Mittwoch, 9. September 2015

Mein Vater

Er ist am 2. September 2015 gestorben

Wie ich schon auf Facebook geschrieben habe, ist mein Vater vor einer Woche, am 2. September gestorben. Ihm kann ruhig einmal ein Beitrag hier auf dem Blog gewidmet werden. Oder zwei. Denn er hat wie vielleicht sonst nur wenige inneren Anteil genommen an allen Anliegen, die auf den Blogs hier vertreten werden.

Wir wollen ihn übermorgen begraben. In der Vorbereitung auf die Beerdigung, kommen einem so viele Gedanken in den Sinn, man findet Gedichte, die man früher nie beachtet hat. Vielleicht wird hier nach und nach einiges, was einem wertvoll erscheint, festgehalten werden.

Denn wir leben aus den Menschen, denen wir unsere Existenz verdanken. Wenn solche Menschen sterben, wird einem das vielleicht noch wesentlich bewusster, als es einem war, solange sie noch lebten.

Was wir sind, verdanken wir in der Regel unseren Eltern. Und wenn es Dinge gibt, die wir bejahen können unter all dem, was man ist, ist das Sterben eines Elternteils fast eine Art vorweggenommenes eigenes Sterben. Man kommt dem eigenen Tod jedenfalls wesentlich näher als noch beim Tod der eigenen Großeltern.

Ich will mir jedenfalls einen Teil der aufgewühlten Gefühle, die man aus diesem Anlass hat, in diesem Blogbeitrag von der Seele reden, indem ich einfach ein paar Fotos aus seinem Leben zusammen stelle. 


Abb. 2: Mit seiner Mutter, etwa 1941
Über meinen Vater erzähle ich gerne. Und ich stelle hier einige Bilder ein, die ich schon seit längerer Zeit, in der er dement geworden war, allmählich zusammen gesammelt habe aus alten Familienalben.

Abb. 3: Als Landwirtschaftsgehilfe, etwa 1953
Mein Vater wuchs auf einem Bauernhof auf und hat bis 1958 in der Landwirtschaft gearbeitet. Danach war er als Milchkontrollassistent auf Bauernhöfen in Westfalen tätig. Und schließlich bis 1961 als Büromensch in der Landwirtschaftskammer in Bonn.

Abb. 4: Unterwegs mit einer Jugendgruppe, 1960
Mein Vater hat, obwohl er infolge der Kriegs- und Nachkriegszeit nur eine ganz ungenügende Schulbildung hatte, sich zeitlebens für eine weite Spanne von geistigen Themenbereichen interessiert. Sein Leben bestand aus einem lebenslangen Lernen, aus einem bis ins hohe Alter fortgesetzten geistigen Austausch mit Menschen, die ihm  wichtig waren. Und von diesen gab es viele, sehr viele. Er interessierte sich insbesondere für Vorgeschichte, Geschichte, Zeitgeschichte und weltanschauliche Fragen. Also für ganz ähnliche Themen wie sie auf meinen Blogs behandelt werden. Woran man schon erkennen kann, wie sehr ich durch meinen eigenen Vater geprägt worden bin und wie viel von seinem Erbgut in mir fortexistiert.

Einer seiner Lieblingsschriftsteller in seinen Altersjahren war der Sozialdemokrat August Winnig (1878-1956). Von diesem hat er wohl in seinen Altersjahren fast alle Bücher nach und nach antiquarisch erworben. Und er hat gerne auch eine interessierte Zuhörerschaft an seinen Lesefrüchten Anteil nehmen lassen. Auf Abbildung 4 lauscht er schon 1960 den Worten eines alten Lehrers, der einer Jugendgruppe auf einer Wanderung wohl gerade etwas über Vorgeschichte erzählt. (So stelle ich es mir zumindest vor nach dem, was er über jene Zeit so erzählt hat.)

Abb. 5: Die Feier der Verlobung meiner Eltern, Anfang 1965 in Salzburg
Meine Mutter lernte mein Vater, obwohl er Norddeutscher war, in den Bergen, in den Alpen kennen. Sie war Österreicherin und kam aus Zell am See. Er holte sie 1965 zu sich nach Hannover, wo sie anfänglich mit ihrem österreichischen Dialekt manche Heiterkeit hervorrief. Noch heute sind wir amüsiert, wenn sie mit einer ihrer Schwestern telefoniert und dabei ganz selbstverständlich in den österreichischen Dialekt verfällt.

In unserer Familie heißen Pfannkuchen deshalb auch Palatschinken.

Abb. 6: Der LKW meines Vaters mit Werbung für Eden-Margarine, 1979
Seit 1961 arbeitete mein Vater als Verkaufsfahrer, zunächst im Blumengroßhandel in Bonn, Köln und Hannover, danach für die Getränkefirma Vorlo in Hannover und in Barbis im Harz. Schließlich ab 1972 für die Belieferung von Reformhäusern in ganz Nordhessen mit Margarine, Rote-Beete-Saft, Sauerkraut, Tee und Müsliriegeln.

Abb. 7: Mit unserem Haflingerfohlen Lilofee, unserem Bullenkälbchen und unserem Hund Astor, 1981
Als Auslieferungsfahrer mit einem eigenen Lager (vor dem er auf Abb. 7 steht), das er selbständig führte und in dem er Frau Rhode, unsere Sekretärin, seinen Schwager Jochen und noch einen weiteren Lagerarbeiter beschäftigte, hat er viel arbeiten müssen, sein ganzes Leben. Gerne hat er einen Spruch gesagt - aber noch viel mehr gelebt, von dem ich gerade nur die letzten Zeilen in Erinnerung habe, der da aber lautete:
Arbeitsfreude ist von Nöten
die ist göttlich - nicht das Beten!
Abb. 8: Einer der beiden 7,5-Tonner meines Vaters auf unserem Hof (ein Fiat), etwa 1981
Aber es wird auch dazu gesagt werden müssen, dass er in jenen Jahren des Wirtschaftswunders und bis zur Aufgabe seines Betriebes 1990 als Auslieferungsfahrer keineswegs im Niedriglohnbereich gearbeitet hat, wie das heute womöglich der Fall wäre! Nein, er hat gut verdient. So dass unsere Eltern uns vier Kindern eine herrliche Kindheit auf dem Dorf in einem alten Fachwerkpfarrhaus mit großem Garten, Scheune und vielen Tieren (s. Abb. 6) ermöglichen konnten. Viele Jahre prangten auf den 7,5-Tonnern meines Vater anstelle der Werbung für Eden Margarine in gleicher Größe Aufkleber wie "Atomkraft - nein Danke". Denn meine Eltern waren auf Regionalebene Mitbegründer der grünen Bewegung in Nordhessen und der Partei die Grünen in Hessen (anfangs der GLU, der Grünen Liste Umweltschutz). (Freilich sind sie aus der Partei Die Grünen bald wieder ausgetreten, nachdem Leute wie Joschka Fischer darin das Sagen bekommen haben. Und Leute wie Gerd Bastian, Petra Kelly oder Rudi Dutschke plötzlich tot waren.)

Abb.9: Aufbau von Verkaufsständen in den neuen Bundesländern, etwa 1991 oder 1992
Nach der Wiedervereinigung gab mein Vater sein Auslieferungslager auf und wurde Vertreter für die Firma Eden in den neuen Bundesländern. Er half dort, die Reformhäuser wieder aufzubauen und auf "Westniveau" zu bringen. Aha, also der "Besserwessi". Aber manche Reformhausinhaber waren ihm auch dankbar, wenn er ihnen Ware zurück nahm, die sie aus ihrer großen Unerfahrenheit anfangs in viel zu großen Mengen bestellt hatten, und auf der sie sonst sitzen geblieben wären.

Abb.10: An einem Verkaufsstand in denen neuen Bundesländern, etwa 1991 oder 1992, vielleicht in Zwickau
Über meinen Vater könnte noch so viel gesagt werden. Kann sein, dass ich die Leserschaft meines Blogs damit nicht verschonen werde. Denn über Menschen wie meinen Vater muss mehr geredet werden in der Welt. Es wird über so viele andere Menschen, die so viel Gerede gar nicht Wert sind, viel zu viel Wesen gemacht, sie werden viel zu viel in alle Himmel gejubelt, all die Stars und Sternchen in Politik und im - sogenannten, ich betone: sogenannten - "Kulturleben". Nein. Es sind die einfachen Menschen wie mein Vater, die ein Volk zu einem Volk machen.

Und um derentwillen es lebenswert ist, in einem Volk zu leben.

Ich möchte noch mehr sagen. Ich möchte sagen: Mein Vater war ein Revolutionär wie Rudi Dutschke. Auch das möchte ich in weiteren Blogbeiträgen noch weiter begründen. Hier zunächst nur einmal so viel: Die Größe eines Menschen ergibt sich nicht daraus, wie viel Erfolg ein Mensch in seinem Leben hatte, wie viele Menschen ihn kennen. Oder gar: Wie viele Fernsehauftritte er hatte. Und was es da an Maßstäben sonst noch so geben möge. Die Größe eines Menschen ergibt sich aus dem, für was er stand oder für was er steht. Unter anderem. Und mein Vater stand für viel. Er stand für das Überleben und fruchtbare Gedeihen gewachsener Volkskulturen weltweit. Er stand für eine Weltanschauung und Hintergrundpolitikkritik, die diesem Überleben und Gedeihen neuen Freiraum geben möchte. Ebenso wie das in ähnlicher und auch noch anderer Weise für seinen einstigen Parteifreund Rudi Dutschke gegolten haben mag. - - - Aber für heute sei abgebrochen. Nur noch ein Gedicht als Abschluss.
Saat
Aber dies alles wird Saat,
und es ist nicht wahr,
dass nur der rasende Tod
über die Erde kam.
Einst, an einem Morgen,
wenn das schneeige Leichentuch
hinschmolz im Frühling,
stehn wohl Kreuze im Feld,
und über schmerzlichen Hügeln
dampfen schweigende Nebel.
Aber dies alles ist Saat.
Und eine erste Lerche
singt wie einst sich zur Sonne,
lobt das heilige Leben
und preist die Wonne der jungen Welt.
Alles ist Saat.
Alles, das hinsinkt in Nacht,
schickt seine Kraft ins All.
Über die Kreuze
wuchern noch Rosen,
über den Hügeln
weichen die Nebel aus Menschentränen.
Dann kommt ein großes Wissen:
wofür dies alles war,
und ein weinend, lachend Gebet
wagt zu danken:
Denn dies ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit.
                       Hans Schmidt-Kestner (1892-1915)
                                              (Wiki)

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