Sonntag, 9. Januar 2022

Requiem - Von Rainer Maria Rilke

Eine Dichtung, die von Handwerkern und Bauleuten handelt

Die Einsicht ist nicht leicht anzuerkennen, daß wir in Ausnahmezeiten leben, in denen die Wahrscheinlichkeit, glücklich sein zu können, nicht gerade groß ist, in denen also eher das Schopenhauer-Wort gelten könnte "Ein glückliches Leben ist unmöglich: Das Höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein heroischer Lebenslauf." Und in denen das Rilke-Wort gilt: "Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles."

"Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles." - ? Woher kommt dieses nicht selten angeführte Rilke-Wort eigentlich? Wir finden: Es sind die letzten Worte eines sehr langen Gedichtes, benannt "Requiem" (1). Um dieses soll es im vorliegenden Beitrag gehen.

Abb. 1: Das Gedicht "Requiem" - Es wurde gemeinsam mit zwei anderen Dichtungen 1919 das erste mal veröffentlicht

Im Jahr 1908 ist es entstanden, kurz nachdem die nachgelassenen Gedichte eines jungen Dichters erschienen waren, der sich zwei Jahre zuvor, mit nur 19 Jahren das Leben genommen hatte, nämlich Wolf Graf von Kalckreuth (1887-1906) (Wiki) (2).

Rilke wußte um den Wert der Dichtungen des Wolf von Kalckreuth. 16 Jahre später noch, als es darum ging, daß eine Sammlung deutscher Sonette heraus gegeben werden sollte*) und Rilke um Erlaubnis des Nachdrucks einiger seiner Sonette gebeten wurde, gab er die gewünschte Zustimmung, wies zugleich aber auch auf die Gedichte von Kalckreuth's hin (4, S. 876f):

Es sind außerordentlich schöne Sonette darunter .... Diese Frühvollendeten, die man so rasch vergißt, wären ja, mehr als andere, am Platz in einer solchen Auswahl.

Es sollen im folgenden nur ausschnitthaft einige Auszüge aus dieser längeren Dichtung "Requiem" gebracht werden. Nach zwei längeren, einleitenden Absätzen springt der nächste Absatz den Leser an mit den Worten:

O dieser Schlag, wie geht er durch das Weltall, 
wenn irgendwo vom harten scharfen Zugwind 
der Ungeduld ein Offenes ins Schloß fällt. 

Schon diese wenigen Worte lassen verstummen. - Ein Offenes ist ins Schloß gefallen als ein junger Dichter den Freitod gewählt hatte. Wie viel Offenes fällt überhaupt ins Schloß in diesem Weltall? - Der danach folgende Absatz springt den Leser erneut an, und zwar mit den Worten: "Daß du zerstört hast". Diese werden einige Zeilen später erneut aufgegriffen:

Daß du zerstört hast. Blöcke lagen da, 
und in der Luft um sie war schon der Rhythmus 
von einem Bauwerk, kaum mehr zu verhalten; 
du gingst herum und sahst nicht ihre Ordnung ...

Dieser Vorwurf - an einen Menschen, der längst tot ist. So darf nur jemand sprechen, der dem Tod selbst ins Auge gesprochen hat und in seinem Angesicht eine scharfe, entschiedene Entscheidung getroffen hat: Weiter zu leben. Da es Werte gibt, um deretwillen gelebt werden kann. Sollte.

Zu wehleidig beim Dichten

Rilke sucht nach den Ursachen, fragt nach Auswegen:

                                       ... wäre einer, der 
beschäftigt war, im Innersten beschäftigt, 
dir still begegnet, da du stumm hinausgingst, 
die Tat zu tun -; ja hätte nur dein Weg 
vorbeigeführt an einer wachen Werkstatt, 
wo Männer hämmern, wo der Tag sich schlicht 
verwirklicht ...

Was für Worte. Was für wunderschöne Worte. Wir können es nicht anders sagen. - Rilke bringt dann zum Ausdruck, daß viele Dichter beim Dichten zu wehleidig wären ...

... statt hart sich in die Worte zu verwandeln, 
wie sich der Steinmetz einer Kathedrale 
verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut. 

Rilke ist oft auf das Thema künstlerisches Schaffen und die Bedrohungen desselben zurück gekommen. Oft. 1899 beispielsweise hatte der allseits verehrte Tolstoi eine Schrift herausgegeben "Über moderne Kunst". Tolstoi hatte in dieser einem Pessimismus in Bezug auf die Bedeutung des Schaffens von Kunst und Kultur Ausdruck gegeben, der am Ende sogar in die völlige Ablehnung künstlerischen Schaffens mündete, der am Ende nicht davor zurück scheute, sogar der Musik Beethovens mit Ablehnung gegenüber zu stehen.

"Blöcke lagen da ..."               ²)

Es war diese Schrift eine andere Art von Selbstmord künstlerischen Schaffens. So hat es Rilke gesehen. 1924 nannte sie Rilke "die schmähliche und törichte Broschüre" (6).**) Verkörpert Rilke nicht jene heroische Lebenshaltung, die Schopenhauer gefordert hatte? Beim Lesen seiner Zeilen werden wir erinnert auch an ein anderes Bild eines anderen Dichters, nämlich an Hölderlin's "Dichtermut" ...

... Wenn die Woge denn auch einen der Mutigen,
      Wo er getreulich getraut, schmeichelnd hinunterzieht,
        Und die Stimme des Sängers
          Nun in blauender Halle schweigt ...   

Erneut also ist da von den Gefahren des künstlerischen Schaffens die Rede. Hölderlin:

... Freudig starb er und noch klagen die Einsamen,
     Seine Haine, den Fall ihres Geliebtesten;
       Öfters tönet der Jungfrau
         Vom Gezweige sein freundlich Lied.
 
Wenn des Abends vorbei Einer der Unsern kommt,
  Wo der Bruder ihm sank, denket er manches wohl
    An der warnenden Stelle,
      Schweigt und gehet gerüsteter.

Hatte nicht zu Hölderlins Zeiten Heinrich von Kleist sich das Leben genommen? Ein Tod, der damals schon in Dichterkreisen so viel Ergriffenheit auslöste? In Berlin, am Wannsee? "An warnender Stelle", wo schon so mancher "schwieg" und "ging, gerüsteter"? 

"Wo Männer hämmern"

Zurück zur Dichtung "Requiem", wo Rilke spricht von einem Blick "in Werkstätten, wo Männer hämmern":

Dies war die Rettung. Hättest du nur ein Mal 
gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht 
und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird 
und nichts als Bild ....

Schicksal soll Bild werden und nicht zu voreilig zu Taten hinreißen. Bild, in solche Worte gefaßt wie jene, mit denen Rilke diese Dichtung begonnen hatte:

                                        ... Mir ist das Herz
so schwer von dir wie von zu schwerem Anfang,
den man hinausschiebt. ...

Nun nur noch die Schlußzeilen:

Die großen Worte aus den Zeiten, da 
Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns. 
Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles. 

Das hier behandelte Gedicht von Rilke ist 1908 in Paris entstanden. Es war das in einer Zeit, in der er - neben der Werkstatt Rodin's - als dessen Sekretär arbeitete, neben einer Werkstatt also, wo tatsächlich "Blöcke" lagen.

"Werkleute sind wir"

Hören wir in diesem Bild von Werkstätten und Hämmern nicht auch noch anderen Worten hinterher, jenen Worten von .... "Werkleute sind wir ...." - ? Überraschung - auch diese stammen von Rilke. Sie sind schon 1899 entstanden:

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.
 
Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte, 
die strahlend und als ob sie Alles wüßte
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.
 
Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.
 
Gott, du bist groß
 
"... deine kommenden Konturen dämmern ..." ³)

Nachbemerkung: Noch dichter ist der Inhalt der Dichtung "Requiem" vielleicht gefaßt in den Zeilen:

                  ... wär in deinem vollen Blick
nur so viel Raum gewesen, daß das Abbild
von einem Käfer, der sich müht, hineinging.


_________

*) Es handelte sich um den Hölderlin- und Goethe-Forscher Karl Viëtor (1892-1951) (Wiki) (3), der 1924 gerade seine Habilitation über die Geschichte der deutschen Ode beendet hatte. Er schrieb an Rilke, um die Erlaubnis für einen Nachdruck von Sonetten Rilke's zu erlangen. Rilke gab diese Erlaubnis, wies zugleich aber - und wie wir meinen: sehr vornehm - mit den zitierten Worten auf diese nachgelassenen Gedichte des Wolf von Kalckreuth hin. 1926 ist die Anthologie dann erschienen (5).
**) Tolstoi's Schrift "Über moderne Kunst" von 1899 lag ihm offenbar viele Jahre lang quer im Magen. Dieser Umstand stand auch im Hintergrund seiner beiden persönlichen Begegnungen mit Tolstoi in den Jahren 1899 und 1900. Erst 1924, nachdem er seine eigenen "Duineser Elegien" geschaffen hatte, sein Hauptwerk, konnte er so klare Worte über Tolstoi's Schrift finden ("die schmähliche und törichte Broschüre") (6).
 
 ___________
 
²) Blick in den Innenhof der Dombauhütte des Kölner Doms (Wiki) (Symboldbild)
³) Nordturm des Kölner Domes mit Gerüst (Wiki) (Symboldbild)

___________________

  1. Rilke, Rainer Maria: Requiem. Insel-Verlag 1919, https://de.wikisource.org/wiki/Requiem_(Rainer_Maria_Rilke):Seite_25 (auch: Rilke.de)
  2. Wolf Graf von Kalckreuth: Gedichte. Insel-Verlag, Leipzig 1908,  https://www.projekt-gutenberg.org/kalckreu/gedichte/motto.html
  3. Zelle, Carsten, "Viëtor, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 802-803 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117416002.html#ndbcontent 
  4. Schnack, Ingeborg: Rilke-Chronik. Rainer Maria Rilke - Chronik seines Lebens und seines Werkes 1875-1926, Insel-Verlag, Frankfurt/M. 2009
  5. Deutsche Sonette aus vier Jahrhunderten. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Karl Viëtor, Euphorion Verlag, Berlin 1926
  6. "Meine geheimnisvolle Heimat" - Rilke und Rußland. Hrsg. von Thomas Schmidt. Insel Taschenbuch 2020

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