Montag, 2. Februar 2009

Intelligenz-Evolution des Menschen - Axel Meyer bloggt

Ein Rundum-Blick in der Kolumne "Quantensprung"

Auf der hervorragenden Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von neulich konnte man auch den spannenden Ausführungen des Evolutionsbiologen Axel Meyer lauschen. (siehe Stud. gen.) Angeregt dadurch entdeckt "Studium generale" jetzt - erst jetzt! -, daß es schon seit über zwei Jahren quasi einen außerordentlich lesenswerten "Wissenschafts-Blog" von Axel Meyer gibt, der über weite Bereiche ein sehr ähnliches Themenspektrum behandelt wie "Studium generale", nämlich die Kolumne "Quantensprung" auf der wöchentlichen Wissenschaftsseite des "Handelsblattes". Sie wurde schon am 24.11.2005 begonnen. (Überlick siehe ---> hier) Diese Kolumne ist inzwischen auch als Buch erschienen (---> Bücher) und wird man sicherlich nicht nur deshalb mit Interesse lesen, weil Axel Meyer unter anderem auch Beiratsmitglied der "Giordano Bruno-Stiftung" ist.

Beschleunigung der Evolution durch Gehirne (Allan C. Wilson)

Schauen wir rein! Den spannendsten Beitrag, den man dort vielleicht finden kann, ist die Kolumne vom 26.8.2008 und sie behandelt das Thema: "Große Gehirne fördern die Evolution" (pdf.). In ihr berichtet Meyer über seinen bedeutendsten akademischen Lehrer (neben Ernst Mayr), nämlich den Allan C. Wilson, über dessen These, das große Gehirne durch eine Gen-Kultur-Koevolution die Evolution beschleunigen und über neue Belege, die jüngst gesammelt wurden für die Richtigkeit dieser These. Meyer schreibt:
Offensichtlich sind einige Tiergruppen evolutionär erfolgreicher als andere – obwohl es umstritten ist, wie man „Erfolg“ in der Evolution überhaupt definieren soll. Der Biologe J.B.S. Haldane unterstellte Gott mit einem Augenzwinkern eine Vorliebe für Käfer, denn keine andere Gruppe von Organismen sei so artenreich. Eine andere Messlatte für Erfolg ist aber nicht Artenreichtum, sondern das Ausmaß und die Geschwindigkeit äußerlicher Evolution, also die Frage, wie sehr sich Arten in einer Gruppe voneinander unterscheiden.

Schon vor genau 25 Jahren schlug mein Professor in Berkeley, der Biochemiker Allan C. Wilson, vor, dass bei „höheren“ Wirbeltieren die Verhaltensflexibilität eine entscheidende Rolle für evolutionären Erfolg spielt. Diese Idee wurde „Behavioral drive“-Hypothese genannt. Der „Verhaltensantrieb“ sollte etwa erklären, warum Vögel evolutionär erfolgreicher sind als Amphibien. Die Theorie war jedoch sehr umstritten und wurde wieder vergessen.

In den 25 Jahren nach Wilsons Studien konnten Vergleiche zwischen vielen Arten zeigen, dass Gehirngröße und Verhaltenskomplexität eng gekoppelt sind. Nun haben Daniel Sol von der Autonomen Universität Barcelona und Trevor Price von der Universität von Chicago in der Fachzeitschrift „American Naturalist“ einen Artikel veröffentlicht, in dem sie den Verhaltensantrieb als starke evolutionäre Kraft wiederauferstehen lassen.

Im Vergleich von 120 verschiedenen Vogelfamilien mit über 7 000 Arten von Vögeln konnten sie nachweisen, dass die Gehirngröße der Tiere einen großen Teil der Unterschiede zwischen den Arten innerhalb einer Familie erklärt. Soll heißen, klügere Vögel mit überdurchschnittlichen großen Gehirnen haben sich mehr und schneller verändert als solche mit kleineren Gehirnen. Die Gewinner waren Spechte, Hornvögel, Eulen, Papageien und Krähen.

Nebenbei bemerkt, auch wenn der Titel der Zeitschrift – „American Naturalist“ – eher wie das Fachblatt der Nudistenbewegung Amerikas klingt, so ist sie doch eine der renommiertesten Zeitschriften der Evolutionsbiologie, und diese Daten sind statistisch solide.
Diese Studie war bislang der Aufmerksamkeit von "Stud. gen." entgangen und sie wird man sich gewiß noch einmal besonders anschauen müssen. (hier, hier ... freies pdf.) Und da wird es natürlich um so spannender, wie Meyer ansonsten so die Vergangenheit und Zukunft der Evolution des Menschen sieht. Nur folgerichtig erscheint es, wenn Meyer schon in einer Kolumne zuvor am 17.7.2008 über die Frage "Entwickelt sich der Mensch noch weiter?" zum Schluß zu dem Ergebnis kommt:
Die Evolution geht weiter, auch für uns, und sie wird durch Kultur eher noch schneller als langsamer.
Und entsprechend heißt es in der bislang jüngsten Kolumne vom 29.1.09 wiederum sehr richtig:
Die Evolution hat im Holozän nicht haltgemacht, sie hat sich eher beschleunigt. Beispielsweise hat sich die Fähigkeit, als Erwachsener Milchzucker zu verdauen, sehr schnell innerhalb nur sehr weniger Generationen verbreitet. Und vom Gen für Amylase, ein Enzym, das Stärke in Zucker zerlegt, tragen genau die Völker besonders viele Kopien im Genom, die auch viel Stärke essen. Schimpansen übrigens besitzen nur zwei Kopien dieses Gens.
Menschliche Rassen und Völker in der Evolution

Ob sich da Meyer auch schon zu dem Thema jüngste, lokale Humanevolution geäußert hat, spricht zum Thema "Rasse und Genetik"? Ja, schon am 16. 11.2006 wandte er sich diesem Thema zu ("Genom und Rassen des Menschen", ---> hier, pdf.), das ja auch für seinen akademischen Lehrer Ernst Mayr nie ein Tabuthema war und sein konnte. Meyer schreibt:
... Die Genomik und daraus erwachsene neue Disziplinen wie Systembiologie sind heiße Forschungsgebiete – neue Zeitschriften und Professuren schießen wie Pilze aus dem Boden, in den USA, England, Singapur und China. (...)

Die Genomik ist auch wirtschaftlich bedeutend. Die "Pharmakogenomik“ sucht nach Behandlungen und Medikamenten-Cocktails, die auf Einzelne oder Gruppen von Patienten zugeschnitten sind und auf deren spezieller Genzusammensetzung beruhen.

Patientengruppen? Kaum eine Frage erregt die Gemüter so sehr wie das Konzept und die genetischen Grundlagen menschlicher „Rassen“. Es ist nicht politically correct, sie zu erforschen oder auch nur das Wort in den Mund zu nehmen. Ein ethisches Minenfeld (...).

Immer häufiger erscheinen aber Artikel in renommierten Fachzeitschriften, die entweder kategorisch behaupten, dass es keine biologischen (genetischen) Grundlagen für menschliche Rassen gibt, oder aber – was jeder Arzt weiß –, dass es sehr wohl eine Beziehung zwischen gesundheitlichen, genetisch bedingten Risikofaktoren und Prädispositionen für bestimmte Krankheiten bei bestimmten Patientengruppen gibt, ohne sie Rassen zu nennen. Es gibt biomedizinische und populationsgenetische, objektive Kriterien, nach denen menschliche Populationen charakterisiert und kategorisiert werden könn(t)en. Dafür sind nur relativ wenige „Markergene“ nötig, die in verschiedener Häufigkeit oder Zusammensetzung auftreten bei der ältesten und genetisch diversesten Population, den Afrikanern, und jüngeren Populationen, die von ihnen abstammen. Zu Letzteren gehören „Kaukasier“ (wie „Weiße“ in den USA genannt werden), Bewohner der pazifischen Inseln (z.B. Papua-Neuguinea und Melanesien), Ostasiaten und die jüngste Gruppe, die nordamerikanischen Ureinwohner (...). Die biologisch-genetische Basis für Unterschiede zwischen Menschen verschiedener geographischer Herkunft besteht sehr wohl. Die Pharmaindustrie weiß es längst und forscht daran.
IQ-Evolution?

Angesichts all der bislang angeführten Kolumnen-Ausführungen wäre es nur naheliegend, wenn Axel Meyer auch die Erforschung und Diskussion der lokalen, jüngsten Evolution des menschlichen IQ's vorurteilsfrei behandeln würde. Aber als es zu dem Skandal von 2007 um James Watson diesbezüglich kam (siehe Beiträge dazu auf St. gen.), äußerte sich Meyer auffallend zurückhaltend unter dem Titel "Das traurige Ende des ehrlichen Jim" (1.11.2007). Dabei ließ er im Artikel letztlich offen, ob er die damals diskutierten Äußerungen Watson's über die Beziehung zwischen IQ und Rasse zum "unhaltbaren Blödsinn" oder nur zum "politisch Unbeliebten" unter den vielen Äußerungen von Watson zählt. (---> hier, pdf.) Schade. Man kann sich fragen, ob das die richtigen Signale aus der Wissenschaft heraus an die Öffentlichkeit sind.

Axel Meyer und Monogamie

Monogamie könnte ebenfalls etwas mit Intelligenz-Evolution zu tun haben, wie Forschungen von Robin Dunbar jüngst vermuten lassen. Mit Monogamie nun beschäftigt sich Axel Meyer auch recht häufig, allerdings offenbar noch ohne die Forschungen Robin Dunbar's zu erwähnen. Der Tenor seiner Äußerungen liegt etwas anders:
Monogamie widerspricht einigen der ältesten und tiefsten evolutionären Neigungen des Menschen,
sagt er zum Beispiel am 27.3.2008. Und am 3. April 2008 titelt er sogar ziemlich kraß "Monogamie ist unnatürlich". Doch dieser Artikel endet mit den entzaubernd/verzaubernden Worten über die in der Natur vorherrschende "milde Form polygamer Verhaltensweisen", sie
... dürfte daher also genetisch veranlagt sein. Was natürlich ist, muss nicht „gut“ sein. Kleine Wunder passieren aber immer wieder, und viele Ehen sind auch genetisch monogam.
Naaaaja. - - - Monogamie: "unnatürlich"?

Axel Meyer und Simon Conway Morris

Unter "Notwendigkeit und Zufall" beschäftigt sich Meyer am 26.6.2008 mit Simon Conway Morris, der schon vielfältig Thema auf "Stud. gen." war. Der Schluß des Artikels, in dem zuvor auch schon recht abwertend von "Armstuhlbiologie" die Rede war, kann einem als weitaus zu einseitig formuliert erscheinen, wo es doch gerade Axel Meyer ist, der konvergente Evolution auch bei seinen hoch geliebten Buntbarschen erforscht - und das ja mit viel Grund:
Conway-Morris' Thesen sind nur eine sehr merkwürdig anmutende Mischung aus Teleologie und Theologie.
Was? Das, so möchte man sagen, ist schlicht und einfach nicht wahr und viel zu verkürzt geurteilt. Theologie enthält nur das letzte, kurze Kapitel seines Buches "Life's Solution". Der Rest ist ausschließlich Naturwissenschaft. - Schade!

Mit der "bezahlbaren Genomik für alle", die ebenfalls schon Thema hier auf dem Blog war, beschäftigt sich Meyer am 27.11.08:
Den meisten Menschen in der westlichen Welt wird es in wenigen Jahren möglich sein, ihr komplettes Genom auf einer DVD nach Hause zu tragen.
Verwandten-Ehen und IQ-Evolution

Die Kolumne vom 15.1.2009 heißt "Forschergene und Inzest mit Cousinen". Sie beschäftigt sich mit der spannenden Thematik der Verwandten-Ehen, die durchaus auch etwas mit (IQ-)Evolution (zum Beispiel bei aschkenasischen Juden) zu tun haben könnten, wie ebenfalls schon auf "Stu. gen." diskutiert worden ist. (Verwandten-Ehen können eine Häufung sowohl von positiven wie negativen Merkmalen mit sich bringen, was neue Ansatzpunkte für Selektion schaffen kann.) Meyer führt über Cousin-Cousinen-Ehen aus:
Das genetische Risiko für Kinder aus solchen Ehen ist abhängig von komplexen Faktoren: Etwa von dem Maß, in dem die Menschen einer Gesellschaft sich genetisch unterscheiden, ...
- sehr richtig. Hier spricht Meyer von dem durchschnittlichen genetischen Verwandtschaftsgrad zwischen Menschen einer Bevölkerung, der durchaus sehr unterschiedlich sein kann und sich auch ändern kann. (Die Thematik wurde auf St. gen. zuletzt hier behandelt.) Weiter:
... außerdem von der Häufigkeit eines Gendefekts, dem Modus der Vererbung und der Anzahl der beteiligten Gene. Alles in allem scheint aber das genetische Risiko bei Kusinenheiraten nur um etwa zwei bis drei Prozent zu steigen.
In der Kolumne vom 22.1.09 heißt es zum Thema "Natur oder Kultur?":
Sogar von Genen für Religiosität ist mittlerweile die Rede – und niemand scheint sich mehr zu wundern.
;-) - Und weiter:
In einem Fernsehinterview letzte Woche sagte in diesem Zusammenhang der erfolgreiche Darwinbuchautor und promovierte Biochemiker Jürgen Neffe etwas sehr Merkwürdiges. Herr Neffe erklärte richtig, dass nur etwa fünf Prozent unseres Genoms Gene sind. Deshalb sei das menschliche Verhalten zu 95 Prozent kulturell bestimmt. Wie kommt er darauf?
Grins. Natürlich einigermaßen idiotische Schlußfolgerung. - Im Ganzen also eine sehr spannend zu lesende Kolumne, schon wegen der Themenauswahl. Eine Kolumne allerdings, bei der man phasenweise durchaus immer wieder einmal "Schwächeln" erwarten muß, was man aber gerne in Kauf nimmt, wenn man dann wieder in die "Stärkephasen" hinein gerät.

Und auch dem Studium der langen Reihe von Artikeln für andere Zeitungen (hier), bzw. natürlich auch der Forschungsartikel (hier) sieht man da mit einigem Interesse entgegen.

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