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Sonntag, 9. Januar 2022

Requiem - Von Rainer Maria Rilke

Eine Dichtung, die von Handwerkern und Bauleuten handelt

Die Einsicht ist nicht leicht anzuerkennen, daß wir in Ausnahmezeiten leben, in denen die Wahrscheinlichkeit, glücklich sein zu können, nicht gerade groß ist, in denen also eher das Schopenhauer-Wort gelten könnte "Ein glückliches Leben ist unmöglich: Das Höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein heroischer Lebenslauf." Und in denen das Rilke-Wort gilt: "Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles."

"Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles." - ? Woher kommt dieses nicht selten angeführte Rilke-Wort eigentlich? Wir finden: Es sind die letzten Worte eines sehr langen Gedichtes, benannt "Requiem" (1). Um dieses soll es im vorliegenden Beitrag gehen.

Abb. 1: Das Gedicht "Requiem" - Es wurde gemeinsam mit zwei anderen Dichtungen 1919 das erste mal veröffentlicht

Im Jahr 1908 ist es entstanden, kurz nachdem die nachgelassenen Gedichte eines jungen Dichters erschienen waren, der sich zwei Jahre zuvor, mit nur 19 Jahren das Leben genommen hatte, nämlich Wolf Graf von Kalckreuth (1887-1906) (Wiki) (2).

Rilke wußte um den Wert der Dichtungen des Wolf von Kalckreuth. 16 Jahre später noch, als es darum ging, daß eine Sammlung deutscher Sonette heraus gegeben werden sollte*) und Rilke um Erlaubnis des Nachdrucks einiger seiner Sonette gebeten wurde, gab er die gewünschte Zustimmung, wies zugleich aber auch auf die Gedichte von Kalckreuth's hin (4, S. 876f):

Es sind außerordentlich schöne Sonette darunter .... Diese Frühvollendeten, die man so rasch vergißt, wären ja, mehr als andere, am Platz in einer solchen Auswahl.

Es sollen im folgenden nur ausschnitthaft einige Auszüge aus dieser längeren Dichtung "Requiem" gebracht werden. Nach zwei längeren, einleitenden Absätzen springt der nächste Absatz den Leser an mit den Worten:

O dieser Schlag, wie geht er durch das Weltall, 
wenn irgendwo vom harten scharfen Zugwind 
der Ungeduld ein Offenes ins Schloß fällt. 

Schon diese wenigen Worte lassen verstummen. - Ein Offenes ist ins Schloß gefallen als ein junger Dichter den Freitod gewählt hatte. Wie viel Offenes fällt überhaupt ins Schloß in diesem Weltall? - Der danach folgende Absatz springt den Leser erneut an, und zwar mit den Worten: "Daß du zerstört hast". Diese werden einige Zeilen später erneut aufgegriffen:

Daß du zerstört hast. Blöcke lagen da, 
und in der Luft um sie war schon der Rhythmus 
von einem Bauwerk, kaum mehr zu verhalten; 
du gingst herum und sahst nicht ihre Ordnung ...

Dieser Vorwurf - an einen Menschen, der längst tot ist. So darf nur jemand sprechen, der dem Tod selbst ins Auge gesprochen hat und in seinem Angesicht eine scharfe, entschiedene Entscheidung getroffen hat: Weiter zu leben. Da es Werte gibt, um deretwillen gelebt werden kann. Sollte.

Zu wehleidig beim Dichten

Rilke sucht nach den Ursachen, fragt nach Auswegen:

                                       ... wäre einer, der 
beschäftigt war, im Innersten beschäftigt, 
dir still begegnet, da du stumm hinausgingst, 
die Tat zu tun -; ja hätte nur dein Weg 
vorbeigeführt an einer wachen Werkstatt, 
wo Männer hämmern, wo der Tag sich schlicht 
verwirklicht ...

Was für Worte. Was für wunderschöne Worte. Wir können es nicht anders sagen. - Rilke bringt dann zum Ausdruck, daß viele Dichter beim Dichten zu wehleidig wären ...

... statt hart sich in die Worte zu verwandeln, 
wie sich der Steinmetz einer Kathedrale 
verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut. 

Rilke ist oft auf das Thema künstlerisches Schaffen und die Bedrohungen desselben zurück gekommen. Oft. 1899 beispielsweise hatte der allseits verehrte Tolstoi eine Schrift herausgegeben "Über moderne Kunst". Tolstoi hatte in dieser einem Pessimismus in Bezug auf die Bedeutung des Schaffens von Kunst und Kultur Ausdruck gegeben, der am Ende sogar in die völlige Ablehnung künstlerischen Schaffens mündete, der am Ende nicht davor zurück scheute, sogar der Musik Beethovens mit Ablehnung gegenüber zu stehen.

"Blöcke lagen da ..."               ²)

Es war diese Schrift eine andere Art von Selbstmord künstlerischen Schaffens. So hat es Rilke gesehen. 1924 nannte sie Rilke "die schmähliche und törichte Broschüre" (6).**) Verkörpert Rilke nicht jene heroische Lebenshaltung, die Schopenhauer gefordert hatte? Beim Lesen seiner Zeilen werden wir erinnert auch an ein anderes Bild eines anderen Dichters, nämlich an Hölderlin's "Dichtermut" ...

... Wenn die Woge denn auch einen der Mutigen,
      Wo er getreulich getraut, schmeichelnd hinunterzieht,
        Und die Stimme des Sängers
          Nun in blauender Halle schweigt ...   

Erneut also ist da von den Gefahren des künstlerischen Schaffens die Rede. Hölderlin:

... Freudig starb er und noch klagen die Einsamen,
     Seine Haine, den Fall ihres Geliebtesten;
       Öfters tönet der Jungfrau
         Vom Gezweige sein freundlich Lied.
 
Wenn des Abends vorbei Einer der Unsern kommt,
  Wo der Bruder ihm sank, denket er manches wohl
    An der warnenden Stelle,
      Schweigt und gehet gerüsteter.

Hatte nicht zu Hölderlins Zeiten Heinrich von Kleist sich das Leben genommen? Ein Tod, der damals schon in Dichterkreisen so viel Ergriffenheit auslöste? In Berlin, am Wannsee? "An warnender Stelle", wo schon so mancher "schwieg" und "ging, gerüsteter"? 

"Wo Männer hämmern"

Zurück zur Dichtung "Requiem", wo Rilke spricht von einem Blick "in Werkstätten, wo Männer hämmern":

Dies war die Rettung. Hättest du nur ein Mal 
gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht 
und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird 
und nichts als Bild ....

Schicksal soll Bild werden und nicht zu voreilig zu Taten hinreißen. Bild, in solche Worte gefaßt wie jene, mit denen Rilke diese Dichtung begonnen hatte:

                                        ... Mir ist das Herz
so schwer von dir wie von zu schwerem Anfang,
den man hinausschiebt. ...

Nun nur noch die Schlußzeilen:

Die großen Worte aus den Zeiten, da 
Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns. 
Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles. 

Das hier behandelte Gedicht von Rilke ist 1908 in Paris entstanden. Es war das in einer Zeit, in der er - neben der Werkstatt Rodin's - als dessen Sekretär arbeitete, neben einer Werkstatt also, wo tatsächlich "Blöcke" lagen.

"Werkleute sind wir"

Hören wir in diesem Bild von Werkstätten und Hämmern nicht auch noch anderen Worten hinterher, jenen Worten von .... "Werkleute sind wir ...." - ? Überraschung - auch diese stammen von Rilke. Sie sind schon 1899 entstanden:

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.
 
Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte, 
die strahlend und als ob sie Alles wüßte
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.
 
Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.
 
Gott, du bist groß
 
"... deine kommenden Konturen dämmern ..." ³)

Nachbemerkung: Noch dichter ist der Inhalt der Dichtung "Requiem" vielleicht gefaßt in den Zeilen:

                  ... wär in deinem vollen Blick
nur so viel Raum gewesen, daß das Abbild
von einem Käfer, der sich müht, hineinging.


_________

*) Es handelte sich um den Hölderlin- und Goethe-Forscher Karl Viëtor (1892-1951) (Wiki) (3), der 1924 gerade seine Habilitation über die Geschichte der deutschen Ode beendet hatte. Er schrieb an Rilke, um die Erlaubnis für einen Nachdruck von Sonetten Rilke's zu erlangen. Rilke gab diese Erlaubnis, wies zugleich aber - und wie wir meinen: sehr vornehm - mit den zitierten Worten auf diese nachgelassenen Gedichte des Wolf von Kalckreuth hin. 1926 ist die Anthologie dann erschienen (5).
**) Tolstoi's Schrift "Über moderne Kunst" von 1899 lag ihm offenbar viele Jahre lang quer im Magen. Dieser Umstand stand auch im Hintergrund seiner beiden persönlichen Begegnungen mit Tolstoi in den Jahren 1899 und 1900. Erst 1924, nachdem er seine eigenen "Duineser Elegien" geschaffen hatte, sein Hauptwerk, konnte er so klare Worte über Tolstoi's Schrift finden ("die schmähliche und törichte Broschüre") (6).
 
 ___________
 
²) Blick in den Innenhof der Dombauhütte des Kölner Doms (Wiki) (Symboldbild)
³) Nordturm des Kölner Domes mit Gerüst (Wiki) (Symboldbild)

___________________

  1. Rilke, Rainer Maria: Requiem. Insel-Verlag 1919, https://de.wikisource.org/wiki/Requiem_(Rainer_Maria_Rilke):Seite_25 (auch: Rilke.de)
  2. Wolf Graf von Kalckreuth: Gedichte. Insel-Verlag, Leipzig 1908,  https://www.projekt-gutenberg.org/kalckreu/gedichte/motto.html
  3. Zelle, Carsten, "Viëtor, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 802-803 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117416002.html#ndbcontent 
  4. Schnack, Ingeborg: Rilke-Chronik. Rainer Maria Rilke - Chronik seines Lebens und seines Werkes 1875-1926, Insel-Verlag, Frankfurt/M. 2009
  5. Deutsche Sonette aus vier Jahrhunderten. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Karl Viëtor, Euphorion Verlag, Berlin 1926
  6. "Meine geheimnisvolle Heimat" - Rilke und Rußland. Hrsg. von Thomas Schmidt. Insel Taschenbuch 2020

Donnerstag, 20. September 2018

"Hegel und die Pathologien der Moderne - Oder: Das Ende des Geistes im Anthropozän"

Eine sehr grundlegende Fragestellung mit weitem Fragehorizont

Was für ein Titel: "Hegel und die Pathologien der Moderne - oder: Das Ende des Geistes im Anthropozän". So ist ein neuer Aufsatz benannt, erschienen in der Zeitschrift "History & Theory - Studies in the Philosophy of History" (1). Was für fundamentale und grundlegende Gedanken sind da schon im Titel angesprochen, welche grundlegenden Phänomene lassen sich da vor dem Hintergrund des Hegel'schen Philosophierens erörtern. Zum Begriff Anthropozän siehe Wikipedia (Wiki).

Abb.: Georg Friedrich Wilhelm Hegel

Der Aufsatz dreht sich um die weltweite ökologische Krise, um den Klimawandel und um die "Selbstregulierung", "Selbstkorrektur" des freien, selbstverantwortlichen menschlichen Geistes in Antwort auf diese Krise, bzw. er dreht sich um die Frage, ob der freien menschliche Geist zu einer solchen Selbstkorrektur überhaupt noch fähig ist.

Nun, die hier behandelte Fragestellung kann in dieser fundamentalen und tiefgehenden Weise auch auf die kulturelle Krise der Menschheit ganz allgemein ausgedehnt werden. Auch bezüglich der letzteren ist es doch - und mit noch viel mehr Berechtigung - möglich und sinnvoll, von einem "Ende des Geistes", des Geistes an sich, im "Anthropozän" zu sprechen. Es handelt sich hierbei um einen Umstand, den die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966), die hundert Jahre nach Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) lebte, mit dem Begriff von der "Todesnot des Gottesbewußtseins auf unserer Erde" benannte, eine Todesnot, die ebenfalls umfangreichste gesellschaftliche Pathologien in der Moderne nach sich ziehen würde, bzw. mit diesen Pathologien einhergehen würde.

Und tatsächlich ist die Frage unbeantwortet: Wie kommt es zu einer Selbstkorrektur des menschlichen Geistes im Angesicht dieser unglaublich weitreichenden gesellschaftlichen Pathologien? Der Aufsatz scheint aber über viele Seiten hinweg nur die Frage selbst in immer neuen Varianten zu stellen, etwa wenn es heißt (1):
"Trotz des Selbstkorrektur-Potentials der Moderne kann dasselbe verkümmern, weil seine belebenden Prinzipien - wie jede andere Kultur - naturalisiert werden als Gewohnheiten und Gebräuche. Wenn die belebenden Normen der Gestalt dieses Geistes in Dissonanz stehen mit den Notwendigkeiten der Gegenwart, werden sie ebenfalls kollabieren."
Original: "Despite modernity’s self-correcting potential, it can atrophy, because its animating principles, as with any other culture, become naturalized as habits and customs. If the animating norms of this shape of spirit are dissonant with the needs of the present, it too will collapse."
Und es wird in dem Aufsatz gefragt (1, S. 375),
"ob die Moderne den natürlichen Kreislauf von Fortschritt und Niedergang, durch den er (Hegel) den Fortgang der Weltgeschichte beschreibt, entkommen kann."
Original: "of whether modernity can escape the natural cycle of progress and decline by which he describes the movement of world history."
Es wird ausgeführt, daß Hegel postuliert, daß die Hochkulturen der Welt jeweils vier Phasen durchlaufen (1, S. 373):
"Entwicklung, Bildung, Überbildung, Verbildung"
Soweit so gut. Aber nachdem die Frage gestellt ist und erste Überlegungen angestellt sind, tut sich Ratlosigkeit auf. Natürlich stand Hegel noch nicht vor der Dringlichkeit der hier eröffneten Fragestellung so wie wir heute vor einer solchen stehen. Mit entwicklungsmäßigem Niedergang, Entfremdung, Vernichtung als Voraussetzung für Neues hat Hegel es ja immer wieder in seinem Philosophieren zu tun. Er beschreibt ja alles weltgeschichtliche und individuelle Zu-sich-selbst kommen als einen dialektischen Prozeß. Und offensichtlich stehen wir heute wieder an dem Übergang zu einem neuen Zeitalter, einem Übergang, der durch Züge des Katastrophalen, der Zerstörung, der Entfremdung bestimmt ist. Wo kündigt sich nun in dieser allgemeinen Zerstörung jene Verheißung aus der "Seherin Gesicht" in der "Edda" an (Gutbg):
"Auftauchen sehe ich zum anderen male ..."
__________________________________________
  1. Lumbsden, Simon: Hegel and Pathologized Modernity, or: The Ende of Spirit in the Anthropocene. In: History & Theory, Volume 57, Issue 3, September 2018, S. 371-389, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/hith.12070
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropoz%C3%A4n

Mittwoch, 1. März 2017

Die kalte Ratio und die vernunftmäßige Aufklärung können die modernen Gesellschaften allein nicht retten

Die nichtrationale Seite der Wirklichkeit und ihre Erfahrung über das "Werterleben" muß nach und nach in den Mittelpunkt aller Bemühungen innerhalb der alternativen Öffentlichkeit gestellt werden. Über ihr Wesen muß nach und nach intensiver nachgedacht werden als bisher, es muß endlich der Anfang damit gemacht werden, daß sie und ihr Wesen und ihre Ausdrucksformen erörtert werden.

In den letzten Tagen hatten wir einen Austausch mit einem befreundeten Blogger innerhalb der alternativen Öffentlichkeit.*) Aus diesem Austausch sollen im folgenden die wesentlicheren Gedanken gebracht werden, die in ihm von unserer Seite aus vorgebracht wurden. Oftmals fällt es leichter, in Rede und Widerrede die eigentlich wichtigen Dinge zu erörtern, als nur aus der eigenen inneren Kontemplation und Besinnung heraus.

/ Zu unserem Artikel hier ist noch gestern gleich auch eine Antwort veröffentlicht worden (Filmdenken). Dazu im abschließenden Abschnitt dieses Artikels noch einige Ausführungen./

Fangen wir also an:

Es ist eine klare Unterscheidung zu treffen zwischen Vernunft-Erkenntnissen, wie sie in der Wissenschaft im Allgemeinen und auch im Alltags- und Berufsleben im Vordergrund stehen auf der einen Seite und dem seelischen Erleben und der daraus gewonnen "Gotterkenntnis" wie das durch die Philosophie benannt wird (Mathilde Ludendorff) auf der anderen Seite. Man kann der Meinung sein, daß es unübersehbar ist, daß unser Volk oder die Völker der Nordhalbkugel so klug, intelligent und aufgeklärt sein mögen wie immer sie wollen und wie immer man das wünschen mag: Wenn nicht der moralische Wille vorhanden ist, als moderne Wissensgesellschaft zu überleben, wenn nicht der aus dem seelischen Erleben geborene Zorn vorhanden ist, wenn nicht die sittliche Reife vorhanden ist - und das sind alles Dinge, die nicht vornehmlich in der Vernunft wurzeln und geboren werden, sondern eben im seelischen Erleben - wenn wir nicht jeder von uns eine einheitliche, in sich geschlossene Persönlichkeit werden, eine unbeugsame, dann wird alle noch so wertvolle, bloß rationale Aufklärung nichts helfen.

Die kalte Ratio allein kann nicht die Retterin moderner Gesellschaften sein

"Volksschöpfung" wie Erich Ludendorff das genannt hat, besteht immer aus zwei Dingen: 1. aus der Vernunft-Erkenntnis, der Aufklärung, 2. aus der "Gott-Erkenntnis", dem Schaffen einer Einheit im kulturellen, weltanschaulichen Bereich, dort wo Moral geformt wird, wo die sittliche Haltung von Einzelmenschen und ganzen Völkern geformt werden. Und auf letzteres zielte Erich Ludendorff, zielten beide Ludendorffs vor allem und in letzter Instanz. Sie waren um die Zahl der Anhänger und Abonnenten nicht in erster Linie besorgt. Sie waren darum besorgt, daß die inhaltliche Linie tadellos ist. Das war die erste Priorität. Soweit man sehen kann, sehen sich heute noch die meisten politischen Aufklärer bislang nicht in erster Linie als ein "moral entrepreneur" (wie das in der Wissenschaft einmal benannt wurde) oder anders ausgedrückt als ein Kulturrevolutionär.

Abb.: Der moderne Mensch in seiner Angefochtenheit
Vincent van Gogh, Selbstbildnis, Paris 1887

Aber die meisten großen politischen Bewegungen der Vergangenheit waren zugleich kulturelle Bewegungen, haben die moralischen Grundlagen der Gesellschaft geändert oder versucht, das zu tun. Hierfür gibt es innerhalb der alternativen Öffentlichkeit soweit übersehbar, nur wenige Ansätze, nur wenig "Gespür", daß hier ein weites Feld des Nachdenkens, der Erörterung überhaupt offen steht. Und hier steht wie ein alternativloser Monolith im Raum der gewonnene Stand der Philosophie im 20. Jahrhundert (Mathilde Ludendorff), der alles das bietet, was fehlt.

Man mag zum Beispiel die isländischen Sagas des Mittelalters lesen (1). Sie gehören zur Weltliteratur (Wiki). Und in ihnen findet man viele Aspekte des Menschentypus der Zukunft. Der vormittelalterliche Mensch, der nicht so in sich gespalten war wie der mittelalterliche Mensch, der in sich geschlossene, einheitliche Mensch, der aus einer großen Einheit, aus einem großen, in sich geschlossenen moralischen Wollen heraus gehandelt hat. Da wollte Erich Ludendorff hin. Und diesbezüglich ist alles bloße "Vernünfteln" ziemlich zweitrangig. Es ist gar nicht einfach, diese Einheit im Menschlichen wieder zugewinnen. Aber Vernunft-Konstruktionen helfen bei einer solchen Art von Volksschöpfung für sich genommen nicht weiter.

Nun kann man den Begriff "sittliche Reife" ja gerne auch einen "abstrakten Begriff" nennen. Aber will man etwa sagen, daß das Wesen der Kultur durch die Vernunft zu erfassen ist? Also das Wesen des Schönen (was ist das: schön?), das Wesen des Wahren, das Wesen des Guten? Das Wesen, der Gehalt von auf das Wesentliche gerichteter Liebe und von entsprechendem Haß? Kommt man dem Wesen des Wahren zum Beispiel schon allein mit der Forderung nahe und schöpft es vollständig aus, wenn man sagt, es dürfe nicht gelogen werden?

Man mag philosophisch keine großen Interessen haben. Man könnte aber der Meinung sein, daß jemand, dem es so angelegen ist, der Welt und der Menschheit zu einem besseren Zustand zu verhelfen - wie das für viele Autoren in der alternativen Öffentlichkeit gelten mag -, daß sie sich doch wenigstens ein annähernd richtiges Bild davon verschaffen sollten, was - zum Beispiel - einem Immanuel Kant Anliegen war, als er "Die Kritik der reinen Vernunft" schrieb und was den Philosophen des Deutschen Idealismus Anliegen war. Ging es dem Philosophen Fichte in seinen "Reden an die deutsche Nation" bloß um einen "abstrakten Begriff" von Sittlichkeit und Moral und Charakter? Hat er nur "aus dem Bauch heraus" argumentiert?

Gibt es nichts Wesentliches und Wertvolles, was durch die Vernunft nicht erfaßt werden kann?

Gibt es nichts Wesentliches und Wertvolles, was durch die Vernunft nicht erfaßt werden kann? All das halte ich für grundlegende Fragen. Ebenso zum Beispiel die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Wer hat auf solche Fragen eine Antwort? Und kann die Antwort auf solche Fragen wesenhaft eine Vernunft-Antwort sein?

In der derzeit am besten bewerteten Amazon-Rezension zu Rüdiger Safranski's Schiller-Biographie heißt es:

Schillers Werke sind nämlich keineswegs von vorgestern, sondern sie haben nach wie vor eine hohe Aktualität und jeder, der sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sollte seine Kunstphilosophie kennen. Nicht umsonst heißt es in Schillers letztem vollendeten Werk, dem szenischen Gedicht "Die Huldigung der Künste":
Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke,
Frei schwing ich mich durch alle Räume fort,
Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke,
Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort,
vor allem aber "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Über die ästhetische Erziehung des Menschen)." 

Und mit diesem Zitat soll gesagt sein: Das niedrige intellektuelle Niveau der heutigen Deutschen beklagen und einen deutschen Dichter und Denker wie Friedrich Schiller als "unmodern" bezeichnen, das paßt keineswegs zusammen. Niemand wird Deutschland retten können, niemand, der sich nicht zu Friedrich Schiller in seiner ganzen Bandbreite bekennt. Ich halte es für Niveaulosigkeit sondergleichen, Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts als solche und nur weil sie solche sind, schon abzuwerten. Was ist denn das für eine Ehrfurchtslosigkeit vor den großen kulturellen Überlieferungen unseres Volkes? Dafür habe ich keinerlei Verständnis und sage mit Schiller:

Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen.

Also, kulturelles deutsche Bildungsideal ist es, seinem Jahrhundert fremd zu sein. Weil man um bessere Jahrhunderte weiß. Warum soll eine solche These in irgendeiner Form "unmodern" sein oder unpassend in welchem Diskurs auch immer? Was soll das!? Auf dem 19. Jahrhundert oder überhaupt auf irgendeinem Jahrhundert was dessen geistige, kulturelle Leistungen betrifft, herumzureiten - ?

Sind die deutschen Dichter und Philosophen des 19. Jahrhunderts - "unmodern"?

Könnte es sein, daß sich mancher Mitautor in der alternativen Öffentlichkeit, wenn man ihn auf Herz und Nieren prüft, als ein kulturloser Barbar herausstellt? Kulturlosigkeit durch die akademische "Kultur der Kritik" des 20. Jahrhunderts (um einmal einen Buchtitel von Kevin MacDonald zu zitieren)? Auf vielen Blogs findet man allein nur den Namen Friedrich Schiller kein einziges mal genannt. Aber sehr häufig Namen der "westlichen" Popkultur des 20. Jahrhunderts (in der Regel der Zeit nach 1945). Und jetzt werden einem diese vielen Blogautoren sicher auch erklären (können), warum es so viel wertvoller und wesentlicher ist, sich mit Personen der Popkultur oder Schauspielern zu beschäftigen als mit Friedrich Schiller. Aber dann kann man dazu nur noch eines sagen: Dann handelt man wie ein kulturloser Barbar.

Es sollte einen wundern, wenn man dann der erste wäre, der darauf überhaupt nur aufmerksam wird. Aber einer muß ja mal die Aufmerksamkeit auf alle diese Dinge richten.

Es ist ganz unglaublich, welche Antworten man mitunter auf die oben gestellten Fragen erhält, etwa auf die Frage danach, ob es etwas gibt, das nicht durch die Ratio erfaßt werden könne. Solche Antworten können mitunter so grotesk platt, ungebildet und geschichtslos geurteilt klingen, dass es geradezu kracht. Aber man versteht schon. Die parawissenschaftlichen Propagandalehren der "Kultur der Kritik" des 20. Jahrhunderts entstanden ja sicherlich aus dem Bemühen und der Tendenz heraus, den modernen Medienkonsum jeder Kultur zu berauben. Und dann kommt barbarische Kulturlosigkeit dabei heraus.

Ihr Autoren der alternativen Öffentlichkeit! Zieht Euch doch einmal etwas an. Beschäftigt Euch doch nicht immer nur mit - Krimis. Sei es ausgedachten oder Krimis der Wirklichkeit. Ohne Kultur stehen wir ganz nackt da. Goethe findet man auf einem dieser Blogs einmal erwähnt in dem Tenor, dass man sich auf Goethe und Fußball einigen könne als Minimalkonsens einer Gesellschaft. Sonst fällt der Name Goethe in vielen Jahren nicht ein einziges mal. Da stehen also Goethe und Fußball auf einer Ebene. Auch auf unserem eigenen Blog hier fallen solche Namen verzweifelt wenig. Und man kann doch zu der Meinung kommen, dass hier etwas übel im Argen liegt. Und dass einem das spät genug auffällt.

Meine Frage ist nicht, was heute Zustand ist und was heute - aufgrund von Machtverhältnissen und aus manipulativer Absicht heraus - für Kinos, Theater und für die Musikbeschallung der Massen produziert wird. Sondern wo der Bereich ist, aus dem heraus eine Erneuerung einer Gesellschaft allein bewerkstelligt werden kann. Und ich sage und behaupte und verteidige, dass dieser Bereich im Wesentlichen ein Bereich jenseits der Ratio ist, und dass es als Kulturrevolutionär notwendig ist, sich zu befähigen, über diesen Bereich Aussagen zu treffen. Die Ratio allein rettet uns nicht. Weil der Mensch nicht allein von der Ratio lebt. Weil der Mensch überall dort, wo er zutiefst Mensch ist, eben nicht die Ratio in den Vordergrund stellt.

Ein Sonnenuntergang ist durch Vernunft und Vernünfteln nicht adäquat zu erfassen. Mit Hilfe der Ratio kann der Naturwissenschaftler nur erklären, wie er physisch entsteht (Brechung von Lichtstrahlen durch Luftschichten, etc.). Über den ästhetischen Gehalt eines Sonnenuntergangs hat er mit dieser nüchternen ,rationalen Erklärung noch gar nichts gesagt. Gar nichts. In einem frühen Blogbeitrag zitierten wir einmal ein Nietzsche-Zitat (das von Peter Sloterdijk gebracht worden war):

"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht."

Sehnsucht ist kein rationales Konzept. Und zu einem Konzept wie Sehnsucht weiß vermutlich keiner der vielen, von manchem zitierten Theoretiker der Postmoderne und der "Kultur der Kritik" irgendetwas Gehaltvolles zu sagen, wenn es über Dinge wie "Bedürfnisbefriedigung" und "Sehnsüchte der Massen" hinausgehen sollte. Um nur einmal einen Aspekt zu nennen.

"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht"

Und in der Tat: es gibt unter den Philosophen und Denkern des 20. Jahrhunderts nur wenige, die gültig über die nichtrationale Seite der Wirklichkeit sprechen können. Deshalb ist über diese wenigen zu sprechen. Man hört sich ja gerne Alternativen zu diesen wenigen an. Es sind eben nur wenige bekannt. Wenn man weitere kennen lernen könnte, würde man sich darüber freuen. Dieter Henrich ist mit all seinen Hölderlin-Deutungen nicht schlecht. Sigrid Hunke ist mit "Europas andere Religion" nicht schlecht. Es gibt vieles, was den Stand der Philosophie des 20. Jahrhunderts, wie er durch Mathilde Ludendorff repräsentiert wird, ergänzt. Ersetzen kann diesen Stand kein weiterer Autor. Das möchten wir hier postulieren, nachdem wir uns lange genug im Reiche des Geistes umgetan haben.

Wer Kulturlosigkeit benennt und kritisiert, muss Alternativen kennen und benennen. Warum sonst alles nur zynisch benennen und kritisieren? Das wird mit der Zeit dumm und dumpf. Man will doch irgendwo hin mit seiner Kritik. Man will doch durch Kritik Platz schaffen für Besseres. Also muss das Bessere auch positiv benannt werden. Und ich will auch exakt den Grund nennen, warum es benannt werden muss: Weil wir ohne Wurzeln im Metaphysischen ständig weiter manipuliert werden und manipulierbar bleiben. Weil damit die Manipulation begann. Dass man uns aus dem Metaphysischen heraus riß. 

Wenn ich einen Weg aufzeigen will weg von der Manipulation, muß ich einen Weg aufzeigen hin zum Metaphysischen. Dort allein ist jene Kraft, die zu vielen Arten von Aushalten und Durchhalten befähigt, die den notwendigen "langen Atem" verleiht. Denn mit schnellen Erfolgen rechnete doch (und auch das nur bis vor wenigen Monaten) nur noch ein Björn Höcke. Um dieses langen Atems willen forderte General Ludendorff 1935 von der Wehrmacht-Generalität nicht: "Kritisiert die herrschenden Verhältnisse, lernt sie durchschauen". Das war ihm sowieso selbstverständlich. Nein, er richtete den Blick ins Positive, er forderte: "Machet des Volkes Seele stark". Also: Lasst seine Sehnsucht wachsen, wahr, wahrhaftig zu sein, nicht in diesem erstickenden Meer der Lüge zu leben, lehrt es Sehnsucht nach Reinheit, nach Wahrheit, nach Schönheit.

Aber dazu ist erstes Erfordernis anzuerkennen die Tatsache: All diese so wertvollen Eigenschaften sind nichtrational, werden durch den Versuch rationalen Erfassens entwürdigt, entweiht. Kritisieren und "entzaubern" können inzwischen Tausende von Autoren in der alternativen Öffentlichkeit. Und sie bewirken: Nichts. Es wird Zeit, den Blick ins Positive zu richten und zu fragen: Welchem positiven Gehalt muß man sich denn zuwenden, wenn das Negative in seiner ganzen Nacktheit und Bloßheit vor aller Augen stehen soll, damit es sich von selbst erledigt und niemand mehr großartige Analysen verfassen muss, die doch immer nur eines sagen, nämlich dass Lüge Lüge ist und Böses böse ist.

Das Wesen der Kunst und des Künstlerischen ist das Absichtslose. Das Wesentliche dessen, was die meisten analysieren in der alternativen Öffentlichkeit oder meinen analysieren zu müssen, ist das Manipulative. Oder unterstellt man etwa, Gestalten und Schauspieler der Popkultur wären durch reinen Zufall oder ohne Absicht zu dem geworden, was man von ihnen behaupten und unterstellen kann? Warum soll man sich dauernd und stetig, Jahre lang mit den irrwitzig gewordenen Absichten, Manipulations-Absichten irgendwelcher Spinner und Verbrecher beschäftigen - - - anstatt sich gleich dem Wesen der Kultur hinzuwenden, das nämlich darin besteht, nicht mit der Absicht herüberzukommen zu manipulieren.

"Man spürt die Absicht und ist verstimmt"

Daher ja auch kommt der schöne Satz "Man spürt die Absicht und ist verstimmt." Und auf wie viele Gelegenheiten ist er anwendbar.

Alles Menschliche, was nicht Kunst, was nicht Kultur ist (im Sinne der Deutung wie sie in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gegeben worden ist - aber auch wie es das Kulturbewusstsein des Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts sowieso schon ausgemacht hat), ist für die Erfüllung des menschlichen Lebens wertlos, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Es lenkt von den wesentlichen Dingen ja erst ab.

Indem man sie noch großartig kritisiert, lenkt man ein weiteres mal die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft auf Wertloses, anstatt sie gleich auf Wertvolles, Wertbehaftetes hinzulenken. Die meisten Figuren der Popkultur, der nach 1945 "lizensierten" und vom CIA geförderten Kultur können einen doch nur anekeln. Die zugrunde liegende Konstellation "Krimi" selbst zum Beispiel schon kann einen doch nur anekeln. Der Krimi ist doch übrigens ein "Kultur"-Produkt Englands des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wenn man das recht in Erinnerung hat. Der besserwisserische Gestus in fast allen Krimis kann einen doch nur anwidern. Der besserwisserische Gestus von Krimiautoren ebenfalls. Das ist doch die kulturlose Barbarei Englands, gegen die sich schon Heinrich Heine gewehrt hat, gegen die sich die Deutschen seit 1914 wehren.

Noch niemals hat irgend jemand behauptet, dass ein Krimi - in schriftlicher oder filmischer Form - etwas kulturell Wertvolles darstellen würde. Oder etwa doch? Krimis sprechen die Bedürfnisse nach "Sensation" beim "Konsumenten" an. Das Anliegen eines Friedrich Schiller in "Die ästhetische Erziehung des Menschen" ist ein gänzlich anderes. Ja, er hat auch "Der Geisterseher" geschrieben. Aber in dem Augenblick, in dem er merkte, dass das Interesse des Publikums am Fortgang der Geschichte ein anderes war, als er, Schiller, es selbst an der Fortentwicklung seiner Geschichte hatte, in dem Augenblick war ihm diese ganze Sache verleidet, hat er das Werk abgebrochen, ist es Fragment geblieben. Wie sehr möchte man so vielen Krimi-Autoren wünschen, dass sie diese künstlerische und menschliche Reife eines Friedrich Schiller auch besessen hätten oder besitzen würden und irgendwann einmal aufhören würden, "Fragmente" übrig lassen würden und sich dann auf Wertvolles konzentrieren würden.

Schiller hat sich über das Wesen von Kultur und Kunst Gedanken gemacht. Er war Kultur- und Kunstphilosoph, er war nicht ein Vertreter der so seichten, billigen "Kultur der Kritik" wie sie im 20. Jahrhundert so unglaubliche Ausmaße angenommen hat. Dabei war ihm das Theater "als moralische Anstalt" wichtig. Die moderne "Kultur der Kritik" ist doch eigentlich nur Kultur- und Kunstphilosophie entkleidet jedes Metaphysik-Bezuges, indem - zum Beispiel - gesagt wird: alle Medien und alle transportierten Inhalte sind gleichwertig. Sind sie nicht! :) Oh Gott, sie sind nicht gleichwertig! Hallo! Sie sind es nicht!!!

Vor 1945 wusste das jeder Mensch, der sich nur ein bisschen mit Kultur beschäftigt hat (und er hat das bestimmt nicht in Hitler- oder Goebbels-Reden gelernt). Und heute will man mit großartigen Bemühungen dartun, dass nicht alles gleichwertig ist, was in der Medienwelt geschieht, arbeitet aber einen starken, unhintergehbaren Kulturbegriff gar nicht heraus, der es erlauben würde, Kultur und Kunst von bloß manipulativer Medienwelt zu unterscheiden, von bloß manipulierbaren Konsumenten zu unterscheiden.

Damit bleibt alles manipulativ, auch nach der vorgelegten Analyse. Denn man hat ja nicht das Wesen dessen benannt, was nichtmanipulativ ist.

Wo fängt jenes Wesen der Kultur an, das nicht manipulativ und manipulierbar ist?

Wer hat sich eigentlich schon einmal mit dem Philosophen Wilhelm Dilthey beschäftigt? Er war der erste oder einer der ersten, der die grundlegend unterschiedlichen Herangehensweisen zwischen Geistes- und Naturwissenschaft herausgearbeitet hat. Auch bei ihm wird man feststellen, dass für ihn die nichtrationale Seite der Wirklichkeit im Zentrum des Erkenntnisanspruchs der Geisteswissenschaften steht. Aber wahrscheinlich ist er auch - - - "veraltet", seit die manipulierten und manipulativen parawissenschaftlichen akademischen Diskurse der "Kultur der Kritik" sich wie Gedanken-Viren ausgebreitet haben.

Dass in den letzten 100 Jahren in der Kunstphilosophie bleibende Neuerkenntnisse erlangt worden wären, womit will man das aufzeigen und begründen? Ist man von moderner Kunst- und Kunstphilosophie wirklich befriedigt? Ich merke, dass viele durch geschichtslose, parawissenschaftliche, akademische Diskurse im Umfeld der "Kultur der Kritik" heute viel zu sehr selbst umerzogen und manipuliert sind, um offen zu sein für die große Kunstphilosophie, die das antike Griechenland und die insbesondere Deutschland seit Johann Joachim Winckelmann hervorgebracht haben, und die man sich auch von Rüdiger Safranski referieren lassen kann, die der von uns verehrte Professor Rudolf Malter in Mainz referieren konnte, und an der man als wurzelloser und geschichtsloser Parawissenschaftler der "Kultur der Kritik" scheinbar keinen Anteil mehr nehmen kann oder will.

Bei vielen Äußerungen von Menschen in der alternativen Öffentlichkeit spürt man dann auch eine gewisse Abwertung des Kulturellen heraus in dem Sinne, dass es sich ja hier "nur" um - - - "Schöngeistiges" handeln würde. Die großen Künstler haben sich gegen diese Abwertung alle gewehrt. Sie hätten sich nicht für die Kunst, für die Kultur eingesetzt, wenn es "nur" etwas Abseitiges, "Schöngeistiges" wäre, was mit dem Lebensalltag, mit dem politischen Machtverhältnissen nichts zu tun hätte.

Die Kunst und die Kultur stehen mit dem gesamten Leben eines Volkes in allertiefstem Zusammenhang. Wenn sie es nicht tun, dann wäre das eben schon ein Zeichen dafür, dass es sich nicht um echteste Kunst oder Kultur handelt, sondern eben um Scheinkunst, um Machwerke. Scheinkunst und Machwerke freilich können "abseits" stehen. Sie werden von seelisch lebendigen Menschen nicht vermisst.

Es ist dem modernen, seelenlosen Menschen von heute schwer zu vermitteln, dass etwas so wenig Greifbares, "Handfestes" wie die Kunst und die Kultur etwas Wichtigeres sein soll, als die Politik, das Politische, das Wirtschaftliche. Es ist aber schlichtweg so. Zu sagen, eines Menschen Kulturverständnis wäre "19. Jahrhundert", tut einem Menschen, der zugleich tief im naturwissenschafltichen Wissen der Gegenwart verwurzelt ist, nicht weh. Was hätte das 20. Jahrhundert an Kulturellem zu bieten, was das 19. Jahrhundert aufwiegen würde? Was soll man da nennen? Der Expressionismus in der Malerei und Dichtung, auch noch die Neue Sachlichkeit. Aber was danach kommt, spricht in der Regel wenige an außer kleine exklusive Zirkel. Wer will denn - zum Beispiel - Zwölftonmusik hören?

Es ist also die Rede von Dingen, die ein reiches Innenleben erschließen. Diese sind unabhängig von "teuren" Musik- und Theateraufführungen. Bei so etwas handelt es sich nicht per se um etwas Elitäres. Die Lebensreformbewegung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bemühte sich vielfältig um "Kunst fürs Volk", auch die Arbeiterbewegung tat das, auch die Nazis taten das, viele Verlage taten das, bspw. Reclam, Diederichs. Die Namen sind im Grunde Legion. Und so lange ist das alles auch noch gar nicht her. Interessant allerdings, dass man an alles das heute erst wieder erinnern muss.

Es ist also verstärkt zu fragen nach heutiger Kultur, die reiches Innenleben erschließt. Nach solcher, die mich ernst macht, mich erschüttert, Katharsis bewirkt. Solche Dinge müssen Menschen doch wichtig sein, die gesellschaftlichen Wandel zum Besseren wollen.

Aber unser Zeitalter ist das Zeitalter des schrankenlosen Nihilismus, des Materialismus, des Atheismus. Das ist die kunst- und sinnfernste Zeit, die überhaupt nur denkbar ist. Es ist doch vermessen, ihr zu unterstellen, dass sie kulturell ähnlich fruchtbar wäre oder sein könne wie frühere Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das geht doch gar nicht.

Niemand ist dazu aufgefordert worden, mit überkommenen, abgelebten Formen letztlich mittelalterlicher Religiosität zugleich auch das Kulturbewusstsein des Abendlandes - wie es sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts - unter den kulturbewussten Menschen herausgebildet hatte, über Bord zu werfen. Warum also tun wir es? Warum setzen wir diese lebendige Tradition nicht fort?

Einiges zu Daniels Antwort auf diesen Artikel

Soweit war dieser Artikel gestern veröffentlicht worden. Der Medienwissenschaftler Dr. Daniel Hermsdorf - mit ihm war die Auseinandersetzung geführt worden - hat auch gleich auf diesen Blogbeitrag geantwortet (Filmdenken). In der Antwort fragt er:

Sherlock Holmes, Poe, „Der Name der Rose“, „The Manchurian Candidate“, die Großstadt-Bilder von Chandler und Hammett, Einzelwerke von Dürrenmatt oder Walser, soziologische Studien von Maj Sjöwall / Per Wahlöö – alles vollkommen wertlos?
Hierzu antworte ich: "Der Name der Rose" definitiv. Diesen Roman habe ich quergelesen, freilich nicht aus kulturellem Interesse (warum auch?), sondern weil man bei seinem Autor viel hintergrundpolitisches Wissen vermuten muss. Kulturell ist dieser Roman gänzlich wertlos. Man ist geradezu erstaunt, dass das vielen Lesern nicht gleich auf den ersten Blick auffällt. Im Grunde bestätigt mich auch der Wikipedia-Artikel zu diesem Roman (Wiki), auf dem es heißt:
Zahlreiche Merkmale teilt "Der Name der Rose" auch mit Trivialromanen. So sind die Hauptfiguren stark typisiert, es findet eine klare Trennung in gute und böse Figuren statt, zahlreiche Klischees und Stereotype werden aufgerufen. Dieses Vorgehen kann als Pastiche verstanden werden, und damit als bewusste Auseinandersetzung mit der Rolle von Trivialität in der Literatur. Dieses Stilmittel ist ebenfalls typisch für viele postmoderne Romane; Stereotype werden bewusst aufgerufen, um sie klar als Stereotype auszustellen und sie gerade dadurch zu hinterfragen.

Ja, ja, das "Hinterfragen"!!! Schmunzel. Mehr bleibt den Denkern und "Künstlern" der "Postmoderne" doch nicht mehr. Dürrenmatt's "Besuch der alten Dame" hat mich schon in der Schule abgestoßen. Auch "Manchurian Candidate" ist mir grob als Schlüsselroman aus hintergrundpolitischen Zusammenhängen bekannt, kann mich nicht erinnern, dass auch das ein Roman wäre, der einen innerlich erheben würde, innerlich befreien würde, stark machen würde, Katharsis bewirken würde. Martin Walsers Text "Ich vertraue" schätze ich. Aber ich glaube, dass es Gründe gibt für die Ahnung, dass der Großteil seiner Werke keinen bleibenden kulturellen Wert enthält. Die anderen genannten Autoren habe ich nie gelesen, vielleicht mag Sherlock Holmes noch einen vergnüglichen Aspekt haben - ?

Auf Wikipedia lese ich gerade, dass "Der Name der Rose" auf einer Liste der 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts steht (Wiki). Auf ihr steht zum Beispiel auch "1984" von George Orwell. So sehr ich diesen Roman als rationalen Aufklärungsroman, der die Vernunft in wertvollster Weise anspricht, schätze, so wenig ist dieser Roman echte Kultur, also Ausdruck von Gotterleben, der damit ein solches auch hinwiederum wecken könnte. Ich freue mich, dass sich auf dieser Liste Jack London befindet und einige andere Autoren.

Aber als Autoren der 1920er bis 1970er Jahre, denen man bleibenden Gehalt zusprechen möchte, die deshalb ja auch schon mitunter auf unseren Blogs behandelt wurden, weil sie uns heute noch in dem hier behandelten Sinne viel geben können, können neben Rainer Maria Rilke auch etwa genannt werden: Agnes Miegel, Josef Weinheber, Karl Springenschmid, Edwin Erich Dwinger, Romain Rolland (etwa sein "Beethoven"), Gustav G. Engelkes (s. St.gr.). Was die bildende Kunst betrifft, so wird man die drei Bände des Grabert-Verlages "Kunst in Deutschland 1933 bis 1945" als repräsentative Zusammenstellung bleibenden, kulturell wertvollen Gehalts dessen anführen können, was in dem im Buchtitel genannten Zeitraum geschaffen wurde. Natürlich gehören dazu auch ein Großteil jener Künstler, die in dieser Zeit von den Nazis als "Entartete Kunst" an den Pranger gestellt wurden.

Ansonsten lese ich aus der Stellungnahme von Daniel, dass er sich oft persönlich angesprochen und kritisiert fühlt. Das kann nicht ausbleiben. Es ging mir aber - zumindest in diesem meinen Blogartikel - darum, eine allgemeinere Position darzustellen unabhängig von jener noch etwas individuelleren Gelagertheit, die bei Daniel vorliegen mag. Deshalb hätte ich es auch besser gefunden, wenn er ähnlich allgemein geantwortet hätte.

Und vor allem hätte ich es besser gefunden, wenn er stärker auf meine Kernproblematik eingegangen wäre: Welche Bedeutung spielt seiner Meinung nach der Bereich des Nichtrationalen, der Bereich der Werterlebnisse im öffentlichen Diskurs? Und welche Rolle sollte er spielen, wie sollte man auf diesen Bereich zugehen?

Insgesamt ist zu sagen: Es ging mir vor allem darum, einen Standpunkt erst einmal zu formulieren, sozusagen ins "Unreine" hinein. Und es sollte dazu sicher noch angemerkt werden, dass eine argumentativ dichtere und gültigere Darstellung dieses Standpunktes in Buchform schon vorgelegt worden ist (2).

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*) Erläuternde Bemerkung, viereinhalb Jahre später, am 24.12.2021: Dieser Artikel kommt dem Blogautor heute viel zu "wortereich" vor. "Subkutan" aber enthält dieser Blogartikel er viel von jenem Unbehagen, von dem die Arbeit des Blogautors seit der Veröffentlichung dieses Blogartikels geleitet ist. Das Problem ist, daß man über die wesentlichen Dinge des Lebens, auch des öffentlichen Lebens entweder als ein Künstler sprechen soll und kann, der wirklich etwas zu sagen hat - oder sonst dazu eben gar nichts zu sagen hat. Die Aufgabe lautet also: Bilde dich zum Künstler. Leider stellt dieser Blogartikel nur einen ersten rudimentären Anfang für ein solches Anliegen dar. Deshalb ist er gar zu wortereich.

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  1. Sammlung Thule, Altnordische Dichtung und Prosa, Bde.1-24, herausgegeben von Felix Niedner und Gustav Neckel, Jena, 1912–1930, Bd. 10 Fünf Geschichten aus dem westlichen Nordland (Walter Heinrich Vogt, Frank Fischer)
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Volkshochschule, Bühnsdorf 2001, 2014

Samstag, 21. November 2015

"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht"

Weitere Lesefrüchte aus Peter Sloterdijk "Du musst dein Leben ändern"

Der Beitrag über das Buch von Peter Sloterdijk "Du musst dein Leben ändern" (2009) hier auf dem Blog (GA-j!, März 2015) sollte nur ein Einstieg in die Thematik sein. Dieser Einstieg soll nach Möglichkeit hier auf dem Blog nach und nach mit weiteren Beiträgen ergänzt werden.

2009 - Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern
Im Vorgriff auf solche Ergänzungen sollen in diesem Beitrag einmal nur ein paar Zitate, Lesefrüchte aus dem Buch gesammelt und zusammengestellt sein. Zunächst ganz ohne weiteren Kommentar und ohne weitere Erläuterung:

- S. 288: "aretologische Anthropologie (das heißt eine Theorie, die den Menschen als das zu Tugenden fähige Lebewesen porträtiert)"

- S. 289: "Aristoteles wie Thomas von Aquin war es um die Erklärung der Möglichkeit des 'Tüchtigen in uns' gegangen, wenn nicht sogar des 'Guten in uns'. Sie begriffen die Gewohnheit, sofern sie gute Gewohnheit ist, als eine verkörperte Disposition, die den Handelnden zu tugendhaften Handlungen bereit macht."

Die Erläuterung ist an dieser Stelle notwendig: Hier ist nicht vom "Gutmenschen" die Rede. Nein, hier ist von tüchtigen Menschen die Rede. Von Menschen, die sich nach der Decke strecken und sich in ihren Handlungen nicht in erster Linie nach den Meinungen anderer richten.

- S. 290: "Der Mensch als Artist der 'virtus' " (der Tugend) "tut das fast Unmögliche, das Beste, als sei es das Leichte, Spontane, Natürliche, das sich nahezu von selbst einstellt."

Was für ein schöner Satz!

- S. 291: "Menschsein als eine Artistik des Guten"

Solche Sätze haben das Potential, lange nachzuwirken.

- S. 293: "Nietzsches Programm, die Askesen zu 'positivieren' "

Welch schöner Gedanke! Das Christentum vom Kopf auf die Füße stellen! 

- S. 278: "Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne, (...) der Mensch ohne Sehnsucht"

- S. 279: Für Nietzsche gab es "Publikum" und "Freunde": "Zum Publikum gehört, wer fähig wäre zu fragen: Und was habe ich davon, wenn ich über mich hinausgehe?"

- S. 280: "Bedingungsloses Bekenntnis zum Primat der Vertikalen".

- S. 281: Habermas, "dessen Publikationen zur Theorie des kommunikativen Handelns ebenfalls wie Merkblätter zum Endausbau von Basislagern in ebenen Gegenden gelesen werden können".

Ein starkes Programm: Sloterdijk teilt die Denker der Vergangenheit und Gegenwart ein in "die verächtlichsten Geschöpfe unter der Sonne", die "Menschen ohne Sehnsucht" - z. B. Habermas, Wittgenstein, Heidegger (zumindest der Tendenz nach, zumindest in ihren Altersphasen). Und in Menschen, die sich bedingungslos "zum Primat der Vertikalen" bekennen. Zum Beispiel: Friedrich Nietzsche, Thomas von Aquin, Aristoteles. Ach, diese große Sehnsucht nach dem Vertikalen im "Delta der Beliebigkeit".

Montag, 16. März 2015

"Beseelungswissen" - Bei Peter Sloterdijk und bei Mathilde Ludendorff

Peter Sloterdijk's "Du mußt dein Leben ändern" (2009) und Mathilde Ludendorff's "Selbstschöpfung" (1927)
- Einige erste Vergleichspunkte

2009 - Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern
Das Buch von Peter Sloterdijk aus dem Jahr 2009 über die Selbständerungsmöglichkeiten des Menschen enthält viele ungewöhnliche, begeisternde Grundgedanken und Sichtweisen. Als einen Mangel des Buches mag man es empfinden, dass die Begeisterung für diese Grundgedanken und Sichtweisen durch eine intensive und gründliche Lektüre der vielen hundert Seiten dann nicht in jedem Fall vergrößert wird, sondern eher die Tendenz hat, sich zu verflüchtigen. Legt man es dann aber für ein paar Tage - oder Wochen oder Jahre (der Autor dieser Zeilen sogar für sechs Jahre) - erschöpft zur Seite, kann es gut sein, dass man nach dieser Zeit feststellt,  dass man die genannten Grundgedanken und Sichtweisen immer noch so begeisternd findet wie zuvor.

Auf diese Weise kann eine Art Hassliebe zu diesem Buch entstehen. Vielleicht die beste Voraussetzung, um sich an einem Buch "abzuarbeiten" und dabei - zu "üben", sprich, sich weiterzuentwickeln, sich menschlich zu ändern und zu reifen - also um das Kernthema dieses Buches gleich selbst in die Praxis umzusetzen.

Die deutsche Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) hat übrigens schon im Jahr 1927 für den Begriff "Anthropotechnik", also für die übende Selbsterschaffung, Selbstgestaltung des Humanen durch den Einzelmenschen den Begriff "Selbstschöpfung" verwendet. Sie ist eine geistig zentrale Figur der deutschen völkischen Lebensreform-Bewegung der 1920er und 1930er Jahre und es gibt viele Hinweise darauf, dass ein nicht geringer Teil ihres Gedankengutes und ihrer Erkenntnisse noch heute große Bedeutung haben. Vielleicht ist das ja auch der Hauptgrund, weshalb ihr Gedankengut zumeist in Bausch und Bogen als unseriös und "höchst gefährlich" abgetan wird. Zumindest eine kritische, alternative Öffentlichkeit sollte sich solche Tabuisierungen nicht mehr gefallen lassen. Dieser Blog jedenfalls bemüht sich, sie zu vermeiden.

Bei genauerem Hinsehen macht der genannte Vergleich nämlich außerordentlich viel Sinn. Und dazu sollen im folgenden einige erste Andeutungen, Versuche gegeben werden. Es macht Sinn, diese beiden Denker einander gegenüber zu stellen, sie miteinander zu konfrontieren, sie zu vergleichen und sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin zu prüfen. Das ist aber ein fast unerschöpfliches Thema. Im vorliegenden Beitrag sollen dazu zunächst nur vier Themenbereiche behandelt werden und auch diesbezüglich sollen bestenfalls einige Ideen angedeutet und umrissen werden: 1. zum Thema Vertikalspannung, 2. zum Thema Sezession und Ruhephasen, 3. zum Thema Brainwashing, 4. zum Thema Sinn des Weltalls und Lebens überhaupt, 5. zum Thema Altruismus.

Man könnte sicherlich einen großen Teil des Inhaltes des genannten Buches von Mathilde Ludendorff ("Selbstschöpfung", 1927) in den Begrifflichkeiten von Sloterdijk's "Anthropotechnik" neu formulieren. Vielleicht werden wir das auch noch einmal ausführlicher versuchen. Im folgenden jedenfalls erste vortastende Erkundungen auf diesem Gebiet.

1. Zum Genie-Begriff - Thema "Vertikalspannung"

Vielleicht läßt sich sagen, dass es wenige Übungsprogramme gibt, die eine ähnlich große Vertikalspannung in sich bergen wie dasjenige von Mathilde Ludendorff. Dieser Umstand lässt einen unter anderem die Frage stellen: Warum benutzt Sloterdijk nicht - wie Mathilde Ludendorff (1) - den Genie-Begriff? Würde er die Vertikalspannung, an der ihm doch - und mit Recht - so viel liegt und gelegen sein muss, nicht erheblich vergrößern, verdeutlichen und explizit machen? Die großen Künstler, Komponisten, Dichter und Denker der Geschichte, die großen Politiker der Geschichte, sie waren doch ohne Zweifel Genie's. Und wer wenn nicht sie waren die Vorbilder, die "Trainer", die Übungsanleiter der Sich-selbst-ändern-Wollenden in der Geschichte und auch noch heute.

Nur weil wir solche heute nicht mehr anzutreffen glauben, "Genie's" also, heißt das doch nicht, dass wir auf den Genie-Begriff an sich verzichten müssten. Auch heute noch können wir doch Michelangelo, Beethoven, Rilke, Kant "Genie's" nennen? Wer hindert uns daran? Und dann stellt sich doch die Frage: Wie "übt" eigentlich ein "Genie"? Darüber sagt Sloterdijk, soweit ich sehe, herzlich wenig. Er redet lieber über Sportler, Behinderte, "Artisten", Mönche, also alles Berufsgruppen, die sich gerade nicht im Kernbereich der Kultur und der Kulturgeschichte bewegen, im Kernbereich auch des "Human Accomplishment" eines Charles Murray.

1927 - M. Ludendorff - Selbstschöpfung
Ein Genie übt doch ganz anders als all diese anderen Berufsgruppen. Und auf sein Übungsprogramm fokussieren, hieße doch erst, die ganze Problematik des "übenden Menschen" in ihrem vollen Umfang zu übersehen und zu behandeln. Und zwar in ihrer Bedeutung für das Überleben unserer Kultur. Hier erst würde das "Prekäre" sichtbar (1). Nämlich dass Genie-Sein, dass das Geniale sich niemals so wenig von selbst verstanden hat wie heute. Aber warum eigentlich?

Weil wir längst genau dort angekommen sind, wohin Nietzsche in seiner Vorrede zum Zarathustra die Menschheit sich hinentwickeln gesehen hat. Wir glauben gar nicht mehr ans Geniale, ans Geniehafte. Wir wollen auch selbst - in dem uns gegebenen Rahmen - keine Genies sein, keine echt genialen Lebenskünstler. Oder? Denn ein genialer Lebenskünstler könnte doch letztlich jeder sein. Und allein schon eine solche Möglichkeit würde uns doch sehr viel Verantwortung auferlegen, etwa, mit uns selbst und anderen achtsam umzugehen.

Und könnte man denn nicht jene Sehsucht aller "Rennaisance-Menschen" und damit offensichtlich auch Sloterdijk's sein, dass es in der Welt wieder eine ähnliche Genie-Dichte gäbe wie im antiken Griechenland? Als fast jedes Dorf, jede Stadt ein Genie hervorbrachte? Und das innerhalb weniger Jahrhunderte? Wäre dies nicht das einzig Notwendige, wäre womöglich nicht genau das jene "Mindestproduktion innovativen Wandels" ("marginal production of innovative change"), die Joseph A. Tainter als notwendig ansieht, um dem "Collaps of Complex Societies" (so der Titel seines wertvollen Buches, erschienen lange vor dem viel oberflächlicheren Buch zu diesem Thema von J. Diamond) zu entgehen?

Genial, das ist doch das, was Sloterdijk zum Ausdruck bringen will, wenn er an ziemlich zentraler Stelle seiner Argumentation auf die "Gipfel des Unwahrscheinlichen" Bezug nimmt, die von der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf dieser Erde immer wieder erreicht worden sind nach der eingängigen Deutung von Richard Dawkins. Ist nicht jede Tier- oder Pflanzenart für sich und jedes echte Kulturwerk, jede echte Kulturtat eine Genialität auf seine Weise? Dementsprechend auch ähnlich gefährdet wie alles Geniale in dieser Welt? Und kann dementsprechend nicht jeder Mensch ebenso genial werden als der einzigartige, nie wiederkehrende Mensch, der er ist?

Und wie will man denn dem auch von Sloterdijk favorisierten "Prinzip Verantwortung" des Hans Jonas (und der Mathilde Ludendorff) gerecht werden - ohne Genialität? Wurde jemals etwas Entscheidendes und Durchbrechendes geleistet in der Menschheitsgeschichte - ohne Genialität? Ob man es nun jeweils so genannt hat oder nicht.

2. Sezession, Immunsystem

Natürlich setzt sich das Genie in Gegensatz zu den Menschen um es herum, die keine Anflüge ans Geniale haben und haben wollen. Und genau damit fängt die Problematik erst wirklich an, wie Sloterdijk ebenfalls ganz richtig erkennt. Nämlich mit der schlichten Frage: Wie hält man es aus, einsam zu sein? Auch diese Thematik behandelt Sloterdijk dann aber völlig unzureichend. Natürlich braucht man ein gesundes Immunsystem, um seine Separation, seine Einsamkeit, seine "einsame Höhe" aufrecht zu erhalten. Aber wie hält man es in Gang? Woran erneuert sich das Geniale, das Genie? Womit läßt es sich auffrischen?

Was ebenfalls viel zu unzureichend von Sloterdijk herausgearbeitet wird, ist die Erkenntnis Mathilde Ludendorffs, dass nichts die Menschenseele so verändert, wie die Art ihrer Wahl in Bezug auf das Leben beseelter Sexualität (Mathilde Ludendorff benutzt hierfür die Begriffe Erotik oder Minne). In diesem Umstand vor allem wurzeln all die vielen wesensunterschiedlichen "Askesen", die im Rahmen von Übungsprogrammen in der Menschheitsgeschichte ausgebildet wurden, zuletzt die "innerweltliche Askese" des Protestantismus nach der auch für die Interpretation der Geschichte der Neuzeit so einflussreich gewordenen Deutung von Max Weber. Auf den übrigens Sloterdijk - merkürdigerweise, so weit übersehbar und offenbar folgenreich - kein einziges mal Bezug nimmt in seinem Buch.

Auch fehlen bei Sloterdijk so wesentliche Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs wie die "Nicht Kampf ist Leben allein, nein, jenseits des Kampfes erst ist das Erleben der Seele". Also die Betonung der entscheidenden Bedeutung von Ruhephasen und - sozusagen - der Kontemplation im menschlichen Leben für allen seelischen Wandel, für jede Form von Beseelung.

Aus dieser Erkenntnis heraus kann sie dann auch sagen, dass Seelenwandel und Selbstgestaltung, Selbstschöpfung vor allem in diesen Ruhephasen stattfinden, die sicherlich nicht primär als "Übungen" (etwa gar Meditationsübungen!) aufzufassen sind. Hiergegen  verwahrt sie sich ja mit einer Entschiedenheit, die sichtlich geschult ist an der Tatsache, dass sie mehrere Jahre als Assistentin des Begründers der naturwissenschaflichen Psychiatrie, Emil Kraepelins, gearbeitet hat und dabei viele anschauliche Erfahrungen in psychiatrischen Anstalten machen konnte. Nein, sie betont: Das Erleben der Seele lässt sich - im Gegensatz zur Behauptung vieler Esoteriker, Okkultgläubiger und eben auch vieler psychisch Erkrankter - nicht "üben". Da sein Wesen grundsätzlich die Freiheit, die Spontaneität, die Akausalität ist. So sagt zumindest Mathilde Ludendorff.

Aber sicherlich könnte auch dieser Punkt - angesichts massiver seelischer Beeinflussungen durch die Umwelt von Kindheit an (siehe gleich) - heute noch mancherlei Modifizierung erfahren.

3. Langsamer und schneller Wandel der Seele

Selbstgestaltung und seelische Reifung ist aus der Sicht von Mathilde Ludendorff nun also das langsame Erstarken des - das Geniale, Göttliche erlebenden - Ichs der Menschenseele durch Gewissensprüfungen in Ruhephasen. Und durch das Überprüfen, ob Fürwahrgehaltenes (über einen selbst) auch tatsächlich wahr ist. Diesem langsamen, allmählichen Reifen der Seele stellt sie den selteneren schnellen seelischen Wandel gegenüber, ausgelöst durch seltenes, gottwesentliches Handeln und Erleben. Etwa aus Anlass der Konfrontation mit dem eigenen Tod oder mit dem Tod von Angehörigen, etwa der schon erwähnten Art der Wahl im Leben beseelter Geschlechtlichkeit. Ausserdem bewirkt beim begabten Künstler auch das geschaffene Kunstwerk und die Frage, ob das übrige Leben des Künstlers diesem gerecht wird, ihm würdig ist, Wandel in seiner Seele. So sagt Mathilde Ludendorff.

Auch die große, riesige Thematik des "Brainwashing", der Gehirnwäsche gehört übrigens in den Bereich der Selbst- und Fremdgestaltung menschlichen, seelischen Wandels. Hierzu hat der britische Psychiater William Sargent einen wissenschaftlichen Klassiker geschrieben, dessen Lektüre und Auswertung Sloterdijk's Blickwinkel auf die von ihm gewählte spannende Thematik ebenfalls noch wesentlich hätte erweitern können. Über dieses Thema wäre es in diesem Rahmen wert, noch einen ganz eigenen, weiteren Beitrag zu schreiben. Weil nämlich eine Schlussfolgerung daraus lautet, dass Übung auch heißen könnte, negativen seelischen Wandel dadurch zu vermeiden, dass man sich gegebenenfalls selbst die Anweisung gibt, "not to get emotionally involved", sich in einem gegebenen Fall emotional gerade nicht erregen zu lassen. Hierzu gehört ein ganzes Bündel von Lebenstechniken, die noch einmal genauer zu erörtern wären.

Schnellen Wandel bewirkt im übrigen - nach Mathilde Ludendorff - auch Empörung über teuflische Antriebe in der eigenen Seele oder in der Seele insbesondere nahestehender Mitmenschen. Die Seele entflammt sich, sagt Mathilde Ludendorff, kann sich entflammen mitunter - so vorhanden - an einer "Teufelei" in der eigenen, von den Eltern übernommenen, angeborenen Charakterstruktur. (Mit diesem Entflammtsein an Teufeleien in der eigenen Seele mag auch manches im Zusammenhang stehen rund um das kulturgeschichtlich bedeutsame Phänomen der "Femme fatal". Aber das nur am Rande.) All dieser schnelle Wandel ist - wie jeder Wandel - jeweils auch in beiderlei Richtung möglich. Und wohin - zumal heute - in der Regel diese Richtung bei den meisten Menschen zeigt, bedarf sicherlich keiner Erörterung mehr. Wobei erwähnt werden könnte, dass natürlich schlicht auch Mangel an Empörung über Teufeleien in der eigenen Seele oder in der Umwelt seelischen Wandel bewirken können ... Nämlich gerne auch den heute allzu weit verbreiteten seelischen Tiefschlaf.

4. Überleben - aber wozu eigentlich?

Das Übungsprogramm von Mathilde Ludendorff ist natürlich viel stringenter, viel einheitlicher und darum auch eingängiger auf ein Ziel ausgerichtet, als das Sloterdijk für das kulturgeschichtliche Sammeln von Übungsprogrammen in seinem Buch in Anspruch nimmt und überhaupt nur nehmen kann. Sein Buch bleibt ja eigentlich hinsichtlich der entscheidensten Fragen - soweit übersehbar und typisch existentialistisch? - im Vagen und Ungefähren. - - - Was ist denn nun das Ziel aller Übungen bei Sloterdijk? Nur allein das Überleben der Menschheit hier auf dieser Erde? Klar, er sagt, unhintergehbar ist die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss. Darauf sagt ein Mensch wie - der von Sloterdijk auch ausführlich behandelte - Cioran doch nur zynisch: Und warum sollte dieses Überleben einen Wert haben? Zu dieser Frage nun sagt zwar der von Sloterdijk am Ende seines Buches positiv erwähnte Hans Jonas manches (und das zumeist auch in Übereinstimmung mit Mathilde Ludendorff). Nicht aber, soweit übersehbar, Sloterdijk selbst. Und darauf käme doch nun alles an.

Auch der große unserer Zeit noch nahestehende "Trainer" Konrad Lorenz hat sich um eine Beantwortung dieser Frage nicht herumgedrückt. Er hat dazu sein "Der Abbau des Menschlichen" geschrieben. Alle Bemühungen Sloterdijk's scheinen mir unabgeschlossen zu sein, ungenügend zu bleiben, solange er hierzu nicht zumindest ähnliche Antworten gibt wie Hans Jonas.

Denn sonst könnten doch alle Übungen und Askesen irgendwie zu Übungen des Hamsterrades werden. Üben nur allein um des Übens willen? Um in Form zu bleiben? Damit es nicht langweilig, niveaulos und ohne alle Vertikalspannung bleibt hier auf dieser Erde? Damit "Gipfelpunkte des Unwahrscheinlichen" erreicht werden hier auf dieser Erde? All das bliebe doch alles noch reichlich nebulös und kann in dieser Form doch keinen gesellschaftlichen Aufbruch bewirken.

Für Mathilde Ludendorff dagegen ist die ganze Sache sehr viel unzweideutiger. Das Weltall ist nach ihr entstanden, Leben und bewusstes Leben sind nach ihr in diesem Weltall entstanden, damit das im Weltall sich nur unbewusst manifestierende Göttliche, Geniale (das sich im Gipfel des Unwahrscheinlichen Ausdrückende) von einem Einzelwesen bewusst erlebt wird. Das ist - nach ihr - der Sinn des Weltalls, der Evolution und des Menschenlebens. Da das Wesen des Göttlichen aber Freiheit ist, kann das Göttliche unmöglich allein per Instinkt und zwanghaft erlebt werden. Evolution und Geschichte sind also - nach Mathilde Ludendorff - Bewusstwerden der Freiheit. Sicherlich fast überflüssig zu sagen, dass sie in vielen solchen Dingen natürlich in großen Übereinstimmungen mit den Philosophen des deutschen Idealismus steht, die man sich ja im übrigen auch einmal als Formulierer von wertvollen Übungsprogrammen ansehen könnte. (Ich würde dabei dann mit Hölderlins Gedicht "Zornige Sehnsucht" anfangen und dann weiterhin die Bücher Dieter Henrich's zur Rate ziehen. Auch von diesem wichtigen Autor liest man bei Sloterdijk nichts.)

Jedenfalls: von diesen Grundgedanken her leiten sich bei Mathilde Ludendorff die Selbstschöpfungsmöglichkeiten und das damit verbundene "übende Leben" des Menschen ab. "Der Mensch, das einzige Bewusstsein Gottes" benennt sie eine ihrer intuitiven philosophischen Grundeinsichten, formuliert vor bald hundert Jahren und bis heute von der naturwissenschaftlichen Forschung nicht widerlegt. Im Gegenteil, immer mehr Astrophysiker und -biologen scheinen davon auszugehen, dass bewusstes Leben in diesem Weltall ebenfalls einen "Gipfelpunkt des Unwahrscheinlichen" darstellt und deshalb womöglich nur sehr selten ist (vgl. Buchtitel wie "Rare Earth", deutsch "Einsame Erde"). Und dann vielleicht auch nur ähnlich zeitversetzt, wie dies auch von Mathilde Ludendorff für möglich gehalten worden ist.

4. Altruismus - Kulturheroen, Leistungsträger

Ein anderes wichtiges Thema des Buches von Peter Sloterdijk ist das Thema Altruismus. Vielleicht wird dies deutlicher als im Buchtext selbst anhand des ursprünglichen Buchumschlags (siehe oben) und der Erläuterungen von Sloterdijk zu diesem Buchumschlag in Interviews. Sloterdijk geht nämlich realistischerweise davon aus, dass es in der Menschheit immer nur eine Minderheit von Menschen sind, die den Aufruf "Du mußt dein Leben ändern" ernst nehmen. Sie aber sind die eigentlichen Träger allen kulturellen Wandels und aller kulturellen Weiterentwicklung. Sie bewirken die "Mindesproduktion innovativen Wandels" im Sinne von Tainter. Letztlich sind sie die "Kulturheroen", die "Lichtbringer", auf deren Schultern die nachfolgenden Generationen und die Menschheit überhaupt stehen und an denen also sozusagen "alles hängt" (das bringt das Umschlagbild zum Ausdruck).

Und genau für solche "Menschheitsretter" überhaupt scheint Sloterdijk realistischerweise insbesondere zu schreiben. Es sind immer nur wenige, die die Kultur und die die Menschheit überhaupt retten und weiter voranbringen. Und deshalb ist es so wichtig, dass genau diese wenigen Begabten auch wirklich in Form und in Übung bleiben und sich nicht von den nivellierenden Einflüssen, die sie umgeben, herabziehen lassen und ebenfalls in die allgemein verbreiteten "Horizontal-Entspannungen" verfallen. Dass sie "Inseln des Bestandes" bilden, so wie Werner Heisenberg sein Handeln im Deutschland in der Zeit des Dritten Reiches charakterisiert hat. Und genau dies scheint eines der wesentlicheren und zugleich begeisternden Anliegen auch von Peter Sloterdijk in seinem Buch zu sein.

Und dann erhält es doch gleich noch einmal so viel wert, wenn man es vor diesem Hintergrund aus betrachtet. Deshalb ist auch das ein Gedanke, der künftig noch weiter gedacht werden kann, und der ja auch in der Altruismusforschung der naturwissenschaftlichen Anthropologie, die wir schon häufig auf unseren Blogs behandelt haben, manche Hintergründe findet.

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  1. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung?, auf: Studiengruppe Naturalismus, 25. Dezember 2012

Montag, 20. August 2012

Der "kommende große Krach" - Soll er handlungsleitend sein?

Alte Revolutionäre mit langen Bärten sind - als "Propheten" - seit Jahrzehnten widerlegt

Im folgenden eine kleine Gedankenanregung für alle, die ständig auf den "großen Krach", den "Staatsbankrott", den Ausbruch des Dritten Weltkrieges und ähnliches warten. Mit dem sich alles ändern würde und der - womöglich, wenn alles gut ginge - auch alles wieder zu neuem Leben erwecken würde oder könnte. (Übrigens ein typisch okkultes Denken, durch "Krieg und Krise" irgend etwas Positives bewirken zu können nach dem Motto satanistischer Okkultlogen, das da lautet: "Sind nicht jene, die die Welt verderben, die Brüder der Tugendhaften?") - - -

Paul C. Martin (1983)

Neulich zog ich ein Buch aus dem Bücherschrank von einem Paul C. Martin, der, soweit man hört, zum Beispiel bei Leuten des "Gelben Forums" und ähnlicher Foren viel gilt. Der hoch anerkannt ist. Nun, ähm ... Das Buch stammt von meiner Großmutter. Ähm, diese ist 1996 gestorben. Und ähnlich ist auch sein Inhalt. "Großmütterlich". Titel: "Wann kommt der Staatsbankrott?" Erscheinungsdatum ... ähm ... 1983. Kapitelüberschrift von Seite 223: "Warum auch die Bundesrepublik Deutschland das Jahr 2000 nicht erreichen wird". - ... Ähm ... - Geistern einem da nicht Karikaturen im Kopf herum von altgewordenen Revolutionären mit bodenlangen Bärten und Krückstöcken, die immer noch heiß und mit jung gebliebenen Herzen auf die Revolution oder die gesellschaftliche Erneuerung warten?

Ich glaube, ein solches Buch sagt alles über derartige eschatologische oder quasi-eschatologische Erwartungen. Sterbende Kulturen - und auch Volkswirtschaften - haben ein langes Leben. Siehe nur die langen Jahrhunderte des Römischen Reiches in der Spätantike. Nicht wirtschaftliche Entwicklungen für sich bewirkten damals den endgültigen kulturellen Zusammenbruch. Sondern längerfristiger dahin schleichende demographische. 

Damals wäre man auch alt geworden über der Hoffnung, daß ein plötzlicher "großer Krach" wieder alles zum Leben erwecken würde, was auch damals noch vielen Menschen an der antiken Mittelmeerkultur wert und teuer war. Nein, Siechtum, wohin man schaute. Korruption wohin man schaute. Niedergang wohin man schaute. Aber über Jahrhunderte. 

Als handlungsleitend und -motivierend jedenfalls sollte man heute solche (quasi-)eschatologischen Erwartungen und "Prophezeiungen" nicht wählen. Das könnte nämlich auch von mancherlei mangelnder Aufbruchbereitschaft aus dem eigenen Inneren selbst heraus zeugen. Der "große Krach" für Deutschland und die Nordhalbkugel, auf den so viele warten, fand doch schon statt. Muß dazu mehr gesagt werden als daß dazu Jahreszahlen genannt werden: 1914, 1917, 1918, 1933, 1945. Reicht das alles nicht? Und alle, denen das deutsche Volk, die deutsche Kultur und die Kulturen auch der Nordhalbkugel etwas wert sind, können sich nicht anders verstehen als bewußte Träger der Folgen dieses "Krachs", dieses damaligen dreißigjährigen Krieges und aus diesem Bewußtsein heraus handeln. Sollte dieser Krach immer noch nicht handlungsleitend und handlungsmotivierend genug gewesen sein? Zumindest für jene Menschen, die Kraft für ihr eigenes Handeln aus dem eigenen Inneren heraus schöpfen können?

Humangenetische Wende im Menschen- und Gesellschaftsbild

Im übrigen kann man spätestens seit dem Jahr 2006 auch zu der Überzeugung kommen, daß mit dem Erscheinen der drei Bücher über die gruppenevolutionäre Psychologie von Judentum und Antisemitismus von Kevin MacDonald (1994, 1998) und der sie bestätigenden humangenetischen Wende im Menschenbild (2000) auch den eschatologischen Erwartungen des orthodoxen Judentums die Spitze abgebrochen worden ist. Jedenfalls kann man dies den zahllosen Äußerungen von führenden Vertretern des amerikanischen, israelischen und deutschen Judentums, etwa auch von Abbe Foxman, von Deborah Lipstadt, von Steven Pinker und vielen anderen zu dieser Thematik seit dem Jahr 2006 entnehmen. Man kann dies auch entnehmen der Fürsprache des israelischen Botschafters in Berlin für Thilo Sarrazin anläßlich der Sarrazin-Debatte in Deutschland.

Und warum die Spitze abgebrochen? Das jüdische Volk ist nicht nur - wie die katholische Kirche - "Kirche" und "Religionsgemeinschaft". Und es steht und fällt deshalb auch nicht (allein) mit den Eigenschaften seiner Religion, seiner Doktrin (in diesem Fall des Alten Testamentes). Sondern es ist schlicht und einfach auch "Volk". Ein Volk muß nicht - wie eine bloße Kirche oder eine bloße Religionsgemeinschaft - untergehen, wenn sich seine bisher gelebte Religiosität als überholt erwiesen hat. Als nicht mehr zeitgemäß. Die genetische Kontinuität eines Volkes kann auch solche tief einschneidene Kulturumbrüche überstehen. Dies können das chinesische Volk zeigen oder auch die ungebrochene genetische Kontinuität seit der Bronzezeit in Mitteleuropa. 

Und wohl deshalb auch kann man immer wieder Versuche des Anknüpfens religiöser Menschen im jüdischen Volk an vorbiblische Religiosität beobachten. Sie sind sehr verhalten, aber es gibt sie. Denn schlicht als Volk will auch das jüdische Volk - dafür gibt es doch viele Anzeichen - etwaige künftige weltweite kulturelle (und damit auch gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische) Umbrüche überstehen. 

Seine Rabbiner geben sich in ihrer Mehrheit nicht (mehr) einer solchen eschatologischen Erwartung hin wie offenbar immer noch die katholische Kirche, deren "Wahrsager" dem heutigen Papst vorausgesagt haben, daß er "über Leichen" aus dem Vatikan fliehen muß (siehe früheren Beitrag hier auf dem Blog). Wobei man der katholischen Kirche jederzeit die Gesinnung zutraut, daß sie mit sich alles in den Abgrund reißen will. So jedenfalls mutet bislang noch allseits das Handeln dieser katholischen Lobby an, die nur die genetische Kontinuität eines Volkes gelten läßt, nämlich des jüdischen. Der genetischen Kontinuität anderer Völker steht die katholische Lobby nur dann rückhaltlos positiv gegenüber, wenn dieses Volk papsttreu ist bis auf die Knochen.

Und wenn überhaupt, gibt es solche Völker doch eigentlich heute nur noch auf der Südhalbkugel. In den Verlautbarungen christlicher Priesterkasten hört man jedenfalls über den demographischen Niedergang des russischen Volkes oder auch der katholischen Völker Südeuropas wenig Sorge. Von den ehemals protestantischen Völkern Nordeuropas ganz zu schweigen. Eher bezieht sich die Sorge in ihren Verlautbarungen auf den Rückgang des ihnen so kostbaren Priesternachwuchses, der aber nicht im wesentlichen im Demographischen beschlossen liegen dürfte ...

Aber ganz abgesehen von solchen Überlegungen und Einschätzungen: Unter sich verantwortlich fühlenden, den Werten der Aufklärung verpflichteten und nicht bloß hedonistisch denkenden Menschen wird ein "Warten", das - ähnlich wie die Schicksalsgläubigkeit eines Adolf Hitler - darauf setzt, sich "vom Schicksal", von "der Vorsehung" tragen lassen zu können, anstatt selbst das Schicksal handelnd in die Hand zu nehmen, sowieso nicht mehr als unserem heutigen Weltbild angemessen empfunden werden können.

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  1. Martin, Paul C.: Wann kommt der Staatsbankrott. Wirtschaftsverlag Langen-Müller/Herbig, München 1983

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