Samstag, 8. Oktober 2011

"Man muß den Teufel anbeten" (II)

Der Satanist Hermann Hesse

(Es folgt hier Teil zwei eines Aufsatzes, dessen erster Teil ---> hier zu finden ist.)

Die lebenslang benutzte, auffällige Schrift des Gusto Gräser (siehe viele Seiten in: 2; siehe auch Abb. 2) und die ständige Benutzung des fünfzackigen Sterns bei allen seinen Aufzeichnungen (2; s. auch Abb. 2) paßt nun ebenfalls zu nichts so sehr wie zu jenen satanistischen Hintergründen, die im Roman "Demian" von Hermann Hesse behandelt sind. Diese Art der Schriftzüge ist uns bislang nur in einem einzigen anderen Zusammenhang begegnet, nämlich - - - in den Schriftzügen der Titelseiten der 1925 erschienenen "Magischen Briefe" des Gründers und Großmeisters der freimaurerähnlichen Satanistenloge Fraternitas Saturni, nämlich von Eugen Grosche (6). Hat sich Eugen Grosche diese Schrift nur - etwa über seinen Kollegen, Herrn Reuss (siehe unten) -  abgeguckt? Oder hat er die Titelseiten der "Magischen Briefe" vielleicht sogar von Gusto Gräser selbst zeichnen lassen? Auch in diesen "Magischen Briefen" übrigens ist der ständig von Gusto Gräser benutzte fünfzackige Stern zu sehen.

Wenn wir solche Dinge in Rechnung stellen, wird uns vielleicht schon leichter verständlich, wie der "barfüßige Prophet" Gusto Gräser bei seinen vielen Wanderungen durch Deutschland und Europa quasi als "Bettelmönch" immer wieder überall Einlaß gefunden hat und Unterstützung. Es deutet sich eine ähnliche Art des Lebens an wie bei dem von uns schon behandelten "barfüßigen Propheten" Friedrich Hielscher. Dieser hat sich auch immer wieder von wohlhabenden Gönnern aushalten lassen und ist von einem zum nächsten gezogen.

Die satanistischen Schriftzüge - und Sterne - des Gusto Gräser

Satanistische Logen geben sich übrigens gerne sehr "naturverbunden", leben gerne nackt im Wald, feiern dort um Mitternacht ihre Kulte und berufen sich auf romantische Märchen und Erzählungen, etwa sogar aus dem alten Ägypten, die sie sehr unmittelbar auf sich selbst und besonders ihre Kinder beziehen. Siehe etwa den Bericht einer Überlebenden satanistischer Gewalt wie "Isis, Fürstin der Nacht" (7). Wenn man die satanistischen Aspekte in Hermann Hesse's "Demian" voll und ganz in Rechnung stellt, fällt es einem wahrscheinlich leichter, einen solchen Bericht wie den letztgenannten (7) rein von den psychologischen Voraussetzungen und dem offenbaren Wurzeln der darin beschriebenen Kulte in der Jugend- und Lebensreformbewegung der 1920er Jahre her zu verstehen. Das Buch spielt in Thüringen in der Nähe des Verlagssitzes von Eugen Diederichs. Von dem Verleger Eugen Diederichs ist nicht nur bekannt, daß er der Jugendbewegung sehr nahe gestanden hat, sondern auch, daß er Freimaurer war. Vielleicht gehört er auch in all diese Zusammenhänge hinein, zumal er sicherlich Verleger vieler Bücher war, die man auf dem Monte Veritas in den von Hesse genannten Kreisen verschlang.

Abb. 4: Mit Emmy Hennings und Hugo Ball (um 1920)
Mitgeteilt wird von Hermann Müller außerdem, daß von der Tänzerin Mary Wigman und ihrem Lehrer Rudolf von Laban 1917 auf dem Monte Verita bei Ascona "Gnostische Messen" gefeiert worden sind (2, S. 65). Es paßt halt alles "wie Faust auf Auge". Der Ausdruck "gnostische Messe" klingt zwar zunächst unverdächtig. Aber alle, die sich schon einmal mit Satanismus beschäftigt haben, wissen, daß "gnostische Messen" schlicht satanistische Messen sind! Und diese wurden also gefeiert zusammen mit jener Mary Wigman, die auf dem Monte Verita im Haus des "Gurus" von Hermann Hesse, nämlich von Gusto Gräser/"Demian" und seiner Frau, "ein und aus ging" (2, S. 65). Indem wir diesen Hinweisen nachgehen, machen wir eine weitere "Büchse der Pandora" auf, wie wir gleich sehen werden.

Ein mystisch-freimaurerischer Orden auf dem Monte Verita (1917)

Doch bringen wir zunächst den betreffenden Textabschnitt von Hermann Müller selbst  im Zusammenhang. Er stellt in seinem Buch viele Mutmaßungen darüber an, wie sich Inhalte aus Romanen und Erzählungen von Hermann Hesse ganz konkret auf dessen Erlebnisse auf dem Monte Verita beziehen könnten, ohne daß ihm scheinbar auffällt, daß im "Demian" über weite Strecken von Satanismus die Rede ist, und schreibt dann unter vielem anderem über die oben zuletzt gebrachten Zitate von Hermann Hesse (2, S. 65):
Mit den Mythen- und Mystikforschern kann sowohl auf die Theosophen und Anthroposophen des Monte Verita angespielt sein wie auf den Franz Baader-Forscher und Psychoanalytiker Johannes Nohl, der 1917/18 in Ascona Hesses Analytiker gewesen ist. Auch an einzelne Sympathisanten des Orientalischen Templerordens (O.T.O.), wie Rudolf von Laban und Mary Wigman wäre zu denken, an jenen mystisch-freimaurerischen Orden, der soeben - im Sommer 1917 - auf dem Berg einen "anationalen Kongreß" abhielt und dort seine Gnostischen Messen feierte. Laban scheint Hugo Ball in dessen Baader-Studien bestärkt und unterstützt zu haben und von Mary Wigman ist bekannt, daß sie wie Hesse im Hause Gräser freundschaftlich ein- und ausging.
Mit diesen "Sympathien" der Mary Wigman für Satanisten wird vielleicht auch ihr berühmter "Hexentanz" besser verstehbar, fällt uns hierbei als erstes auf. Und wir fragen uns: Kann man an der "Gnostischen Messe" einer Geheimloge wie des O.T.O., deren Leiter nach den Angaben vieler noch bis vor kurzem Rudolf Steiner war, teilnehmen, auch dann wenn man nur "Sympathisant" ist? Oder setzt eine solche Teilnahme nicht doch eine eigentlich nicht zu widerrufende Mitgliedschaft im O.T.O. als "Geheimnisträger" voraus? Und warum dann nicht auch gleich  eine Mitgliedschaft in einem solchen "mystisch-freimaurerischen Orden", wie ihn Hermann Hesse in "Die Geschichte der Morgenlandfahrer" und in "Die Glasperlenspieler" so überaus konkret und unhintergehbar geschildert hat?

Hermann Müller hatte uns widersprochen, als wir Hermann Hesse auch in diesen Dingen ganz und gar "wörtlich" genommen hatten (1). Dabei hatten wir nur seine eigene Methode, die er der Einleitung seines eigenen Buches von 1978 (2, S. 9) betont, ganz in seinem Sinne angewandt, nämlich - nach  einem Hesse-Zitat - die Inhalte der Texte von Hermann Hesse "so wörtlich wie nur möglich, Wort für Wort genau ergründet". Und sie eben nicht nur als "schöne Sprache" genommen.

Der O.T.O. entfaltet seine Tätigkeit auf dem Monte Verita (1917)

Und was erhalten wir nun zu dieser Thematik von unserem "alten Bekannten", dem Schweizer Peter Robert König für Auskünfte? Er schreibt über den Gründer der ältesten deutschen satanistischen Loge, den Freimaurer Theodor Reuss - und zwar über die Zeit, in der Hermann Hesse anfing, am "Demian" zu schreiben (8):
1916 zog Reuss in die Schweiz nach Basel. Während er sich dort aufhielt, stiftete er eine "Anationale Großloge und Mystischen Tempel" des O.T.O. und der Hermetischen Bruderschaft des Lichts auf dem Monte Veritá. Monte Veritá war eine utopistische Kommune in der Nähe von Ascona, die 1900 von Henri Oedenkoven und Ida Hofmann gegründet worden war und als Zentrum für eine Bewegung fungierte, die der Historiker James Webb später als "den Progressiven Untergrund" beschrieb.
Die Bezeichnung "Untergrund", die auf das "Subversive" aufmerksam macht, mag sehr treffend sein. Im übrigen ist es natürlich schon sehr hübsch, wenn man sich im Umfeld von satanistischen Okkultlogen für "progressiv" hält oder wenn man ein solches Umfeld als Historiker so nennt! - Aber weiter: 
Am 22. Januar 1917 gab Reuss ein Manifest für seine Anationale Großloge heraus, der er den Namen Veritá Mystica gab. Am selben Tage veröffentlichte er eine überarbeitete Fassung seiner O.T.O.-Konstitution von 1906 nebst einer "Synopsis der Grade" und einer gekürzten Fassung von The Message of the Master Therion (Die Botschaft des Meister Therion) als Anhang. Reuss übernahm in seiner überarbeiteten Fassung viele der Bestimmungen, die in Crowley's M∴M∴M∴-Konstitution von 1913 enthalten waren. Gleichwohl betonte Reuss in diesem Dokument, wie auch in vielen seiner anderen Dokumente zum O.T.O., den maurerischen Charakter des Ordens. 
Der Reuss muß also von Seiten der Leute auf dem Monte Verita viele Hinweise darauf bekommen haben, die es ihm mögen berechtigt erscheinen haben lassen, besonders in ihrem Umfeld "Morgenluft" wittern und Anhänger werben zu können. Flugs fühlt er sich motiviert, alte und neue "Konstitutionen" aufzulegen. Ob diese nicht auch zu den Schriften zählen werden, die "Demian" und "Sinclair" "im engeren Kreise" studiert haben? Wo doch gerade hinter ihnen so besonders deutlich der von ihnen verehrte Gott "Abraxas" steht? Oder auch der bisher noch nicht erwähnte, in diesen Kreisen viel genannte "Deus Optimus Maximus"? Oder welcher okkult-satanistische Gott oder Dämon(/Demian) auch immer? König weiter:
In Ascona richtete Reuss den "Anational Congress for organising the reconstruction of Society on practical cooperative lines" ("Anationalen Kongress für die Organisation der Wiederherstellung der Gesellschaft nach praktischen und gemeinschaftlichen Richtlinien") aus. Auf diesem Kongress, der vom 15. - 25. August 1917 auf dem Monte Veritá abgehalten wurde, fanden unter anderem (am 22. August) Lesungen von Crowley's Gedichten statt, und man rezitierte Crowley's Gnostische Messe (am 24. August - nur für O.T.O. Mitglieder). In der Ankündigung für diesen Kongress stand zu lesen: "Es gibt zwei Zentren des O.T.O., beide in neutralen Ländern, an die jene, die sich für das Ziel dieses Kongresses interessieren, Anfragen richten können. Das eine befindet sich in New York (U.S. of America), das andere in Ascona (Italienische Schweiz)." Crowley lebte zu dieser Zeit in New York; und so waren er und Reuss im Jahre 1917 augenscheinlich die einzigen aktiven Nationalen Oberhäupter des O.T.O. (...)

Reuss war zweifellos von Thelema beeindruckt. Crowley's Gnostische Messe, die Reuss ins Deutsche übersetzt hatte und die während seines Anationalen Kongresses auf dem Monte Veritá rezitiert worden war, ist ein explizit thelemisches Ritual. In einem undatierten Brief an Crowley (den er 1917 empfing) berichtete Reuss aufgeregt, er habe die Botschaft des Meisters Therion (The Message of the Master Therion) seiner Gruppe auf dem Monte Veritá vorgetragen, und er übersetze Das Buch des Gesetzes ins Deutsche. Er fügte hinzu: "Mögen diese Neuigkeiten Sie ermutigen! Wir leben in Ihrem Werk!!!"
Auf dem Monte Verita liest man Aleister Crowley's "Buch des Gesetzes" (1917)

Es ist ja ganz klar, daß Gedanken aus dem "Demian" diesem "Buch des Gesetzes" von Aleister Crowley entstammen. Gusto Gräser und Hermann Hesse werden also lange Gespräche mit diesem Theodor Reuss gehabt haben. Warum sollte sie da aus diesem Anlaß oder zu irgendeiner anderen Gelegenheit nicht Mitglieder des O.T.O. geworden sein? - Und Sperber bei lebendigem Leib verschlungen haben?
Am 24. Okt. 1917 stellte Reuss Rudolf Laban de Laban-Varalya (1879 - 1958) und Hans Rudolf Hilfiker-Dunn (1882-1955) eine Stiftungscharter für eine III° Loge des O.T.O. in Zürich aus, die den Namen Libertas et Fraternitas erhielt. Am 3. Nov. 1913 wurde de Laban Großmeister der Anationalen Großloge Veritá Mystica. Noch im gleichen Monat schloß er die Veritá Mystica und verlegte das Zentrum seiner Aktivitäten nach Zürich. Im März 1918 veröffentlichte Crowley die Gnostische Messe in The International. Reuss gab seine deutsche Übersetzung der Gnostischen Messe noch im gleichen Jahr heraus.
1917 war aber bei weitem nicht das erste Jahr, in dem Mitglieder des O.T.O. auf den Monte Verita kamen. Schon seit vielen Jahren zuvor war der Tanzlehrer Rudolf von Laban mit seiner Tanztruppe auf den Monte Verita gekommen. Und über diesen Rudolf von Laban, der schon mit zwölf Jahren von islamischen Geistlichen in Derwisch-Tänzen unterrichtet worden war, erhalten wir viele weitere Einblicke in das Denken der Leute vom O.T.O. auf dem Monte Verita (9, S. 13):
Theodor Reuß, der 1917 auf dem Monte Verita verweilte, gründete, wie bereits erwähnt, während seines Aufenthalts einen Ableger des O.T.O. in Ascona und organisierte den zehntätigen "anationalen Kongreß" vom 15. - 25. 8. 1917. (...) Laban war Mitglied der O.T.O.-Loge des Monte Verita, doch offenbar bestanden zwischen Laban und diversen freimaurerisch-okkulten, bzw. theosophischen Gruppierungen schon vor 1917 Verbindungen, "(...) so war die Integration des Tanzes in die O.T.O.-Maurerei bei Laban vermutlich kultisch orientiert, und der Schritt, die Tanztruppe selbst (...) als kultisch zu verstehen, lag nicht fern". Laban inszenierte das Tanzdrama, das vom Abend des 18.8. bis zum Morgen des 19.8. in drei Teilen unter dem Titel "Sang an die Sonne" in drei Teilen aufgeführt wurde.
Und  wir erfahren weiter (10):
Robert Landmann wertet den Kongress als Werbeveranstaltung. Er schreibt dazu:

"Ende Juni 1917 fand ein vierzehntägiger Kongress auf dem Monte Verità statt, bei dem durch eine geschickte Gedankenvolte Vegetarier und Freimaurer auf gemeinsamer Basis zusammengezogen wurden. Die Kombination bezweckte, einerseits die Mitgliederschaft des Ordens zu erweitern, andererseits den Monte Verità wieder flottzumachen. Mary Wigman und Rudolf von Laban waren mit ihren Schülern Glanzpunkte der nächtlichen Feste. Aus reiner Freude am Abenteuerlichen und mit unbekümmerter Ausgelassenheit beteiligten sie sich an Aufführungen und Fackeltänzen im Freien und schließlich auch an den dunklen Zeremonien der Loge."
(Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Von Ursula Wiese überarbeitete und ergänzte Ausgabe, unter Mitarbeit von Doris Hasenfratz. Neu herausgegeben mit einem Nachwort versehen von Martin Dreyfuss. Frauenfeld, Stuttgart, Wien 2000. S. 172.)
Freimaurer auf dem Monte Verita (1917)

Mary Wigman also beteiligte sich an den "dunklen Zeremonien der Loge". Wozu Frauen in Männerlogen gebraucht werden, die satanistisch orientiert sind, kann man ebenfalls vielen Berichten entnehmen, die wir hier nicht wiederholen wollen. Detaillierter ist über Laban erfahren, z.T. über seine Schülerin Mary Wigman selbst  (11):
Laban wurde 1879 im heutigen Bratislava (Pressburg) geboren, das damals zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehörte. Malerei, Musik und Theater interessierten ihn früh, aber er fand wenig Unterstützung für seine künstlerischen Neigungen, da sein Vater für ihn die Offizierslaufbahn vorgesehen hatte. Mit 12 Jahren reiste er unter dem Schutz eines Islamischen Geistlichen zum Balkan, um seinen Vater zu besuchen, der in Mostar als Offizier stationiert war. Von seinem Reisebegleiter wurde Laban in die Zeremonien und Übungen der Derwische eingeführt. Diese Erlebnisse hatten einen anhaltenden Einfluß auf seine Vision vom Tanz.
Im Wirbeln und Drehen finden die Derwische zu einer spirituellen Berührung mit dem Kosmos, wobei das Kreisen den Sternenreigen und den Tanz der Sphären darstellt. Bei einer mehr fakirhaften Variante der Tänze sah Laban einmal, "wie die Derwische in höchster Ekstase lange Nadeln und Nägel durch die Wange, durch Brust und Armmuskeln bohren konnten, ohne irgendein Anzeichen von Schmerz und, was noch wichtiger ist, ohne auch nur einen Tropfen Blut zu verlieren."
Übernatürliche heilende Wirkung konnte also vom Tanz ausgehen, was der Sinn vieler alter Waffentänze gewesen sein mag. Wichtiger als der Gedanke der "Hieb- und Stichfestigkeit" durch den Tanz war für ihn jedoch der tiefe Eindruck von Magie und Spiritualität, der in den Derwischtänzen vermittelt wurde. Es gab ein Geheimnis, eine kosmische Wahrheit im Tanz, die er ergründen musste.
Mystische Naturerlebnisse, die Laban in seiner Autobiographie beschreibt, bildeten die Grundlage für die Konzeption seines ersten Tanzwerks Die Erde. Erstmals 1914 in Teilen auf dem Monte Verità aufgeführt, entwickelte Laban Text und Idee bereits von 1897 an. Die Erde war im ersten Entwurf eher als Gesangs- und Musikwerk erdacht, entwickelte sich aber immer weiter bis zu einem chorischen Tanzwerk.
Die Lebendigkeit und Allbeseeltheit der Natur sollte in der Erde dargestellt und durch verschiedene Chöre zum Ausdruck gebracht werden. 
Okkulte Derwische und Rosenkreuzer in ihrem Einfluß auf den freimaurerischen Monteveritaner Rudolf von Laban

Und über Wien heißt es:
Außerdem kam er hier zum ersten mal mit Rosenkreuzern in Kontakt und versuchte seine Idee von einer "Tanzfarm" zu verwirklichen. Seine tänzerische Arbeit führte Laban später in München weiter. Dort gründete er 1910 eine Schule für Bewegungskunst. Die Wintermonate verbrachte er in München, die Sommermonate auf dem Monte Verità in Ascona, wo er seinen Traum von der "Tanzfarm", einer Künstlergemeinschaft auf bewegungsorientierter Grundlage, verwirklichen wollte.
Labans Sommerkurse auf dem Monte Veritá, dem "Berg der Wahrheit" im Tessin, zogen viele Tänzer nach Ascona, an einen Ort, der schon zu Beginn des Jahrhunderts von Anarchisten, Lebensreformern, Künstlern, Vegetariern, Theosophen, Emigranten und Utopisten bevölkert wurde.
Und:
Die Tendenz hin zu Reigenwerken mündet in die Werke Der schwingende Tempel und in das dreiteilige Sonnenfest (1917), in dem Tanz als Kult in nächtelangen ekstatischen Riten, mit beschwörungshaften Elementen, Trommelrhythmen und Fackeltänzen zelebriert wurde. Dieses Werk war der festliche Abschluss eines im Sommer 1917 veranstalteten "anationalen Kongresses" des Orientalischen Templerordens O.T.O., dessen Mitglied Laban war. Der O.T.O. ist ein mystisches Freimaurersystem, gegründet von Leopold Engel und Theodor Reuss. Später wurde Laban auch Großmeister eines ihm von Reuss übertragenen Ordens der "Johannisloge der alten Freimaurer vom Schottischen und Memphis und Misraim Ritus im Tale von Zürich" und äußerte sich häufiger zur Bedeutung der Kulte und Rituale: "Das Ritual entstammt aber nicht dem Geist eines einzelnen, es wird sogar, im Gegensatz zum Kunstwerk, von vielen geschaffen, durchdacht und geändert." Das Geheimbundwesen verlangt durch die Tatsache, dass es "durch alle Zeiten der Hort nichtreligiöser, also frei-eurhythmischer Kultspiele war, nähere Betrachtung." Eine enge Verbundenheit zu den Ideen der "kosmischen Runde" des Schwabinger George-Kreises ist in Anbetracht solcher Sätze und Arbeiten wahrscheinlich. Karl Wolfskehls mystische Texte über den Rausch und die Erkenntnis in der Dunkelheit oder Paul Thierschs Überlegungen zu Form und Kultus zeigen das: "Zur Mutter flüchten wir mit Weinlaub und roten Tänzergewändern - zur Mutter eilen wir mit Fackeln und den Rosen der Wonne". "Im kult erfassen wir das wesen der form, den geist und das leben des kosmosorganismus im gesetz. Das gesetz bedingt eine einheit als maass: das bild des menschen.".
Die Geheimbundzeremonien der Urvölker, die die Grundlage für die Mysterienreligionen bilden, sind in ihrem Wesen ekstatisch, rhythmisch, von beschwörendem Charakter gewesen. Kein Mysterienkult ist denkbar ohne Tanz. Labans Sonnentanz und Der Trommelstock tanzt waren auch Versuche, den Kult wieder in den Tanz einzuführen. Es ging ihm aber nicht um den religiösen Charakter, sondern um die Wiederbelebung des Rituals als Weg, den Rhythmus des Lebens zu erkennen und den Tanz zum Zentrum einer geistigen, seelischen und körperlichen Schulung des Menschen zu machen.
Und bei so viel okkultem, mysterienhaftem Geheimorden-Geraune darf die Kabbalistik nicht fehlen:
Laban unterscheidet zwischen den seiner Ansicht nach wenig empfehlenswerten "Erbauungsschriften und Theorien der religiösen und geheimbündlerischen Sektierer" und den interessanten und lehrreichen "Erziehungsmethoden und Zeremonien, die dem Tänzer als Fundgruben der Bildung und der Anregung dienen können." Freimaurerischen Zeremonien lag dabei immer Zahl und Maß zugrunde: "Die sakralen Zahlen, Formen und Proportionen, von denen uns eine uralte einheitliche Überlieferung spricht, begegnen uns in der Natur auf Schritt und Tritt. Drei Raumdimensionen geben uns die Raumvorstellung, drei Seiten hat das einfache Vieleck, wir kennen drei Naturreiche, drei grundlegende seelische Eigenschaften und noch viele andere Formen und Zeitgrößen, die der Dreiheit unterworfen sind." "Zahl ist nicht nur Maß, sie ist auch begriffsschwanger. Daraus ergibt sich eine Symbolik der Zahlen, der Proportionen und der Formen. Die Einheit erscheint dem Tänzer als Anfang, abgeschlossenes Ganzes, Vollkommenes. Die Zweiheit ist ihm Kampf, Halbheit, Widerstand, Ergänzung. Die Dreiheit ist die Raumform, der Ausgleich, das Resultat, der Abschluss des Kampfes der Zweiheit. Alle Gegensätze erzeugen ein Drittes. Alle Zahlen können als Derivate dieser drei einfachsten Zahlenvorstellungen in ähnlicher Weise durchdacht werden." Auch die geometrischen Formen leiten sich aus diesen Zahlenvorstellungen ab. "Unsichtbar über den Boden gebreitet, der Tänzerseele fühlbar, liegen Formen, Linien. Sie bauen sich kristallinisch empor: unsichtbare Paläste aus Schwüngen. Jede Bewegung des Tänzers wird zum Baustein der bewegten Architektur. Aus der Vermählung von Körper und Raum entsteht: die gerade Linie, der Kreis, die Acht, das Drei- Vier- und Fünfeck übereinander gelagert, sich kreuzend, einander durchdringend, als Kugel, Pyramide, Kubus dreidimensional erlebt."
Nicht Rudolf von Laban, sondern Mary Wigman beschrieb in obigem Zitat Labans Ideen.
Für alle Interessierten abschließend noch eine neunminütige Filmaufnahme eines Auftrittes der Tänzerin Mary Wigman etwa ---> aus dem Jahr 1929. Sie bringen vielleicht noch einmal dieses merkwürdige Gemisch zum Ausdruck, das zum einen tiefste Befremdung und zum anderen das Wahrnehmen von echt Schönem in uns auslöst, ein Gemisch, das wohl als besonders kennzeichnend genannt werden kann für viele Kunst- und Kulturwerke, die in jener Zeit im Umfeld von Okkultlogen - und von ihnen beeinflußt - entstanden sind, und von dem auch das Schaffen von Hermann Hesse mitbestimmt zu sein scheint.

Auf diesem Gebiet ist wohl noch längst nicht alles bekannt geworden, was bekannt sein müßte, um alle Zusammenhänge vollständigt zu übersehen und zu verstehen. 

Um aber auch an einen "ganz anderen", nicht-satanistischen und nicht-priesterhaft-würdeveollen Hermann Hesse mit braungebrannter "Denkerstirn" zu erinnern, sind diesem Beitrag noch zwei Fotos von ihm beigefügt worden , die ihn in ganz gelöster, heiterer, geselliger Stimmung zeigen, wie man ihn auf Fotos sonst seltener sieht.
__________________________________________
  1. Bading, Ingo: Hermann Hesse, Ernst Jünger und Kollegen - Mitglieder freimaurerähnlicher Gesellschaften? (I), (II), 19.9.2011
  2. Müller, Hermann: Der Dichter und sein Guru. Hermann Hesse - Gusto Gräser, eine Freundschaft. Gisela Lotz Verlag, Wetzlar 1978
  3. Lukas: Vier Jahre Hölle und zurück. Bastei Lübbe, Köln 1995 (18. Aufl. 2010)
  4. Heiner, Johannes: Hermann Hesses Weg nach innen. Auf: LyrikRilke.de, August 2006
  5. Hesse, Hermann: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclaiers Jugend. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1974 (Erstveröffentlichung 1925)
  6. Bading, Ingo: Oswald Spengler - Mitglied der Fraternitas Saturni? GA-j!, 18.4.2011
  7. Jäckel, Karin: Isis, Fürstin der Nacht. Als Kind in den Fängen einer satanistischen Sekte. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2003 (7. Aufl. 2007)
  8. König, Peter Robert: Der O.T.O. unter Reuss und Crowley (3)
  9. Illerhaus, Florian: Gegenseitige Beeinflussungen von Theosophie und Monte Verità. Studienarbeit. GRIN-Verlag, München (Books on Demand, Norderstedt) 2009 (Google Bücher)
  10. Congrès Coopératif Anational. Auf: Lebensreform in der Schweiz, 6.5.2009
  11. Witzmann, Pia: Der Einfluss des Okkulten auf den Tanz. Auf: Atemzeit, 5.1.2010
  12. E.S. (Edith Sokollek?): Wege und Irrewege nach Innen - Zum 101. Geburtstag Hermann Hesses. "Mein Standpunkt" (herausgegeben von Hans Dirks, Westerstede; erschienen von 1961 bis 1981), 18. Jahrgang, Folge 7, Juli 1978, S. 100 - 103

Kommentare:

Ingo Bading hat gesagt…

Ich entdecke gerade, daß in der entlegenen Zeitschrift "Mein Standpunkt" (herausgegeben von Hans Dirks, Westerstede; erschienen von 1961 bis 1981) in der Folge vom Juli 1978 unter der Autorenangabe "E.S." (Edith Sokollek?) der Aufsatz erschienen ist "Wege und Irrewege nach Innen - Zum 101. Geburtstag Hermann Hesses".

Hier ist unter anderem Thomas Mann's Aussage von 1947 zitiert:

"Unvergeßlich ist die elektrisierende Wirkung, welche gleich nach dem Ersten Weltkrieg der 'Demian' jenes mysteriösen Sinclair hervorrief, eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine ganze Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefen Lebens entstanden (während es schon ein Zweiundvierziger war, der ihnen gab, was sie brauchte), zu denkbarem Entzücken hinriß."

Und E.S. schreibt:

"In der 'trüben und doch so fruchtbaren Zeit nach dem großen Kriege' (nach 1918) beteiligte sich Hermann Hesse an einer Pilgerfahrt nach dem Morgenlande. Er schloß sich einem "uralten Bunde" an, wurde nach einem Probejahr dem "Hohen Stuhle" vorgestellt und in den Plan der Morgenlandfahrt eingeweiht, dem er sich mit Leib und Leben zur Verfügung stellte. 'Strebte auch der Bund mit dieser Reise ganz bestimmte, sehr hohe Ziele an (Bundesgeheimnis, daher nicht mitteilbar)', so hatten die Bundesbrüder (Maler, Musiker, Dichter) auch eigene, private Reiseziele. (...) Er bricht jede Verbindung zum Bunde ab und arbeitet am 'Steppenwolf'. Erst nach Jahren suchte und fand er zum Bunde zurück und wollte die Geschichte der Pilgerfahrt schreiben."

Diese E.S. hätte unseren Beitrag über Hesse sicherlich mit großem Gewinn gelesen, so wie man auch erkennt, daß sie selbst in die Bücher von Hesse nicht unkritisch hineingesehen hat. Eine Zwischenüberschrift nennt sie:

"Anonyme Personen und anonyme Bünde".

Ingo Bading hat gesagt…

Und sie schreibt (nach Königs Erläuterungen, Bd. 138/139, C. Bange Verlag Hollfeld/Obfr.) zu dem Thomas Mann-Zitat noch weiter:

"Hermann Hesse war jedoch ein Vierzigjähriger, der selbst in schwerer Not stand: in einem Meer religiöser Vorstellungen, zerrütteter Ehe, schwerkrankem Sohn - da mußte er schließlich 1917 etwa siebzig psychoanalytische Sitzungen über sich ergehen lassen, bis er wieder 'zu sich selber fand'. Fand er zu sich selber?"

Und sie behandelt dann - u.a. - seine starke Abhängigkeit von seinem Logenvorgesetzten Gusto Gräser, den sie namentlich noch gar nicht kennt.

Ingo Bading hat gesagt…

Übrigens ist auf Finanzcrash.com auf diesen Blogbeitrag auch schon hingewiesen worden:

http://finanzcrash.com/forum/read.php?1,126401,126401

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