Posts mit dem Label personal genome werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label personal genome werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 13. Mai 2016

Mein Genom: Begabungen, Neigungen, Körperreaktionen, Erbkrankheiten

Die Gene, die Begabungen, Neigungen, Körperreaktionen und Erbkrankheiten bestimmen, kann inzwischen jeder für sich ablesen lassen
- Hier als Beispiel ein Ausschnitt meiner eigenen

Vor zwei Wochen war er endlich da, der "Ancestry Report", mein Vorfahren-Bericht von der Firma 23andMe, bei der ich mein Genom hatte sequenzieren lassen (GA-j!, 27.4.2016). Aber es hatte zunächst eine Enttäuschung gegeben: Der "Health Report", der Gesundheits-Bericht der Firma 23andMe, wird in Deutschland nicht zur Verfügung gestellt. Warum auch immer.

Aber nicht so schlimm! Auf dem Nutzer-Forum von 23andMe habe ich nun zwischenzeitlich den wertvollen Hinweis erhalten, dass man diesen "Health Report" auch bei "Promethase" bekommen kann (SNPedia, bzw. Promethease.com). Das kostet nur 5 Dollar (zu bezahlen per Kreditkarte oder über Bitcoin). Und nur fünf Minuten nach der Bezahlung bekommt man von dort den Bericht. Nämlich nachdem man die Rohdaten, die man von 23andMe erhalten hat, Promethase zur Verfügung gestellt hat.

Und nun lese ich die ersten Auszüge aus diesem Gesundheitsbericht von Promethase und schreibe hier gleich mit. Es soll im folgenden nur ein erster Ein- und Überblick gegeben werden. Es wird bald deutlich, dass es da zu fast jedem gefundenen Genotyp noch viel zu erforschen und weiter zu fragen gibt. Auch wird deutlich, dass es sich beim folgenden nur um einen ersten Ausschnitt handelt, und dass man Tag für Tag neue Entdeckungen macht.

Ein Wikipedia für humangenetische Beratung: "SNPedia"

SNPedia, so kann kurz gefasst gesagt werden, ist das Wikipedia für humangenetische Beratung. Da man mit ihm arbeiten muss, sollte man sich zuvor klar machen, wie SNPedia seine Auskünfte aufschlüsselt (nach SNPedia-Hilfe). Jedes SNP, also jeder "Einzelnukleotid-Polymorphismus" (Wiki), wird von SNPedia folgendermaßen charakterisiert, bzw. eingeordnet:

- Unter "Repute" (Ansehen) wird eine Aussage gemacht darüber, ob es generell als ein positives genetisches Merkmal eingeschätzt wird oder als ein negatives (good oder bad, gut oder schlecht). Entsprechend erfolgt auch eine farbliche Charakterisierung.

- Unter "Magnitude" (Bedeutsamkeit) wird eine Einschätzung gegeben, wie spannend das jeweilige SNP sein könnte, zum Beispiel aufgrund seiner Seltenheit oder seiner bedeutsamen Auswirkung willen. (Diese Einschätzung kann sich im Laufe der Zeit ändern, etwa durch neue Nutzer-Bewertungen oder durch neue Forschungsergebnisse.)

- Unter "References" (Referenzen) wird die Zahl der wissenschaftlichen Studien genannt, die bislang zu diesem SNP Erkenntnisse liefern (es können aber inzwischen auch schon mehr sein als angegeben).

- Unter "Frequency" (Häufigkeit) wird eine Angabe gemacht über die Häufigkeit des SNPs in jener Population, der man von SNPedia (bzw. 23andMe) - vorläufig - zugeordnet worden ist. Es handelt sich auffälliger Weise schlussendlich wieder einmal um Ethnien. Weil wenig anderes "Sinn" macht. Und warum macht es wenig Sinn? Nun, weil der Mensch, wie wir seit bald zehn Jahren unaufhörlich auf unseren Blogs und auch auf den Scilogs*) betonen und herausarbeiten, bislang immer in Völkern, in Ethnien evoluiert ist. Und weil es viel Sinn macht, wenn die Menschen sich darauf ausrichten, dass das auch künftig so sein wird. Weshalb auch Frauke Petry so viel recht gehabt haben wird, als sie einen Tag vor dem letzten AfD-Parteitag in Stuttgart, nämlich am 28. April 2016, in einem Fernseh-Interview - und im Anschluss daran auf ihrem Facebook-Profil - dazu angeregt hat (Facebook),
mit dem Begriff ,Volk' oder ,völkisch' entspannter umgehen, denn sich für das eigene Volk einzusetzen, ist die Aufgabe eines jeden Politikers und ich spreche über die Zukunft unserer Partei.
Aber das hier nur am Rande. Populationen jedenfalls werden auf SNPedia zunächst nur von jenen gebildet, die auch am häufigsten bei SNPedia mitarbeiten. Ich bin bislang dort eingeordnet in die Population der Europäer nord- und westeuropäischer Abstammung ("Caucasians from Northern and Western Europe"). Aber es gibt dort inzwischen auch schon die Populationen der Mexikaner, der Hanchinesen, der Toscana-Italiener, der Japaner, der (Yoruba-)Afrikaner, der Massai und der Inder. Und es ist mitunter außerordentlich spannend, die Häufigkeit der eigenen Gene (genauer: SNP's) in der eigenen Bevölkerung mit der Häufigkeit der eigenen Gene (genauer: SNP's) in den anderen Populationen zu vergleichen. Was mit einem Mausklick möglich ist. Das ist fantastisch. Bei der Koffeinverstoffwechslung beispielsweise oder bei der Hautfarbe habe ich da gleich sehr spannende Dinge gefunden (siehe unten!).

- Unter den "Topics" kann man dann auch noch zusätzlich nach typischen ethnischen Genmerkmalen suchen, etwa für "aschkenasische Juden" (bislang 23 SNP's), Afrikaner (bislang 4 SNP's), amerikanische Ureinwohner (bislang 2 SNP's), Neandertaler (bislang 36 SNP's). Man kann hier aber auch suchen nach SNP's, die verantwortlich gemacht werden für die Lebensdauer (aging), für Sommersprossen, Haarfarbe, Augenfarbe, Intelligenz, Persönlichkeitstyp, psychische Anfälligkeiten ("mental health"), musikalische Begabung, Schmerzverarbeitung und so weiter und so fort.

Nach all diesen Sortierungs-Möglichkeiten kann ich meine eigenen SNP's sortieren und einordnen, vergleichen, bzw. werden mir die "spannendsten" zunächst vorgeschlagen. Ich muss zugeben, dass ich trotz all dieser Sortierungsmöglichkeiten vieles nicht gleich finde, was ich gerne schneller finden würde. Aber hier lernt man ja Tag für Tag dazu durch Ausprobieren. Und dieser Blogbeitrag kann und will eigentlich nur jeden Leser dazu anregen, dieses Ausprobieren selbst durchzuführen. Es handelt sich dabei um humangenetische Volksbildung vom Allerfeinsten. Sozusagen um ein "Selbstlernprogramm". Obwohl natürlich - zum Beispiel - die Volkshochschulen ruhig auch einmal Kurse anbieten könnten, wie man solche Dinge für sich recherchiert. 

Erhöhtes Risiko für Schilddürsenkrebs

Also. Ich habe (gegenüber der Durchschnittsbevölkerung)

- ein 1,6 fach größeres Risiko, Prostatakrebs zu bekommen ("rs6983267(G;G) 1.6x increased risk for prostate cancer; also other cancers 1.4 times as likely to develop colorectal cancer"),

- ein siebenfach größeres Risiko, eine Glatze zu bekommen ("gs122").

Ich habe ein erhöhtes Risiko gastrointestinale Blutungen zu bekommen, wenn ich Ibuprofen nehme ("problem metabolizing NSAIDs impaired NSAID drug metabolism, which is a risk factor for gastrointestinal bleeding when taking any of these medications: aceclofenac, celecoxib, diclofenac, ibuprofen, indomethazine, lornoxicam, meloxicam, naproxen, piroxicam, tenoxicam and valdecoxib").

Ich habe eine genetische Anlage für hellgrüne, braune oder haselnussbraune Augenfarbe ("gs241"). Mein Phänotyp ist aber graublau! :)

Ich habe ein 9,2-fach erhöhtes Risiko, Schilddrüsen-Krebs zu bekommen, weil mein damit in Verbindung stehendes SNP homozygot ist ("rs2145418(G;G)"). Und sofort stellt sich mir die Frage, ob dieses SNP auch etwas mit jener Schilddrüsenhormonmangel-Erkrankung zu tun haben kann, die nicht bei mir, aber bei Verwandten erstes Grades vorkommt. Da ist also gleich ein erster konkreter Ansatzpunkt da, in der nächsten Zeit weiter zu recherchieren.

Ich habe - aufgrund einer Genvariante ("rs16969968(A;A)") - ein höheres Risiko, von Nikotin abhängig zu werden, die zugleich ein geringeres Risiko mit sich bringt, von Kokain abhängig zu werden. Nun scheint diese Genvariante aber durch andere (bekannte oder unbekannte) Genvarianten wieder modifiziert zu werden. Sowie durch günstige Kindheits- und Sozialisierungs-Bedingungen. Beide Eigenschaften sind jedenfalls seit fünfzig Jahren phänotypisch Null Komma nichts zu beobachten gewesen bei mir.

Ich habe ein erhöhtes Risiko, an Zöliakie zu erkranken ("rs3184504(T;T)"). Und in der Tat: Zöliakie-Erkrankung gibt es zwar nicht unter den Verwandten ersten, wohl aber unter genetischen Verwandten zweiten Grades.

Ich habe ein 3,6-fach erhöhtes Risiko, sexuelle Dysfunktion zu bekommen, wenn ich SSRI-Antidepressiva nehme ("rs6311(C;C)"). Zum Glück habe ich noch keine genommen. Aber Citalopram ist mir vor knapp zwei Jahren schon einmal - angesichts von Dauerstress - von Bekannten empfohlen worden. Ich hab es ungebraucht in der Schublade liegen lassen, inzwischen ist das Verfallsdatum überschritten. Eine innere Stimme muss mich gewarnt haben. - Weiter heißt es:
"rs6311 together with rs6314 have a modest effect on depression severity. (...) Three (rs643627-rs594242-rs6311: A-C-T), two (rs594242-rs6311: C-T) and a single functional (rs6311: T) marker were protective against suicidal behavior. The complementary markers (rs594242-rs6311: G-C and rs6311: C) were associated with increased risk for non-violent and impulsive suicidal behavior. Furthermore, CC-homozygotes for the functional SNP rs6311 reported more anger- and aggression-related behavior."
Also dieses SNP scheint schon für sich ein Schutz gegen Selbstmord-Verhalten zu sein, scheint aber überdurchschnittlich mit Zorn- und Aggressions-Verhalten verbunden zu sein. Vielleicht ist ja letzteres der Schutz gegen Selbstmord-Verhalten, weil man Frust nicht in sich hinein frisst. Ja, so würde ich mich schon mitunter charakterisieren. (Schon in der Schule plädierte ich im Unterricht für den Grundsatz: "Macht kaputt was euch kaputt macht!")

Erhöhtes Risiko für Zöliakie

Ich bin heterozygot, was eine genetische Anlage für Hemochromatose betrifft, die eine häufige nord- und mitteleuropäische Erbkrankheit ist, und die (wohl) auftritt, wenn man homozygot ist. ("You are unlikely to be affected unless also a carrier of rs1800562(A) C282Y, but others in your family may be. This is a treatable condition.") ("rs1799945(C;G)") Ich habe noch nicht gehört, dass das in meiner Familie irgendwo aufgetreten ist.

Tja, was nicht alles in Deinen Genen steht, kleiner Mann
(Aufnahme von 1966)

Ich habe noch eine weitere Anlage, die ein zweifaches Risiko mit sich bringt, eine Glatze zu bekommen ("rs2180439(T;T)"). Die Gene haben sich gegen mich verschworen.

Ich habe ein 1,3-fach erhöhtes Risiko, Brustkrebs zu bekommen (das sollen auch Männer kriegen können, wir mir gerade gesagt) ("rs2981582(C;T)".

Ich habe ein 1,5-fach größeres Risiko, eine koronare Herzerkankung zu bekommen ("rs1333049(C;G)").

Wow, und das folgende ist ja auch spannend: Ich kann leichter Irrtümer vermeiden dank einer Dopamin-Rezeptor-Variante ("rs1800497(C;C)"), die zugleich mein Risiko, ADHS, Alkohol-, Nikotin- und Essen-abhängig zu werden (sprich übergewichtig zu werden), sowie zu postoperativer Übelkeit, herabsenkt. Es gibt da etwa den schönen Satz: "Lower obesity due to increased pleasure response to food." Also: Ich habe eine geringeres Risiko, übergewichtig zu werden, weil ich eine intensivere Lust-Reaktion, Befriedigung habe über Essen, das ich zu mir genommen habe. Aha, aha. .... 

Wem soll ich noch etwas von dieser tollen Variante abgeben? :) Dopamin gilt ja als Glückshormon. Und es dürfte sehr spannend sein, nun allerhand Forschungsstudien zu dieser Genvariante zu lesen ... (Die findet man, das kann ich ja gleich mal sagen, schön versammelt auf der OMIM-Datenbank, die "Online Mendelian Inheritance of Man"-Datenbank.) Hier kommen wir dick hinein in den Bereich der Verhaltensgenetik, der ja noch viel spannender ist als die Genetik bloß körperlicher Merkmale. Das ist übrigens fast schon ein philosophischer Satz: Indem mir mein Körper eine intensivere Lust-Empfindung beim Essen gibt, esse ich nicht mehr (!), sondern weniger. Hätte man nicht ohne diese Erkenntnis geglaubt, dass größere Lustreaktion dazu führt, dass man noch mehr essen möchte?

"Increased pleasure response to food"

Ich habe auch eine Variante, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ich das Empfinden habe, dass Koriander wie Soße schmeckt. So so.

Ich habe ein 1,3-fach erhöhtes Risiko, an Typ 2-Diabetes zu erkranken. Das damit in Zusammenhang stehende SNP (Einzelnukleotid-Polymorphismus) liegt auf Chromosom 6 und kommt, häufiger bei aschkenasischen Juden vor und haben - soweit ich sehe - im nördlichen und westlichen Europa ("Caucasians from Northern and Western Europe") 10 % der Bevölkerung ("rs7754840(C;C)".

Soweit ein erster kleiner Einblick. Übrigens gibt es in den USA eine neue Berufsrichtung, den "genetic counselor" (Wiki). Also den "genetischen Ratgeber". Jemanden, der einem hilft, die Rohdaten der Sequenzierung seines persönlichen Genoms besser zu verstehen und daraus konkrete Handlungsrichtlinien abzuleiten. Ein toller Beruf, in Deutschland läuft das unter "humangenetische Beratung" (Wiki).

Ein Blick in die Verwandtschaft bestätigt vieles

Ergänzung: Noch am gleichen Tag der Veröffentlichung dieses Beitrages (da war er nur halb so lang wie jetzt) habe ich die Zuschrift einer weiblichen Verwandten mütterlicherseits bekommen:
Hier einige Familien-Krankheiten: Eine Deiner Tanten hat Typ II Diabetes. Deine Großmutter hatte Dickdarmkrebs (und auch schwarzen Hautkrebs), Brustkrebs können auch Männer kriegen (Brustkrebs hatten eine Deiner Großtanten und eine ihrer Töchter), zwei oder drei Deiner Onkel haben/hatten Prostatakrebs, Glatze hatte Dein Großvater, seine Söhne haben noch keine. Nikotinsüchtig waren Dein Großvater und zwei seiner Söhne, einer davon ist es noch immer.
Das bestätigt ja sehr schnell sehr deutlich vieles von dem oben Gesagten. Durch weitere Gespräche erfahre ich: Mein Großvater mütterlicherseits kam schon mit schütterem Haar aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause. Weil er so viel den Helm tragen musste, heißt es. Mein Opa väterlicherseits war ebenfalls ein starker Raucher ("Overstolz ohne"). Und eine Tante väterlicherseits hatte Brustkrebs.

Da wären also in unserer Familie baldmöglichst Vorsorge-Untersuchungen anzuraten. Das war mir so noch nicht klar. Und das dürfte schon ein erster sehr konkreter Nutzen sein, wenn man seine Gene sequenzieren lässt. Nämlich zu wissen, dass und welche Vorsorgeuntersuchungen für einen von Bedeutung sein könnten.

Meine Leber verstoffwechselt Koffein sehr schnell

Fortsetzung am Folgetag, den 15.5.: Aha, indem ich aus der Rubrik "Topics" einige spannende auswähle, erhalte ich schnell weitere spannende Ergebnisse. Nämlich:

Meine Leber verstoffwechselt Koffein schnell ("rs762551(A;A)"). Dieses SNP haben 53 % aller Nordmitteleuropäer, 58 % aller Mexikaner, 44 % aller Hanchinesen, 40 % der Toscana-Italiener, 35 % der Japaner, 32 % der (Yoruba-)Afrikaner, 28 % der Massai, 25 % der Inder:
"caffeine is broken down faster in your liver, so it has less effect on you. (...) In terms of genotypes, only rs762551(A;A) individuals are considered fast metabolizers. Individuals who are rs762551(A;C) heterozygotes or rs762551(C;C) homozygotes are both considered slow metabolizers."
- - - Ich bin allerdings der Meinung, dass Koffein eine sehr große Wirkung auf mich hat. Deshalb ist für mich genaue Dosierung sehr wichtig. Zum Frühstück zwei Tassen Kaffee (nicht zu stark und nicht zu schwach) und um 15 Uhr noch einmal eine Tasse Kaffee ist für mich gleichbedeutend mit der Möglichkeit geistiger Höchstleistungen. Trinke ich den Nachmittagskaffee (oder grünen oder schwarzen Tee) nach 17 Uhr, schlafe ich in der Regel schlecht ein oder schlafe überhaupt schlechter, bzw. unruhiger. Tja, da gibt es also allerhand Diskussions- und Vergleichsbedarf.

Wann gibt es für so etwas endlich ein deutschsprachiges Forum? Das - wie mir scheint - sehr stark moderierte Nutzer-Forum auf 23andMe (auch nur für angemeldete Nutzer) ist vornehmlich mit Herkunfts-Haplotypen befasst, die man - im Vergleich mit den hier behandelten kodierenden SNP's - inzwischen doch längst als ziemlich langweilig empfinden kann. Außerdem ist es auch noch thematisch wenig übersichtlich gegliedert. Ich kann den Eindruck nicht loswerden, als hätte das Methode. Mag sich aber jeder denken dazu, was er will. Jedenfalls ist mir noch nicht ganz klar geworden, warum der Konstanzer Biologe Axel Meyer die Internetseite von 23andMe als so empfehlenswert ansieht, wie er das Anfang des Jahres auf Facebook getan hat. Es wäre gut, wenn dieser Bereich der "consumer genetics" bald wieder weniger monopolisiert würde als dies derzeit der Fall ist mit 23andMe und als Folge der Einstellung des Dienstes der Isländischen Firma DeCodeMe, die lange Zeit so gute wissenschaftliche Arbeit geleistet hat, und die auch weiterhin viel Schwung in diese Entwicklung hätte bringen können (Wiki).

Wie spannend die ganze Thematik ist, wird auch gleich sehr deutlich an dem folgenden, sehr tollen Ergebnis: "rs1426654(A;A)" auf Chromosom 18 ist (mit-)verantwortlich für die Hautfarbe und bedeutet laut SNPedia, dass ich "wahrscheinlich hellhäutig und europäischer Abstammung" bin:
estimates that the rs1426654(A) allele (light skin pigmentation) spread through the European population around 6,000 - 12,000 years ago. Prior to that, 'European ancestors' were most likely relatively brown-skinned.
Dieses SNP hat sich also erst seit und mit der Einführung des Ackerbaus in Europa ausgebreitet. Die ausgestorbenen Jäger und Sammler, die zuvor in Mitteleuropa lebten, waren (nach der Untersuchung der erhaltenen DNA in ihren Skeletten dunkelhäutiger. Aufgrund dieser evolutionären Geschichte hat dieses SNP heute bei Nordwesteuropäern eine Häufigkeit von 100 %, bei Toscana-Italienern eine solche von 99 %, bei Indern von 89 %, bei Mexikanern von - - - 33 %, bei Massai von - - - 10 % (- immerhin! auffällig! spannend! - woher kommen überhaupt die 10 %?!) und bei Hanchinesen, Japanern, Afrikanern eine Häufigkeit von sage und schreibe - - - 0 %! Es liegt hier also konvergente Evolution von heller Hautfarbe vor, sprich parallele Evolution in Nordeuropa und in Nordasien. Das ist ja schon seit einigen Jahren bekannt und ich schrieb darüber auch schon auf meinem Wissenschaftsblog. Schön, das jetzt in den eigenen Genen wieder zu sehen.

Ich bin voller Vertrauen und Einfühlsamkeit gegenüber meinen Mitmenschen - und gegenüber Kindern ;)

Weiter: SNP "rs53576(G;G)" auf Chromosom 3 ergibt eine Variante im Oxytocin-Rezeptor-Gen und lässt mich - womöglich - Stress besser verarbeiten und mich leichter die Emotionen anderer erkennen und mich weniger schreckhaft sein. Es scheint so zu wirken, als ob ich eines zusätzlichen Sprühstosses Oxytocin in die Nase nicht bedürfte, um all diese positiven Eigenschaften Wirklichkeit werden zu lassen. Es lässt mich also allgemein mehr Vertrauen in meine Umwelt haben und mich ein verträglicher, umgänglicher Mensch sein! Wer möchte diese Variante auch haben? ;)

Sie scheint aber nur zu 0,4 % in der Bevölkerung verbreitet zu sein (- ?). Wirklich? Vielleicht lese ich das auch grade falsch. Studien haben jedenfalls ergeben, dass Menschen mit dem G-Allel einfühlsamer sind, sich weniger allein fühlen, auch als Eltern einfühlsamer sind und niedrigere Häufigkeit von Autismus aufweisen. SNPedia führt zahlreiche neuere Studien an für das eben Gesagte. Das ist ja praktisch ein Supergen! Super, Ingo! (Oh, weia, wenn ich das meinen nächsten Angehörigen erzähle, die verstehen die Welt nicht mehr ... Die werden sagen: Ingo, was bloß hast Du mit dieser Begabung gemacht. Wie ist sie auf den Hund gekommen!)

Der einsichtsvolle Humangenetiker sagt an dieser Stelle vielleicht: Da wird es noch Antagonisten geben, also Genvarianten, die gegenteiliges Verhalten wahrscheinlich machen! :) Tja, wir können eben nichts Positives ohne das Gegenteil denken!

Aber noch ein anderer Gedanke: Hat jemand, der so verträglich und vertrauensvoll ist, mehr Mut, sich von Menschen zu isolieren, als jemand, der das nicht ist? Sprich, mehr Mut, abweichende Meinungen zu vertreten? Könnte ja sein ... Dann wäre der Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" der "rs53576(G;G)"-Blog! :)

________________________________________________
*) Aus diesem Anlass sehe ich heute, am 15. Mai 2016 gerade, dass mein Scilogs-Beitrag aus dem Jahr 2011 im Rahmen des dortigen "Bloggewitters" "Deutungshoheit der Biowissenschaften" (siehe auch hier) nicht mehr im Netz zugänglich ist! (siehe auch GA-j! 2011) Deshalb wurde er gerade hier auf dem Blog (erneut) öffentlich zugänglich gemacht.

Mittwoch, 27. April 2016

Mein Genom: Es wurde sequenziert

Ein großer Tag
Your reports are ready!
heißt es vielleicht etwas unspektakulär in der Betreffzeile. Und doch ist es ein großer Tag heute. Soeben habe ich die Ergebnisse der Genom-Sequenzierung, die ich im Januar bei 23andMe für 150 Euro in Auftrag gegeben hatte, erhalten (GA-j! 01/2016, 02/2016). Lange genug hat es ja gedauert.

Ich protokolliere gleich das Lesen der Ergebnisse mit. Die Zusammensetzung meiner Vorfahren ("Ancestry Composition") ist laut der Ergebnisse zu 100 % europäisch.

Davon 30 % "französisch und deutsch" und 40 % "allgemein nordwesteuropäisch", weitere 11 % "britisch und irisch", 7 % "osteuropäisch". Das deckt sich womöglich alles recht gut mit meinem mir durch Ahnen- und Kirchenbücher-Forschung recht gut bekannten Stammbaum. In diesem Stammbaum gibt es nämlich in der Tat auch eine Urur...großmutter aus Leeds in England (Familienname Moore) und eine eben solche aus Ungarn. (Das werde ich in den nächsten Tagen noch genauer nachtragen welchen rechnerischen Anteil diese beiden Vorfahren-Linien in meinem Stammbaum haben.)

Mein Genom ist sequenziert - Die Ergebnisse sind da!

Weiterhin wird genannt: 2 % skandinavisch, 1,7 % allgemein südeuropäisch, 1,4 % Balkan. Das könnte sich decken mit der Tatsache, dass es auch eine Ururur...großmutter aus einer venezianischen Adelsfamilie gibt (der Familie Nobile Cicogna). Interessanterweise gibt es unter meinen Vorvätern und -müttern auch zu 0,5 % aschkenasisch-jüdische Vorfahren. Das muss in meine Vorfahrenlinien gekommen sein vor dem 17. Jahrhundert, denn soweit ich meinen durch Kirchenbücher bekannten Stammbaum überblicke, hat es dort niemanden mosaischer Religion gegeben.*)

Deine Gene sind da, kleiner Mann (Aufnahme von 1966)

Die Zusammensetzung meiner Vorfahren-Linien ist auch nach Chromosomen gegliedert. Auffälligkeiten: Die jüdische Vorfahren-Gruppe hat sich allein auf Chromosom 11 gehalten als Haplotyp. Das habe ich - vermute ich jetzt mal - wohl eher von meiner Mutter als von meinem Vater, meine Mutter ist eine europäische Mischung, während mein Vater nur Vorfahren aus dem westlichen Havelland hat. Ich glaube, ich sollte meiner Mutter zum Geburtstag mal ein Starterkit schenken, um diesbezüglich ein wenig weiter zu kommen! 

Mein X-Chromosom wird hier als einheitlich "osteuropäisch" angegeben. Osteuropäisch soll auch ein Strang des Chromosoms 9 sein. - Welches von den übrigen 22 Chromosomen ist aber nun eigentlich das Y-Chromosom, frage ich mich gerade.

Und wie passt das damit zusammen, dass mein mitochondriales Genom, das doch in ähnlicher Weise vererbt wird wie das X-Chromosom (.... oder nicht?) "I5a" ist? Haplogruppe I hat heute seine größte Häufigkeit weltweit in Norwegen (laut 23andMe). Weiter. Mein Y-Chromosom und damit das meines Vaters, Großvaters väterlicherseits und so weiter weist - laut 23andMe - Haplogruppe I2b1* auf:
Today the I2b1 branch of I2 is common in the Netherlands and Germany,
sagt "23andMe". Und das passt nun auch in der Tat hervorragend zu der Tatsache, dass der Familienname Bading (wohl) von dem Dorf Bading bei Stendal in der Altmark herstammt, höchstwahrscheinlich germanischen Ursprungs ist ("Bad-" für Bote oder Gebieter, "-ing" für jung), und dass die Mark Brandenburg und das Havelland bis zum Fläming im Hochmittelalter - bekanntlich - vor allem durch Siedler aus Holland und Flandern besiedelt worden ist. Das war schon seit längerem Wissen, bzw. Vermutung in unserer Familie, dass wir von diesen Siedlern aus Holland und Flandern abstammen - wie wohl auch sonst ein großer Teil der traditionellen größeren Bauern in den Straßendörfern der Mark Brandenburg (die 1953 und später zu großen Teilen nach Westdeutschland gegangen sind). (Unser Hof hatte 44 ha.)

- Das sind erst mal nur die ersten groben Ergebnisse ohne weitere eigene Recherche in der Forschungsliteratur oder auf Internetblogs und -foren, wo man sich über all das noch weiter austauschen kann.

Hallo Verwandte!

Nun klicke ich weiter zu "DNA Relatives - View 23andMe-members who share DNA with you". Und was entdecke ich dort? Einen männlichen Cousin ersten Grades in den USA. Nanu? Hat einer meiner beiden dortigen Cousins auch schon seine Gene sequenzieren lassen? Hätte ich ja gar nicht gedacht! 10,9 % des Genoms teilen wir laut Angaben von 23andMe, wobei ich mich grade frage, ob das reicht, uns Cousins ersten Grades zu nennen. Sollten echte Cousins aufgrund von familiärer Abstammung nich - zumindest rein rechnerisch - ein Achtel ihrer Gene teilen (laut Voland/Soziobiologie 2000, S. 6)? Das wären dann 0,125, also 12,5 %. Kann das ein echter Cousin sein, wenn er nur 10,9 % gemeinsame Gene mit mir hat? Aber wie könnte sonst noch eine solche Gemeinsamkeit zustande kommen? - ??? (Es wurde von 23andMe angeboten, dass ich eine Email-Anfrage an meinen namentlich unbekannten Cousin senden kann, das habe ich auch gerade getan, bin gespannt auf die Antwort.)

Eine Kanadierin (sogar mit Name!) wird mir genannt als Cousine 3. bis 5. Grades. Hallo, Cousine! Sie ist aber "nur" englischer, schottischer und irischer Abstammung. Spannend. Oder verrückt. Wir teilen 0,68 % unserer Gene. Cousins und Cousinen 3. bis 6. Grades nennt mir 23andMe noch allerhand mehr! :) Vor einigen Jahren hat ja eine für mich aufsehenerregende Studie herausbekommen, dass auf Island am häufigsten Heiraten geschlossen werden zwischen Cousins und Cousinen, glaube, 2. (oder 3.?) Grades. Und zwar ganz ohne dass diese Menschen um dieses Verwandtschaftsverhältnis wüssten. Also eher unbewusst. Das fand ich schon damals sehr spannend. Deshalb - vielleicht - schade, dass mir hier vorerst Verwandten 2. oder 3. Grades so sicher nicht genannt werden können.

Kein Gesundheitsbericht von 23andMe in Deutschland - Mist!

Ein Cousin 5. Grades allerdings wohnt in Deutschland, auch mit Name genannt! Sieben weitere Cousinen und Cousins, zumeist 5. Grades ebenfalls. In Polen sogar 9, in New York 26, Philadelphia 12 und so weiter. Sogar einer in Japan (?!?), fünf in Russland.

Ups, nach Nachnamen-Übersicht tragen die meisten meiner entfernten Verwandten (ab 5. Grades) jüdische Familiennamen: Friedman, Levy, Schwartz, Goldberg, Cohen. Hallo, Verwandte! (Womöglich spiegelt sich in dieser Angabe auch nur wieder, dass aschkenasische Juden bei 23andMe schon zu überproportional hohen Anteilen Kunden sind, was passen würde zu dem hohen Interesse, das es in dieser ethnischen Gruppe überhaupt gibt an Abstammungs- und genetischen Fragen.)

Im Gegensatz zum durchschnittlichen Europäer mit 2,6 % Neandertaler-Genabschnitten habe ich nur 2,5 % derselben. ... Ääähm, und nun bin ich gerade auch etwas verwirrt. Mit Cousins 3. Grades teile 0,68 % der Gene, aber mit Neandertalern 2,5 %? - ??? Als was für Verwandte soll ich denn dann die Neandertaler bezeichnen? - - - Aha, beim genaueren Überlegen dämmert's womöglich: Bei dieser Prozentangabe sind ja die individuellen Unterschiede zwischen Neandertalern gar nicht mitgerechnet, berücksichtigt, bei den Angaben zu meinen jetztmenschlichen Cousins und Cousinen aber schon ...

Das ist zunächst die letzte Angabe, die ich auf's erste finde. Wo aber finde ich nun Angaben zu Genen, die meine Gesundheit, Körpermerkmale, psychischen Merkmale bestimmen? Ich werde wohl noch weiter suchen müssen. Dies erst mal als ein erster Eindruck. - Aktualisierung, 29.4.16. Tja, erst mal große Enttäuschung. Das, was mir fehlt, ist sehr umfangreich und nennt sich "Health Report". Und erst indem ich auf dem Forum von 23andMe herumfrage, erfahre ich:
Germany is one of the countries that doesn't receive health reports (but where customers also pay a lower price excluding shipping). Unknown if they'll eventually be provided.
- Aktualisierung, 4.5.16: Gestern (3.5.) erhielt ich das auch von 23andMe selbst bestätigt:
Hello Ingo, Thank you for contacting the 23andMe Team. 23andMe does not provide health reports to customers in Germany. Customers in your region currently receive uninterpreted raw genetic data, as well as ancestry information. We apologize if the current product offering was not clear to you at your time of purchase. Note, however, that 23andMe has taken several measures to inform potential customers of the service they are purchasing. Customers must read through and agree to health report disclaimer on the order page prior to proceeding. A similar disclaimer is provided during the barcode registration process. You can review this disclaimer on the order page here: https://store.23andme.com/en-int/cart/ It is possible that additional reports or products may be available in the future. However, regulatory bodies in your region may have requirements that prohibit the sale of or require changes to specific reports or products. Additional charges for new products may apply. Please let us know if you have any additional questions. Best Regards, The 23andMe Team
Also erlaubt das die Gesetzgebung in Deutschland nicht? (???) Übrigens muss das unter dem Kleingedruckten geschrieben worden sein. Naja, das Geld ist nicht zum Fenster hinaus geworfen. Man hat die Rohdaten und jetzt gilt es, andere Orte zu suchen, wo man einen Gesundheitsbericht mit ihnen erhalten kann.

________________________________________________

*) Ergänzung 27.5.17. Wo dieser aschkenasisch-jüdische Vorfahre auftauchen muss, lässt sich ja ausrechnen. Von Generation zu Generation zurück gerechnet verdoppelt sich jeweils der Anteil jener, die zu meinem Genom beigetragen haben und halbiert halbiert sich jeweils der Anteil der Gene jedes einzelnen, die er zu meinem Genom beigetragen hat: In der ersten  Generation tragen zwei Eltern zu je 50 % bei. In der zweiten Generation vier Großeltern zu je 25 % .... In der sechsten Generation tragen 64 Vorfahren zu je 1,5625 % zu meinen Genen bei. In der siebten Generation tragen 128 Vorfahren zu je 0,78125 % zu meinen Genen bei. In der achten Generation 256 Vorfahren zu je 0,39 %. Das heißt: 0,5 % ist also zunächst einmal rein rechnerisch gar nicht möglich. Jedenfalls bedeutet das, dass etwa innerhalb der siebten Generation einer von 128 Vorfahren aschkenasisch-jüdischer Herkunft war. Wählt man einen durchschnittlichen Generationenabstand von 30 Jahren, sollte der- oder dieselbe vor grob 200 Jahren gelebt haben, sagen wir also grob zwischen 1750 und 1800 (eher früher). Es muss immerhin nicht ganz unmöglich sein, diesen Vorfahren im Stammbaum zu finden.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Mein Genom: Und wann spuckst Du?

Er ist vollzogen - Der persönliche Eintritt ins Genom-Zeitalter!


Vor drei Wochen wurde hier berichtet, dass der Bloginhaber sich sein "Starterkit" bei 23andme bestellt hätte (GA-j!, 25.1.16).

Und inzwischen hat dieses Starterkit seinen Weg von den USA nach Deutschland gefunden (siehe Bild links). 

Und heute Abend nun hat der Bloginhaber so ganz in aller Ruhe und Besonnenheit seinen ganz persönlichen Eintritt ins Genom-Zeitalter "gefeiert". Wenn nicht gar zelebriert.

Er hat - gespuckt.

Wichtig: Eine halbe Stunde vorher nichts mehr essen. Und auch sonst schön die Gebrauchsanweisungen beachten!

Happy Birthday to you!

"Willkommen also bei Dir, Bloginhaber!" Wie neu geboren wirst Du sein - durch die Kenntnis dieses Deines Genoms. In dieser unscheinbaren Spucke. Nie mehr wieder wirst Du so naiv sein über Dich, wie Du es über all die Jahre bislang über Dich gewesen warst!!!

Kleiner Mann - Immer mal wieder ganz groß (Aufnahme 1966)

- Und warum sollen wir es eigentlich nicht feiern? Es hat etwas geradezu Mystisches an sich, in Bälde sein eigenes Genom zu kennen. Ausgelesen aus so einem Tropfen Spucke. Es ist eine bedeutungsvolle Handlung. Und man wusste gar nicht, dass da gleich so viel Spucke gebraucht wird!

Es bleibt jedenfalls spannend, kleiner Mann (siehe Bild rechts). Auch noch so viele Jahre nach Deiner Geburt. Freue Dich Deiner Einzigartigkeit und zelebriere sie. Spucke. Und schicke Deine Spucke nach Amerika!

Freue Dich der Erkenntnisse und der Erkenntnismöglichkeiten unseres Zeitalters. Fühle Dich wie neu geboren.



Montag, 25. Januar 2016

Sein Genom sequenzieren lassen für 130 Euro - eine gute Idee?

Eröterungen unter den Lesern dieses Blogs

Lange hat der Blog-Inhaber gewartet. Eigentlich viel zu lange. Aber vor zwei Tagen hat er endlich die Entscheidung getroffen und sich die Sequenzierung seines Genoms bestellt. Soweit übersehbar gibt es keine kostengünstigere Variante als die bei der Firma 23andme. Im Oktober kostete das Sequenzieren noch 200 Dollar, aktuell nur noch 100, so wie vor zwei Jahren schon einmal. Es kommen noch etwa 30 Euro Versand von den USA nach Europa dazu für das Spuck-Paket. Letzteres muss man zurück senden, also kommen dann womöglich noch einmal 30 Euro dazu (Aktualisierung, 18.2.16: nein, Rücksendung ist im Preis schon enthalten :) ). 

Es geht um die Gene dieses Menschen, Aufnahme 1966
Man hat lange gezögert. Aber es wird jetzt ein guter Zeitpunkt sein. Jedenfalls kann man schwer begeistert sein von den vielen Möglichkeiten, die die Sequenzierung des eigenen Genoms mit sich bringt. Man kann dann anhand seiner eigenen Gene die Fortschritte in der Forschung verfolgen und bei jeder neuen Forschungserkenntnis nachschauen, was das für die eigenen Gene bedeutet und damit für einen selbst und die nächsten genetischen Verwandten, die man hat, mit denen man bis zu der Hälfte seines Genoms teilt.

Es ist doch erstaunlich, dass die Nachricht, dass man das "Starterkit" bestellt hat, allerhand Reaktionen hervorgerufen hat. Diese sollen im folgenden einmal dokumentiert werden. Da der Blog-Inhaber ursprünglich falsch gesprochen hat von der "vollständigen Sequenzierung des eigenen Genoms" schrieb der Evolutionsbiologe Axel Meyer dazu ganz richtig als Kommentar:
23andme macht keine vollständige Sequenzierung, sondern screens 0,5 bis 1Mio SNPs. Trotzdem spannend und deren WWW-Seite ist sehr gut.
Das brachte einem das immer wieder lesenswerte Facebook-Profil von Axel Meyer in Erinnerung und man fand dort dann auch, was dann mit folgenden Worten auf dem eigenen Profil weiter geteilt wurde:
Sieh an, im Zweiten Deutschen Fernsehen wird alle Jubeljahre zur besten Sendezeit auch einmal etwas für "Die Andere Bildung" getan, die heutzutage ja viel eher die eigentliche Bildung ist, nämlich für die naturwissenschaftliche.
Und es wurde eine Gesprächsrunde bei Markus Lanz im ZDF vom 3. Dezember 2015 weiter geteilt, an der ab der 59. Sendeminute auch Axel Meyer sehr wertvoll zu Wort kam (ZDF Mediathek). Er ist dort über sein neues Buch über die Geschlechtsunterschiede zwischen Mann und Frau zu Wort gekommen, wozu von unserer Seite noch gesagt wurde:
Zum Thema Monogamie muss aber heute meines Erachtens immer hinzugefügt werden, dass seit Robin Dunbar bekannt ist, dass monogames Verhalten Intelligenz-Evolution gefördert hat.
Im Kommentar dazu schrieb Axel Meyer:
Lieber Herr Bading, ich erkläre, wie man 23andme- (personal genomics-)Ergebnisse interpretieren kann in meinem Buch,
wozu er dann den Amazon-Link gab. Da sollte man also auch einmal hineinschauen!

"Was versprichst Du Dir denn konkret davon, wenn Du Deine Gensequenz in Händen halten wirst?"

Die Nachricht wurde auch per Email herumgeschickt und hat doch interessierte Rückmeldungen aus dem Freundes-und Bekanntenkreis hervor gerufen (im folgenden Blau gefärbt). So wurde geschrieben:
Hallo Ingo, entscheidend ist aber doch, welche Gene angeschaltet werden und welche nicht. Alleine aus dem Vorhandensein kannst Du doch noch nicht ablesen, ob Du die oder jene Krankheit bekommen wirst. Kennst Du das Buch von Bruce Lipton: "Intelligente Zellen"? Er berichtet darin von den Forschungen über die Zellmembran: Deren Rolle ist wichtiger als die Gene selbst. (...) Was versprichst Du Dir denn konkret davon, wenn Du Deine Gensequenz in Händen halten wirst?
Antwort des Blog-Inhabers darauf (wobei zu bemerken ist, wie unten auch noch einmal gesagt wird, dass anstelle von "Genen" eigentlich genauer zu sagen wäre jeweils: "Steuerungssequenzen von Genen"):
Liebe ..., die Gene sind die Grundlage. Natürlich können sie unterschiedlich abgelesen werden. Aber auch das kann ich ja erst erforschen, wenn ich mich mit den Genen selbst ausreichend auskenne. Es gibt zum Beispiel Menschen, die haben Gene, aufgrund deren sie mit bestimmten Traumata besser umgehen können als andere Menschen, die von den selben Traumata einfach weniger betroffen sind. Aber das wird ja auch erst sichtbar, wenn Menschen solche Traumata erleben, die dazu führen, dass Gene neu, bzw. anders abgelesen werden als zuvor. Weiß ich aber, dass ich dieses oder jenes Gen habe, weiß ich wieder etwas mehr über mich selbst. Dann gehe ich vielleicht auch anders mit mir um. Oder mit meinen Kindern. Oder Eltern. Oder Geschwistern. (Denn die haben ja mit 50%iger Wahrscheinlichkeit dieselben Gene.)
Die Kenntnis meiner Gene kann einfach immer neu abgeglichen werden mit dem, was die Forschung heute schon über speziell diese Gene weiß. Und in jedem Monat kommt neues Wissen hinzu, das dann sofort erneut abgeglichen werden kann. Die Forschung weiß meistens zunächst nur Durchschnitts-Wahrscheinlichkeiten, die der Besitz eines Gens zur Folge hat. Wenn ich diese weiß, erst dann kann ich ja weiterfragen, ob dieses Ablesen der Gene vorteilhafter für mich ist oder jenes, bzw. ob überhaupt ein anderes Ablesen der Gene möglich ist, bzw. unter welchen Umständen.
Für all diese Fragen ist immer erst einmal die Kenntnis meiner Gene selbst die Grundlage. Wenn man sich mit diesen Fragen aufgrund seiner EIGENEN Gene beschäftigt (sich selbst und seine nahen Verwandten kennt man ja am besten), lernt man am besten den Umgang mit all den neuen Erkenntnissen in der Wissenschaft. Es ist das naturwissenschaftliche Volksbildung im wahrsten Sinne des Wortes. In zehn Jahren, sagte Axel Meyer im Dezember bei Markus Lanz, werden wir wahrscheinlich alle unser sequenziertes Genom auf der Krankenkassen-Karte haben, weil das Wissen darauf eben so viel Bedeutung für die unterschiedlichsten Bereiche hat. Wie sollte ich mich ernähren? Wie verstoffwechsele ich Medikamente? Wie reagiere ich auf bestimmte Behandlungsarten? 
Außerdem kann ich mit der Sequenzierung Ahnenforschung, Familienforschung betreiben.
Zum Beispiel kann es sein, dass es in der Familie eine Schilddrüsenmangel-Erkrankung gibt, was erst im 6. Lebensjahr, wenn ein Kind in der Schule immer müde ist, festgestellt wird. Wovon man aber, wenn man es dann weiß, oft auch weiß, dass man es schon viel früher hätte feststellen können. Denn diese Müdigkeit kann ja schon früher bei diesem Kind zu beobachten gewesen sein. Und die Eltern hätten dann vielleicht verständnisvoller auf diese Müdigkeit reagiert, wenn sie von den Ursachen gewusst hätten.
Wie einfach wäre es nun gewesen, wenn die Gene des Kindes gleich bei Geburt abgelesen worden wären und es wäre dort gleich festgestellt worden, dass diese Erkrankung vorliegt.
Überhaupt ist eigentlich immer schon von Anthropologen vor der Eheschließung eine erbgesundheitliche Beratung empfohlen und angeboten worden. Genau das ist mit dieser Sequenzierung besser und effektiver möglich als jemals zuvor. Und man kann sich gleich selbst beraten, da man ja den Bericht von der Firma erhält. Man kann seinen Datensatz auch auf verschiedenen Internetseiten hochladen und ihn dort mit anderen Menschen, die ihren Datensatz hochgeladen haben, vergleichen.
Zum Beispiel OpenSNP oder SNPedia.
Und man kann mit Menschen, die die gleichen Gene haben, diskutieren und sehen, ob man ähnliche oder andere Probleme hat aufgrund genau dieser Gene. Solche Diskussionen können dazu führen, dass man die Forschung auf völlig neue Wege bringen kann, indem man dieser neue Fragerichtungen geben kann aufgrund der eigenen Erfahrungen und der anderer, die ähnliche Erfahrungen haben.
Ich als Asthmatiker werde vielleicht lernen, ob ich eine genetische Neigung dazu habe, Asthma zu bekommen. Oder ob es die Tatsache war, dass meine Mutter während der Schwagerschaft in einem verqualmten Büro gearbeitet hat (was zur Veränderung der Genablesung geführt haben kann - aber der Ablesung welcher Gene?) usw.
Die Fülle dessen, was man mit diesem Wissen anfangen kann, werde ich Dir selbst erst sagen können, wenn ich in wenigen Monaten anfange, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Es gibt aber schon einige deutschsprachige Bücher, wo Menschen darüber geschrieben haben, welche Bedeutung die Ergebnisse für speziell sie selbst hatten. Sehr eindeutig kann oft ein bestimmtes Brustkrebsrisiko insbesondere bei aschkenasischen Juden festgelegt werden, aufgrund dessen es dann klug ist, sich besonders zu überlegen und besonders aufzupassen. All solche Fragen halt.
Das ist ja eben - da wir alle genetisch einzigartig sind - für jeden einzelnen wieder eine etwas andere Fragestellung. Aber da wir eben auch Gene mit anderen gemeinsam haben, werden wir durch Vergleich auch unsere Gemeinsamkeiten erkennen!
Unsere Gene sind der größte Schatz, den wir überhaupt mitbekommen haben. Neben unserer Kultur. Wir sollten diesen Schatz hüten. Und hüten können wir ihn am besten, um so besser wir ihn kennen. 
Naturwissenschaftliche Volksbildung im besten Sinne möglich

Ein Biologe schrieb zu diesen meinen Ausführungen dann ganz richtig:
Wir haben alle die gleichen Gene, aber unterschiedliche Allele (Genvarianten). Gene werden normalerweise auch irgendwann, irgendwo oder oft sogar konstitutiv abgelesen (exprimiert). Deswegen sind die Varianten von Belang. Genvarianten, deren zeitlich-räumliche Expressionsmuster und die entsprechende Steuerung sind ein sich überschneidendes und komplexes Thema.
Wohl wahr! Komplex. Und deshalb auch so spannend! Antwort der ersten Fragestellerin:
Lieber Ingo, das klingt alles sehr interessant, vor allem, wenn Du dann Deine Gene mit denen der Verwandtschaft und mit anderen Menschen mit demselben Krankheitsbild vergleichen kannst.
Ein weiterer Biologe schrieb:
Lieber Ingo, danke für den Vorschlag. Im Augenblick bin ich aber leider mit anderen Dingen beschäftigt und nur so nebenbei 130 € auszugeben, ist doch ein wenig viel. Es widerstrebt mir auch ein wenig, ausgerechnet einer amerikanischen Firma mein komplettes Erbgut zur Verfügung zu stellen. Unabhängig davon ist eine solche Analyse natürlich hochspannend.
Darauf die Antwort des Blog-Inhabers:
Es gibt offensichtlich keine andere Firma. Ich habe gesucht. Aber es gibt keine. Hat mir quasi auch Axel Meyer auf Facebook bestätigt. In seinem neuen Buch, sagt er, schreibt er auch, wie man diese 23andme-Daten auswerten kann. Er findet die Internetseite dieser Firma sehr gut, wie er schreibt. Das nur noch mal zur Info. Ich denke, das wird künftig noch preislich günstiger werden und es werden auch deutsche Firmen machen. Ich mache es jetzt, weil es bis dahin über 200 Euro gekostet hat und es viel Fluktuation gibt und weil man es jetzt aktuell noch mal ein wenig beschleunigen kann, wenn man mitmacht und darüber redet. Wie gesagt, eine andere Firma als 23andme gibt es nicht. Die isländische Firma DeCodeMe ist ja kaputt gemacht worden wirtschaftlich. Wobei man ein wenig das Gefühl hat, dass das bewusst gemacht worden ist. Was dann auch einmal erneut zeigen könnte, wie brisant das Thema ist. DeCodeMe hat mir viel besser gefallen, der Leiter war super. Aber auch diese Firma war - damals zumindest und meiner Erinnerung nach - teurer.
Und ein weiterer Biologe schrieb:
Hallo lieber Ingo, bekommst Du tatsächlich die gesamte Basensequenz Deines persönlichen Genoms!? …es wundert mich, dass das schon so günstig ist :-? Ist es denn mittlerweile auch möglich, andere Lebewesen so kostengünstig zu sequenzieren?
Da solche Rückmeldungen sogar von Biologen und naturwissenschaftlich Informierten kommen, zeigen sie doch, dass die Wissenschafts-Berichterstattung bislang noch nicht ihrer Aufgabe ausreichend nachgekommen ist. Offenbar. Antwort des Blog-Inhabers:
Also "vollständig" wie ich ursprünglich schrieb, nicht (das hatte Axel Meyer an meinen Worten zu kritisieren). Aber schon so, dass man vieles vergleichen kann mit anderen Menschen. Es gibt ja diverse Datenbanken, wo man das hochladen kann und wo man dann vergleichen kann und sich austauschen kann mit anderen. Auf den Seiten passiert viel, eine deutsche Seite boomt gerade und die bekommen Forschung jetzt auch finanziert: opensnp.org. Das ging auch durch die Presse. Das waren anfangs nur zwei deutsche Biostudenten wie Du und ich, ich habe die Anfänge miterlebt, weil die darüber auf den Wissenschaftsblogs berichteten. Und die sind schon jetzt dick im Geschäft drin. Dieser Vergleich und dieser Austausch, der da geboten wird, die halte ich alle für sehr wichtig. Ich komme mit manchen arbeitslosen Biologen ins Gespräch und ich sage allen: behaltet dieses Gebiet im Auge, denn hier besteht bald massenhafter Beratungsbedarf, den man als Biologe noch am ehesten decken kann. 
Andere Lebewesen, klar. Ich habe deutsche Firmen gefunden, die bieten Gensequenzierung für alles an, mit umfangreichen Rabatten. Aber nicht für Endverbraucher, wie mir schien, sondern derzeit noch nur für Forscher und Institute.
Antwort:
Hallo lieber Ingo, danke für die Klärung. Ich sehe es ähnlich: Eine solche Analyse ist natürlich hochspannend. Aber es widerstrebt mir sehr, ausgerechnet einer amerikanischen Firma mein komplettes Erbgut zur Verfügung zu stellen.
Antwort:
Dass es eine amerikanische Firma ist, wird nicht so entscheidend sein. Auch die muss Qualitätsstandards einhalten. Und da es sowieso am Sinnvollsten ist, wenn man seine Daten mit anderen austauscht, werde ich sie eh öffentlich machen. Vor allem erst mal bei OpenSNP. Und dann ist es egal, wer sie sequenziert hat.
So einmal der Stand der Diskussion in einem engeren Bekanntenkreis. Und die Rückmeldungen zeigen doch, dass darüber bislang viel zu wenig in der Öffentlichkeit gesprochen worden ist.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share