Samstag, 24. April 2021

#allesdichtmachen

Diese Aktion ist nur Symptom

Eine solche Aktion wie #allesdichtmachen (Wiki, Yt) kann inzwischen als etwas ganz anderes wahrgenommen werden als was sie vordergründig gemeint ist. 

Nämlich als ein tiefes Unbehagen über das Leben in unserer Gesellschaft ganz allgemein. Und über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft ganz allgemein.

In vielen Menschen herrschte schon vor der Corona-Krise subkutan - oder auch bewußt - das Gefühl vor, daß hier und heute und in unserem Leben - ganz allgemein - etwas ganz gewaltig schief läuft. Es war und ist aber etwas, das wieder und wieder nicht so richtig konsensstiftend zu formulieren ist. Warum es konsensstiftend so schwer oder gar nicht zu formulieren ist (da uns offenbar alle Worte fehlen oder aus dem Munde genommen sind), ist vermutlich dabei schon das Hauptproblem: Wir reden nicht mehr über unsere Probleme so wie die Probleme sind. Sondern wir reden nur noch so über sie, wie sie uns von den Medien aufbereitet werden.

Und das ist ein Unterschied.

Da in unserer Gesellschaft heute leichter, unbeschwerter und deshalb mehr Menschen hinsichtlich von Medizin-Themen zu einem Konsens finden können als hinsichtlich von irgendwelchen politischen oder kulturellen Themen, transponieren heute so viele Menschen ihr Unbehagen auf ein solches Medizin-Thema.

Und wenn das jetzt selbst angesehene, hoch begabte Schauspieler gemeinsam tun, ... Freunde, dann darf man sich schon einmal einen Ast lachen.

Denn dann wird erst die Ohnmacht der Kulturschaffenden einer Gesellschaft, einer Nation in vollem Ausmaß deutlich. Wenn nämlich ein gemeinsames Unbehagen nur noch in solchen Formen und bei solchen Themen Ausdruck finden kann. Wie heißt die Aufforderung, die Friedrich Schiller insbesondere an jene Gruppierung von Menschen gerichtet hat, die sich in dieser Aktion Ausdruck verliehen hat?

Den Künstlern
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben.
Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.

Was Schiller hier sagt, wissen all diese Künstler auch. Aber das genannte Unbehagen beschleicht einen doch zum Beispiel schon bei fast 90 Prozent all jener Produktionen, innerhalb derer all diese Schauspieler und Künstler ihr Geld verdienen. Und sie wissen doch, mit wieviel Berechtigung.*)

Auch #allesdichtmachen ist deshalb nur ein Symptom. Für sehr viel tieferliegende und grundlegendere Dinge.

In Dikaturen redet man nur noch über harmlose Dinge. Und meint ganz anderes. Ist das heute auch so?

Abschließend: Auch ich unterstütze die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.**) 

Einer der Strippenzieher heißt: Dietrich Brüggemann

Ergänzung 25.4.2021: Nachdem anfangs kritisiert wurde, daß bei dieser Aktion "dumme" Schauspieler erstmals ihren eigenen Text in die Kamera sprechen würden, statt einem für sie geschriebenen - natürlich viel "intelligenteren" - Drehbuch-Text zu folgen, wird nun bekannt (1), daß einer der Initiatoren dieser Aktion niemand geringerer ist als der sehr angesehene Drehbuch-Autor Dietrich Brüggemann (geb. 1976) (Wiki). Und sein Beitrag ist auch inhaltlich fast noch der beste, jedenfalls der sehr auffallende in dieser Aktion ....

Und noch mehr fällt auf, daß er Kritikern intellektuell oft haushoch überlegen ist (2). Wenn man ihn als einen der Strippenzieher dieser Aktion wahrnimmt, versteht man auch die inhaltliche "Zusammenstellung" dieser Videos besser, sozusagen die "innere Freiheit", die in ihnen herrscht.

Brüggemann sagt übrigens im Nachgang auch manches sehr Nachdenkenswerte über Kunstformen wie Komödie und Travestie und über das Verhältnis zwischen Künstler und Zuschauer (2). Es könnte auch mancherlei geben, das einen bereit sein läßt, manches Sachargument von Dietrich Brüggemann zur Corona-Krise ernst nehmen zu wollen. Er verweist etwa auf den Mediziner Matthias Schrappe (2).

Weitere Stellungnahmen von Dietrich Brüggemann auf seiner Twitter-Seite (3-5) (gegenchronologisch). Fast ebenso gut ist übrigens das Video von Hanns Zischler ("Ich distanziere mich") (6).

_______

*) Allein die Reihe "Babylon Berlin". Wer denkt sich so etwas aus? So etwas Scheußliches, Ekelhaftes? Und so etwas wird gefeiert? Kein Wunder, daß Schauspieler, die durch so etwas "berühmt" werden, auch "sonst" nicht mehr alle an der Klatsche haben. Kein Wunder.
**) Wie schön, daß schon allein dieser letzte Satz - durch diese Aktion - zur reinen Farce geworden ist. Und recht so, daß er es geworden ist. Das darf man auch dann sagen, wenn man sich über die sachlichen Grundlagen dieser Corona-Maßnahmen mit der Bundesregierung völlig einig ist. Und die Ursache liegt in folgendem Umstand beschlossen: Da alles verlogen ist, was diese Regierung sonst tut, kann man selbst etwas, was halbwegs vernünftig ist, nur noch als verlogen wahrnehmen. Weil man es - wiederum - nur als "Schminke" wahrnehmen kann. Und verlogen ist es schon deshalb, weil alle Vorgänge rund um die Impfstoff-Produktion ja geradezu zum Himmel schreien ...... [Anmerkungen ergänzt, überarbeitet 13.5.2021]

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  1. Laufer, Daniel: #allesdichtmachen, 25.4.2021, https://netzpolitik.org/2021/allesdichtmachen-auf-die-fresse/
  2. Brüggemann, Dietrich: Können Sie dazu Stellung beziehen?, 24.4.2021, https://d-trick.de/blog/koennen-sie-dazu-stellung-beziehen/, https://twitter.com/dtrickb/status/1385874750447267842
  3. https://www.n-tv.de/leute/Regisseur-von-allesdichtmachen-Dietrich-Brueggemann-Wir-unterwerfen-uns-absurden-Regeln-article22512402.html
  4. https://twitter.com/dtrickb/status/1386004966079401987
  5. https://twitter.com/MatzeG13/status/1385499311119626240
  6. https://twitter.com/dtrickb/status/1385482312138166272
  7. Hanns Zischler: "Ich distanziere mich", 22.4.2021, https://youtu.be/rfmwnVx7DNk.

Mittwoch, 14. April 2021

Zuspruch

 

Herr! schicke, was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
Aus deinen Händen quillt.
 
                                                E. Mörike 
 
 
Abb. 1: Wald-Gelbstern (W)

 
 
***



Abb. 2: Handschrift von Eduard Mörike - Aus Literaturarchiv Marbach (Quelle)

 
***
 
Einsam und verlassen

Kamid, wie erträgst du
das Fehlen der Liebsten?

Sie ist von dir gegangen,
du bist hier geblieben.

Nimm eine Pfeife
und ein Pfund Tabak
mit in die Länder,
in die du jetzt ziehst!
 
(Gedicht der Tuareg)
 
 
***
 
 
Ein bischen Freude.

Wie heilt sich ein verlassen Herz,
Der dunkeln Schwermuth Beute?
Mit Becher-Rundgeläute?
Mit bitterm Spott? Mit frevlem Scherz?

Nein. Mit ein bischen Freude!

Wie flicht sich ein zerrissner Kranz,
Den jach der Sturm zerstreute?
Wie knüpft sich der erneute?
Mit welchem Endchen bunten Bands?

Mit nur ein bischen Freude!

Wie sühnt sich die verjährte Schuld,
Die bitterlich bereute?
Mit einem strengen Heute?
Mit Büßerhast und Ungeduld?

Nein. Mit ein bischen Freude!

Conrad Ferdinand Meyer

















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