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Donnerstag, 23. April 2009

"Freundin, sprach Kolumbus ..."

Freundin - sprach Columbus - traue
Keinem Genueser mehr!
Immer starrt er in das Blaue,
Fernstes zieht ihn allzusehr!

Wen er liebt, den lockt er gerne
Weit hinaus in Raum und Zeit -
Über uns glänzt Stern bei Sterne,
Um uns braust die Ewigkeit.


                  Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche (1844-1900) gilt als Verächter der Frauen. "Du gehst zu Frauen? - Vergiß die Peitsche nicht!" So läßt er ein altes Mütterchen sagen in seinem "Zarathustra". Ist das aber die ganze Wahrheit? Kann das die ganze Wahrheit sein, wenn man weiß, daß das eingangs gebrachte Gedicht an Lou Andreas-Salomé (1861-1937) gerichtet war?

Lou Andreas-Salomé als Anregerin des "Zarathustra" von Friedrich Nietzsche

Ohne sie wäre das Hauptwerk von Friedrich Nietzsche "Und also sprach Zarathustra" (1883-1885) nicht geschrieben worden. Nach der eigenen Aussage Nietzsches. Ohne seine Freundschaft mit ihr im Jahr 1882, eine Freundschaft, in der beide intensiv über eine gemeinsame Ehe - oder zumindest ein eheähnliches Verhältnis - nachgedacht haben. Nietzsche also ein Frauenverächter?

Abb. 1: Lou Andreas-Salomé

Die Biographie dieser Menschen - Friedrich Nietzsches einerseits und Lou Andreas-Salomé's andererseits - liest sich deshalb, wo immer man auf sie trifft und sie aufblättert, aufregend.

Lou hat sich sehr früh und selbständig von Christentum und Monotheismus losgesagt. Sie hat dann versucht, nach aus ihr selbst geschöpften Moralvorstellungen und nach aus ihr selbst geschöpfter Verantwortung zu leben. Die Begegnung mit einem Mann wie Friedrich Nietzsche mußte ihr da sehr starke Ermutigung sein. Dies beruhte aber auf Gegenseitigkeit. Mit ihrer Art zu denken und zu leben hat sie große Bedeutung gewonnen für das Leben und Werk von Friedrich Nietzsche so wie später noch für das Leben und Werk von Rainer Maria Rilke (1875-1926).

Ohne ihre Biographie versteht man also wesentlichste Ereignisse der europäischen Geistesgeschichte etwa zwischen 1882 und 1926 nicht. Über die Biographie von Lou kann man sich informieren in ihrem eigenen "Lebensrückblick" (1). Dieser wird aber erst wirklich verständlich durch ergänzende Biographien (etwa: 2, 3).

Zu der frühzeitigen Beendigung der intensiven und leidenschaftlichen Freundschaft zwischen Friedrich Nietzsche und Lou Salomé im Sommer 1882 trug die Schwester von Friedrich Nietzsche, Elisabeth, spätere Förster-Nietzsche, nicht wenig bei. Nietzsche liebte seine Schwester. Aber er konnte sie auch hassen. Seine Freundschaft mit Lou war seiner Schwester und seiner Mutter - aus den moralischen Ansichten der damaligen Zeit heraus - zu "unmoralisch" erschienen. Auch zu der Beendigung der Freundschaft mit seinem besten Freund Paul Rée, ebenfalls ein Philosoph, und des zweiten Mannes, mit dem Lou damals ein sehr freies Dreiecks-Verhältnis pflegte, hatte die Schwester Nietzsches beigetragen.

Wie man sich die damaligen Gespräche über "wilde Ehe" zwischen Friedrich Nietzsche und Lou vorzustellen hat, wird sehr gut deutlich in der Nietzsche-Biographie von Werner Ross (3, S. 631-638), insbesondere erarbeitet aufgrund einer älteren Dokumentensammlung (4).

"Bedenkliche Eigenschaften ..."

Abb. 2: Friedrich Nietzsche
Das Handeln seiner Schwester im Januar/Februar 1884 hat Friedrich Nietzsche in einem Brief an sie folgendermaßen beurteilt (2, S. 103; sowie: hier, hier oder hier):

... soviel steht fest, daß Du und niemand anders mein Leben drei Mal in zwölf Monaten in Gefahr gebracht hast ... Einem Menschen wie mir - seine höchste Tätigkeit zu zerstören! Ich habe noch niemand gehaßt, Dich ausgenommen!

Das Eine ist: Von allen Bekanntschaften, die ich gemacht habe, ist eine der wertvollsten und ergebnisreichsten die mit L[ou]. Erst seit diesem Verkehre war ich reif zu meinem Z[arathustra]. Ich habe diesen Verkehr Deinetwegen abkürzen müssen. Verzeihung wenn ich dies härter empfinde als Du mir nachfühlen kannst. Lou ist das begabteste, nachdenkenste Geschöpf, das man sich denken kann, natürlich hat sie auch bedenkliche Eigenschaften. Auch ich habe solche. Indessen das Schöne an bedenklichen Eigenschaften ist, daß sie zu denken geben, wie der Name sagt. Natürlich nur für Denker ...

Du kannst mir nicht nachfühlen, welcher Trost mir jahrelang Dr. Rée gewesen ist. faute de mieux [in Ermangelung eines Besseren] wie es sich von selber versteht, und welche unglaubliche Wohlthat mir gar der Verkehr mit Fräulein Salomé gewesen ist.

Es waren aber auch andere Gründe, als bloß das Entsetzen der Schwester Nietzsches, die zum nachfolgenden Abstand zwischen Lou Salomé und Nietzsche beitrugen. Es könnte gemutmaßt werden, dass es ähnliche gewesen sind, die dazu führten, daß sie später auch auf persönlichen Abstand zu Rainer Maria Rilke ging. So viel wie Nietzsche und später Rilke wollte sie womöglich über die "Bedenklichkeiten" ihres eigenen Charakters - und den anderer - dann möglicherweise doch nicht nachdenken (oder ihn gar "experimentell" erproben). Diese beiden sicherlich geistig innovativsten Männer im Leben von Lou stellten emotional - aufgrund der "Bedenklichkeiten", die sie wahrhaftiger als andere sich selbst und Lou gegenüber zur Diskussion stellten - zu heftige und widersprüchliche Ansprüche an Lou. Sigmund Freud war ihr da später - offenbar - ein angenehmerer, weniger fordernder Gesprächspartner und Freund als diese beiden. Nietzsche schrieb dann noch sein berühmtes, hier eingangs gebrachtes Gedicht an Lou Salomé, das wohl vieles auf den Punkt bringt, was die beiden zusammen- aber dann auch wieder auseinander führte.


In dem Gedicht sagt Nietzsche ja selbst der Freundin, sie solle keinem "Genueser" trauen. Er hatte kurz bevor er Lou im April 1882 in Rom persönlich kennengelernt hatte, in Genua gelebt. Nietzsche spricht aber zugleich - und bezeichnend - von "uns", die sich da - der Möglichkeit nach - auf Fahrt begeben könnten ... - Diese Ereignisse im Leben von Friedrich Nietzsche machen einmal auf's Neue deutlich, wie selbst im Leben eines der größten - angeblichen - Frauenverächters unter den Großen der abendländischen Philosophie-Geschichte eine Frau tatsächlich für sein Werkschaffen gar nicht hinwegzudenken ist. Nach eigenen Worten.

Freundin - sprach Columbus - traue
Keinem Genueser mehr!
Immer starrt er in das Blaue,
Fernstes zieht ihn allzusehr!

Wen er liebt, den lockt er gerne
Weit hinaus in Raum und Zeit -
Über uns glänzt Stern bei Sterne,
Um uns braust die Ewigkeit.



(Veröffentlicht: 23.4.2009, überarbeitet: 28.4.2015)
_____________________________________
  1. Andreas-Salomé, Lou: Lebensrückblick – Grundriß einiger Lebenserinnerungen. 1951/1994
  2. Koepcke, Cordula: Lou Andreas-Salomé. Leben, Persönlichkeit, Werk. Eine Biographie. (= Insel-Taschenbuch 905). Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1986
  3. Ross, Werner: Der ängstliche Adler. Friedrich Nietzsches Leben. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980
  4. Pfeiffer, Ernst (Hg.): Friedrich Nietzsche, Paul Rée, Lou von Salomé. Die Dokumente ihrer Begegnung. 1970

Sonntag, 15. Februar 2009

Nietzsche über Angela Merkel und den deutschen "Gutmenschen" überhaupt

Friedrich Nietzsche
Im Anschluß an Kommentare bei Michael Blume zum Fall Williamson (Wiki) (s. z.B. Spiegel2009) soll hier noch einmal aus dem "Antichrist" von Friedrich Nietzsche zitiert werden. Er wurde im Herbst 1888 geschrieben, aber erst 1894 veröffentlicht (Wiki). Daraus soll das vorletzte Kapitel einigermaßen vollständig zitiert werden. Also jenes Kapitel, dem dann das letzte Kapitel folgt, das mit den Worten beginnt: "Hiermit bin ich am Schluß und spreche mein Urteil." Es handelt sich um einen Text, in dem Nietzsche statt Christentum auch Monotheismus insgesamt hätte sagen können, ein Text, in dem Nietzsche ebenfalls einen Deutschen behandelt, der "päpstlicher ist als der Papst" (also wie Angela Merkel und Konsorten), der damit die monotheistische "Unfehlbarkeit" wiederbelebt und damit - nach Meinung Nietzsches - (ebenfalls) eine (etwaige?) italienische "Rennaisance" beendet hat:
Hier tut es not, eine für Deutsche noch hundertmal peinlichere Erinnerung zu berühren. Die Deutschen haben Europa um die letzte große Kultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen gab – um die der Renaissance. Versteht man endlich, will man verstehn, was die Renaissance war? Die Umwertung der christlichen Werte, der Versuch, mit allen Mitteln, mit allen Instinkten, mit allem Genie unternommen, die Gegen-Werte, die vornehmen Werte zum Sieg zu bringen... (...)

Ich sehe eine Möglichkeit vor mir von einem vollkommen überirdischen Zauber und Farbenreiz – es scheint mir, daß sie in allen Schaudern raffinierter Schönheit erglänzt, daß eine Kunst in ihr am Werke ist, so göttlich, so teufelsmäßig-göttlich, daß man Jahrtausende umsonst nach einer zweiten solchen Möglichkeit durchsucht; ich sehe ein Schauspiel, so sinnreich, so wunderbar paradox zugleich, daß alle Gottheiten des Olymps einen Anlaß zu einem unsterblichen Gelächter gehabt hätten – Cesare Borgia als Papst... Versteht man mich?... Wohlan, das wäre der Sieg gewesen, nach dem ich heute allein verlange –: damit war das Christentum abgeschafft!

– Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance... Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehn, das geschehen war, die Überwindung des Christentums an seinem Sitz –, verstand sein Haß aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. (...)

– Luther sah die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: die alte Verderbnis, das peccatum originale, das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen!... Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an...

Die Renaissance – ein Ereignis ohne Sinn, ein großes Umsonst! – Ah diese Deutschen, was sie uns schon gekostet haben! Umsonst – das war immer das Werk der Deutschen. – (...)

Es sind meine Feinde, ich bekenne es, diese Deutschen: ich verachte in ihnen jede Art von Begriffs- und Wert-Unsauberkeit, von Feigheit vor jedem rechtschaffnen Ja und Nein. Sie haben, seit einem Jahrtausend beinahe, alles verfilzt und verwirrt, woran sie mit ihren Fingern rührten, sie haben alle Halbheiten – Drei-Achtelsheiten! – auf dem Gewissen, an denen Europa krank ist – sie haben auch die unsauberste Art Christentum, die es gibt, die unheilbarste, die unwiderlegbarste, den Protestantismus auf dem Gewissen... Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die Deutschen werden daran schuld sein...
Angela Merkel ist protestantische Pfarrerstochter ... Sollte man etwa auch sagen können: Wenn man nicht fertig wird mit Monotheismen, mit monotheistischen Unterscheidungen zwischen Wahr und Falsch, die Deutschen werden dran schuld sein?

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