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Samstag, 23. März 2024

"Praga Caput Regni"

"Prag, Hauptstadt des Reiches"

Die deutschen Könige und Kaiser des Früh- und Hochmittelalters wollten die Macht und Herrlichkeit ihrer Reiche durch Architektur zum Ausdruck bringen. So entstand der Kaiserdom zu Speyer, es entstanden die Kaiserpfalzen (Wiki). Von diesen Bemühungen haben sich nur Bruchstücke erhalten, die heute kein Stadtbild mehr prägen. Viel zu viele städtebauliche Veränderungen der nachfolgenden Jahrhunderten gestalteten das Stadtbild um.

Nicht so in Prag. 

Abb. 1: Prag - Hradschin und Karlsbrücke bei Nacht (Wiki) - Fotografiert von Jorge Royan 2008

Kaiserlicher Wille zu Macht und Herrlichkeit, Stolz des Bürgertums auf die von ihm hervorgebrachte Stadt, ausgesprochen in der Sprache der Architektur und in der städtebaulichen Einheitlichkeit des 14. Jahrhunderts haben sich in Prag bis heute erhalten und prägen das Stadtbild entscheidend mit.

Ab 1750 waren Hauptorte weltlicher Macht im deutschen Sprachraum etwa Berlin oder Wien (Wiki). Nur sie könnten sich von der Größe der städtebaulichen Gestaltung mit Prag messen. Die historische Tiefendimension jedoch, die Prag aufweist, kann man weder in Berlin noch in Wien erleben. Das Stadtbild von Wien oder Berlin ist heute nicht mehr ausgesprochenermaßen durch die Architektursprache des Spätmittelalters geprägt, des 14. Jahrhunderts.

Ganz anders Prag.

Abb. 2: Altstädter Ring mit Mariensäule, vor 1906

In Prag rückt einem das deutsche Spätmittelalter des 14. Jahrhunderts ganz nahe. Und zwar gleich mit dem ersten Blick. Nur in den seltensten Fällen wird jemand diesem Jahrhundert, dem 14. Jahrhundert überhaupt eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben - bevor er nach Prag kam. Es gibt ja auch so viele andere Jahrhunderte, die für die politische und kulturelle Geschichte Deutschlands oder Europas bedeutender waren. Warum also gerade dem 14. Jahrhundert besondere Beachtung schenken? 

Prag jedoch, das Überdauern seiner Architektursprache, seiner "Größe" ist so etwas wie der Ausdruck der Macht und der Herrlichkeit des deutschen Reiches im 14. Jahrhundert. Man kann es kaum glauben, daß auch dieses Jahrhundert - oder erstmals dieses Jahrhundert - zu solcher Pracht- und Machtentfaltung in der Lage war. Fast möchte man dieses 14. Jahrhundert in der deutschen Geschichte ja als eine Art "Ruhezeit", "Schonzeit" betrachten, vielleicht ein wenig im Abseits der großen weltgeschichtlichen Auseinandersetzungen - etwa mit dem Papst in Rom oder mit dem Jesuitenorden.

Abb. 3: Die Parler und der Schöne Stil - Kunst in Prag 1350 bis 1400

Aber gerade in dieser Schonzeit bereitete sich in genau dieser Region ein neues Zeitalter vor. Der Jesuitenorden hat ausgerechnet in Prag im Kirchenbau eine barocke Pracht entfaltet, die ebenfalls ihresgleichen sucht andernorts. Und warum? Es geschah als Machtdemonstration, und zwar im Zuge der Rekatholisierung Böhmens am Beginn des Dreißigjährigen Krieges - durch berittene "Seligmacher" und durch die berühmten Hinrichtungen in Prag, zu Deutsch: durch Zwangskatholisierung. 

Böhmen war schon im 15. Jahrhundert mit den Hussitenkriegen der deutschen Reformation weit voraus geeilt (Wiki). Ab dem 17. Jahrhundert versank es als eines der ersten kernprotestantischen Länder in der Dumpfheit des römischen Katholizismus.

Immerhin tastete dieser Katholizismus in vieler Hinsicht die spätmittelalterliche Überlieferung nicht an. Vielmehr pflegte und schonte er sie. Deshalb ist Prag heute insbesondere Inbild alter deutscher Kaiserherrlichkeit. Von der Einheitlichkeit und Größe der Architektursprache her ist es diese Stadt mehr als etwa Nürnberg, mehr als der "Römer" und der Kaiserdom in Frankfurt am Main, mehr als die Kaiserpfalz von Aachen - oder welche Vergleiche man immer heranziehen möchte.

Ab etwa 1340 ist Prag zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation geworden. Und wem nun hat Prag diesen Aufstieg zu verdanken? Dem Kaiser Karl IV. (1316-1378) (Wiki) (Abb. 4). Wer aber nun kennt eigentlich diesen Kaiser außerhalb von Prag und Böhmen?

Abb. 4: Kaiser Karl IV. - Der Erbauer des heutigen Prag - Porträt von Peter Parler (hdbg)

Immerhin, auch in der Brandenburger Geschichte hat dieser Kaiser Karl IV. eine wichtige Rolle gespielt, also für die Geschichte des Kernlandes Preußen (5). 1371 hat er nämlich von Böhmen aus die Mark Brandenburg erobert und gekauft. Tangermünde an der Elbe hat er zur Zweitresidenz ausgebaut. Deshalb also ist auch Tangermünde so schön und anrührend! Auf was für Verbindungen man stößt, wenn man in Prag weilt. Es liegt ebenso herrlich am Ufer der Elbe wie Prag am Ufer der Moldau liegt. Und außerdem hat Karl IV. in Brandenburg eine Landaufnahme durchführen lassen (Wiki, a), die bis heute als wertvolle historische Quelle dient.  

Aber gehen wir noch einmal zwanzig Jahre zurück: 1349 ist Karl IV. zunächst einmal zum alleinigen und rechtmäßigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gewählt worden. In Frankfurt am Main. In Aachen ist er gekrönt worden. Den Sitten der Zeit gemäß hatte ihn diese Wahl sehr viel Geld gekostet. Aus dem wirtschaftlichen Reichtum seiner böhmischen Länder heraus konnte er sich diese Wahl finanzieren. 

1341 schon war er faktischer König von Böhmen geworden, da sich sein Vater Johann wegen Erblindung aus der Regierung zurück gezogen hatte. Im 14. Jahrhundert war die wirtschaftliche Entwicklung in Europa so weit gediehen, daß - sozusagen - "Großstädte" entstehen konnten und daß diese ihren Rang auch über die Jahrhunderte hinweg als solche bewahren konnten. Deshalb steht sie heute noch vor uns: Die spätmittelalterliche Kaiserherrlichkeit Prags.

Abb. 5: Der Dombaumeister Peter Parler (1330-1399) im Selbstporträt - Der große Stadtbild-Gestalter Prags (Fotograf: Franz Höch, 1940) (aus 1) 

Blickt man in das Antlitz des großen Stadtbild-Gestalters Prags, des Dombaumeisters und Bildhauers Peter Parler (1330-1399) (Wiki) (Abb. 5), blickt man zugleich auf das von ihm geschaffene Porträt seines Auftraggebers, des Kaisers Karl IV. (Abb. 4), dann möchte man meinen, daß er, der Peter Parler, der Mächtigere von beiden war, der Kraftvollere, der Energischere. Der, dem eigentlich die Schönheit Prags zu verdanken ist - viel weniger seinem Auftraggeber, der ihm nur die Mittel dafür bereit stellen mußte. Auf jeden Fall ergänzten sich beide. Mit dem Regierungsantritt Karls IV. begann die Glanzzeit Prags und damit das Wirken des Dombaumeisters Peter Parler (Wiki):

Nachdem Karl 1344 für die Erhebung des Prager Bistums zum Erzbistum gesorgt hatte, leitete er den Baubeginn des gotischen St. Veitsdoms (katedrála sv. Víta, Václava a Vojtěcha) ein.

Dieser wurde vollendet von Peter Parler. Und weiter (Wiki):

Die umfangreiche Bautätigkeit in seiner Residenz machte Prag zur Goldenen Stadt. Davon zeugt vor allem die Karlsbrücke über die Moldau.

Errichtet von Peter Parler. Und weiter (Wiki): 

1348 gründete Karl die erste Universität im östlichen Mitteleuropa, die Karls-Universität (Univerzita Karlova), nach dem Vorbild der durch Kaiser Friedrich II. errichteten Universität von Neapel und dem des Studium generale an der Pariser „universitas“. Prag wurde von ihm zu einem der wichtigsten geistigen und kulturellen Zentren seiner Zeit ausgebaut und zur De-facto-Haupt- und Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches (Praga Caput Regni: Prag Hauptstadt des Reiches lautet eine Inschrift am Altstädter Rathaus). (...) Die von Johannes von Neumarkt geführte kaiserliche Kanzlei war vorbildlich für die Ausbildung der neuhochdeutschen Sprache. Die Prager Malerschule führte die spätgotische Tafelmalerei zu höchster Blüte.

Karl IV. holte den Bildhauer und Dombaumeister Peter Parler, der in Gmünd in Schwaben geboren worden war, von Köln nach Prag. Dieser nun vollendete den Veitsdom, erbaute die Karlsbrücke samt ihrer eindrucksvollen Brückentürme auf beiden Seiten der Moldau. Und damit prägte er das Stadtbild Prags mehr als alle anderen. Er schuf auch sowohl ein Selbstporträt wie auch Porträts des Kaiser Karl IV. und seiner engsten Familienangehörigen (Abb. 6). Welch herrliche Kunstwerke. Welch glanzvolle Zeit.

Die Karlsbrücke war ein technisches Meisterwerk ihrer Zeit. Sie war zuvor nicht für möglich gehalten worden. Die Bildsprache Peter Parlers ist nüchtern, ist sachlich, ist ein "schöner Stil". Aber sie ergreift, sie packt.

Abb. 6: Wenzel IV., Sohn Kaiser Karls IV. - Porträt von Peter Parler  (hdbg)

Prag, Böhmen und Mähren - sie waren zwischen 1212 und 1918, also den größten Teil ihrer Geschichte Teil des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation", sowie ab 1806 Teil des Kaiserreiches Österreich. Selten irgendwo sonst in Deutschland oder Österreich ist die Prachtentfaltung und der Reichtum europäischer Kultur in der Architektursprache so dicht und so stark zum Ausdruck gekommen und erhalten geblieben wie in Prag. Prag erweitert das Herz. Prag erweitert die Geschichtskenntnis, das Geschichtsbewußtsein, das Bewußtsein von der Größe europäischer Kultur und Vergangenheit.

Welche europäische Hauptstadt früherer oder heutiger Zeiten könnten sich allein von der landschaftlichen Lage her mit Prag messen? Oh, die herrliche Moldau. Mit welch elegantem Schwung sie die Stadt umfließt, wie lieblich sich um sie die Hügel schließen, wie wunderschön sie die Altstadt vom Burgberg trennt, vom schönen, schönen Hradschin! Welch wunderschöne Blicke von den Anhöhen hinunter auf die Moldau und weit, weit in die weite Ferne. Und welch wundervoller, prachtvoller Anblick, unten, vom Ufer hinauf auf den Hradschin. Bilder, die lebendig bleiben auch lange Wochen später noch, nachdem du Prag wieder verlassen hast. 

Abb. 7: Prag im Jahr 1720 - Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin (ets)

Wen mag es da wundern, daß diese Kernregion Böhmens, in die schon so viele vorgeschichtliche Völker und Kulturen hinein geströmt sind (Stgen2021), früh zum Regierungssitz der böhmischen Herzöge und Könige und schließlich der deutschen Kaiser auserwählt wurde? 

Nur schade, schade!, schade!, daß diese so anrührende, berühmte, herrliche Stadt heute so überaus stark von Touristen aller Länder förmlich überrannt, überlaufen wird. Ab 10 Uhr morgens kannst du dich nicht mehr sinnvoll auf der Karlsbrücke zwischen Altstadt und Hradschin fortbewegen, kommst du auch nur zäh innerhalb der Menschenmassen in der Altstadt weiter. Besucher, stehe früh auf! 

Abb. 8: Ansicht von Prag - aus "Vaterländische Bilder-Chronik aus der Geschichte des österreichischen Kaiserstaates" von: Anton Ziegler (1846)

Du solltest dir auch die Grundriß-Einteilung des historischen Prag klar machen: Prag war eingeteilt in Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin (Abb. 7). 

Hingewiesen sei vorläufig noch darauf, daß Deutsche in der Geschichte und Kulturgeschichte Böhmens und Mährens über Jahrhunderte hinweg auf allen Gebieten eine wichtige Rolle spielten, so auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft und Technik. Hier ein kleiner Ausschnitt (Wiki):

Im Jahr 1460 wurde in Eger der berühmte Mathematiker Johannes Widmann geboren, der Plus- und Minuszeichen einführte. Er arbeitete die meiste Zeit seines Lebens in Leipzig. 
Die Ära Rudolfs II. war auch eine Ära der wissenschaftlichen Blüte. An seinem Hof ​​in Prag arbeiteten die Astronomen Tycho Brahe und Johannes Kepler. Darüber hinaus wirkte zu dieser Zeit in Prag der prominente jüdische Mathematiker David Gans. Der Arzt Ján Jesenský führte die erste öffentliche Autopsie in Prag durch.
Der aus Kronland stammende Jan Marek Marci und der Botaniker Georg Joseph Kamel gehörten zu den Spitzengelehrten der heimischen Barockwissenschaft. Der Priester Prokop Diviš erfand den Blitzableiter. Alois Senefelder, der 1796 die Lithographie erfand, wurde zu dieser Zeit ebenfalls - eher zufällig - in Prag geboren. (...)
Auch im Bereich der Naturwissenschaften verließen viele talentierte Einheimische ihre Heimat. Der Mathematiker Kurt Gödel, die Biologen Gerty und Carl Cori (Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin), der Astronom Johann Palisa, der Physiker Georg Placzek, der Chemiker Johann Josef Loschmidt, der Pionier auf dem Gebiet der Bodenmechanik Karl von Terzaghi, die Mathematikerin Olga Taussky-Todd, der Botaniker Heinrich Wilhelm Schott, die Astronomen Theodor von Oppolzer und Joseph Johann von Littrow, der Begründer der Dermatologie Ferdinand von Hebra, der Chemiker Hans Tropsch. In Wegstädtl in Nordböhmen wurde Franz Reichelt geboren, ein Pionier des Fallschirmspringens, der beim Testen eines selbst gefertigten Rettungsanzugs beim Sprung vom Eiffelturm starb. Auch der tschechische Arzt Karel Rokytanský ging nach Wien. Von den deutschsprachigen Wissenschaftlern in den böhmischen Ländern blieben dagegen der weltbekannte Biologe Gregor Mendel, der Begründer der Genetik, und der Physiker Ernst Mach. Auch der Physiker Albert Einstein arbeitete für kurze Zeit in Prag an der deutschen Universität. (...)
Ein weiterer Autodesigner, Ferdinand Porsche, wurde ebenfalls in der Tschechischen Republik geboren, machte sich jedoch vor allem in Deutschland einen Namen (...). Unter den Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden, war auch der Physik-Nobelpreisträger von 2007, Peter Grünberg.

Soweit nur ein kurzer Ausschnitt, um hier in einem ersten Schritt auf diese umfangreiche Thematik aufmerksam zu machen. 

Die Entdeckung der flüssigen Kristalle - Prag, 1888

Während unseres allzu flüchtigen Rundgangs durch Prag kamen wir an diesem Haus mitten in der Altstadt in einer schmalen Gasse vorbei (s. Abb. 9). Es war morgens und dennoch war die eher abseitige Gasse schon sehr belebt, wie man sieht.

Abb. 9: Vor einem Haus der Deutschen Universität Prag, in dem Prof. Friedrich Reinitzer (1857-1927) im Jahre 1888 den ersten flüssigen Kristall erfunden hat - an einem Märztag vormittags

Auf einer dort angebrachten Bronzetafel lasen wir:

Prof. Friedrich Reinitzer (1857-1927) hat in diesem Gebäude der Deutschen Universität in Prag im Jahre 1888 den ersten flüssigen Kristall erfunden.

Reinitzer war in Prag als Sohn eines Weinbauern geboren worden. Ab 1895 war er dann an der Universität Graz tätig. Über seine Entdeckung mag hier deshalb ein längeres Zitat Platz finden, weil der flüssige Kristall von Seiten naturwissenschaftsnaher Philosophie im Jahr 1923 als wichtige evolutionäre Übergangsstufe zum Leben auch tiefere philosophische Deutung gefunden hat. Er wurde als wichtige evolutionäre Zwischenstufe benannt auf dem Weg vom festen Kristall über den flüssigen Kristall zur ersten Biozelle. Auch mit diesem Umstand wird noch einmal deutlich, welch wichtigen Ort Prag in der Wissenschaftsgeschichte einnimmt.

In was für engen Gassen die Prager damals lebten, Kinder bekamen, forschten und dichteten!

Rilke

Schließlich interessiert uns - unter anderem - noch, was einen von uns so hochgeschätzten Dichter wie Rainer Maria Rilke mit seiner Heimatstadt Prag verbunden hat. Er ist 1875 in der Heinrichsgasse 17 geboren worden (GB). 1924 ist sein Geburtshaus durch einen Neubau ersetzt worden. Aber was will das schon besagen: Hier ist Rilke geboren worden! Gegenüber befindet sich heute das "Museum der Sinne". Das ist eine Region innerhalb der Stadt im Grenzbereich von mittelalterlicher Alt- und Neustadt, wohl schon in der Neustadt gelegen. 

Gleich um die Ecke wurde 1898 die Jerusalem-Synagoge (Wiki) erbaut, weil das jüdische Viertel andernorts, das man als "Slum" empfand, abgerissen worden war und weil daselbst ein vornehmer neuer Stadtteil entstand. In die andere Richtung liegt der Roßmarkt aus dem 14. Jahrhundert, der 1848 in Wenzelsplatz umbenannt worden ist (Wiki). Nach Nordwesten zu liegt das Ständetheater, eines der ältesten Theater Europas. Man kann nicht aufhören. Wohin man blickt, Erhebendes.

Rilke hat in dem Gedichtband "Larenopfer - Prag in Gedichten" seiner Heimatstadt frühe Dichtungen gewidmet (Gutenb, Gedichte). Sie stammen nicht aus seiner Reifezeit und sind von Rilke in seinen späteren Jahren - wohl mit manchem Recht - nicht als nachhaltig gehaltvoll anerkannt worden, als auf Augenhöhe stehend mit seinen späteren Dichtungen. Um so mehr fragt man nach reifer Dichtung oder Malerei (Wiki), die sich diesem außergewöhnlichen Phänomen "Prag" angenähert haben und ihm angemessen begegnet sind.

(Unsere Ausführungen zu "Rilke und Prag" wollen wir künftig noch ergänzen.)  

Abb. 10: Das Ende der Jahrhunderte langen deutschen Geschichte in der Stadt und in Böhmen - Mit angespannten Blicken ziehen Deutsche mit ihrer letzten Habe am 8. Mai 1945 vorbei an dem 1915 aufgestellten Denkmal für Jan Hus (Wiki) auf dem Altstädter Ring (Aly) - der schon so vieles erlebt hatte in der Geschichte

Das Ende der viele Jahrhunderte langen deutschen Geschichte in Prag ist eingefangen in einer Fotografie (Abb. 10): Die Deutschen werden aus ihren Wohnungen ausgewiesen und ziehen mit ihrer Habe unter angespannten Blicken in Richtung der angrenzenden Häuser am Denkmal für Jan Hus auf dem Altstädter Ring in Prag vorbei - wenn wir es recht verstehen, Richtung Nordwesten. Vielleicht war ihnen versprochen worden, daß es dort noch eine Möglichkeit für die Abreise nach Deutschland geben würde, die es dann allerdings für viele doch nicht mehr gab. 

Vermutlich entstand die Fotografie am Nachmittag des 8. Mai 1945, an dem die noch in Prag stationierten deutschen Truppen aufgrund eines Waffenstillstandsvertrages nach Westen abziehen durften und zu einem Zeitpunkt kurz bevor die Stimmung unter den Tschechen vollständig umschlug. (Die Fotografie stammt von Stanislav Hulík, enthalten in dem Buch "Památník Pražského povstání" von 1946.) Zu der fotografierten Szene paßt vermutlich der Bericht einer Deutschen, die ihre Wohnung in er Benediktinergasse (GMaps) ganz in der Nähe hatte, und die mit ihrer Freundin und deren zwei Kindern, sowie ihrem eigenen eineinhalbjährigen Sohn von tschechischen Partisanen aus der Wohnung geholt worden war (6):

... Es waren schon sehr viel Menschen auf der Straße. Die ersten Steine flogen uns entgegen, aus den Fenstern und Türen wurden Gegenstände auf uns geworfen, und wir wurden angespuckt, gestoßen und geprügelt, wobei sich fast ausschließlich die tschechischen Frauen hervortaten. Wie eine Erlösung erschien es uns, daß wir, wenn auch sehr langsam auf die andere Seite zur Hybernská-Kaserne geführt wurden (...). Als wir das Eingangstor zur Kaserne gerade erreichten - es war noch sehr früh am Vormittag, und wir waren, wie sich später herausstellte, mit die ersten, die in unserem Wohnbezirk inhaftiert und eingesperrt wurden, stürzte sich ein Haufen Männer und Frauen auf uns, sie schlugen wild auf uns ein, rissen uns die Mäntel vom Leib und beförderten uns mit Fußtritten durch das Tor bis auf den Kasernenhof. (...) Überall standen Trupps Deutscher mit Gepäck, Kindern und Handwagen herum, bewacht von uniformierten Tschechen. ...

Die in diesem Bericht genannte Hybernská-Kaserne (von der Bearbeiterin falsch "Hyberna"-Kaserne benannt, da sich im Tagebuch der Deutschen nur die Abkürzung "Hyb.-Kaserne" fand) hieß bis 1918 Josefs-Kaserne (Wiki). Sie befand sich an der Stelle eines heutigen Einkaufszentrums (Wiki). Um diese Kaserne waren am Tag zuvor, am 7. Mai 1945, die heftigsten Kämpfe geführt worden (6). In den Ruinen dieser Kaserne wurden die Deutschen in den weiteren Stunden und Tagen völlig ausgeraubt und geplündert, viele Männer mußten Gräber ausheben und wurden erschossen (5). Viele hunderte anderer der hier internierten Deutschen blieben noch ein Jahr interniert, obwohl es sich fast nur um Frauen und Kindern handelte. All das ist auf den tschechischen Wikipedia-Einträge zu dieser Örtlichkeit nicht festgehalten.

Dieser Beitrag wird bei Gelegenheit künftig noch manche Ergänzung erhalten. 

Er ist nur ein Einstieg in mehrere, ebenso wunderbare wie schreckliche Themen. Prag - auch eine Hauptstadt in der Welt des Geistes und der Kultur, die ebenso die dunkelste Seite alles Menschlichen kennenlernte. 

/ letzte Ergänzung, 
Überarbeitung, 
gemäß [6]: 5.4.24
gemäß [7]: 7.4.24 /

___________

  1. Josef Pfitzner: Das tausendjährige Prag. Mit 79 Bildern von Franz Höch. Gauverlag Bayerische Ostmar 1940 (GB) (128 Seiten, davon 46 Seiten Text)
  2. Friedrich Heiss (Hrsg.): Das Böhmen und Mähren-Buch. Volkskampf und Reichsraum. Volk und Reich Verlag, Prag 1943 (GB) 
  3. Binder, Hartmut: Mit Rilke durch das alte Prag. Ein historischer Spaziergang. Mit zeitgenössischen Fotografien zu Rilkes 'Larenopfer'. Insel Verlag, 1994
  4. Die Parler und der Schöne Stil 1350-1400. Europäische Kunst unter den Luxemburgern. Resultatband zur Ausstellung des Schnütgen-Museums in der Kunsthalle Köln 1980, hrsg. von Anton Legner.
  5. Karl IV. - Ein Kaiser in Brandenburg. Hrsg. von Jan Friedrich Richter, Peter Knüvener und Kurt Winkler für das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Verlag für Berlin-Brandenburg 2016 (208 S.)
  6. Ursula Hübler: Meine Vertreibung aus Prag. Erinnerungen an den Prager Aufstand 1945 und seine Folgen. Hrsg. von Juliane Wetzel. R. Oldenbourg Verlag, München 1991 [Biographische Quellen zur deutschen Geschichte nach 1945. Herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv von Wolfgang Benz. Band 11.] 
  7. Stanislav Kokoška: Prag im Mai 1945 - Die Geschichte eines Aufstandes. Rok 2009 (pdf)

Sonntag, 20. Dezember 2020

Werner Heisenberg als "Wanderer zwischen zwei Welten"

Eine philosophische Aufgabe, die die Physiker des 20. Jahrhunderts nicht geleistet haben

Von all den vielen Vorträgen und Interviews, die man sich inzwischen von Werner Heisenberg im Internet anhören kann, ist es vor allem eine Radiosendung aus dem Jahr 1969, in der uns die philosophischen und religiösen Probleme rund um die Atomphysik besonders deutlich hervorzutreten scheinen (1).


Und zwar insbesondere auch deshalb, weil in dieser Sendung nicht nur ein Physiker, sondern sehr viele verschiedene Physiker zu Wort kommen und dabei auch die unterschiedlichen Haltungen zu den philosophischen und religiösen Fragen, die sich aus der Quantenphysik ergeben können, deutlich werden.

Der Sprecher dieser Sendung, der in derselben auch die Interviews mit Werner Heisenberg und anderen Physikern führt, ist einstweilen nicht bekannt. Er läßt aber sowohl philosophische wie christlich-theologische Interessen erkennen. Einmal kommt er auch auf den Papst zu sprechen. Vielleicht ist er Katholik. Aber dieser Umstand drängt sich nicht in den Vordergrund. Vielmehr läßt er alle Stimmen zu Wort kommen, auch ernstzunehmende Gegenstimmen aus dem Bereich des Atheismus. Sie können ja auch geradezu als Stachel zur Erkenntnis genutzt werden.

In dieser Sendung wurde ein Interview geführt mit Werner Heisenberg, ebenso ein kurzes mit dem Hamburger Atomphysiker Pascal Jordan. Es werden beider Aussagen einander gegenüber gestellt (bis 27'12). Es werden dann interessanterweise auch junge Physiker an der Universität Heidelberg mit den Aussagen von Heisenberg konfrontiert (27'13-33'06).  Auch am Ende der Sendung kommen einige dieser jungen Physiker noch einmal zu Wort.

Insbesondere die Reaktionen der jungen Physiker im Jahr 1969 in Heidelberg machen deutlich, daß Physiker wie Werner Heisenberg damals immer noch - oder schon wieder - eine Ausnahmestellung innegehabt haben innerhalb der Physik und daß sie diese bezüglich der philosophischen Ausdeutung der Quantenphysik bis heute letztlich auch irgendwie immer noch innehaben.

Aber die Teile der Sendung nach diesem Abschnitt sind noch aufwühlender.

Der Autor dieser Zeilen ist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, zwischen 1985 und 1996 in immer wiederkehrender Konfrontation mit dem so selbstverständlichen Gottvertrauen eines deutschen Physikers, Biophysikers und Hochschullehrers aufgewachsen. Dieser wiederum war wissenschaftlich sozialisiert worden im Umfeld des Biophysikers Max Delbrück, einem Umfeld (in dem sich damals übrigens auch einer der Söhne von Werner Heisenberg bewegte). Dieser Biophysiker konnte dem Verfasser dieser Zeilen auch eine Fülle von naturwissenschaftlichen Sachbüchern der 1980er und 1990er Jahre empfehlen, aus denen dieses Gottvertrauen ganz ebenso herauszulesen war. So daß der Verfasser dieser Zeilen derzeit fast mit ein wenig Befremden auf die "Probleme" schaut, die in dieser Radiosendung und in Interviews mit führenden deutschen Physikern um 1969 herum behandelt worden sind (1).

Die Radiosendung scheint nicht zuletzt angestoßen worden zu sein durch das Erscheinen des Buches "Der Teil und das Ganze - Gespräche im Umkreis der Atomphysik" von Werner Heisenberg (2). 

Desinteresse einer neuen Physiker-Generation an philosophischen Fragen im Jahr 1969

Aber das ist - insbesondere im zweiten Teil der Radiosendung - ein Stottern, das ist ein "Raten", das ist ein "Meinen", das ist ein Herumtasten, daß es nur so eine Art hat. Und am Ende steht man - fast - mit leeren Händen dar. Ergebnis der Sendung ist: Eine Minderheit der Physiker aus der Gründergeneration der Quantentheorie und der Relativitätstheorie können "religiöse Physiker" genannt werden. Insbesondere fast alle der bedeutendsten und namhaftesten unter ihnen (Max Planck, Albert Einstein, Werner Heisenberg und andere). Alle anderen waren und sind - wenn es um die Physik und ihre philosophischen Schlußfolgerungen geht - sozusagen bloße "Techniker", die sich für religiöse und philosophische Fragen gar nicht interessieren. 

Die Bezeichnung "religiöse Physiker" scheint uns übrigens zu leicht zu Mißverständissen Anlaß zu geben. Passender scheint uns da eher der Titel einer jüngst erschienen Biographie, nämlich E.P. Fischers "Werner Heisenberg als "Wanderer zwischen zwei Welten". Aber das nur als Nebenbemerkung.

Jedenfalls sieht auch Carl Friedrich von Weizsäcker in dieser Sendung diesen Unterschied zwischen Physikern, die eigentlich bloß Techniker sind und solchen, denen sich auch die großen philosophischen Fragen stellen. Er war über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg der engste Mitarbeiter von Werner Heisenberg (1). von Weizsäcker wird von dem Interviewer nun interessanterweise konfrontiert mit der Aussage des damaligen atheistischen DDR-Philosophen Olof Klohr (1927-1994) (Wiki). Dieser war von 1963 bis 1969 Professor für "Religionssoziologie und wissenschaftlichen Atheismus" an der Universität Jena. Interessanterweise wurde Klohr nach 1969 sogar in der DDR aufgrund seiner Christentums-Feindlichkeit ins geistige Abseits geschoben. Ob nicht an diesem Umstand der Einfluß der monotheistischen Hintergrundmächte sogar in der DDR erkennbar wird? War die philosophische Auseinandersetzung, die Klohr führte, unerwünscht? Auch der Religionswissenschaftler Horst Junginger hat manche Fragen zur Biographie von Olof Klohr (7). Klohr hatte eine sehr interessante Beobachtung gemacht (1) (36'41):

Kirchliche Kreise berufen sich auf die Religiosität berühmter Naturwissenschaftler wie zum Beispiel Carl Friedrich von Weizsäcker, Werner Heisenberg, Pascual Jordan, Albert Einstein. Das häufig angeführte Standardbeispiel für den religiösen Naturwissenschaftler ist Max Planck. Bei näherer Überprüfung ergibt sich jedoch, daß bei keinem Naturwissenschaftler eine Einheit von Wissenschaft und Religion vorhanden ist. Denn bei keinem der angeführten Wissenschaftler ergeben sich aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen religiöse Schlußfolgerungen.

Das sind starke Worte. Ist man nicht unmittelbar veranlaßt zuzustimmen? Aber was für ein harter Satz. Mit einem Schlag klärt er sofort die Dinge. Der Verfasser dieser Zeilen muß ihn jedoch - mit dem oben genannten Hintergrund - auch fast mit einem Lächeln lesen. Zu ihm sagt nun Carl Friedrich von Weizsäcker etwas eigentlich sehr Wesentliches. Er sagt (38'10):

Ich finde, die Beschreibung des durchschnittlichen Zustands der Wissenschaft durch diesen Satz, den Sie hier zitieren, ist ziemlich richtig. Ich glaube allerdings, daß die Beziehung zwischen dem religiösen Empfinden und vielleicht auch Glauben der Leute, die Sie zitiert haben, und ihrer Wissenschaft, in Wirklichkeit besteht. Das klar zu machen, ist eine philosophische Aufgabe, die keiner der Wissenschaftler, die Sie genannt haben, geleistet hat.

Da wäre sofort die Frage zu stellen: Hat diese Aufgabe denn dann nun endlich der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker geleistet? Das wird man vorderhand bezweifeln dürfen. Aber dieser Frage kann ja noch einmal nachgegangen werden. von Weizsäcker sagt etwas später über den Antrieb zum Philosophieren oder zur Auseinandersetzung mit religiösen Fragen (41:00):

Was ich jetzt meine, das ist, daß die - ich will es mal nennen: religiöse Wirklichkeit nur dort in den Blick kommt, wo der Schein einer Kohärenz, eines ungebrochenen Zusammenhangs der Wirklichkeit, der täglichen Welt zerreißt.

Dies kann bei völlig unterschiedlichen Anlässen geschehen, technische Anwendungen wie die Atombombe würden hier einen sehr konkreten Anlaß geben für ein solches Zerreißen. Aber bevor diese technische Anwendung wichtig wurde, waren es andere Anlässe, so von Weizsäcker (42:50):

Als ich anfing zu studieren, (...) standen die großen Grundsatzprobleme im Vordergrund. Und wenn jemand über die grundlegenden Fragen so nachdachte und darin so erschüttert wurde in seinen Selbstverständlichkeiten wie das in der Zeit der Entstehung der Relativitätstheorie und der Quantentheorie der Fall war, dann konnte ihm da eine religiöse Frage sehr wohl auftauchen. (...) Wenn man eine saubere Methodologie der Wissenschaft betreibt, wenn man das macht, was man heute etwa Wissenschaftstheorie nennt, dann würde ich bereit sein, die These durchzufechten - aber das geht nicht in wenig Worten - daß die Wissenschaftstheorie zu keinem anderen Resultat kommt und zu keinem anderen kommen kann, als daß schon die Möglichkeit von Erfahrung ein tiefes Rätsel ist.

An dieser Stelle würde natürlich die Evolutionäre Erkenntnistheorie einsetzen, auf die von Weizsäcker im nachfolgenden aber gar nicht rekurriert. 

Der Verfasser dieser Zeilen möchte sagen, daß er aufgewachsen ist in Konfrontation mit dem stetigen Bemühen, genau das klar zu machen und zu klären, was hier gefordert ist, nämlich der Beziehung nachzugehen zwischen dem religiösen Empfinden der Wissenschaftler und der Wissenschaft, die sie betreiben.

Bei der Klärung dieser Beziehung hat geholfen Hoimar von Ditfurth, hierbei hat geholfen die Evolutionäre Erkenntnistheorie von Konrad Lorenz, hierbei haben geholfen die Bücher von Paul Davies (z.B. "Die Urkraft"), hierbei hat geholfen Manfred Eigen ("Das Spiel"), hierbei hat geholfen Stephen Hawkings ("Eine kurze Geschichte der Zeit"). Und hierbei haben so viele andere Sachbücher, die damals gelesen wurden und zu lesen waren, geholfen. Es haben dabei vor allem auch geholfen wissenschaftlich-philosophische Aufsätze, die erschienen sind in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule", die von dem Hintergrund dieser genannten breiten Literatur ausgehend verfaßt worden waren und die zu dieser genannten Literatur auch wieder zurück geführt haben.

Eingreifen Gottes durch die Quantenphysik?

Im vorderen Teil der Sendung waren vielleicht noch ein wenig "banalere" Dinge besprochen worden. Aber gerade auch bezüglich dieser Dinge ist es doch einmal gut, klare Worte von Werner Heisenberg zu hören. Die Quantentheorie zu benutzen, um ein "Eingreifen Gottes" in diese Welt als möglich zu erklären oder auch die Willensfreiheit des Menschen als möglich zu erklären, weist Werner Heisenberg hier entschieden und klar zurück. 

________

  1. "Wir reden auch nur in Gleichnissen" (Werner Heisenberg). Gespräche mit Werner Heisenberg, Pascual Jordan, Carl Friedrich von Weizsäcker und jungen Atomphysikern. Etwa 1969, https://youtu.be/nfFnbBUkxes.
  2. Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Piper-Verlag, München 1969.
  3. Heisenberg, Werner: Atomphysik und Philosophie. Vortrag 1967, https://youtu.be/mvLDNHQLFcg, https://youtu.be/xhNS3cJX5EU.
  4. Troschke, Harald von: Interview Werner Heisenberg. Etwa 1967, https://troschke-archiv.de/interviews/werner-heisenberg; 30.3.1968, https://youtu.be/SJSmdErgcHs, https://youtu.be/b57qe1esX4o.
  5. Egloff Schwaiger, Martin Posselt: Porträt Werner Heisenberg. Deutschland, 1968 (30 Minuten). Neu gesendet vom Bayerischen Rundfunk im Januar 2019 in der Reihe "alpha-retro" bei ARD-alpha. (Veröffentlicht auf dem Videokanal  "dete38".) 1. Teil: https://youtu.be/zio9r1lXL9Q, 2. Teil: https://youtu.be/kov2890PEHM.
  6. Bading, Ingo: Werner Heisenberg privat. Ein wertvolles Filmdokument aus dem Jahr 1968, 28. November 2020, https://studgenpol.blogspot.com/2020/11/werner-heisenberg-privat.html.
  7. Junginger, Horst: Von der Delegitimierung zum Dialog Konjunkturen und Erbe des "Wissenschaftlichen Atheismus" in der DDR. In: Neues Deutschland, 04.09.2020, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1141365.atheismus-in-der-ddr-von-der-delegitimierung-zum-dialog.html

Sonntag, 23. August 2020

Zum Festland des Wissens gibt es keine Alternative

Nur von dorther macht es Sinn, in die Strudel und den Treibsand der Hypothesen, Vermutungen, Ahnungen und Verträumtheiten zu schauen

Einleitendes


"Fast jeder Überlegung geht ein gewisses bestimmendes Gefühl vorher, das bei glücklichen Gemütsbeschaffenheiten selten trügt, und das der Verstand nachher nur gleichsam ratifiziert."
Georg Lichtenberg (1742-1799) (Wiki) 
(in seinen "Sudelbüchern")

In diesem Zitat ist die Rede von einem vorrationalen Erahnen dessen, was dann erst hinterher rational vollständig verstanden und erkannt wird. Man könnte also im Anschluß an Lichtenberg sagen: Alles Wertvolle und Wesentliche im Menschenleben geschieht, bevor der Verstand (die Ratio), seine Unterschrift darunter setzt. Ratio ist - nach dieser Sichtweise - nur: "Unterschriftleisten". Die Aufgabe - insbesondere für Menschen mit "glücklicher Gemütsbeschaffenheit" - wäre also, die Aufmerksamkeit insbesondere auf das zu richten, was geschieht, bevor "die Unterschrift" geleistet wird. .... Und natürlich auch auf das, was geschieht, während man - ständig - mit "Unterschrift-Leisten" beschäftigt ist.

Diese Gedanken haben in einer Telegram-Gruppe Erörterungen ausgelöst. Aber in der Telegram-Gruppe werden viele Dinge gleichzeitig erörtert, Philosophisches, die aktuelle Lage, Fragen nach dem Lebenssinn und so weiter. Ein jüngerer Beitrag lautete (um nur eine Andeutung der vielfältigen Eröterungen zu geben):
Ich denke mal eines ist sicher: es gibt da nicht "den einen Weg", den es ja vermutlich nirgendwo gibt ... Durch das Labyrinth des Lebens führen so viele Wege wie es Menschen gibt. Und es wird vermutlich nicht möglich sein, annähernd eine Kenntnis der Geschehnisse und Zusammenhänge zu erfassen, Aber eine mehr oder weniger größere Ahnung können wir uns erarbeiten. Ja, und da Jeder einen anderen Blick auf die Dinge hat, haben wir so so so viele verschiedene Wahrnehmungen. Sogar wir hier, die wir ganz ganz sicher alle an der Wahrheit, an dem Guten und Wahrhaftigen interessiert sind und uns jeder auf seine Weise dafür einsetzen, haben extrem verschiedene Meinungen von dem was geschieht. In dem Versuch die Dinge zu verstehen und Einblicke zu erhalten, wird mir klar, wie unmöglich es ist, es scheint mir jedenfalls so. Und ja, der Blick nach Innen scheint mir unabdingbar und essentiell. Das Still-Werden und Auseinandersetzen mit den Innenwelten, die ehrliche wahrhaftige Innenschau, das Wahrnehmen dessen was in uns ist, das in Beziehung setzen mit der Mitwelt, die "hehren Ziele" immer wieder neu zu hinterfragen und dann, immer wieder aufstehen, auch wenn es scheint - das Morgen ist verloren ...
Und ein anderer Diskussion-Beitrag:
Betreffs Lichtenberg ... Also: Ich habe meine Sicherheit über das kommende Geschehen wohl hier empfangen....vorrationales Erahnen 😇
Zu diesem und noch allerhand anderen Diskussions-Beiträgen habe ich heute morgen das folgende ausgeführt.

Die Notwendigkeit, streng rational zu arbeiten


Der Georg Friedrich Lichtenberg war ja selbst Naturwissenschaftler. Also er war in der Regel auf jenem Gebiet unterwegs, das strengste Rationalität erfordert. Von einer Auseinandersetzung damit haben viele auch philosophische Erkenntnisse ihren Ausgang genommen (Kant, Schopenhauer, z.T. auch Nietzsche, August Weismann, Ernst Haeckel, Nicolai Hartmann, Karl Raimund Popper, Hans Jonas und viele auf ihrer Linie).

Wenn Lichtenberg also davon spricht, daß einer Erkenntnis Vorrationales voraus geht, dann weiß er es deshalb so klar zu unterscheiden, weil er in der strengst möglichen Rationalität unterwegs ist. - - - Das sind die meisten Menschen nicht. 95 bis 98 % zögern oder machen lieber etwas anderes. Sie machen dann lieber die Wäsche oder den Abwasch oder kochen. Während bei denen, die die Notwendigkeit sehen, STRENG RATIONAL zu arbeiten, bei denen treten andere Alltagsdinge in den Hintergrund, weil sie eben wissen, daß vollste Konzentration und auch ein nicht geringes Zeitbudget notwendig ist, um sich sinnvoll im Streng-Rationalen zu bewegen.

Man kann gegenwärtig einen jungen Menschen in der Verwandtschaft haben, der mitten im Biologiestudium ist. Der MITTEN in dieser Rationalität drin ist. Wenn dieser Mensch zwei Sätze über das sagt, was er gerade lernt, dann kann man selbst als jemand, der Biologie studiert hat, Mühe haben zu folgen. Aber es kann einen unglaublich faszinieren und man kann es fast bedauern, daß dieser Mensch das Wissen, das er da gerade in sich aufnimmt, mal so locker "herausplätschern" läßt, daß er dann aber auch andere Dinge wieder für wichtig nimmt.

Ein anderer junger Mensch in der Verwandtschaft mag ganz ähnlich unterwegs sein. Er hat ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen. Aber dieses Bewegen in dem rein Rationalen, das scheint ihm viel zu einseitig geworden zu sein. Deshalb macht er jetzt lieber etwas praktischere Dinge zum Geldverdienen. Das darf bedauern werden. Denn Menschen, die es sich zur Aufgabe machen - geradezu zur metaphysischen Aufgabe - sich auf dem streng rationalen Gebiet zu bewegen und dort etwas voranzubringen, die gibt es - soweit übersehbar - viel zu wenige.

Erstmals erschienen 2006 (aus dem Englischen)
Abb. 1: Wissenschaft für Kinder, aus dem Engl., 2006*)
(In EINEM Volk auf dieser Erde allerdings gibt es von denen sehr viele, bei den aschkenasischen Juden. Ach ja, und bei den Ostasiaten auch, den Chinesen und Japanern. Aber man muß nicht die Wahrnehmung haben, daß es gerade eines dieser drei Völker gewesen wäre, das auf dem Gebiet der modernen Philosophie die größten Begabungen hervorgebracht hätte.)

Es wird einem jetzt sicher von einigen entgegen gehalten, daß hier der Bereich des Rationalen überbetont wäre. Daß Wäschewaschen und das "einfache Leben" ja auch wichtig seien. Ja. Trotzdem, diese Waschmaschine da nebenan - ein Wunderwerk menschlicher Rationalität.  ....

.... Aber was hatte gesagt werden sollen .... Von einer möglichst intensiven Auseinandersetzung mit strenger Rationalität her bekommt man eher ein Gespür dafür, wo etwas Nichtrationales in Übereinstimmung steht mit allem, was rational erkennbar ist und gesagt werden kann und dafür, wo Nichtrationales in einem unklaren Verhältnis dazu steht (wo es also "seicht" ist - denn WORTE haben wir ja viel für Nichtrationales) und dafür, wo Nichtrationales in krassem Gegensatz zu dem steht, was wir rational wissen.

Weil das die Hintergrundmächte wissen, sehen sie es GERN, wenn sich Menschen in philosophisch begabten Völkern möglichst wenig intensiv auf streng rationalem Gebieten bewegen lernen, um zunächst jene Sicherheit zu bekommen, die notwendig ist, wenn über die nichtrationale Seite der Wirklichkeit gültige Aussagen gemacht werden sollen (nach modernem Kenntnisstand). Und sie sehen es weiterhin gern, wenn sich Menschen in philosophisch begabten Völkern für Philosophie sowieso gar nicht mehr besonders interessieren.

All diese Dinge können nun nicht nur für Metaphysik angewandt werden, sondern auch für Hintergrundpolitik-Kritik. Auch hier ist eigentlich ähnliches notwendig wie auf dem Gebiet der Metaphysik: Daß man sich sorgsam geistig bewegt von dem, was sicher oder noch einigermaßen sicher ist zu dem, was nicht mehr GANZ so sicher ist. Also daß man sich möglichst wenig vom Festland wegbewegt und in den Treibsand gerät. Und daß man sich mit den Gesetzen dieser "Gezeitenzone" des Echt-Geistigen nach und nach immer besser vertraut macht. - Der Verlockungen dazu, in Treibsand zu geraten, gibt es nämlich viele und sie sind natürlich - die meisten werden es ahnen - schon lange vorbereitet von den Hintergrundmächten.

GERADE geht es einem wieder durch den Kopf: Alle sind entsetzt über "Adrenochrome" (Wiki), ein Thema, das nur als Gerücht herum wabert, zu dem zunächst nicht übersehbar ist, wie man vom derzeitigen Festland des Wissens von Hintergrundpolitikkritikern aus zu diesem Thema hinkommen sollte. WÄHREND mindestens ähnlich entsetzliche Dinge, die sogar schon im Mainstream als feststehende Tatsachen behandelt werden, nur noch so nebenbei von den "Wahrheitsbewegten" behandelt werden. Holzauge, schwant dir etwas?

Diese Dinge sind für denjenigen, der doch einigermaßen glaubte, vorne dran zu sein im Verständnis, so absurd.

Aber was ist heute nicht absurd?

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*) Tessloffs Sachbilderbuch "Wissenschaft einfach erklärt" (als Beispiel)

Dienstag, 26. Mai 2020

Harald Lesch - Protestant, Lehrer der Jesuiten und Labertasche, mitunter hörenswerte

Warum so oft Unbehagen über die derzeitige "Koryphäe" der Wissenschaftsvermittlung im deutschsprachigen Raum?   

Harald Lesch (geb. 1960) (Wiki) ist unter Wissenschaftsbegeisterten sehr beliebt. Er hat eine sehr dominierende Stellung in der Vermittlung des modernen naturwissenschaftlichen Wissens in der Astrophysik inne und in der Erörterung von damit verbundenen philosophischen und religiösen Fragen. Deshalb kommt man als Physik-Laie kaum darum herum, sich ein Urteil bilden zu müssen über ihn und seine Art, Wissenschaft zu vermitteln, sowie über den weltanschaulichen Hintergrund, aus dem heraus diese Art der Wissenschaftsvermittlung geboren zu sein scheint.

Harald Lesch ist - wie er selbst sagt - "vom Scheitel bis zur Sohle Protestant" (1). Er glaubt ganz naiv an den Gott, der ihm im Konfirmantenunterricht gelehrt worden ist (1). Dazu paßt offenbar punktgenau, daß er zusätzlich zu seinen sonstigen Lehraufträgen Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Münchener Hochschule für Philosophie der Jesuiten ist (1). Die Jesuiten sind also ganz offensichtlich mit seiner Lehrweise, mit seiner Art der Naturbetrachtung, mit seiner Art des Philosophierens über Natur und mit seiner damit verbundenen Art des Blicks auf die überkommenen Religionen außergewöhnlich zufrieden. Womöglich macht es viel Sinn, sich diesen Umstand auf der Zunge gründlich zergehen zu lassen.

Um so mehr man sich mit Harald Lesch über die unzähligen Videos und Zeitungsartikel beschäftigt, die man über ihn finden kann, um so mehr stellt man fest, daß er sich bei der weltanschaulichen Deutung unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes sehr häufig und sehr gerne selbst widerspricht, oft innerhalb eines einzigen kurzen Interviews mehrmals hintereinander. Er antwortet etwa auf die Frage "Sind wir Zufall oder sind wir gewollt?" (1):
Ich tendiere zum "gewollt sein". Man fühlt sich ja sehr wohl in der Welt, und man merkt ja auch, daß man gut aufgehoben ist. Das spiegelt sich unter anderem an solchen Erkenntnissen wider, daß die Welt so fein abgestimmt ist, daß wir überhaupt existieren.
Hier sagt er also im Jahr 2010 - unter Berufung auf die Feinabstimmung der Naturkonstanten (Anthropisches Prinzip), daß unser Universum "gewollt" ist. Im vorigen Beitrag hier auf dem Blog hatten wir gerade erst ein Zitat von ihm aus dem Jahr 2016 gebracht, wo er kurz und flapsig zu eben derselben Frage sagte, wir (unser Universum und seine Feinabstimmung) wären bloß Zufall. So etwas macht ärgerlich. Es drängt sich der Eindruck auf: Harald Lesch ist eine Labertasche, die sich "mal so, mal so" positioniert - wie es ihr gerade paßt. Eine Labertasche ohne Ende. Er kann jedes naturphilosophisches Thema von beiden Seiten begründen, bewerten und vor allem, damit - - - "zerreden". Man spürt sehr bald, daß die Jesuiten mit einer solchen Behandlung naturphilosophischer Fragen gut zurecht kommen könnten. Nachdem er also in dieser Weise über die Eigenschaften unseres Universums gesprochen hat, sagt er dann - wiederum - über die Eigesnchaften "seines" (protestantischen) Gottes, der ja offenbar - aus seiner Sicht - dieses Universum geschaffen hat (1):
Wenn man versucht, aus den Naturwissenschaften auf die Eigenschaften von Gott zu schließen, dann kann das eigentlich immer nur schief gehen.
Aha, es kann immer nur schief gehen, sagt er. Sein protestantischer (und jesuitischer?) Gott hat also mit diesem unserem Universum wenig bis nichts zu tun, von den Eigenschaften dieses Universums aus auf das Wollen Gottes oder des Göttlichen zu schließen, das kann nur schief gehen. Wenn das nicht absolut gottlose Äußerungen der Labertasche Harald Lesch sein sollen, was dann? Harald Lesch sagt (1):
Ich schlage mich ja mehr oder weniger damit herum, wie ich meine Naturwissenschaft mit meiner Philosophie zusammenbringe. Dadurch, daß ich an der Hochschule der Jesuiten Philosophie doziere, ist es eben weltanschaulich geprägt.

Aha, es ist "eben" weltanschaulich geprägt. Und wie weltanschaulich geprägt? Natürlich ist jede Herangehensweise an moderne Naturwissenschaft weltanschaulich geprägt. Dazu muß man nicht Hochschullehrer für Jesuiten sein. Aber offenbar ist ihm dieser Umstand hinsichtlich seiner weltanschaulichen Prägung ja doch wichtig.

Und man merkt dann schon allmählich, in welcher Weise diese Art des "Herumschlagens" weltanschaulich geprägt ist. Harald Lesch kriegt eigentlich immer alles unter einen Hut, alles, auch das Widersprüchlichste. Und da er alles unter einen Hut kriegt, sagt er am Ende gar nichts mehr. Alles ist möglich - in und nach seiner Weltanschauung. Jeder Standpunkt ist möglich, keiner bevorzugt. Vor allem aber: Seine philosophische Deutung der physikalischen Eigenschaften unseres Universums sind jederzeit mit einem monotheistischen Gottesglauben vereinbar. Dann versteht man schon, warum es gerade ein Harald Lesch ist, der eine so prominente Stellung in der heutigen deutschsprachigen Wissenschaftsvermittlung einnimmt.

Sagte er nicht auch, daß er sich im Bereich der bundesdeutschen Medienastalten viel freier bewegen kann als im Bereich einer deutschen Universität, daß er in den Medienanstalten nur rote Teppiche ausgelegt bekommt, während ihm in Universitäten nur Steine in den Weg gelegt werden (1)? Woran das wohl alles liegen mag?

Aber indem wir solche Eindrücke hier aufschreiben, wollen wir keinesfalls dafür plädieren, Harald Lesch zu ignorieren und ihn nicht dennoch immer einmal wieder wohlwollend anzuhören und auf sich wirken zu lassen (2). Denn eines erscheint sicher: Die Monotheisten aller Sparten haben längst verstanden, daß sie auf dem Gebiet der Naturwissenschaft vom Prinzip her nichts falsch darstellen dürfen, wenn sie in er heutigen Öffentlichkeit von der großen Mehrheit der Menschen ernst genommen werden wollen. Sie müssen konsequent im Rahmen unseres modernen, naturwissenschaftlichen Weltbildes argumentieren, bzw. in Auseinandersetzung mit ihm. All das kann Harald Lesch fast wie kein zweiter (2). Sprich, ein bloß halbwissenschaftlich argumentierender Naturphilosoph wie Teilhard de Jardin ist in der heutigen Zeit mit einer so großen Popularität nicht mehr denkbar und möglich. Immerhin, dieser Umstand darf als außergewöhnlicher geistiger Fortschritt verstanden werden.

Aber anderes ist möglich: Ich kann ganz sicher zu Hause sein im heutigen physikalischen Weltbild und aller Arten des Deutens dieses physikalischen Weltbildes. Und ich kann aus diesem "Sicher-zu-Hause-Sein" die Wunderwelt der Erkenntnismöglichkeiten des Menschen nach und nach - als Labertasche - immer mehr und mehr "zerreden". So daß am Ende keinerlei tiefere Anteilnahme für unsere Welt und für unser Universum übrig bleibt. So daß dennoch fast der weltanschaulichen Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet bleiben. Und so daß wir insbesondere am Ende doch wieder nur auf den Gott des Konfirmantenunterrichtes des Harald Lesch verwiesen bleiben. Aber Harald Lesch ist schlau. Das sagt er keineswegs apodiktisch. Es kann auch alles ganz anders sein. Er legt sich nicht fest. Heute so, morgen so. Seit vielen, vielen Jahre und in vielen, vielen, von hunderttausenden von Menschen gesehenen Videos und Fernsehsendungen macht Harald Lesch das so.

Versteht man dann, warum unsere Welt so ist wie sie ist? Versteht man dann, warum es so wenig seelische Anteilnahme und Ergriffenheit gibt in dieser Welt, selbst unter Wissenschaftsbegeisterten im Angesicht all dessen, was wir über diese Welt aus der modernsten Forschung wissen?

Wozu sind Bibelgläubige in der Welt?

Damit soll also insgesamt in Bezug auf Harald Lesch dasselbe gesagt werden, was wir hier auf dem Blog schon in Bezug auf den Evolutionären Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume gesagt haben: Laßt Euch durch die Art der weltanschaulichen Einbettung der von diesen beiden Christen behandelten modernsten naturwissenschaftlichen Forschung nicht von der Auseinandersetzung mit der von ihnen behandelten naturwissenschaftlichen Forschung selbst abhalten. Bitte nicht! Lernt unterscheiden. Lernt unterscheiden zwischen der naturwissenschaftlichen Forschung selbst, die von beiden - sehr oft völlig korrekt und einwandfrei - dargestellt wird. Und unterscheidet das von der Art, wie von beiden mit dieser naturwissenschaftlichen Forschung insgesamt umgegangen wird, wie sie sie einbetten und was sie für Schlußfolgerungen daraus ziehen.

Laßt Euch - insbesondere - nicht ernüchtern. Laßt Euch nicht "enttäuschen" von der Art, wie hier faszinierendste naturwissenschaftliche Forschung menschlich und weltanschaulich eingebettet ist. Bleibt auf Seiten der Wissenschaft. Sie hat es so sehr verdient und sie braucht noch so viel mehr Befürworter, und zwar nicht - ausgerechnet und so verwunderlicherweise neuerdings insbesondere: Christen, die weiter dem Gott ihres Konfirmantenunterrichtes anhängen. Monotheisten arbeiten so, wie dies schon Walter Rathenau beschrieben hat (GB):

Wissen Sie, wozu wir (bibelbläubigen Juden) in die Welt gekommen sind? Um jedes Menschenantlitz vor den Sinai zu rufen. Sie wollen nicht hin? Wenn ich sie nicht rufe, wird Sie Marx rufen. Wenn Marx Sie nicht ruft, wird Spinoza Sie rufen. Wenn Spinoza Sie nicht ruft, wird Christus Sie rufen.

Es geht also für Monotheisten darum, so viele weltanschauliche Angebote zu machen wie nur immer möglich, so daß jedes weltanschauliche Bedürfnis - unter Nicht-Bibelgläubigen - "Genüge" findet, so daß jede Art des Zugangs zu Sinnfragen oder grundlegenderen Fragen des Menschseins von ihnen abgedeckt wird. Im 20. Jahrhundert kamen zu diesen von Walter Rathenau aufgezählten weltanschaulichen Angeboten noch viele weitere hinzu: Sigmund Freud, Franz Boas, Richard Lewontin, Stephen Jay Gould ... (2). Sprich, sie nehmen auch atheistische (Marx) oder pantheistische (Spinoza) Weltbilder gerne mit in Kauf, wenn mit ihnen nur die Menschen - auf lange Sicht - "vor den Sinai", sprich vor den internationalen, monotheistischen Gott geführt werden und wenn diese Menschen dabei dann nicht - auf lange Sicht - dennoch zu sich selbst, zu eigenen, "regionaleren" Gottanschauungen und Gottauffassungen kommen. Diesbezüglich noch nicht von dem Evolutionären Gruppen- und Kulturpsychologen Kevin MacDonald ausgedeutete (2) weltanschauliche Angebote aus dieser Richtung wäre zum Beispiel das weltanschauliche Angebot des Hans Jonas. Und sicher könnten nach und nach auf dieser Linie noch viele weitere genannt werden.

Halten wir abschließend zu Harald Lesch noch den Eindruck fest, daß er  im Podiums-Gespräch mit anderen Astrophysikern und mit Zuschauern insgesamt einen besseren Eindruck macht als wenn man ihn isoliert für sich hört (3). 

Aber man muß immer wieder höllisch aufpassen. Erst beim wiederholten Anhören dieses zu Anfang begeistert angesehenen Videos (3) fällt uns auf, daß Harald Lesch sogar schon mit dem ersten Wort, das er in diesem sagt, Irrtümer verbreitet. Natürlich kann Philosophie an der Erfahrung scheitern. Z.b. die Philosophie Hegels hat viel von ihrer Überzeugungskraft verloren, nachdem sie in manchen wesentlichen Punkten an der Erfahrung gescheitert ist. Noch deutlicher kann dies etwa aufgezeigt werden anhand der Philosophie des historischen Materialismus von Karl Marx. Vielmehr muß gesagt werden, daß die Möglichkeit des Scheiterns einer Philosophie an der Erfahrung (Falsifizierbarkeit) zugleich ein Hinweis darauf ist, daß ein Nichtscheitern an der Erfahrung ein wertvoller Prüfstein für jede Philosophie ist.

Insgesamt: Liebe Leser, laßt Euch einfach Eure Begeisterung für moderne naturwissenschaftliche Forschung und für modernes Philosophieren nicht dadurch vermiesen, daß ihre öffentliche Vermittlung heute allzu oft in die Hände von Christen (sowie religiösen und atheistischen Globalisierern) gekommen ist. Noch einmal: Stellt diesen Umstand gelassen in Rechnung - - - und bleibt auf Seiten des gigantischen naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschrittes unserer Zeit.


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  1. "Ich bin vom Scheitel bis zur Sohle Protestant" - Harald Lesch im Interview,  08.01.2010, https://www.pro-medienmagazin.de/medien/fernsehen/2010/01/08/ich-bin-vom-scheitel-bis-zur-sohle-protestant-harald-lesch-im-interview/.
  2. MacDonald, Kevin: Eine Kultur der Kritik. 1998
  3. Philosophie und Allgemeines - Live-Fragen - 5 Jahre Urknall, Weltall und das Leben (35.882 Aufrufe, Stand: 26.5.2020), 02.02.2020, mit Harald Lesch, Josef M. Gaßner, Andreas Müller, Hartmut Zohm und Elmar Junker; auf Videokanal "Urknall, Weltall und das Leben" (182.000 Abonnenten, Stand 26.5.2020), https://youtu.be/42syIQD_PXk.

Sonntag, 24. Mai 2020

Ein Philosoph und ein Physiker

- Reden sie angemessen über das Wesen unseres Nichtwissens über das Universum?

Holm Tetens und Harald Lesch - Beide stellen den Umstand, daß in unserem Universum und in unserem Leben Nichtrationalität allgegenwärtig ist, in keiner Weise gründlich genug heraus, also als fundamentaler Ausgangspunkt aller Philosophie. Sie versuchen bei weitem nicht genügend, diesem Umstand gegenüber das Staunen wachzuerhalten - oder überhaupt erst einmal zu wecken. Dieses Staunen über die Größe unseres Nichtwissens ist aber der Ursprung aller Philosophie.

Wer den Fragestellungen des letzten Blogbeitrages weiter nachgehen möchte und diesbezüglich nach weitergehenden, ähnlichen Stellungnahmen zu ähnlichen argumentativen Schnittstellen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie sucht, der wird schnell feststellen, daß Äußerungen von Wissenschaftlern und Philosophen zu solchen Themen nur sehr selten so dicht wiederzufinden sind - wie sie sich in dem von uns behandelten Gespräch so überraschend gefunden haben.



Harald Lesch - Muß seine Art der Wissenschaftsvermittlung nicht auch Abwendung der Menschen von der Naturwissenschaft bewirken?


Warum ist das so? Harald Lesch beispielsweise äußert sich zum Thema Anthropisches Prinzip sachlich zwar vermutlich immer außerordentlich richtig, ja, sogar teilweise außerordentlich inspirierend. Aber er tut das oft - gegenüber Grundfragen der Existenz dieses Weltalls und des Menschen - auf eine so lapidare, fast wegwerfende, schnell darüber hingehende Weise ("... wissen wir nicht ..."), daß Staunen und daraus abgeleitetes Fragen über das Wesen dieses Nichtwissens zu Grundfragen des Seins dieses Weltalls und des Seins des Menschen selten genug diesen Fragen gegenüber angemessen aufkommen können. (1). Wann immer er sagt "Wissen wir nicht" oder "Das können wir uns nicht vorstellen", immer dann bewegt er sich im Bereich der nichtrationalen Seite der Wirklichkeit. Denn er spricht nur von seinem Wissen als Physiker. Und das Wissen der Physiker grenzt überall an Nichtrationalität. Überall. Was für ein außerordentlich faszinierender Umstand.

Zum Beispiel so gut wie alles das, über was Harald Lesch in dem hier eingestellten Video (1) ständig schnell und husch, husch drüber weg geht, all das könnte man ebenso gut auch besonders betont heraus stellen und unterstreichen und nachwirken lassen. (Statt - wie in 10:00 - so lapidar dahinzuplaudern, Gott habe - nach Augustinus - vor der Schaffung des Universums die Hölle geschaffen für all jene, die fragen, was Gott vor Schaffung des Universums getan habe. Das ist - eigentlich - eine maßlos blöde Auskunft. Sind solche Witzeleien solchen Fragen gegenüber angemessen? Natürlich darf man einmal scherzen. Aber wenn das der Grundtenor ist und bleibt - ?) Und dann würde sich zu dem Staunen darüber, was wir alles über unser Universum schon wissen, noch zusätzlich ein Staunen darüber einstellen können, was wir alles über dieses Universum nicht wissen und auch wie genau wir das, was wir nicht wissen, benennen, eingrenzen und charakterisieren können. An einigen Stellen können wir sogar schon Hinweise dazu zusammen tragen, ob wir hier prinzipiell etwas nicht wissen können oder ob in näherer oder weiterer Zukunft hier noch Nichtwissen in Wissen umgewandelt werden kann durch die astrophysikalische Forschung. Aber über all diese Dinge geht Harald Lesch - meistens - viel zu schnell, viel zu lapidar, viel zu "hessisch-"schnoddrig hinweg.

So wird nicht wirklich ein sinnvoller Austausch zwischen Naturwissenschaft und Philosophie möglich. Denn die Philosophie setzt ja überall dort erst ein, wo die Naturwissenschaft nicht mehr weiter kommt, womöglich sogar prinzipiell nicht mehr weiter kommt. Und insofern ist es die Aufgabe des Naturwissenschaftlers - im Gespräch mit Philosophen und in der Beantwortung von Grundfragen der Existenz unseres Universums - sowohl ein Staunen darüber zu wecken, was wir wissen - wie aber ebenso ein großes Staunen darüber - - - - was wir alles nicht wissen.

Wenn wir als ein anderes Beispiel für Wissenschaftsvermittlung etwa Hoimar von Ditfurth nehmen (2), so war es diesem eigentlich immer und betont wichtig, nicht nur gegenüber unserem Wissen Staunen zu vermitteln, sondern auch gegenüber unserem Nichtwissen. Oft ist aber schon unser Wissen selbst staunenswert genug, wie man anhand vieler Klassiker nachvollziehen kann (siehe etwa: 3).

Immerhin ab Minute 11:40 macht Lesch dann doch etwas deutlicher, von welcher Art unser Nichtwissen über das Universum sein könnte: "Wenn wir schon bei der Quantenmechanik nicht wirklich davon reden können, das wirklich zu verstehen ..." Zu der Feinabstimmung der vier Grundkräfte unseres Universums (Anthropisches Prinzip) sagt Lesch dann - wieder lapidar: "Das ist kompletter Zufall." Was für ein Unsinn. "Wenn man hier anfängt, ernsthaft zu spekulieren, dann betreibt man keine Naturwissenschaft mehr." Als würde Naturwissenschaft immer nur mit dem Zufall arbeiten. Und als wären seine eigenen, dann nachfolgenden, spekulativen Überlegungen Naturwissenschaft. Nein, hier ist Harald Lesch nicht vollständig redlich. Schade. Ab 14:11 fragt er dann (1):
"Wie könnte eine vernünftige, naturphilosophische Betrachtung der Entstehung des Universums aussehen? Und da wäre zum Beispiel der Begriff der Prozeß-Philosophie ganz hilfreich, daß man nämlich das Universum als einen Selbstorganisationsprozeß behandelt, der (...) immer wieder Neues schafft, weil es etwas ist, das dauernd mit sich selbst wechselwirkt. (...) Das Universum scheint etwas zu sein, was sich ständig gerne selbst erlebt und spürt. Aber das ist Metaphysik, keine Naturwissenschaft."
Nun, immerhin, da haben wir doch einmal eine möglichst wissenschaftsnahe Deutung für Philosophen, eine auch möglichst sparsame Deutung. Wobei "ständig" ja nicht wirklich stimmt. Das Universum hat sich - soweit es menschliches Bewußtsein hier auf dieser Erde betrifft - 14 Milliarden Jahre Zeit gelassen, um sich selbst zu erleben und zu spüren - nämlich in uns. Vorher gab es nichts - jedenfalls nichts uns Bekanntes - das das Universum spüren und erleben konnte (zumindest nicht bewußt spüren und und erleben konnte). So viel wird doch wohl gesagt werden können: Was das bewußte Erleben dieses Universums betrifft, daran scheint das Universum interessiert zu sein, aber es scheint in diesem Interesse doch in größtmöglichem Umfang erhaben zu sein über Raum und Zeit. Und womöglich ist es ja dabei auch erhaben über Kausalität. Denn das vermutlich wertvollste Erleben des Menschen trägt - wie die Kreativität des Universums selbst, wie subatomare Teilchen - Züge von Akausalität, von Spontaneität, von "Unbestimmtheit".

Was Harald Lesch dann ab 15:30 sagt, stimmt in der Allgemeinheit nicht. Die Naturwissenschaft läßt die Subjektivität des Menschen nicht außen vor. In der psychologischen Forschung geht sie ja gerade dieser Subjektivität nach, sie tat das auch schon in den verhaltensbiologischen und soziobiologischen Forschungen, die nach den evolutionären Wurzeln unseres subjektiven Erlebens fragen. Zum Beispiel Neugier kann man durchaus nicht nur quantitativ bestimmen, man kann ja sogar genetische Kausaltitäten für diese benennen ("Neugier-Gen" etc.). In jedem Fall gibt es hier naturwissenschaftliche Annäherungen auf viele Art. Und in dieser allgemeinen und undifferenzierten Art, darüber zu reden, liegt Lesch komplett falsch. Interessanterweise.

Vollkommen richtig dann wieder: "Die empirische Forschung verweist nur immer wieder erneut auf den Umstand, daß die Welt viel größer ist, als das, was wir erforschen können." Das ist doch immerhin einmal eine - wie man finden kann: wertvolle Aussage. Mit dieser können doch Philosophen arbeiten. Das, was hier "größer" ist, ist schlichtweg "nichtrational". Haben wir zu nichtrationalen Aspekten der Wirklichkeit wie "Größe" als Menschen keinen Zugang? Wirklich nicht? Ist ein Zugang zu diesen nichtrationalen Aspekten der Wirklichkeit nicht - Staunen? (Zum Beispiel.) Ist eine menschliche Fähigkeit wie "Staunen" kein Zugang zur real existierenden Wirklichkeit?

"Glaubenssysteme und empirische Forschungen können sich beide nicht selbst begründen," sagt Harald Lesch. Und dieser Umstand muß lapidarer Natur sein? Damit sagen wir: Plopp, Türe zu, Licht aus - ? Fängt hier nicht wertvolle menschliche Erlebniswelt erst an? Harald Lesch scheint sich mit dem Umstand, daß unser Universum - für die Ratio, für die Wissenschaft - insgesamt unverständlich ist, schon lange, lange zuvor abgefunden zu haben. Seine Art, darüber zu reden, ist sehr nüchtern und ernüchternd. Man möchte fast sagen, daß er in dieser Art, Wissenschaft zu vermitteln, eine Gefahr darstellt. Denn der Mensch im allgemeinen hat weitergehende Bedürfnisse als Harald Lesch sie selbst zu haben scheint. Wenn ihm aus der Wissenschaft heraus keine angemessenen Antworten gegeben werden auf diese seine Bedürfnisse, dann sucht er sie sich woanders. Etwa in "Wundergläubigkeit", in Esoterik und in jeder Art von Wahn. Will Lesch da nicht gegensteuern? So richtig engagiert scheint er diesbezüglich jedenfalls nicht bei der Sache zu sein. Sonst müßte er anders vorgehen.

Schließlich redet er - auch - wieder von der "friedlichen Koexistenz" von Glaube und Wissenschaft, eine "Koexistenz", die ja Holm Tetens und Jens Halfwassen so einigermaßen bemüht sind zu überwinden. Und das mit guten Argumenten. Deshalb waren wir ja darüber so begeistert. (Weitere Irrtümer, die Lesch dann vorträgt über die menschliche Subjektivität und ihre "Meßbarkeit" seien hier unbehandelt. Als Biologe, insbesondere auch als Verhaltensbiologe und Evolutionärer Psychologe hat man dazu dann doch noch vieles andere zu sagen, als was Lesch hier an Allgemein-Behauptungen viel zu undifferenziert vorträgt.) "Da ist nix zu holen" (19:00) - das ist das Alpha und Omega des Harald Lesch. Sprich: Die Naturwissenschaft lehrt Atheismus. Und - in friedlicher Koexistenz mit diesem wissenschaftlichen Atheismus - lehren die monotheistischen Religionen irgendetwas über Gott, woran - ebenfalls - niemand mehr wirklich glauben kann. (Zumal wenn es in abartigen, verbrecherischen Psychosekten stattfinden soll.)

Kant hat im übrigen keineswegs gesagt, daß wir auf die Sinnfragen keine Antworten bekommen werden (wie Lesch dann ausführt), sondern er hat die Grundlagen geschaffen und den Rahmen abgesteckt, auf denen und in dem philosophisch allein sinnvolle Antworten möglich sind. Der Unterschied gegenüber den platten Behauptungen von Lesch ist gewaltig. Vor einer solchartigen "Lesch-isierung" der Wissenschaftsvermittlung ist jedenfalls weiterhin hochgradig zu warnen. Kommen wir deshalb zu dem Philosophen Holm Tetens.

Holm Tetens - Er hat den atheistischen Mainstream "aufgemischt"


Holm Tetens hält sich - auf der anderen Seite - durchaus wacker in Erörterungen mit der atheistischen Mehrheitsmeinung in der heutigen Philosophie. Er sagt hierbei auch einiges über seinen persönlichen Weg vom Atheisten zum Gottgläubigen (2). Dadurch gewinnt man seinen Äußerungen noch ein etwas besseres Verständnis ab. Er wird sogar unter Philosophen vorgestellt als jemand, der den philosophischen Mainstream gewissermaßen "aufgemischt" habe durch sein Buch (3, 4). 

Aber auch bei dieser "Rationalen Theologie" des Holm Tetens wird einem irgendwann klar, daß sie nur ein erster Schritt ist, ein erster Schritt sein kann in die richtige Richtung (5). Sie beachtet allerdings viel zu oft noch viel zu einseitig das "rationale" "Argument". Sie betont noch viel zu wenig den riesen großen Bereich des Nichtrationalen wie er ebensowohl in der uns umgebenden Wirklichkeit zu finden ist (man höre Harald Lesch zu [1]) - noch auch wie er in unserer seelischen Innenwelt zu finden ist. Diesen riesen großen Bereich scheint uns Holm Tetens noch keineswegs genug zu beachten und diesen Bereich scheint er uns noch keineswegs genug auszuschreiten.

Denn worum es bei solchen Fragestellungen im Prinzip geht, ist doch, klar zu unterscheiden, daß es in unserer Welt, in unserem Universum einerseits klar und scharf umrissene, rational erfaßbare Wirklichkeitsbereiche gibt und andererseits Wirklichkeitsbereiche, die schlichtweg - und prinzipiell - nicht vollständig rational erfaßbar sind. Und diese letzteren Wirklichkeitsbereiche muß man doch keineswegs nur - wie gegenwärtig häufig heraus gestellt - in der Frage nach dem Wesen des menschlichen Bewußtseins und des menschlichen Geistes suchen (also in der sogenannten "Geist-Philosophie") - wie es als Meinung heute im philosophischen Mainstream vorherrscht (2, 3). Wobei auch hierbei selbst gar nicht die Vielfalt der menschlichen Erlebnisbereiche voll ausgeschritten werden, die eben das Erleben des Schönen, des Wahren und des Guten mit umfassen, ebenso wie das Erleben von Liebe und Haß, sowie von Elternliebe und Verantwortungsbewußtsein. All das sind ja schon längst Bereiche, die von den evolutionären Wissenschaften naturwissenschaftlich erforscht werden (nicht zuletzt auch von der Soziobiologie). Es gibt eine Evolutionsbiologie des Schönen, es gibt eine Evolutionsbiologie des Wahren, es gibt eine Evolutionsbiologie des Guten (der Tugenden, des Altruismus, der Verantwortungsbereitschaft), es gibt eine Evolutionsbiologie der Elternliebe.

Und spätestens seit der Evolutionären Erkenntnistheorie wissen wir doch: unsere rationale Weltauffassung stößt überall in der naturwissenschaftlichen Erkenntniswelt an ihre Grenzen: im subatomar Kleinen ebenso wie an den Grenzen des räumlich und zeitlich eingeordneten Universums, ebenso wie hinsichtlich der Ursprünge des Entstehens von Neuem im Universum (jeweils aus nicht vollständig rational erfaßbarem Chaos) (im Bereich der Komplexitätstheorie). Überall sehen wir, daß wir mit unserer rein rationalen Weltauffassung an Grenzen stoßen. 

Wir sehen: Es gibt einen Bereich unserer Wirklichkeit, der ist vollständig in Raum, Zeit und Kausalität eingeordnet. Und wir besitzen evolutionär entstandene Erkenntniswerkzeuge für diesen Bereich der Wirklichkeit. Und wir sehen andererseits riesen große Bereiche der Wirklichkeit, die sind nicht vollständig in Raum, Zeit und Kausalität eingeordnet. Ja, es muß vielmehr gesagt werden: Unsere gesamte Wirklichkeit ist - schon im subatomar Kleinen - von dieser nicht vollständig rational erfaßbaren Welt "durchdrungen" und überall, wo grundlegend Neues, Komplexes in diesem Weltall entsteht, kommt wieder ein nicht vollständig naturwissenschaftlich und rational beschreibbarer Aspekt des Werdens von Neuem hinzu.

Und auf der anderen Seite sehen wir zugleich auch, daß wesentlichste Bereiche des menschlichen Lebens ebenfalls nicht und niemals vollständig rational auszuschöpfen und zu beschreiben sind und sein werden. Es handelt sich hierbei um Bereiche der Musik, der Kunst, des Schönen, des Zwischenmenschlichen, Erlebniswelten der Liebe (und auch des Hasses). Selbst das Wesen des Wahren ist nicht vollständig rational zu erfassen, das Wesen des Guten ebenfalls nicht. Überall stößt unsere Ratio an Grenzen. Und insofern ist die Argumentationslage für jemanden, der wie Holm Tetens für einen Gottglauben argumentieren will, noch viel besser als das von seiner Seite aus bislang gesehen und dargestellt wird.

Dies muß letztlich sogar Harald Lesch eingestehen und man hört es zwangsläufig heraus, wenn man ihm genau zuhört. Lesch geht nur zumeist viel zu schnell und lapidar über all jene Bereiche der naturwissenschaftlichen Erkenntnis hinweg, in denen Anschauung und Begriff keine Übereinstimmung und damit keine wirklich vollständig rationale Erkenntnis liefern können. Im Grunde redet ein Vertreter der exaktesten Wissenschaft, die wir Menschen kennen, der Physik nämlich, ständig von Dingen, die nicht vollständig in Zeit, Raum und Kausalität eingeordnet sind. Und wenn sie in diese drei Kategorien eingeordnet sind, dann nicht selten in einer "Dimensionalität", für die wir womöglich zwar noch rationale Begriffe (aus der Mathematik) finden können, für die unsere evolutionär entstandene Ratio aber keinesfalls mehr irgendeine Anschauung mitliefern kann. (Und bekanntlich ist nach Kant eine Übereinstimmung von Anschauung und Begriff notwendig, wenn von wirklicher Erkenntnis die Rede sein soll.) Und diese "Nichterkenntnis" gilt schlußendlich für alle Zahlen und Begriffe, die das Universum im Ganzen beschreiben wollen nach zeitlichen und räumlichen Dimensionen ebenso wie nach Kausalzusammenhängen.

Deshalb ist die Argumentationslage für einen Gottglauben, der den nichtrationalen Bereich der Wirklichkeit ins Zentrum seines "Glaubens", ins Zentrum seiner Weltauffassung stellt, viel besser noch als das Tetens herausstellt und heraus arbeitet. Es ist vor allem auch zu fragen, ob dieser Gottglaube nicht sogar im Rahmen eines naturalistischen Weltbildes formuliert werden kann, ob es wirklich eines Dualismus bedarf - wie Holm Tetens meint (2) - ob man wirklich philosophischer "Idealist" werden muß (2) (wie er meint), um sich an die Berechtigung für einen Gottglauben bis an die Grenzen menschlicher Rationalität gehend rational annähern zu können. 

Was uns aber an den Äußerungen von Tetens gut gefällt, ist etwa seine Charakterisierungen der Antworten auf Sinnfragen des Menschen in diesem Universum wie sie gegeben werden von naturalistischen Hedonisten, von Transhumanisten, von naturalistischen Existentialisten und von naturalistischen "Quasi-Religiösen" (7) (Minute 16 bis 25). Wobei womöglich doch noch einmal zu fragen ist, ob man - angesichts der Größe des Nichtrationalen, das uns umgibt - nicht viel mehr recht hätte, statt von "quasi-religiösen Naturalisten" einfach von "religiösen Naturalisten" zu sprechen.*) An dieser Stelle wäre noch einmal genauer der Unterschied zwischen dem von Tetens vertretenen Idealismus und jenem Naturalismus auszuloten, der uns selbst als der angemessenste erscheint (6, 7): Warum Dualismus und Idealismus, wenn auch religiöser Naturalismus möglich ist?

Eines ist sicher. Das Mantra der Atheisten im Windschatten von Jürgen Habermas vom (10)
"postmetaphysischen Zeitalter, in dem die letzten Gründe, Ursachen und Prinzipen der Welt nicht mehr erkennbar sind",
dieses Mantra ist von einem ihrer angesehendsten Verkünder und Beter längst selbst als ein hohles erkannt worden, schreibt Jürgen Habermas doch in seinem letzten Buch:
"Die Vernunft würde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verkümmern. Die Abwehr dieser Entropie ist ein Punkt der Berührung des nachmetaphysischen Denkens mit dem religiösen Bewußtsein."
Sieh einer an. Da wird doch schlicht das "nachmetaphysische Zeitalter" selbst als ein Vorgang der Vergrößerung von Unordnung im Geitigen beschrieben - denn anders ist der Begriff Entropie hier gar nicht zu verstehen. Aber auch wenn man mehrere hundert Seiten über Philosophiegeschichte schreibt als Schlußfolgerung aus diesem Gedanken, muß das Ergebnis eines solchen Atheisten nicht besonders reichhaltig sein (10). Deshalb ist uns längst ein Philosoph wie Holm Tetens viel lieber als Leute, die den metaphysischen Gehalt dieses Universums zerreden, um ihn dann mit Päpsten wieder herein zu holen.

*) Als Prototyp für einen quasi-religiösen Naturalisten führt Tetens des durchaus gehaltvollen, Lebenskunst-Philosophen Wilhelm Schmid (geb. 1953) (Wiki) an, der in Büchern wie "Dem Leben Sinn geben" manches Wertvolle zu sagen hat (14). Übrigens leitet Tetens seine Aufzählung der vier Prototypen naturalistischer Welthaltung ein mit einer Aussage des Philosophen Franz von Kutschera (geb. 1934) (11, S. 130):
Wird der Anspruch auf einen größeren Sinn als unverzichtbar erfahren, so führt diese immanente Konzeption der Wirklichkeit zu einer tragischen Sicht des Menschen und seiner Existenz. Eine Anpassung der existentiellen Anliegen an die anerkannten Fakten ist dann unmöglich, beide stehen in einem unauflösbaren Konflikt miteinander. Der Mensch erscheint als eine tragische Fehlkonstruktion der Natur: Zufall und Notwendigkeit haben mit ihm ein Wesen produziert, das den Bedingungen seiner Existenz nur biologisch, nicht aber geistig angepaßt ist. Er ist das einzige Lebewesen, das sich seiner selbst bewußt ist, aber an diesem Bewußtsein leidet er, da es ihn mit seiner Endlichkeit, Vergänglichkeit und Abhängigkeit konfrontiert. (...) Gedanklich suchen wir uns von unseren animalischen Lebensbedingungen zu lösen und bleiben ihnen doch verhaftet. Unsere geistigen geistigen Anliegen passen nicht zu unserer physischen Natur und finden keinen Halt in der Realität.
_________________
  1. Harald Lesch: Wie entsteht das ETWAS aus dem NICHTS ? Videokanal von Gerhard Huber (1440 Abonnenten) 14.3.2014 (599.930 Aufrufe), https://youtu.be/9CsUEfYFVI8. 
  2. Ditfurth, Hoimar von: Am Anfang war der Wasserstoff.
  3. Weinberg, Steven: Die ersten drei Minuten.
  4. Die Gretchenfrage - Hübl und Tetens streiten über Gott | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur (378.121 Aufrufe) 12.10.2015, https://youtu.be/LN0QlfOMRpg.
  5. Podiumsdiskussion: Wie und wann kommt der Geist in die Natur? (434 Aufrufe), 17.09.2018, Video-Kanal von Anne Thaeder (5 Abonnenten), https://youtu.be/bM6RysRyLV4. 
  6. Tetens, Holm: Gott denken. Ein Versuch über Rationale Theologie. Reclam, Stuttgart 2015
  7. "Mensch und Gott" - Prof. Holm Tetens - Am Puls der Zeit 2019 (706 Aufrufe), 19.01.2020. Videokanal der Neupfarrkirche Regensburg (2 Abonnenten) https://youtu.be/PrAMoyRQhRM.
  8. Leupold, Hermin: Warum ist das Weltall so, wie es ist? Das Anthropische Prinzip der Kosmologie und seine philosophische Bedeutung. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 62 (1990), S. 1-19
  9. Leupold, Hermin: Antworten auf Grundfragen zur menschlichen und kosmischen Existenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 71, Januar 1991, S. 1-4, https://fuerkultur.blogspot.com/2017/06/antworten-auf-grundfragen-zur.html.
  10. Jörg Später: Auf der Suche nach den Spuren der Vernunft - Rezension von J. Habermas' Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (2019), 17.11.2019, https://www.deutschlandfunk.de/juergen-habermas-auch-eine-geschichte-der-philosophie-auf.700.de.html.
  11. Kutschera, Franz von: Die großen Fragen: Philosophisch-theologische Gedanken. de Gruyter, Berlin, New York 2000, 2012 (GB)
  12. Wilhelm Schmid: Dem Leben Sinn geben. Haus des Buches, Leipzig 29.1.2014, https://www.thomasius-club.de/wilhelm-schmid-dem-leben-sinn-geben/

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