Nicolai's Amateur-Detektive.
Ribbentrop ist von
Hitler zu Papen geschickt worden, damit dieser die Aussichten für
die nach der Reichstagswahl stärkste Partei des Reichstages, die
NSDAP, ausloten würde. In diesem Gespräch im Herrenclub bietet von
Papen (laut Gross) Hitler den Vizekanzlerposten:
„Männer
können ihn nicht beeinflussen oder überzeugen, aber Geister können
es, Gott sei Dank. Ich weiß nicht, wie unsere Hofastrologen es
deichseln, aber es funktioniert. Sie kennen sicherlich die alte Frau
Bechstein. Ihr verstorbener Ehemann ist sozusagen Adolfs Agent im
Himmel. Im Namen unseres Führers konsultiert er regelmäßig die
Geister von Friedrich II., Bismarck und Hitlers Mutter und
übermittelt ihre Meinung zur lieben Mama Bechstein. Wenn also andere
Mittel fehlgehen, kann ich einfach unsere Geisterbeschwörer rufen.“
Herr Hanussen und Frau
Bechstein waren tatsächlich in letzter Zeit sehr beschäftigt
gewesen. Jeden Tag, manchmal zwei mal am Tag wurde per Telefon oder
Telegramm das tägliche Horoskop an Herrn Hitler übermittelt, der es
sorgfältig studierte – und seine Vorhersagen, Warnungen und
Ratschläge stillschweigend akzeptierte. Aber nicht nur Dr. Goebbels
und Graf Helldorf benutzten die Dienste des gerissenen Scharlatans zu
Beeinflussung Hitlers. Ohne Dr. Goebbels Wissen hatten auch Röhm und
Schleicher ihre Wege in Hanussens magische Hinterzimmer gefunden.
Schleicher hatte mehr Geld zu seiner Verfügung als Goebbels, da er
Zugriff hatte auf die unerschöpflichen Millionen des
Reichswehr-„Propaganda“-Topfes.
Ohne ihr
Wissen stand Frau Bechstein drahtlos in Verbindung mit der vierten
Dimension. Es war Himmlers Idee, ausgearbeitet durch seine technische
Abteilung. Er hatte bei Frau Bechstein ein neues Medium eingeführt,
den Jungen „Rudi“, der sie, so überzeugte er die alte Dame, in
direkter Verbindung bringen würde mit ihren verstorbenen Ehemann.
Alle Fragen, die ihm von Frau Bechstein gestellt wurden, musste Rudi
in einen Morsecode auf den Fußboden klopfen. In dem Raum direkt
darunter, gemietet von Himmler, waren seine Männer ausgerüstet mit
einem tragbaren drahtlosen Sender. Einer der Männer in der Wohnung
hielt während der Séance immer einen Miniaturlautsprecher in seiner
Tasche und aus ihm kamen in einer rauchigen, geisterhaften Stimme die
Antworten. Die arme alte Frau konnte nicht wissen, dass es die Stimme
von einem der Himmler-Gruppe war. Andächtig schluckte sie die Worte
ihres geliebten verstorbenen Ehemannes, der nun in berühmter
Begleitung wandelte und ihr von seinen vielen freundschaftlichen
Gesprächen mit den Geistern von Napoleon, Alexander dem Grossen,
Bismarck und Richard Wagner erzählte, einmal sogar mit Siegfried,
dem Helden, auf einem Besuch in Walhalla. Und war er ihr erzählte,
berichtete sie sofort an ihren Führer, der immer gern wertvollen Rat
aus der geistigen Welt hörte.
Ribbentrop wusste
nichts von den Details dieses spirituellen Übermittlungs-Services,
sondern nur von seiner Existenz selbst.
(Original:)
„But,“ continued Papen in a rather resigned tone, „what is the
use of talking about it? Herr Hitler is too stubborn to be
influenced, even by such an experienced negotiator as you are, my
dear Rib.“
That was
a bull's eye (Volltreffer) for Papen. But Ribbentrop burst out
laughing.
„You
think our Adolf could not be influenced? That's your opinion. But I
know better. Men cannot influence or persuade him, but stars and
spirits can, thank heaven. I don't know how our court astrologers
manage it, but it works. You certainly know old Frau Bechstein. Her
late husband is, so to say, our Adolf's agent in heaven. On our
Führer's behalf, he regularly consults the spirits of Frederick II,
Bismarck, and Hitler's mother, and communicates their opinion to dear
Mama Bechstein. So if other means fail I can simply call on our
necromancers.“
Herr
Hanussen and Frau Bechstein had, indeed, been kept busy recently.
Every day, sometimes twice a day, by telephone or telegram, the day's
horoscope was submitted to Herr Hitler, who carefully studied it –
and silently accepted its predictions, warnings, and recommendations.
But not only Dr. Goebbels and Count Helldorf used the cunning
charlatan's services in influencing Hitler. Without Dr. Goebbel's
knowledge, Roehm and Schleicher had also found their way to
Hanussen's magic chambers. Schleicher had more money at his disposal
than Goebbels, having access to the inexhaustible millions of the
Reichswehr 'Propaganda' funds.
Unbeknown
to Frau Bechstein, she was now in direct wireless communication with
the fourth dimension. It was Himmler's idea, worked out by his
technical department. He had introduced to Frau Bechstein a new
medium, the boy 'Rudi' who, he persuaded the old lady, would put her
in direct touch with her late husband. All the questions put to him
by Frau Bechstein Rudi had to tap in morse code on the floor. In the
room directly below, rented by Himmler, were his men equipped with a
portable wireless transmitter. One of the men in the room during the
séance always held in his pocket a miniature loudspeaker, and out of
it, in a husky ghostly voice came the replies. The poor woman could
not know that the voice belonged to one of the Himmler squad.
Devoutly she swallowed the words of her beloved late husband, who now
moved in illustrious company and told her of his many friendly talks
with the spirits of Napoleon, Alexander the Great, Bismarck, and
Richard Wagner, once even with Siegfried, the hero, on a visit from
Valhalla. And what he told her, she reported immediately to her
Führer, who was always glad to receive valuable advice from the
spirit world.
Ribbentrop
did not know the details of this spiritual relay service, but only of
its existence. To Papen it seemed a useful instrument. He agreed to
meet Hitler immediately on his arrival in Berlin, after der Führer
had been sufficiently prepared by stars and ghosts to seize the hand
offered by Herr von Papen.
So endet das 13.
Kapitel.
14. Kapitel: Helene Bechstein warnt Hitler vor
Vizekanzlerschaft (August 1932)
Im 14. Kapitel ist
zunächst Magda Goebbels schlecht gelaunt, weil sie die Gunst Hitlers
an Eva Braun verloren hat (S. 166f).
Schließlich heißt es über die dann erfolgte
Aussprache zwischen Hitler und von Papen (ebd., S. 168):
Sie war ein Fehlschlag
gewesen, die Unterredung mit dem Junker. Goebbels fragte sich nun, ob
es ratsam gewesen war, den Rat von Hanussen's Horoskopen einzuholen,
“dass Hitler alles fordern sollte und sich nicht mit Teilen
zufrieden geben sollte.” (…) Die Geister, die von Frau Bechstein
angerufen worden waren, hatten seine Entscheidung beeinflusst.
(Original:) It had been a
failure, this interview with the Junker. Goebbels now wondered
whether it had been advisable to employ Hanussen's horoscopic advice
that Hitler should „ask for everything and not be satisfied with
parts.“ (…) Nazi prospects, so rosy that morning, seemed to have
disappeared. (…) Adolf once again had been afraid of his own
courage. The spirits cited by Frau Bechstein had influenced his
decisions.
Am gleichen Abend
bekommt Hitler in der Gesellschaft von Goebbels einen Brief (ebd., S.
169):
„Mein
verehrter Führer, lieber Adolf,
in diesen aufregenden
Tagen sind meine Gedanken mit Ihnen. In Ihren starken Händen liegt
das Schicksal unseres geliebten Vaterlandes. Aber ich möchte Sie
wissen lassen, was mein guter Ehemann von der „anderen Seite” zu
berichten wusste. Er sagte mir, dass er mit dem Geist von Bismarck
gesprochen hätte, der ihm gesagt hat, dass Sie auf dem richtigen Weg
wären, und dass Sie tatkräftig bleiben und nicht nachgeben sollen.
Sie werden alles, was sie wünschen mit ein wenig Geduld erhalten.
Ihre Freundin
Tante Bechstein.“
„My
adored Führer, dear Adolf,
In these
exciting days my thoughts are with you. In your strong hands the fate
of our beloved Fatherland is safe. But I wanted to let you know what
my good husband had to report from the other side. He told me that he
had communed with the spirit of Bismarck, who said that you were on
the right path, that you should remain energetic and not yield. You
would get all you deserved with a little patience.
Your
loving friend
Tante Bechstein.“
„Dear
Auntie Bechstein,“ Hitler said with a sigh, „she always was right
in her predictions, sometimes even more so than your – what is his
name again? - that Herr Hanussen.“
Goebbels thought it
wiser not to reply.
Auch die darauf
folgende, nur sehr kurze Aussprache zwischen Hindenburg und Hitler –
am 13. August 1932 - endet ohne Ergebnis. Gross beendet das Kapitel
mit den folgenden abstrusen Worten über Adolf Hitler:
Ein geschlagener Mann kehrte in das Hotel
Kaiserhof zurück. Niemand stellte dort noch irgendwelche Fragen. Bis
in die frühen Morgenstunden hörten ihn seine Gehilfen Brückner,
Schreck und Schaub weinen.
15. Kapitel – Leni Riefenstahls Affären mit
Schleicher und Hitler
Das 15. Kapitel
schildert zunächst eine Affäre zwischen Kurt von Schleicher und
Leni Reifenstahl. Und indem man das auf sich wirken lässt, fällt
einem auf, dass die abstrusesten Frauengeschichten dieses Buches –
neben Hitler - immer mit Kurt von Schleicher zu tun haben. Erst soll
Schleicher mit Eva Braun, dann mit Leni Riefenstahl ein Verhältnis
gehabt haben. Liegt der Grund dafür nur darin, dass Schleicher 1941
schon tot war und nicht widersprechen konnte? Oder ist das etwa eine
späte Rache des Felix Gross an seinem einstigen Vorgesetzten, indem
er ihn als so lächerlich wie nur irgend möglich darstellt?
Dann bekommt Schleichers Geheimdienst heraus, dass
Hitler während des Ersten Weltkrieges gar kein Eisernes Kreuz
erhalten hätte, und dass er sich mehr Heldentum in der Kriegszeit
zugeschrieben hätte, als er tatsächlich geleistet hätte.
Schleicher sammelt solches Material, um Hitler damit erpressen zu
können.
Dann ist Leni Riefenstahl bei Hitler in
Berchtesgaden und bringt Hitler in diesen Jahren das erste mal zum
Lachen, so Gross, mit einem Witz. Von da an wäre Hitler für
niemanden mehr ansprechbar gewesen, da er sich nur noch um Leni
Riefenstahls gekümmert habe. Dann lässt Gross Himmler sich Gedanken
machen darüber, wie er dennoch Zugang zu Hitler bekommen könne (S.
186):
Sollte er Hanussen benutzen? Aber dieser
Schwindler legte schon Goebbels aufs Kreuz, indem er für Schleicher
arbeitete. Man konnte sich auf ihn nicht verlassen. Und, nebenbei,
Goebbels schien, obwohl noch immer halbherzig, auf Schleichers Seite
zu sein.
Mit den Klavierkünsten
von Putzi Hanstaengl gelingt es dann doch noch, Hitler aus der Nähe
von Leni Riefenstahl abzuziehen. Zurück bleibt die trauende
Riefenstahl. Das Kapitel endet mit den Worten: „Leni Riefenstahl
weinte.“ Die Haare stehen einem erneut zu Berge beim Lesen.
16. Kapitel – Der Osthilfe-Skandal
Über die Zeit vor der
zweiten Unterredung Hitlers mit Hindenburg im Jahr 1932 (am 19.
November?) schreibt Gross (S. 193f):
Hitler hörte den unterschiedlichen
Meinungen auf den „Führertreffen“ nur zu. Astrologische
Schaubilder spielen eine Grosse Rolle in seinen Entscheidungen. Herr
Hanussen fuhr fort, sie in ausreichender Zahl entsprechend der
Anweisungen von Dr. Goebbels zu liefern. Tante Bechstein, nicht
bewusst der Steuerung durch Herrn Himmler und seine kabellosen
Experten, schickte Hitler mehrmals am Tag Berichte „von der anderen
Seite“.
Das Kapitel wartet mit
weiteren geheimen, aber erfolglosen Mordanschlägen auf Kurt von
Schleicher auf, der – nach der Erzählung von Gross - „tausend
Leben“ gehabt haben muss. Auch habe Himmlers Geheimdienst damals
als erster die Methode des Mordes durch Luftembolie (Injektion von
Luftbläschen in die Blutbahn) benutzt. Gross (S. 195):
Einige Zeit später starben plötzlich
zwei deutsche Diplomaten der alten Schule, die mit Herrn von
Ribbentrop in Konflikt geraten waren – Dr. Koester und Herr von
Hoesch, die deutschen Botschafter in Paris und London – beide an
Luftembolie.
Damit ist gemeint
Leopold von Hoesch (1881-1936), über den es auf Wikipedia heißt:
Er galt unter den
deutschen Missionschefs der Zwischenkriegszeit als der fähigste
Diplomat. Zu seinen persönlichen Gegnern sollte nach 1933 schnell
Joachim von Ribbentrop zählen. (…) König Eduard VIII.
charakterisierte ihn als „Guten Diplomatischen Vertreter des
Deutschen Reichs, und Schlechten Vertreter des Dritten Reichs“.
Hoeschs Warnungen vor
einem deutschen Einmarsch in die entmilitarisierte Zone des
Rheinlands, durch den der als Lebenswerk des Diplomaten angesehene
Locarno-Vertrag von 1925 zerrissen wurde, blieben von Hitler
ungehört. Auch erwies sich der am 21. März 1936 nach Berlin
übermittelte Eindruck, dass „Europa nur knapp an einem Brand
vorbeigekommen sei“, angesichts der Reaktionen der Westmächte als
übertrieben.
Leopold von Hoesch
erlag am 10. April 1936 einem Herzschlag. Kurz nach seinem Tod
kursierten in der britischen Boulevardpresse Theorien über einen
angeblichen Suizid des Botschafters oder über eine Ermordung durch
die Gestapo. Im August 1936 übernahm Joachim von Ribbentrop seinen
Posten als Botschafter in London.
Roland Köster
(1883-1935) starb am vier Monate früher am 31. Dezember 1935. Über
ihn heißt es auf Wikipedia lediglich:
Von November 1932 bis zu seinem Tod war
er Botschafter in Paris. Köster starb an Lungenentzündung. (…)
Sein Neffe Ernst vom Rath war ebenfalls in der Botschaft in Paris
beschäftigt.
Von Rath fiel zwei Jahre
später dem Grynszpan-Attentat zum Opfer.
Diese Mordanschläge führte Schleicher auf
Himmler und Nicolai, vielleicht sogar auf Papen zurück. Im Gegenzug
versuchte er, so Gross, Klarheit in die Vorgänge rund um den
Osthilfe-Skandal zu bekommen (S. 196f):
Schleicher hielt eine Unterredung ab mit
dem Chef seiner Nachrichten-Abteilung, Major von Busche, einem sehr
tüchtigen früheren Kriminalinspektor.
Sollte Gross hier auf
Erich von dem Bussche-Ippenburg (1878-1967) anspielen wollen? Dieser
war aber immer nur Berufssoldat und kein Kriminalinspektor. In der
„Weltbühne“ von 1933 heißt es über diesen (S. 934-936):
Die Linke in
Deutschland hat erhebliche Illusionen auf die Führer des
Reichsheeres verschwendet. In den von ihr gelieferten Aspekten
erschien der General Kurt von Schleicher als der Ritter Georg, der
den Drachen tötet. ...
… Busche-Ippenburg,
der noch am 2. Oktober 1918 vor dem Hauptausschuss des Reichstages in
Ludendorffs Auftrag jene schwarz in schwarz malende Aufklärungsrede
über den wirklichen Stand an den Fronten gehalten hatte. (…)
… Die Gruppe hat
sich später durch Kooption verstärkt; so wurde von
Hammerstein-Equord zugezogen, von dem Bussche stieg mit Schleicher
auf; mit Schleicher übersprang er manchen Vordermann. Zuletzt war
er, in Schleichers Vollmacht, Chef …
Auf Wikipedia heißt es
über denselben nur:
1930 wechselte er – inzwischen
Generalmajor – ins Reichswehrministerium, um dort unter General
Kurt von Hammerstein-Equord Chef des Heerespersonalamts zu werden. In
dieser Eigenschaft nahm er auch an der historischen Besprechung
Hitlers mit der Reichswehrführung am 3. Februar 1933 teil, worin der
neuernannte Reichskanzler erstmals sein außen- und kriegspolitisches
Programm offenlegte.
Nun, der Chef des
Heerespersonalamts hat zwar einen einflussreichen Posten, ist aber
nicht Chef der Nachrichten-Abteilung. Diese „Ungenauigkeiten“
erwecken den Eindruck, als ob Gross über die Nachrichten-Abteilung
in der Bendlerstraße damals doch nicht vollgültig orientiert
gewesen zu sein scheint, also auch nicht Mitarbeiter derselben
gewesen sein wird. Oder ist hier die falsche Verwendung, bzw.
Verwechslung von Namen – wie bei „Dr. Baschwitz“ - sehr bewusst
angewandt worden von Gross?
Jedenfalls gelingt es der Nachrichten-Abteilung
der Bendlerstrasse schließlich, an die nötigen Unterlagen über den
Osthilfe-Skandal zu kommen.
Auch zum Thema Osthilfe-Skandal, der von Erich
Ludendorff damals in seiner Wochenzeitung sehr breit thematisiert
worden ist,
bringt Gross überraschend umfangreiche Detailkenntnisse zu Tage. Die
Bedeutung dieses Skandals für die Ernennung Hitlers zum
Reichskanzler jedenfalls wird von Gross mit Grossem Recht
hervorgehoben – im Gegensatz zur Mehrheit der Historiker heute.
Auch das muss eindeutig als ein Pluspunkt seiner Darstellung gewertet
werden. Merkwürdigerweise weist die Darstellung von Gross sowohl
überdurchschnittliche Glanzpunkte wie überdurchschnittliche
Schwächen auf. Hier also einmal wieder ein Glanzpunkt, Gross
schreibt über Schleicher (S. 197-200):
Mit diesem Material
in der Hand war Hindenburg abhängig von seiner Gnade. Wenn es
veröffentlicht worden wäre, würde sich daraus in Deutschland ein
Skandal ergeben, im Vergleich zu dem selbst der Panama-Skandal nicht
mehr als eine Taschendieb-Affäre wäre.
Der Staat, so fand
Schleicher, war um dreihundert Millionen Mark beraubt worden. Die
armen Bauern, für die diese Gelder bereitgestellt worden waren,
hatten so gut wie gar nichts erhalten. Doch der Hindenburg-Clan, nahe
und entfernte Verwandte des Präsidenten, hatten Millionen erhalten
und Schleicher konnte nur annehmen, dass ein Anteil von all diesen
Geldern als Kommission in Oskar von Hindenburgs tiefe Taschen
gewandert war. Neffen des alten Hindenburg hatten das Beispiel für
andere gegeben und kauften schnell einige billige Güter, für die
die Unterstützungen vorgesehen waren. Und nachdem sie einige hundert
tausend Mark erhalten hatten, verkauften sie die Güter wieder, um
das erhaltene Geld zum Spekulieren in Aktien zu benutzen oder auch
nur um es zu verschwenden.
Die Frau des
Exkaisers, eine Millionärin eigenen Rechtes, hatte eine
Unterstützung für eines ihrer Güter erhalten, die über eine halbe
Million betrug, und hatte das Geld auf ihr Bankkonto in Holland
transferiert. Der alte Baron Oldenburg-Januschau, der wohlhabendste
aller ostpreußischen Landbesitzer, und Präsident Hindenburgs
intimer Freund und Nachbar, kaufte mit seinen Subsidien ein neues
Zehntausend-Morgen-Gut, sein fünftes Gut in jenem Landkreis. Kein
Name des preußischen Adels fehlte auf dieser Liste der unterstützten
„Bauern“. (…)
Schleicher betrachtete
dieses Material als eine schwelende Bombe, bereit geworfen zu werden,
wenn der alte Hindenburg nicht aufhörte mit seinen Forderungen,
Papen in der Regierung zu belassen. Es stand nun in Schleichers
Macht, Hindenburg ebenso zu zerstören wie Papen. (…) Kurti
Schleicher musste vorbereitet sein, die Regierung selbst zu
übernehmen. (…) Und Präsident Hindenburg sagte dem General in
diesen letzten Tagen des November plötzlich, dass er die
Kanzlerschaft übernehmen musste. (…)
Am folgenden Tag
präsentierte Schleicher Hindenburg Gregor Strasser als einen
Kandidat für die Vizekanzlerschaft. (…) Hitler schien zuzustimmen
und sagte Strasser, dass er nach Berlin kommen würde, um die
Angelegenheit zu besprechen. Die innere Clique (…) war alarmiert.
Von Göring kam nun die
Behauptung, dass Gregor Strasser den Führer verraten hätte, denn
nach den Auskünften, die er aus der nächsten Umgebung von
Hindenburg erhalten hatte, wollte Hindenburg Hitler selbst zum
Kanzler machen. Und damit verlor Gregor Strasser die Gunst Hitlers
(S. 205). Das stimmt so, soweit übersehbar, ganz gut mit den
historischen Tatsachen überein.
Aber gegen Ende des Kapitels muss Gross wieder
maßlos überzogen gefühlvoll werden, um seine Darstellung ins
Kaffkaeske überzuleiten. Nachdem Strasser - nach Hitlers
Verratsvorwurf – abrupt Hitler verlassen hat, fängt Hitler einmal
erneut an – zu weinen. Ja, er bricht sogar zusammen und windet sich
mit tierischen Schreien auf dem Boden (S. 206). Ohne dergleichen
scheint es bei Gross am Ende eines Kapitels nicht abgehen zu können
und allmählich wittert man dahinter Methode. Hat er womöglich
zunächst die ernsthaften Abschnitte dieses Buches geschrieben, um
sie dann schmückend mit wilden „Sex and Crime“-Geschichten zu
umgeben? Und warum? Wollte er die Wahrheit sagen – aber dennoch gut
versteckt und getarnt?
17. Kapitel: Machtübernahme (Januar 1933)
Das 17. Kapitel
behandelt dann die Reichskanzlerschaft Schleichers und dass
Schleicher an jedem Tag derselben nur Verrat und Fehlschläge sehen
würde. Auch sein Zugehen auf die Sozialdemokratie als Bündnispartner
und das Alarmiert-Sein seiner politischen Gegner durch diese Schritte
werden erwähnt (S. 207). Eine neue Figur lässt Gross auf die Bühne
spazieren: Hjalmar Schacht als Unterstützer Hitlers (S. 208f) und
als Alternative zu Gottfried Feder (S. 212).
Felix Gross schildert Hitler dann am
Weihnachtsabend 1932 in Berchtesgaden folgendermaßen (S. 213):
Hitler schüttelte traurig seinen Kopf.
Das Ende kam mit Grossen Schritten. Das Ende der Partei. Und noch
mehr sein eigenes Ende. Eher als unter dieser Schande zu leben, eher
als das eigene Werk zerstört zu sehen, würde er sich erschießen.
Und dann werden wieder
einige „Nur-Unterhaltungs“-Abschnitte eingeschoben. Münchhausen
Felix Gross erzählt wieder eine seiner wilden komödiantischen
Geschichten. Wahrscheinlich um gegen Schluss noch einmal das ganze
Bühnenpersonal von „Hitler's Girls“ aufmarschieren lassen zu
können: Magda Goebbels, Emmy Sonnemann, Leni Riefenstahl, Eva Braun,
Frau Esser, Rosa von Schirach, Henny Hoffmann und Frau Bechstein
kommen, um dem einsamen Hitler zu helfen, Weihnachten zu feiern. Und
dahinter steckt ein „Scherz“ von Kurt von Schleicher und seinem
Mitarbeiter „von Busche“, die diese Besuche durch fingierte
Anrufe bei den Frauen ausgelöst hatten. Und zwar als eine kleine
Bestrafung dafür, dass Hitler Schleicher Leni Riefenstahl
ausgespannt hatte.
Aber dann geht die Geschichte wieder ernsthafter
weiter (S. 217):
Es wurde Schleicher
berichtet, dass es ein lebhaftes Telefongespräch gegeben hätte
zwischen Ribbentrop und einem gewissen Herrn von Schroeder, Bankier
in Köln, in dessen Verlauf geheimnisvolle Vorschläge gemacht
wurden, dass Schroeder zwei Freunde Ribb's treffen würde und helfen
würde, sie zu versöhnen.
Schleicher kannte
von Schroeder als einen der reichsten Männer des Rheinlandes,
Besitzer einer alt-etablierten Bank, die dort die meisten Kohle- und
Stahl-Unternehmungen finanzierte. Herr von Schroeder hatte nie
Interesse an Parteipolitik gezeigt. Selbstgefällig glaubte
Schleicher deshalb, dass der Kölner Bankier nicht plötzlich
irgendwelche politischen Geschäfte mit der antisemitischen
Nazipartei haben könnte, besonders da er einen jüdischen Partner in
seiner Bank hatte.
Auch hier wieder
Andeutungen von jüdischen Hintermännern der Machtergreifung
Hitlers. Und schließlich schreibt Gross (S. 219):
Schleicher, der
niemals geglaubt hatte, dass Hitler sich mit Papen einig werden
würde, musste jetzt, allerdings unglücklicherweise zu spät,
erkennen, dass er sich geirrt hatte. (…)
Erneut floss mehr
Geld in die Nazi-Kassen. (…) Das neue Geld, das so reichlich aus
dem Rheinland kam, diente nicht nur dazu, die wesentlichsten
Parteiausgaben zu bezahlen ...
Sondern natürlich
hätten – nach Meinung von Gross - auch die vielen Nazi-Frauen
einmal erneut von diesen Geldern profitiert. Nun erfolgt die
Machtergreifung Hitlers und die von ihm versprochene „Nacht der
langen Messer“ der SA. Die Ermordung von Hanussen wird dabei ganz
einfach in den allgemeinen Zusammenhang dieser versprochenen „Nacht
der langen Messer“ gestellt (ebd., S. 222):
Herr Eric Hanussen also
thought, on account of his dark complexion and black hair, that it
was more advisable to stay at home. Otherwise he felt sure of
himself. He had worked for der Führer by doing good propaganda work
in his paper and supplying him – free of charge at that – with
two horoscopes daily, for which others willingly paid up to fifty
marks apiece. He was entitled to an honorary membership in the Party
now. That little dark spot in his pedigree should not matter to a man
of his merits. Count Helldorf had only recently reassured him on this
point.
19. Kapitel – Die Deutschen waren nicht
antisemitisch
Das 19. Kapitel
schildert dann, wie sich Berlin bis zum Frühling 1934 für
ausländische Besucher verändert hatte, wobei klar ist, dass er
eigentlich die Entwicklung beschreibt, wie sie sich bis etwa 1939
vollzogen hat. Gross schreibt auch über eine heidnisch-germanische
Religion, die er selbst in Büchern bis 1934 behandelt hatte (S.
229):
Rosenberg, von Schirach und Heß stießen
den Schlachtruf aus, dass „ein guter Nazi nicht Anhänger der
judaisierten christlichen Religion sein kann, an Jesus den Juden
glauben kann und Trost und Kraft in der Bibel suchen kann, dieser
Sammlung von Schwindeleien, Märchen und lächerlichem Unsinn,
erfunden von hakennasigen, krummbeinigen, Geld-anbetenden
orientalischen Betrügern.“ Sie hatten der deutschen Jugend einen
neuen heidnischen Glauben aufgedrängt, eine Vergötterung von „Blut
und Boden“, einen Glauben an die alten germanischen Götter.
Nazi-Deutsche verehrten die Sonne und die Sterne wie es ihre
Vorfahren zweitausend Jahre zuvor getan hatten. Und sie führten alte
nordische Rituale wieder ein: Feuerprobe, Blutsbrüderschaft und
andere schreckliche heidnische Gebräuche.
Gross stellt dann den
heldischen Widerstand von Martin Niemöller und Kardinal Faulhaber
dar. Interessant ist, was Felix Gross dann schreibt (S. 231):
Das deutsche Volk als
Ganzes war niemals antisemitisch. Einige Klassen, vor allem die
untere Mittelklasse, mochte die Juden nicht, aber die Mehrheit der
Deutschen, besonders die deutsche Arbeiterklasse und die gebildete
Mittelklasse interessierten sich überhaupt nicht für die Juden. Sie
waren mit viel wesentlicheren Problemen beschäftigt. Es ist eine
Tatsache, dass man von einer jüdischen Frage in Deutschland gar
nicht sprechen konnte, bis sie von den Nazis aufgegriffen wurde als
ein politisches, wirtschaftliches und soziales Problem. Die deutschen
Juden war schon im Prozess des Verschwindens durch Anpassung und
Mischehen. Ohne Hitler hätten die Juden nach weiteren hundert Jahren
gar nicht mehr existiert.
Aber selbst
Menschen, die aus verschiedenen Gründen leidenschaftliche
Antisemiten waren, lag es nicht, der gnadenlosen Ausrottung der Juden
aus dem kulturellen Leben Deutschlands zuzustimmen. Denn in Musik,
Kunst, Wissenschaft, Literatur, Medizin, Rechtswesen, Philosophie
hatten die Juden mehr beigetragen als ihrem Bevölkerungsanteil
entsprach, wodurch sie Deutschland mit dazu verhalfen, unter die
führenden zivilisierten Länder zu zählen. Nun wurden ihre
Positionen besetzt von Männern, deren vornehmliche Qualifikation in
ihrer Parteimitgliedschaft bestand.
Deutlich wird spürbar,
dass Felix Gross hier an einer ganz seltenen Stelle seines Buches
einmal recht authentisch über sich und über seine persönlichen
Erfahrungen sprach.
Gross spricht wiederholt von „Beefsteak-Nazis“,
die außen braun und innen rot gewesen wären. Von diesen wissen wir
heute womöglich mehr, als zu damaliger Zeit bekannt gewesen ist.
18. Kapitel – Hitlers Astrologin Margarete
Kistner (1934)
Das 18. Kapitel befasst
sich wieder mit Adolf Hitler und seinen Lebensgewohnheiten. Womöglich
diente Gross als Quelle der folgenden Schilderung das 1940 (??)
erschienene Buch „I was Hitlers maid“, das er dann aber dennoch
mit seiner auch sonst vorhandenen blühenden Phantasie ausgeschmückt
zu haben scheint (S. 238):
Tatsächliche oder
eingebildete Schlaflosigkeit machten die Nacht zum Tag. (…) Nicht
ganz klar ist, ob diese Gewohnheit womöglich etwas zu tun hat mit
Hitlers Glauben an Astrologie und Okkultismus. (…) Seine neue
Hausastrologin, Fräulein Kistner, ernannt nach dem vorzeitigen Tod
von Erik Hanussen, war ihm von Hitlers alter Freundin, Frau Bechstein
empfohlen worden, geleitet vom Geist ihres toten Ehemannes. Fräulein
Margarete Kistner war eine einfache, ruhige, fast schwachsinnige
Person, eine alte Jungfer von über vierzig.
Sie wohnte in einem
der neuen Anbauten des Hauses Wachenfeld, beschränkt auf ihre
eigenen drei Räume und eine Küche. Auf dem Tisch in ihrem
Wohnzimmer lagen die Berechnungstabellen der Sterne, astrologische
Bücher, das ägyptische Traumbuch in verschiedenen Ausgaben, einige
Stapel von dreckigen, abgegriffenen Spielkarten, ein Kristall, ein
Pendel, das über einem Grossen Porträt von Hitler schwang, das auf
den Tisch geheftet war, Tassen, um Teeblätter zu lesen, eine
Haselnuss-Wünschelrute, ein altmodisches Stundenglas, einige Grosse
Knochen und ein menschlicher Schädel. Es sah aus wie das Zimmer
eines alten Alchemisten. Fräulein Kistner sah Hitler selten
persönlich. Er war es gewohnt, sie zu jeder Uhrzeit anzurufen.
Deshalb konnte sie ihre Räume nicht verlassen aus Furcht, dass der
Führer sie brauchen könnte. Sie sprach niemals zu irgend jemanden,
außer zu Frau Bechstein während ihrer seltenen Besuche. Nachdem sie
sich in Berchtesgaden eingerichtet hatte, besuchte Himmler sie von
Zeit zu Zeit. Major Buch stoppte diese Besuche sofort. Buch wusste,
dass diese alte Jungfer die mächtigste Person in Deutschland
geworden war.
Die Schauspielerin Renate Müller
Außerdem lässt Gross
in diesem Kapitel Emmy Sonnemann eine offenbar von Gross erfundene
älter gewordene Hollywood-Filmschauspielerin Hitler zuführen, Rona
Blanca, eigentlich Ilona Weisz (S. 246-251). Und Gross schreibt
weiter (S. 251):
Der Filmstar war in
Emmy Sonnemann's Schule gut ausgebildet worden darin, wie Hitler zu
beeinflussen sei, was ihm gesagt werden müsse, was er gefragt werden
müsse. Ihre Hauptaufgabe war, Hitler Misstrauen gegenüber Röhm
einzuflößen und beim Führer Furcht vor einem möglichen Aufstand
der braunen Sturmtruppen zu erwecken. Göring und seine beiden
weiblichen Helfer wurden unterstützt durch eine dritte Frau – das
alte Fräulein Margarete Kistner, des Führers Pythia im Haus
Wachenfeld.
Göring oder eher
seine Freundin Emmy hatten gelernt, wie voller Gebrauch von der
Berliner Geheimpolizei gemacht werden könne, die unter dem Befehl
des preußischen Ministerpräsidenten stand. Als Himmlers direkter
Vorgesetzter hätte Göring ebenso auch Gebrauch von der Gestapo
machen können. Aber zu jener Zeit war er noch unsicher, ob er
Himmler vertrauen könne. Görings eigene Agenten waren in direkten
Kontakt mit Frau Bechstein durch ein neues Medium gekommen, eine
junge Studentin, die klug all die spirituellen Tricks beherrschte und
die in Frau Bechstein's okkulten Zirkel gelotst worden war.
Ausgestattet mit dem notwendigen Material über die
Privatangelegenheiten der alten Dame konnte sie sie leicht
hereinlegen. Nachdem das neue Medium Nachrichten vom der geistigen
Welt übermittelt hatte, geschrieben in der Handschrift von Frau
Bechstein's verstorbenem Ehemann – vorbereitet von einem
Spezialisten in Himmlers Diensten, der einen alten Brief als Modell
genommen hatte – war die alte Dame überwältigt und leitete diese
Nachrichten weiter zu Fräulein Kistner in Berchtesgaden.
Hitler erhielt die
Voraussagen von seiner privaten Hexe, dass die Sterne ihn warnen
würden, nicht einem „Mann ohne Nase zu trauen“, nicht einem Mann
„ohne gesunde Beine“ - was sich auf Roehm und Goebbels bezog –
aber Vertrauen zu haben in eine „dunkle Frau aus dem Ausland“ und
in Shakespeare's Rat in „Julius Cäsar“, 1. Akt, 2. Szene, Vers
191: „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein.“ Als Frau
Bechstein berichtete, dass sie ähnliche Nachrichten aus der
geistigen Welt erhalten hätte, war der Samen in Hitlers Gedanken
gelegt. Göring musste nur noch auf das Auskeimen warten.
Nun gut, mit dem
Shakespeare-Zitat bringt Gross wenigstens etwas echten Humor hinein.
Ansonsten riecht das alles natürlich wieder einmal deutlich viel zu
sehr nach „Baron Münchhausen“ als nach ernster Aufklärung.
Was womöglich einer historischen Tatsächlichkeit
entsprochen haben könnte, ist bestenfalls, dass Frau Bechstein
tatsächlich okkultgläubig gewesen ist, womöglich auch einen
spiritistischen Kreis um sich geschart hatte, und dass sie Hitler
durchaus den einen oder anderen Rat gegeben haben könnte, der diesem
Kreis – auf welchem Weg auch immer - „geworden“ ist. Aber auch
das kann auf keinen Fall so gar zu platt geschehen sein, wie hier
wieder einmal von Gross geschildert wird und wie es natürlich zu
vielen anderen seiner Geschichten passt.
Auch fehlte in dem Buch noch ein Auftritt von
Julius Streicher, der nun erfolgt (S. 252-255).
Und eine weitere, nun historische Schauspielerin
tritt auf: Renate Müller (1906-1937)(S. 258). Zum Grossen Erstaunen
liest man auf Wikipedia über sie:
Am 7. Oktober 1937 verstarb sie
unerwartet in einem Berliner Krankenhaus, nachdem sie vierzehn Tage
zuvor aus dem ersten Stockwerk ihrer Villa gestürzt war. Ihr Tod gab
Anlass zu vielen Spekulationen. Sicher ist, dass der damalige
Propagandaminister Goebbels sie mit Hitler verkuppeln wollte und sie
kein Interesse zeigte.
Das würde allerdings zu
der Grundthese des Buches „Hitler's Girls“ bestens passen und
vielleicht bildete dieses Ereignis überhaupt den gedanklichen
Ausgangspunkt für das Buch von Felix Gross? Bei Renate Müller,
deren Lebensschicksal es offenbar wurde, sich in einen jüdischen
Schauspieler – anstelle von Hitler zu verlieben - wird Felix Gross
tatsächlich poetisch und zeigt fast authentische persönliche
Anteilnahme (S. 259):
In ihrem einfachen weißen Kleid und
entsprechend griechischer Art nur ein goldenes Stirnband tragend in
ihrem langen goldenen Haar sah Renate Müller aus wie das perfekte
deutsche Mädchen, das Maler oft versucht hatten zu malen, was ihnen
aber nie gelungen war. Sie hatte den verträumten Blick in ihren
grünen Augen, die Anmut in ihrem Körper, den unschuldigen Charme in
ihrem Gesicht, das erinnerte an Heine's Gedichte, Mozart's Musik und
Dürer's Madonnas.
Wenn es uns so gesagt
wird, dann muss es ja wohl stimmen. Nach seiner Erzählung hätte
Hitler bei der ersten vom Ehepaar Goebbels arrangierten Begegnung mit
Renate Müller „Feuer gefangen“ (S. 259). Rona Blanca lässt
Gross aus dieser Gelegenheit empört und rauschend aus Deutschland
abreisen, nachdem sie bemerkt hat, dass die
„Schokoladenschachtel-Schönheit eines Hitlerjugend-Mädchens“
ihr den Rang bei Hitler abgelaufen hätte.
Das Lebensschicksal der Renate Müller ist
tatsächlich bewegend. Insbesondere nachdem man sich einen Eindruck
von ihr als Sängerin und Schauspielerin verschafft hat. Hören wir,
wie die historischen Ereignisse waren rund um Renate Müller:
Renate Müller wird
eingeladen: zu privaten Gesellschaften in die Reichskanzlei, von
Goebbels am Tisch direkt neben Hitler platziert, ein eleganter
Hinweis. Zweimal geht sie hin, beim dritten Mal sagt sie ab. Eine
mutige Aktion: Der Führer ruft, und Müller verweigert sich. Das
nimmt man ihr übel. Von nun an lässt Goebbels sie beobachten. Ein
Berufsverbot erteilen kann er ihr nicht, dazu ist sie zu berühmt.
Aber schikanieren kann er sie lassen. Hat sie da nicht neulich
während der Trauerfeierlichkeiten zum Begräbnis des
Generalfeldmarschalls Hindenburg in ihrem Haus bei offenem Fenster
lustige Klaviermusik gespielt? Das fasse man als bewusste Provokation
auf. Bitte äußern Sie sich dazu, umgehend und schriftlich. So geht
das in einem fort.
Und auch Dr.
Goebbels äußert sich schriftlich. Er verweigert Renate Müller
einen Reisepass nach Paris. Denn dort, das weiß Goebbels, wartet
Müllers langjähriger Freund, ein junger Mann namens Georg Deutsch,
Sohn eines Bankiers und Jude. Deutsch ist aus Deutschland emigriert,
Müller filmt dort noch, allerdings unter erschwerten Umständen. Sie
leidet unter der Situation, mittlerweile trinkt sie und nimmt starke
Schlaf- und Aufputschmittel. Goebbels konfrontiert sie mit Fotos: Sie
habe sich doch heimlich mit ihrem Freund in Paris getroffen. Wenn das
noch mal vorkommt, werde er ihren Vater ins KZ schaffen lassen.
Müller wird abgehört und von der Gestapo vernommen, die Post wird
kontrolliert, die Bankkonten werden überwacht.
2011 heißt es in einem
„Life“-Artikel:
According to the exiled
German director Adolf Zeissler, Mueller confessed to him that she had
had a disastrous one-night stand with Hitler, in which the German
chancellor writhed around on the floor begging her to kick him so
that he could become sexually aroused. Her defenestration occurred
only days later, and several witnesses reported seeing Gestapo agents
enter her building just before her fall.
Und:
A film actress and one of
Hitler's earlier infatuations. The relationship did not last long.
After spending an evening in the Chancellery where, as Renata
confided to her director Adolf Zeissler, Hitler threw himself on the
floor and begged her to kick him and inflict pain. Shortly after this
experience, Renata Mueller was found unconscious on the pavement in
front of her hotel, forty feet below the window of her room. Renate's
sister, Gabriel, maintains that she did not commit suicide but that
she died from complications following an operation to her leg at the
Augsburger Strasse Clinic.
Und:
Renate described to Adolf
Zeissler how Hitler had invited her one night to the Chancellery and
began the evening by going into detail about Gestapo methods of
torture, comparing them with medieval techniques. Renate was totally
horrified …
Der emigrierte
Filmdirektor Adolf Zeissler gab Walter Langer am 24. Juni 1943 in
Hollywood ein Interview darüber.
20. Kapitel
Das 20. Kapitel hat
unter anderem einen Streit zwischen Göring und Schacht zu bieten (S.
266-270). Und es lässt Schleicher weiter mit Röhm Intrigen spinnen.
Am Ende des Kapitels warnt Rudolf Diels Schleicher vor einem
Mordanschlag. Auch Röhm stünde auf der Liste.
21. Kapitel: Die Röhm-Morde (Juni 1934)
Das 21. Kapitel beginnt
mit Sonntag, dem 17. Juni 1934 (S. 282):
Himmler war noch nie so beschäftigt
gewesen wie während der letzten wenigen Wochen. Major Buch hatte die
„Säuberung“ der Partei befohlen und entsprechend seiner
Anweisungen sollten weder Rang noch persönliche Beziehungen das
Abgleichen der Rechnung mit den rebellischen Elementen verhindern.
Und er lässt Heydrich
Himmler vorbereitete, gefälschte Briefe Röhms und Schleichers
zeigen, die Hitler vorgelegt werden sollen (S. 283f). Und dann lässt
er Major Buch sein baldiges Gespräch mit Hitler überdenken (S.
291):
Eine bittere Pille zu schlucken für
Adolf, dieses Opfern seines Freundes Röhm, aber die Wohlfahrt der
Partei und des Reiches sind wichtiger als Gefühl und Freundschaft.
Und er lässt dann
Hitler zu Buch sagen (S. 292):
„Ich werde dieses Grosse Opfer bringen.
Sie können handeln. Sie haben alle Vollmachten.“ „Ich danke
ihnen, mein Führer, für ihr Vertrauen in mich. Ich werde mein
bestes tun, um es zu rechtfertigen.“ „Und wann werden Sie
beginnen?“ „So früh wie möglich, mein Führer.“ „Nein,
warten sie lieber bis 30. Juni (...)“ Major Buch lächelte, als er
Hitlers Räume verließ.
Wenig später lässt
Hitler zu Fräulein Kirstner in Berchtesgaden gehen (S. 297-300):
Nachmittags ging
Hitler in den Anbau, wo Fräulein Kirstner lebte und verbrachte viele
Stunden mit ihr. Die alte Jungfer war beschäftigt damit, für ihren
Meister in den Sternen zu lesen, neue Enthüllungen in der
Kaffeetasse und in Teeblättern zu finden und schob ihre fettigen
Spielkarten herum. Und was die Sterne, ihre Kristallkugel, ihre
Karten, die Kaffeetasse und die Teeblätter ihr noch nicht
aufdeckten, das lernte sie durch die Nachrichten aus der geistigen
Welt, die ihr freundlicherweise von Frau Bechstein übermittelt
wurden. Die spirituellen Treffen in Frau Bechsteins Wohnung waren
kürzlich noch lebendiger geworden. Ein neues Medium, eine junge
Studentin, eine Agentin in Görings Geheimpolizei war damit
beschäftigt, die vielen Nachrichten zu übermitteln, die sie von dem
späten Herrn Bechstein erhielt. Die alte Frau Bechstein konnte sie
nicht verstehen. Soe leitete sie sie weiter zu ihrer Freundin,
Fräulein Kirstner. Die Nachrichten enthielten mysteriöse Warnungen
der Geister vor einem „alten Freund, der den Führer verrät“,
vor „braungekleidete, vom Ehrgeiz gebissenen Männern“, „sich
zu hüten vor dem 30. Juni, wenn die Sternen eine Katastrophe
voraussagten, die nur durch schnelle Aktion vermieden werden kann“,
und „nicht zu vergessen, dass alle Grossen Männer das Blut ihrer
Freunde zu opfern hatten, um ihr Land zu retten.“ Die Warnungen
wurden mit jedem Tag alarmierender. Hitler konnte überhaupt nicht
mehr schlafen. Erneut wurde er von schrecklichen Träumen geplagt.
(…)
Die unterstellte
S.A.-Revolte hatte sich ursprünglich Major Buch ausgedacht, der an
einem Morgen in Himmlers Büro erschienen war und ohne jede
Vorankündigung oder Begrüßung zu Himmler gebellt hatte: „Röhm
startet seinen Putsch mit der SA am 30. Juni. (…) Hier ist eine
Liste von allen Leuten, von denen ich will, dass sie beteiligt sind.
Sie werden hinter den meisten Namen ein Kreuz finden. Ich werden
Ihnen später sagen, was dieses Kreuz bedeutet.“ (…)
Nachdem Buch die
Befehle gegeben hatte, hatte Himmler nur noch zu gehorchen. (…)
Und langsam begann
Hitler an die Möglichkeit zu glauben, dass Röhm ihn verraten
könnte, dass Röhm die oberste Macht für sich selbst wollen könnte.
Eine Weile später erachtete er Röhm als einen Verräter!
(Original:)
In the afternoon Hitler went into the annexe where Fräulein Kirstner
lived, and spent many hours in her company. The old maid was kept
busy reading the stars for her master, looking for new revelations in
the coffee grounds and tea leaves, and shuffling her greasy playing
cards. And what the stars, her crystal, her cards, the coffee
grounds, and the tea leaves did not disclose to her, she learned
through messages from the spirit world kindly conveyed to her by Frau
Bechstein. The spiritualist meetings in Frau Bechstein's flat had
lately become even livelier. The new medium, the young girl student,
an agent in Goering's Secret Police service, was kept busy
transmitting the many messages received from the late Herr Bechstein.
Old Frau Bechstein could not understand them. So she passed them on
to her friend, Fräulein Kirstner. The messages contained mysterious
warnings from the spirits against an „old friend who is betraying
der Führer,“ against „brown-clad men bitten by his ambitions,“
„to beware of June 30th when the stars predict a catastrophe which
can only be avoided through swift action,“ and „not to forget
that all great men have had to sacrifice the blood of their friends
to save their country.“
Dann lässt Gross Hitler
am 30. Juni in Bad Wiessee noch über viele Absätze hinweg höhnische
Worte mit Röhm wechseln.
Vorläufiges Resümee
Ein abschließendes
Resümee bleibt beim derzeitigen Stand noch schwierig. Es deutet sich
aber an, dass Felix Gross zum Teil - und durchaus ähnlich wie etwa
ein Zeitzeuge wie Hans Bernd Gisevius - gut informierte Kenntnisse
zur Hintergrundgeschichte des Dritten Reiches hatte. Und zwar auch
jenseits vorherrschender Propagandabilder. Was sich etwa zeigt an
seinem Bild von Paul von Hindenburg oder an seinen Ausführungen über
die Auslandsfinanzierung Hitlers.
Bei anderen Themen lässt sich bislang nur
vermuten, dass ihre Behandlung auf ähnlich guten Kenntnissen beruht
wie die Behandlung der beiden genannten Themen.
So weckt es zum Beispiel Verwunderung, mit welcher
Sicherheit Felix Gross ganz ungewöhnliche Hierarchieverhältnisse
zwischen Walter Buch, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich
darstellt. Auch wird der Eindruck erweckt, als würde er - ähnlich
wie Hans Bernd Gisevius - geheimdienstliche Hintergrundsteuerungen,
deren Verantwortliche der Öffentlichkeit bislang nicht bekannt sind,
und die er selbst ebensowenig nennt, um sie überhaupt darstellen zu
können, diese jeweils miteinander rivalisierenden Naziführern
zuschreiben. Das wirkt – zumindest auf die Länge seiner
Darstellung hin – ganz überzogen, oft wenig in der Logik der Sache
liegend und darum unglaubwürdig.
Aber dieser Umstand wird nicht von vornherein
ausschließen können, dass das Unterstellen von geheimdienstlicher
Steuerung nicht dennoch zutreffend gewesen ist. In Zeiten
merkwürdigster NSU- und NSA-Affären sollte man jedenfalls über ein
derartiges Vorliegen von Schattenregierungen und
Schattengeheimdiensten in jenen Jahren keinesfalls mehr gar zu
flüchtig hinweggehen. Und um der Auswägung solcher Möglichkeiten
willen erscheint das Buch von Felix Gross vergleichsweise dienlich
und nützlich zu sein.
Veröffentlichungen
von Felix Gross
(unvollständig)
1907
Groß, Felix: Die Kultur der Zukunft. In: Bayreuther
Blätter, 30, 1907, S. 8-24
Groß, Felix: Philosophische Deutungen des Wagner'schen
Mythos. Ihre Berechtigung und ihr Wert. Ein einleitender Vortrag. In:
Bayreuther Blätter, 30, 4-6 (Apr.-Juni 1907), S. 112-120
Groß, Felix: Versuch einer vollständigen
philosophischen Deutung von Wagner's Ringmythos. I. Vortrag. Die
Gestalt Loges im Ring. In: Bayreuther Blätter, 30,10-12 (Okt-Dez.
1907). S. 257-269; weitere Teile bis zum 7. Vortrag in den Jahrgängen
1909, 1910, 1914, 1915
Groß, Felix: Kant Laienbrevier. Eine Darstellung der
Kantischen Welt- und Lebensanschauung für den ungelehrten Gebildeten
aus Kants Schriften, Briefen und mündlichen Äußerungen
zusammengestellt. Reichl, Berlin 1909 (216 S.) (erneut: 1912, 1916,
1920)
Richard Wagner. Auswahl seiner Schriften. Ausgewählt
und unter Mitwirkung von Felix Groß hrsg. von Houston Stewart
Chamberlain. Inselverlag, Leipzig, o.J., um 1910 (279 S.)
Wagner, Richard: Oper und Dramen. Hrsg. v. Felix Groß.
Deutsche Bibliothek o.J. (332 S.)
Groß, Felix: „Form“ und „Materie“ des Erkennens
in der transzendentalen Ästhetik. Eine erkenntnistheoretische
Untersuchung. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1910 (61 S.)
1912
Immanuel Kant's sämtliche Werke in sechs Bänden. Hrsg.
v. Felix Groß. Großherzog Wilhelm Ernst Ausgabe. Inselverlag,
Leipzig 1912, 1920, 1921 [Band 1: Vermischte Schriften, Band 2:
Naturwissenschaftliche Schriften, Band 3: Kritik der reinen Vernunft,
Band 4: Kleinere Philosophische Schriften, Band 5: Moralische
Schriften, Band 6: Ästhetische und Religions-philosophische
Schriften.]
Immanuel Kant - Sein Leben in Darstellungen von
Zeitgenossen. Die Biographien von L. E. Borowski, R. B. Jachmann und
E. A. Wasianski. Hrsg. von Felix Groß. Deutsche Bibliothek, 1912
(305 S.) (1968, 1993 und 2012 Nachdrucke bei der Wissenschaftlichen
Buchgesellschaft Darmstadt, ab 1993 mit einer neuen Einleitung von
Rudolf Malter, 2012 einem neuen Vorwort von Volker Gerhardt)
Groß, Felix: Der Wandsbecker Bote. Die Persönlichkeit
im Spiegel ihrer Werke. Deutsche Bibliothek, Berlin 1912 (281 S.)
Montaigne Essays. Hrsg. v. Dr. Felix Groß. Deutsche
Bibliothek, Berlin o. J. (350 S.)
Uexküll, Jakob von: Bausteine zu einer biologischen
Weltanschauung. Gesammelte Aufsätze. Hrsg. und eingel. von Felix
Groß. Bruckmann, München 1913 (298 S.)
Groß, Felix: Kant und wir. Eine Darstellung der
Kantischen Philosophie als der einzig möglichen Grundlage einer
Kultur der Zukunft, zugleich eine Berichtigung des monistischen und
anderer moderner Kulturideale. Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung,
Heidelberg 1913 (63 S.)
Groß, Felix: Richard Wagner. Deutsche Bibliothek, 1914
(344 S.)
1927 bis 1934
Groß, Felix: Die Wiedergeburt des Sehers. Wagners „Ring
des Nibelungen“ und „Parsifal“ als eine neuerstandene mythische
Weltreligion. Amalthea-Verlag, 1927 (377 S.)
Groß, Felix: Zweckmöbel. Frohe Zukunft Verlag, Wien
1928
Groß, Felix: Aus einem Zimmer drei zu machen. Frohe
Zukunft Verlag, Wien 1928
Groß, Felix: Der Mythos Richard Wagners. Wagners „Ring
des Nibelungen“ und „Parsifal“ als eine neuerstandene mythische
Weltreligion. Neue Ausgabe. Frohe Zukunft-Verlag, 1931 (377 S.) (K.
F. Koehler, Leipzig) [Philosophie für Laien. Handbücher der
Weisheit für den ungelehrten Gebildeten. 2. Reihe: Weltbilder.]
Groß, Felix: Die Auffindung der Wahrheit. Das Märchen
eines Lebens. Frohe Zukunft Verlag, Wien (1932) (25 S.)
Groß, Felix: Die Erlösung des Judentums, abgeleitet
aus seiner weltgeschichtlichen Mission. Frohe Zukunft Verlag, Leipzig
u. a. 1932 (96 S.)
Groß, Felix: Jesus Christus - Die Gestalt eines Ewigen.
Gesehen von einem Heutigen. Frohe Zukunft Verlag, Leipzig & Wien
1932 (30 S.); erneut: Leitha, David: Jesus Christus - Auszüge aus
„Jesus Christus“ von Felix Groß, GRIN-Verlag, 2011
Groß, Felix: Die wahre Botschaft Jesus. Frohe Zukunft
Verlag, Wien 1934 (236 S.)
1940 bis 1960
Gross, Felix: I Knew Those Spies. Hurst & Blackett,
London 1940 (255 S.)
Gross, Felix: Hitler's Girls, Guns, and Gangsters. Hurst
& Blackett, London 1941 (320 S.) („First published March1941,
Reprinted May 1941“)
Gross, Felix: Some trends in European Federalism. In:
New Europe, September 1941
Gross, Felix: Grand Seigneur. The Life and Loves of
Prince Hermann Pueckler-Muskau, 1785-1871. Creative Age Press, New
York 1943 (328 S.)
Gross, Felix. Rhodes of Africa. Cassell, London 1956
Veröffentlichungen, in denen Felix Groß erwähnt
wird
Langer, Walter: The Mind of Adolf Hitler - The Secret
Wartime Report (1943), 1972, dt. u. d. T. „Das
Adolf-Hitler-Psychogramm“, 1982
Abb. 1: Felix Gross - „Hitler's Girls, Guns, and
Gangsters" (1941) 7
Abb. 2: Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) - In
Wien (1890) 10
Abb. 3: Jakob von Uexküll (1864-1944) (1930) 11
Abb. 4: Hans von Wolzogen (1848-1938) 12
Abb. 5: Immanuel Kant (unbekannter Maler 1790) 13
Abb. 6: Felix Groß „Der Mythos Richard Wagners“
(Frohe Zukunft Verlag, 1931) 16
Abb. 7: Ozeandampfer vor Kapstadt (1958) (Postkarte) 27
Abb. 8: Kapstadt mit Riebeeck-Denkmal, dahinter der
Tafelberg (Postkarte) 29
Abb. 9: Universität Kapstadt 30
Abb. 10: Adolf Hitler bei Winifred Wagner
(undatiert) 47
Abb. 11: Walter Buch (1883-1949) (Mitte) mit dem Maler
Wolfgang Willrich (links) am Bodensee 69
Abb. 12: Adolf Hitler und das Ehepaar Bechstein 76
Abb. 13: Die Beerdigung von Edwin Bechstein – Helene
Bechstein, Hitler, Hammerstein (September 1934) 79
(Dies ist der Versuch, ein 100-seitiges nur vorläufiges Buchmanuskript als Blogartikel zu veröffentlichen. Die Abbildungen werden mit Copy-and-Paste allerdings nicht übernommen. Mit dieser Vorveröffentlichung soll auf die Thematik aufmerksam gemacht werden und wird um weiterführende Auskünfte gebeten.)