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Samstag, 24. September 2016

Armenier und Deutsche - Wenn es um Völkermord geht, gibt es noch immer "zweierlei Maß"

Das Beispiel des 2008 entdeckten Massengrabes in Marienburg in Westpreußen
- Neuere Entwicklungen
Der Deutsche Bundestag verneigt sich vor den Opfern der Vertreibungen und Massaker an den Deutschen und anderen Minderheiten in Osteuropa, die im Jahr 1945 ihren Anfang nahmen. Er beklagt die Taten der damaligen britischen, US-amerikanischen, sowjetischen, polnischen, tschechischen, serbischen, Regierungen, die zur fast vollständigen Vernichtung der Deutschen östlich der Oder, des Bayerischen Waldes und der Karawanken geführt haben. (...) In Absprache mit den damaligen Regierungen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, aufgrund ihrer duldenden Hinnahme  und im Auftrag der damaligen sowjetischen, polnischen, tschechischen und serbischen Regimes und Exil-Regierungen begannen in London, Washington und Moskau um 1940 herum die Planungen zur planmäßigen Vertreibung von 15 Millionen Deutschen und zur Vernichtung von über 2,5 Million Deutschen. [...] Der Bundestag bedauert die unrühmliche Rolle der britischen und der US-Regierung, die als militärische Hauptverbündete der Sowjetunion trotz eindeutiger Informationen auch von Seiten britischer und US-amerikanischer Diplomaten und Beobachter über die organisierte Vertreibung und Vernichtung der Deutschen nicht versucht hat, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen.
Diese Resolution des Deutschen Bundestages hat es - unseres Wissens nach - bis heute nicht gegeben. Es hat auch keine vergleichbare Resolution gegeben. Wohl aber hat es eine Resolution des Deutschen Bundestages sehr ähnlichen Wortlautes gegeben. Und zwar vom 16. Juni 2016 zu dem Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 und 1916 (Wiki). Der Wortlaut dieser Resolution lässt sich, wie im eben gebrachten Zitat gezeigt, sehr zwanglos auf den Völkermord an den Deutschen zwischen 1945 und 1950 anwenden.

Abb. 1: Flüchtlingstreck in Danzig, 20./21. Februar 1945 (Wiki)
Überhaupt aber dürfte ein Vergleich zwischen den beiden Wikipedia-Artikeln "Völkermord an den Armeniern" und "Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950" manche Einsichten bereit halten. Obwohl auch der letztere Artikel den Begriff "Völkermord" nicht für unangemessen hält zur Bezeichnung der von ihm behandelten Geschehnisse*), taucht dieser Begriff im Titel des Artikels nicht auf. (Auch nicht in den parallelen anderssprachigen Wikipedia-Artikeln.) Der erstere Artikel (zu den Armeniern) enthält einen sehr ausführlichen Abschnitt "Heutige Bewertung der Ereignisse", unterteilt nach Ländern weltweit. Der letztere Artikel enthält einen damit zu vergleichenden Abschnitt "Die Debatte über den Vertreibungsbegriff seit 1950". Dieser Abschnitt befasst sich mit einer fast ausschließlich innerdeutschen Debatte.

Erinnert einen dies nicht an irgendetwas? Ach ja: Diese Dinge sind geleitet von - Verzeihung! - "sekundärem Antigermanismus". Nämlich von der Vorstellung, die betroffenen Deutschen wären selbst schuld gewesen an dem an ihnen begangenen Völkermord. Und "sekundärer Antigermanismus" führt in keiner in deutschen Parlamenten vertretenen politischen Partei zu einem Fraktions- oder Parteiausschluss-Verfahren.

Abb. 2: Marienburg/Nogat - Hohe Lauben und Markt (Historische Postkarte)
Das Schicksal der Hereros in Südwestafrika und der Armenier in der Türkei ist deutschen Politikern, Journalisten und Akademikern also mit Recht sehr wichtig. Für das Schicksal von Deutschen im Jahr 1945 und danach bringen deutsche Behörden, Wissenschaftler und Journalisten dagegen nur auffallend wenig Interesse auf. Um der Armenier willen legt sich unser Staat mit der Türkei an. Unser Staat macht das zur "Chefsache". Angela Merkel selbst ist damit befasst.

Niemand aber legt sich um solcher Dinge willen mit irgendeinem der heute mit Deutschland sonst noch so befreundeten Staaten und Länder an. Unser Staat legt sich nicht an mit den USA oder Großbritannien, nicht mit dem Nachbarland Polen und auch nicht mit Rußland. Und auch nicht mit Tschechien oder Serbien. Er besteht nicht darauf, dass Polen, Rußland, Tschechien und Serbien den Völkermord sachgemäß aufarbeiten, der nach Kriegsende 1945 gegenüber den Deutschen geschehen ist. Er fordert von ihnen nicht die Anerkennung der Tatsache, dass es sich bei diesen Geschehnissen um Völkermord handelt.

Ein Massengrab von tausenden nackt verscharrter deutscher Männer, Frauen und Kinder, deren Todesursache zum Teil Kopfschüsse sind, direkt neben einem UNESCO-Weltkulturerbe bleibt unerforscht

Nach drei Jahren Amtstätigkeit ist Markus Meckel als Vorsitzender des "Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge" zurück getreten (JF). Manche erinnern sich bei diesem Anlass daran, dass ein westpreußischer Heimatkreisvertreter, Hans Joachim Borchert, am 6. August 2014 an diesen Herrn Meckel geschrieben hat betreffend des entdeckten Massengrabes tausender, vermutlich deutscher, offenbar nackt verscharrter Zivilpersonen - von Männern, Frauen und Kindern - in Marienburg in Westpreußen, direkt unterhalb des berühmten UNESCO-Weltkulturerbes, vermutlich aus dem Jahr 1945 oder danach (siehe Wiki). Die Vorgänge rund um die Nichtaufklärung der Geschehenisse rund um dieses Massengrab bis heute sind in keiner Weise angenehm zu lesen (Marienburg-Westpreußen).

Deutsche und polnische Institutionen weigern sich, zu sachgemäßer Aufklärung beizutragen, was sie jederzeit sofort tun würden, wenn es sich um Tote anderer Volkszugehörigkeit handeln würde. Zuletzt ging es den deutschen Vertriebenenvertretern nur noch darum, dass wenigstens der Text von Gedenktafeln nicht willkürliche Behauptungen enthält, die der flüchtigen Unernsthaftigkeit im Umgang mit dem Schicksal der Bestatteten auch noch schriftlichen Ausdruck geben. Herr Borchert schrieb also an Herrn Meckel folgende Worte (zit. n. Marienburg-Westpreußen):
Sehr geehrter Herr Präsident Meckel, 

ich wende mich an Sie in einer Angelegenheit, die mich und andere Marienburger seit Jahren bedrückt: das Verhalten - auch des Volksbundes - gegenüber den Toten von Marienburg. Der Volksbund hat die Toten, die in einem Massengrab in Marienburg gefunden wurden, in Neumark bei Stettin bestattet. Der Gedenkstein in Neumark trägt folgende Inschrift: 

„In diesem Gräberfeld ruhen 2116 unbekannte Tote. Ihre Gebeine wurden 2008 in Marienburg (Malbork) bei Bauarbeiten entdeckt, geborgen und im August 2009 in Stare Czarnowo wieder bestattet. Die 1001 Frauen, 381 Männer, 377 Kinder und 357 Personen, deren Geschlecht und Alter nicht mehr zu bestimmen ist, sind während der Kämpfe in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommen. Sie konnten nicht identifiziert werden. Sie haben als unbekannte Opfer des Zweiten Weltkrieges hier ihre letzte Ruhe gefunden.“

Vieles an diesem Text ist leider nicht richtig: Es gibt keine sorgfältig ermittelten Zahlen der toten Frauen, Männer und Kinder. Die Toten wurden nicht geborgen, ihre Gebeine wurden viel mehr ausgebaggert, ausgegraben und durcheinander geworfen. Unzutreffend ist auch, daß die Toten nicht identifiziert werden konnten. Eine Identifizierung wurde gar nicht versucht, möglicherweise hätten die Toten identifiziert werden können. Und daß die Toten in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommen sind, ist eine Behauptung, für die es keinen einzigen Hinweis gibt.
Man liest diese Worte nicht sehr gerne. Noch heute scheint zu gelten: Zivilpersonen deutscher Herkunft, die während oder nach dem Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind, dürfen keine zu große öffentliche - oder auch nur gründliche gutachterliche, wissenschaftliche - Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es darf nicht geklärt werden, um wen es sich dabei handelt und unter welchen Umständen diese Menschen ums Leben gekommen sind. Man überlege sich, wie mit den Toten von entdeckten Massengräbern anderer Genozide oder mutmaßlicher Genozide umgegangen wird.

Alle offiziellen Stellen in Deutschland drucksen herum und kümmern sich nicht. Welches Land der Welt geht so mit - offensichtlich - unschuldig ums Leben gekommenen Menschen um? Wir legen uns mit der Türkei an, weil wir nicht wissen, ob wir die Armeniermorde des Ersten Weltkrieges Völkermord nennen sollen oder nicht. Wir befassen uns mit den Toten des Volkes der Herero in Südwestafrika, die schon vor dem Ersten Weltkrieg ums Leben gekommen sind. Wir üben uns in Sensibilität gegenüber den Nachkommen dieser Toten. Aber eine Sensibilität gegenüber den Nachkommen und Verwandten unsere eigenen Toten gibt es schlichtweg nicht. (Erst wenn solches Unrecht wieder einmal notwendig sein sollte, um mit dem Hinweis auf dieses Haß zwischen die Völkern zu säen, wird man es - wohl - hervorziehen. So darf vermutet werden.) Dem Juristen Hans Joachim Borchert ist sehr zu danken für seinen Brief. Er schreibt weiter:
Ich lasse dahingestellt, wer für den unrichtigen Text des Gedenksteins verantwortlich ist. Jedenfalls teilte der Volksbund am 11. Oktober 2012 mit, er habe beschlossen, die Inschrift zu ändern; das werde aber nur in Absprache mit seinen polnischen Partnern möglich sein und einige Zeit in Anspruch nehmen. Im Jahre 2014 wandte ich mich zweimal an die Pressestelle des Volksbundes mit der Bitte um Auskunft zu der angekündigten Textänderung. Die Pressestelle antwortete nicht. Daraufhin wandte ich mich dreimal allgemein an den Volksbund; ich erhielt drei Eingangsbestätigungen, jedoch keine Antwort auf die Fragen.

Unter uns Marienburgern gibt es einige, die vermuten, daß sich unter den Toten vermißte Verwandte, Freunde, Nachbarn oder Bekannte befinden. Kaum jemand rechnet damit, in absehbarer Zeit die Namen der Toten zu erfahren, kaum jemand glaubt, daß die Todesumstände alsbald aufgeklärt werden.
Und das ist schon schlimm genug. Borchert weiter:
Aber was man doch wohl erwarten kann, ist die Verwirklichung des Volksbund-Beschlusses vom 11. Oktober 2012, also die Änderung der Inschrift. Außerdem wird man erwarten können, daß der Volksbund Anfragen zu den Toten von Marienburg beantwortet. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker werden die Zweifel, ob die Änderung noch gewollt ist, ob sie jemals gewollt war. Ich frage also erneut: wann wird die Inschrift geändert?

Sehr geehrter Herr Präsident Meckel, ich veröffentliche diesen Brief im Internet unter www.heimatkreis-marienburg.de auf der Seite „Die Toten von Marienburg“. Ich beabsichtige, dort auch Ihre Antwort zu veröffentlichen.
Mit freundlichen Grüßen 
Hans Joachim Borchert
Hans Joachim Borchert erhielt schließlich unter dem 16. September 2014 eine Antwort, nach der der Volksbund nichts an der Inschrift ändern wollte. Hierauf antwortete Borchert unter dem 22. September 2014 noch einmal mit sehr deutlichen Worten.

Abb. 3: Die Marienburg in Westpreußen im Frühjahr 1945 - von: Hajotthu aus Wikipedia
Man fragt sich: Beschäftigt sich denn der "Bund der Vertriebenen" mit solchen Fragen gar nicht? Die Landsmannschaft Westpreußen richtete Anfragen an das Auswärtige Amt, erreichte mit diesen aber nichts. Und behält die "Preußische Zeitung" (vormals "Ostpreußenblatt") die Vorgänge im Blick?

Zumindest hat Borchert Herrn Meckel davon überzeugen können, dass man nicht mit Sicherheit behaupten darf,  die toten Männer, Frauen und Kinder wären während der Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommen, da eben das überhaupt nicht sicher ist. Borchert teilt als letzten Informationsstand auf seiner Internetseite mit, dass auch am Ort des Massengrabes nun am 12.9.2016 - endlich - eine Gedenktafel enthüllt werden sollte. Er schrieb am 2. August 2016:
Der Text der Gedenktafel
Auf Veranlassung von Herrn Präsident Markus Meckel teilte Frau Präsidentin Iza Gruszka vom Warschauer Büro des Volksbundes am 2. August 2016 den Text der geplanten Gedenktafel mit:

An dieser Stelle wurde bei Bauarbeiten im Jahre 2008
eine Grabstelle mit 2116 deutschen Toten gefunden,
die 1945 in Marienburg / Malbork ums Leben gekommen sind.
Die Gebeine dieser zivilen Opfer des Zweiten Weltkrieges
wurden geborgen und 2009 auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Glinna
(Gemeinde Stare Czarnowo, Woj. Zachodniopomorskie) wieder bestattet.
Borchert dazu:
Dieser Text soll nun, nach fast acht Jahren, an die Toten von Marienburg erinnern. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Wahrheit. Bemerkenswert ist, daß nicht mehr ausdrücklich behauptet wird, die Kinder, Frauen und Männer seien in den Kämpfen 1945 umgekommen. Die Formulierung, es handele sich um zivile Opfer des Zweiten Weltkrieges, umfaßt viele Möglichkeiten; sie umfaßt auch Kriegsfolgen wie Hunger, Krankheit und Massenverbrechen. Im Übrigen bleiben die bisherigen offenen Fragen:
Es gibt keine seriöse Zählung der Toten, sicher dürfte nur sein, daß es sich um weit mehr als 2000 Tote handelt.
Daß es sich um deutsche Tote handelt, ist wahrscheinlich, hierzu ist aber nichts festgestellt.
Ob die Menschen nur im Jahre 1945 – und nicht später – starben, ist ebenfalls nicht festgestellt.

Trotz der offenen Fragen ist die Tafel bedeutsam: In Marienburg gab es schreckliche Ereignisse. Die Toten jener Zeit sind nicht vergessen. An die Toten wird öffentlich erinnert.
Und am 19. August 2016:
Bereits Ende 2015 hatte der Marienburger Heimatkreisvertreter diesen Text vorgeschlagen:
Unweit dieses Standorts wurde bei Bauarbeiten im Jahr 2008 ein Massengrab mit 2116 unbekannten Toten freigesetzt, die am 14.08.2009 auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Neumark bei Stettin (Stare Czarnowo) eine würdige Ruhestätte fanden.
Die ehemaligen und jetzigen Bürger dieser Stadt gedenken dieser Toten.

Die Stadt Marienburg hatte diesen Text übernommen und an den Rat zur Bewahrung des Gedenkens an Kampf und Martyrium weitergegeben.
In dem Text ist weder von deutschen Toten noch von Kriegsopfern die Rede. Damit wäre der Überführung und Beisetzung der Toten durch den Volksbund die Grundlage entzogen.
Es bleibt abzuwarten, welcher Text auf der Gedenktafel erscheint.
Es ist angekündigt, dass auf der Internetseite der Heimatvertretung (Marienburg-Westpreußen) ein Bericht erscheinen wird über die Einweihung dieser Gedenktafel. Bisher ist offenbar nirgendwo im deutschsprachigen Raum über diese berichtet worden.

Ergänzung, 26.10.2016

Auf der angegebenen Internetseite ist nun ein Foto der am 12. September 2016 in Marienburg eingeweihten Gedenktafel veröffentlicht worden:

An dieser Stelle wurde bei Bauarbeiten im Jahre 2008 eine Grabstelle mit 2116 deutschen Toten gefunden, die 1945 in Marienburg/Malbork ums Leben gekommen sind. Die Gebeine dieser zivilen Opfer des Zweiten Weltkrieges wurden 2009 auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Glimma (Gemeine Stare Czarnowo, Woj. Zachodniopomorskie) wieder bestattet.
Auf der Internetseite der deutschen Heimatvertretung von Marienburg wird dieser Text inhaltlich nicht mehr kommentiert. Er findet sich auch sonst offenbar nirgendwo im Internet zitiert oder behandelt. Der Vorschlag der Heimatvertretung, auf der Gedenktafel auszusprechen, dass die ehemaligen und jetzigen Bürger dieser Stadt dieser Toten gedenken, wurde nicht übernommen. Es wird gesagt, dass es sich um zivile Opfer des Zweiten Weltkrieges handeln würde, obwohl das überhaupt nicht klar ist, damit allerdings eine polnische (Mit-)Verantwortung an diesem Grab verneint. Aufklärungswille besteht weiterhin nicht.

__________________________________________
*) In ihm heißt es jedenfalls ohne jede weitere einschränkende Einordnung:
"In einem Rechtsgutachten, das hinsichtlich der Sudetendeutschen im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung 1991 erstellt wurde, kam der UN-Völkerrechtsberater Felix Ermacora zu folgendem Ergebnis: 'Die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der angestammten Heimat von 1945 bis 1947 und die fremdbestimmte Aussiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg widersprach nicht nur der in der Atlantik-Charta und dann in der Charta der UN verheißenen Selbstbestimmung, sondern die Vertreibung der Sudetendeutschen ist Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nicht verjährbar sind.'"

Sonntag, 25. Juli 2010

"In Auschwitz starben 300.000 Menschen" - Stand: 1948

Adolf Eichmann und Auschwitz - 1948, 1961 und 1963

Wer dem Jahrgang 1966 angehört oder ähnlichen Jahrgängen, dessen Geschichtsbewußtsein ist nicht unerheblich geprägt worden von solchen Fernsehfilmen wie dem Film "Holocaust" aus dem Jahr 1979. Jeder Nachkriegsgeneration ist ja diesbezüglich die geschichtliche Erinnerung auf neue Weise aufgefrischt worden, zuletzt unter anderem durch die Debatten rund um das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Erst heute stellt sich vielleicht so mancher Zeitgenosse die Frage, welche prägenden Erlebnisse eigentlich Jahrgänge, bzw. Nachkriegsgenerationen vor 1966 bezüglich des Themas Holocaust hatten. Und zu solchen prägenden Erlebnissen gehört sicherlich der Eichmann-Prozeß in Jerusalem im Jahr 1961 ebenso wie der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt am Main in den Jahren 1963 bis 1968. Heute abend wird das neue "Dokudrama" zu Adolf Eichmann im ARD ausgestrahlt (ARD).

Ein neues "Dokudrama" zu Adolf Eichmann

Wenn man bei der Suche nach Informationen über dieses Dokudrama auch sonst noch ein bischen herumsucht, weil man in Bezug auf den Fall Adolf Eichmann auch sonst noch vieles vermuten muß, was öffentlich wenig bekannt ist (s. a.: 1), stößt man auf manche interessante historische Filmaufnahme, die derzeit schon frei im Netz zugänglich ist. So ein Eindruck von dem Eichmann-Prozeß von 1961 in Jerusalem und von der dort doch schon sehr eingeschüchtert wirkenden Person Adolf Eichmann.

Einen nicht unwichtigen Höreindruck von den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt am Main kann man sich ebenfalls verschaffen, darunter Aussagen von Zeugen, Angeklagten, Verteidigern und Staatsanwalt (a, b, c) (siehe etwa auch: 2). (Unter "a" übrigens auch der berüchtigte DDR-Rechtsanwalt Friedrich Kaul, zu diesem siehe auch: TAZ 1995.)

Man findet aber außerdem derzeit noch (!?) interessante Video's über einen Auschwitz-Prozeß im Jahr 1948 in Warschau, etwa dieses ("Ankunft der Angeklagten") (- wichtig nur die 1. Minute). Aber dann vor allem dieses.

In diesen alliierten Nachrichten von 1948 ist also noch ganz selbstverständlich von 300.000 Todesopfern in Auschwitz die Rede. Diese Zahl ist ja dann später (- wann?) in mehr als der zehnfachen Höhe angegeben worden. 1989 ist sie schließlich wieder gedrittelt worden (s. Wikipedia). Und danach wurde das Strafrecht in der Weise geändert (der Paragraph zum Thema "Volksverhetzung"), daß es heute in vielen Ländern strafrechtsrelevant sein könnte, wenn man zu diesem Thema noch zu anderen, nicht politisch korrekten Forschungsergebnissen kommen sollte, möglicherweise auch zu solchen, die noch 1948 offenbar als politisch völlig "korrekt" galten.
____________
  1. Bading, Ingo: Hans Globke, der politische Katholizismus und Israel. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 13.12.2009
  2. Laternser, Hans: Die andere Seite im Auschwitz-Prozess 1963/1965. Reden eines Verteidigers. Seewald, 1966

Dienstag, 20. Juli 2010

"Das wiedergefundene Antlitz" von Karl Springenschmid (1944)

Eine sehr ungewöhnliche Novelle

Karl Springenschmid schrieb die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (1) im Jahr 1944 (so lautet die familiäre Überlieferung) (2). Im Druck erschien die Novelle im Jahr 1955.

Abb. 1: Das "Selbstbildnis mit dem Kissen" von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1493 (Wiki) - Entdeckt 1927 im Ossolineum in Lemberg, im persönlichen Besitz Hitlers seit 1941, seit 1975 im Metropolitan Museum in New York

Im Mittelpunkt der Novelle steht ein hinreißendes Selbstbildnis Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 (Abb. 1). Dieses ist erst 1927 bekannt geworden. Es erfährt in der Novelle eine hinreißende Deutung.

Die Novelle weist aber auch sonst einen großen Reichtum an zeitgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Bezügen auf (3-11). Die Grundaussage der Novelle ist: Inmitten der Unmenschlichkeit und der Verbrechen des Krieges - des Zweiten Weltkrieges - bleibt das Menschliche, das menschliche Antlitz bewahrt oder wird gar: wiederentdeckt. Aber auch dieses zutiefst menschliche Antlitz ist "zwiespältig", mehrdeutig, verwegen oder herausfordernd im Guten wie im Schlechten - so wie das Selbstbildnis Dürers von 1493.

Dieses Selbstbildnis ist nur Teil einer Sammlung von etwa 30 Zeichnungen Albrecht Dürers, die erst 1927 entdeckt worden sind (3), und die sich bis 1941 im Lubomirski-Museum in Lemberg befand (WikiC). Diese war Teil des Ossolineums (Wiki) in Lemberg (GMaps). Im folgenden eine kurze Darstellung der geschichtlichen Hintergründe dieser Dürer-Sammlung des Lubomirski-Museums in Lemberg (übersetzt aus dem Englischen) (7):

Lemberg mag als ein ungewöhnlicher Ort erscheinen für eine bedeutende Dürer-Sammlung. Doch im 19. Jahrhundert gehörte die Stadt zu Österreich. Die Zeichnungen zählten vermutlich zu jenen, die Rudolf II. in den 1580er Jahren erwarb und die über 200 Jahre im Besitz der Habsburger Kaiser blieben. Schließlich kaufte sie Fürst Heinrich Lubomirski, ein adliger Gutsbesitzer, und schenkte sie einem Museum, das er 1823 in Lemberg gründete. Über ein Jahrhundert lang lagen die Zeichnungen in einer Kiste im Museum, völlig unbekannt den Dürer-Forschern. Erst 1927 wurde ihre Wiederentdeckung in einem Artikel von H. S. Reitlinger im Burlington Magazine bekanntgegeben. Lemberg war plötzlich stolzer Besitzer einer der bedeutendsten Sammlungen von Dürer-Zeichnungen - nach denen des Berliner Kupferstichkabinetts, der Wiener Albertina und des British Museum. Unter den Werken befand sich eines von Dürers Meisterwerken, sein prachtvolles Feder-Selbstporträt von 1493.

Diese Dürer-Zeichnungen standen 1941 unter der Obhut des polnischen Museumsdirektors Mieczysław Gębarowicz (1893-1984) (Wiki) (Abb. 2). Dieser hatte 1929 darüber auch eine Veröffentlichung herausgegeben (5).  

Abb. 2: Der polnische Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, 1941 Museumsleiter des Ossolineums, des Lubomirski- und des Barwaroski-Museums in Lemberg - In der Novelle tritt er als der ukrainische Kunsthistoriker "Leonyd Lischenko" auf

1940 und 1941 sind diese Dürer-Zeichnungen in Lemberg dann in Deutschland - von Seiten eines kunstliebenden Staatsoberhauptes - zur höchsten Staatsangelegenheit erhoben worden. Um alle Fragen um diese zu klären, wurde der österreichische Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann (1898-1958) (Wiki) zum "Sonderbeauftragten" ernannt (7):

Zu den ersten NS-Funktionären, die die Stadt Lemberg betraten, gehörte Kajetan Mühlmann, der Sonderbeauftragte für den Schutz von Kunstwerken in den besetzten Gebieten. (...) Seine Mission in Lemberg, die er im persönlichen Auftrag von Reichsmarschall Hermann Göring unternahm, war die Suche nach Dürer-Zeichnungen für Hitler. Mühlmann brauchte sechs Tage, um die versteckten Dürer-Gemälde aufzuspüren. Einem Nazi-Bericht zufolge mußte der unglückliche Professor Gebarowicz „gründlich verhört“ werden, bevor er schließlich das Versteck der Zeichnungen preisgab. Mühlmann brachte sie umgehend nach Berlin und übergab sie Göring, der sie noch am selben Tag Hitler präsentierte.

In einem noch ausführlicheren Bericht ist festgehalten (10, 208f):

Die Sammlung Lubomierski in Lemberg enthielt 31 wertvolle Handzeichnungen von Albrecht Dürer. Hier kam es mit dem damaligen sowjetischrussischen Verbündeten zu einer Auseinandersetzung. Nach dem Stalin-Hitler-Pakt und dem in Zusammenhang stehenden Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939 war Polen zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt worden. Lemberg lag im sowjetischen Teil. Die Russen hatten das Lemberger Museumswesen neu organisiert und die Sammlung Lubomierski aufgelöst. Als der Sonderbeauftragte der Reichsregierung im Frühjahr 1940 für das Auswärtige Amt der russischen Regierung das Angebot machte, die Dürer-Zeichnungen gegen gleichwertige Kunstwerke und literarische Denkmäler einzutauschen, lehnten die Russen ab. Hitler war nämlich der Meinung, daß die Zeichnungen Dürers nach Deutschland gehörten, da Dürer aus Nürnberg kam.
Im Auftrag Görings fuhren Mühlmann und Museumsdirektor Kudlich am Tage der Einnahme Lembergs dorthin, um Nachforschungen über den Verbleib der Zeichnungen anzustellen. In diesem Zusammenhang wurde auch Prof. Gebarowicz vom Bawarowski Museum vernommen, der erklärte, man habe die Zeichnungen vor den Russen sorgfältig versteckt. Nun wurden sie den Deutschen ausgehändigt, die sie beschlagnahmten, nicht ohne den Empfang zu bestätigen. Allerdings ergibt sich aus den Akten, daß es sich nunmehr um 23 Dürer-Zeichnungen gehandelt habe. Mühlmann überreichte im Juli 1940 (sic! 1941!) persönlich Göring die Zeichnungen, der sie Hitler in das Führerhauptquartier brachte, wo sie zunächst blieben. Hitler soll sie lange bei sich gehabt haben. Nach dem Kriege fand die amerikanische Besatzungsmacht die nunmehr wieder 24 Handzeichnungen im Bergwerk Altaussee, zusammen mit den anderen Kunstwerken, die für das Museum Linz vorgesehen waren. Lubomirski verlangte von den Amerikanern die Rückgabe seines Eigentums. Nachdem Andreas Hofer die Identifikät der Zeichnungen bestätigt hatte, wurden sie Lubomirski persönlich am 26.5.1950 in München ausgehändigt, als Ausnahme von der Regel, die Kunstwerke nur an die jeweiligen Regierungen zurückzugeben.    

Auch das Gebäude des hier erwähnten Bawarowksi-Museums (Wiki, poln) ist in Lemberg erhalten. 

Abb. 3: Das Hauptgebäude des Ossolineums in Lemberg - Hier befand sich auch das Lubomirski-Museum

Soweit nur einige historische Hintergründe. Die Auseinandersetzungen um die Rückgabe dieser, inzwischen weltweit verstreuten Dürer-Zeichnungen gehen bis heute weiter (7-11).

Das Ossolineum und die Lubomirski-Sammlung lagen damals nur sechs Minuten unterhalb der Zitadelle von Lemberg (GMaps). An diesem Ort endet auch der Handlungsverlauf der Novelle am 30. Juni 1941.

Das Ossolineum

Dieses Ossolineum ist 1817 von einem polnischen Kunstsammler, dem Grafen Joseph Maximilian Ossolinski (1748-1826) (Wiki), erworben worden. Es wurde, nachdem Polen Lemberg und seine Ostgebiete an die Sowjetunion abtreten mußte, nach 1945 in Breslau in Schlesien neu eröffnet (Wiki): 

Nach der Nationalbibliothek in Warschau und der Jagiellonen-Bibliothek von Krakau ist das Ossolineum heute die drittgrößte polnische Sammlung ihrer Art.

Als Lemberg 1940 russisch wurde, wurde das Ossolineum zur "Stefanyk-Bibliothek" umbenannt. Als solche besteht sie bis heute weiter. Während der erneuten Besetzung Lembergs durch die Deutschen ab 1941 wurden viele Bestände des bisherigen Ossolineums nach Krakau und später nach Schlesien umgelagert.

Soweit wir das einer vorläufigen Lektüre entnehmen können, wurden all diese polnischen Kunst- und Kulturschätze damals umgelagert, "sicher gestellt". Wohl nur in seltenen Fällen wurde ein endgültiger Verbleib so festgelegt, daß er nur schwer hätte rückgängig gemacht werden können. Ob es deshalb richtig ist, schlankweg und umfassend von "Kunstraub" zu sprechen, wie das seit 1945 üblich geworden ist, soll an dieser Stelle zumindest bis auf weiteres dahin gestellt bleiben.  

Abb. 4: Einer der Ausstellungsräume des Lubomirski-Museums in Lemberg in der Zwischenkriegszeit (Lub-Mus)

Nach 1945 wurde das Ossolineum (Wiki) mit Hilfe der umgelagerten Bestände in Breslau mit etwa einem Drittel seiner bisherigen Bestände neu begründet (Wiki).

Indem Springenschmid den Handlungsverlauf am 30. Juni 1941 an diesem Ossolineum in Lemberg enden läßt, in dem das Selbstbildnis Dürers aus dem Jahr 1493 beherbergt war, greift er also verschiedene historische Sachverhalte auf und verbindet sie zu einem neuen romanhaften "Ganzem", ohne daß dabei in jedem Detail Wert gelegt wird historische Genauigkeit, und wobei vielleicht dennoch der Wesenskern des Geschehens erhalten bleibt. Solche historischen Sachverhalte sind: 

  • 1927 ist der kunstinteressierten Öffentlichkeit erstmals das sehr prägnante "Selbstbildnis mit dem Kissen" Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 bekannt geworden. Es war bis dahin unentdeckt in Kisten des Ossolineums verborgen gewesen. Es wurde bekannt durch die Veröffentlichung eines britischen Kunstsammlers in der Zeitschrift "The Burlington Magazine" (2-4). Es handelte sich also um einen britischen Kunstsammler. Es handelte sich also dabei weder - wie in der Novelle behauptet - um einen ukrainischen Kunsthistoriker, noch um eine polnische Kunsthistorikerin.
  • Ab dem 30. Juni 1941 hat der erwähnte Sonderbeauftragte Mühlmann während und nach der Besetzung Lembergs durch die Deutschen 26 Zeichnungen von Albrecht Dürer aus dem dortigen Ossoliński-Nationalinstitut unterhalb der Zitadelle von Lemberg "sichergestellt", einschließlich des Selbstbildnisses Dürers aus dem Jahr 1493. Soweit hält sich die Novelle an den historischen Sachverhalt.
  • Am 30. Juni 1941 fand die deutsche Wehrmacht nach der zweiten Einnahme von Lemberg in drei dortigen NKWD-Gefängnissen etwa 4000 politische Gefangene ermordet vor (Wiki). Die umwohnende Bevölkerung, die diese Morde an ihren eigenen Familienangehörigen mitbekommen hatten, war davon zutiefst aufgewühlt. Während des weiteren Vormarsches und in späteren Ausgrabungen (Katyn) sollte die deutsche Wehrmacht noch an zahlreichen anderen Orten in Polen, den baltischen Ländern, der Ukraine und in Weißrußland auf solche Gefangenenmorde stoßen. Diese summierten sich insgesamt auf etwa 100.000 Gemordete (Wiki). In der Novelle ist als Ort dieser Gefangenenmorde in Lemberg die dortige Zitadelle angegeben. Die Morde fanden aber in Lemberg in drei NKWD-Gefängnissen über die Stadt verteilt statt. Gefangenenmorde hat es hingegen auf der Zitadelle der polnischen Stadt Soltschiw (Wiki) gegeben, die 70 Kilometer östlich von Lemberg liegt.

Hat die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" womöglich trotz mancher solcher "historischer Ungenauigkeiten" einen besonderen, einen eigenen Wert?

Abb. 5: Kajetan Mühlmann rechts, hier zusammen mit dem Leiter des Generalgouvernements Hans Frank

Fast stellt sich ja die Frage, ob in dieser Novelle noch im Jahr 1944, bzw. im Jahr 1955 die Kunstliebe des Reichsoberhauptes verherrlicht werden sollte, obwohl dieses mit keinem Wort erwähnt wird. Wäre es dann aber nicht reichlich kühn gewesen, eine solche Novelle noch im Jahr 1955 zu veröffentlichen? Es scheint uns also unwahrscheinlich, daß dieser Gedanke als Absicht hinter dieser Novelle stand.

Es muß sich schon um sehr gute Literatur handeln, wenn man - etwa - zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und zu den Verbrechen der unterschiedlichen Völker aneinander eher einen Roman als ein Sachbuch lesen möchte. Denn im Grunde ist jedes gute Sachbuch, jeder gute Erlebnisbericht über den Zweiten Weltkrieg und über diese Verbrechen erschütternder als das ein Roman oder als das es eine Novelle je sein könnte.

Aber bei der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" ist das anders. Sie greift einen Kern des Geschehens heraus und gibt diesem Kern eine Bedeutung, die von der Öffentlichkeit zuvor so sicherlich noch nicht wahrgenommen worden war.

So gibt sie ein Stück weit den Dingen, insbesondere der Kunst wieder jene Wertigkeit zurück gibt, die ihnen zukommen - gerade auch in Kriegszeiten. Dies ist das Thema dieser Novelle: Die eigenartige Konfrontation der Bemühungen rund um die Bewahrung von Kunstwerken, rund um die Bewahrung eines "wiedergefundenen Antlitzes" mit den Geschehnissen des Krieges von 1941.

Noch einige weitere Bemerkungen zu dieser Novelle

Karl Springenschmid kommt in dieser Novelle auf die Kupferstich-Sammlung der Albertina in Wien (Wiki) zu sprechen. Und er kommt noch ein zweites mal auf diese zu sprechen in seinem Roman "Das unerreichbare Herz" von 1949 (13).

In beiden Werken ist eine der Hauptfiguren Mitarbeiter dieser Kupferstich-Sammlung. Und dadurch ist es dem Autor ermöglicht, in beiden Werken über Handzeichnungen von Albrecht Dürer sprechen zu können und ihnen jene besondere Bedeutung zu zusprechen, die er ihnen in diesen Werken zuspricht, insbesondere auch den Selbstbildnissen Dürers (Wiki).

Einen sehr persönlichen Bezug in die gedankliche Welt der Kunsthistoriker und zu all den von ihm aufgegriffenen Themen hatte Karl Springenschmid in der Person seines Salzburger Schulfreundes, bei dem es sich nun um niemand geringeren handelte als jenen oben schon erwähnten Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann, der aus Salzburg stammte. Dieser und seine Erfahrungen und Erzählungen scheinen dem Schriftsteller nicht nur die Anregung gegeben haben zur Novelle "Das wiedergefundene Antlitz", sondern auch zu mancherlei anderen Inhalten seiner Werke. Noch in dem entzückenden Roman "Signorina N.N." von 1958, der in Florenz spielt, ist eine der Hauptfiguren Kunststudent.

Springenschmid "erhöhte" in seinen Novellen und Romanen gerne die Wirklichkeit durch die Kunst, bzw. gab er der von ihm dargestellten Wirklichkeit durch die Kunst eine höhere Bedeutung, eine höhere Weihe. 

Noch mal zum Inhalt der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz": In den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges hat der Kunsthistoriker "Helmut Frobenius" (das Alter Ego des Kajetan Mühlmann) aus Wien den Auftrag, mit den ersten deutschen Panzern in Lemberg einzudringen, um dort das Selbstbildnis von Albrecht Dürer in der Ossolinski-Bibliothek in Lemberg sicherzustellen.

Der ukrainische Kunstprofessor "Leonyd Lischenko" seiner Novelle ist ebenso erfunden wie auch die polnische Kunsthistorikerin "Vera Starkowna" der Novelle. "Leonyd Lischenko" steht für den polnischen Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, wofür die "Vera Starkowna" steht, wäre noch zu erforschen.

In dem Buch "Servus Heiner" erwähnt Springenschmid einen "Kai Mühlmann" als 15-jährigen Schulkamerad von Springenschmid und Waggerl auf der Salzburger Lehrerbildungsanstalt im Jahr 1912 (14, S. 10):

Wenn uns die Professoren allzu heftig mit dem Peloponnesischen Krieg, der Heronischen Formel oder schwierigen Satzgliederungen plagten, flüchteten wir in einen geheimnisvollen Winkel des weitläufigen Gebäudes. Hier führte Waggerl das Wort. Wir anderen, vor allem Kai Mühlmann, ein ähnlicher Sturmgeist wie Waggerl, wollten hier vor allem den Ärger mit der Schule los werden und zogen wütend auf die Professoren los. Doch Waggerl winkte ab. Ihm ging es nicht um das, was an dieser Schule geschah, ihn erfüllten andere Gedanken. ...

Waggerl las seinen Kameraden statt dessen aus "Sprüche und Widersprüche" von Karl Kraus vor. Mühlmann saß noch 1944 gerne mit seinen Freunden Waggerl und Springenschmid in einem bekannten Salzburger Künstlercafé. Springenschmid berichtet, wie der von der Gestapo abgehörte Gesprächsinhalt an den Salzburger Gauleiter weitergeleitet wurde, der wiederum derenthalben Springenschmid vorlud, da seine Freundschaft zu Waggerl bekannt war. Im Spitzelbericht stand (14, S. 76):

"Café Bazar 13. Oktober 1944 Uhrzeit: 21 Uhr 20. Anwesend am mittleren Kaffehaustisch, Karl Heinrich Waggerl, Kai Mühlmann, Dr. Josef Mühlmann, ferner zwei Frauen und drei weitere Männer, deren Persönlichkeit bisher nicht festgestellt werden konnte."
Und die - im Nachhinein betrachtet harmlose - kritisierte Aussage von Waggerl soll gelautet haben:
"Solange nicht alle politischen und militärischen Stellen im sogenannten Großdeutschen Reich von Österreichern besetzt werden, wird alles schief gehen!"

Jedenfalls scheinen solche Gespräche mit Kajetan Mühlmann wie in diesem Cafehaus in Salzburg Karl Springenschmid auch zu einer seiner bedeutenden Novellen angeregt haben, nämlich zu "Das wiedergefundene Antlitz" (1). 

Es handelt sich um ein merkwürdiges Stück Literatur. Ohne das Wissen um all die vorgenannten Sachverhalte möchte die Novelle beim Lesen auf den ersten Seiten ständig beiseite legen und sich sagen, daß dieses Büchlein nicht zu den gelungensten Werken von Springenschmid gehört. Wie kann man denn ständig so "Larifari" und oberflächlich-"nebensächlich" über Ereignisse in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 schreiben?

Nimmt man das Büchlein trotz Verärgerung oder Verstimmung nach einiger Zeit noch einmal in die Hand und liest weiter, dann muß man sich gut zureden: Dieser Springenschmid war sowohl im Ersten wie am Zweiten Weltkrieg Soldat. Wenn er eine Novelle in dieser Weise schreibt, muß er das bewußt so tun und nicht aus Unfähigkeit.

Trotzdem: Über weite Strecken liest sich diese Novelle wie eine "Schwejkiade", wie eine Antikriegs-Novelle. Aber selbst diese Einordnung will noch nicht wirklich passen. Ist es denn möglich, mit einem so geradezu anzüglichen Ton über einen Krieg zu schreiben, einen modernen? Soll damit dem Zynismus oder der Gedankenlosigkeit des deutschen "Landsers" des Jahres 1941 ein - "Denkmal" gesetzt werden?

Im letzten Drittel der Novelle beginnt sich der Hintergrund der seltsamen Widersprüchlichkeit, in die das Herz des Lesers beim Lesen gezogen wird, ein wenig zu lichten. 

Offenbar geht es darum: Diesen aufwühlenden, ja, abgründigen Zwiespalt darzustellen: Erstens Krieg, entsetzlichste Verzerrung alles Menschlichen einerseits, zweitens banales, flapsiges Landser-Idyll und zum Dritten - - - Kunst, das Ewige, das Gültige, Menschliche. In der Springenschmid-Biographie von 1987 von Seiten eines Enkelsohnes von Karl Springenschmid heißt es (2, S. 95):

"Das wiedergefundene Antlitz", eine 1944 (1944?) entstandene Novelle, sticht völlig aus der übrigen Kriegsliteratur von Springenschmid heraus. Diese meisterliche Novelle gehört zu seinen besten Werken, ja, zum Besten was Springs überhaupt je geschrieben hat. Diese Novelle gibt allerhand Rätsel auf. Wieso unterscheidet sie sich in der Sprache und in der Diktion so dermaßen von seinen anderen Werken dieser Zeit? So manche Novelle hatte Springs meist rasch vollendet und in zwei, drei Wochen Fronturlaub seiner Gattin diktiert. Entweder entstand die Novelle doch erst nach 1945, oder einfach in einer Sternstunde seiner Erzählkunst.

Man möchte meinen, daß "Das wiedergefundene Antlitz" der genau angemessene "Vorläufer" ist für die späteren, so erschütternden Romane "Das unerreichbare Herz" (1949), "Novè" (1951) und "Das goldene Medaillon" (1953). Die tiefe Erschütterung, die die Novelle beim Leser erzeugt, deutet auf genau denselben Gehalt wie in den drei Romanen, die folgten.

/ Völlig neu bearbeitet und bebildert 
anhand weiterer ausgewerteter Literatur (3-10):
3.9.2026 / 

_________

  1. Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. (Verfaßt 1944) Erstveröffentlichung 1955, Arndt-Verlag, Vaterstetten 1971 (124 S.)
  2. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Leben, Werke, Fotos, Dokumente. Biographie. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
  3. Reilinger, Henry Scipio: An Unknown Collection of Dürer Drawings. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs, Vol. 50, No. 288, March 1927 (BurlMag)
  4. Winkler, Friedrich (Hrsg.): Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen. Grote, Berlin 1927 [Schriftenreihe "Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen" 6, begründ. von Friedrich Lippmann]
  5. Mieczysław Gębarowicz: Albrecht Dürers Zeichnungen im Lubomirski-Museum in Lemberg. Hrsg. von M. Gebarowicz und Hans Tietze. A. Schroll & Co., Wien 1929 (WikiC)
  6. Selbstbildnis mit linker Hand und Kissen, 1493, bearb. von Ehrl, Franziska, in: duerer.online. Virtuelles Forschungsnetzwerk Albrecht Dürer, Heidelberg: arthistoricum.net. DOI (abgerufen am 19.08.2026) (UniHeidlbg)
  7. Martin Bailey: Hitler, the prince and the Dürers: The complex story of Lviv's looted Old Master works, 31 March 1995 (TheArtNews1995)
  8. Martin Bailey: The Lviv Dürer story continues. Restitution claims for the Lubomirski and Ossolinski collections are complicated by the history of Lviv’s occupiers, 31 August 1998 (TheArtNews1998)
  9. Martin Bailey: Top Museums Face Claims For Dürers. Jan 08, 2002 (Forbes 2002)
  10. Günther Haase: Kunstraub und Kunstschutz. Band I: Eine Dokumentation. Books on Demand; Auflage: 1 (12. Juni 2008), (568 Seiten) (GB2008)
  11. Stefan Alker, Christina Köstner, Markus Stumpf: Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. V&R Unipress, 1., Aufl., (1. Januar 2008) (GB2008)
  12. Gnauck, Gerhard: Dürer als Beute. Polen kämpft um die Rückgabe von 26 Zeichnungen, die nach dem Krieg in alle Welt verstreut wurden. In: Die Welt 21.03.2002 (Welt2002)
  13. Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014)
  14. Springenschmid, Karl: "Servus Heiner!" Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Rudolf Schneider Verlag, München 1979

Montag, 18. Januar 2010

Das konspirative Schweigen des Westens

... gegenüber dem Völkermord in Tschetschenien

Herausgearbeitet in einem Film über Tschetschenien, 58 Min.. Dieser Film entstand im Jahr 2001 in Frankreich. Er wurde 2004 auf Arte ausgesendet: "Es war einmal in Tschetschenien".

Alle sechs Teile auch --> hier.

Und das politische Kabarett sagt zu diesem Thema zwar - in seltenen Fällen - rundum die Wahrheit. - Aber nur, um die Leute zum Lachen zu bringen, nicht um einzugreifen - ein schwer hinnehmbarer moralischer Tiefstand:

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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