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Montag, 9. Oktober 2017

Charles Lindbergh - Auf der Suche nach einer Philosophie, die das Überleben der westlichen Kultur ermöglicht

Lindbergh's Bekenntnisschrift "Of Flight and Life" aus dem Jahr 1948

"Während ich die Ruinenfelder der deutschen Städte 
des Jahres 1945 überflog, wurde mir bewußt, 
daß der moderne Mensch, wenn diese Zivilisation 
fortdauern soll, die materielle Macht 
seiner Wissenschaft den spirituellen Wahrheiten 
seines Gottglaubens unterwerfen muß." (1948)

Mit der Person, mit dem Leben, Denken und Handeln des ersten Überquerers des Atlantiks in der Luft Charles Lindbergh (1902-1974) (Wiki) haben wir uns in den letzten zehn Jahren immer einmal wieder beschäftigt, also seit Beginn unserer Blog-Arbeit (1-8).

Für einen historisch denkenden Menschen, für einen Menschen, den wagemutige Taten begeistern, kann es immer Gründe geben, sich mit Charles Lindbergh zu beschäftigen. Aus solchen Interessen heraus hatten wir auch irgendwann die damals neueste "autorisierte" Lindbergh-Biographie von A. Scott Berg in die Hand bekommen (9). Aber auch diese Biographie hatte für sich selbst genommen noch nicht jene Jahre lange Beschäftigung mit Charles Lindbergh von unserer Seite aus auslösen können. Nur ein einziger Umstand war es, der für uns aus dieser Biographie hervorgegangen war. Es war der Umstand, der im Titel unseres ersten Blogartikels zu ihm benannt worden war: "Charles Lindbergh ist souverän gestorben" (1). 

Abb. 1: Charles Lindbergh
Nachträglich colorierte Aufnahme

Charles Lindbergh ist wie ein König gestorben. Er ist außerordentlich gelassen - aber zugleich mit innerer Stärke gestorben. Und das ganze Geschehen rund um sein Sterben, sein Handeln diesbezüglich, seine geäußerten Gedanken dabei ließen uns mit einem Schlag tiefer in Charles Lindbergh's Inneres schauen. Mit einem Schlag ließen sie ihn uns als einen sehr, sehr weisen, lebensstarken und lebensstolzen Menschen erkennen. Wer so sterben kann wie Charles Lindbergh, so wurde uns insbesondere beim Lesen jener Seiten bewußt, der muß auch in seinem übrigen Leben ein sehr beachtenswerter, außerordentlicher Mensch gewesen sein. Und zwar als Mensch selbst. Gar nicht einmal in erster Linie als Vollbringer irgendwelcher äußerlich angesehener Taten.

Indem wir danach fragten, ob es noch mehr Hinweise darauf gibt, daß Charles Lindbergh als Mensch etwas Besonderes war, fiel uns als erstes auf, daß er unmoralische Angebote von Seiten der Sensationspresse seiner Zeit schon als junger Mann - gleich nach dem Atlantik-Flug - ausschlagen konnte so wie es nur seltene, sehr souveräne Menschen werden tun können (2). Lindbergh war schon als junger Mensch - sozusagen - erhaben über die gelebten moralischen Werte und Normen seiner Mitwelt. Er stand ihnen innerlich frei und unberührt gegenüber. Geld für sich genommen konnte ihn nicht locken.

Jetzt im Nachhinein, wenn man Filmaufnahmen gerade auch des jungen Charles Lindbergh sieht (14, 16), dann fällt einem das ins Auge: in ihm lebte ein starker Stolz, eine innere Ruhe, ein In-sich-Ruhen dabei, aber ein unausgesprochenes Bewußtsein gegenüber allen Menschen, ein Bewußtsein, das schon in seinen Augen, in seinem Blick zu lesen ist, und das in etwa sagt: "Seid ihr so wie ihr seid - ich bin anders." Es ist das ein herrisches Bewußtsein, ein Bewußtsein, das einen über andere Menschen erhebt, ohne daß man dabei seine äußere Jovialität und Umgänglichkeit verlieren muß, ohne daß man dabei - notwendigerweise - Verachtung gegenüber den Menschen empfinden muß oder gar verbittert sein muß ihnen gegenüber. Und dennoch: ein herrische Stolz. Er wird das meiste im Leben und in den Lebensentscheidungen von Charles Lindbergh erklären können.*)

Auch mag das in nachträglich colorierten Aufnahmen deutlicher hervortreten als in den üblichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Und indem wir im Jahr 2007 weiter fragten nach dem bestimmenden Kern, der Lindbergh leitete im Leben und im Sterben, fiel uns als nächstes ins Auge, daß Charles Lindbergh in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten mit drei deutschen Frauen drei Familien in Deutschland gegründet hatte, aus denen insgesamt sieben Kinder hervorgingen (3). Diese Tatsache war der Öffentlichkeit erst wenige Jahre zuvor bekannt geworden (10). Und bis heute ringt die Öffentlichkeit und ringen Menschen, die mit diesen Lebensinhalten Lindbergh's konfrontiert werden, mit der angemessenen moralischen Einordnung dieses Geschehens. Wir glaubten schon mit unserem ersten Blogartikel (1) den wertvollen seelischen Gehalt des Lebens von Charles Lindbergh begriffen zu haben und aus diesem Begreifen heraus fiel es nicht schwer, große Achtung und großen Respekt zu gewinnen gegenüber der Gründung dieser drei Familien durch Charles Lindbergh (3). Und wir arbeiteten ja deutlich genug heraus, welche zutiefst wertvollen seelischen Inhalte mit diesen drei "Ehen" verbunden gewesen sind (3). (Leider fällt es Filmdokumentationen und Zeitungsartikeln oft noch schwer, zu diesem Geschehen ein angemessenes Verhältnis zu entwickeln [16].)

Dann beschäftigten wir uns natürlich auch mit der politischen Seite des Lebens von Lindbergh (4, 6). Zu diesem sind inzwischen weitere Reden und Ansprachen Lindbergh's bekannt geworden (18, 19). Diese Seite einzuordnen fiel uns am wenigsten schwer. Denn wir selbst sind diesbezüglich sowieso immer schon ähnliche Querdenker gewesen wie Charles Lindbergh. Wir sind nicht der Meinung, daß die Politik der USA und ihrer Regierung unschuldig sind am Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Und wir stehen deshalb völlig auf der Seite von Charles Lindbergh, wenn er diese Politik als damals prominentester, inneramerikanischer Kritiker scharf geißelte und angriff. Aber es war uns das eigentlich nur ein weiteres Zeugnis für seine innere Stärke, sich völlig unabhängig von seiner Mitwelt sein Urteil zu bilden und aus diesen Urteilen heraus auch seine Lebensentscheidungen zu treffen, und sei es auch, wenn er sich dabei gegen die gesamte gesellschaftliche "Klasse" stellte, in der er und seine Frau damals beheimatet waren.

Auch in den Tagebüchern seiner ersten Ehefrau und Flugbegleiterin Anne Morrow Lindbergh suchten wir nach Hinweisen, die uns die Lebenshaltung von Charles Lindbergh begreiflicher machen sollten (5). Seit er als junger Mensch Flieger geworden war, seit er Postflieger war, war er durch seinen Beruf ständig mit dem Tod konfrontiert. Immer wieder kamen in jenen Jahren Flieger durch Flugunfälle ums Leben. Wer so fortlaufend mit dem Tod konfrontiert ist, kann an diesem Umstand ernster werden, er kann daran menschlich reifen. Dieser Umstand scheint uns bei Charles Lindbergh vorzuliegen. Dann haben wir 2011 endlich die Lebenserinnerungen von Charles Lindbergh ausgewertet (7). Und wir haben ein schon 2007 erschienenes Buch von David M. Friedman über die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Charles Lindbergh und dem weltbekannten Chirurgen und Alternsforscher, dem Nobelreisträger Alexis Carrel (11) ausgewertet (7), eine Zusammenarbeit, in der ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem Tod im Mittelpunkt stand.

1948 - Charles Lindbergh's Bekenntnisschrift: Die Suche nach einer neuen Philosophie

Vor zwei Jahren nun stießen wir bei der Arbeit an einem noch nicht veröffentlichten Buchprojekt (8) darauf, daß schon 1955 eine Veröffentlichung von Charles Lindbergh sehr offene Aufnahmebereitschaft fand bei einem naturwissenschaftlich interessierten Mitarbeiter der deutschen Ludendorff-Bewegung, die ja auch sonst eine Philosophie vertritt, die in Fragen und Antworten sehr viele Überschneidungen aufweist mit den Lebensinteressen und der Lebensphilosophie von Charles Lindbergh. In der damaligen Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung mit dem Titel "Der Quell - Zeitschrift für Geistesfreiheit" erschien (in den Folgen vom 23. Juni und 9. Juli 1955) ein zweiteiliger Aufsatz1 des in populärwissenschaftlicher Literatur sehr belesenen und diese korrekt wiedergebenden Wilhelm Knake (1900-1979)2. Es handelte sich um den ersten Aufsatz, den dieser überhaupt veröffentlichte. Und in diesem wies er darauf hin, daß mehrere naturwissenschaftliche Entdeckungen des 20. Jahrhunderts von der Philosophie Mathilde Ludendorffs intuitiv vorweggenommen worden waren. Er bringt schöne Zitate von Bertrand Russel, Werner Heisenberg und Pascual Jordan über die Verantwortung der Wissenschaft, ihre Forschungsergebnisse in einer Weise zu deuten, daß dadurch das materialistische Zeitalter eher überwunden als vertieft wird. Im zweiten Teil seinen Aufsatzes setzt Wilhelm Knake dann fort:

Wie sehr dieses Problem der Gegenwart ernst denkende Menschen bewegt, können uns die Worte eines Mannes mit weltbekanntem Namen bezeugen, die aus seiner Erschütterung nach dem Besuch der Ruinenfelder deutscher Städte am Ende des zweiten Weltkrieges niedergeschrieben sind. Der erste Atlantiküberquerer mit dem Flugzeug Charles Lindbergh, faßt seine Eindrücke und Erkenntnisse in folgende schwerwiegende Worte zusammen:
„… Ich erkenne jetzt, wenn Gott auch nicht so wirklich erfaßt werden kann, wie ich als Kind mir das wünschte, daß seine Allgegenwärtigkeit doch bei jedem Blick in jeder Handlung, bei jedem Ereignis verspürt werden kann. Ich verstehe nun, daß die geistige Wahrheit für eine Nation wesentlicher ist als die Standfestigkeit ihrer Stadtmauern. Wenn die Handlungen eines Volkes nicht mehr von dieser Wahrheit geleitet werden, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, daß ihre Mauern brechen, wie es in Berlin, München und Nürnberg geschah.
Unsere Rettung, unsere einzige Rettung beruht darin, die Waffen der westlichen Wissenschaft durch den Geist einer westlichen Philosophie, geleitet von den göttlichen Wahrheiten zu kontrollieren. Sie beruht in der Ausgeglichenheit der Seele, Geist und Körper unserer Menschen. Ohne diese Kontrolle und ohne diese Ausgeglichenheit können auch unsere militärischen Siege keinen dauerhaften Frieden, unsere Gesetze keine wirkliche Gerechtigkeit, unsere Wissenschaft keinen wahren Fortschritt erzielen.“

Diese wenigen hier zitierten Worte faszinierten auch uns wieder einmal so sehr, daß wir der Frage nachgegangen sind, wo sie eigentlich herstammen (denn der Autor Wilhelm Knake nannte seine Quelle für dieses Zitat nicht). Und es stellte sich heraus, daß es sich um zwei Absätze von verschiedenen Seiten des 1948 auf Englisch erschienen Büchleins „Of Flight and Life“ von Charles Lindbergh handelte. Es handelte sich um ein Büchlein, das erst vier Jahre später - 1952 - auf Deutsch erschienen ist3. Es handelte sich quasi um eine sehr bedeutende Bekenntnisschrift von Charles Lindbergh. Sie ist im gleichen Jahr erschienen wie der Roman „1984“ von George Orwell. Daß der Lebensweg, das Denken und Handeln von Charles Lindbergh aufgrund seiner Naturwissenschafts-Nähe in vielen Punkten sich berührt mit der Philosophie von Mathilde Ludendorff, darauf ist in unseren Blogbeiträgen seit 2007 in verschiedenen Aufsätzen hingewiesen worden. Und dieser Umstand kann nun noch durch den Hinweis auf die genannte Schrift von Charles Lindbergh aus dem Jahr 1948 ergänzt werden.

Im Jahr 1948 hatten viele Menschen in den USA, Großbritannien und in Frankreich nicht nur begonnen zu erkennen, sondern auch öffentlich darüber zu sprechen, daß der Sieg über „Nazideutschland“ eigentlich gar kein Sieg gewesen war. Und Charles Lindbergh, der 1941 der prominenteste und auch verhaßteste Gegner des Eintritts der USA in diesen europäischen Krieg gewesen war, war nun - neben George F. Kennan und anderen - einer der ersten, der dieser Erkenntnis mit der genannten Schrift Ausdruck verliehen hat. Er fragte darin (eig. Übersetzung)5:

Haben wir in einem tieferen Sinne gewonnen? (…) Die meisten der Angelegenheiten, für die wir kämpften, sind nicht gelöst. Unsere zugrunde liegenden Ziele sind nicht erreicht worden. Unser Sieg hat der Welt keinen Frieden gebracht. Er hat weder demokratische Ideale verwirklicht noch die Sicherheit der Nationen. (…) Stalin hält nun in Besitz das meiste von dem, um das wir kämpften, damit es Hitler nicht erhalten würde.

Man sieht gleich, daß solche Worte nicht von einem höher Eingeweihten der Freimaurerei geschrieben worden sein können oder von einem höheren Beamten der CIA, die beide mit dem Zweiten Weltkrieg genau das erreicht hatten, was sie erreichen wollten, und die nun die Welt auf "Kalten Krieg" "umstellen" wollten. Und dafür waren ihnen Leute wie Kennan oder Lindbergh "nützlich". Aber um solcher mehr politischer Einsichten willen ist diese Bekenntnis-Schrift von Lindbergh gar nicht einmal geschrieben worden. Sondern es geht ihm inzwischen schon um viel grundlegendere Dinge. Deshalb hätte Knake aus dieser Schrift auch noch viel umfangreicher zitieren können als er es mit dem vergleichsweise kurzen Zitat tat. Und das wollen wir quasi im folgenden nachholen.

Der wissenschaftliche Materialismus muß durch Philosophie gebändigt werden

Worüber Lindbergh in seiner Schrift gar nicht spricht, was nur auf dem Umschlag der englischsprachigen Ausgabe erwähnt wird, ist seine langjährige wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem französischen Nobelpreisträger, dem Zellphysiologen Alexis Carell bei der Erforschung der Frage, ob die Organe eines Menschen - und damit längerfristig auch der Mensch selbst - durch die Wissenschaft biologisch „unsterblich“ gemacht werden kann. Lindbergh interessierte sich für diese Forschungen, weil er schon seit seiner Kindheit über ähnliche Fragen nachdachte, über Fragen also, die spannender Weise auch die Ausgangsfrage der Philosophie Mathilde Ludendorffs war (in Auseinandersetzung mit den Lehren von August Weismann über die "Unsterblichkeit des Einzellers").

Und als Erfinder einer Perfusionspumpe, die aus dem lebenden Körper entnommene Organe funktionsfährig erhalten konnte, wußte Lindbergh durchaus allein um die sehr schwierigen rein "technischen", bzw. "medizinischen" Probleme eines solchen Unsterblich-Machens. Aber für ihn wie für seinen hochgeschätzten Freund Alexis Carrel handelte es sich um Grundlagenforschung, nicht um angewandte Forschung. (Das wird gleich aus seinen Worten deutlich werden.) Es ging auch ihm um die Frage, warum der Mensch von der Evolution eigentlich nicht als ein biologisch unsterbliches Wesen erschaffen worden ist. Warum müssen wir sterben? Warum ist es so schwierig, mehrzelliges Leben körperlich unsterblich zu machen?

Das Rätsel des Todes hatte Lindbergh schon als Junge im Angesicht des Kadavers einer toten Kuh ergriffen, auf den er weit drin im abgelegenen, einsamen Wald bei seinen Streifzügen stieß. Lindbergh's Freund Carrel war schon 1944 gestorben. Lindbergh ist zwar auch mit den wissenschaftlichen Nachfolgern von Carrel in Verbindung geblieben, die auch Lindbergh's Erfindung weiter nutzten und weiter entwickelten, nämlich die genannte Perfusionspumpe. Aber Lindbergh war inzwischen - offenbar - bewußt geworden, daß auch diese Art der Forschung seine Fragen nach dem Rätsel des Todes und damit nach dem Sinn des Lebens nicht beantworten konnte, jedenfalls nicht sehr bald beantworten konnte.

Vermutlich hatte ihn an der Zusammenarbeit mit Carrel doch noch mehr der faszinierende Wissenschaftler Carrel - oder Wissenschaft überhaupt - interessiert als nun genau das spezielle Thema, mit dem er selbst dabei befaßt gewesen war, und das er ja nun auch gar nicht weiter fortführte mit wissenschaftlicher Arbeit wie er es sicher gekonnt hätte. Und genau in diesem Zusammenhang ist seine Schrift von 1948 zu sehen. Und genau auch zu den Gründen für diese Lebensentscheidung Lindbergh's - nicht mehr weiter in der Forschung arbeiten zu wollen - gibt sie auch schon den einen oder anderen Anhaltspunkt. - Da der englische Originaltext von Lindbergh von einer Eindeutigkeit und Präzision in der Aussage bestimmt ist und zugleich ein Fluidum atmet, die allesamt bei jeder Übersetzung verloren zu gehen scheinen, wird im folgenden größtenteils auch zunächst der Originaltext zitiert. Es sei all denen, denen es leicht fällt, empfohlen, sich auf den englischen Originaltext zu konzentrieren. Lindbergh schreibt schon im Vorwort (ebd., S. vi)6:

In attacking scientific materialism, I fully realize that science has become the victim of its technologists, as religion has become the victim of its fanatics.
Also:
Wenn ich den wissenschaftlichen Materialsimus angreife, dann erkenne ich in vollstem Umfang, daß die Wissenschaft ebenso ein Opfer der Technologen geworden ist wie die Religion (schon lange) ein Opfer ihrer Fanatiker ist.
Und:
Just as the spiritual truths of Christ and Laotzu were perverted by the temporal exploration of Christian and Taoist creeds, the intellectual truths of great scientists are being perverted by the material exploitation of industry and war.
Übersetzt:
So wie die spirituellen Wahrheiten von Jesus Christus und Laotse pervertiert wurden durch die zeitgebundene Ausbeutung in Form des christlichen oder taoistischen Glaubens, so werden heute die intellektuellen Wahrheiten der großen Wissenschaftler pervertiert durch ihre materielle Ausbeutung in der Industrie und im Krieg.
Lindbergh:
Hiroshima was as far from the intention of the pure scientist as the Inquisition was from the Sermon on the Mount.
Übersetzt:
Hiroshima lag ebenso weit außerhalb der Absichten der reinen Wissenschaftler wie die Inquisition außerhalb der Absichten der Bergpredigt lag.
An diesen Aussagen wird erkennbar, daß Lindbergh auch bezüglich seiner wissenschaftlichen Arbeit mit Carrel den Mißbrauch der Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Arbeit mitbedacht hat. Im übrigen mag der Vergleich natürlich für jene hinken, die die Bibel etwas genauer lesen als Lindbergh das getan haben mag. Aber es soll damit nur wiedergegeben werden, von welchen Grundgedanken und von welchem Grundtenor diese Schrift von Charles Lindbergh erfüllt ist. Lindbergh hatte unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mehrmals Deutschland besucht und unter anderem auch mit Hermann Göring und führenden Luftwaffen-Generälen das Gespräch gesucht. Das Ehepaar Lindbergh hatte damals sogar überlegt, ganz nach Deutschland zu ziehen, zumindest für einige Jahre. Und Anne Morrow Lindbergh veröffentlichte damals auch eine Schrift, die in den USA als dem Dritten Reich gegenüber zu verständnisvoll empfunden wurde. Nun, 1948, schrieb Charles Lindbergh über das persönliche Erlebnis der deutschen zerbombten Städte unmittelbar bei Ende des Zweiten Weltkrieges (ebd., S. 21):
In Germany, I learned that if this civilization is to continue, modern man must direct the material power of his science by the spiritual truths of his God.
Also:
In Deutschland wurde mir bewußt, daß der moderne Mensch, wenn diese Zivilisation fortdauern soll, die materielle Macht seiner Wissenschaft den spirituellen Wahrheiten seines Gottglaubens unterwerfen muß.

Der Schrift merkt man an, daß Lindbergh nicht besonders viel von den innerdeutschen religiösen Auseinandersetzungen während des Dritten Reiches mitbekommen hat, von der Suche nach einer neuen Religion. Und deshalb wird er auch nie etwas gehört haben von der Philosophie der schon mehrmals genannten Mathilde Ludendorff, die womöglich gerade für jemanden wie ihn zu jenen philosophischen Anliegen, die im folgenden deutlich werden, und die ihm auf den Nägeln brannten, bedenkenswerte Antworten gegeben hatte.

Jahrhunderte formten den europäischen Menschen

Lindbergh schreibt vielmehr aus einem weitgehend US-amerikanischen Erfahrungshintergrund heraus:

The quality of a civilization depends on a balance of body, mind, and spirit, measured on a scale less human than divine.
Übersetzt:
Der Wert einer Zivilisation hängt ab von einem Gleichgewicht zwischen Körperlichkeit, Denken und Spiritualität, gemessen mit einem weniger menschlichen als vielmehr heilig-göttlichen Maßstab.
Wir werden gleich sehen, daß mit der schlichten Verwendung allein eines solchen Wortes wie „body“ bei Lindbergh sehr viele Implikationen verbunden sind, daß diese Verwendung gesehen werden muß vor dem Hintergrund seiner langjährigen intensiven Zusammenarbeit mit Alexis Carrel in der Erforschung von Körpergewebe und Organen. Es wird sehr bald deutlich, daß man diese Worte Lindbergh's sehr genau lesen muß, um zu erkennen, welches Gewicht ihnen zukommt. Zumal wenn man eine deutsche Übersetzung derselben liest, liest man allzu leicht und schnell über sie hinweg. Lindbergh weiter (ebd., S. 40f):
Our western civilization represents a balance achieved by our forebears through thousands of years of struggle. We are the children of marriages influenced by the culture of Greece, guided by the sermons of Christ, inspired by the death of martyrs, instructed by western knowledge, protected by western arms. (…) We have in our very tissues qualities it has taken millions of lifetimes and scores of generations to achieve.
Übersetzt:
Unsere westliche Zivilisation repräsentiert ein Gleichgewicht, daß unsere Vorfahren erlangten in tausendjährigen Kämpfen. Wir sind die Kinder von Heiraten, die beeinflußt wurden durch die Kultur Griechenlands, die geleitet wurden durch die Lehren von Christus, die inspiriert wurden durch den Tod der Märtyrer, die belehrt wurden durch westliches Wissen, die beschützt wurden von westlichen Waffen. (…) In unserem eigenen Körpergewebe tragen wir Eigenschaften, die zu gewinnen Millionen von Leben und zahllose Generationen nötig waren.
Mit „tissue“, also Körpergewebe, hatte sich Lindbergh in der Zusammenarbeit mit Carrel intensiv beschäftigt. Um so interessanter, daß er diesen Begriff hier in erheblich erweiterter Bedeutung benutzte. Wobei in Erinnerung behalten werden sollte, daß diese Worte niedergeschrieben wurden lange vor der Entdeckung der molekularen Struktur unserer Erbsubstanz und der sich darauf aufbauenden Erkenntnisse:
We are surrounded by a culture it has taken centuries to create. (…) From the spirit of Christ, from the mind of science, from the bodily inheritance of farmers and pioneers, from such elements, western man has achieved a balance unequalled by any civilization in the past.
Lindbergh will es seinen Lesern wirklich eindringlich klar machen, was übersetzt heißt:
Wir sind umgeben von einer Kultur, für die es Jahrhunderte brauchte, um geschaffen zu werden. (…) Aus dem Geist von Christus, aus dem Denken der Wissenschaft, aus dem körperlichem Erbe von Bauern und Pionieren, aus solchen Elementen hat der westliche Mensch ein Gleichgewicht erreicht, das unerreicht ist von jeder anderen Zivilisation der Vergangenheit.

Charles Lindbergh macht nicht viele Worte. Seine Schrift umfaßt in der englischsprachigen Ausgabe nur 56 großbedruckte Seiten. Dennoch bringt er in Worten wie den eben zitierten den ganzen Stolz seiner Gegenwart, den ganzen Stolz unserer Kultur vor der Weltgeschichte zum Ausdruck. Es wird deutlich, wie viel Gewicht in jedem einzelnen seiner Worte liegt. Um so mehr muß man deshalb auch jeden einzelnen Satz auf sich wirken lassen.

Er argumentiert vor dem Hintergrund nicht nur einer mindestens dreitausendjährigen europäischen Kulturgeschichte, sondern - mehr noch - vor dem Hintergrund des Wissens um jene Jahrtausende langen genetischen Selektionsvorgänge, die erst jenen Menschenschlag hervorbrachten, der dann wiederum unsere Kultur hervor bringen konnte, einen Menschenschlag, auf den Lindbergh - offensichtlich - stolz ist.

Wie muß eine Philosophie beschaffen sein, um den wissenschaftlichen Materialismus in Schach zu halten?

Und schon nach diesem nur sehr kurzen Rückblick in die Vergangenheit blickt er in die Zukunft:

To survive, we must keep this balance. To progress, wie must improve it. Science is upsetting it with an overemphasis of mind and a neglect of spirit and body.
Also:
Um nun zu überleben, müssen wir uns in diesem Gleichgewicht halten. Um voranzuschreiten, müssen wir dieses Gleichgewicht weiter entwickeln. Die Wissenschaft zerstört dieses Gleichgewicht durch eine Überbetonung des Denkens und eine Verneinung der Spiritualität und der Körperlichkeit.
Er schreibt:
We are becoming the slaves of science, slaves of its war-machines, its mines, its factories, its offices and balance-sheets, its bureaucracy and regulations. Living in rented apartments, jamming roads and subways, punching time-clocks, sitting paunchily (dt.: dickwanstig) at desks, cramming the minds of his children with technical knowledge (…) modern man sacrifices health of body and freedom to the scientific idol of his time. Onto its altar go the smell of earth, the feel of weather, sound of wind and cricket (Wildtiere), vision of fields and rivers, warmth of friendship, understanding of children, even the contemplation of God; all these are given over to a metallic, intellectual existence. (…) Scientific man has enthroned knowledge as his idol, and turned his back on God. He has begun a ceremonial dance to which there is no end.
Übersetzt:
Wir werden zu Sklaven der Wissenschaft, zu Sklaven ihrer Kriegsmaschinen, ihrer Bomben, ihrer Fabriken, ihrer Büros und Buchhaltungs-Tabellen, ihrer Bürokratie und ihrer Regulierungen. Wir leben in gemieteten Wohnungen, pfropfen Straßen und Untergrundbahnen voll, drücken auf Stoppuhren, sitzen dickwanstig an Schreibtischen, verstopfen die Köpfe unserer Kinder mit technischen Details. (...) Der Mensch der Moderne opfert die Gesundheit seines Körpers und die Freiheit dem wissenschaftlichen Popanz seiner Zeit. Auf dem Altar liegen der Geruch der Erde, das Fühlen des Wetters, das Geraune des Windes und der Wildtiere, der Anblick der Felder und Flüsse, die Wärme der Freundschaft, das Verständnis der Kinder, sogar das Erleben Gottes; all das opfern wir einer metallischen, intellektuellen Existenz. (...) Der wissenschaftliche Mensch hat als sein Idol das Wissen gesetzt, er hat dem Göttlichen den Rücken gekehrt. Er hat einen kultischen Tanz begonnen, bei dem kein Ende vorgesehen ist.
Er sagt dann, daß die Wissenschaft durch eine größere moralische Kraft kontrolliert werden muß („... unless science is controlled by a greater moral force”):
We must control it by a philosophy reaching beyond materialism, a philosophy rooted in the character of man and nourished by the eternal truths of God. A philosophy, like human life itself, cannot be imprisoned in a formula of words. It too must be living, growing, changing.
Übesetzt:
Wir müssen die Wissenschaft durch eine Philosophie kontrollieren, die den Materialismus überwindet, eine Philosophie, die die Natur des Menschen berücksichtigt und die genährt wird durch die ewigen Wahrheiten über das Göttliche. Ebenso wie das menschliche Leben darf auch eine Philosophie nicht in die Kerkermauern der Worte gefangen gesetzt werden. Sie muß ebenso leben, sie muß mitwachsen, sich muß sich ändern.
Lindbergh weiter:
It must combine the logic of the mind with the wisdom of the heart and merge both with the spirit's intuition. It must be strong enough to make science the servant of man, not his master. (…) It must hold the respect and warrant the cooperation of every people. Upon its truths, we must build a faith that can withstand the materialism of these times.
Also:
Eine solche Philosophie sollte die Logik des Verstandes und die Weisheit des Herzens miteinander verbinden und sie sollte beide verschmelzen mit dem intuitiven Erleben des menschlichen Geistes. Sie sollte stark genug sein, die Wissenschaft zur Dienerin des Menschen zu machen, nicht zum Tyrannen des Menschen. (…) Sie sollte sich Respekt verschaffen können und jedes Volkes Zusammenhalt gewährleisten. Auf ihren Wahrheiten sollten wir einen Glauben errichten, der dem Materialismus unserer Zeit Widerstand leistet.
Lindbergh weiter:
How can such a philosophy be created, be transformed into action? (…) The answer lies in that quality with which man only, of all earthly life, is gifted. In each man ist a spark (Funke) able to kindle new fires of human progress, new light for the human spirit. This ember (Glut) may lie dormant through centuries of darkness or it may be fanned to flames by the winds of a crisis, sweeping over the earth, bringing others to life with its light and warmth. When enough of these fires are burning, they create a new dawn of spiritual understanding; the flame of a great people is formed. (…) It is from man, the individual, not from governments or churches that these sparks must come. They precede the flame of civilization, the light of religion, and they must be forever rekindled. (…)
We must search our own souls. If we truely believe in values above material things, all that is material must, sooner or later, adapt itself to them – our customs, our marriages, our laws, our taxes, our methods of thinking an living, our relationships with others, even the outcome of our wars.
Also:
Wie kann eine solche Philosophie erschaffen werden, wie umgesetzt werden ins Handeln? (…) Die Antwort liegt in jener Eigenschaft, die unter allen Lebewesen der Erde allein dem Menschen verliehen ist. In jedem Menschen glimmt ein Funke, der ein neues Feuer des menschlichen Fortschritts entzünden kann, ein neues Licht des menschlichen Geistes. Diese Glut mag ruhen durch Jahrhunderte der Dunkelheit oder sie mag zu Flammen entzündet werden durch den Wind einer Krise, mag sich über die Erde ausbreiten, mag andere mit ihrem Licht und ihrer Wärme lebendiger machen. Wenn genügende dieser Feuer brennen, werden sie die Morgenröte eines neuen religiösen Verstehens mit sich bringen; die Flamme eines großen Volkes ist dann empor gewachsen. (…) Diese Funken sollten vom individuellen Menschen selbst ausgehen, nicht von Regierungen, nicht von Kirchen. Diese Funken gehen der Flamme der Zivilisation voran, dem Licht der Religion und es ist notwendig, sie immer wieder neu zu entzünden. (…)
Es ist notwendig, unsere eigenen Seelen zu finden. Wenn wir wirklich an Werte glauben, die über materielle Dinge hinausgehen, dann sollte alles, was materiell ist, früher oder später sich selbst an diese Werte anpassen - unsere Gewohnheiten, unsere Ehen, unsere Gesetze, unsere Steuern, unsere Methoden des Denkens und Lebens, unsere Beziehungen mit anderen, sogar der Ausgang unserer Kriege.
Was für edle und anspruchsvolle Ziele hier formuliert werden. Lindbergh wußte darum. Er wußte, daß er seinen Mitmenschen hier ein Ziel zeigte, zu dessen Erreichung - oft - weite Wege notwendig wären. Und womöglich auch deshalb kommt er dann zunächst auf sich selbst zu sprechen, auf seine eigenen Irrtümer und auf seinen eigenen Weg der „Umkehr“7:
Ich bin als ein Schüler der Wissenschaft aufgewachsen. Ich kenne ihre Faszination. Ich fühlte die gottgleiche Macht, die dem Menschen durch die Wissenschaft verliehen ist, die Kraft von tausend Pferden unter den Fingerspitzen, die Eroberung des Raumes durch merkurische Geschwindigkeiten, die unsterbliche Perspektive der höheren Sphären/Luftschichten. (…) In meiner Jugend war mir die Wissenschaft wichtiger als der Mensch, wichtiger als Gott. (…) Die allgegenwärtigen Wahrheiten Gottes waren durch Dogma und Tradition verschleiert. Die Wissenschaft allein war greifbar und klar. (…) Wie die meisten jungen Menschen betete ich die Wissenschaft an. Ich war beeindruckt von ihrem Wissen. Ihre Fortschritte gingen über die wildesten Träume des Menschen hinaus. (…) Im Erlernen derselben schien der Schlüssel zu liegen für alle Mysterien des Lebens.
Um das "Mysterium des Lebens" also war es ihm womöglich gerade auch in der Zusammenarbeit mit Alexis Carrel gegangen. Mit ihm zusammen hatte er die Wissenschaft angebetet. Ob Lindbergh die weiteren Gedanken auch schon mit Carrel erörtert hatte? Er schreibt weiter:
Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, daß die Wissenschaft mit all ihrem Glanz nur eine mittlere Zone der Schöpfung erhellt, die mit ihrem Anfang und ihrem Ende an die Ewigkeit grenzt. (...) 
Ich habe gesehen, daß die Wissenschaft, die ich anbetete und die Luftfahrt, die ich liebte, die Kultur zerstörte, der sie, wie ich erwartet hatte, dienen sollte. (…) Wie kann jemand für das Idol der Wissenschaft arbeiten, wenn sie das Opfern von Städten voller Kinder fordert, wenn sie aus Menschen Roboter macht und wenn sie ihre Augen blind macht für das Göttliche?
Womöglich hatte er Sorge, daß auch die Ergebnisse seiner Zusammenarbeit mit Alexis Carrel den Menschen zu Robotern machen könnte. Er schreibt:
When we worship God and live by His spiritual values, the knowledge and infinite complexity of science are channeled by a wisdom beyond human capability. Then, instead of making us the slaves of its industries, science sharpens the higher senses by removing the drudgery (Plackerei) from life. Then, instead of smothering (ersticken) religion with its masses of data and logic, it intensifies religious truth by cleansing it of ignorance and superstition. (…) Then the tempo of life adjusts itself to the tempo of the spirit, and to the development of intellect is added the boundless freedom of the soul.
Übersetzt:
Wenn wir Gott verehren und im Sinne Seiner spirituellen Werte leben, dann wird das Wissen und die unendliche Komplexität der Wissenschaft geleitet durch eine Weisheit jenseits des menschlichen Vermögens. Dann wird die Wissenschaft anstatt uns zu Sklaven der Industrie zu machen, die höheren Seelenfähigkeiten schärfen, in dem sie vom Leben die Mühsahl nimmt. Dann wird sie - anstatt die Religion mit den Unmengen ihrer Daten und ihrer Logik zu ersticken - die religiösen Wahrheiten intensivieren, indem sie sie von Unwissenheit und Aberglauben reinigt. (…) Dann wird sich das Tempo des Lebens an die Geschwindigkeit des seelischen Lebens anpassen. Und die Entwicklung des Wissens wird ergänzt durch die endlose Freiheit der Seele.
Es steht ja außer Frage, daß sich Lindbergh auch über solche Themen - beispielsweise - mit seinen drei deutschen Frauen unterhalten hat. Schließlich war eine der dreien ja die Übersetzerin seiner Schriften ins Deutsche. Auch das wird man also berücksichtigen dürfen, wenn man diese drei Ehen betrachtet. Lindbergh schreibt:
Der Mensch, der im Irdischen endgültige Ziele anstrebt, (…) erkennt, daß diese sich wie der irdische Horizont ständig weiter zurückziehen, ohne daß er jemals erreicht wird. (…)
Das ist womöglich auch leicht und direkt auf seine gemeinsamen Forschungen mit Carrel zu beziehen. Er schreibt weiter:
So entdecken wir, daß die Ziele von gestern nichts anderes sind als die Ausgangspunkte von heute. Unserer Väter „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ brachte unserer Generation einen neuen Krieg. Wir wiederum haben Hitler-Deutschland besiegt nur, um erkennen zu müssen, daß ein Krieg mit Sowjetrußland unseren Horizont verdüstert.
Im selben Jahr hat George Orwell ganz genauso gedacht als er "1984" schrieb. Lindbergh sagt weiter, wir müssen nach dem Weg der Seele ebenso suchen, wie wir nach den Entdeckungen der Wissenschaft gesucht haben. Und ergänzt:
We must consider the problems that face us until the desire for their solution takes on the strength of a prayer.
Also:
Wir müssen über die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, so lange nachdenken, bis der Wunsch nach ihrer Lösung die Kraft eines Gebetes annimmt.
Auch hier sei ergänzt: Wer solche Dinge schreibt, geht Ehen anders ein als ein seelenloser Materialist. Lindbergh sagt8:
Es ist notwendig, aus den Predigten von Jesus zu lernen, aus der Weisheit des Laotse, aus den Lehren Buddhas. In diesen, in der Bibel der Hebräer, in der Philosophie Griechenlands, in den indischen Veden und in den Schriften der Heiligen und Mystiker besitzen wir einen Schatz der großen religiösen Wahrheiten, die der Mensch durch die Jahrtausende in Augenblicken höchster Erleuchtung gefunden hat.
Unsere Aufgabe ist es, diese Wahrheiten zu verstehen, sie von den Dogmen zu trennen, die sie umgeben, und sie auf unser modernes Leben anzuwenden. Es ist notwendig, Kraft zu ziehen aus den vergessenen Tugenden der Einfachheit, der Bescheidenheit, der Kontemplation und des Gebets.

Sieht man sich das Buch „Triumph des Unsterblichkeitwillens“ von Mathilde Ludendorff an, so beginnt auch dieses Buch mit einer Kritik der rein materialistischen Deutung der Ursachen der Evolution durch den wissenschaftlichen Materialismus des Charles Darwin. Man hat das Gefühl, daß Lindbergh nicht nur aufgrund dieses Umstandes in dieser Philosophie sehr viel von dem gefunden hätte, was er in dieser Schrift von 1948 suchte. Beide - Mathilde Ludendorff und Charles Lindbergh - suchten auf ähnlichen Wegen und mit ähnlichen Ergebnissen, um die Gefahren im Zeitalter des wissenschaftlichen Materialismus zu bannen. Und so ist die Begeisterung des Autors Wilhelm Knake schon über die wenigen von ihm angeführten Worte Charles Lindbergh's nachvollziehbar. Bei vollständiger Kenntnis der Schrift, aus der er zitierte und des Lebens dessen, der sie herausbrachte, ist sie noch viel deutlicher nachvollziehbar. An späterer Stelle kommt Knake auf diese Schrift zurück:

Klar liegt der einzige Rettungsweg, von dem auch der Flieger Charles Lindbergh gesprochen hat, vor den Augen all derer, die das Schöpfungswunder aus den philosophischen Werken Mathilde Ludendorffs in sich aufgenommen haben.

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1Knake, Wilhelm: Die Verantwortung der heutigen Wissenschaft. In: Der Quell, Folge 12, 23.6.1955, S. 554-560
2Bading, Ingo: Wilhelm Knake - Ein Autodidakt als naturwissenschaftlicher Autor. Ein Autor naturwissenschaftlicher Aufsätze der Jahre 1955 bis 1961 in der Zeitschrift "Quell". Auf: Studiengruppe Naturalismus, 18. September 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/09/wilhelm-knake-ein-autodidakt-als.html
3Lindbergh, Charles A.: Vom Fliegen und vom Leben. Holle-Verlag, Darmstadt 1952 (80 S.) (OA: Of Flight and Life, 1948)
4.....
5Lindbergh, Charles A.: Of Flight and Life. Charles Scribner's Sons, New York 1948, S. 25
6
7Original: “I grew up as a disciple of science. I know its fascination. I have felt the godlike power man derives from his machines – the strength of a thousand horses at one's fingertips; the conquest of distance through mercurial speed; the immortal viewpoint of the higher air. (…) To me in youth, science was more important than either man or God.”

8Original: „We must learn from the sermons of Christ, the wisdom of Laotzu, the teaching of Buddha. In these, in the Bible of the Hebrews, in the philosophy of Greece, in the Indian Vedas, in the writings of saints and mystics, we have a record of the great religious and moral truths discovered by man throughout the ages at his moments of highest inspiration. Our mission ist to understand this truths, to separate them from the dogma which surrounds them, and to apply them to our way of modern life. We must draw strength from the forgotten virtues of simplicity, humility, contemplation, prayer.”

Unternahm Charles Lindbergh "symbolische Flüge" im Auftrag des CIA?

Soweit unsere bisherigen Veröffentlichungen und Abhandlungen über Charles Lindbergh. Soweit eine jüngste Internetrecherche erkennen läßt, sind vorerst keine weiteren grundlegenden Neuerkenntnisse über das Leben von Charles Lindbergh bekannt geworden oder zu erwarten, zumindest nicht so grundlegende wie jene, die schon in den eingangs genannten früheren Blogartikeln referiert worden sind. In einer Filmdokumentation des Jahres 2006 kann man auch Filmaufnahmen von Charles Lindbergh aus seinen Altersjahren sehen (21)(im Teil 3). 2010 wurde eine Auswertung der Briefe von Charles Lindbergh an Brigitte Hesshaimer veröffentlicht (12). Insbesondere sind aber in den letzten Jahren mehrere Film- und Radio-Dokumentationen zugänglich geworden (13-17, 21), in denen nicht nur die neueren Biographen von Charles Lindbergh persönlich zu Wort kommen und zu sehen sind (Schröck, Friedman), sondern - kurzzeitig - auch einige seiner deutschen Kinder (21). Und in ihnen kann man insbesondere den jungen Charles Lindberg auch im bewegten Bild sehen, wobei - wie oben schon gesagt - sein ruhiger, stolzer Blick auffällt. (Der Tonfall all dieser neueren Dokumentationen muß einem nicht durchgängig stimmig erscheinen - aber das ist man ja heutzutage eh gewohnt, zumal gegenüber Menschen, die nicht dazu neigen, sich stromlinienförmig zu verhalten.)

Charles Lindbergh ist schon im Jahr 1926 Freimaurer geworden. Daß sein Nachdenken, Schreiben und Handeln allerdings davon stärker beeinflußt worden wäre, daß sich in all diesem etwa irgendwo deutlichere Elemente irgendeiner "Freimaurer-Ideologie" finden würden, das ist bislang nirgendwo zu erkennen. Dazu war Lindbergh ein viel zu selbständiger Charakter. Seine politische Gegnerschaft gegen den Kriegseintritt der USA zwischen 1939 und 1941 spricht ja genau die gegenteilige Sprache. Neuerdings machen wir uns aber mehr bewußt als vielleicht zuvor, daß ja vermutet wird, daß Charles Lindbergh nach 1945 weltweit für den US-amerikanischen Geheimdienst, den CIA, gearbeitet habe (16) (Aussage von Herbert Schröck in 18'41):

Überall, wo es Weltkrisen gab - ob in Persien, ob in Südostasien, Vietnam - überall war Lindbergh vorher anwesend. Deswegen bin ich mir sicher, daß er sehr eng mit der CIA verbandelt war.

Doch auch diesbezüglich muß man nicht anfangen, in Lindbergh einen besonders "tief" Eingeweihten finden zu wollen. Sollte er wirklich im Dienste der damaligen verbrecherischen, kriegstreiberischen Ziele des CIA gearbeitet haben, kann das höchstens darauf beruhen, daß ihm in diesen Zeiten noch nicht in vollem Umfang klar war, für welche Ziele und Methoden letztlich die Arbeit des CIA steht. Wir wollten diesen Hinweis jedenfalls nicht verschweigen. Ein "geschöntes" Bild von Lindbergh, das nicht auf vollständiger Wahrheit beruht, liegt bestimmt nicht in unserem Interesse. Warum er also all diese Reisen in Krisengebiete unternahm, oft, bevor sie zu Krisengebieten wurden, muß einstweilen als ungeklärt erachtet werden. Vielleicht wurde Lindbergh mit dem subjektiven Gefühl dort hingeschickt, er könne durch seine Beratung dort "Schlimmeres" verhüten. Geheimdienste arbeiten ja gerne mit dem sogenannten "Wissensgefälle" zwischen den Vorgesetzten und den Ausführern von Arbeitsaufträgen.

[Ergänzung 6.11.17] Übrigens war Lindbergh ja in genau diesem Sinne auch schon 1938 und 1939 nach Deutschland geschickt worden. Womöglich hat er - so kommt einem der Gedanke - bei all diesen seinen Reisen - sich selbst unbewußt - "symbolische Reisen" unternommen im Sinne seiner okkultverblödeten Vorgesetzten innerhalb des CIA. In privaten Zuschriften wurde uns etwa einmal geschrieben, daß auch die Landung des Mathias Rust 1987 auf dem Roten Platz in Moskau (Wiki) in einem solchen Zusammenhang gesehen werden könne und müsse, auch wenn sich Rust selbst dieses Zusammenhanges gar nicht bewußt wäre. Die Freimaurerei hat auch bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmales von Leipzig viele uneingeweihte Menschen symbolische Handlungen begehen lassen, ohne daß diese Menschen wußten, daß es sich dabei um symbolische Handlungen im Sinne der Freimaurerei handelte. Und noch heute erklären okkultverblödete Freimaurer ihren Lesern dann im Brustton der Überzeugung, daß dieser Umstand den symbolischen Wert der Handlung an sich nicht schmälere (siehe andere Beiträge hier auf dem Blog).

Immer wieder wird gemunkelt, daß das Luftschiff Hindenburg und sein Verbrennen in solche symbolischen Handlungen eingeordnet werden könnte. Und so vielleicht auch noch viele Luftfahrt-Missionen, die gar nichts mit Lindbergh zu tun hatten. Von viel okkult-symbolischer Bedeutung wird auch hinsichtlich der Raktenforschung geraunt (GA-j! 10/2016). [Ergänzung Ende.]

Lindbergh's Kinder und Enkel

In einem Video auf Youtube (14) erzählt Reeve Lindbergh, die jüngste amerikanische Tochter Lindberg's, 2008 wie sie ihre neuen deutschen Verwandten wenige Jahre zuvor auf einer Europareise nacheinander kennen gelernt hat. Und man spürt ihre - "gemischten" - Gefühle dabei sehr gut durch. Auch spricht sie davon, daß nicht alle der drei deutschen Frauen von Lindbergh begeistert waren darüber, daß seine drei deutschen Familien öffentlich bekannt wurden, ja, daß sich eine derselben wirklich geschämt habe deshalb.

Wir entdecken außerdem, daß in der Folge 14 vom 15. September 1996 auf S. 24 der "Siebenbürgischen Zeitung" sich offenbar die Todesanzeige - womöglich - für eine Schwägerin von zwei der deutschen Frauen von Charles Lindbergh findet, also der beiden Hesshaimer-Schwestern, die ja aus der deutschen Volksgruppe in Siebenbürgen stammten. Es ist da angeführt:

Edith Copony verwitwete Hesshaimer, geborene Clompe * am (...) in Kronstadt/Siebenbürgen + (...) in Bad Heilbrunn.
In Liebe und Dankbarkeit:
  • Edith von Stein-Lausnitz, geb. Hesshaimer 
  • Verena Gräfin von Moy, geb. von Stein-Lausnitz und Guy Graf von Moy mit Theresa, Assunta, Yvonne und Clemens 
  • Alexander von Stein-Lausnitz
  • Albert von Stein-Lausnitz
  • Marietta Hesshaimer, Vago Hesshaimer, Christoph Hesshaimer
  • Brigitte Hesshaimer, Dirk Hesshaimer, Astrid Lemoine, geb. Hesshaimer mit Isabelle und Charles-Eduard, David Hesshaimer, 
  • Adolf Hesshaimer und Daga Hesshaimer, geb. Folberth 
  • Margrit Drotleff, geb. Hesshaimer und Hans-Gert Drotleff mit Isabelle, Van ....

Es sind die beiden Hesshaimer-Schwestern Marietta und Brigitte angeführt, mit denen Lindbergh seine Familien gegründet hatte und es sind die jeweiligen gemeinsamen Kinder angeführt. Von diesen starb schon 2015 Dyrk Hessheimer (Süddt. Ztg.). Er hinterließ keine Kinder.

Insgesamt bleibt weiterhin der Eindruck vorherrschend, daß weder die deutsche noch die US-amerikanische "veröffentlichte" Meinung dem Leben und Denken von Charles Lindbergh volle Gerechtigkeit wiederfahren lassen können oder wollen. Das schmälert die eigentliche, innere Bedeutung des Lebens von Charles Lindbergh aber in keiner Weise.

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*) Eine deutsche Philosophin, deren philosophische Fragen und Antworten den philosophischen Fragen und Antworten von Charles Lindbergh am nächsten kommen - Mathilde Ludendorff (1877-1966) benannte diesen ihr wesentlichen und wertvollen menschlichen Stolz mit dem Begriff "Gottesstolz" (20).

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  1. Bading, Ingo: Charles Lindbergh ist souverän gestorben. Auf: Studium generale, 31.5.2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/05/charles-lindbergh-ist-souvern-gestorben.html
  2. Bading, Ingo: Ein dritter Weg zwischen Atheismus und Monotheismus?. Auf: Studium generale, 2.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/06/ein-dritter-weg-zwischen-atheismus-und.html
  3. Bading, Ingo: Ein "absolut einzigartig" Liebender - Charles Lindbergh. Auf: Studium generale, 9.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/ein-absolut-einzigartig-liebender.html
  4. Bading, Ingo: Charles Lindebergh - Hätten die USA 1941 seiner Politik folgen sollen?. Auf: Studium generale, 11.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/charles-lindebergh-htten-die-usa-1941.html
  5. Bading, Ingo: "Der Tod ist gleich hier, neben dir." - Aus dem Leben des Flugpioniers Charles Lindbergh. Auf: Studium generale, 24.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/der-tod-ist-gleich-hier-neben-dir-aus.html
  6. Bading, Ingo: Charles Lindbergh's berühmteste Rede in De Moines am 11. September 1941 - Originalaufnahme. Auf: Studium generale, 10.7.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/07/charles-lindbergh-berhmteste-rede-in-de.html
  7. Bading, Ingo: "Ein Flieger war ich und schlürfte den Wein der Götter" Charles Lindbergh - Warum müssen Menschen sterben? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 10. November 2011, http://studgenpol.blogspot.de/2011/11/ein-flieger-war-ich-und-ich-schlurfte.html
  8. Bading, Ingo: Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung 1941 bis 1961. Unveröffentlichtes Buchmanuskript, 147 Seiten, erarbeitet 2015
  9. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh - Ein Idol des 20. Jahrhunderts. 1999 (engl. Original: Lindbergh. G.P. Putnam's Sons, New York 1998)
  10. Schröck, Rudolf: Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh. Der berühmteste Flugpionier aller Zeiten; seine wahre Geschichte. Heyne, München 2005
  11. Friedman, David M.: The Immortalists. Charles Lindbergh, Dr. Alexis Carrel, and Their Quest to Live Forever. HarperCollins Publishers, New York 2007
  12. Kröncke, Gerd: Charles Lindbergh - Der Amerikaner und die Hutmacherin. Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2010, http://www.sueddeutsche.de/panorama/charles-lindbergh-der-amerikaner-und-die-hutmacherin-1.661513http://www.sueddeutsche.de/panorama/charles-lindbergh-so-einsam-war-der-adler-nicht-1.668436
  13. Danuta Harrich-Zandberg (Drehbuch und Produktion), Harrich, Walter (Regisseur): Charles Lindbergh. The True Story. DIWA Film GmbH, 2005 (mit A. Scott Berg, Astrid Bouteuil, David Hesshaimer, Dyrk Hesshaimer) [nicht auf Youtube]
  14. Costelle, Daniel; Clarke, Isabelle: Charles Lindbergh in Color. 2007, https://www.youtube.com/watch?v=RyqL6IUr0DA
  15. Lindbergh, Reeve: Reflects on her Father, Charles Lindbergh. Mai 2008, https://www.youtube.com/watch?v=nK1C1rb_4EM
  16. Nolan, Clare: Secret Lives of Charles Lindbergh. National Geographic Television, USA 2009. Deutsch: Das Doppelleben des Charles Lindbergh. [Reihe: Geheimnisse der Geschichte], Dokumentation, 45 Minuten, zdf info 2011, https://www.youtube.com/watch?v=6Q_Tc07zLUQ oder hier https://www.youtube.com/watch?v=yXu9Zbk3cSM oder https://www.youtube.com/watch?v=oitcrqFpD_A
  17. Becker, Herbert: Charles Lindbergh - Nationalheld mit Doppelleben. Radio Wissen, Bayerischer Rundfunk/ARD, 15.05.2017 (22 Min.), http://www.ardmediathek.de/radio/radioWissen/Charles-Lindbergh-Nationalheld-mit-Dop/Bayern-2/Audio-Podcast?bcastId=5945518&documentId=42833898http://www.br.de/themen/wissen/lindbergh-charles-flugzeug-100.html
  18. Lindberg, Charles: Neutrality and War. (Speaks on a United European Race.) Radioansprache vom 13. Oktober 1939, https://www.youtube.com/watch?v=sAlCDMp-Y3c
  19. Lindbergh, Charles: Pleads for independence. Anfang 1940, https://www.youtube.com/watch?v=5IIq-NYItYMhttps://www.youtube.com/watch?v=CZTAWKv4VWY
  20. Bading, Ingo: Zur Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins - Eine Mitschrift von Vorträgen Gerold Adams aus dem Jahr 1993. Die Deutsche Volkshochschule, 11. Mai 2017, http://fuerkultur.blogspot.de/2017/05/zur-evolution-des-menschlichen.html
  21. Charles Lindbergh Declassifield. USA 2006 (ImdD) Zugänglich auf Spanisch. Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=WO9CAQpbLDE, Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=df6so_frU8k, Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=19bUnWVck78

Montag, 7. August 2017

Anregungen für die Naturwissenschaft durch Okkultwahn?

Manche Okkulte und Wahngläubige sehen offenbar ihre Felle davon schwimmen

In der alternativen Öffentlichkeit gibt es eine geistige Strömung, die versucht, die moderne Naturwissenschaft - Kosmologie und Evolution - als Leistung und Ausfluß okkulten Denkens darzustellen. Nichts ist so doof als daß es nicht Leute geben würde, die solche Gedanken auch vertreten.

Wir wurden von einem Blogleser auf einen entsprechenden Aufsatz (1) hingewiesen. Ein "Möchtegern-Philosoph finnischer Herkunft" (About), der mit dem Namen "Hauki Pesukone" auftritt - was auf Deutsch übersetzt heißen würde "Hecht Waschmaschine" (also: der Hecht in der Waschmaschine?) -, und der im Leitwort seines Blogs erklärt, an Zufälle zu glauben, doch kein Vertrauen in sie zu haben (wow, was für ein hipper Kerl!), erzählt erst einmal etwas darüber, daß er den Jesuiten die Fortsetzung ihrer Jahrhunderte langen Verschwörung in heutiger Zeit mit angepaßten Mitteln zutraut. Man beginnt innerlich mitzugehen. Bis er erklärt, daß die Theorie von der flachen Erde nicht per se zurück zu weisen sei. Ooooooookayyy ..... Ähm.

Und dann geht er der Theorie nach, daß es die Sphären (Umlaufbahnen) des Kopernikus schon in der Kabbala gegeben hätte. War Nikolaus Kopernikus, der große deutsche Astronom (2), also Kabbalist? Doofe Frage, ich weiß. Aber wie gesagt: Nichts ist so doof als daß es nicht Leute gäbe, die das vertreten (vielleicht weil sie dafür bezahlt werden, vielleicht von Jesuiten .... man weiß es nicht). - Erst antwortete ich dem Blogleser, der mir den Link gesendet hatte:
Warum schickst Du das?
Am Anfang schreibt der sehr gut, wie ich fand. "Hätte ich selbst schreiben können," ist da so mein Gedanke. (Und das kann einen ja dann auch wieder Verdacht schöpfen lassen ...) Aber an der Stelle, wo er mit der Flachen Erde anfängt, wird klar, daß er in keiner Weise fest im modernen naturwissenschaftlichen Wetlbild verankert ist. Und das haben alle Okkulten am allerliebsten. Denn erst solche Leute sind mit jedem, wirklich jedem Quark zu manipulieren. Deshalb ja auch halte ich die Verankerung im modernen naturwissenschaftlichen Weltbild für so durch und durch zentral. Daß das heliozentrische Weltbild kabbalistisch sein soll, ist einfach nur Schwachsinn. Da lese ich gar nicht weiter. Kopernikus war Naturwissenschaftler.
Ich vermute, Du schickst es mir, um darauf hinzuweisen, daß die Okkulten neuerdings die modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als ihre eigenen beanspruchen, weil sie merken, daß ihnen sonst die Felle wegschwimmen. Wenn Du es in diesem Sinne meinst: vielen Dank, ja, das wußte ich in diesem Extrem-Ausmaß noch nicht. Und das ist natürlich ein deutlicher Hinweis. Die verfügen über immense Ressourcen. Sie haben viel Zeit, viele Köpfe. Und sie kämpfen mit allen Mitteln und auf allen Fronten. Es ist ein sehr eigenes Geschehen, sich in Konfrontation mit diesen Mächten eigenes seelisches Erleben und selbstständiges Denken zu bewahren, bzw. überhaupt erst zu entwickeln und zu entfalten. Da man ja auch allerseits sieht, mit welchem Erfolg Okkulte die Welt vernebeln. Irgendwelche Dumme, die es glauben, finden sich ja offenbar fast immer.
Der Blogleser antwortete unter anderem darauf:
Wer sich auf das Newtonsche Weltbild bezieht, muß doch zumindest auch beachten, daß dieses Denken parallel zu okkultistischen Studien verlief (s. Wiki: Isaac Newton's occult studies).
Muß er das? Nun gut, diese Seite von Isaak Newton wird nicht jedem bekannt gewesen sein, dem Autor dieser Zeilen nicht. Aber daß die okkulten Studien von Issak Newton oder auch seine religiösen Ansichten größeren Anteil hatten an der Entwicklung seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hatte, findet man auf Wikipedia zunächst nirgendwo deutlicher ausgeführt (oder übersieht man etwas?). Unsere Antwort darauf zunächst:
Na, das läuft auf eine ähnliche These hinaus wie die, die mir ein Katholik und Biologiestudent aus Österreich vor zwei Jahren schrieb, der meinte, die gesamte moderne Naturwissenschaft wäre freimaurerisch verfremdet.
Er hatte mir geschrieben, daß das "katholische Abendland vor der Aufklärung" das einzige System gewesen wäre, das "nicht von Okkultreligionen (oder offenem Satanismus, z.B. der Punier) gelenkt" gewesen wäre. Man muß sich einmal in dieses völlig bigotte Denken hinein denken und sich zugleich klar machen: Es gibt heute Biologiestudenten im deutschsprachigen Raum, die so denken. Bei so etwas wird einem mehr als unheimlich. Es gibt nämlich eine zumeist kaum bemerkbare Strömung unter gebildeteren katholischen Rechtskonservativen, die durchaus sehr naturwissenschaftsnah argumentieren können, und deren Existenz erst und immer erst dann spürbar wird, wenn naturwissenschaftsnahes Argumentieren auf rechtskonservativer Seite absolut nicht mehr zu vermeiden ist, die aber sonst ihre Existenz tunlichst unbemerkbar lassen und deshalb auch einmal schnell ganze "Ernstfall"-Projekte wieder unsichtbar machen können (3). Es handelt sich hier um eine typische gruppenevolutionäre Strategie, wenn man für Gotteswahn und die Macht von Männerorden und Priesterkasten steht, es ist die katholisch-jesuitische gruppenevolutionäre Strategie zum Überleben der eigenen völlig verquasteten Existenz. Jedenfalls schrieben wir vor einigen Tagen weiter an den befreundeten Blogleser:
Eine andere einseitig geisteswissenschaftlich gebildete Autorin, der die Erhaltung des deutschen Volkes wichtig ist, meint, die ganze moderne Naturwissenschaft wäre durch das angloamerikanische Denken verhunzt und verfremdet worden. Nur deutsches naturwissenschaftsnahes Denken wäre zu tolerieren. Und so findet jeder für sich Wege, um diese Naturwissenschaft - die ganz aus eigenen Gesetzen heraus lebt, die auch, da es sich um Vernunfterkenntnisse handelt, weltweit gelten - nicht ganz für sich sprechen zu lassen, um ihnen nicht das Gewicht und die Bedeutung beizusprechen, die sie heute haben, und um Naturwissenschaft stattdessen in ein vergleichsweise kleines, dümmliches, krummes Weltbild einzuordnen, bzw. in diesem ganz an den Rand zu drängen. Die Welt ist komisch. Wer weiß, wie Naturwissenschaft funktioniert, der weiß auch, daß sie kein Anregungen nicht-naturwissenschaftlicher Art (jedenfalls nicht solcher) braucht, um zu funktionieren. Soweit ich weiß, war Johannes Kepler einer der letzten Naturwissenschaftler, der an Astrologie geglaubt hat. Aber auch dessen große naturwissenschaftliche Theorie hat mit seiner Astrologie vergleichsweise wenig zu tun. Sonst würden ja Naturwissenschaftler darüber sprechen.
Das von Hauki Pesukone-Waschmaschine vorgebrachte Argument läuft im übrigen auf ein ähnliches Argument hinaus, auf das der Religionswissenschaftler und Mitblogger Michael Blume und andere Christen gerne Bezug nehmen, nämlich wenn sie es als bedeutsam erklären, daß Charles Darwin Christ gewesen wäre.

Nun ernsthafter: Ideengeschichte und Diskursanalyse zur Geschichte der Naturwissenschaft


Nun gut, unser Blogleser schrieb darauf:
Es ist aber eine andere Disziplin und Methodik, sich zu fragen, inwiefern auch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Genannten von Okkultinteressen in irgendeiner Form beeinflusst wurden - ob als Störung der Rationalität oder in irgendeiner Korrelation, die 'zufällig' produktiv war (dann auch wohl in Deinem Sinn). Die von mir gemeinte Disziplin ist Ideengeschichte und Diskursanalyse. Sie geht in Naturwissenschaft ebensowenig auf wie umgekehrt. Soweit gehe ich die Dilthey-These mit, nicht vollumfänglich bzgl. aktuellerer Entwicklungen in den sog. Verstehens-Wissenschaften.
Dazu nun schrieben wir als letzte Antwort (hier erweitert):

Lieber Blogleser,

gewiß gibt es unter den vielen nicht-wissenschaftlichen Einflüssen auf wissenschaftliches Denken auch okkulte Einflüsse. Es sind ja viele Naturwissenschaftler bekannt, die Vertreter von Gotteswahn sind. Und auch von Vertretern von Satanswahn ist bekannt, daß sie Naturwissenschaftler sein können. Der Hochgradfreimaurer und Gründer völkischer Okkultlogen Paul Köthner (1870-1932) (Wiki) zum Beispiel, der Mitte der 1920er Jahre ausplauderte, daß die Freimaurerei den Ersten Weltkrieg geplant hatte, weil er dies in Logen in ganz Europa vor 1914 gehört hatte, und der voraussagte, daß "der Osten" in näherer Zukunft Europa überfluten und zerstören würde (was ja 1945 geschah), war Chemiker. Womöglich war der Übergang von der Chemie über die Alchimie zum Okkultwahn sowieso einer der häufiger begangenen Wege. Wer sich in der Welt umschaut, wird auf viele promovierte und habilitierte Naturwissenschaftler stoßen, die die abstrusesten Dinge glauben.

Nein, ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen, daß Gotteswahn Naturwissenschaftler mitunter sogar ermutigen kann, wertvolle naturwissenschaftliche Forschungen zu unternehmen und die Ergebnisse dazu mitzuteilen. Man könnte vermuten, daß dies für Christen wie den Paläontologen Simon Conway Morris (8) oder Guillermo Gonzales (9) gilt, die beide - meines Erachtens - ganz hervorragende Wissenschaft gemacht haben bislang.

Auch dürften Gottes- und Satanswahn eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben beim Manhatten-Projekt, also bei der Entwicklung und dem Bau der ersten Atombombe. Wie überhaupt von Gottes- und Satanswahn ausgelöste Kriege und gesellschaftliche Entwicklungen viel weitere Forschungen veanlassen. Das ist sicherlich ein weites Feld.

Wer sich aber nun für "Ideengeschichte und Diskursanalyse zur Geschichte der Naturwissenschaft" interessiert, was doch ein unglaublich spannendes, und meines Erachtens wichtiges Thema ist, dem möchte man zunächst einmal sagen, daß die rein innerwissenschaftliche Diskursanalyse und Ideengeschichte, die Abfolge von Induktionen und Deduktionen dabei schon von aller größtem Wert ist (4). 

In diesem Zusammenhang hat mich mein Onkel Gerold Adam (siehe neuerdings: 5), für den gerade dieses Thema unglaublich zentral und wesentlich war und das er sehr gründlich behandelt hat, einmal vor dreißig Jahren geraten, ein Buch zu lesen, mit dem ich bis heute nie zu Ende gekommen bin, weil es sehr anspruchsvoll Ideengeschichte und Diskursanalyse in der Geschichte der Naturwissenschaft analysiert (4). In diesem Buch des Astrophysikers David Layzer wird sehr gründlich erörtert, aufgrund welcher Motive es zum Wechsel von einem naturwissenschaftlichen Weltbild zu einem anderen gekommen ist, und zwar insbesondere in Auseinandersetzung mit Thomas S. Kuhn, bzw. als Antwort auf ihn. Und ich denke, hier gibt es schon genügend Dinge zu klären, die viele Menschen sich heute gar nicht klar gemacht haben.

Abb. 1: David Layzer, 1989 (1984)

Es ist ja von vornherein klar, daß Wahnglauben viel mehr aller Orten von der Naturwissenschaft zurück gedrängt wurde, wird und werden mußte, um überhaupt Geltung zu erlangen. Auch der (inner-)naturwissenschaftliche Erkenntnisfortschritt ist keineswegs etwas, das man als einen selbstlaufenden Automatismus beschreiben und hinnehmen darf. Es wurde und wird hier schwer gerungen um Erkenntnis. So ist es Layzer zum Beispiel wichtig, ausführlich darzulegen, daß die Theorie vor Kopernikus die meisten Erscheinungen am Himmel nicht schlechter erklären konnte als Kopernikus selbst. Denn Kopernikus nahm ja noch fälschlicherweise kreisrunde Planetenbahnen an. Layzer schreibt (4, S. 32):
Das heliozentrische kopernikanische Planetensystem war genauso kompliziert wie seine geozentrischen Vorläufer; es war auch nicht merklich exakter, und seine Konsequenzen im Hinblick auf die Größe der Sterne schien absurd und im Widerspruch zu einer Kernaussage des Modells zu stehen. (...) Entstanden ist dabei ein mathematisches Dickicht, unter dem das bewunderswert einfache Modell selbst fast ein Jahrhundert wie im Verborgenen schlummerte.
Dennoch waren Galilei und Kepler begeistert, dennoch stieß dieses Weltmodell auf vehementen Widerstand. Soweit nur ein kleiner Ausschnitt aus dieser rein innerwissenchaftlichen Auseinandersetzung. Und ich will damit nur andeuten, daß es hier innerwissenschaftlich eine solche Fülle von Problemen gab, denen gegenüber eine irgendwie wahnhafte "Anregung", ein irgendwie wahnhafter "Anstoß" wirklich völlig zweitrangig ist, ja, zu völliger Bedeutungslosigkeit absinkt.

Bevor man hier Vermutungen nachgeht, könnte es Sinn machen, erst einmal einen tieferen Blick in die innewissenschaftliche Debatte selbst zu werfen und sich dann zu fragen: Bedurfte eine solche Fülle von Problemen noch des Anstoßes von außen, um zu einer neuen Klärung gedrängt zu werden? Ich habe mich viel mit der Geschichte der Naturwissenschaft beschäftigt und ich kann mich gerade an kein Beispiel erinnern. Newton fiel ein Apfel auf den Kopf, ja. Aber selbst dieses Geschehen war schlicht: Wissenschaft. Nichts dezidiert Außerwissenschaftliches.

Was man anstelle dessen aber behandeln kann und was der Wissenschaftsphilosoph Max Hartmann (1876-1962) (Wiki) gründlich behandelt hat, das ist eben die genannte Abfolge von Induktion und Deduktion im Verlauf der Wissenschaftsgeschichte (6).

Und Hartmann hat dabei eben auch darauf hingewiesen, daß die Induktion durchaus durch Intuition zustande kommen kann. Aber ich kann mich an keinen Bericht einer solchen durchbrechenden Intuition eines Naturwissenschaftlers erinnern - also an das vorrationale Gewinnen einer neuen Einsicht, die dann erst im Nachhinein rational begründet wird - in der irgendein Wahnglaube eine größere Rolle gespielt hat. Es gibt das berühmte Beispiel vom Benzolring, wo der Chemiker träumte, eine Schlange würde sich in den Schwanz beißen. Nun darfst Du ja gerne nachforschen, ob dieser Forscher dabei etwa okkulte Anregungen hatte. - - - Ist ja nahe liegend!!!!! Ich sage nur: Schlange!!!!!

Werner Heisenberg schildert seinen zunächst stark intuitiven Erkenntnis-Durchbruch beim Gewinnen der Quantenphysik 1924 auf Helgoland sehr genau (7), soweit das möglich ist, und zwar insbesondere auch die erlebnishafte Seite dieses Durchbruchs. Von Einflüssen von Wahnglaube ist dort nirgendwo die Rede. Roger Penrose, der Freund von Stephen Hawkings (oder war es letzterer selbst?), erzählt, daß ihm eine entscheidende Einsicht beim Duschen gekommen sei. 

Ich habe viele naturwissenschaftliche Sachbücher gelesen, oft von Nobelpreisträgern. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, wo intuitives Erkennen nicht durch die unglaublich intensive Auseinandersetzung mit den vorliegenden Forschungsfragen selbst, sondern ausgelöst worden wären durch irgendeine Art von Wahnglaube. Vielleicht müssen wir dafür noch auf einen Bericht von Simon Conway Morris warten. Aber auch bei ihm vermute ich vornehmlich, daß seine wissenschaftlichen Intutionen wissenschaftliche Anlässe hatten und daß er durch ein christliches Weltbild nur ermutigt wurde, diese nun auch nach außen hin zu vertreten und weiter zu verfolgen.

Auch Michael Blume dürfte durch sein christliches Weltbild - und durch christliche gruppenevolutionäre Strategien - ermutigt worden sein, seine religionsdemographischen Forschungen und Erkenntnisse zu veröffentlichen und zu vertreten.

Das mag man dann aus einer gewissen (Hegel'schen) Perspektive heraus die wissenschaftsgeschichtliche "List der Vernunft" nennen. Überhaupt ist vielen Menschen, die Forschung fördern, bewußt, daß die Forschungsgeschichte zeigt, daß insbesondere in der Grundlagenforschung die künftigen Entwicklungen kaum vorauszusehen waren, daß die größten Durchbrüche fast immer unerwartet und völlig überraschend kamen, daß man hier den Erkenntnisfortschritt also am ehesten fördern kann, um so größere Freiheit man kreativen Forschern läßt. Denn wer in der Forschung nur das Erwartete erwartet von sich selbst und anderen (wie es in der angewandten Forschung zu oft geschieht), der wird dann - zumeist - auch nur das Erwartete hervor bringen.

Ich darf auch von meinem eigenen Jahre langen naturwissenschaftlichen Forschen zur Soziobiologie arbeitsteiliger Gesellschaften sagen, daß ich natürlich versuche, die ganze Bandbreite meiner Erfahrungen im eigenen Leben wie in dem, was man liest, zu berücksichtigen und zu bewerten auf die Wichtigkeit des jeweils Umsonnenen für eine theoretische Weiterentwicklung. Hier ist es aber zumeist eher umgekehrt: Man findet allerorten evolutionspsychologische Erklärungen dafür, warum Wahnglaube und warum die gruppenevolutionären Strategien von Männerorden und Priesterkasten aus evolutionsbiologischer Sicht "funktionieren", bzw. wann sie - zum Beispiel - der Intelligenz- und Altruismus-Evolution der Menschheit zuträglich, wann sie derselben abträglich sind.

Ich glaube, die Naturwissenschaft hat schon lange ein Stadium erreicht, wo sie sich bewußt ist, daß zu krasse außerwissenschaftliche Einflüsse eher Forschungshemmnis sind. So nannte ja noch Konrad Lorenz den philosophischen Idealismus ein klares Hemmnis für naturwissenschaftliche Forschung und für die möglichst voraussetzungsfreie Entgegennahme der Ergebnisse dieser Forschung durch Geisteswissenschaftler. Also außerwissenschaftliche Einflüsse, wenn sie nicht kulturell-künstlerisch wertvoller Art sind, die also - etwa - das Schönheitserleben (und damit das intuitive Erleben überhaupt) stärken, die den Wahrheitswillen stärken, die den Wunsch zum Guten stärken, werden häufiger abträglich als zuträglich sein für den Erkenntnisfortschritt.

Das ist auch der Grund, weshalb Simon Conway Morris auf mehreren hundert Seiten nur aktuellste Forschungsliteratur zitiert und sich auf sie bezieht und nur im aller letzten, kurzen Kapitel - ganz kurz - auf seinen eigenen christlichen Hintergrund zu sprechen kommt (9). Beispielsweise der Ex-Jesuit Teilhard de Chardin ging da - im Zusammenhang seiner naturwissenschaftlichen Argumentation - ganz anders vor. Und er wird schon allein deshalb sicherlich nur noch von wenigen Naturwissenschaftlern für irgendwie aktuell oder anregend gehalten.
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  1. Haukipesukone (a wannabe-philosopher of Finnish origin): Kabbalistic Origins of the Copernican Model, 3. August 2017, https://concordiaabchao.wordpress.com/2017/08/03/copernican-model/
  2. Meinecke, Erich: "Oh, daß doch dies alles gebessert würde, solange es noch Zeit ist und ehe ein großer Fall geschieht". Nikolaus Kopernikus und die Geschichte Westpreußens. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 102, März 1996, S. 13-24
  3. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille" "Voran, Soldaten Christi" - "Im Namen des Kreuzes Kriegsdienste tun". Auf: GA-j!, 28. Juli 2015, http://studgenpol.blogspot.de/2015/07/eine-milliarden-katholiken-gegen-200.html
  4. Layzer, David: Das Universum - Aufbau, Entdeckungen, Theorien. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, Heidelberg, 3. Auflage 1989 (dt. zuerst 1986, engl. zuerst 1984) 
  5. Bading, Ingo: Was zu tun ist am wichtigsten? Antworten auf Lebensfragen junger Menschen - Mitschrift eines Vortrages von Gerold Adam aus dem November 1993. In: Die Deutsche Volkshochschule - digitale Ausgabe, 1. August 2017, http://fuerkultur.blogspot.de/2017/08/was-zu-tun-ist-am-wichtigsten.html
  6. Hartmann, Max: Die philosophischen Grundlagen der Naturwissenschaften. 1948
  7. Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Piper, München 1969
  8. Conway Morris, Simon: Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, 2003
  9. Gonzales, Guillermo; Richards, Jay Wesley: The Privileged Planet: How Our Place in the Cosmos Is Designed for Discovery. Regnery Publishing, Washington D.C. 2004

Donnerstag, 10. November 2011

"Flieger war ich und schlürfte den Wein der Götter"

Charles Lindbergh - Warum müssen Menschen sterben?

Ein wesentlicher Inhalt des Lebens des Flugpioniers Charles Lindbergh (1902-1974) war das Umsinnen des Rätsels des Todes. Dieser Umstand war schon in früheren Beiträgen hier auf dem Blog behandelt worden, nachdem wir mit Überraschung davon erfahren hatten, wie souverän Lindbergh  gestorben ist (1-6). Auch für ein konsequent naturalistisches Denken bleibt der Tod ein Rätsel. Deshalb ist es von nicht geringem Interesse, welche Antworten ein so pragmatischer und bodenständiger Flieger, Wissenschaftler und Philosoph wie Charles Lindbergh auf diese Fragen während seines Lebens gefunden hat. Insbesondere auch deshalb, weil er als Wissenschaftler mit einem der bedeutendsten Alternsforscher des 20. Jahrhunderts, mit dem Nobelpreisträger Alexis Carrel, fünf Jahre lang in der Forschung eng zusammengearbeitet hat.

All dies ist erstmals gründlich herausgearbeitet worden in einer 300-seitigen Biographie, die im Jahr 2007 erschienen ist (7, 8), und auf die wir ebenfalls schon kurz hingewiesen hatten. Im folgenden sollen wenige wesentliche Eckpunkte dieses Umsinnens von Charles Lindbergh dargestellt werden, jedenfalls soweit sie anhand dieser neuen Biographie herausgearbeitet werden können. Wünschenswert wäre auch eine Zusammenstellung aller Zeitschriften-Aufsätze von Charles Lindbergh und gegebenenfalls auch sonstiger seiner Äußerungen zu solchen tieferen philosophischen Fragen.

Der Pferdekadaver (etwa 1910)

Abb. 1: Kindheit am Missisipi

Charles Lindbergh war schon früh in seiner Jugend auf das Rätsel des Todes gestoßen. In seinem Buch "Autobiography of Values", das erst nach seinem Tod im Jahr 1978 erschienen ist - auf Deutsch unter dem weniger gehaltvollen Titel "Stationen meines Lebens" -, beschreibt er ein Erlebnis als achtjähriger Junge in seiner ländlichen Heimat am Mississippi in Minnesota (7, S. 21f).

Ohne Hemd und Schuhe war er zusammen mit seinem Hund beim Stromern etwa eine Meile weit in den Pinienwald hinter seinem Elternhaus hineingeraten. Dort stieß er an einem ungewöhnlich dunstigen Nachmittag auf den angeschwollenen Kadaver eines Pferdes. Der massige Körper war größtenteils noch intakt. Aber Insekten saßen auf seinem Fleisch, der Verrottungsprozeß hatte begonnen und es stank stark. Obwohl er ängstlich und angewidert war, war er zugleich gepackt. Der Achtjährige fand keine Wunde und fragte sich, wie das Pferd gestorben sein könnte. Ja, er fragte sich, warum das Leben überhaupt für jedes Lebewesen irgendwann zu Ende ging. Lindbergh:

"Der Unterschied zwischen Leben und Tod war so in die Augen springend anhand dieses verrottenden Kadavers - und doch war er nicht zu verstehen. Was veranlaßte das Leben aufzuhören?"

Seine Eltern hatten ihn gelehrt, daß wenn er gestorben wäre, zu Gott kommen würde:

"Ich fragte mich aber: Wenn Gott so allmächtig ist, warum läßt er einen sterben? ... Das war doch ein geradezu unerklärlicher Defekt in seinem Charakter. Wäre der Tod nicht selbst für jene guten Menschen, die er zu sich in den Himmel nehmen würde, eine schreckliche Eintrittskarte?... Warum sollte er einen nicht für ewig leben lassen?"
Abb. 2: "Meine Sicht war die eines Gottes"

Ergreifende Fragestellungen, in der Tat. 

Eigentlich hatte Lindbergh wie sein Onkel Arzt werden wollen. Dieser war als Zahnarzt selbst intensiv in der medizinischen Forschung tätig und arbeitete mit vielen technischen Geräten. Das mußte den Technik-begeisterten Charles Lindbergh interessieren. Aber er scheute das für ein Medizinstudium notwendige Lateinstudium. Stattdessen wurde er Flieger, ohne jemals die Biologie ganz aus den Augen zu verlieren..

"Flieger war ich und trank den Wein der Götter ..." (1922 - 1931)

Auch sein dann begonnenes Fliegen begriff er nämlich als ein kühnes, wissenschaftliches und technisches Forschen nach den Möglichkeiten, die dem Menschen innewohnen.

Im Überschwang seiner "gottgleichen" Erfolge, wie er sie empfand, fragte er sich bald, nämlich noch im Jahr 1928, als er als Postflieger auf einem Zwischenstopp in der einsamen Wüste Utah's übernachtete (7, S. 23):

"Wenn der Mensch fliegen lernen kann, warum sollte er dann nicht auch lernen, für immer zu leben?"

Warum man das Fliegenlernen und das Lernen, "für immer zu leben", so stark parallel setzen kann,  wie Lindbergh, wird deutlich, wenn man sich seine "gottgleichen" Erfahrungen als junger Flieger vor Augen führt, die er unter anderem mit folgenden Worten beschrieben hat (7, S. 20f):

"Die Erde breitete sich unter mir aus. Ein Planet, auf dem ich gelebt habe, aber von dem ich mich so erstaunlicher erhoben hatte. ... Mir war die Perspektive eines Gottes vergönnt."
("There was the earth spreading out below me, a planet where I had lived but from which I had astonishingly risen ... Mine was a god's eye view.")

Oder:

"Ich lebte auf einer höheren Ebene als die Skeptiker am Boden, auf einer, die aufgrund ihrer engen Verbindung mit dem Element der Gefahr, die sie fürchteten, reicher war als die ihre. ... Ein Flieger war ich und ich schlürfte einen Götterwein, der ihnen unbekannt war."
("I lived on a higher plane than the skeptics on the ground; one that was richer because of its very association with the element of danger they dreaded. ... In flying, I tasted a wine of the gods of which they could know nothing.")

Noch am Ende seines Lebens, als er 1969 anläßlich der Mondlandung von der Zeitschrift "Life" nach den Beweggründen hinter großen Unternehmungen der Menschheit gefragt wurde, antwortete er (7, S. 267):

"Was veranlaßt den Menschen zu großen Unternehmungen? Ich staune, wie akkurat diese Beweggründe untersucht werden können, sogar von den Unternehmenden selbst. Wenn ich an meine eigenen Flüge denke in den frühen Jahren der Luftfahrt, dann erkenne ich, daß meine Beweggründe so offensichtlich wie subtil waren und so vermischt wie die Wellen des Ozeans, über die ich flog. Aber ich kann definitiv sagen, daß sie mehr der Intuition als der Rationalität entsprangen, und daß die Liebe zum Fliegen alle Nützlichkeitsaspekte überwog - so wichtig die letzteren einem oft auch gewesen sein mögen."

Er erläuterte das anhand der technischen Fortschritte, die die Entwicklung der Luftfahrt mit sich brachten:

"Auf rationaler Ebene begrüßte ich die Fortschritte, die Selbst-Starter, geschlossene Cockpits, Radio und automatische Steuerung mit sich brachten. Aber auf der intuitiven Ebene lehnte ich mich gegen all das auf, denn brachten sie nicht das Gleichgewicht zwischen Intellekt und den Sinnen durcheinander, das meinen Beruf zu einer so großen Freude gemacht hatte?"

Ganz klar, um so mehr sich die Entwicklungen in der Luftfahrt auf die rein intellektuelle Ebene hin bewegten, um so mehr suchte Lindbergh in anderen Bereichen nach neuen Herausforderungen, nach Herausforderungen, die seinen intuitiven Bedürfnissen stärker entsprachen. Aber selbst wenn man sich die Fragestellungen und Interessen seiner Jugend  vor Augen führt, wundert man sich immer wieder über seinen Satz (7, S. 21):

"Der gewaltige und schnelle Erfolg der Luftfahrt erweckte mein Interesse an der Biologie aufs Neue."

Man kann also sagen: Die technischen Möglichkeiten des menschlichen Fliegens glaubte Lindbergh auf die technischen Möglichkeiten einer menschlichen, unbegrenzten Lebensdauer übertragen zu können. Aus heutiger Sicht ein ganz verrückter Gedanke. Aber so konnten scheinbar junge Amerikaner in den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts denken.

Begegnung mit dem weltbekannten Chirurgen und Alternsforscher Alexis Carrel (1930)

Als Lindbergh's junge Schwägerin am Herzen hätte operiert werden müssen, das aber aufgrund des damaligen medizinischen Könnens noch nicht möglich war, wurde Lindbergh von dem behandelnden Arzt auf den Forscher und Nobelpreisträger Alexis Carrel (1873-1944) (Wiki) hingewiesen. Dies war ein Franzose, der im Rockefeller-Institut in Manhattan, New York, forschte. Lindbergh besuchte diesen zum Teil wunderlichen, zum Teil umstrittenen, zum Teil genialen Mediziner im Jahr 1930 und

"fand Carrel selbst noch faszinierender, als die Forschungsprojekte, die er in seiner Abteilung für Experimentelle Chirurgie durchführte."
Abb. 3: Alexis Carrel

So Lindbergh 1973, kurz vor seinem Lebensende auf einer Konferenz zu Ehren Carrels (7, S. 277f). Und weiter:

"Es schien keine Grenze für die Breite und Tiefe seines Denkens zu geben. An einem Tag konnte er die Zukunft der außerkörperlichen Organ-Durchblutung erörtern, für die ich einen Apparat baute, an einem anderen Tag konnte er mit einem Berufstrainer für Tiere über die relativen Intelligenzunterschiede zwischen Hunden und Affen sprechen, und die Schwierigkeiten, ein Kamel dazu zu bewegen, rückwärts zu gehen. Einmal schaute ich von meiner Arbeit auf und sah ihn zusammen mit Albert Einstein hereinkommen, mit dem er  über außersinnliche Wahrnehmungen diskutierte ..."

Lindbergh sagte abschließend über Carrel:

"Um Carrel zu rühmen, kann man seine Fähigkeiten als Chirurg betonen, seine Pionierarbeiten auf dem Gebiet der Zellgewebe- und Organkulturen, seine Behandlung der Verwundeten im Ersten Weltkrieg, sein Schließen von Blutgefäßen, das ihm den Nobelpreis brachte, seine Wahrnehmung oder die Tiefe seiner Vision. Ich kann persönlich nur sagen, daß er der stimulierendste Kopf war, dem ich jemals begegnet bin."

In Zusammenarbeit mit Carrel suchte Lindbergh dann fünf Jahre lang am Institut von Carrel als ein faktenorientierter, exakt arbeitender Wissenschafter - als den er sich ja auch als Flieger gesehen hatte - nichts geringeres als das Problem der unbegrenzten Lebensdauer zu lösen ...

Kann die Lebensdauer des menschlichen Körpers verlängert werden wie die eines Flugzeugmotors? (1931-1938)

In seiner Technikbegeisterung sah Lindbergh den menschlichen Körper an wie den Motor eines Flugzeuges. Man kann die Lebensdauer des Menschen verlängern, wenn man abgenutzte Teile austauscht und repariert. Ebenso dachte auch Alexis Carrel. Carrel hatte in einem damals berühmten Experiment das Zellgewebe eines Hühnerherzens isoliert und in Nährlösung länger am Leben erhalten, als ein Huhn sonst leben kann. Er glaubte, damit zumindest im Prinzip die "technische" Möglichkeit der "Unsterblichkeit" bewiesen zu haben. (Also in etwa so, wie einige Jahrzehnte zuvor Flugpioniere prinzipiell die technische Möglichkeit des Fliegens bewiesen hatten.)


Die Unsterblichkeitsforschung von Alexis Carrel wird widerlegt durch die Hayflick-Grenze (1961)


Daß Alexis Carrel bei dem Versuch mit seinem Hühnerherzen einem Irrtum aufgesessen war, das ist der Wissenschaft erst lange nach dem Tod Carrel's, also lange nach dem Jahr 1944 klar geworden. Seit den Forschungen von Leonard Hayflick (geb. 1928) (Wiki) in den frühen 1960er Jahren weiß man, daß Körperzellen, wenn es sich nicht gerade um Krebszellen handelt, nur eine begrenzte, genetisch festgelegte Teilungsfähigkeit und Lebensdauer haben ("Hayflick-Grenze"). Generell gilt: Um so höher differenziert die Zellgewebe sind, um so früher geht ihnen ihre  Zellteilungsfähigkeit verloren. So etwa die Nervenzellen des Menschen in der Regel schon nach einigen Jahren. Nach einem bestimmten Lebensalter können keine neuen Nervenzellen mehr gebildet werden, sondern höchstens die bisher schon bestehenden besser als zuvor genutzt werden. 


Aber solange diese unsere heutigen Kenntnisse nicht sicheres Wissen waren, waren die Fragen und Anliegen von Carrel und Lindbergh grundsätzlich berechtigt: Warum sollte dem Menschen nicht prinzipiell physische Unsterblichkeit möglich sein? Und auch die Art der Versuche, diese Probleme zu lösen, waren nicht unberechtigt.


Auch heute wird diese Frage - allerdings auf einem ganz anderen Stand der biologischen Kenntnisse - in der Alternsforschung weiterhin gestellt. Noch heute gibt es mehrere Theorien darüber, warum vielzellige Lebewesen nur eine begrenzte Lebensdauer aufweisen. (Wir werden auf diese Themen sicherlich hier auf dem Blog noch einmal zurückkommen.)


"Lindbergh's Organ-Maschine war ein echter Durchbruch" (1931 - 1936)

Abb. 4: C. Lindbergh und Alexis Carrel

Die Einzelheiten der gemeinsamen Forschungen von Alexis Carrel und Charles Lindbergh sollen hier nicht dargestellt werden. Sie sind sehr detailliert und in geradezu chronikartiger Weise von dem Biographen David M. Friedman geschildert worden (7). Lindbergh fühlte sich vor allem für die technischen Probleme zuständig, die bei diesen medizinischen Forschungen zu lösen waren. Seine wissenschaftliche Hauptleistung war es, am Rockefeller-Institut in unermüdlichen, nächtelangen Arbeiten eine Perfusions-, also Durchblutungs-Pumpe entwickelt zu haben (s. Abb. 4), in der aus dem Körper eines Tieres entnommene Organe außerhalb des Körpers am Leben erhalten werden konnten, so daß sie von dort nach einigen Tagen wieder in das Tier eingesetzt werden konnten, und das Tier weiterleben konnte. (Nebenbei sei bemerkt, daß man damals über Tierversuche noch anders dachte als heute.)

Nach vielen Fehlschlägen gelang Lindbergh die Entwicklung einer Perfusions-Pumpe, mit der dies möglich war. Noch die nachfolgende Forschergeneration arbeitete mit der von Lindbergh und Carrel entwickelten Perfusionspumpe zur Lösung ihrer eigenen Forschungsfragen. Etwa Richard Bing (1909-2010) (Wiki), der aus Deutschland stammte, den Carrel und Lindbergh 1936 auf einer Konfererenz in Kopenhagen kennenlernten, und den sie einluden, als Assistent am Rockefeller-Institut zu arbeiten. Bing erzählte dem Biographen Friedman viel über die Zusammenarbeit zwischen Carrel und Lindberg (7, S. 109 - 111):

"Es war nicht ein Hauch von Arroganz bei Lindbergh zu spüren. Diese Bescheidenheit war um so bemerkenswerter, als die Maschine, die Lindbergh erfand, etwas wirklich Bedeutungsvolles war. Lindbergh wäre heute natürlich überfordert. Seine Arbeit war eine mechanische; heute bewegt sich alles auf der Ebene der Moleküle und der Gene. Aber vor siebzig Jahren war Lindbergh's Maschine ein wirklicher Durchbruch. Sie erhielt isolierte Organe in einer sterilen Umgebung am Leben mit pulsierender Perfusion. Niemand hatte das jemals zuvor geschafft. Ich benutzte diese Maschine später, um den Cholesterol-Stoffwechsel in perfusierten Arterien zu erforschen. Dafür war sie mir außerordentlich hilfreich."
Nachdem das Funktionieren dieser Pumpe aufgrund vieler Versuche als gesichert gelten konnte und sie auf internationalen, wissenschaftlichen Kongressen wie etwa 1936 in Kopenhagen, sowie in wissenschaftlichen Aufsätzen vorgestellt worden war, wollten Lindbergh und Carrel den nächsten Schritt wagen und eine größere Perfusions-Pumpe für die Organe von Primaten bauen. Doch das Herannahen des Zweiten Weltkrieges und die Verantwortung, die Lindbergh auf sich ruhen fühlte, aufgrund seiner Popularität etwas zur Verhinderung des gegenseitigen Zerfleischens der westlichen Nationen zu tun, verhinderte den weiteren Fortgang dieser Forschungen.

Der Zweite Weltkrieg verhindert den Fortgang der Forschungen (1938 - 1945)

Auch Alexis Carrel ging schließlich wieder zurück nach Frankreich, um seinem Land zu dienen. Unter dem Vichy-Regime gründete er ein großes Institut "zum Studium menschlicher Probleme", das von 1942 bis 1944 300 Mitarbeiter beschäftigte. In dem Institut ging man auch eugenischen Fragestellungen nach, die auch in den Diskussionen zwischen Lindbergh und Carrel wichtig gewesen waren. Nach den politischen "Säuberungen" des Kriegsendes wurde das Institut 1946 neu gegründet. Es besteht bis heute fort unter dem Namen "Nationalinsitut für demographische Studien".

Auf der anderen Seite de Atlantiks wurde Lindbergh  zum prominentesten Gegner des Kriegseintritts der USA in den Zweiten Weltkrieg - und damit auch zu einem in vielen Kreisen außerordentlich unbeliebten, ja, sogar verhaßten, gemiedenen Menschen. Seine Frau Anne litt darunter aber deutlich mehr als er selbst. Ihn, den "Lonely Eagle", den "einsamen Adler" wie er schon 1927 nach seinem Atlantikflug allerwärts genannt wurde, ließen der Jubel oder der Haß der großen Menge oder von Seiten der intellektuellen Eliten kalt.

Er ging seinen Weg. Und er stand bis zu seinem Lebensende zu seinem  Handeln in den Jahren 1938 bis 1941. Lindbergh war der Meinung, daß wenn Amerika auf ihn gehört hätte, die Menschheitsgeschichte einen besseren Verlauf genommen hätte, insbesondere die Ausbreitung des Kommunismus und der Kalte Krieg vermieden worden wären.

Nachdem sein Land aber in den Zweiten Weltkrieg eingetreten war, war es für ihn als Patrioten selbstverständliche Pflicht, Kriegsdienst zu leisten. Da Präsident Franklin D. Roosevelt seinen innenpolitischen Hauptgegner nicht wieder in die Armee aufnehmen wollte, aus der er ihn im Verlauf der Auseinandersetzungen ausgestoßen hatte, arbeitete Lindbergh zunächst in der Luftfahrtindustrie in der Entwicklung von Bombern. Schließlich wurde er doch noch Kampfflieger auf dem Kriegsschauplatz im Südostpazifik. In mehreren Kampfeinsätzen schoß er in einer dramatischen Begegnung einen feindlichen japanischen Kampfflieger ab.

Als er 1944 von dem Tod Alexis Carrel's in der Zeitung las, war er sehr traurig, daß er es in den letzten Jahren nicht mehr gewagt hatte, an Carrel zu schreiben. Lindbergh hatte gefürchtet, Carrel durch seine Briefe über die Lager der verfeindeten Mächte hinweg zu kompromittieren.

Über ihre gemeinsamen wissenschaftlichen Forschungen hat Charles Lindbergh während seines Lebens vor der großen Öffentlichkeit nur selten gesprochen und sie blieben von ihr auch größtenteils unbeachtet. Abgesehen von einigen sensationell aufgebauschten Meldungen, die dann jedes mal erneut den Ekel Lindbergh's über das amerikanische Pressewesen bestätigen mußten, das er auch sonst schon hinreichend kennenzulernen Gelegenheit gehabt hatte (etwa anläßlich der Ermordung seines ersten Sohnes).

Abkehr von der Wissenschaft durch den Zweiten Weltkrieg (1948)

Charles Lindbergh ging dennoch nicht unberührt aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Es war nun sonderbarerweise die Wissenschaft, die er an den Nagel hängte, da sie so vielen Menschen den Tod gebracht hatte. In seinem Buch 1948 veröffentlichten Buch "Vom Fliegen und vom Leben" verdammte er den wissenschaftlichen Materialismus, der sich während des Zweiten Weltkrieges ausgetobt habe (7, S. 250f). Er schrieb darin unter anderem:
"Ich bin selbst als Schüler der Wissenschaft aufgewachsen. Ich kenne ihre Faszination. Ich fühlte die gottgleiche Macht, die dem Menschen durch die Wissenschaft verliehen ist, die Kraft von tausend Pferden unter den Fingerspitzen, die Eroberung des Raumes durch merkurische Geschwindigkeiten, den unsterblichen Blick der höheren Sphären. Die Wissenschaft war für mich wichtiger als der Mensch selbst, wichtiger als Gott. ... Ich betete die Wissenschaft an." 
Aber:
"Ich habe gesehen, daß die Wissenschaft, die ich anbetete und die Luftfahrt, die ich liebte, die Kultur zerstörte, der sie, wie ich erwartet hatte, dienen sollte." "Wie kann jemand für das Idol der Wissenschaft arbeiten, wenn sie die Opferung von Städten voll von Kindern fordert, wenn sie aus Menschen Roboter macht und wenn sie ihre Augen blind macht für Gott?" "Die einzige Rettung liegt darin, die Wissenschaft durch eine Philosophie zu kontrollieren, die durch die ewigen Wahrheiten Gottes geleitet wird."
Abb. 5: Auszüge aus "Mein Flug über den Ozean" (erschienen 1953)
Aber die Öffentlichkeit konnte nicht im vollen Umfang überblicken, welche persönlichen Erfahrungen hinter diesen Worten Lindbergh's standen.

Und als Lindbergh im Jahr 1953 einen erweiterten und detaillierten Bericht über "Mein Flug über den Ozean" veröffentlichte ("The Spirit von St. Louis"), galt er auch in der deutschen Öffentlichkeit immer noch vor allem als "der große Flugpionier" und nicht ausgerechnet als ein Mann der Wissenschaft (siehe Abb. 5).

Die Gründung dreier neuer Familien in Deutschland (1957 - 1974)

Es ist auffällig, daß ihn vermutlich schon das erste Gespräch, das er im März 1957 mit Brigitte Heßheimer führte, zumindest aus einem Teil der Desillusionierungen herausriß, die der Zweite Weltkrieg auch bei ihm mit sich gebracht hatte (3):
Beim abendlichen Zusammensitzen wurde in der typischen Weise jener Zeit geäußert: "Nach Hiroshima und vor einem neuen Weltkrieg kann man keine Kinder mehr in die Welt setzen. Das ist unverantwortlich." Brigitte Heßheimer aber rief aus: "Natürlich soll man noch Kinder bekommen, möglichst viele sogar. Laßt sie doch alles erfinden an Waffen und Bomben, was sie wollen. Wir werden es nicht verhindern können. Aber das Wunder des Lebens kann einem keiner nehmen!" Lindbergh reagierte unmittelbar. Er sagte: "Wunderbar, was Sie da gesagt haben. Und wie Sie es gesagt haben. Sie haben völlig Recht."
Wenn Lindbergh auch sollte niemals wieder aus dem gebrochenen Verhältnis gegenüber der Wissenschaft herausfinden sollte, so scheint es doch, als ob er durch die gehbehinderte Vertriebenenfrau Brigitte Heßheimer, ihre Schwester und ihre Freundin zumindest aus der pessimistischen Haltung gegenüber dem Leben an sich herausgefunden hat. Daß jedenfalls Fragen über Lebenszugewandtheit anstelle von Pessimismus auch nach den Desillusionierungen des Zweiten Weltkrieges, Fragen von Tod und Unsterblichkeit Mitveranlassung gewesen waren zur Gründung dreier neuer Familien in Deutschland durch Charles Lindbergh, das ist in den erwähnten früheren Beiträgen (1 - 6) schon behandelt worden.

Nachzutragen wären für diese Thematik heute nur noch weitere Zeugnisse für das fortdauernde Unverständnis unter Lindbergh's amerikanischen Kindern und damit auch in der amerikanischen Öffentlichkeit über diese Lebensentscheidung Lindbergh's zur Gründung dreier deutscher Familien. Die Beurteilungen dieser Lebensentscheidung grenzen an eine muffige Bigotterie, die einem Amerika entspringt, das einem ansonsten offenbar nur wenig bekannt ist. Scheinbar darf in Amerika jeder so unkonventionell leben und handeln, wie immer es ihm beliebt, die Mormonen schon seit Jahrhunderten - nur Amerikas "größer Held des 20. Jahrhunderts", ihm kann man bei einem solchen Handeln keine vorteilhaften Motive unterstellen (vgl. Anhang zu diesem Beitrag).

Darin spiegelt sich eine Entfremdung zwischen Charles Lindbergh und der amerikanischen Öffentlichkeit wieder, die ja schon die meiste Zeit des Lebens von Lindbergh dominiert hatte. Wo doch ein Verstehen des Handelns von Charles Lindbergh sogar so etwas wie ein Beitrag zu einer Vertiefung der "deutsch-amerikanischen Freundschaft" darstellen könnte ...

Unter dem Akazienbaum (1964)

Doch zurück zu der philosophischen Entwicklung Lindbergh's nach dem Zweiten Weltkrieg, und offenbar zeitlich parallel zu der Gründung seiner drei deutschen Familien. Im Juni 1961 hörte er auf einer internationalen Konferenz zur "moralischen Aufrüstung" in der Schweiz, die ihn ansonsten langweilte, einen Massai-Krieger sprechen, der als afrikanischer Delegierter eingeladen worden war. Lindbergh suchte das Gespräch mit diesem Mann und erfuhr, daß dieser das traditionelle Leben seines Stammes als besser erachtete als das Leben mit den Errungenschaften der modernen Zivilisation. Er lud Lindbergh zu sich nach Afrika ein (7, S. 258f).

Im Dezember 1962 kam Lindbergh schließlich nach Kenia und lebte eine Woche lang allein als Massai unter den Massai. Er hörte ihren Gesängen an die Bäume zu, wobei ihm erklärt wurde, daß die Massai wüßten, daß Gott im Innern aller natürlichen Dinge lebe. Und er lernte, daß die Massai keineswegs Pazifisten waren. Stolz erzählten ihm die Hirten von einem kürzlichen Kampf, in dem sie 27 Angehörige eines rivalisierenden Stammes getötet hätten, wobei sie die Hoden von einigen mitnahmen als Kriegstrophäen, in einigen Fällen noch von ihren lebenden Feinde.

 Abb. 6: In der Serengeti
Im Februar 1964 kam Lindbergh ein zweites mal nach Kenja. Und während er unter einem Akazienbaum sitzend eine Giraffe beobachtete, kamen ihm Gedanken, die er im  Juli in einem wertvollen Artikel im "Reader's Digest" veröffentlichte. Und zwar unter dem Titel "Is Civilization Progress?", also "Sind Zivilisation und Kultur wirklich ein Fortschritt?" Lindbergh schrieb (entsprechend der Wiedergabe durch den Biographen Friedman, 7, S. 261f, wie sonst in diesem Beitrag in eigener Übersetzung, Hervorhebungen von mir, I.B.):
"Was für eine Weiterentwicklung hat die Giraffe in ihrem Kampf ums Überleben vollzogen, indem sie ihren Hals reckte und ihre Vorderbeine streckte, Stück für Stück durch unzählige Generationen hindurch, bis sie von Nahrung leben konnte, die anderen Lebewesen nicht erreichbar war, ihren allmählichen Formwandel in einem genetischen Code absichernd, der jedes Individuum zur gegebenen Zeit sowohl beschützte wie neu formte, so daß die Art überleben konnte. Vor mir  stand - groß und elegant - ebensowohl ein sterbliches Wesen wie die zeitliche Verkörperung genetischer Unsterblichkeit." (...)
Lindbergh verstand nun, daß der Versuch, den er zusammen mit Alexis Carrel unternommen hatte, um sich in die natürliche Selektion einzumischen, um eine unnatürliche Unsterblichkeit zu erreichen, ebenso unsinnig wie arrogant gewesen war.
"Als ich die wilden Tiere der afrikanischen Steppe beobachtete, wurde die Methode meiner Kultur, die Zeit zu messen, beiseite geschoben durch eine zeitlose Vision, in der das Leben die Notwendigkeit des Todes umarmte," schrieb der Mann, der einst die Frage nach dem Sinn des Todes gestellt hatte. "Ich sah individuelle Tiere als sterbliche Manifestationen des unsterblichen Lebensstromes; und so beginne ich mich selbst zu sehen. Ich bin nicht nur einer, ich bin ebenso viele, ich bin sowohl ein einzelner Mensch als auch die Art selbst. Im Tod liegt dann jenes unsterbliche Leben, daß die Menschen so blind über Jahrhunderte gesucht haben, ohne zu erkennen, daß sie es als ihr Geburtsrecht besaßen." Ohne daß es seine Leser ahnen konnten, schloß sich Lindbergh selbst unter diese blinden Sucher mit ein.
Nun war es für Lindbergh an der Zeit, die lebensverändernde Erkenntnis auszusprechen, die er im afrikanischen Busch entdeckt hatte: "Nur durch das Sterben können wir das Leben fortsetzen." (...) "Wie weit stehe ich eigentlich tatsächlich über dem schwarzhäutigen Eingeborenen, der glaubt, daß die Erziehung den Menschen lehren sollte, jene Dinge zu verstehen und zu bewältigen, die er um sich herum vorfindet und der sagt, daß Gott in jedem Baum und Berg existiert?" (...) "Ist mein Lebenskonzept dem seinen überlegen oder habe ich meinen Gedanken lediglich erlaubt, durch die Lehren meiner Zivilisation konditioniert zu sein?" (...) "Das  afrikanische Lebenskonzept beinhaltet Erkenntnisse und Werte, die rückständig erscheinen, wenn man sie nach unseren westlichen Werten bemißt. Wer aber kann sagen, daß der Ablauf der künftigen evolutionären Zeitalter beweisen wird, daß die Schwarzen weniger fortgeschritten sind als die Weißen?" (...)
"Haben nicht die Primitiven die Zivilisierten wieder und wieder überlebt?" "Wenn Zivilisation  und Kultur Fortschritt ist im grundlegenden Sinne des Lebens, warum sind dann vergangene Kulturen untergangen - sechzehn von ihnen in den letzten wenigen tausend Jahren, wenn man Arnold Toynbee folgt?" (...) "Vielleicht spüren Eingeborene des Dschungels die destruktiven Elemente der forteschrittenen Zivilisation und Kultur, denen gegenüber zivilisierte Menschen blind sind. Ich glaube, daß der Primitive Weisheit in sich birgt, die sich der Zivilisierte nicht leisten kann zu ignorieren." (...)
Sind Zivilisation und Kultur Fortschritte? "Das Leben in der primitiven Umgebung des Dschungels hat mich daran zweifeln lassen." (...) "Die letztgültige Antwort," sagte der Mann, der nahezu fünf Jahre in Carrel's Labor am Rockefeller-Institut gearbeitet hatte, "wird nicht durch die Entdeckungen unserer Wissenschaft gegeben werden, sondern durch die Auswirkungen, die unsere modernen Aktivitäten als Ganzes auf die Qualität des Lebens auf unserem Planeten haben werden."   
- Kurrzeitige Rückkehr in die Forschung (1967)

Abb. 7: Massai-Krieger
Im September 1966 bekam Lindbergh eine ihn überraschende Anfrage um Hilfe von Seiten zweier amerikanischer Wissenschaftler, die in der Literatur auf seine Perfusions-Pumpe gestoßen waren, und sie nun - so wie ursprünglich von Lindbergh und Carrel 1938 beabsichtigt -, auf Primatenorgane anwenden wollten (7, S. 265f):
... Zum großen Erstaunen der beiden erfahrenen Laborforscher, die nicht leicht zu begeistern waren, hatte Lindbergh's Glas-Maschine mit ihrem einfachen Ölkolben-Mechanismus und Baumwoll-Ball-Luftreiniger dem  Affenherz seine volle Funktionsfähigkeit wiedergegeben. Es arbeitete ebenso gut, als wäre es im Körper eines Affen.
Und nun baten die beiden Forscher Lindbergh um Zusammenarbeit mit dem Ziel, seine Pumpe auf menschliche Organe anzuwenden. So wurde Lindbergh im März 1967 nach dreißig Jahren Abstinenz von der Forschung noch einmal für einige Wochen zu einem unbezahlten Gastwissenschaftler an jenem Institut in Maryland, an dem die beiden Forscher arbeiteten. Dabei wurde er zum Koautor von zwei wissenschaftlichen Aufsätzen. Die Forscher berichten über die Zusammenarbeit (7, S. 266):
Als wir gezwungen waren, uns von der Ermüdung auszuruhen, arbeitete er weiter, beobachtete den Apparat, nahm Telefonanrufe an und schrieb in seinem Tagebuch. Als wir ihn nach einem guten Schlaf das nächste mal sahen, war er so frisch wie wir und meinte, daß er "hier und da ein paar kleine Nickerchen" gemacht habe. Nun konnten wir es wirklich gut verstehen, wie es dieser ungewöhnliche Mann geschafft hatte, während seines erste Alleinfluges nach Paris im Mai 1927 wach zu bleiben.
So hatte Lindbergh ja auch Jahrelang mit Carrel am Rockefeller-Institut zusammengearbeitet. Aber diese wenigen Wochen waren nur ein kurzer Ausflug zurück in die Wissenschaft. Dauerhaft war sie nicht mehr in der Lage, Lindbergh zu fesseln. Vielleicht fehlte ihm dazu auch ein zweiter Carrel.

Die Weisheit der Wildnis (1967, 1969)

Noch im selben Jahr schrieb er sehr eindeutig für die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift "Life" den Aufsatz "Die Weisheit der Wildnis" (7, S. 267):
"Wenn ich heute vor dem Erwachsenenalter stehen würde, würde ich einen Beruf wählen, der mich mehr im Kontakt mit der Natur als mit der Wissenschaft leben lassen würde .... In der Wildnis sehe ich das Wunder des Lebens und neben ihr verblassen die wissenschaftlichen Errungenschaften zu Trivialitäten." 
Und im Juli 1969 aus Anlaß der Landung der ersten Menschen auf dem Mond gab Lindbergh der Zeitschrift "Life" eine Antwort auf die Frage nach den Beweggründen hinter den großen Unternehmungen der Menschheit. Aus ihr hatten wir eingangs schon zitiert. Im weiteren bekannte Lindbergh in dieser Antwort dann zum ersten mal öffentlich, daß das Ziel der Experimente mit Carrel am Rockefeller-Institut eine unbegrenzte Lebensdauer gewesen war. Nach dem Biographen Friedman (7, S. 267):
"Wie mechanisch ist der Mensch?" "Ist der Tod ein unvermeidlicher Teil des Lebenszyklus oder könnte durch wissenschaftliche Methoden physische Unsterblichkeit erreicht werden?" Dies, so schrieb Lindbergh, waren die Fragen, die seine Forschungen mit Carrel einige dreißig Jahre früher motiviert hatten.
Äußere Umstände zwangen zum Abbruch der Fragen und das hatte bei Lindbergh für eine Weile ein großes Bedauern hervorgerufen. Aber heute nicht mehr. Nachdem er Ostafrika und den  Südpazifik kennengelernt und verstanden hat, daß die "mechanische" Herangehensweise an das Leben, das ihn dazu geführt hatte, den menschlichen Körper als eine lebendige Maschine zu betrachten, zusammengesetzt aus immer wieder zu reparierenden und ersetzbaren Teilen - und deshalb potentiell unsterblich - falsch gewesen ist. Die Wildnis, so schrieb Lindbergh in "Life", hat ihm die Erkennntis gelehrt: "Der Zyklus von Leben und Tod ist wesentlich für den Fortschritt. Physische Unsterblichkeit ist nicht wünschenswert, selbst wenn sie erreicht werden könnte."
Erinnerungen an Alexis Carrel (1970)

Im November 1970, vier Jahre vor seinem eigenen Tod besuchte Lindbergh noch einmal seinen früheren Kollegen, den oben schon erwähnten Richard Bing in Pasadena. Bing erinnerte sich gegenüber dem Biographen Friedman an diesen Besuch (7, S. 272):
"Es war ein wundervoll nostalgischer Nachmittag. Beide lachten wir, als wir uns an unsere ersten Begegnungen mit Carrel erinnerten. (Bing hatte ebenfalls den "Gesichtstest" des Franzosen bestanden.) Ich wurde daran erinnert, was für eine liebenswerter, unprätentiöser und geselliger Mensch Lindbergh sein konnte trotz der Kälte, die er der Öffentlichkeit gegenüber zur Schau stellte."
Abb. 8: Kardiologe Prof. Richard Bing (1970)
Was Friedman weiter berichtet, soll hier ausführlicher zitiert werden, weil hier noch eine weitere schöne, zusammenfassende Charakteristik  des engsten Freundes von Charles Lindbergh in den 1930er Jahren gegeben wird, nämlich von Carrel. (Bing selbst übrigens - siehe Abb. 8 - starb erst letztes Jahr im 101. Lebensjahr):
Lindbergh und Bing fuhren von Bing's Haus in sein Herz-Labor, wo Bing immer noch Lindbergh's Pumpe benutzte, um arterosklerotische Blutgefäße (Gefäße, die fortschreitende Verhärtung und Verengung aufweisen) zu perfusieren (zu durchbluten) in Experimenten, die darauf abzielten, neue Behandlungsmethoden für diese Krankheit zu finden:
"Das Geräusch, das Lindbergh's Pumpe machte - eine Art 'Schiesch, Schiesch', das durch die Klappen erzeugt wurde, die die Perfusionsflüssigkeit in das Organ sandten, brachte ihn zurück in Carrel's Labor."
Carrel habe ihm sein Leben gerettet - oder zumindest seine Gesundheit -, äußerte Lindbergh, dadurch daß er ihm einen Rückzugsort zur Verfügung stellte am Rockefeller-Institut, wo er sich von dem Trauma der Ermordung seines ersten Kindes erholen konnte. Bing empfand ähnliches: Wäre er ohne Carrel's Hilfe jemals fähig gewesen, Nazi-Deutschland zu verlassen? Würde er überhaupt eine medizinische Karriere eingeschlagen haben? Beide schmerzte es zu erkennen, daß der Carrel, den sie kannten - ein Mann von großer menschlicher Wärme und Freundlichkeit - jetzt, 25 Jahre nach seinem Tod in der Öffentlichkeit um seiner Verbindung mit dem Faschismus willen als jemand angesehen wurde, der wenig oder keine Menschlichkeit aufgewiesen hätte. Wenn man sich überhaupt an ihn erinnerte.
Für die Öffentlichkeit oder sogar für viele Wissenschaftler gab es zu viele Widersprüche, um ihn verstehen zu können, so Bing. Carrel war ein brillianter Physiologe, der an heilende Gebete und  Parapsychologie glaubte. Er war ein Katholik, der Geburtenkontrolle und Euthanasie befürwortete. Er verehrte seine Frau, glaubte aber, daß akademische Bildung bei Frauen verschwendet sei. Er liebte Kinder, hatte aber selbst keine. Er war ein experimenteller Wissenschaftler, hielt sich aber selbst für einen Philosophen. Er war ein Chirurg und Nobelpreisträger und schrieb im "Readers Digest" Artikel über das Stillen. "Wenn Carrel heute noch leben würde, würde er sicherlich Talkshow-Gast sein." So meinte Bing zu seinem alten Freund.
Für Lindbergh war die Zeit mit Carrel die spannendste intellektuelle Unternehmung, die er in seinem Leben erlebt hätte, sagte er.
Die Wissenschaft würde aber die Menschheit immer mehr von ihrem Weg abkommen lassen, weshalb er sich heute dem Umweltschutz widmen würde. In ihrem Gespräch war die Frage nach der phyisologischen Usnterblichkeit nicht aufgekommen. Einige Tage später schrieb Lindbergh jedoch an Bing:
"Wie die Zeit doch anläßlich meines Besuches in sich zusammenfiel (collapses) - dreißig Jahre zwischen Carrel's Labor und Ihrem eigenen. Es gibt Momente, wo ich glaube, daß die Zeitunterschiede verschwinden, und daß Sie, Carrel und ich immer noch zusammen sind - ohne jene Trennung, die uns anläßlich des Todes  so offensichtlich erscheint. Wenn der Mensch ein tieferes Bewußtsein hätte, würden Leben und Tod vielleicht weniger Unterschied machen. Ich neige dazu, das zu denken." 
Die alte Frage nach der Bedeutung des Todes hatte Lindbergh also nicht losgelassen. Er hatte ihr nur eine ganz andere, völlig neue, viel weniger "mechanische" Antwort gegeben. Die Zeitlosigkeit lag in der Tiefe des Bewußtseins des Menschen selbst. 

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