Sonntag, 15. Februar 2009

Die Gefahren der "Politischen Korrektheit", der monotheistischen Unfehlbarkeit und die Theorie kostspieliger Signale

Das "Karriereportal der Wissenschaft" (academics.de) wird in Zusammenarbeit der Wochenzeitung "Die Zeit" und der "führenden hochschul- und wissenschaftspolitischen Zeitschrift Deutschlands", "Forschung & Lehre" (herausgegeben vom "Deutschen Hochschulverband") betrieben, also der Interessen-Vertretung der deutschen Professoren und Dozenten.

Und auf diesem Portal findet man gegenwärtig gleich mehrere hochinteressante Themen behandelt, zwischen denen sich ein innerer sachlicher Zusammenhang herstellt, wenn man genauer hinschaut. Zum einen hat die Zeitschrift "Forschung & Lehre" in ihrer neuesten Ausgabe (2/2009) in gleich sechs Beiträgen die Gefahr der "Political Correctness" für die Freiheit von Wissenschaft und Lehre zum Thema. - Schüttel! "Die spinnen, die Römer!" Man darf davon ausgehen, daß diese Ausgabe schon vor dem Williamson-Skandal geplant gewesen war. Dennoch ein recht auffälliges, zeitliches Zusammentreffen.

Der Vatikan - religionsanthropologisch informiert?

Aber das gleichzeitig dort erscheinende "Zeit"-Interview von Wissenschafts-Journalist Ulrich Schnabel mit dem Religionswissenschaftler Richard Sosis darüber, wie die Stabilität von Religionen sichergestellt wird, bzw. werden könnte, weist einen Aktualitätsbezug auf, der geradezu atemberaubend ist. Auf Richard Sosis ist schon oftmals sehr wohlwollend Bezug genommen worden hier auf "Studium generale". Aber daß seine Erkenntnisse so unmittelbar auf die Tagespolitik, hier: die der katholischen Kirche, angewendet würden, darauf wäre man wohl bisher auch noch nicht gekommen.

Tatsächlich? Läßt sich die Politik der katholischen Kirche gegenwärtig von modernsten religionswissenschaftlichen, anthropologischen Erkenntnissen leiten? Darauf kommt man, wenn man dieses brisante und wichtige Interview studiert. (auch hier) Ulrich Schnabel stellt gleich zu Anfang eine hochbrisante Frage:
Professor Sosis, als Religionsanthropologe erforschen Sie Faktoren, die den Erfolg religiöser Kommunen ausmachen. Eines Ihrer verblüffenden Ergebnisse lautet: Je strikter eine Gemeinschaft das Leben ihrer Gläubigen reglementiert, umso dauerhafter ist sie. Gilt diese Erkenntnis auch für die katholische Kirche?
- Öha! Öha! Natürlich findet Sosis eine einigermaßen diplomatische Antwort (siehe daselbst ...), sagt aber dann:
... Im Großen und Ganzen würde ich Ihre Frage bejahen.
Und dann Schnabel noch brisanter (!) und konkreter:
Es gibt Wissenschaftler, die auf der Basis dieser Theorie (der soziobiologischen Theorie von den "kostspieligen Signalen") argumentieren, das 2. Vatikanische Konzil sei ein Fehler gewesen. Die damals beschlossene Liberalisierung habe den Gruppendruck gesenkt, der das Erfolgsprinzip religiöser Gemeinschaften ist. Aus dieser Perspektive wäre also ein eher konservativer Kurs angeraten.
Das 2. Vatikanische Konzil und die "Theorie kostspieliger Signale"

Wenn das keine Frage ist!? Tatsächlich? Sollte sich das gegenwärtige Handeln von Herrn Ratzinger-Benedikt von der Theorie kostspieliger Signale leiten lassen? Dann wäre praktisch alles erklärt, ja, alles. Mach es deinen Mitgläubigen schwer, nur dann sind sie wirklich bereit, Opfer zu bringen. Ob die Theorie auf die heutigen Katholiken in Deutschland und der Welt noch anwendbar ist? Hm, hm, hm. Stirnrunzel, Stirnrunzel, Stirnrunzel.

Recht "bescheiden" spricht Richard Sosis dann über seine eigene Religion, die jüdische, sie wäre in ihrer 2.000-jährigen Geschichte erheblich weniger erfolgreich gewesen als die katholische Religion. So schlicht sehen das heute allerdings nicht alle Anthropologen und Humangenetiker.

Man könnte vermuten, daß die Spekulationen von Schnabel und Sosis über die Zukunft der katholischen Kirche noch einen Aspekt zu wenig berücksichtigen, nämlich daß sich die katholische Kirche zunächst einmal klar machen müßte, zu welchem Prinzip sie sich wirklich bekennen will, zum Prinzip der wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, zu dem sich der Konvertit Bischof Williamson in Bezug auf zeitgeschichtliche Fragen bekennt oder zu dem Prinzip der letztlich mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, zu dem sich Angela Merkel, der Papst und so viele andere zumindest auf einem eng umschriebenen zeitgeschichtlichem Gebiet derzeit immer noch bekennen.

Angela Merkel und das politische Establishment sollten Jan Assmann studieren

Auf diesem Gebiet der "Politischen Korrektheit" wird eine der Kernfragen liegen. Und dazu macht das Themenheft "Forschung & Lehre" ja wiederum recht aufschlußreiche Ausführungen. Nicht alle Artikel dieser Ausgabe scheinen im Netz freigeschalten zu sein aber derjenige von Klaus Adomeit ist schon aufschlußreich genug, spricht über Jürgen Habermas und Ernst Nolte, also über den Historikerstreit von 1986, der bis heute die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt hat, und noch so viele wichtige anderen Dinge.

Die grundlegende Frage scheint einem doch - im Sinne der modernen Religionsanthropologie - diese zu sein: Will man Religiosität durch kostspielige Signale stabilisieren, die auf mosaischer Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch beruhen oder durch kostspielige Signale, die allein auf wissenschaftlicher Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch beruhen. Diese Frage scheinen sich die meisten Menschen in Deutschland und der Welt, denen Religiosität noch "irgendwie" wichtig zu sein scheint, auch in der Politik, nicht wirklich klar und eindeutig genug gestellt zu haben. Zum Beispiel unsere Bundeskanzlerin, die verehrte Frau Angela Merkel. Von der Klärung dieser Frage dürfte aber die künftige eher stärker freiheitliche oder eher stärker unfreiheitliche Entwicklung unserer Gesellschaft nicht zum geringsten abhängen.

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