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Dienstag, 16. September 2008

Handels- und Diplomaten-Schiff, 1330 v. Ztr.

Auf einer Rundreise im östlichen Mittelmeer - mit Hausmaus an Bord

Im Mai war "Studium generale" kurzzeitig mit der Chronologie der Ausbreitung der Hausmaus von Süd- nach Nordeuropa befaßt. (Stud. gen. 1, 2) Diesbezüglich gibt es noch keine letztendlich sicheren Erkenntnisse. Es konnte also noch keine endgültige Klärung der Frage erreicht werden, ob schon die Trichterbecherkultur an der Ostsee (3.000 v. Ztr.) die Hausmaus kannte oder ob sich die Hausmaus erst in der Eisenzeit mit den Kelten und Römern nach Mittel- und Nordeuropa ausbreitete. In einem spätbronzezeitlichen Schiffswrack (um 1330 v. Ztr.), gefunden 1982 an der heutigen südtürkischen Küste, fanden sich, wie jüngst veröffentlicht wurde (Tagesanzeiger.ch, Originalartikel), auch Knochen der syrischen Hausmaus. Da aus diesem Zeitraum wenige sichere Hausmausfunde bekannt sind, könnten aus dieser Tatsache vielleicht noch mancherlei Implikationen abgeleitet werden. (Dazu vielleicht später noch einmal.)

Aber dieses "Schiff von Uluburun" (Wikipedia), von dem noch nicht jeder Leser schon einmal etwas gehört haben wird (so auch nicht der Verfasser dieser Zeilen), ist offenbar auch sonst ein unglaublich spannendes Thema. Es ist reich beladen gewesen und gewährt einen vielfältigen, lebendigen Eindruck von dem Wohlstand und den dichten Handelsverbindungen der spätbronzeitlichen Stadt- und Adels-Gesellschaften im Mittelmeerraum.

Diese Gesellschaften waren das hethitische Reich mit seinen ahlreichen Stadtstaaten, besonders an der (heutigen türkischen) Küste (- etwa Troja). Dazu gehörte natürlich das ägyptische Reich, dessen politischer Einfluß sich bis zu den zahlreichen Stadtstaaten an der levantinischen Küste erstreckte ("Phönizien"). Dazu gehörte das assyrische Reich, die mykenischen Stadtstaaten in Griechenland, die minoischen Stadtstaaten auf Kulturen auf Zypern und Kreta. - Man mache sich auch bewußt, daß dies eine Zeit ist, lange bevor in Jerusalem etwa im 5. Jhdt. v. Ztr. - vielleicht während einer Belagerung durch die Assyrer - die heutige jüdische, biblische Religion entstanden ist.

Spätbronzezeitliche Kultur im Mittelmeerraum

Dieses Schiff ist aber nur wenige Jahrhunderte vor jenen Ereignissen gesunken, die dazu führten, daß die Mykener (Griechen) Troja am Rande des hethitischen Reiches belagerten. Raub der Helena - man erinnert sich vielleicht. Sie könnte auch mit eben einem solchen Schiff geraubt worden sein. - Neben Waffen aus dem gesamten genannten östlichen Mittelmeerraum fanden sich in diesem Schiffswrack auch bisher archäologisch nicht belegte, in der "Ilias" aber erwähnte, aufklappbare Holztafeln ("Bücher"). Auf Wikipedia heißt es allgemein zu diesem Schiffswrack:
Das Schiff von Uluburun war offenbar ein Handelsschiff auf einer Rundroute im östlichen Mittelmeer und gilt somit als Nachweis einer regen Handelstätigkeit im Gebiet. Die Route selbst ist nicht restlos geklärt, da das Schiff Waren aus allen bekannten Gegenden der Zeit beherbergte. Es wird allerdings vermutet, dass es aus dem östlichen Mittelmeerbereich Levante, via Zypern unterwegs in die Ägäis war. Die Öllampen des Schiffes waren eindeutig levantinisch und deuten somit auf die phönikischen Städte hin. Die Waffenfunde auf dem Schiff deuten auf die Mitreise zweier mykenischer Personen höheren Ranges, möglicherweise Abgesandte oder Diplomaten eines mykenischen Palastes zur Begleitung und Bewachung der Ladung.
Zur Bedeutung des Schiffsfundes allgemein heißt es:
Die gefundene Vielfalt an Objekten der unterschiedlichsten Herkunft ist für diese Zeit einmalig. Bisher war die Wissenschaft auf schriftliche und bildliche Überlieferungen angewiesen, um das damalige Wirtschaftssystem und den Handel der späten Bronzezeit zu rekonstruieren. Nun ist bewiesen, dass alle damaligen Staatsgebilde des östlichen Mittelmeerraums (und auch einige darüber hinaus) an diesem Handel teilnahmen. Es existierte ein weit gespanntes Handelsnetz, das sogar so entfernte Regionen wie die Ostsee mit einbezog. Funde aus dem östlichen Mittelmeerraum, wie z. B. die Ochsenhautbarren, fanden sich andererseits auch in Süddeutschland und Südfrankreich.
(Hervorhebungen nicht im Original.) Falls die Atlantikroute schon damals befahren worden sein sollte, wäre es merkwürdig, wenn auf dieser nicht spätestens damals schon die Hausmaus nach Nordeuropa gelangt wäre. Aber vielleicht konnte sie damals in Nordeuropa sich infolge zu weniger großer, zusammenhängender, städtischer Siedlungen noch nicht dauerhaft halten und ausbreiten.

Auf die spätbronzezeitlichen Handels- und Kulturkontakte zwischen dem Mittelmeer, sowie dem mittel- und nordeuropäischen Raum wurde auf "Studium generale" schon an früherer Stelle verwiesen. (Stud. gen.) Dieses Schiffswrack ist offenbar ein neuerlicher, recht guter Beleg dafür.

In Bochum gab es übrigens 2006 zu diesem Schiffsfund eine Ausstellung, siehe Uluburun.de - mit vielen Bildern.

Die "Schmutzimpfung" für unsere Kinder

Schwangere Mütter: Raus aus dem Büro, rein in den Kuhstall!

Wohl fast der ultimative Beweis: Wir heutigen Menschen - zumindest in Mitteleuropa - sind biologisch an die Lebensweise auf dem Bauernhof angepaßt (1): Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft in einem Kuhstall gearbeitet haben, haben die wenigsten Allergien. Und um so weniger, um so vielfältiger die Artenvielfalt der Tiere im Stall war. Also auch Schweinestall, Kaninchenstall, Hühnerstall, Gänsestall, Taubenstall. Schwalben fliegen ja oft rein und raus, Hunde, Katzen, Schafe, Pferde ...

Bei der Beschäftigung mit der anthroposophischen Medizin waren wir schon darauf gestoßen, daß Bauernkinder und Kinder aus Familien mit einem anthroposophischen Lebensstil (die vielleicht mehr Tiere im Haushalt haben als die anderen Familien) weniger Allergien haben, als andere Kinder. (Stud. gen. 1, 2 und andere) (Das liegt - siehe gleich - also offenbar nicht daran, daß Familien mit einem anthroposphischen Lebenstil weniger impfen, sondern daß sie mehr impfen - aber mit dem richtigen Mittel: Schmutz!!!) Diese neuen Forschungen scheinen diese Dinge außerordentlich präzisiert und wasserdicht gemacht zu haben (1):
„Für die Kinder war entscheidend, ob die Mütter während der Schwangerschaft im Stall arbeiteten oder nicht“, sagt von Mutius. „Dieser Faktor war eindeutig wichtiger als etwa die Frage, ob die Kinder selbst in den ersten Lebensjahren im Stall spielten oder häufig mit Tieren in Kontakt kamen.“ Die Wahrscheinlichkeit etwa für Asthma und Heuschnupfen sank erheblich. Und das bis etwa zum fünften Lebensjahr. Je mehr Tierarten im Stall gestanden hatten, desto eindeutiger der Effekt.
Egal übrigens, in welcher Phase der Schwangerschaft.
„Schon wenn ein Misthaufen in der Nähe war, konnten wir einen Unterschied festmachen“, sagt Ege. „Die Allergieneigung war halbiert.“

Die beste Impfung ist also - - - die "Schmutzimpfung"


Als die Mutter des Verfassers dieser Zeilen mit ihrem Nachwuchs schwanger war, saß sie stattdessen in einem verrauchten Büro. Und der Nachwuchs hat noch heute Asthma.

Also bitte, Ihr werdenden Mütter, schaut Euch die Dinge nicht nur im Fernsehen an: : Man muß sie riechen können, die frische Landluft!

Bauernhof 

Ergänzung: Bevor man auf die hier referierten Erkenntnisse kam, hatte man übrigens die nicht-pasteurisierte Milch für die geringe Häufigkeit von Allergien verantwortlich gemacht. (siehe: St. gen.).

[13.4.2020] Über diese Schmutzinfektion schwangerer Mütter auf dem Bauernhof informiert die Forscherin und Kinderärztin Prof. Dr. Erika von Mutius auch in recht aktuellen Kurzvorträgen auf Youtube (s.a.: 2).
____________
  1. Magnus Heier: Lebensweise der Mutter entscheidet über Allergien, 15.09.2008, https://www.welt.de/gesundheit/article2446645/Lebensweise-der-Mutter-entscheidet-ueber-Allergien.html (erschienen auch in der "Morgenpost")
  2. Bading, Ingo: Unser Immunsystem und die Tiere. 13.4.2020, https://youtu.be/cLjeSeI3z2shttps://youtu.be/cLjeSeI3z2.

Samstag, 6. September 2008

Wie die Menschen seßhaft wurden - ein neues Buch von Professor Reichholf

"Seßhafte Gesellschaften sind genetisch homogener" (!!! - ???)

Von Professor Josef H. Reichholf, München, kommt gerade ein neues Buch auf den Markt unter dem Titel "Warum die Menschen seßhaft wurden - Das größte Rätsel unserer Geschichte". (Amazon) Im Interview sagt Reichholf zu der Hauptthese seines Buches (Morgenpost):

Die traditionelle Meinung ist, dass die Menschen zu Bauern
wurden, weil sie Hunger litten und mit der Stärke und dem
Protein der Pflanzen überleben konnten.

Und dann die schrille These:
Ich behaupte ganz im Gegenteil, dass der Ackerbau aus einer Situation des Überflusses heraus entstanden ist. Die Menschen haben mit Getreideanbau experimentiert und nutzten die Körner allenfalls als Zukost. Die anfängliche und entscheidende Absicht war nicht, aus Korn Brot zu backen, sondern durch Gärung Bier zu erzeugen.
Das stimmt nicht. - So ist die unmittelbare Reaktion des Verfassers dieser Zeilen, der sich mit dieser Thematik schon vor langen Jahren einmal sehr, sehr intensiv und gründlich auseinander gesetzt hat.

Die Völker des "Natufiums" im Vorderen Orient (vor 11.000 v. Ztr.) haben viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende lang als sogenannte halbseßhafte "Erntevölker" gelebt, so wie auch verschiedene nordamerikanische Indianervölker gelebt haben, das heißt, sie haben das Wildgetreide zwar gesammelt - aber nicht angebaut. Ich kann mir kaum vorstellen, daß das Buch von Reichholf an diesem schon sehr sicheren und festen Wissensstand etwas ändern kann. Bei den Tuareg ist Wildgetreide eine Hungerpflanze, das sie nur in aller höchster Not "ernten".

Die Verarbeitung von Getreide ist - im Gegensatz zur Nahrung der museintensiven nomadischen Sammler-Gesellschaften - hochgradig arbeitsintensiv. So etwas machen Völker nur in größten Notzeiten. Diese können ja auch durch Bevölkerungswachstum zustande kommen, wie dies die Halbseßhaftigkeit mit sich bringt - und durch das bekannte Überjagen der Wildtierarten. Die Gazellen waren lange Jahrtausende das Hauptnahrungsmittel auf fleischlichem Gebiet auch noch der Getreide anbauenden seßhaften Gesellschaften. Sie wurden gejagt auf ihren jährlichen Wanderungen in großen "Kralen" und massenhaft abgeschlachtet. Als die Gazellen weitgehend ausgestorben waren, ging der Mensch dazu über Schafe und Ziegen zu halten (um 6.500 v. Ztr.), bzw. Rinder.

Aber das Buch wird dennoch hochgradig lesenswert sein, weil es - offenbar - die These ausgehend vom derzeitigen Wissensstand sehr konturenreich und differenziert vertritt und außerdem offensichtlich auch noch viele andere Aspekte mitberücksichtigt. Und dabei können ja dann auch - wie das so oft ist - noch ganz andere Erkenntnisse gewonnen werden. als für die Hauptthese selbst notwendig ist. Hierfür einige Beispiele, die schon dem Interview entnommen werden können:
Morgenpost Online: Hatte die Sesshaftigkeit Einfluss auf die genetische Durchmischung?

Reichholf: Sicher, je sesshafter eine örtliche Bevölkerung ist, desto weniger wird sie durchmischt. Ein Beispiel für Abschottung sind bis heute bäuerlich-religiöse Gemeinschaften wie die Mormonen, Amish und Mennoniten in Amerika, die sich besondere Eigenheiten bewahrt haben, wie etwa die Mennoniten des Gran Chaco, die ein altes Plattdeutsch aus dem 18. und 19. Jahrhundert sprechen. Unterschiede in den Stämmen tendieren dazu, sich zu verfestigen. Es gibt den Fachbegriff des „assortative mating“. Er bedeutet, dass Angehörige derselben Sprache, Kultur und Physiognomie als Partner bevorzugt werden. Fremdvölker vermischten sich oft kaum mit der ansässigen Bevölkerung.

Morgenpost Online: Nomaden sind homogener?

Reichholf: Ja, die australischen Aborigines lassen sich auf dem ganzen Kontinent genetisch nicht in „Völker“ unterteilen. Die einzige Ausnahme sind die Tasmanier, die auf ihrer Insel geografisch von den Aborigines Australiens getrennt waren. Ihre nächsten Verwandten, die Papua von Neuguinea, betreiben dagegen Gartenbaukulturen in voneinander isolierten Tälern. Da fehlte die Migration so sehr, dass extrem viele Sprachen, über 700, und sehr unterschiedliche Kulturen entstanden.
Hochinteressante Ausführungen! Darf das wirklich so verallgemeinert werden? Das würde ja auch heißen, daß die Mechanismen der Gruppenselektion mit der Seßhaftigkeit sich eher verstärkten als abschwächten. Außerdem sinkt der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad um so stärker, um so größer die Gruppen werden. Das heißt, es gibt auch eine Tendenz zu größerer genetischer Inhomogenität. Das muß nicht für isolierte Gebiete wie Papua-Neuguinea gelten - aber für die seßhaften Völker des Fruchtbaren Halbmonds, die von allen Seiten von nomadisch lebenden Völkern umgeben waren, durchaus.

Den Herrn Reichholf muß man also sehr, sehr kritisch lesen. Hier auch, was auch schon Thema hier auf dem Blog war (bzw. in den Kommentaren) bezüglich der seßhaft werdenden Tuareg (falls Basty hier noch mitliest - damals war mir das Erläutern zu viel geworden):
Morgenpost Online: Hat die Sesshaftigkeit die Geschlechterrollen verändert?

Reichholf: Wo der Feldbau überwiegt, sind die Strukturen patriarchalisch. Da gibt es den Hofbesitzer und seine Frau, und es gibt das Gesinde. Diese Struktur wirkt wie ein Ministaat. In Gesellschaften, in denen die Viehhaltung dominiert, geht es weniger patriarchalisch zu. Die Frauen kümmern sich um die Herden und haben viel Einfluss. Ganz anders bei reinen Nomaden. In Wüstenvölkern mit Kamelen, die über den Handel existieren, dominieren die Männer. Sie haben mehr oder weniger in jeder Oase eine Frau mit geringem Status: Ihr Preis wird nach der Zahl von Ziegen oder Kamelen taxiert. Durch den Übergang zur Sesshaftigkeit sind Frauen in bestimmten Funktionen einflussreicher geworden. Es waren nach den Schamanen der Nomaden die „Weisen Frauen“, die das Wissen um die Mittel hatten, die bei den Festen eingesetzt wurden. Sie waren Priesterinnen und galten als Zauberinnen.
Auch hier ist mir in vielem zu viel "über einen Kamm geschert". Auch was er über die Rolle der Religion in seßhaften Völkern sagt. Das ist dann in den Einzelheiten doch wieder noch genauer zu differenzieren. Aber das sind alles hoch interessante Themen, so daß einen das Buch wieder über vieles neu und intensiv wird nachdenken lassen.

(Erhältlich natürlich auch in unserem Buchladen - für nur schlappe 20 Peseten.)

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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