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Sonntag, 26. April 2020

Warum Wissenschaft?

Wissenschaft für Anfänger
- Die Wissenschaft und ihr Platz in der heutigen Welterfahrung

Wer sich für Philosophie interessiert und innerhalb derselben insbesondere naturwissenschaftsnahe philosophische Ansätze verstehen oder gar nachvollziehen will, sich für sie einsetzen will, muß sich zunächst klar machen, daß es sich bei moderner Philosophie immer nur um eine solche auf wissenschaftlicher Grundlage handeln kann.*)

Aber was heißt "wissenschaftliche Grundlage"?

Wissenschaft ist ein Gemeinschaftsunternehmen vieler Völker, vieler Generationen, ja, ganzer Jahrtausende. Der wissenschaftliche Erkenntnisprozeß erstreckt sich über Jahrhunderte, nein, Jahrtausende. Wissenschaft im engeren, konkreteren Sinne begann in der griechischen Antike. Natürlich können zahllose "Vorläufer" benannt werden (Himmelsscheibe von Nebra, Stonehenge, Astronomie, Zahlen- und Schriftsysteme, Heilkunde der Bronzezeit etc., etc. pp.). Insbesondere ist Wissenschaft aber an Schriftkultur gebunden und an die Weitergabe von Wissen über Schriftdokumente.**)

Ein Gelehrter in seinem Studierzimmer. Ein Gemälde von Justus Juncker, 1754. Heute im Städelmuseum in Frankfurt am Main.

Deshalb bedeutete es einen ungeheuren Einschnitt in der Wissenschaftsgeschichte, als mit Einbruch des Frühmittelalters der größte Teil der bis dahin angesammelten Schriftdokumente der Antike verloren ging. Nur bruchstückhaft sind einzelne Bestandteile der wissenschaftlichen (und natürlich auch Dicht-)Werke der Antike über das Mittelalter hinweg auf uns überkommen. Es beruhte das zum Teil auf andächtiger Pflege dieser Schriftüberlieferung durch einzelne wenige Gelehrte und Schriftkundige, zum Teil im arabischen Raum, zum Teil in Byzanz, zum Teil in diversen europäischen Klöstern und anderwärts.

"Wissenschaftliche Grundlage" heißt weiterhin, daß Wissenschaft immer im Kampf gegen die Unvernunft, gegen den "Glauben", gegen "gefühlte Wahrheiten", gegen Dogmen, gegen Maulkörbe und Denkverbote langsam, Schritt für Schritt an Boden gewinnen konnte. Nur langsam und über lange Jahrhunderte hinweg gewannen Menschen und Völker zunehmend mehr Vertrauen zur wissenschaftlichen Erkenntniswelt. Kam den Menschen anfangs der Blitzableiter als ein abergläubischer Spuk vor, vertrauen sie heute ganz selbstverständlich auf seine Wirksamkeit.

Der Mensch und menschliche Kultur, auch die menschliche Seele wurzeln in "Unwissenschaftlichkeit". Seien wir uns dessen klar.  Was ist damit gesagt? In der Wissenschaft ist am Anfang selten klar, was eigentlich das Ergebnis der Forschung sein wird. In der Wissenschaft tritt immer wieder "Unerwartetes" ein. Man stößt auf Dinge, die völlig unerwartet sind. Warum eigentlich sind sie unerwartet? Weil wir alle in uns bestimmte Vorannahmen über die Wirklichkeit tragen. Von Kindheit an versucht unsere Vernunft, die uns umgebende Welt zu verstehen. Und das kindliche Gemüt nimmt zunächst alles für "bare Münze". Der Weihnachtsmann ist der Weihnachtsmann, der Osterhase der Osterhase. So hat der vorwissenschaftliche Mensch durchgehend gedacht. Man muß, um sich davon zu überzeugen, nur in die "Ilias" des Homer schauen. Oder in die germanischen Heldensagen. Eine Wunder- und Märchenwelt.

Hier hat sich überall die Vernunft und die Seele der Menschen eine Welt so "gebastelt" wie sie ihnen auf den ersten Augenschein hin am schlüssigsten erschien und wie sie sie sich - über ihre noch bestehenden Lücken der Erkenntnis hinweg - märchenhaft "ergänzten". Die Wissenschaft und Philosophie traten demgegenüber zweitausend Jahre lang immer nur wieder als Kräfte der "Entzauberung" auf. Der Blitz wird nicht von Göttern gesendet, sondern kann durch eine simple Metallstange folgenlos in die Erde gelenkt werden. Die ungeheure, gewaltige Kraft des Blitzes ist dieselbe und bietet Anlaß für Erstaunen wie schon immer. Aber diese Kraft ist dem Menschen "beherrschbar" geworden. Und manche Menschen können ja nur das "bestaunen", was ihnen unbeherrschbar erscheint. Aber weiter: Der Teufel, an den Martin Luther noch als einen "Leibhaftigen" geglaubt hat, und nach dem er auf der Wartburg sein Tintenfaß warf, weil er glaubte, dieser wolle ihn verführen, dieser Teufel ist eine Phantasiegestalt, entstammt der Märchenwelt der Menschheitsgeschichte.

Und so können unglaublich viele Dinge unserer alltäglichen Welt durchgegangen werden, deren "Märchenhaftigkeit" wir schon seit vielen Jahrhunderten eingesehen haben, und über die sich der allergrößte Teil der Menschheit heute nicht mehr großartig "aufregt". Es halten sich allerdings zähe Überreste von Aberglaube und Unwissenschaftlichkeit auch in der heutigen, modernen Welt. Soweit ich das erkennen kann, liegt ein Hauptgrund für dieses zähe Weiterbestehen von Aberglaube in der modernen Welt in dem Umstand begründet, daß Wissenschaft gerade in den letzten hundert Jahren komplexer und immer komplexer geworden ist. Es ist hier in der modernen Wissenschaft eine "befremdliche", "abstrakte" Welt entstanden. Allerdings sind sogar für diesen Umstand schon wieder - von Seiten der Wissenschaft - Erklärungen möglich geworden.

Menschliche Erkenntnis stößt an Grenzen 


Die wissenschaftliche Erkenntniswelt ist in Teilen abstrakter geworden, weil sie an die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens gelangt ist. Und auch, weil sie an die beiden Grenzen gestoßen ist jener Kategorien, in die unsere Welt eingeordnet ist, nämlich an die Grenzen von Raum und Zeit. Was für ein ungeheures Geschehen. Wir sind bis zum Allergrößten und bis zum Allerkleinsten vorgestoßen und haben beide male erkannt: Hier geht es nicht weiter. Wir sind bis zum zeitlich Allerlängsten und Allerkürzesten vorgestoßen und haben erkannt: Noch weiter kommen wir nicht. Aber wir erkennen auch: Dort, an den Grenzen unseres Erkenntnisvermögens wird es auffallend komplex und auch - für unseren Alltagsverstand - auffallend "absurd". 

Beispiel: Alles gegenwärtige Sein, alle Materie soll aus dem Nichts entstanden sein. Geht es - für den Alltagsverstand - absurder? Aber andererseits: Haben Philosophen nicht immer schon über das Wechselverhältnis von Sein und Nichts nachgedacht? Welche Steilvorlagen bietet hier die moderne Naturerkenntnis für uraltes philosophisches Denken.

Die Physiker haben erkannt, daß sie dort, an den Grenzen, mit der Mathematik noch ein Stück weiter kommen als sie es auch selbst mit ihrem eigenen Alltagsverstand noch können. Und sie sagen deshalb, daß die Schönheit der modernen Physik nur der wirklich nachvollziehen kann, der die Schönheit der ihr zugrundeliegenden Mathematik nachvollziehen kann. Da wir Alltagsmenschen das nicht können, bleibt uns hier ein Zugang zur Schönheit der Welt versperrt. Unglaublich, daß so etwas im Weltall vorgesehen ist. Daß nur wenige Superkluge eine Schönheit sehen können, "dürfen", die viele andere nicht sehen können. Immerhin, ein Trost: Viele Physiker haben sich schon Jahrzehnte lang bemüht, die Schönheit der Dinge, auf die sie bei ihren Forschungen gestoßen sind, auch denen zugänglich zu machen, die nicht so mathematisch begabt sind wie sie selbst. Aber daß moderne Physik ein wesentlicher Bestandteil unseres Kulturlebens ist oder sein könnte, davon werden nur die wenigsten heutigen Menschen ein Bewußtsein haben.

Allerdings ist ein Bewußtsein davon ein Bestandteil dessen, wenn gesagt wird: Philosophie auf wissenschaftlicher Grundlage. Auch die Philosophie hat ihren gut strukturierten Platz in der Gesamtheit aller Wissenschaften. Sie steht in Bezug zu allen übrigen Wissenschaften, sie steht weder über ihnen, noch unter ihnen, sondern sie kommuniziert auf Augenhöhe mit ihnen. Und sie ist unentbehrlich - auch zur Einordnung der wissenschaftlichen Erkenntniswelt in die Gesamtheit der menschlichen Erfahrung.

Die Wissenschaft ist ein einheitlicher, in sich widerspruchsfreier Bau. Hegel benannte das mit seinem berühmten Satz: "Die Wahrheit ist das Ganze." Wenn Teilbereiche des menschlichen Wissens in logischem oder empirischem Widerspruch stehen zu einem anderen Teilbereich des menschlichen Wissens, ist das ein Hinweis darauf, daß in einem dieser beiden Teilbereiche noch nicht alles vollständig widerspruchsfrei geklärt ist, daß hier noch Dinge vorliegen, die von der Wissenschaft zu klären sind. Die Wissenschaft steht also quasi - soweit sie die Dinge in den letzten Jahrhunderten tatsächlich schon geklärt hat - monolithisch anderen menschlichen Erfahrungsbereichen gegenüber. Sie spricht diesen anderen menschlichen Erfahrungsbereichen gegenüber "mit einer Stimme".  Warum spricht sie mit "einer Stimme"? Weil das, was sie erforscht mit "einer Stimme" spricht, nämlich die Natur.

Die Naturwissenschaft ist immer und immer nur wieder auf die durchgehende Gültigkeit der von ihr erforschten Naturgesetze im gesamten Weltall, im Größten wie im Kleinsten gestoßen. Eine Durchbrechung von gut erforschten Naturgesetzen hat sie niemals feststellen können. Das ist der Grund, weshalb die Naturwissenschaftler in Südamerika mit derselben Stimme sprechen wie die Naturwissenschaftler in Sibirien oder Australien. Die Wissenschaft ist EINES, ist eine Einheit. Man kann sich aus diesem großen Bau der Wissenschaft nicht einen Teil heraus brechen und sagen: Der Rest stimmt schon - aber dieser Teil, da haben sich die Wissenschaftler aber gewaltig geirrt.

Eine Sache um ihrer selbst willen tun


Diese große Macht der Naturwissenschaft wirkt auf all jene, die in ihrem Alltag seltener mit ihr in Berührung kommen, befremdlich. Sie fühlen sich von diesem allmächtigen Erklärungsprinzip eingeschränkt. Sie wollen - womöglich - "auch noch mitreden". In ihrem Bildungsgang hat man sie womöglich selten mitreden lassen, selten nachvollziehen lassen, was da - in der Wissenschaft - eigentlich alles so an umwälzenden Dingen geschieht. Deshalb fühlen sie sich nach und nach "entmachtet". Wie sollen sie noch mitreden können, wenn nur noch Wissenschaftler das Sagen haben? Wenn Wissenschaftler das letzte Wort haben? Wenn Wissenschaftler die Welt "beherrschen"?

Diese monolithische Erklärungskraft moderner Wissenschaft ruft also - weil sie so unerbittlich und monolithisch auftritt - Widerspruch hervor, Widerstreben hervor. Dieses Widerstreben wird aber auch noch durch einen anderen Umstand hervor gerufen: Die große Begeisterung, die Wissenschaftler beflügelt, die unglaubliche emotionale Anteilnahme, die sie bei ihrem Erkenntnisstreben "gepackt" hat, die innere Erfülltheit, die sie bei ihrem Erkenntnisstreben beseelt, all solche sehr menschlichen Dinge, die auch Bezug haben könnten zu wertvollen sonstigen menschlichen Erfahrungen, diese "innere Erfahrungswelt" der Wissenschaft wird nur noch selten an die Öffentlichkeit weiter gegeben.

Wissenschaft wird stattdessen wahrgenommen als würde sie nur um Anwendungen willen betrieben, als ginge es nur um irgendeinen "Nutzen". Der tiefere Antrieb der Wissenschaft ist aber jener Antrieb, der alle wertvolleren menschlichen Handlungen, der alle menschliche Kultur antreibt: eine Sache um ihrer selbst willen tun. Nicht um ihrer Folgen willen. Wissenschaft um der Wissenschaft willen, um der Erkenntnis willen, nicht um daraus irgendeinen persönlichen oder gar wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.

Wer diese so außerordentlich wertvolle und dem sonstigen Kulturleben so außerordentlich nahestehende Seite der Wissenschaft nicht berücksichtigt, wird ihr niemals gerecht werden können. Niemals. Diese Seite der Wissenschaft steht dem Kulturleben nicht nur nahe, nein, sie ist Kernbestandteil von menschlicher Kultur. Wer Wissenschaftler ständig und fortlaufend eigensüchtige Motive unterstellt - was für ein Bild von Wissenschaft würde dann gezeichnet? Ist das nicht eine Herabwürdigung aller großen Wissenschaftler, die jemals gelebt haben - von Aristoteles und Platon an? Sie alle sollen nur eigensüchtige Motive verfolgt haben? Wie flach wäre das Bild, das hier gezeichnet werden würde.  - Soweit erste Überlegungen zum Thema.

__________
*) Die Philosophie ist umgekehrt ja schließlich auch nichts anderes als selbst ein Teil der Wissenschaft.
**) Inzwischen ist erahnbar geworden, daß die Gott- und Weltauffassung des Homer um 700 v. Ztr. und der heidnischen Germanen aus der Zeit zwischen 0 und 1200 n. Ztr. eine gemeinsame bronzezeitliche Wurzel hat, der die schriftliche Überlieferung des Homer deutlich näher zu stehen scheint als die mündliche Überlieferung der heidnischen Germanen über viele Jahrhunderte nach 700 v. Ztr. hinweg.

Donnerstag, 9. April 2020

"Leben zwischen Eis und Felsen"

Ein Forschungsbericht

Eine neue Folge der Zeitschrift "Biologie in unserer Zeit" ist erschienen. In ihr kann man den Bericht lesen zu Forschungen über die Welt der Flechten in der Antarktis. Der Bericht ist öffentlich zugänglich. Er ist verständlich geschrieben (1). Manches Bild ist darin zu sehen von der Landschaft der King George Insel. Es ist dies eine Insel zwischen dem südlichsten Zipfel Argentiniens - und damit Südamerikas - und dem Festland der Antarktis.

Auf einem der Bilder ist zu sehen: Flechten im Vordergrund, im mittleren Bildbereich eine feuchte Senke, darin leuchtendes Moos. Und weit, fern im Hintergrund: Eis, hohe Berge, ewiges Eis. ... . .  .    .   

Gedanke: So muß es auch bei uns in Europa ausgesehen haben. Vor langer Zeit. Nämlich in der Eiszeit, als andere Völker in Europa lebten. Vergangene Völker, untergegangene Völker. 

King George Insel (Wiki)

Und: Auf wie vielen Planeten in unserer Galaxie und weit, weit draußen in Millionen anderer Galaxien, auf wie vielen von ihnen mag es solche Landschaften geben? Eisige, erhabene Berge. Meer. Aufschäumende Wellen am Strand. Tot - oder doch auch: Keime von Leben bergend ... .  .     .

Über Bildersuche "King George Island" kann man sich ein Bild von der dortigen Landschaft und ihrer Vielfalt machen. Eine Fotografie gigantischer als die andere. ... Gemalt, aber: von wem eigentlich? Eindrucksvoll werden sie erst, wenn sie auf Bildschirmgröße vergrößert werden (z.B. gut möglich auf: Wiki Commons, TripAdvisor, Bing Bildersuche).

Und die Gedanken gehen auf Reise ....

... .   .      .   - Am Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine Gruppe von Wehrmachtsoldaten. Sie versteckt sich auf der King George Insel. Immerhin gehören sie zu Argentien. Immerhin sind sie nicht die einzigen Deutschen, die sich zu jener Zeit in Argentinien verstecken ... Einige Wehrmachthelferinnen sind dabei. Und über die Jahrzehnte wächst dort - weitab von der Öffentlichkeit - eine Kolonie heran, völlig unbeachtet, von niemandem erahnt. Keine technischen Geräte, kein Radio, kein Funk. Aber die Erinnerungen. .... Und in jeder der Behausungen noch ein Bild des "Führers", an ehrenvoller Stelle im Wohnzimmer positioniert. Der Irminsul-Leuchter wird aufgestellt zu allen großen Festen des Jahres, sowie zu Lebensfeiern. Gebete zu Thor und Donar, zu Frigga, zu Freia. Wilde Männer in zotteligen Bärten, blond, rauh, der Blick nach innen. Frauen, Kinder auf dem Arm, Kinder neben ihnen, in ihre Rockfalten geschmiegt, fremde Blicke in die Kameras ....

King George Insel (Wiki)

Einen Journalisten hatte es in die Siedlung verschlagen. Rauh war er von den Einwohnern angefaßt worden. Leicht hätte ihn das Schicksal des jungen christlichen Missionars ereilen können, der auf dem Strand von den Einwohnern der Andamanen-Inseln getötet worden war vor einigen Jahren. Tagelang war seine von Giftpfeilen gespickte Leiche am Stand liegen geblieben, verachtet, überspült von den Wellen. Bis ein Patrouillenboot Indiens unter Begleitschutz die Leiche barg. Er hatte gegen die Gesetze Indiens verstoßen. Die Andamanen-Inseln sind Tabu. Unbetretbares, heiliges Land.

Rauh hatten sie ihn angefaßt. "Kerl," hatten sie gesagt in einem Tonfall, der in Deutschland schon lange nicht mehr üblich war, "Kerl - - - " - Filmriß.

Eine so vielfältige Landschaft, die King George Insel. Vereiste Hochgebirge, Eisberge, Pinguine, Seelöwen, Schelfeis, Schotterstrände, rauhe See.

King George Insel (Wiki)

Warum es gerade eine solche Phantasie sein muß, fragte er sich nach Fertigstellung seines Blogartikels. Vielleicht weil eine solche Phantasie den größten Kontrast aufweist zu einer heutigen Gegenwart, also angemessen ist einer so fernen, phantastischen Landschaft, weil aber zugleich gerade mit einer solchen Phantasie auch "ferne Nähe" aufgebaut wird. Vielleicht.

Ferne Nähe.
_____________________
  1. Leben zwischen Eis und Felsen - Biologische Bodenkrusten in der Antarktis Birgit Kanz Burkhard Büdel Patrick Jung Ulf Karsten Christian Printzen, Biologie in unserer Zeit, Volume50, Issue2  April 2020  Pages 122-133, First published: 06 April 2020 https://doi.org/10.1002/biuz.202010702, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/biuz.202010702.
  2. Bading, Ingo: Die Sehnsucht nach der Einsamkeit Alaskas Arved Fuchs - "South Nahanni" (1984) - Ergänzendes zu seinem Buch. 7. Februar 2016, http://studgendeutsch.blogspot.com/2016/02/die-sehnsucht-nach-der-einsamkeit.html.

Freitag, 13. April 2012

Deutschland, ein schönes Land

Besteht ein Zusammenhang zwischen Massentierhaltung, Massenarbeitslosigkeit und Menschenmassen-Wohnorten?

Das Wochenmagazin "Spiegel" fragt im aktuellen Titel vom 7. April 2012: "Was ist Heimat?" Und es bringt dabei eine ganz hübsche Auswahl repräsentativer deutscher Landschaften (Spiegel a, b). Typische Aufnahmen von Berlin (Prenzlauer Berg, Mauerpark) oder Frankfurt am Main sind gegenübergestellt typischen Aufnahmen von "idealen" Landschaften zwischen Nordsee und Alpen. Die letzteren können Erinnerungen und Sehnsucht wecken. Bei den ersteren fragt man sich verwundert, ob man solche Massenwohnorte "Heimat" nennen kann. Im folgenden jedenfalls eine Auswahl.

Prenzlauer Berg - Typisch Berlin
Was aus den Aufnahmen nicht hervorgeht, ist die Tatsache, daß heute oftmals auch in den schönsten, von Menschen seit Jahrtausenden gemeinsam mit Haustieren gestalteten Landschaften "Anstalten" für Massentierhaltung stehen (von denen übrigens auch der Spiegel weiß, allerdings offenbar nicht im Zusammenhang mit dem Thema "Heimat").

Die Ruhr bei Hattingen
Diese Anstalten lassen in einem die Frage aufkommen: Stehen nicht die Phänomene "Massentierhaltung" und "Massenarbeitslosigkeit" in einem ursächlichen Zusammenhang miteinander? Und mit beiden ebenso das Phänomen "Menschenmassen-Wohnorte"?

Hallig Nordstrandischmoor
Massentierhaltung, in der Tiere wie Roboter "gehalten" und behandelt werden und so gut wie nichts Menschliches mehr erfahren, befremdet viele Menschen in hohem Maße. Man macht nicht gerne Spaziergänge in ihrer Nähe. Man will nicht gerne an das erinnert werden, was in ihrem Innern geschieht. Infolge des intensiven Gestankes ist es fast unmöglich, in ihrer Nähe zu wohnen. Sie stehen deshalb zumeist wie Fremdkörper in der Landschaft.

Wattenmeer bei Wangerooge
Viele Menschen sehnen sich nach einem würdevollen Umgang mit Tieren. Wir sind immunbiologisch sehr stark auf das gemeinsame Leben mit einer großen Vielfalt von Haustieren angepaßt. Allergische Krankheiten sind deutlich vermindert bei jenen, deren Mütter während ihrer Schwangerschaft auf einem Bauernhof mit möglichst vielen Tierarten oder auch nur in der Nähe eines Misthaufens lebten. Warum also sollen wir nicht auch heute in modernen Zeiten mit gerade jenen Tieren zusammenleben, von denen wir leben? Warum nicht die menschliche Tierhaltung so einrichten, daß sowohl Menschen wie Tiere dabei ein würdevolles Leben führen?

Heidelberg
Aus der Auswahl der Bilder geht jedenfalls hervor, daß Deutschland ein schönes Land ist, sein kann - wenn man sich nicht gerade in einer Stadt - wie etwa Berlin - befindet oder in der Nähe einer Massentierhaltungs-Anstalt.

Samstag, 3. Juli 2010

Parvus Helphand, Hitler und Morell ...

Die Insel Schwanenwerder in Berlin
Abb. 1: Jugendgästehaus Schwanenwerder

Das Kinder- und Jugendgästehaus Schwanenwerder, betrieben von der Stadt Berlin und einer Trägerschaft, ist ein Geheimtipp für Jugendgruppen oder Betriebsausflüge (1, 2, 3) (siehe Fotos). Mit auffallend günstigen Übernachtungskosten wartet es auf. An so sommerlich warmen Tagen - wie den letzten - ist dieser Ort sehr geeignet zum ausgiebigen, entspannenden Baden im "Badewannenwasser-warmen" Wannsee, zum Tretbootfahren, zum Grillen und für Freizeitsport aller Art.

Abb. 2: Schwanenwerder - Blick auf den Wannsee

Zugleich wird der Besucher darauf gestoßen, sich mit der "Geschichtsträchtigkeit" dieser Örtlichkeit, der Insel Schwanenwerder, auseinanderzusetzen (1, 2, 3). 

Wenn die Villenviertel von Schmargendorf, Dahlem, Nikolassee oder Wannsee schon vor dem Ersten Weltkrieg innerhalb Berlins zu den ersten Adressen der Wohlhabenden zählten, wenn dort die Rathenaus in der Nähe der Verlegerfamilie Fischer wohnten und nicht weit davon wiederum Angehörige des deutschen Widerstandes gegen Hitler oder die Nietzsche- und Rilke-Freundin Lulu von Strauß und Salome, so muß eine solche "Betuchtheit" hinsichtlich der Insel Schwanenwerder offenbar noch dreimal so stark betont werden. 

Abb. 3: Schwanenwerder, Blick auf den Wannsee

Über dieses schöne Stück Berlin ist unter anderem zu erfahren (1):

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Insel zu einem Refugium für wohlhabende Kaufleute, Industrielle und Bankiers. So ließen sich etwa die Warenhausbesitzer Berthold Israel und Rudolph Karstadt auf der Insel nieder. Bankdirektoren wie Schlitter, Goldschmidt, Salomonsohn und Solmssen ließen sich auf Schwanenwerder ebenso prachtvolle Landsitze errichten wie der Generaldirektor der Schultheiss-Patzenhofer Brauerei, Walter Sobernheim oder der Inhaber der Schokoladenfabrik „Trumpf“, Richard Monheim. Nach Krieg und Inflation verschwanden viele angesehene Namen (...). Neue Einwohner Schwanenwerders wurden nun Kriegsgewinnler, neureiche Aufsteiger und stadtbekannte Spekulanten wie etwa der Wettbetrüger Max Klante, der in kürzester Zeit auf den Berliner Rennbahnen ein Vermögen gemacht und es ebenso schnell wieder verloren hatte.

Doch viel bedeutender war wohl noch der Finanzier Lenins und der russischen Revolution, der Parvenü Parvus Helphand (Wiki), sicherlich einer der berühmt-berüchtigtsten Bewohnern dieser Insel, neben so vielen anderen:

Auch die Brüder Julius und Henry Barmat, die durch Millionenanleihen bei öffentlichen Kreditinstituten einen Konzern mit Niederlassungen in ganz Europa aufgebaut hatten, residierten auf der Insel. Beim Zusammenbruch des Barmat-Konzerns Mitte der zwanziger Jahre wurde ein Korruptionsskandal ungeheuren Ausmaßes öffentlich, der sich zu einer Staatsaffäre ausweitete. Völkisch-nationale Kreise nutzten die jüdische Herkunft mancher Inselbewohner für ihre antisemitische Hetze gegen die „Judenrepublik“ im allgemeinen und die Reichen auf „Barmatwerder“ im besonderen.

Auf Parvus Helphand folgten Goebbels, Hitler und Morell 

Nach 1933 wurden diese Grundstücke "arisiert" und Josef Goebbels wiederum und andere "Größen" einer anderen Zeit erwarben hier ihre Villen. Über das so schön gelegene und erholsame Kinder- und Jugendgästehaus ist zu erfahren:

Villa und Gründstück des jüdischen Bankdirektor Salomonsohn in der Inselstraße 20/22 wurden 1939 von der Reichskanzlei erworben und sollen angeblich für Hitler persönlich reserviert gewesen sein. Auf dem Nachbargrundstück hatte sich sein Leibarzt Theodor Morell niedergelassen. Auch er war 1939 durch die „Arisierung“ zu diesem Besitz gelangt: Villa und Grundstück hatten dem Bankier Georg Solmssen gehört.

Die Salomonsohn-Villa wurde im Gegensatz zu vielen anderen Villen der Insel nicht abgerissen und ist deshalb heute noch im ursprünglichen Zustand erhalten:

Ganz im Zeitgeist der fünfziger bis siebziger Jahre wurden viele Villen und Nebengebäude auf der Insel abgerissen und Neubaupläne genehmigt, so daß heute kaum noch etwas an den einst mit noblen Villen durchsetzten Landschaftspark erinnert.

Ein unheimliches und zugleich schönes Stück Berlin: die Insel Schwanenwerder, die bis zum Beginn des 20. Jahrhundert noch ganz unbebaut war und schlicht "Sandwerder" hieß.

Dienstag, 26. Januar 2010

Die Amischen - einige Filmdokumentationen

Was für uns Europäer die naturverbundenen Alpenbewohner sind, die traditionell lebenden Bergbauern (soweit es sie noch gibt) mitsamt den ihnen eigenen "Postkarten-Idyllen", das sind für die US-Amerikaner die "Amish-People", genauer die "Old-Order-Amish" mit ihrer naturverbundenen Lebensweise, mit ihrer Pferde- und Fußgänger-dominierten Lebens- und Wirtschaftsweise, mit ihren vielen Kindern, eben: diese heile Welt.

Aber auch wer sich mit der menschlichen Religiosität aus evolutionärer Perspektive befaßt, der wird ziemlich bald auf den Zusammenhang von Religiosität und Kinderzahl stoßen, wie er insbesondere von dem Religionswissenschaftler Michael Blume thematisiert worden ist. Und auch auf dem Blog "Studium generale" ist das Thema Religionsdemographie schon sehr häufig behandelt worden. Auch etwa anhand der "religiösen Gruppierung" der Anthroposophen kann die Auswirkung von Religiosität auf überdurchschnittliche Kinderzahlen erforscht werden.

Eines der klassischen Beispiele jedoch für den Zusammenhang zwischen Religiosität, Kinderzahl und die Gruppen-stabilisierende Funktion von Religiosität ist die religiös-ethnische Gruppierung der Amischen, bzw. "Amish-People" in Nordamerika. Nach den "Hutterern" sind sie mit durchschnittlich sieben bis acht Kindern pro Frau, bzw. Mann die kinderreichste und sich am schnellsten verdoppelnde Bevölkerungsgruppe weltweit.

Leben in Mehrgenerationenhäusern auf dem Land

Und das, so möchte man sagen, "obwohl" sie Deutsche sind. Denn die sogenannten "Old-Order"-Amischen sprechen noch heute Deutsch als Muttersprache. Sie leben in "Mehrgenerationenhäusern" auf dem Land als Landwirte. Langzeitarbeitslose gibt es bei ihnen nicht. Auf einem Bauernhof, der nicht durchgängig mit modernen Maschinen betrieben wird, werden viele Arme gebraucht.

Sicherlich lebt die Mehrheit der Amischen in Nordamerika sinnvoller als die Mehrheit der Langzeitarbeitslosen und der alleinerziehenden Mütter in Deutschland. Darüber könnte auch einmal etwas gründlicher nachgedacht werden.

Auf "Studium generale" sind ja die Amischen schon häufiger behandelt worden (a, b, c, d, e, f, g). Auch Wikipedia gibt ausführlich Auskunft über diese interessante religionssoziologische Erscheinung.

Im Weltnetz sind nun in den letzten Monaten einige Dokumentar-Filme über die Amischen frei zugänglich geworden (s. a. Wikip.), auf die mit diesem Beitrag hingewiesen werden soll (1 - 5). Dokumentarfilme können oft noch einen besseren Eindruck von vielen Lebenszügen einer solchen Kultur wie der der Amischen vermitteln, als bloß Bücher, Berichte oder Fotos. Auch dann noch, wenn sie das Filmverbot der Amischen berücksichtigen und nur aus der Ferne filmen.

Die besten zugänglichen Dokumentarfilme sind leider auf Englisch. Dazu gehört "The Amish - A People of Preservation", eine Dokumentation, die offenbar schon in den 1970er Jahren entstanden ist (1). Dies ist ein sehr berührender Film. Er ist auch unter der Beratung des Soziologie-Professors John A. Hostetler entstanden, der das Standard-Werk zur soziologischen Erforschung der Amischen verfaßt hat. Und dieser Film ist offenbar, wenn man es recht versteht, im Jahr 2000 überarbeitet und aktualisiert worden (a, b, c).

Ein weiterer, sehr schöner Film, in dessen Mittelteil über längere Strecken die Geschichte der Amischen vielleicht allzu trocken rekapituliert wird - was man auch überspringen kann -, entstand 1998 (2). Auch er ist auf Englisch. Im gleichen Jahr entstand jedoch auch ein sehenswerter deutschsprachiger Dokumentarfilm (3).

Wenn der religiöse Gruppenzusammenhalt verloren geht ...

2008 und 2009 sind nun außerdem noch eine deutschsprachige und ein englischsprachige Dokumentation entstanden (4, 5), die vor allem über Familien berichten, die im Umbruch stehen zwischen einem traditionellen, gemeinschaftsbetonten "Old-Order-Amischen" Lebensstil, den eine neue Generation innerhalb dieser Familien in Teilen kritisch sieht, und dem modernen Lebensstil. Zwischenstufen zwischen beiden gibt es interessanterweise immer weniger.

Es rühren einen die hier dargestellten Probleme unglaublich "modern" an. Mit einem Schlag ist die Welt nicht mehr "amisch", sondern anders.

Diese Filme vermitteln dann also nicht mehr nur jene rundum "heile Welt", den die älteren Dokumentationen vermittelt haben, und die man auch einmal in ihrer Wirkung für sich stehen lassen könnte. Denn die Zahl der Abtrünnigen bei den "Old-Order"-Amischen ist in den letzten Jahren eher zurückgegangen denn gestiegen (siehe ältere Beiträge). Insofern dürften diese beiden letzten Dokumentationen nicht repräsentativ für die Old-Order-Amischen von heute sein. Nur lassen sich eben noch heute "abtrünnige" Amische eher interviewen, als solche, die nicht abtrünnig sind. Schon dieser Umstand für sich selbst berührt einen schmerzhaft: So redselig wie diese Abtrünnigen sind wir ja alle.

Dazu mu3ß man nicht mehr "Amischer" sein ...


Film-Dokumentationen (1975 - 2009):

1. Ruth, John L.: The Amisch - A People of Preservation. Film, 56 Min., Heritage Productions 1975, 1991, 2000. Auf: Veoh.com, auch auf Folkstreams. [24.1.10]
2. Gattuso, James A. Jr.: Reflections of Amish Life. Film, 59 Min., E.I.V. Book & Video Productions, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
3. Berger, Eva-Maria: Die Amish. Ein Bauernhof für unsere Kinder. Film, 59 Min., ORF/3Sat, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
4. Wegner, Wolfgang: Gottes stille Rebellen. Die Amish in den Rocky Mountains. Film, 28 Min., DOC-Team-Productions (ARD/MDR) 2008. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
5. Tait, Andrew: Trouble in Amish Paradise. Film, 60 Min., BBC 2, 2009. Auf: Veoh.com. Siehe auch eigene --> Netzseite zu diesem Film.

Dienstag, 19. Januar 2010

Füße

Abb. 1: Füße von kenianischen Jugendlichen, die noch niemals in ihrem Leben Schuhe getragen haben - die aber täglich rund 20 Kilometer laufen.

Füße von Menschen, die seit Geburt nie anders als barfuß gelaufen sind, wurden wissenschaftlich untersucht in "Nature", 28.1.10 (a,b):
Ihre Füße sind gesund und kräftig. Und bis vor kurzem sahen die Füße aller Menschen so aus.
Und die Schweizer Seite "Laufanalyse" faßt zusammen:
Laut einer Studie in Fachmagazin "Nature" ist Barfusslaufen gesünder als mit Schuhen. Denn Barfussläufer landen meist mit der vorderen Partie des Fusses, was den Druck besser abfedert. Dagegen kommen drei Viertel der Läufer mit Schuhen auf der Ferse auf, die bei jedem Schritt auf einer nur münzengrossen Fläche das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts auffangen muss. Selbst gute Laufschuhe können den entstehenden Schock nicht abfedern, was zu Abnützungserscheinungen führt.
Abb. 2: Links ein Kalenjin-Mädchen ohne Schuhe (Vorderfuß), rechts ein Kalenjin-Junge mit Schuhen (Ferse) (Die Kalenjin sind die besten Langstreckenläufer der Welt.)

(Siehe auch NZZ.)

Samstag, 18. Juli 2009

"Lächerlich optimistisch": Pat Brown

"... aber Sie - Sie wollen eine Revolution!"

In "PLoS Genetics" ist ein Interview erschienen mit dem Genetiker Pat Brown. (PLoS Genetics)

- Er war und ist eine treibende Kraft der "Open Access"-Bewegung in der Wissenschaft. "Wo würde Jesus veröffentlichen?", fragt gleich ein Poster an seiner Tür. - Aber es gab und gibt auch viele andere spannende Projekte in seinem Leben. In seinem nächsten Forschungsfreisemester will er sich damit beschäftigen, wie eine der umweltschädlichsten Wirtschaftsformen des Menschen gegenwärtig auf der Erde - nicht die Kernkraft, nicht die Autos, nicht die Flugzeuge, sondern: Tierzucht - drastisch zurückgefahren werden kann in der nächsten Zukunft.

Die immensen Umwelt- und Klimakosten, die die Tierzucht heute mit sich bringt, müssen einfach auf die Preise für Fleisch mit angerechnet werden, sagt Pat Brown. Und zugleich müssen sinnvolle Nahrungs-Alternativen zu Fleisch angeboten werden. Und um diesen Gedanken gründlich zu durchdenken und für ihn weiter Werbung zu machen, dafür will Pat Brown sein nächstes Forschungsfreisemester benutzen, dieser Gedanke ist sein "nächstes großes Projekt", nach vielen anderen, im Interview erörterten. In den Worten von Pat Brown selbst:
"The gist of my strategy is to rigorously calculate the costs of repairing and mitigating all the environmental damage and make the case that if we don't pay as we go for this, we are just dumping this huge burden on our children. Paying these costs will drive up the price of a Big Mac and consumption will go down a lot. The other thing is to come up with yummy, nutritious, affordable mass-marketable alternatives, so that people who are totally addicted to animal foods will find alternatives that are inherently attractive to eat, so much so that McDonald's will market them, too. I want to recruit the world's most creative chefs—here's a REAL creative challenge!"
Das ist übrigens der gleiche Gedanke, der überall verwirklicht werden muß, wo sich Egoismus und Gedankenlosigkeit austoben zum Schaden künftiger Generationen und zum Schaden des Fortbestandes von menschlichen Kulturen überhaupt: Diese Schädigungen müssen einfach über die Preise den Menschen berechnet werden, sie müssen ihnen über die Preise unmittelbar "spürbar" werden. - Die gleiche Rationalität steckt beispielsweise auch hinter der Forderung nach einem klar und leicht nachvollziehbar strukturierten Familienlastenausgleich. Auch hier müssen die real vorhandenen Kosten, die Kinderlosigkeit und Kinderarmut mit sich bringen, auch von jenen voll und ganz gespürt werden, die eben kinderlos und kinderarm sind. Und das ist eben nur dadurch möglich, so wurde auf "Studium generale" schon vielfältig erörtert, daß Eltern ein Erziehungsgehalt gezahlt wird, das von Kinderlosen und Kinderarmen vollgültig mitzufinanzieren ist. Da Kinderlose von der Tatsache, daß andere Menschen Kinder haben, mehr profitieren, als daß Leistungen dafür erbringen.

- Der Interviewerin Jane Gitschier jedenfalls fällt auch sonst dauernd nur der Kinnladen herunter bei jedem neuen Projekt, das Pat Brown in den Sinn kommt.
"Fühlen Sie sich denn nicht auch manchmal lächerlich optimistisch?",
wird sie schließlich umgekehrt von Pat Brown gefragt. Und sie antwortet:
"Ich? Ja, manchmal. Ich habe durchaus auch so die eine oder andere wilde Idee. Aber Sie - Sie wollen eine Revolution."
Auch sonst hat Pat Brown so manches zu erzählen aus seinem Leben. Von ehrgeizigen Forschungsanträgen mit weitreichenden Perspektiven. In den 1990er Jahren hat er viel mit der Leistungssteigerung der genetischen Sequenziermethoden zu tun gehabt. Dort ist er fachlich zu Hause. Und noch mit allerhand anderen Dingen mehr. Aber man lese doch einfach selbst ... Leute, die Revolution wollen, trifft man viel zu selten, als daß man sich das entgehen lassen sollte.

Freitag, 3. Juli 2009

Deutschland, repräsentiert auf einer Briefmarke

"2000 Jahre Varusschlacht". Eine neue Briefmarke, die das Bundesfinanzministerium herausgebracht hat im Gedenken an die Schlacht bei Kalkriese zwischen Wiehengebirge und "Großem Moor" im Jahre 9. n. Ztr. gegen die römischen Okkupanten.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Das Volk der Batwa ...

... der Schutz der Berggorillas und Dian Fossey

Dritter Beitrag zum Jahr des Gorillas 2009

Eines der Hauptprobleme für das Überleben der Berggorilla's in den letzten Nationalreservaten der Virunga-Vulkane in Zentralafrika (s. auch Stud. gen. 1, 2) sind - auch heute noch - die sogenannten "Wilderer", die Fallen stellen und immer wieder einmal auch Gorillas töten, um sie - oder auch nur Körperteile von ihnen - auf Märkten zu verkaufen. Auch europäische Zoos haben sich in der Vergangenheit ihrer Dienste bedient, um sich von ihnen lebende Gorilla-Baby's fangen zu lassen (worüber Dian Fossey die Weltöffentlichkeit aufrüttelte). Heute werden - sogar mit Gewehren bewaffnete - Patrouillen durchgeführt (siehe Gorillafund.org), um diese Wilderer von ihrem Wildern abzuhalten, um ihre Fallen einzusammeln, die auch für Gorillas tödlich sein können, um die Wilderer gegebenenfalls gefangenzunehmen und vor Gericht zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilen zu lassen.

In den Büchern von und über Dian Fossey tauchen diese Wilderer zumeist als Verbrecher und Gesetzesbrecher auf, da sie die Gesetze über die Nationalparks nicht einhalten und in diesen "ungesetzlich" wildern. Obwohl Dian Fossey sich der Umstände bewußt ist (siehe z.B. F. Mowat, 7. Kap.), werden sie von ihr doch selten stark fokussiert: Diese Wilderer stammen alle aus dem Stamm der Batwa-Pygmäen (auch "Twa"), der ältesten Bewohner dieser Region (siehe Wikipedia). Sie lebten über Jahrzehntausende in diesen Wäldern als Jäger und Sammler. Diese Wälder sind also ihr Land. Sie wurden - offenbar - seit dem 1. Jahrhundert n. Ztr. von zuwandernden Bantu-Ackerbauern (den Hutu) in Rückzugsgebiete in die Berge verdrängt - ebenso wie die Gorilla.

Verdrängung seit 2.000 Jahren

Als die Bantu-Ackerbauern von den zuwandernden Rinderhirten-Stämmen der Tutsi (Watussi) unterworfen wurden (offenbar im 15. Jahrhundert n. Ztr.), nahmen und nehmen die unzähligen weidenden Rinder noch einmal erneut den Gorillas und den Batwa Lebensraum in den Wäldern weg. Viele Batwa lebten seitdem an den Königshöfen der Tutsi als Bedienstete, vor allem als Töpfer. Viele haben sich auch als Fischer an den Seen angesiedelt. Daraus ergibt sich ihre heutige Verbreitung, siehe die folgende Karte:

Die Batwa werden bis heute von der Mehrheitsbevölkerung der Hutu diskriminiert und benachteiligt. Über 30 % von ihnen kamen während des Völkermordes in Ruanda 1994 um's Leben. - Zur Haltung von Dian Fossey gegenüber den Batwa sollte übrigens auch bemerkt werden, daß sie während einer Weihnachts-Party für ihre einheimischen Bediensteten einer Batwa-Frau Geburtshilfe leistete, weil diese Hilfeleistung von den anderen anwesenden Frauen abgelehnt wurde.

Ein Video (hier) gibt einen ganz guten Eindruck von dieser Bevölkerungsgruppe der Batwa und von ihrer heutigen Situation in Uganda. Es berührt schon eigenartig, daß wir Menschen in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten in unserer Fokussierung auf das Überleben der letzten Berggorillas jenen Menschenstamm, der Jahrtausende lang mit diesen Berggorillas zusammenlebte und die Heimat teilte, ganz aus den Augen verloren haben. Dabei sieht man in dem obigen Video durchaus auch reife, erfahrene, eindrucksvolle Menschen eines Stammes, der sich seit Jahrtausenden in Koexistenz mit anderen Stämmen erhalten hat. Und ist es nicht aufwühlend zu erfahren, daß diese Menschen noch heute lieber in den Wäldern leben würden, als seßhaft Ackerbau zu treiben - wenn sie es denn könnten?

Sonntag, 24. Mai 2009

Berggorillas - bedroht von Krieg, Armut, Chaos, Gesetzlosigkeit

Zweiter Beitrag zum Jahr des Gorillas 2009

Über das Leben und Wirken der Gorilla-Forscherin Dian Fossey gibt es inzwischen eine ganze Anzahl von wertvollen Büchern. Zunächst das bekannte von Dian Fossey selbst (1983), dann die ruhige und sachliche, unwahrscheinlich spannende Biographie von Farley Mowat (1987), dann die ebenfalls informationsreiche aber z.T. sehr schief beleuchtende Biographie von Harold Hayes (1989) oder auch der besonders schön bebilderte Band von Camilla de la Bédoyère (2005). Dies sind nur einige der wichtigsten. Außerdem gibt es Dokumentar-Filme (etwa Stud. gen.).

Wenn man sich nun mit diesen ein wenig beschäftigt hat, ist man dringend daran interessiert, wie es eigentlich um die heutige Situation der Berggorillas in den Virunga-Vulkan-Bergen bestellt ist. Selten genug wird in den Medien darüber berichtet. Oder man hat bislang nicht ausreichend auf die Berichterstattung geachtet.

Auf der Seite von "National Geographic" findet sich ein kleiner Film, der einem eine Fülle von Eindrücken und Anhaltspunkten dazu gibt, wie kompliziert und verschachtelt und wie bedroht überhaupt die Erhaltung der Berggorillas derzeit - und schon seit vielen Jahren - in den zentralafrikanischen Staaten ist. (National Geographic) Es ist unter anderem ein verrückter, wahnsinniger Holzkohle-Handel, der derzeit eine große Rolle spielt.

Aus den die Vulkanberge umlagernden Flüchtlingslagern strömen die Menschen
zu Massen in das Naturschutzreservat und fällen dort illegal Bäume, um sie zu Holzkohle zu verarbeiten (siehe Säcke auf dem Foto).


Auch geben Forscher derzeit offenbar Dian Fossey immer mehr recht, die ahnte, daß auch der "Gorilla-Tourismus", der von vielen Menschen, die die Berggorillas erhalten möchten, als Lösung angesehen wurde oder wird, nicht wirklich eine Lösung ist, da - u.a. - durch den häufigen Kontakt mit fremden Menschen die Gorillas mit tödlichen Krankheiten angesteckt werden. (bdw)

Man kann einen Newsletter zur jeweils aktuellen Situation der Berggorillas abonnieren (Gorillafund.org). Und es gibt auch ein deutschsprachiges "Gorilla-Journal". (Berggorilla.org) Und es gibt einen Blog ("Gorillas in Peril").

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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