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Freitag, 21. Dezember 2018

Ausnahmesituationen des Lebens - Religiöse Menschen kommen mit ihnen besser zurecht

Erörterungen auf der diesjährigen Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft in Nürnberg

Zeitschrift der Feuerbach-Gesellschaft
Spannende Fragen wurden auf der jüngsten Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft in Nürnberg erörtert, auf der der emeritierte kirchenfreie Soziobiologe Eckart Voland und der emeritierte katholische Informatiker Bernd Schmidt referierten. Der Humanistische Pressedienst schreibt zur dortigen Diskussion abschließend (1):
Wie auch Voland in seinem Vortrag erklärt hatte, gibt es ja tatsächlich ernstzunehmende empirische Evidenz dafür, daß Gläubige mit Ausnahme-Situationen des Lebens, die von Angst, Streß und Schmerz geprägt sind, im statistischen Mittel besser fertig werden.
Folgt man Ludwig Feuerbach, der in seinem Werk dafür warb, Menschen nicht nur als Vernunftwesen, sondern auch als Wesen mit emotionalen Bedürfnissen zu verstehen, müssen Schmidts Schlußfolgerungen also nicht nur provozieren, sondern können auch zum Anlaß genommen werden, um zu fragen: Gibt es wirklich keinen Ersatz für Religion in dieser emotionalen Funktion? Und wenn doch: Was wirkt außer Religion noch emotional stabilisierend in möglichen Krisen? Und: Habe ich persönlich genug dieser haltgebenden Faktoren in meinem Leben?
Was für grundlegende Fragen. Gerne würde man noch einmal die wissenschaftlichen Studien durchsehen, in denen diese empirische Evidenz herausgearbeitet ist. Aber es wird sie sicher geben. Im "lustigen", gedankenlosen oder streßreichen Alltag sind solche grundlegenden Fragen verdrängt. Eckart Voland beendete seinen Vortrag mit dem Satz (zit. n. 2):
Wenn Religiosität Naturgeschichte hat, dann können wir erwarten, daß Aufklärung und Wissenschaft sie niemals verdrängen können.
Mit dieser Aussage gehe ich vollkommen einig. Sie hätte gerne auch im Bericht des "Humanistischen Pressedienstes" enthalten sein können. Womöglich aber wollte man der teil-atheistischen Leserschaft so weitgehende Aussagen nicht zumuten. Allerdings kann man noch viel, viel weiter gehen und sagen:
Religiosität hat Naturgeschichte - und Aufklärung und Wissenschaft werden mit modernen, nicht-supranaturalistischen, nicht-okkulten Formen von Religiosität die Menschen und Völker der Nordhalbkugel wieder emotional und damit auch demographisch stabilisieren. Das ist die große Erwartung, die - etwa - in der bis heute sehr wissenschaftsnahen Philosophie von Mathilde Ludendorff enthalten ist, die moderne, philosophisch nachvollziehbare Sinnangebote für Menschen und Völker bereit hält, zumal für Völker in geschichtlichen Ausnahmesituationen
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  1. Brynja Adam-Radmanic: Ist Religion in ihrer emotionalen Funktion ersetzbar?  Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft. 9. Nov 2018, https://hpd.de/artikel/religion-ihrer-emotionalen-funktion-ersetzbar-16164 
  2. Ulrike Ackermann-Hajek: Bericht vom Tagesseminar der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft am 27.10.2018 in Nürnberg, http://www.ludwig-feuerbach.de/denkmal.htm#n3

Sonntag, 13. September 2015

Zur Gestaltung von Feierstunden innerhalb der Familie und darüber hinaus

Einiges Grundsätzliche aus Anlass der Beerdigung meines Vaters

Viele Menschen trauen es sich nicht zu - und damit dann auch anderen nicht -, am Grab nächster Angehöriger die Grabrede zu halten.

Das kommt natürlich daher, daß man sich in den christlichen Völkern in den vielen letzten Jahrhunderten daran gewöhnt hat, Pfarrer und christliche Rituale für einen solchen Anlaß zu haben, und daß viele Menschen es sich noch heute nicht so recht vorstellen können, daß eine so ernste Feier wie die Totenfeier vornehmlich von engsten Familienangehörigen gestaltet werden könnte oder gar sollte.

Finden sie denn dazu überhaupt die Kraft? Sollten sie an sich den Anspruch haben, mit der Ruhe und Gelassenheit von dem Tod ihres nächsten Angehörigen zu sprechen, wie sie doch für einen solchen Anlaß überhaupt nur angemessen wären?

Wenige stellen sich eine solche Frage schon vor dem Tod eines nahen Angehörigen ausreichend ernst genug, um dann, wenn ein solcher Fall eintritt, auch ausreichend darauf vorbereitet zu sein. Viele sind es aber auch schlichtweg nicht geübt und gewohnt, vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen, die über den engsten Rahmen der Familienangehörigen hinaus geht.

Ich selbst würde zu dieser Frage zunächst sagen, daß es einen Unterschied macht, ob es sich um einen erwartbaren Alterstod im höheren Alter handelt oder ob ich es von mir hätte erwarten können, in jungen Jahren zum Tod des anderen am meisten geliebten jüngeren Menschen im eigenen Leben zu sprechen. Da ich letzteres - zum Glück - nicht erlebt habe, kann ich darüber auch nur wenig sagen. Wenn man aber bedenkt, wie wenig man schon endgültige Trennungen (Scheidungen und ähnliches) unter Lebenden mitunter verkraftet, so möchte man doch in der bejahenden Beantwortung einer solchen Frage sehr zurückhaltend sein.

"Regeln"?

Ich damit jedenfalls gesagt sein soll, ist, daß es natürlich überhaupt nichts dagegen zu sagen gibt, wenn es nicht gerade engste Familienangehörige sind, die die Grabrede für einen Verstorbenen halten. Falls denn überhaupt eine solche gehalten werden soll. Es muß halt einfach dem echtesten Gefühl der betroffenen Menschen selbst entsprechen. Warum sollten da Regeln aufgestellt werden?

Die hier geäußerte Einstellung hat sich heute ja auch schon sehr weitgehend in unserer Gesellschaft durchgesetzt, so daß sie hier nicht noch länger erläutert werden muß. Wir sind damit weit hinaus gekommen über die Einstellungen, die bis in die 1950er Jahre hinein in den christlichen Völkern der Nordhalbkugel vorherrschend waren. Erinnert mag auch werden daran, daß schon vor acht Jahren auf unserem Blog Begeisterung darüber zum Ausdruck gebracht worden war, wie souverän und so durch und durch vorbildlich der Atlantik-Überquerer Charles Lindbergh sich auf seinen Tod und seine Beerdigung vorbereitet hat (Studium generale, 05/2007).

Auch die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966), auf die wir in verschiedenen Zusammenhängen hier auf dem Blog schon zu sprechen gekommen sind, war bezüglich solcher Einstellungen ihrer Zeit weit voraus. Es sind das ja auch alles Fragen, über die man sich im Umkreis der heutigen Kirchenfreien, der Humanisten und Evolutionären Humanisten, die in der Tradition von Giordano Bruno, Charles Darwin, August Weißmann und Ernst Haeckel stehen - so wie Mathilde Ludendorff -, mancherlei Gedanken macht (GA-j! 07/2015).

Da mein Vater Mathilde Ludendorff sehr verehrte, habe ich in den letzten Tagen mitunter noch einmal ein wenig gelesen, was sie und was der von ihr gegründete "Bund für Gotterkenntnis" über das Thema der Gestaltung von Feierstunden innerhalb der Familie und darüber hinaus so geschrieben haben (1, 2). Neben manchem, was aus einem ganz anderen Geist der Zeit heraus da so geschrieben steht, findet sich doch auch vieles, das man noch heute für sich übernehmen kann.

Mathilde Ludendorff spricht den Stolz, die Kraft und die Stärke jener Menschen an, die sich vom Christentum frei gemacht haben, und die sich auf dem Weg befinden, zu der freien und auch in religiösen Dingen sehr selbständigen Lebenshaltung unserer heidnischen, germanischen Vorfahren zurück zu kehren, bzw. an diese anzuknüpfen. Das ist nachvollziehbar. Ich möchte hier nur, um einen Eindruck zu geben, weniges von dem zitieren, was sie darüber schreibt, wie sie sich das Leben unserer heidnisch-germanischen Vorfahren in dieser Hinsicht vorstellte und es damit auch als vorbildlich für moderne Zeiten hinstellte (1, S. 9-11):

Ganz herzerfrischend natürlich und selbstverständlich war ihr Feiern und Freuen und erschütternd gemütstief und innerlich war ihr Bedürfnis, über das Gotterleben auch an dem Feiertag zu schweigen. (...) Wenn in der feierlichen Versammlung der Sippengenossen der Vater dem neugeborenen Kinde den Namen eines von allen geehrten Ahnen gab, so bedurfte es hierbei keiner langen Reden, der Klang des Namens allein in dieser feierlichen Versammlung brachte den Elten den Ernst ihres Amtes voll zum Bewusstsein. Das Kind, das nun in die Sippenfolge der Geschlechter durch diese Namengebung aufgenommen war, zu einem dieses Namens würdigen Menschen zu erziehen, war ihnen selbstverständlich. Mit Predigten und langen Gebeten und Ritualen (...) hätten sie nichts anzufangen gewusst. (...)
Wenn am Tage der Eheschließung die Eltern in der feierlichen Versammlung der Sippe schlicht und innig dem jungen Paar die Mahnung mit auf den gemeinsamen Lebensweg gaben:
"Haltet heilig euer Heim!"
so bedurfte es zum seelentiefen Erleben dieses hohen Tages keiner weiteren Worte und keines Priestersegens. Noch viel weniger bedurfte es feierlicher Treuegelübde, um der freiwilligen Gemeinschaft für das ganze Leben Dauer und Halt zu verleihen. Nein, solche Gelübde wären eine Entweihung der freiwilligen Treue gewesen.
Wenn endlich Verwandte und Freunde die Totenbahre umstanden und der Sippenälteste vortretend die Worte durch die Halle rief:
"Helge, der Tapfere, ist tot."
So war kein Wunsch nach weiteren Worten oder Priestersegen, auch nicht nach Freundespreisen, um die Feier zu erhöhen. Schweigend, wussten sie, erlebt sich Schmerz und Totenehrung tiefer und weit innerlicher.

"Anerzogene Unmündigkeit in der Feiergestaltung"

Edmund Reinhard, der zweite Vorsitzende des "Bundes für Gotterkenntnis", schrieb zu Weihnachten 1958 als Vorwort zu dem damals herausgegebenen Band über "Sippenfeiern" (2, S. 9f):

Gotterkenntnis wird erst dann als ein Volksgut Segen wirken können, wenn Deutsche mehr und mehr eigene Wege in ihren Feiern gehen. Bei weitem nicht alle Sippen, in denen unser Geistesgut lebendig ist, gehen eigene Wege, und sehr viele Menschen, welche innerlich dem Christentum und der Kirche entfremdet sind, wagen nicht, aus der Kirche auszutreten, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, ihren Feiern selbst die Weihe zu geben. Es gehört Mut dazu, aus der anerzogenen Unmündigkeit herauszufinden; Selbstvertrauen muss wachsen, um hier mündig zu werden. (...)
Wenn sich auch die Worte nicht zu einer wohlgeformten Festrede formen wollen, so können ein paar einfache, schlichte Worte Gleiches bewirken. Nur eines ist nötig: Aus dem Herzen müssen sie kommen, dann werden sie auch zu Herzen gehen.

Das ist doch ermutigend ausgedrückt. Ja, es bedarf auch heute noch, über 50 Jahre nachdem diese Worte niedergeschrieben worden sind, solcher Ermutigung, solchen Wachsens von Selbstvertrauen, solcher Sehnsucht nach Mündigkeit. Als wir unserem Vater vor zwei Tagen die Feierstunde gehalten haben zu seiner Beerdigung, glauben wir auch, hierbei wieder ein wenig mündiger geworden zu sein, mehr Selbstvertrauen gewonnen zu haben, gewachsen zu sein - und damit auch aufgeklärter geworden zu sein im Sinne der schönen Worte Immanuel Kants ("Was ist Aufklärung?"). Denn die Aufklärung ist - obwohl das viele gerne so hätten und viele andere dementsprechend gar nicht merken und sehen - noch lange nicht zu Ende!

Wie in dem Blogartikel von vor drei Tagen schon angeklungen war, haben sich Menschen im Umkreis von Alfred Mechtersheimer und des "Ostpreußenblattes" schon vor 20 Jahren Gedanken gemacht zu der Frage "Wie ruiniert man einen Staat?" Und sie haben als Antwort auf ein solches besorgniserregendes Geschehen geäußert:

Zur Abwehr dieser Gefahren forderte der Redner eine gewaltfreie deutsche Volksbewegung, die ein neues Bewusstsein und ein geistiges Kraftfeld schaffen könne. Impulse dazu müssten von einer intellektuellen Minderheit ausgehen. Entscheidend für den Erfolg sei eine gemeinsame Synthese aus Religion und Nationalbewusstsein.

Mein Vater hätte zu diesen Worten gesagt, wenn er sie denn damals oder später gelesen hätte: Was fragt ihr denn noch, was sucht ihr denn noch? Diese "Synthese aus Religion und Nationalbewusstsein" liegt doch schon lange vor. Sie trägt den Namen des bedeutendsten Hintergrundpolitikkritikers der Geschichte weltweit. Seht sie Euch doch an, die Philosophie von Mathilde Ludendorff. Nun, noch heute mögen solche Worte fremd hineinklingen in eine materialistische und volksvergessene Zeit, in der eine Lügenpresse auch rund um eine deutsche, naturwissenschaftsnahe Philosophin wie Mathilde Ludendorff eine unendlich hohe Mauer des Schweigens gezogen hat.

Wenn jedenfalls eine solche "Synthese", deren Notwendigkeit ja auch an so vielen anderen Orten gesehen wird, endlich einmal Sinn machen soll, dann muss sie von den einzelnen Menschen nicht nur gefordert, sondern auch in allen Abschnitten ihres Lebens mit Inhalt gefüllt werden. Und wann, wenn nicht dann, wenn die großen Feierstunden ihres Lebens statthaben? - - -

Synthese zwischen Religion und Nationalbewusstsein muss gelebt werden

Die Stunden der seelischen Wachheit, die durch den Tod eines Menschen ausgelöst werden innerhalb einer Gemeinschaft, sei es der Familie, sei es einer Dorfgemeinschaft, sei es eines Freundeskreises - wäre es nicht schade, wenn diese nur in der Einsamkeit jedes einzelnen erlebt werden? Wenn man sich - gerade in solchen Stunden - nicht der gegenseitigen Anteilnahme versichert innerhalb einer Gemeinschaft? Wenn das Erlebnis des Zusammenhalts in solchen Stunden nicht die Gemeinschaften auch als solche anginge und bestärken würde?

Unser Vater traute es jedenfalls unserer Familie zu, dass wir seine Grabfeier selbständig und aus eigener Kraft würden feiern können. Und auf seinen Wunsch hin haben denn auch meine Schwester und ich ihm dementsprechend vorgestern die Grabrede gehalten, haben die Enkelkinder ihm Musikstücke gespielt, haben ihm alle Anwesenden Volkslieder gesungen wie "Im schönsten Wiesengrunde" und erklang die Trompete eines Freundes, als sein Sarg in die Erde hinab gelassen wurde. Es erklang die Melodie jenes Liedes, das auch 1949 aus Anlass der Verabschiedung des Grundgesetzes von den Mitgliedern des Parlamentarischen Rates - anstelle einer Nationalhymne - gesungen wurde (Wiki). Sein Text lautet:

Ich hab mich ergeben
Mit Herz und mit Hand,
Dir Land voll Lieb’ und Leben
Mein deutsches Vaterland!
Mein Herz ist entglommen,
Dir treu zugewandt,
Du Land der Frei’n und Frommen,
Du herrlich Hermannsland!
Lass Kraft mich erwerben
in Herz und in Hand,
zu leben und zu sterben
fürs deutsche Vaterland!
            Ferdinand Maßmann 
___________________________________________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Sippenfeiern - Sippenleben. Eine Sammlung von Aufsätzen. Ludendorffs Verlag, München 1939 (11.-13. Tsd.) (6.-10. Tsd.: 1937) (Archive.org)
  2. Deutsche Sippenfeiern. Wege zu ihrer Selbstgestaltung. Hrsg. vom Bund für Gotterkenntnis (L) e.V.. Bearbeitet von Dirk Hansen, Krista Lutz und Irmgard Keller. Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 

Montag, 18. August 2014

"Die Gleichförmigkeit der deutschen Presse auflockern"

Wie der Schriftsteller Ehm Welk sich öffentlich gegen den Wahrheitsminister Joseph Goebbels stellte

Es könnte ja sein, lieber Leser, dass beim Titel dieses Aufsatzes der Eindruck entsteht, es könnte sich um die deutsche Presse der Gegenwart handeln. - Kleiner Scherz am Rande: Nein! Die zitierten Worte des Titels stammen von einem Mann Joseph Goebbels. Und dieser äußerte sie im April 1934! - Und sie wurden zum Anlass dafür, dass ein deutscher Schriftsteller sich über sich selbst so ärgerte, dass er Joseph Goebbels einen öffentlichen Brief schrieb.

Aber alles der Reihe nach. Im folgenden soll es um diesen Joseph Goebbels gehen und um einen deutschen Schriftsteller namens Ehm Welk (1884-1966), der aus Anlass dieser Worte wider den Stachel löckte und, ach naja, halt: im Konzentrationslager landete. Joseph Goebbels hatte nämlich im April 1934 die wahrhaft glorreiche Idee, dass er die "Gleichförmigkeit der deutschen Presse" auflockern wollte. Jene Gleichförmigkeit, die durch Entlassungen, Morde, Drohungen, Einweisungen in Konzentrationslager, Drängen zur inneren und äußeren Emigration und zahlreiche sonstige Einschüchterungsmaßnahmen herbeigeführt worden war von ihm selbst, bzw. die die deutsche Presse eingenommen hatte in vorauseilendem Gehorsam diesen Drohungen und Einschüchterungen gegenüber. Nachdem ihre katholischen und liberalen politischen Führer für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten und Logen- und Kirchenvorgesetzte hinter den Kulissen ihre Stichworte ausgegeben hatten darüber, ähm, nun halt: wie man als Fett immer oben schwimmt ....

Abb. 1: Ehm Welk nach einer Karikatur seines Freundes Willi Steinert (wohl aus dem Buch "Mustafo")  (aus 1, S. 367)
Selbst einem Joseph Goebbels war sie nun zu "gleichförmig" geworden durch so viel vorauseilenden Gehorsam. Und das sollte ja dann doch etwas heißen. Der Pressediktator und peitschenschwingende Zirkusdirektor im Reichspropagandaministerium sah kaum noch "Nuancen" in den einzelnen Programmpunkten seiner Show. Und gar so krass sollte die geistige Uniformität und Sklaverei in Deutschland nun doch nicht aussehen. Die Äußerung dieser glorreichen Idee durch Herrn Goebbels brachte aber nun für den deutschen Journalisten und Schriftsteller Ehm Welk das Fass zum Überlaufen. Er hatte - als Begründer und Leiter der ersten deutschen Sonntagszeitung, der bei Ullstein erschienenen "Grünen Post" - seit der Machtübernahme unter innerem Aufbäumen versucht, sich "gleichzuschalten", "gleichförmig" zu werden, geistig Uniform anzuziehen.

Doch damit war nun Schluss. Insbesondere dass auch die von Goebbels bei seinem Vorhaben erneut so offen zynisch Gedemütigten und Gemaßregelten die glorreiche Idee ihres peitschenschwingenden Zirkusdirektors beklatschten, ließ Ehm Welk speiübel werden. Er verließ die Veranstaltung des Herrn Goebbels mitten in der Rede, setzte sich zu Hause hin und schrieb seinen Leitartikel

"Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!"

Ein Artikel, um dessentwillen er gleich nach Veröffentlichung desselben für eine Woche im Konzentrationslager landete und um dessentwillen er Jahre langes Berufsverbot erhielt.

Ehm Welk zog sich in die "innere Emigration" aufs Land zurück, woher er einstmals gekommen war, und für das er in seiner Sonntagszeitung auch Jahre lang geschrieben hatte. Und er überließ dem Asphaltliteraten und -schreier Joseph Goebbels - gezwungenermaßen - das Feld. Für die deutsche Literatur war das kein Verlust, sondern ein Gewinn. Es scheint das gewissermaßen die richtige Entscheidung des Ehm Welk gewesen zu sein. Denn schon drei Jahre später kam er mit jenem Roman heraus, um dessentwillen er heute überhaupt noch bekannt ist.

Auf dem Höhepunkt der ersten großen deutschen Kirchenaustrittsbewegung des Jahres 1937 trafen seine "Heiden von Kummerow" den Geist der Zeit. Sie sollten noch während des Zweiten Weltkrieges Ehm Welk zum Auflagenmillionär machen. In Feldausgaben an der Front und in der Heimat wurde sein ländlicher Roman zu Hunderttausenden gelesen. Und auch in DDR-Zeiten und bis heute hat er von seiner Popularität nichts verloren.

Der Diktator also hatte seine Untergebenen aufgefordert, sich zu räuspern. Einer hatte es getan - und war im Konzentrationslager gelandet. Er hatte Berufsverbot bekommen, das freilich wieder aufgehoben wurde, als er sich auf unpolitische, aber zeitlose Romane konzentrierte. Ein typisches "Märchen aus modernen Zeiten"?

Und wie ich hier darauf überhaupt komme? Nun, mitunter macht man doch auf Grabbeltischen noch so den einen oder anderen Fund. So fand ich dort die Ehm Welk-Biographie (1) von Konrad Reich (1928-2010), die erstmals 1967 in der DDR erschienen ist. Und es gibt bis heute, wie schnelle Recherche feststellen lässt, keine andere Biographie über Ehm Welk als diese. Was angesichts der Reichhaltigkeit und Vielfältigkeit dieses Lebens doch Erstaunen erweckt. Doch diese eine Biographie hat bis zum Ende der DDR zahllose Auflagen erlebt, weshalb sie auch gegenwärtig günstig zu haben ist.

Der "behördlich gelieferte Spaten" - Ehm Welk und die Gleichschaltung

Die Anschaffung lohnt sich in jedem Fall. (Vielleicht noch mehr die letzte Überarbeitung derselben durch den Autor selbst aus dem Jahr 2008 [2].) Und eines der spannendsten Kapitel darin ist das über den genannten offenen Brief von Ehm Welk an Joseph Goebbels Ende April 1934 "Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!". Welk stammte aus dem Kleinbauerntum in Brandenburg und fühlte sich, wie man seinen Romanen leicht entnehmen kann, der Lage der sozial Benachteiligten allezeit verpflichtet. Er neigte deshalb auch früh - allerdings niemals konsequent - kommunistischen Anschauungen zu. Von diesen findet sich nun gar nichts in seinem öffentlichen Brief an Goebbels vom 29. April 1934. Denn Ehm Welk dachte nicht in Kategorien von Parteidoktrinen. Dazu hatte er viel zu viele Seiten. Seiten, die ihn fast als einen Vorläufer moderner politischer "Querfrontler" erscheinen lassen.


Da nun dieser berühmte Brief von Ehm Welk derzeit nirgendwo im Internet zugänglich ist, soll er hier einmal vollständig zitiert werden. Auch soll die Vor- und Nachgeschichte desselben dokumentiert werden. Joseph Goebbels hatte vor Pressevertretern eine Rede gehalten, die sich auch Ehm Welk anhörte. Goebbels bezeichnete sich in dieser Rede als "ein Freund der schönen Künste und des freien Wortes", und warf der Presse "charakterliche Gleichförmigkeit und Langweiligkeit" vor. So viel Zynismus in so wenigen Sätzen findet sich selten. Goebbels sagte dann aber noch weiter:
Ich kann doch nichts dafür, wenn Zeitungen, die früher gegen die nationalsozialistische Bewegung Sturm gelaufen sind, heute päpstlicher sein wollen als der Papst. Wir zwingen sie doch nicht zur Charakterlosigkeit. Wir verlangen doch nicht, dass sie hurra schreien, wenn ihnen nicht zum Hurraschreien zumute ist. Wir verlangen nur, dass sie nichts gegen den Staat unternehmen. Es wäre uns durchaus recht, wenn sie für das jeweils wechselnde Publikum eine jeweils wechselnde Nuance hätten.
"Eine jeweils wechselnde Nuance". Kommentar überflüssig. Parallelen zu heute sind natürlich leicht erkennbar. Wenn etwa der "nuancierte" "Cicero" als "konservative Zeitschrift bezeichnet wird. Aber das nur am Rande. Goebbels sagte weiter:
Der Vielgestaltigkeit der öffentlichen Meinungsbildung ist durchaus kein Hindernis entgegengesetzt. Es liegt nur an der Phantasie und Begabung des einzelnen Schriftleiters, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Wenn er es nicht kann, nicht will, und wenn er sich in den öden Lobeshymnen wohler und sicherer fühlt, als in einer aufrichtigen und charaktervollen Haltung, so ist das seine Sache.
Statt nun dazu zu klatschen wie all seine Kollegen, verließ Ehm Welk mitten in der Rede den Saal. Und schrieb:
"Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!"
Sie haben, Herr Reichsminister Dr. Goebbels, sich kürzlich in einer großen Rede vor Presseleuten über die Presse beklagt: über ihre Gleichförmigkeit, ihre Langweiligkeit, über den Verzicht auf Kritik, über den Mangel an Mut. Und sie haben an jenem Abend etwas erlebt, das dem Verfasser des "Mucker-Briefes" sicher ein Schmunzeln entlockt hat: Sie erlebten, dass die von Ihnen nicht gerade Gestreichelten durch lauten Beifall die Berechtigung Ihrer Unzufriedenheit anerkannten. Glauben Sie aber bitte deshalb nicht, dass der Fall Presse nun wirklich, wie Sie annehmen, "für diese Generation hoffnungslos ist"!
Nun, auf Zynismus antwortet Ehm Welk hier mit Zynismus. Es muss darauf hingewiesen werden, denn sonst übersieht man es womöglich. Ehm Welk sagt ja der Sache nach: weil die Presse Goebbels Beifall geklatscht hat, könnte ihr Fall "für diese Generation hoffnungslos" sein. Und solchen Zynismus mochte der Herr Goebbels aber nun gar nicht. Ehm Welk weiter:
Er ist nicht hoffnungslos, weil uns die alte Erkenntnis vom Menschen sagt, dass der Mensch einmal jede neue Erscheinung gern vervielfältigt, ohne um die Gleichheit der Kräfte besorgt zu sein, welche die Erscheinung bedingen und bewegen: dass er zum andern aber auch bemüht ist, allen aus der gleichen Kraft wachsenden Erscheinungen das gleiche Gesicht zu geben. Für diesen Zweck vergewaltigt er eine Zeitlang sogar gern das Leben und die Natur. Bis die bunte Vielfältigkeit des Lebens sich als mächtiger erweist und auf Tausenden und Millionen von verschiedenen Gesichtern den einen mächtigen Lebenswillen und die eine geistige Kraft eines erwachenden Volkes offenbart. Und so darf ich von meinem Redaktionstisch aus die Gleichförmigkeit der Presse auch so sehen: Wir gaben der Grünen Post als der ersten großen deutschen Sonntagszeitung einen bestimmten Inhalt und eine bestimmte Gestalt. Einen Inhalt, der sich im Kampf für den großdeutschen Gedanken, in Heimat- und Tierliebe, in der Pflege des deutschen Brauchtums und deutscher Sitte kundtat. Wenn man heute in so vielen deutschen Ländern die von uns gefundene Form des Blattes bis in zufällige Einzelheiten kopiert und den Inhalt zu kopieren versucht und so eine traurige Gleichförmigkeit auch noch der Sonntagszeitungen in Deutschland schafft - Herr Reichsminister, sollen nun wir wieder eine neue Form suchen?
Das ist bös. Es waren nämlich von Mitgliedern der NSDAP Sonntagszeitungen gegründet worden, die in Konkurrenz zu der von Ehm Welk gestalteten standen, die auch die Auflagenzahl seiner Zeitung schnell senkten, weil Partei-nähere Presseerzeugnisse nun lieber gekauft wurden. Die aber die von ihm begründete Sonntagszeitung nur kopierten. Also die gleiche Erscheinung wie mit den Autobahnen und so vielem anderen mehr: das Dritte Reich schmückte sich mit vielen Federn, die gar nicht die seinen waren. Ehm Welk weiter:
Ein Zweites: Wenn man sieben Jahre lang für die Beseitigung der Kluft zwischen Stadt und Land gekämpft hat;  rücksichtslos war selbst gegen Kleinigkeiten, wie gegen das meist gedankenlos gebrauchte Wort "Bäuerlein"; wenn man die heimatliche Ackererde an den Schuhen noch über den Asphalt der Großstadt trug - Herr Reichsminister, dann empfand man es schon vor Ihrer Feststellung als öde Gleichförmigkeit, wenn nun jedes Blatt in jeder Nummer von "Blut und Scholle" redet und so tut, als wäre der stadtgeborene Mensch zweitrangig. Menschen, von deren Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits nie einer in der Stadt zur Welt kam, dürfen die literarischen Versuche, aus Bauern besondere Tugendhelden und Engel zu machen, schon belächeln; sie dürfen bei der Flut dieser bombastischen Schollen-Literatur an den Vergleich denken, den sie früher bei der Asphalt-Literatur mit einem landwirtschaftlichen Produkt zogen.
Auf welches landwirtschaftliche Produkt hier angespielt ist, dürfte klar sein. Nennen wir es: Mist. Und wir werden noch sehen, wie sehr sich die Nationalsozialisten von diesen Worten getroffen fühlten. Ehm Welk weiter: 
Tatsächlich kam mal ein Mann und offerierte: "Ich kann Ihnen alles liefern, was heute geht, alles so mit 'tum' und 'brauch'!" Können wir das Übel abstoppen? Es muss sich von selber totlaufen. Unsereins freilich ist gezwungen, in seinem Blatte liebgewordene Sachen abbremsen zu müssen. Zur Vermeidung der Gleichförmigkeit.
Ebenso ist es nun plötzlich mit dem Auslandsdeutschtum. Ihr Ministerium, Herr Reichsminister, weiß, wie sehr dieses Blatt sieben Jahre lang für Hunderttausende im Ausland die Brücke zur Heimat war. Aus welchem Grunde es ja auch in vielen Ländern verboten wurde. Schon damals, vor Jahren. Wenn nun heute für jedes Blatt das Auslandsdeutschtum Trumpf geworden ist, so wirkt das wohl nur dadurch eintönig, dass nicht der Atem der Heimat mittelbar durch Veröffentlichung deutscher Volks- und Landschaftsschilderungen übermittelt wird, sondern dass der propagandistische Wille oft zu plump und zu uniform sichtbar gemacht wird.
Sie sind, Herr Reichsminister, ein Freund des Witzes und der Ironie. Wer so arbeitet, wird nicht leicht gleichförmig. Unsere Grenzen sind da aber enger gezogen. Früher, da konnten wir z. B. diese geistige Übung gelegentlich auch an behördlichen Maßnahmen und behördlichen Personen erproben - Herr Reichsminister, bei aller Aufforderung von Ihnen: ich weiß nicht so recht - -
Vielleicht kenne ich Sie zu wenig. Aber das ist nicht meine Schuld. Sie gehen zwar immer wieder unters Volk, aber mit uns, den Angehörigen der Nichtparteipresse, kommen Sie nicht so in Berührung, denn mir scheint doch, wir sind alle ohne Unterschied für Sie die "alte Presse". Da ich aber auch nicht zu Ihnen kommen kann, denn Sie wohnen in einem großen Haus mit tausend Zimmern, da sitzen tausend Männer drin, und tausend Vorzimmer sind da, da sitzen wahrscheinlich schon zehntausen Menschen drin, schrieb ich das hier auf.
Es soll Ihnen eigentlich nur ganz respektvoll sagen, dass auch diesseits des Tores der Boden unseres Vaterlandes mit der gleichen innigen Liebe zum Volk betreut wird wie jenseits des Tores. Und dass es nicht immer Mangel an Mut ist, wenn man den eigenen Spaten weglegt und mit dem behördlich gelieferten gräbt. Das Entscheidende ist doch: das Saatgut!
Ehm Welk war ein völlig freier Mann, als er diesen Brief schrieb. Innerlich war er völlig frei. Man könnte ihm zum Vorwuf machen, dass er in den Mittelpunkt der Gedanken seines Briefes nicht irgendeine weltanschauliche Doktrin stellt, sondern seine Sonntagszeitung quasi als Angelpunkt der Welt ansieht. Aber das ist sein gutes Recht. Wer wollte ihm das abstreiten?

Abb. 2: Eine Titelseite von "Die Grünen Post" (als Beispiel, November 1932)
Und es musste natürlich kräftig "Doppeldenken" angeschaltet werden, wenn Ehm Welk selbst, ebenso Konrad Reich und so zahlreiche ihrer Leser in der DDR diese Worte aus dem Jahr 1934 irgendwann einmal erneut lasen. Hätte da nicht auch leicht ein Satz in den Sinn kommen können wie: "Herr DDR-Minister für Kultur, bei aller Aufforderung von Ihnen: ich weiß nicht so recht" - ? Dieser Satz schreit einem ja auf fast jeder zweiten Seite der Ehm Welk-Biographie von Konrad Reich entgegen. Wie mühsam es Konrad Reich oft hat, einzelne Stationen des Leben und Werkes von Ehm Welk in das ausreichend ausgewogene Licht der Parteidoktrin zu bringen.

Nun, damals, 1934 jedenfalls hatte Welk Joseph Goebbels schlicht "beim Wort genommen" und damit ganz schlicht aufgezeigt, dass Goebbels keineswegs so deutlich beim Wort hat genommen werden wollen. Was ja im Grunde schon vorher allen klar war hinsichtlich dieser Asphaltschnauze, auch Ehm Welk selbst. Aber es anhand der Reaktion von Goebbels noch einmal so drastisch ins Bild zu rücken, war doch sicher nicht ohne allen Sinn. Bravo, Ehm Welk! Man wünschte sich mehr von solchen Ehm Welk's heute, will heißen: in den Ullstein-Verlagen von heute ...


"Die Gleichförmigkeit in der deutschen Presse auflockern ..."

Im "Berliner Tagblatt" wird bereits 36 Stunden nach Veröffentlichung des Offenen Briefes von Ehm Welk festgehalten, was sich bis heute nicht ohne innere Komik liest (zit. n. 1, S. 215):
Die im Verlag Ullstein erscheinende Zeitung "Die Grüne Post" ist auf die Dauer von drei Monaten wegen des Artikels "Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!" von Thomas Trimm (...) verboten worden. Hierzu wird von zuständiger Stelle erklärt, dass dieses Verbot notwendig war, um die Autorität der nationalsozialistischen Regierung zu wahren. (...) Der Artikel stellt eine einzige verantwortungslose Verunglimpfung der Absicht des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels dar, die Gleichförmigkeit in der deutschen Presse aufzulockern.
Andere Schriftleiter hätten in Artikeln zum Thema
ein aufrichtiges Ringen um die Probleme erkennen lassen.
Ein "aufrichtiges Ringen" um das Problem der "Charakterlosigkeit". Es ist alles so ein Witz und Hohn. Ehm Welk lässt diese Bande durch sein schlichtes Handeln so nackt da stehen. Der Rest war dann typisches Niedermachen mit billigen Argumenten "ad personam", immer wieder gerne und erfolgreich angewandt, auch heute:
Der Verfasser des Artikels ist zu feige, mit seinem wahren Namen an die Öffentlichkeit zu treten.
Das dürfte nicht stimmen, schließlich konnte man vom Inhalt des Artikels leicht darauf schließen, dass sein Autor der Schriftleiter der Zeitung selbst war, der als solcher auch im Impressum angegeben war. Und weiter:
Er gebraucht ein Pseudonym, das schon im Gleichklang der Anfangsbuchstaben an die üblen Zeiten der Peter Panter, Theobald Tiger usw. erinnert. (...) Durch gekünstelte Wortbildungen versucht er in diesem Artikel, nationalsozialistische Begriffe, die heute jedem deutschen Bauern heilig sind, zu verdrehen und lächerlich zu machen.
Wieder verhöhnen sich hier die Nationalsozialisten selbst. Dass auch "heilige Begriffe" zur Phrase verkommen können, scheint der Asphaltschnauze Goebbels und seinen Anhängern noch nicht einmal flüchtig bewusst geworden zu sein. Ja, dass schon in dieser Entgegnung selbst alles Phrase ist, nicht. Weiter:
Darüber hinaus wagt es dieser Mann, ein Ministerium, das stolz darauf ist, in besonderem Maße volkstümlich zu sein ...
- ja, volkstümlich sein, das wollen sie alle ... -
in der Öffentlichkeit dadurch herabzusetzen, dass er es so darstellt, als ob eine direkte Verbindung zwischen Volk und Ministerium nicht möglich sei.
"Sie feierten Lenin als den folgerichtigen Überwinder Tolstois"

Aber nein, nicht genug, am 15. Mai 1934 glaubte auch das NS-Parteiblatt "Die Brennessel" nachtreten zu müssen und seinem angegriffenen Minister beistehen zu müssen, indem es sich die Vergangenheit von Ehm Welk - sachlich scheinbar durchgehend richtig - vorknöpfte (zit. n. 1, S. 218):
Lassen Sie uns zurückdenken bis in das Jahr 1927, da Sie noch als zukunftsträchtiger Poet Moskaus am Theaterhimmel der Berliner Volksbühne strahlten. Dort starteten Sie Ihr Drama "Gewitter über Gottland", suchten das Land der Sowjets mit der Seele und mussten es doch erleben, dass Erwin Piscator Ihrem gesinnungsträchtigen Bilderbogen einige grandiose Einfälle aus seiner Klamaukkiste zusetzte. Entsinnen Sie sich? Es wurde ein Zahlabend-Gaudi. Noch sehe ich den kleinen Ostjuden Granach in der Maske Lenins, tragisch umwittert, an die Rampe marschieren. Es war bitter. Ihnen gefiel deshalb auch Ihr eigenes Stück nicht.
Über einen damaligen offenen Brief Ehm Welks an den biederen SPD-Vorstand der Volksbühne heißt es weiter:
Wenn Sie diesen offenen Brief aus dem Jahre 1927 aber noch einmal durchlesen, so werden Sie finden, dass Sie es trotz aller künstlerischen Einwände an einem Bekenntnis zur kommunistischen Weltanschauung nicht fehlen ließen. In dieser Hinsicht wollten Sie keinen Irrtum aufkommen lassen. Und so haben Sie es gehalten, bis Sie im Jahre 1929 Ihr zweites Stück in der "Volksbühne" zur Debatte stellten. Sie nannten es "Kreuzabnahme" und feierten Lenin als den folgerichtigen Überwinder Tolstois. Dann wurde es still um Sie.
Und dann wird Ehm Welk zum Vorwurf gemacht, dass er zwar "bereits 1928 für Blut und Scholle geschrieben" habe, aber dies - leider, leider! - nicht "im Zeichen des Hakenkreuzes" getan hätte. So kleingeistig kann Parteidoktrin machen:
Wer einst im Lager der Katze und Cohne Ullsteinsche Agrarpolitik betrieben hat, der darf nicht aufstehen und weltanschauliche Grundsätze des Nationalsozialismus als längst bekannte, stets vertriebene Artikel aus eigenen Lagerbeständen erklären. Das war nicht Mut, sondern Unverfrorenheit.
Man spürt noch durch diese Worte durch, wie punktgenau Ehm Welk die Heuchelei der Nazis getroffen hatte. Die "Brennessel" macht Ehm Welk im Jahr 1934 eine Vergangenheit zum Vorwurf, die vielen anderen Menschen zur gleichen Zeit nicht zum Vorwurf gemacht worden ist. Schließlich wurden damals ganze Rotfrontbanner-Züge in die SA eingegliedert und ähnliche Dinge mehr. Nun, auch nach dieser Angelegenheit wurde es still um Ehm Welk. - - - Und sein eigentliches Schaffen begann.

Weiteres über Ehm Welk vielleicht noch in einem zweiten Blogartikel. Die beiden in diesen Blogbeitrag eingebundenen Videos sollen übrigens Ehm Welk im Originalton zu Gehör bringen. In ihnen spricht er in den ersten eineinhalb Minuten jeweils selbst einige Worte bzw. liest sie vor. 

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  1. Reich, Konrad: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Hinstorff Verlag, Rostock 1976, 5. Aufl. 1983 (OA. 1967)
  2. Reich, Konrad: Ehm Welk. Der Heide von Kummerow. Die Zeit. Das Leben. Hinstorff Verlag, Rostock 2008

Montag, 21. Oktober 2013

Kirchen - warum sind sie rechtlich nicht ebenso gestellt wie andere Vereine auch?

Warum die bevorzugte "öffentlich-rechtliche" Stellung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften?

Gernot Haßknecht hat gerade mal wieder mit einer seiner Haßpredigten auf den derzeitigen mangelnden Vereinsstatus der christlichen Kirchen aufmerksam gemacht:


Daß es heute überhaupt noch ein "Staatskirchenrecht" (Wiki a, b) gibt, daß Kirchen und Weltanschauungemeinschaften einen "öffentlich-rechtlichen" Status einnehmen, anstatt daß sie einfach dem üblichen Vereinsrecht unterliegen, ist ein Überbleibsel der Tatsache, daß die modernen Staaten entstanden sind zur Zeit der Alleinherrschaft monotheistischer Religionen.*) Der Monotheismus kennt keine Duldsamkeit gegenüber anderen Religion und Gottvorstellungen: "Kein Gott außer Gott", "Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben". Viele Reiche der Antike kannten hingegen ein breites Nebeneinander von vielen Religionen, Kulten und Gottvorstellungen. Man denke an das Reich der Hethiter, an die Griechen, an Ägypten, an das Römische Reich.

Im Römischen Reich jedoch wurde die christliche Religion spätestens im Jahr 381 zur Staatsreligion erklärt und es wurden alle andere Religionen verfolgt und unterdrückt. Die griechischen Tempel, die Bibliothek von Alexandrien wurden zerstört, die letzte heidnische Philosophin Hypathia von Alexandrien wurde von einem christlichen Pöbel zu Tode geschleift. - - - Damit beginnt in der abendländischen Geschichte das "Staatskirchenrecht".

In Deutschland geht das Staatskirchenrecht vor allem auf Otto den Großen zurück, der ja die Verwaltung des damaligen deutschen Reiches - im Gegensatz zu seinem Vater König Heinrich I. - auf das "Reichskirchensystem" stützte, in dem die Bischöfe der katholischen Kirche die wichtigsten Beamten seines Reiches wurden. Daraus ergab sich dann später der Investitutstreit, in dem der Papst in Rom eine reine Theokratie im Deutschen Reich aufrichten wollten, wogegen sich die deutschen Kaiser erbittert wehren mußten, wobei sich die ganze hochmittelalterliche "Kaiserherrlichkeit" aufrieb.


Nach der Reformation bildete sich der Grundsatz heraus "cuios regio, eius religio". Otto von Bismarck war dann einer der wichtigsten Reformer, was das Staatskirchenrecht betrifft: Durch die Einführung der obligatorischen Zivilehe und verschiedene Strafvorschriften (vgl. den „Kanzelparagraphen“) sollte der Einfluß vor allem der katholischen Kirche in der Gesellschaft zurückgedrängt werden. Aber natürlich waren davon auch die protestantischen Kirchen betroffen.

Aber der allerwichtigste Schritt erfolgte in Deutschland dann im Jahr 1919. Auf Wikipedia heißt es dazu:
Das „Weimarer System“ schrieb die Trennung von Staat und Kirche und die weltanschauliche Neutralität des Staates fest, beließ aber den Kirchen ihren öffentlich-rechtlichen Status und ihre gesellschaftlichen Mitwirkungsmöglichkeiten. Freilich war dieser Status nicht mehr exklusiv, sondern auf Antrag auch anderen Religionsgemeinschaften und sogar areligiösen Weltanschauungsgemeinschaften zu gewähren. Diese Prinzipien der von Parität und Toleranz geprägten „hinkenden Trennung“ sind bis heute geltendes Verfassungsrecht.
Anstatt daß also alle Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften einfach unter Vereinsrecht gestellt wurden, behielten oder bekamen sie überhaupt erst einen "öffentlich-rechtlichen Status". Dies wird in etwa so begründet (Wiki):
Die bevorzugte Behandlung von Religionen und Weltanschauungen und ein nachhaltiger Schutz zu ihrer freien Entfaltung werden noch als eine öffentliche Angelegenheit angesehen. Deshalb erlauben diese schwachen Formen der Trennung unter weitgehender Wahrung der weltanschaulichen Neutralität des Staates auch eine punktuelle Partnerschaft mit Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.
Alles ganz hübsch formuliert, nicht wahr? Man lasse das mal Gernot Haßknecht vorlesen ... Das sind also Überbleibsel des Bündnisses zwischen "Thron und Altar", das in Deutschland einstmals Otto der Große eingangen war. Dieses Denken geht davon aus, daß eine Religions- oder Weltanschauungemeinschaft mehr für die allgemeine Solidarität zwischen den Bürgern leistet, als ein Fußballverein, ein Kegelklub, ein Sinfonieorchester oder eine philosophische oder literarische Gesellschaft. Das ist im Grunde ein ganz unmöglich konstruiertes Denken. (Das übrigens auch noch auf der Ebene der "Europäischen Gemeinschaft" vorherrscht.) Für die Schweiz beispielsweise gilt heute:
Alle Kantone (außer Genf und Neuenburg) haben die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische Kirche, neun Kantone außerdem die christkatholische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt. Vier Kantone (Bern, Freiburg, Basel-Stadt und St. Gallen) gewähren auch den jüdischen Gemeinden den öffentlich-rechtlichen Status. Alle anderen Religionsgemeinschaften haben sich privatrechtlich als Vereine oder Stiftungen zu organisieren. Momentan (September 2009) steht im Kanton Luzern die Anerkennung des Islams als Landeskirche zur Diskussion.
Da fragt man sich doch, warum sich nicht auch die anderen drei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, ähm, Entschuldigung, Kirchen dem privatrechtlichen Vereins- und Stiftungsrecht zu unterwerfen haben. Es ist nicht einzusehen, daß eine beliebige Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft einen rechtlich bevorzugten Status haben sollte gegenüber einem beliebigen anderen Verein. Ich behaupte: Die Kant-Gesellschaft und ein beliebiges Sinfonieorchester leisten erheblich mehr zur moralischen Fundamentierung unseres demokratischen Gemeinwesens, als irgendeine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft. Zumindest nicht weniger.

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*) Für diese und alle Folgebehauptungen erbitte ich Korrekturen, falls ich falsch liegen sollte. Ich bin kein Jurist. Und ich finde das eine vergleichsweise "schwierige" Thematik. Deshalb ist hier vor allem mal versucht worden, "gesunden Menschenverstand" anzuwenden.

Sonntag, 16. September 2012

Das subversive Lächeln in christlichen Kirchen

Wenn man immer wieder salbungsvolle christliche Sonntagsandachten im Radio zu hören kriegt, fragt man sich, wie eigentlich die Menschen in früheren Jahrhunderten auf all dieses "Salbungsvolle", Unechte, Gemachte reagiert haben. Was findet man zum Beispiel, wenn man in der Google-Bildersuche nach Anschauungs-Material für die folgenden Gedichtzeilen sucht:
Diethelm Trausenit

(1349)

Diethelm Trausenit, warum bot
bei Sankt Stephan dir niemand Dach und Gelaß?
Sie scheun wohl in deiner Zunge den Spott,
in deinen Augen den Haß.

Die Heiligen, die dein Meißel weckt,
die tragen dein eigen unheilig Gesicht.
Sie stehen steif, sie lächeln versteckt:
aber fromm sind sie nicht.

(...)

(Josef Weinheber)
Abb. 1: Die Lächelnde Madonna von Lauter (um 1260 n. Ztr.) (südliche Rhön)
"... aber fromm sind sie nicht." - Man meint doch, solche christlichen "Heiligen"-Figuren zu kennen. Aber im Netz sind sie gar nicht so leicht zu finden. Das könnte einen überhaupt auf das Thema "Lächeln und subversives Grinsen in der Kunst" bringen. Wie steht es da zum Beispiel mit dem Lächeln der vorklassischen, griechischen Skulpturen, dem "heiteren" (?) "ionischen Lächeln"? Und mit so vielem anderen Lächeln und Grinsen auf diesem Gebiet? Hier jedenfalls noch zwei weitere Netz-Funde:

Abb. 2: Naumburger Stifterfiguren - Man beachte vor allem die grinsende "Reglindis" ganz rechts
Abgesehen davon, ob wir uns heute "Erlöste" oder "Heilige" oder vorbildlich "Gläubige" so vorstellen wie in diesen Bildern noch einmal die Frage: Darf man in christlichen Gottesdiensten heute nicht mehr so subversiv grinsen wie es doch sogar die in den Kirchen stehenden Figuren selbst tun? - - -

Man möchte meinen, wer religiöse Gemeinsamkeit mit anderen Menschen sucht, sollte ihnen mitunter auch zu erkennen geben, wenn er das Gefühl hat, daß er diese gerade in diesem Augenblick nicht empfindet und sieht. Waren die mittelalterlichen Menschen, Künstler da bewußter oder unbewußter ehrlicher als wir heute? Wir haben alles fein säuberlich getrennt: Auf der einen Seite der ernste Gottesdienst und die salbungsvollen (Radio-)Morgenandachten. Und auf der anderen Seite die Talkshow. Und beide haben nichts miteinander zu tun. - Vielleicht liegt da überhaupt das ganze Problem? ...

Abb. 3: "Erlöste" - Fürstenportal Bamberger Dom
- - -
Soweit der kurze - und auch reichlich krude - Gedankengang eines Blogbeitrages, wie er seit dem 16. Dezember 2007 auf dem Vorgänger- und Parallelblog dieses Blogs zu lesen gewesen war und ist. - Mit welcher Überraschung muß man als Autor dieses alten Blogbeitrages nun zur Kenntnis nehmen, daß gut vier Jahre nach seinem Erscheinen, nämlich vom 27. April bis zum heutigen Tag, den 16. September 2012, im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz eine Sonderausstellung stattgefunden hat mit dem Titel: "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter - Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters" (s. Abb. 4).

Abb. 4: "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter" - Sonderausstellung in Mainz, 2012 
Das muß einem ja geradezu so vorkommen, als hätte man mit seinem Blogbeitrag vor knapp fünf Jahren die erste Anregung zur Zusammenstellung dieser Ausstellung gegeben. Diese Ausstellung greift, wie allseits zu lesen, ein Thema auf, das noch keine vorherige Kunstausstellung in dieser Weise aufgegriffen hatte. Und merkwürdiger Weise hatten wir im Dezember 2007 die Idee zu diesem Thema. Ob man in Mainz zur gleichen Zeit auf fast dieselben Ideen gekommen ist wie wir? Vielleicht lag das Thema damals einfach in der Luft? (!!!) - - -

Der Tenor in dieser Ausstellung scheint nun - was man in ersten Berichten so liest - nicht auf dem Thema der Subversivität des Lachens zu liegen. Aber wir werden uns den Ausstellungsband besorgen, um zu sehen, was dort aus dem Thema gemacht worden ist. Und wie differenziert und mit welchen Tiefgang es ausgearbeitet und ausgelotet worden ist.
____________________
  1. Wilhelmy, Winfried: Seliges Lächeln, höllisches Gelächter. Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters.  Schnell & Steiner-Verlag, 24. April 2012 (Amazon)

Sonntag, 16. Mai 2010

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Was die westliche Welt alles von einem kleinen Volk im Amazonas lernen kann

Der Sprachforscher Daniel Everett, er, der den großen Sprachforscher Noam Chomsky wissenschaftlich "alt" aussehen ließ (1, 2), macht derzeit unter Atheisten, Humanisten und Naturalisten die Runde: Als christlicher Missionar besuchte er einen Indianerstamm am Amazonas. Aber statt daß er diesen Indianerstamm bekehrt hätte zu Jesus Christus und zum christlichen Glauben, wird vielmehr er selbst durch durch diesen Indianerstamm, seine Zufriedenheit, seine Fröhlichkeit von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches der christlichen Religion überzeugt.

Und ebenso von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches so mancher anderen "Religion". Etwa der "Religion" vom universalen "Sprachinstinkt" aller Menschen (Steven Pinker), der "Religion" von der "angeborenen Universalgrammatik" aller Menschen (Noam Chomsky). Sein nun auch ins Deutsche übersetztes Buch (1) ist außerordentlich lesenswert, mehr aber noch, wenn man danach die beiden in diesen Beitrag eingeflochteten Film-Dokumentationen sieht.

Der Originaltitel seines Buches sagt mehr als der Titel der deutschen Übersetzung und würde auf Deutsch lauten: "Schlaf nicht, es gibt Schlangen!" Das sagt der Indianerstamm der Piraha (Wiki) sich gegenseitig anstelle unseres: "Gute Nacht!" Und in der Tat ist das - wie so vieles andere - für uns ein etwas skurriler Gutenacht-Gruß. Aber die Piraha meinen ihn wörtlich: Die ganze Nacht hindurch redet irgendjemand im Dorf weiter und schwätzt.

Die Forschungen von Daniel Everett bestätigen die Forschungen des Sprachforschers Wilhelm von Humbold, sowie die Sapir-Whorf-Hypothese (Wiki): Die Kultur, Lebens- und Denkweise eines Volkes bestimmen die Art der von diesem Volk benutzten Sprache. Und umgekehrt bestimmt die Art der von diesem Volk benutzten Sprache die Wahrnehmungen und das Denken dieses Volkes, das auf diese Weise eine ungeheuer starke Anpassung an seine Umwelt erfährt.

Gibt es "eine" Wahrheit für "alle Völker"?

Die Piraha zeigen, daß die Theorie der angeborenen Universalgrammatik Noam Chomsky's der vorgefundenen Wirklichkeit bei den Völkern nicht gerecht wird - oder höchstens sehr unvollständig - gerecht wird: Unser Denken und unsere Wahrnehmungen sind, wie die Forschungen der letzten Jahre immer mehr erhärten, kulturell von unserer jeweiligen Muttersprache tiefgehend und einzigartig vorgebahnt. Jede Kultur, jedes Volk der Welt hat seine eigene unverwechselbare, einzigartige Sicht auf die Welt, interpretiert die Welt und das menschliche Zusammenleben auf seine ihm ganz eigenartige Weise.

Es gibt also keine Religion, keine Wahrheit, die für alle Völker auf der Welt in gleicher Weise gültig sind. Man kann sich eine sechsminütige, deutschsprachige Vorstellung des sehr lesenswerten, neu erschienen Buches von Daniel Everett über seine Forschungen und über seinen persönlichen religiösen Weg ansehen (YtARD). Man kann einen Mann der Piraha sprechen hören, jenes Volkes, dem die Forschungen Daniel Everett's gelten (s. Yt oder Yt). Und es findet sich ein einstündiger (englischsprachiger) Vortrag von Daniel Everett über seine Forschungen (Fora.tv).

Von diesem Vortrag kann man sehr profitieren, um so mehr, wenn man zuvor sein Buch gelesen hat. Durch das persönliche Erzählen von Seiten Everett's bekommen die Piraha eine Lebendigkeit und damit eine Liebenswürdigkeit, daß man ihnen und ihrem Erforscher mit großer Sympathie gegenübersteht. Es gibt übrigens inzwischen viele Vortragsausschnitte, in denen Daniel Everett von seiner "Bekehrung" durch die Piraha berichtet (Beispiele: Yt1, 2, 3, ...).

Gibt es eine universelle Sprache auf dem Gebiet des Religiösen?

Ein Volk, das keine Zahlen kennt, sondern daß "per Sprache" unfähig und dem es auch ganz und gar gleichgültig ist, den Geist des Neuen Testamentes zu verstehen, bzw. seine tieferliegende religiöse Konzeption. Mit diesem Volk wird also nicht nur eine "universelle Grammatik" auf dem Gebiet der Sprache infrage gestellt, sondern auch gleich noch eine von den meisten Menschen und Wissenschaftlern heute vorausgesetzte "universelle Sprache" auf dem Gebiet der Religiosität. Daniel Everett setzt an das Ende seines Buches das Kapitel "Ein Missionar wird bekehrt" (S. 385ff). Er schreibt, wie ihn 1983 sein Piraha-Sprachlehrer eines morgens beim Kaffee ansprach:

He, Dan, ich muß mit dir reden. Die Piraha wissen, daß du deine Familie und dein eigenes Land verlassen hast, um hierherzukommen und bei uns zu leben. Wir wissen, daß du das alles getan hast, um uns von Jesus zu erzählen. Du willst, daß wir wie Amerikaner leben. Aber die Piraha wollen nicht wie Amerikaner leben. Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht. Aber wir mögen dich. Du kannst bei uns bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?

Was für ein souveränes Volk. Mit genau diesem Adjektiv bezeichnet schließlich auch Everett selbst die Piraha (S. 396). 

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Aber in einem neuen Anlauf und mit sehr ernster Miene nannte Everett den Piraha irgendwann später seine persönlichen Gründe, wie er zum Glauben an Jesus Christus gekommen sei. Everett war nämlich "bekehrt" worden, so erzählte er ihnen sehr ernst, unter anderem durch den Selbstmord seiner Stiefmutter. Davon erzählte er den Piraha mit bewegten Worten ausführlicher. Und er endete:

Ich erklärte, dies sei eine sehr ernste Geschichte.
Als ich geendet hatte, brachen die Piraha in Gelächter aus. Das kam, gelinde gesagt, unerwartet. Ich (...) rechnete damit, daß mein Publikum ehrlich beeindruckt war: Ich hatte Schlimmes durchgemacht, und Gott hatte mich da herausgeholt.
"Warum lacht ihr?", fragte ich.
"Sie hat sich selbst umgebracht? Ha ha ha. Wie dumm von ihr. Piraha bringen sich nicht selbst um."
Sie waren nicht im Mindesten beeindruckt. Die Tatsache, daß ein mir nahestehender Mensch sich das Leben genommen hatte, war für sie ganz eindeutig keinerlei Grund, an meinen Gott zu glauben. Ganz im Gegenteil: Es hatte genau die entgegengesetzte Wirkung.

Souveräne, vorbildliche Menschen. Nicht im geringsten lassen sie sich in ihrer eigenen Wertewelt erschüttern. Tod ist ein trauriges Ereignis für Piraha, wie auch Everett berichtet. Aber sie haben keine Angst vor ihm. Und so souverän, eigenständig in ihrem Wertesystem, so wirken sie auch in den Videoaufnahmen. Warum kommen uns die Menschen gerade überall dort mitunter so vorbildlich vor, wo Weltreligionen wie Christentum oder Islam noch nicht hingekommen sind? Was hat das Christentum, was hat der Islam mit den Menschen gemacht? Warum diese schlotternde Angst vor dem Tod? Warum dieses unwürdige Kriechen vor ihm?

Waren unsere eigenen heidnischen Vorfahren möglicherweise in früheren Zeiten auch einmal souveräner und in ihrer Wertewelt eigenständiger und haben "Missionare" einfach nur - - - ausgelacht? Und welche Macht maßen sich heute noch diese monotheistischen Interessenklüngel in der westlichen Welt an ... Was geht es sie an, was andere Leute glauben? Warum sagen wir ihnen nicht auch einfach:

Ihr könnt bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?
____________

  1. Everett, Daniel: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. Deutsche Verlags-Anstalt, 15. Februar 2010 (Bücher)
  2. Henk, Malte: Gixai kaxaxai - Die Sprache der Piraha. In: Geo, 1/2010, S. 48 - 70 (im Netz eine --> zu kurze Version - aber mit Video und Hörbeispielen)
  3. Weigmann, Katrin: Beeinflußt Sprache unser Denken? (Spektrumdirekt, 23.3.2007)

Donnerstag, 25. Februar 2010

Papst und Jesuiten: Es gibt keine schlechte Publicity

Auch schlechte Publicity ist Publicity

Was findet der Leser heute auf Abendblatt.de ...:

Liebe Leute! Als Jesuitenorden muß man doch zunächst einmal wirtschaftlich denken. Schadensersatzklagen stehen an, Insolvenzen sind schon angemeldet (USA). Also, Leute, laßt sie doch die Publicity nutzen, die sie derzeit haben und laßt sie Werbung machen "für ihr Ding".

- - - Doch zum Glück finden auch Kirchenkritiker allmählich aus ihrer tagelang anhaltenden Sprachlosigkeit heraus. Man liest sie wieder, Schlagzeilen wie "Ultimative Unverschämtheit", "Gipfel der Scheinheiligkeit" (hpd, 24.2.a, 24.2. b) etc. pp.. Wäre auch wahrlich merkwürdig genug gewesen, wenn diese Schlagzeilen nicht irgendwann eingesetzt hätten. Aber das sind in der Tat schon etwas lethargische Reaktionsspannen.

... Er versuchte nie, sie zu küssen: Josef Ratzinger Uta Ranke-Heinemann ...

Und so manches wird derzeit in den Medien doch ganz ordentlich und redlich erörtert, auch ohne den Blog "Spreeblick".

Zum Beispiel: Nie ganz sicher konnte sie sich sein, ob nicht plötzlich einer der dem Zölibat entgegengehenden Theologie-Studenten auf die Idee käme, ihr einen Kuß zu geben. So erzählte es dem "Focus" Frau Uta Ranke-Heinemann, die erste Professorin für katholische Theologie in Deutschland, in einem Interview (Focus, 18.2.10). Und das, obwohl sie zu jenem Zeitpunkt schon verlobt war. - Eine Vorbereitung von Theologen auf alles das, was kommen würde?

Nur der junge Studiosus Josef Ratzinger, so sagt Frau Uta Ranke-Heinemann im "Focus", versuchte es nie:
FOCUS Online: Sie kennen Joseph Ratzinger persönlich aus Ihrer Studienzeit in München …

Ranke-Heinemann: Ja, ich kenne ihn und war über 50 Jahre lang eine Anhängerin von ihm. Er ist ein bedeutender Theologe, und wir haben uns Anfang der 50er-Jahre gegenseitig geholfen, unsere Promotionsthesen ins Lateinische zu übersetzen. Hochintelligent habe ich ihn in Erinnerung. Weil ich damals schon verlobt war, suchte ich mir einen Kommilitonen aus, bei dem ich absolut sicher sein konnte, dass er mir nicht plötzlich einen Kuss gibt. Bei ihm war ich da absolut sicher. Er hatte schon immer die Aura eines Kardinals, hochintelligent bei Abwesenheit jeglicher Erotik. Aus dieser Zeit kannten wir uns gut. Aber dennoch hat der heutige Papst mir in seiner späteren Rolle als Präfekt der Glaubenskongregation nicht geholfen, mich gegen den Verlust meines Lehrstuhls zu schützen. Ich dachte damals, er leide selbst unter Johannes Paul II. Doch seit er dessen Nachfolge angetreten hat, muss ich erkennen, dass Benedikt selbst hinter allen von mir bekämpften Tendenzen der Kirche steckt. Das war eine der größten Enttäuschungen in meinem Leben.
Pfäffisches Leben: Alles wird geküßt, nur kein Frauenmund

Über 50 Jahre lang Anhänger des - verlobte Frauen nicht küssenden - Josef Ratzinger zu sein und dann die größte Enttäuschung in seinem Leben erfahren, das klingt - ehrlich gesagt - ein wenig gar zu platt. Andererseits sieht Josef Ratzinger auf Fotos aus jüngeren Lebensjahren bis hin zum jungen Professor (a, b, c) wirklich noch etwas idealistischer und ehrlicher-wohlgesonnen aus, als heute (siehe Fotos links und rechts). Man meint deutlich zu spüren: Machtausübung hat später seinen Charakter allzu deutlich verändert. In einem, wie einem scheint, sehr katholischen Sinne.

Die Katholische Kirche: Strukturiert wie eine Monarchie

Heute jedenfalls spricht Frau Ranke-Heinemann, wenn sie von ihrem ehemaligen Komilitonen, Herrn Ratzinger, spricht, von heuchlerischen "Krokodilstränen", die dieser vergießen würde. - Ja, in der katholischen Kirche selbst wächst der Widerstand gegen die Jahrtausende alten, festgeschriebenen, inneren Strukturen. Festgeschrieben von Männern, die in Jugendzeiten gerne überraschend hübsche Frauen küßten, die mit anderen Männern verlobt waren (Focus, 19.2.10):
Die Kurie sei bis heute wie eine Monarchie strukturiert, (...) berichtete die Forschungsgruppe „Religion und Politik“ der Universität Münster am Freitag (...) unter anderen mit dem Berliner Politologen Otto Kallscheuer und dem Münsteraner Sozialethiker Karl Gabriel. (...)

Gabriel kritisierte die zentralistische Autoritätsstruktur des Vatikans. Eine solche Institution lasse sich nicht mehr von einer Person allein regieren. Er warf dem Papst außerdem vor, er ignoriere das Säkulare der modernen Welt. Er komme nicht damit zurecht, dass die katholische Kirche nur noch eine von vielen Religionen im globalen Weltanschauungsmarkt darstellt.

Beide Experten bedauerten, dass Benedikt XVI. durch die Pannen eine weltpolitische Chance vergebe. Die Kirche könne wie kaum eine andere Institution die Rolle eines moralischen Global Player übernehmen.
Wenn sie ehrlich und redlich jene Frauen heiraten würden, die sie in ihrer Zeit als Theologiestudenten so gerne küssen wollten, und ab und an mal einen vertrauensvollen Vorschlag von weiblicher Seite entgegennehmen würden, würde man von ihnen noch etwas erhoffen wollen. - Auf den Papst hören heute in der Tat immer noch viele Menschen. Er könnte viel Positives bewirken, wenn es ihm darum ginge, wirklich Modernes, Positives, Zukunftsweisendes, Menschliches (und nicht: Priesterliches, Pfäffisches) bewirken zu wollen. Aber kann das einer, der noch nie in seinem Leben versucht hat, ein Mädchen zu küssen? Noch nicht einmal - - - Uta Ranke-Heinemann?

Katholischen Monarchie: Publicity-Kußorgien

Und auf der anderen Seite dann diese Kußorgien, zu denen der Papst in aller Öffentlichkeit fähig ist. Der Boden, die Tischplatten, die Kinder, alle möglichen heiligen und profanen Gegenstände werden geküßt. Nur kein Frauenmund. Obwohl man einen solchen Frauenmund doch wohl so ziemlich als das Humanste und Heiligste in dieser Welt wird bezeichnen dürfen. Wozu diese Ersatz- und Übersprunghandlungen, wie man sie wohl aus der Sicht der Verhaltensforschung wird nennen dürfen? Und von Staatsmännern, Fürsten und Königen läßt man sie sich immer noch gerne küssen, die monarchische, die päpstliche, die "segnende" Hand ...



("Küßt ihr nur den Boden, ich küß lieber dich," hat einmal die Pop-Gruppe "Pur" gesungen.)




Vielleicht kann man in der Tat alle Probleme der katholischen Kirche auf einen Nenner bringen: Die falschen Kußobjekte.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Jürgen Elsässer warnt vor "Katholikenhatz"

Man möchte geradezu schmunzeln über den Geheimdienst-kritischen, "linken" Herrn Jürgen Elsässer. Er hat doch wohl nicht seinen verquasteten Herrn Jürgen Habermas etwas gar zu gründlich gelesen? Ist Herr Elsässer etwa genauso angetan vom "lieben", etwas arg totalitär angehauchten Herrn Ratzinger wie unser guter lieber alter Habermas, der allzu oft auch allzu "päpstlich" daherkam, auch wenn er nicht mit Herrn Ratzinger diskutierte?

Stoppt die Katholikenhatz!

schreibt Jürgen Elsässer auf seinem Blog. Da scheint jemand Sorgen zu haben. Irgendwie typisch: Tritt jemand aus einem totalitären System "kritisch" heraus - Schwups! - sucht er schon Anlehnung beim nächsten ... Geht's ohne Totalitarismus nicht? Herr Elsässer? Warum nicht einfach mal mit allen totalitären Systemen und Tendenzen Schluß machen? Einfach mit allen -? Übrigens befindet er sich da offenbar mit dem "linken" Gregor Gysi in guter Gesellschaft (St. gen., 6.10.07).

Sonntag, 29. November 2009

Sind Atheisten die Krone der Schöpfung?

Tobias Maier, dessen Wissenschaftsblog "Weitergen" man sonst als sehr schätzenswert empfinden kann, hat neuerdings einen recht flappsigen Artikel zu den Themen Gruppenselektion und Religionsdemographie geschrieben. (--> hier) Ulrich Berger hat dort in den Kommentaren schon vieles Richtigstellende gesagt. "Studium generale" hat dort als Kommentar geschrieben (dabei auch auf den Inhalt der jüngsten Beiträge von St.gen.-Research-Blogging Bezug nehmend):

Die ancient-DNA-Untersuchungen, die sich derzeit immer stärker ausweiten, zeigen auf, daß eine Fülle von früher sehr weit verbreiteten, großen menschlichen Populationen heute genetisch als weitgehend ausgestorben angesehen werden müssen.

Das gilt auch für Europa: Etwa die letzten Jäger und Sammler-Völker im Ostsee-Raum, etwa die ersten Ackerbauern in Mitteleuropa (die Bandkeramiker), offenbar auch der Stamm, dem der Ötzi angehörte - für die Etrusker ist dieser Umstand noch umstritten. Und auf dieser Linie könnte noch viel gesagt werden. (Etwa die Skythen in Nordsibirien, die Tocharer in der Taklamakan ...)

Weiterhin wissen wir, daß sich Populationen weltweit sehr deutlich in Häufigkeitsmustern unterscheiden was ihre Verhaltens- und Intelligenzgenetik betrifft.

All diese Daten - und eine Fülle weiterer - deuten darauf hin, daß mit neuer Lebensweise - beispielsweise Ackerbau - auch eine neue Genetik von Populationen herausselektiert wurde. Auch beim Menschen. Und zwar eine Genetik auf allen Ebenen menschlichen Seins: Ernährung, Krankheitsabwehr, Intelligenz, Sozialverhalten etc..

Jüngst wurde ja über ein humangenetisches Selektionsereignis berichtet, das nur 200 Jahre zurückliegt: eine Mutation, die auf Neuguinea das Überleben sichert, obwohl man Menschenfleisch aß (BSE etc.).

Und all diese Erkenntnisse sollten nun nichts mit der weltweit verbreiteten Neigung des Menschen zu tun haben, religiöse Vorstellungen aller Art zu entwickeln? Und mit der menschlichen Neigung, aufgrund von Religiosität kooperativer, altruistischer zu sein, als wenn man nicht religiös ist?

***

Tobias, ich habe schon abgeklärtere Blogbeiträge von Dir gelesen und bin von diesem hier doch etwas arg enttäuscht. Michael Blume als unwissenschaftlich hinzustellen, ist doch absurd. Er mag Daten anders interpretieren als Du. Aber das ist Teil von Wissenschaft. Daß Du dazu so flappsig und oberflächlich Stellung nimmst, zeigt meiner Meinung nur, daß Du Dich nicht ausreichend mit Verhaltensgenetik und mit "Evolutionary Religious Studies" und mit Religionsdemographie beschäftigt hast bisher. Niemand zwingt Dich dazu. Aber dann sei auch ein bischen zurückhaltender in den Urteilen.

***

Manche Erkenntnisse sind unbequem. In der Tat. Und manchmal sogar für Atheisten. Denn die Krone der Schöpfung sind sie nicht. (Wer wollte beurteilen, wer das ist?) Die Atheisten sagen, die ganze Welt, das Leben etc. ist - letztlich - eine Zufallserscheinung. Aber reiner Zufall ist etwas so langweiliges wie reine Determiniertheit. Erst das Wechselspiel von Zufall und Gesetzmäßigkeit, auch was Welt und Leben überhaupt betrifft (und Menschsein), machen dieselben so interessant und macht auch Wissenschaft nicht nur besonders interessant, sondern überhaupt erst in unserem Sinne möglich.

Genetische Selektionsprozesse präsentieren zu weit vorausgeeilten kulturellen Lernprozessen irgendwann die Rechnung

Und auf einen Einwurf von "Saper aude":

Sapere aude -

haben Sie denn das Buch von Blume und Rüdiger Vaas - letzter übrigens ein hervorragender Wissenschaftsjournalist und (soweit ich weiß) überzeugter Atheist - gelesen?

Nirgends behauptet irgend jemand, daß Atheisten grundsätzlich genetisch anders gepolt wären als Gläubige irgend einer Religion. Was für eine absurde These soll das denn sein? Glauben Sie wirklich, daß nach allem, was wir heute in der Anthropologie wissen, noch jemand einen so platten "genetischen Determinismus" vertritt, vertreten kann?

In der Humangenetik geht es heute immer nur um Häufigkeits-Verteilungen, um Wahrscheinlichkeiten, um Neigungen. Es gibt genetisch vorgegebene stärkere oder schwächere Neigungen, altruistisch zu sein, schneller denken zu können, ängstlich zu sein (Depressionen entwickeln zu können), ADHS zu entwickeln.

In der Anthropologie kommt es heute darauf an, die sehr diffizile, offenbar ziemlich "intelligente" Kombination zwischen Genen und Kultur, das sehr dehnbare, aber auch reißbare Band, das zwischen beiden besteht, nach und nach immer besser zu verstehen. Aber dieses Band ist keine Pleuelstange, wie Sie noch zu unterstellen bereit scheinen.

Auch ist die menschliche Psyche kein System von gegeneinander abgeschlossenen Kammern. Musikalität und Schönheitswahrnehmung spielen natürlich hinüber in Vorstellungsbereiche, in Ideologien, in die Art meines Philosophierens, in die Art der phantastischen Geschichten, die ich mir und anderen über meine Herkunft und die Herkunft der Welt erzähle. Und Vorstellungsbereiche spielen wiederum hinüber in die Art der Musikalität und dessen, was ich für schön und für häßlich erachte. Und auch in diesen Bereichen sind natürlich die kulturellen Lernprozesse schneller als die genetischen Selektionsprozesse.

Aber immer deutlicher erkennen wir, daß die genetischen Selektionsprozesse zu weit vorausgeeilten kulturellen Lernprozessen irgendwann "die Rechnung" präsentieren. Etwa durch gesellschaftsweite Aussterbeereignisse und durch das Herausselektieren von neuen, an die vorausgeeilten kulturellen Lernprozesse auch genetisch besser angepaßten Gründerpopulationen.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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