Donnerstag, 27. August 2026

"Das unerreichbare Herz" (II)

Eine Burg im Salzburger Land ...
- Ein Soldatentod an der Metaxas-Linie (April 1941) ...
- Der erste bedeutende deutschen Nachkriegsroman (begonnen im Herbst 1945)

Ergänzendes zu einem Beitrag,
der schon vor elf Jahren hier auf dem Blog
veröffentlicht worden ist (s. GAj2014).

Ende März 1941: Deutsche Gebirgsjäger-Divisionen aus dem Salzburger Land und aus anderen Teilen Österreichs und Deutschlands marschieren durch Bulgarien. 

Abb. 1: Angehörige des Gebirgsjäger-Regiments 141 im Rahmen der 6. Gebirgsdivision im Anmarsch auf das Belasiza-Gebirge in Südbulgarien, Anfang April 1941 (FdW)

Was bringt denn deutsche Gebirgsjäger dazu, durch Bulgarien zu marschieren? Nun, es war Krieg. Deutschland war mit Italien verbündet. England hatte ein Friedensangebot Deutschlands abgelehnt. In Deutschland wurde der Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitet, wie sich umgekehrt die Sowjetunion zum Krieg gegen Deutschland vorbereitete (9, S. 46f):

... Unterdessen war der verhängnisvolle Verbündete Italien in arge Bedrängnis geraten. Mussolini hatte, ohne Hitler vorher zu informieren, seine Truppen am 26. Oktober 1940 von Albanien aus Griechenland angreifen lassen. Die Engländer benutzten diese Aggression, landeten am 3. November 1940 ein Expeditionskorps in Griechenland und besetzten Kreta.
In Nordafrika überrannten die Engländer am 9. Dezember 1940 die Italiener und trieben sie tief nach Libyen hinein. Die Griechen, ihrerseits den Italienern waffen- und munitionsmäßig weit unterlegen, schlugen die Eindringlinge machtvoll zurück und verfolgten sie bis tief nach Albanien. Nun sank der italienische Größenwahn und Mussolini, dessen Ansehen in Italien infolge dieser schweren Rückschläge bedenklich gelitten hatte, rief um Hilfe. Hitler blieb nichts anderes übrig, als dem Bundesgenossen, der dem Ansehen der Achse schwersten Schaden zugefügt hatte, zu Hilfe zu kommen. (...)
Im weiteren Verlauf des deutschen Schicksalskampfes sollte sich diese notwendige Hilfsaktion aber für den Kampf im Osten kriegsentscheidend auswirken. Die verlorene Zeit des Einsatzes auf dem Balkan konnte einfach nicht mehr eingeholt werden. Noch dazu, weil der unerwartet früh hereinbrechende Winter Stalin zu Hilfe kam. Von all dem wußten die Jäger der 6. Gebirgsdivision nichts.

Das heißt: Die "notwendig" gewordene Niederwerfung Griechenlands und Jugoslawiens ab 6. April 1941 verschob den Angriff auf die Sowjetunion, die ihrerseits ihren Angriff auf Europa vorbereitete, um entscheidende Wochen und Monate, nämlich schließlich auf den 22. Juni 1941. 

Abb. 2: Am Kalabak im Belasiza-Gebirge (FdW) mit Blick Richtung Struma-Tal - Der Kalabak ist der höchste Berg des Belsica-Gebirges mit 2029 Metern (sein Name lautet heute "Radomir")

Dabei sind die Deutschen dem geplanten sowjetischen Angriff nur um vierzehn Tage zuvor gekommen. Aber zurück nach Südbulgarien (9, S. 47):

Vom 12. bis 29. Februar 1941 rollte die 6. Gebirgsdivision in 79 Eisenbahnzügen über Ungarn nach Rumänien. (...) Am 2. März 1941 brachen die Regimenter auf, setzten (...) über die Donau nach Bulgarien. Dann folgten zwölf Marschtage, in denen die 6. Gebirgsdivision Bulgarien auf 430 Kilometer Länge von Norden nach Süden durchquerte, um bei Petritsch in Bereitstellung zu gehen. Vor den Gebirgsjägern ragten nun bis zu 2000 Meter die Höhen des Belasica-Gebirges auf, der Sperriegel nach Griechenland. In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1941 begann für die 12.000 Jäger ein mühsamer Aufstieg. Erst nach 24 Stunden konnten sie die Ausgangsstellung knapp unter der Kammlinie besetzen.

Die Grenze Bulgariens mit Griechenland verläuft entlang dieses Hauptkammes des Belasiza-Gebirges (Wiki) (damals von den Deutschen "Belsica-Gebirge" geschrieben).

Einer unter den hier genannten 12.000 Gebirgsjägern der 6. Gebirgsdivision ist der 29-jährige Oberjäger Ingo Ruetz (1912-1941) (FdW, RiP), Lehrer aus Werfenweng im Salzburger Land, zu jener Zeit Seminar- und Schulungsleiter auf der Burg Hohenwerfen (1-3) (Abb. 9).

Abb. 3: Der Angriffsraum der 6. Gebirgsdivision (rot) im Belasiza-Gebirge, östlich davon griff die 5. Gebirgsdivision rund um das Struma-Tal und den Rupel-Paß an - Im Angriff weiter westlich über Jugoslawien konnte die Metaxas-Linie schließlich umgangen werden und Griechenland zum Waffenstillstand veranlaßt werden

Was sich diese Soldaten wohl dabei gedacht haben, daß sie durch dieses gottverlassene Bulgarien marschieren sollten, um mit Griechenland Krieg zu führen?

Im "Aufruf des Führers an die Soldaten der Südfront" vom 6. April 1941 wurden dann zwar viele Worte gemacht. Vor allem vom dem "Herrn Churchill", der Polen, Frankreich, Norwegen, Griechenland und Jugoslawien benutzen würde, um mit diesen Krieg gegen Deutschland und Italien führen zu wollen (10, S. 33).

Wer aber selbständig nachdachte, dem war doch mehr oder weniger klar, daß da nicht alles gesagt worden sein konnte, was über dieses sonderbare Geschehen hätte gesagt werden können. Insgesamt wird es den Nachdenklicheren unter ihnen doch unverständlich geblieben sein, was für feine Dinge sich die Diplomaten da scheinbar auf politischer Ebene so ausgedacht hatten. Und um derentwillen nun die Landser ihre Haut zu Markte tragen sollten. 

Abb. 4: Gebirgsjäger des Gebirgsjäger-Regiments 141 auf dem Berg Kalabak (Radomir) im Belsica-Gebirge (FdW)

Und dann war auch noch auf rein militärischer Ebene die griechische Metaxas-Linie völlig unterschätzt worden. Denn sie war besser und stärker ausgebaut als die Maginot-Linie in Frankreich. Ein griechischer Historiker schreibt (4):

Die Deutschen hatten nur lückenhafte Informationen über die Verteidigungsanlagen, die in völliger Geheimhaltung und von den Bulgaren unbemerkt errichtet worden waren. Die Wehrmacht hatte nicht mit nennenswertem griechischen Widerstand gerechnet und konnte sich zudem auch nicht vorstellen, daß die Stellungen schwerem Bombardement standhalten würden, wie es bei den Anlagen im Belasiza-Gebirge bis zum Nestos-Fluß der Fall war. So wurden die Angreifer am ersten Tag des deutschen Angriffs trotz überlegener Feuerkraft und Luftunterstützung zurückgeschlagen, zum Teil mit größeren Verlusten.

Diese Worte gelten allerdings nur für die am Rupel-Paß angreifende 5. Gebirgsdivision, nicht für die im Belasiza-Gebirge angreifende 6. Gebirgsdivision.

Abb. 5: Gebirgsjäger des Gebirgsjäger-Regimentes 141 mit Maschinengewehr 34 auf dem Berg Kalabak (Radomir) im Belsica-Gebirge (FdW)

Allerdings wurden bei letzterer die gleichen folgenden Erfahrungen gemacht (4):  

Aus einem Fernschreiben der 12. Armee vom 7. April 1941 geht hervor, daß die Wehrmacht erkannt hatte: a) daß die griechischen Verteidigungsstellungen unvergleichlich stärker sind als erwartet und b) daß die Verteidiger zum Sterben entschlossen sind - denn wo immer es den deutschen Kräften gelang, die Oberhand zu gewinnen, trafen sie auf der Gegenseite nur auf Tote. Am 8. April 1941 hielt Joseph Goebbels in seinem Tagebuch den schwierigen Vormarsch der Wehrmachtstruppen auf griechischem Boden fest und würdigte die Griechen als tapfere Kämpfer. Er erwähnt sogar, daß auch der „Führer“ die Tapferkeit der Griechen bewundere, die vielleicht noch etwas von den alten Griechen in sich trugen (Goebbels, 1992, 8. April 1941). Am selben Tag meldete die 12. Armee, daß die griechischen Kräfte anscheinend nicht die Absicht hätten, sich zu ergeben. Trotz des heldenhaften Widerstands der Verteidiger und der Tatsache, daß die Festungen aufgrund ihrer Konstruktion und der Selbstaufopferung der griechischen Soldaten den heftigen Angriffen weitgehend standhielten, dauerte die Schlacht nur vier Tage, da der deutsche Angriff über jugoslawischem Gebiet die Verteidigungsstellungen einkreiste und so den griechischen Truppen in den Rücken zu fallen drohte. Am 9. April 1941 wurde die Kapitulation unterzeichnet (Buchner, 1957, 118 ff.). Nachdem Thessaloniki erobert worden war, stießen die deutschen Einheiten zügig nach Süden vor und nahmen am 27. April Athen ein. Parallel dazu wurden bis Anfang Mai 1941 die wichtigsten ägäischen und Ionischen Inseln besetzt und die Vorbereitungen zur Einnahme Kretas liefen an.

Auch bei der Einnahme Kretas sollten dann wieder deutsche Gebirgsjäger zum Einsatz kommen.

Abb. 6: Dojransee im Westen, Struma-Paß im Osten, dazwischen das Belasiza-Gebirge und alles befestigt durch die Metaxas-Linie - Angriffsraum der 6. und der 5. Gebirgsjäger-Divisionen am 6. April 1941 (GMaps) (Weg zwischen Marino Pole und Dojransee über Ano Poroia)

Der griechische Historiker kennt die Einzelheiten dieses "Unternehmens Marita" (4): 

Die Operation in Griechenland wurde von der 12. deutschen Armee unter Generalfeldmarschall Wilhelm List durchgeführt. Die deutsche Invasion begann am 6. April 1941, durchgeführt von Einheiten des XVIII. Gebirgs-Korps, das in der Gegend von Petritsi eingesetzt wurde sowie des XXX. Armeekorps, das nördlich von Xanthi lag. Das 18. Korps bestand aus der 2. Panzer-Division, der 5. und 6. Gebirgs-Division im Belesiza-Gebirge, dem 125. Grenz-Infanterie-Regiment am Rupel-Paß und der 72. Infanterie-Division auf der Hochebene von Kato Nevrokopi. (...) Bis zum Ende des Unternehmens verfügten die deutschen Einheiten über etwa 180.000 Mann, mehr als 500 Panzer und 1000 Flugzeuge, während alle Pionier-, Artillerie-, Flak- und sonstigen Mittel der 12. Armee beim Griechenlandfeldzug eingesetzt wurden (Buchner, 1957, 18 ff.). Es ist klar, daß die deutschen Streitkräfte unvergleichlich besser ausgerüstet waren als die griechischen, denen es an Panzern und essentieller Luftunterstützung fehlte. Fast alle griechischen Kräfte waren an der albanischen Front in den noch andauernden Kämpfen gegen die Italiener gebunden; so oblag es der Metaxas-Linie, die Last des deutschen Angriffs abzufangen. Die Sperranlagen verfügten über ausreichenden Vorrat an Munition, Wasser und Nahrung, um ohne Nachschub mehrere Tage auskommen zu können. Ziel war es, die Wehrmacht aufzuhalten, bis weitere griechische Divisionen und die Alliierten eingreifen konnten. Dies sollte jedoch nicht geschehen.

Der Krieg sollte innerhalb einer Woche entschieden sein. Aber in vielen Bereichen hielt die Metaxas-Linie bis zum Waffenstillstand.

Abb. 7: Auszug aus dem Gefechtsbericht des Gebirgsjäger-Regiments 141 zum 6. April 1941

Das Gebirgsjäger-Regiment 141 griff - im Rahmen der 6. Gebirgsjäger-Division unter General von Schörner - in der Gegend nördlich der griechischen Ortschaft Ano Poroia an. Die griechischen Soldaten, die in dieser Region die Metaxas-Linie verteidigten, stammten fast alle selbst aus dieser Ortschaft zwischen den Verteidigungsanlagen. Ein Fliegeroffizier namens Deichmann war im Stab der angreifenden deutschen Schlachtflieger-Verbände tätig und schrieb in sein Tagebuch, daß die Bombardements kaum Wirkung zeigten (LdW):

Mit Hellwerden beginnt das Artillerie-Feuer, dann kommen die Bomben-Einsätze. Einige Bomben gehen auch in die Bereitstellungen der 5. Gebirgs-Division - 1 He 123 stürzt in eine Flak-Stellung. Die Infanterie geht dann vor. Erst ist nur geringer Widerstand, der sich dann an den Bergbefestigungen als so stark zeigt, daß die 5. Gebirgs-Division nicht weiter vorkommt. Die Stukas werfen schlecht. Die Bergbunker sind schwer zu treffende Ziele. Die Infanterie an der Straße bleibt liegen. Artillerie, selbst die in vorderster Linie vorgezogenen 2-cm Flak, noch die Bomben machen den Gegner nicht weich. Er schießt eisern mit Artillerie und MG-Garben, so daß unsere Infanterie große Verluste hat. Immer wieder angesetzte Bombenangriffe bleiben erfolglos. Der Angriff auf die Rupel-Paßenge ist fehlgeschlagen. Der Grieche zeigt sich als der bisher zäheste Gegner. Er verfügt hier auch über durch Bomben zu schwer erreichbare Befestigungen in den Bergmassiven.
Nur der 6. Gebirgs-Division gelingt überraschend der Grenzübergang. Bis zum Abend kommt sie bis ostwärts Doriansee. Dort muß sie auch schwere Gegenangriffe durchstehen. Unsere Fliegerverbände unterstützen sie laufend.

Über das Geschehen am Rupel-Paß und rund um das Struma-Tal im Bereich 5. Gebirgs-Division wird auf Wikipedia viel detaillierter berichtet als über das Geschehen im Belasiza-Gebirge im Bereich der 6. Gebirgs-Division.*) Zur Lage des erwähnten Dojransees siehe Abbildung 6. 

Abb. 8: Blick vom Belasiza-Gebirgskamm oberhalb von Ano Poroia nach Süden auf die Ebene (GMaps), links der Kerkini-See (Wiki)

An ihr wird erkennbar, daß die 6. Gebirgsdivision - zumindest an ihrem rechten Flügen - an diesem ersten Angriffstag viel schneller und zügiger voran kam als die 5. Gebirgsdivision. Die Menschenverluste waren aber trotzdem ähnlich.

Viele Bunker der Metaxas-Linie, die als Maschinengewehr-Stände angelegt waren, sind noch heute erhalten. An einem derselben nördlich von Ano Poroia befindet sich heute eine Gedenkstätte für den dort gefallenen griechischen Verteidiger Dimitrios Itsios (Wiki) (GMaps). Er gilt als Nationalheld und bezeugt erneut, daß die griechischen Soldaten zum Sterben bereit waren. Er stammte - zusammen mit fast allen seinen Kameraden - direkt aus dem Dorf Ano Poroia unterhalb der von ihm verteidigten Stellung. Auch viele seiner Kameraden sind in dieser Region gefallen und stammten aus demselben Dorf.

Auf Google Maps finden sich zu dieser Gedenkstätte viele Fotografien und Kurzvideos eingestellt, über die man sich einen Eindruck von den dortigen landschaftlichen Verhältnissen machen kann (GMaps). Aber die dortigen Abhänge des Belasiza-Gebirges waren im April 1941 keineswegs so dicht bewachsen wie heute, sondern sie boten den Verteidigern ein freies Schußfeld. Und dieses freie Schußfeld verursachte viele Verluste bei den deutschen Angreifern.

Abb. 9: Ingo Ruetz, Burgkommandant der Burg Hohenwerfen, gefallen am 6. April 1941 beim Angriff auf dem Südhang des Belasiza-Gebirges oberhalb von Ano Poroia

Wir lesen im Gefechtsbericht des Gebirgsjäger-Regiments 141 zum 6. April 1941 (s. Abb. 7):

Das II./141 erhielt sofort nach Angriffsbeginn gut liegendes und zum Teil flankierendes Feuer, es wurde in einen schwierigen Graben- und Bunkerkampf verwickelt. Langsam wurde Boden gewonnen. Hier sowie auch bei den anderen Bataillonen waren ganz besonders unangenehm die feindlichen Scharfschützen, durch sie entstanden die meisten Verluste. Gegen 6:20 fiel unmittelbar am Grenzkamm der Kommandeur des Geb.Jäg.Rgt. 141 Oberstleutnant Ebeling durch Kopfschuß.

Beziehungsweise (9, S. 47):

Der Kommandeur des 141. Gebirgsjägerregiments, Oberst Ebeling, fiel neben General Schörner, der in vorderster Linie den Angriff beobachtete, mit Kopfschuß.

Angriffsbeginn war am 6. April um 5:20 Uhr. Um 5:30 Uhr ist der eingangs erwähnte Lehrer Ingo Ruetz (1912-1941) aus Werfenweng und Werfen schon gefallen (2). Noch 50 fünfzig weitere Kameraden seines Regiments sollten an diesem Tag fallen.

Abb. 10: Die Hänge oberhalb Ano Poroia und oberhalb des MG-Betonbunkers des Itsios (GMaps), unterhalb des Hauptkammes des Belasiza-Gebirges 

All diese deutschen Soldaten sind nach dem Ende der Kämpfe zunächst an Ort und Stelle begraben worden. Anhand der Bestattungsorte der Gefallenen ("Erstgrablagen") kann man sich im Grunde ein sehr detailliertes Bild vom Verlauf des Angriffs nördlich von Ano Poroia machen (Abb. 15).

Auf dem Gebirgskamm gab es ein bulgarisches Postenhaus mit der Nummer 20, direkt daneben auch ein griechisches Postenhaus (vielleicht in der Gegend, wo heute noch eine Hütte steht: GMaps). Westlich dieser Postenhäuser fielen unmittelbar auf dem Kamm vier Gebirgsjäger (Abb. 15). Entlang des Bergpfades Richtung "Griech. Grenzkaserne", bzw. "Militärbaracke" lagen fünf Gebirgsjäger bestattet. Die griechischen Betonbunker mit MG-Ständen sind offenbar unterhalb dieses Bergpfades und parallel zu diesem eingezeichnet. Auch in ihrer Nähe fielen - wohl erst in der Mittagszeit, im späteren Verlauf der Kämpfe um die Einnahme dieser Bunker - weitere fünf Gebirgsjäger.

Oberjäger Ruetz muß mit seinen Kameraden im Sturmlauf schon in den ersten zehn Minuten des Angriffs bis zur "Griechischen Grenzkaserne", bzw. zur "Militärbaracke" gekommen sein. Denkbar, daß diese ähnlich heftig verteidigt wurde wie griechischen MG-Stände in den Betonbunkern. In der Nähe derselben ist er dann gefallen - zusammen mit acht weiteren Kameraden (Abb. 15 und 11).

Abb. 11: Womöglich Überreste jener "Griech. Militärkaserne", bzw. "Militärbaracke" von 1941, in deren Nähe Ingo Ruetz gefallen ist (GMaps)

Der Weg vom Gebirgskamm bis zum Bunker des Itsios beträgt 2,3 Kilometer (GMaps). Es stehe dahin, ob diese 2,3 Kilometer innerhalb von zehn Minuten hatten überwunden werden können. Deshalb wird der Angriff auf diese "Griech. Grenzkaserne" wohl eher direkt vom Gebirgskamm aus abwärts erfolgt sein.

Während Ingo Ruetz Oberjäger in der 11. Kompanie des Gebirgsjägerregiments 141 war, gehörten acht weitere in dieser Region gefallene Kameraden ebenfalls zur 11., sowie zur 12. und 13. Kompagnie. Zu mehreren Gefallenen der 11. und 13. Kompanie heißt es: "Erstgrablage: Kataltas, Südhang, nördlich Ano Poroia, Militärbaracke 3 Kilometer westlich bulgarischem Grenzposten 20 b. Kataporoiain." (FdW)

Wie die griechischen Soldaten auf der anderen Seite diese Kämpfe erlebt haben, erzählte noch in hohem Alter einer der überlebenden Maschinengewehr-Schützen in diesen Bunkern den griechischen Zeitungen (Sidirokastro2021):

Ich war am Rasenmähen! Weißt du, was ich mit Rasenmähen meine? Nein. Äh… hey… wo sind denn die jungen Männer?! Die sind den Hang runter gerannt, und ich war am Rasenmähen. Durch das ständige Maschinengewehrfeuer wurde der Lauf sehr heiß, und mit feuchten Handtüchern habe ich ihn raus genommen und den Ersatzlauf eingesetzt. Die deutschen Infanteristen hatten uns nicht bemerkt. Ich begann die Ernte erneut.

In einem neueren Video wird vor Ort noch einmal die Geschichte erzählt rund um Dimitrios Itsios und die drei Maschinengewehr-Bunker, die er befehligte und die mit anderen, noch weiter oben liegenden Maschinengewehr-Bunkern den Angreifern die Verluste zufügten (Yt2024) (ab Minute 36).

Abb. 12: Angehörige des Gebirgsjäger-Regiments 141 oberhalb von Ano Poroia (FdW) - Es geht offenbar um Aufbau einer Funkverbindung

Dabei wird noch einmal die völlig unglaubhafte und inzwischen wohl überholte Legende wiederholt, nach der Itsios nach seiner Gefangennahme und nach einem Gespräch mit dem Divisionsgeneral von Schörner von den Deutschen auf Befehl Schörners hin erschossen worden wäre.

Es hätte nicht viel Mühe gekostet zu recherchieren, daß auf dem griechischen Wikipedia heute - unter Bezugnahme auf den schon zitierten - ausführlichen Augenzeugenbericht ausgeführt wird (Wiki):

Nach 2014, im Alter von 95 Jahren, präsentierte Itsios Kamerad und Dorfmitbewohner Ioannis Kozartsis eine andere Version seines Todes. Er behauptete, Itsios sei getötet worden, als er mit seiner Arabeske aus dem Bunker 8 heraus stürmte.

Mit "Arabeske" ist wohl eine Pistole vom Typ Walther Q5 gemeint (s. ForgottenWeapons).

Abb. 13: Gebirgsjäger neben der Leiche des gefallenen Itsios (Sidirokastro2021)

Der Bunker des Itsios hielt sich noch bis zum frühen Nachmittag, während Teile der deutschen Truppen ihn schon längst umgangen hatten und ins Tal abgestiegen waren. Der einstige Mitkämpfer von Itsios, den wir schon zitierten, berichtete weiter (Sidirokastro2021): 

Die Deutschen kamen immer näher, ohne daß einige von ihnen gesehen werden konnten, weil unser Maschinengewehr weder an den Seiten noch hinten ein Schießschartenloch hatte. Da näherte sich jemand von hinten - er war Grieche, ich weiß nicht, ob er auch Deutscher war - und sagte auf Griechisch zu uns: „Kinder, ergebt euch, die Deutschen werden euch nichts tun. Ergebt euch. Sie sind in die Ebene hinabgestiegen und marschieren auf Saloniki zu.“ Itsios wollte es nicht glauben und packte meine Arabeske, rannte schreiend hinaus, voller Patriotismus und Leidenschaft. Die Deutschen standen am und um das Maschinengewehr herum. „Peng…“ Ich öffne die Tür weiter und sehe ihn mit dem Gesicht nach unten liegen. Sein Helm ist abgefallen. Er war am Kopf getroffen worden. Ich gehe mit erhobenen Händen hinaus und laufe zu ihm. Er war über und über mit Blut bedeckt. (...) Ich drehte ihn so, daß er den Himmel „sehen“ konnte (...) ich wischte das Blut ab und deckte ihn mit seiner Decke zu. Die anderen kamen auch heraus. Die Deutschen näherten sich und unterhielten sich. Sie ließen uns in Ruhe.

Es gibt auch zwei Fotografien, die wohl unmittelbar nach dem Tod des Itsios entstanden sind (Abb. 12 und 13). Dieser überlebende Kriegskamerad des Itsios berichtete weiter über die deutschen Soldaten, von denen sie gefangen genommen worden waren (Sidirokastro2021):

Einer von ihnen bedeutete uns, zu gehen. Es war nach Mittag, und wir rannten in Richtung des Dorfes, da ringsum immer noch Zerstörungen stattfanden. (...) Wir kamen spät in Rodopolis an. Was für ein Anblick! Überall Deutsche, die auf dem Marsch nach Kilkis waren.

Rodpolis liegt 5 Kilometer südlich von Ano Poroia (GMaps). Die 6. Gebirgsdivision kam - wie oben schon erwähnt - noch am selben Tag bis östlich des Dojransees.

Abb. 14: Gebirgsjäger nach der Einnahme des von Itsios verteidigten Bunkers, im Vordergrund der gefallene Itsios (Sidirokastro2021)

Zum folgenden 7. April 1941 schrieb der oben schon zitierte Fliegeroffizier Deichmann in sein Tagebuch (LdW):

Die 6. Gebirgs-Division hält zäh die erreichte Stellung, hat aber stark ausgebaute, gegnerische Stellungen vor sich. Um den Gegner zu schwächen, werfen wir direkt vor die 6. Gebirgs-Division feste Bomben. Die 5. Gebirgs-Division greift morgens sehr vorsichtig an und kommt nachmittags gegen Neon Petrich vor.

An dieser Stelle soll der weitere Kriegsverlauf in Griechenland aber nicht weiter verfolgt werden.

Noch im Jahr 1941 sind die nördlich Ano Poroia gefallenen deutschen Soldaten auf den 40 Kilometer weiter östlich gelegenen Soldatenfriedhof im bulgarischen Marino Pole umgebettet worden (s. RIP) (GMaps). Dort wurde ein großer Teil der im Krieg gegen Griechenland gefallenen deutschen Soldaten gesammelt. Marino Pole liegt - wie die ganze hier behandelte Gegend - etwa 100 Kilometer nördlich von Thessaloniki (GMaps).

1939 - Burg Hohenwerfen

Der Oberjäger Ingo Ruetz war nur 29 Jahre alt geworden. Er hinterließ in Werfen seine Witwe Helga Ruetz. Ihr Trauzeuge war der Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) gewesen. Dieser hatte zur selben Zeit als Nachrichtenoffizier am Balkanfeldzug teilgenommen (Laserer, S. 89). Er überbrachte ihr die Nachricht vom Tod ihre Ehemannes. 

Ingo Ruetz war in dem kleinen Schulhaus von Werfenweng aufgewachsen (2). Er wird Sohn des Volksschullehrers von Werfenweng gewesen sein. Ingo Ruetz hatte wie sein Trauzeuge Springenschmid die Lehrerausbildung durchlaufen und war Lehrer in Großarl geworden.

Als Nationalsozialist wurde er schließlich - wie sein Freund Springenschmid - im Ständestaat aus dem Lehrdienst entlassen. Von da an widmete sich Ruetz ganz der Jugend- und Schulungsarbeit in der nationalsozialistischen Untergrundbewegung in Österreich - wiederum ähnlich wie Springenschmid.

In dieser Zeit der Illegalität wird die Freundschaft zwischen Springenschmid und Ruetz entstanden sein. Sie gehörten sicher beide dem illegalen nationalsozialistischen Lehrerbund an.

Abb. 15: Karte des Wehrmachtgräber-Offiziers mit den Orten der Erstbestattung der Gefallenen des Gebirgsjäger-Regiments 141    

Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich wurden auch in Österreich Gauführerschulen (Wiki) eingeführt. Springenschmid suchte als neuer Leiter des Unterrichtswesens im Gau Salzburg nach einem Ort für die Gauführerschule für den Reichsgau Salzburg. Er fand sie in der Veste Hohenwerfen. Die dortige Gauführerschule wurde am 5. März 1939 durch Salzburgs Gauleiter Friedrich Rainer eröffnet. Ihr Leiter war Karl Springenschmid, als Burgkommandant hatte er sich Ingo Ruetz gewählt.

Ingo Ruetz war selbst ebenfalls schriftstellerisch tätig - so wie sein Freund Springenschmid, der auch sein Trauzeuge wurde.

Im Oktober 2025 ist auf der Burg Hohenwerfen eine kleine Dauerausstellung zu dieser Gauführerschule eingerichtet worden (Erinnern, Salzb2025, Unterird). Auf alten Fotografien und durch Zeitungsberichte und Zeitzeugenberichte wird deutlich, welche Inhalte die Kultur- und Schulungsarbeit auf der Gauführerschule Hohenwerfen hatte.

Abb. 16: Gefallene Soldaten werden bestattet (hier des Infanterie-Regiments 195 am Rupel-Paß), April 1941

Ab 1939 haben sich etwa 80 % der Südtiroler für ihre Umsiedlung in das Deutsche Reich entschieden (als sogenannte "Optanten") (Wiki).

Auch etwa der Dichter des Südtiroler-Liedes "Wie ist die Welt so groß und weit", Karl Felderer, hatte sich für die Umsiedlung entschieden. Die geistige Vorbereitung auf diese Umsiedlung fand nun unter anderem auf der Burg Hohenwerfen statt, denn Springenschmid selbst war seiner Herkunft nach Tiroler und hat sich Zeit seines Lebens sehr für die Südtiroler eingesetzt, er saß deshalb auch einmal im italienischen Gefängnis. Die folgende Schilderung veranschaulicht ein wenig, wie es in jenen Jahren auf der Burg Hohenwerfen zuging (3):

Im November 1940 - mitten im Krieg - fand auf der Festung Hohenwerfen im Salzburger Land ein „Führerlager“ für Südtiroler Mitglieder der Hitler-Jugend, der Jugend- und Nachwuchsorganisation des Nationalsozialismus, statt. (...) Der Südtiroler Schulungskurs im November 1940 erstreckte sich gar über drei Wochen: Nach dem Beginn der Unterweisungen in Innsbruck wurden die männlichen wie weiblichen Kursteilnehmer von Burghauptmann Ruetz empfangen und von Untergauführerin Inge Mühlhofer und Bannführer Alf Schopper, den beiden „Lagerführern“, zur Betreuung übernommen. Ruetz starb noch im Mai 1941 im Kriegseinsatz und wurde (von) Karl Springenschmid, dem NS-Leiter des Salzburger Schulwesens (...) als leuchtendes Vorbild nationalsozialistischer Gesinnung gefeiert. Inge Mühlhofer war Führungskraft des Bundes Deutscher Mädel.

Über diese "Option" wurde, soweit übersehbar, nach 1945 mehr geschwiegen als gesprochen.

Abb. 17: Soldatenfriedhof in Marino Pole in Südbulgarien (FdW)

Weder von Karl Felderer noch von Karl Springenschmid ist sie in Erinnerungen erwähnt worden, obwohl es von beiden reichhaltige Erinnerungs-Berichte gibt. Die Tatsache, daß der Nationalsozialismus sie dazu veranlaßte, eine Entwurzelung der Südtiroler zuzustimmen und zu fördern, die ihrer ganzen sonstigen Einstellung widersprach, wird nicht wenig dazu beigetragen haben, daß sich Menschen ihrer Art nach 1945 kopfschüttelnd von ihrem Engagement für den Nationalsozialismus abgewandt haben. Sie wird ihnen die Erkenntnis erleichtert haben, daß Heimat wichtiger ist als alle Ideologien.  

Aber natürlich fand auch die sonstige Lehrer-Ausbildung und die vielfältige nationalsozialistische Schulungsarbeit auf der Burg Hohenwerfen statt.

Abb. 18: Deutscher Soldatenfriedhof am Ortsausgang von Marino Pole in Bulgarien heute (GMaps)

Aber als noch wesentlicher erscheint uns heute aus dem Nachhinein: Springenschmid blieb in guter Freundschaft mit Helga Ruetz verbunden, die in Werfen wohnte, und die Springenschmid unter anderem im Sommer 1945 während seiner Waldgänger-Zeit kurz besuchte. Über das Gespräch mit ihr berichtet er sehr ausführlich (1, S. 93-98).

Herbst 1945 - Ein Neuanfang in Bozen

Über dieses Gespräch und über ihre Haltung dachte er auch in der Folgezeit noch oft nach. Dieses Gespräch gab ihm schließlich noch im Herbst 1945 die Anregung für seinen ersten Nachkriegsroman "Das unerreichbare Herz" (6,7). Diesen schrieb er in einem ersten Entwurf in wenigen Wochen bei Freunden in Bozen nieder in der Zeit während und nach der Weinlese. Er legte diesen Roman dann seinem Schriftsteller-Freund Bruno Brehm vor, der sogleich erkannte, daß Springenschmid in diesem Roman zu einem völlig neuen Stil und zu einer neuen Aussage hin gefunden habe.

Abb. 19: Volkstanz auf Burg Hohenwerfen

Springenschmid selbst berichtet über seine Bozener Zeit im Herbst 1945 (1):

Regen und wieder Regen.
Der Regen kommt meiner Arbeit zugute. Ich habe eine beglückende Entdeckung gemacht: Ich kann wieder schreiben. Einfälle, Gedanken, Ideen bestürmen mich so heftig, daß ich kaum Zeit genug finde, sie festzuhalten. Es ist freilich etwas Verändertes, was mich bewegt, etwas völlig Neues, vor dem ich mitunter geradezu erschrecke. Eine ganz neue Form, ein neuer Stil, wesentlicher als zuvor, ernster, tiefer. Alle Not, alles Leid dieser Zeit liegt darin.
Keine Novelle soll es werden. Das ist mir nun klar geworden. Vielmehr ein Roman wird es sein, eine gewichtige Arbeit. Auch das Thema steht nun fest. Ich muß dabei allerdings über das Schicksal Helgas hinausgreifen. Die Frau, die ich in diesem Roman schildern will, Getrud, war mit dem jungen Dozenten Rainer Gorenflor - der Name kommt aus dem Französischen: "Coeur en fleur", Herz in der Blume - überaus glücklich verheiratet. Rainer Gorenflor gerät als deutscher Offizier in ein Gefecht mit slowakischen Partisanen. Seither wird er vermißt. Gertrud ist allein. Ein Wort, das Helga zu mir gesprochen hat, bald nachdem ich ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes auf die Burg Hohenwerfen gebracht hatte, läßt mich nicht mehr los: "Du warst nicht nur unser Trauzeuge, Till, auch Zeuge unserer Liebe. Ich vermag mir nicht vorzustellen, daß ich noch jemals einen Mann für immer so lieben könnte, wie ich Ingo geliebt habe. Verstehst du das? Man kann nur ein einzigesmal in seinem Leben einem Mann so ganz und vorbehaltlos gehören. Dies aber bedeutet für mich, daß ich nie mehr zu einer neuen Ehe finden werde. Aber - ich möchte ein Kind, Till. Das verstehst du doch. Mutter eines Kindes möchte ich sein. Ist es wirklich widersinnig, wie manche sagen, sich wohl ein Kind zu wünschen, nicht aber einen Mann, mit dem man sein ganzes Leben teilen muß?" Dies ist das Problem, vor dem Gertrud Gorenflor steht. Mit anderen Worten: Bedeutet das "Kind außerhalb der Ehe" für das Schicksal einer mütterlich empfindenden Frau eine echte, überzeugende Lösung? Ich will in diesem Roman keine allgemein gültigen Maximen aufstellen. Vielmehr nur mit diesem Buch aufzeigen, wie in einem einzelnen Fall eine Lösung dieser heiklen Frage versucht worden ist.
Immer tiefer wühle ich mich in dieses Problem hinein. -    

Dieser Roman ergreift auch ganz unabhängig von der hier behandelten sehr "komplizierten" Fragestellung. Erst gegen Ende des Romans wird diese überhaupt wichtig.  

Abb. 20: Parteibonzen, höhere Parteibeamten werden auf auf der Burg Hohenwerfen empfangen - Sie werden von einem Dreigesang (ganz links) begrüßt

Und wichtig ist uns auch die Feststellung, die deshalb noch einmal wiederholt werden soll:

Ich will in diesem Roman keine allgemein gültigen Maximen aufstellen. Vielmehr nur mit diesem Buch aufzeigen, wie in einem einzelnen Fall eine Lösung dieser heiklen Frage versucht worden ist.

Wer im übrigen das Buch "Der Waldgänger" gelesen hat, weiß, daß alle Figuren in den Nachkriegsromanen von Springenschmid (so wie auch schon in seinem Romanen und Geschichten zuvor) zutiefst selbst erlebt worden waren: Männer, die aus sibirischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kehren, Bauernmägde prall gefüllt mit Lebenslust, schrullige Professoren, erdfeste Bauern - das war für Springenschmid täglich erlebte Wirklichkeit, nichts theoretisch "Erdachtes".

Abb. 21: Eine Gruppe junger Frauen (wohl in der Lehrerausbildung befindlich?) während eines Lagers oder einer Schulung auf Burg Hohenwerfen

Und wer diesen Roman "Das unerreichbare Herz" lieb gewonnen hat, wem er ans Herz gewachsen ist (GAj2014), der interessiert sich auch für alle Umstände, aus denen heraus er entstanden ist.

Aus diesem Interesse heraus ist der vorliegende Beitrag entstanden.

Freilich wird deutlich, daß Springenschmid im Roman mit Gertrud und Rainer Gorenflor ein wohl insgesamt doch recht anderes Ehepaar gezeichnet hat als er es - als erste Anregung - aus der Wirklichkeit her kannte.

Abb. 22: Fotografie aus einem zeitgenössischen Bericht über die Gauführerschule Burg Hohenwerfen

Jedenfalls gehören die im vorliegenden Beitrag zusammen getragenen Umstände mit zu dem Bild, das zur Geschichte der Burg Hohenwerfen in den Jahren 1938 bis 1945 zu zeichnen ist. Vielleicht ist der aus diesen Zusammenhängen heraus entstandene Roman viel länger gültig, viel länger wesentlich als alles allzu Zeitbehaftete, was da sonst geschehen sein mag in den Jahren 1938 bis 1945.

Zum Tod Josef Weinhebers

Springenschmid hat in Bozen in der Zeitung auch von dem Tod des Dichters Josef Weinheber erfahren, mit dem er gut befreundet war. Seine Reaktion auf diesen Tod gehört im Grunde mit zu seiner "Waldgänger"-Zeit, ist aber im Roman "Der Waldgänger" gar nicht behandelt.

Abb. 23: Der erste bedeutende deutsche Nachkriegsroman, erschienen 1949

Davon hatte er schon in einer früheren Veröffentlichung berichtet (Podium, S. 128):

Um von den Amerikanern nicht hinter Stacheldraht gesetzt zu werden, hatte ich mich nach Südtirol durchgeschlagen. Auf einem weltabgelegenen Berghof wartete ich die Zeit ab. Da kam mir eines Tages zufällig ein Zeitungsblatt in die Hände. Da standen, drei Zeilen nur, in kleinem Druck: "... nahm sich der österreichische Dichter Josef Weinheber das Leben."
Ich war erschüttert. Weinheber - wie viel hatten wir ihm zu danken. (...) Ich stieg auf den Gipfel des Weißhorn. Unter dem weiten Himmel habe ich damals in mein Tagebuch geschrieben, was mich bewegte.

"... nahm sich das Leben" 

Diese Zeile nur: "... nahm sich das Leben."
Und Schweigen. Nichts.
(...)
Was Gutes in uns war,
das Edelste der Herzen
und was wir litten
in stiller Qual,
Du sprachst es aus.
So laut die Jahre und lärmend viel,
Dein Wort allein wird bleiben.
(...)
Immer warst Du, tiefer sehend, uns voran.
Was als Sehnsucht wuchs, unausgesprochen,
Du gabst als erster ihm
Des Wortes bleibende Gestalt.
Und als der Jubel uns die Herzen sprengte,
wir nichts denn nur den Himmel sahen,
weit offen, frei,
klang schon ein dunkles Mahnen auf
in Deinem Wort.
Doch als die Schatten wuchsen grauenvoll
und düster uns den Blick verstellten,
Abgründe furchtbar aufgerissen
rings um uns klafften und Untergang,
gabst Du uns Dein Höchstes
- oh wie einsam klang Dein Wort.

Dem Buch ist eine Vorbemerkung voran gestellt, die wohl von Springenschmid selbst stammt (Podium):

Von körperlichen Schmerzen gequält und vom Leid des deutschen Volkes durch das bittere Kriegsende zutiefst erschüttert, nahm der Dichter Josef Weinheber eine Übermenge Schlaftabletten. Ob er dabei den Tod suchte, ist ungeklärt, bei seiner Charakterstärke jedoch unwahrscheinlich. 

So also die Sichtweise Springenschmids auf den Tod Weinhebers im Jahr 1978.

_________

*) Die Verhältnisse waren aber ähnlich (Wiki):

Das I. Bataillon / Gebirgsjäger-Regiment 100 wurde vor Beginn des Angriffs, für den frontalen Angriff auf die Befestigungen im Zugang des Rupel-Paß, der über das Grenzgebirge nach Saloniki führt, dem verstärkten Infanterie-Regiment 125 unterstellt. (...)
Der gesamte Angriff verlief nicht planungsgemäß, da der Einsatz von Artillerie und Sturzkampfbombern im Gebirge nicht die erwartete Wirkung zeigte, und führte letztlich zu vielen Verlusten bei der Division und den unterstellten Truppen. Die deutsche Aufklärung hatte die Komplexität und den Ausbau der Befestigungen der Metaxas-Linie unterschätzt. Anders als beim Angriff auf die Maginot-Linie gerieten 3,7-cm-Panzerabwehrkanonen, 5-cm-Panzerabwehrkanonen, 8,8-cm-Flak und Infanteriegeschütze, welche im direkten Beschuß die Schießscharten der Bunker bekämpfen sollten, selber unter gezieltes gegnerisches Feuer, da diese im bergigen Gelände nicht über größere Distanz wirken konnten und schon beim Instellunggehen erkannt wurden. Weiterhin wirkten die gut geplanten Bunker flankierend zueinander, so daß wenige Räume im Vorfeld der Befestigungen nicht ständig beschossen wurden. Die verbunkerten Höhenstellungen wurden durch eigenes Artilleriefeuer geschützt (u. a. 6 × 10,5 cm und 8 × 15 cm). Erst nachdem erste Werke der Linie nicht mehr kämpften, konnten die deutschen Truppen die schwere Flak wirksam gegen die verbliebenen Bunker einsetzen.
Das III./ Geb.Jäg.Rgt. 85 verlor beispielsweise beim Angriff auf die Höhen des Werk Istibei am 6. April an Toten 3 Offiziere und 37 Mann und Verwundeten 4 Offiziere und 137 Mann, was einem Drittel der Gefechtsstärke des Bataillons entsprach. Die Witterungsbedingungen (Sturm, Regen, Schnee) in der Nacht vom 6. auf den 7. April ermöglichten stellenweise das Vorziehen von Ersatztruppen und das Verschließen und Zuschütten von Bunkerscharten. Die griechische Abwehr wurde von einzelnen britischen Bomberangriffen auf die deutschen Stellungen hinter der Front unterstützt. Am Morgen des 7. April wurde auf der Ostseite des Werk Kelkaja der Eingang zu diesem Werk entdeckt und das III./ Geb.Jäg.Rgt. 100 begann die Anlage zu stürmen, woraufhin sich die überlebende Besatzung aus 4 Offizieren und 150 Mann nach etwa eineinhalb Stunden der Kämpfe im Inneren ergab. Die griechischen Verluste in diesem Werk betrugen etwa 110 Tote und Verwundete. Es folgten weitere Kämpfe um die anderen Werke.

Das hier erwähnte des Werk Istibei gehörte schon zum Belasiza-Gebirge.

_________

  1. Springenschmid, Karl: Der Waldgänger. Roman. Leopold Stocker Verlag, Graz und Stuttgart 1975
  2. Springenschmid, Karl: Ingo Ruetz zum ewigen Gedenken. Salzburger Volksblatt, Folge 110 vom 12. Mai 1941 (FdW)
  3. Obermair, Hannes: "Großdeutschland ruft!" Südtiroler NS-Optionspropaganda und völkische Sozialisation. März 2020 (Resg2020) (s.a. Salto)
  4. Dimitris K. Apostolopoulos: Der Einmarsch der Wehrmacht in Griechenland (April-Mai 1941). Veröffentlicht 02.02.22 (Comdeg2022)
  5. Deutsche militärische Karten zur Metaxas-Linie (Fb2025
  6. Streitter, Beatus (d.i. Karl Springenschmid): Das unerreichbare Herz. Stocker-Verlag, Graz 1949 (437 S.)
  7. Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014)
  8. Springenschmid, Karl: Heiteres Podium. Erlebnisse und Geschichten. Rudolf Schneider Verlag, München [1978]
  9. Kern, Erich: Generalfeldmarschall Ferdinan Schörner. Ein deutsches Soldatenschicksal. K. W. Schütz KG Preußisch-Oldendorf 1976 (Lizenzausgabe für den Mut-Verlag, Asendorf)
  10. Heiss, Friedrich: Der Sieg im Süden. Ein Bericht vom Kampf des deutschen Volksheeres in Serbien und Griechenland. Volk und Reich Verlag, Berlin 1943

Mittwoch, 19. August 2026

"Wo saßet ihr ..."

Sonette an die Zeit

I

Wo saßet ihr, als wir auf raschen Wegen
hinuntereilten in das Stahlgewitter?
Wo häuftet ihr das Korn, als wir im Regen
und Schlamm uns bogen, selber Korn dem Schnitter?

Wo aßet ihr der Halme gelben Segen,
als unser Brot im Blute wurde bitter?
Und konntet euch zum Weibe ruhig legen,
wenn wir hinaufschrien bis zum Sternengitter.

Vergittert rundum, o wie Gitter schlossen
uns tausendfach ans Sterben Stahl und Blei.
Wie Strand, zerfressen, schützend und umflossen,

Ihr standet weit, vielleicht im Schmerz dabei.
Doch als wir heimgekehrt mit leeren Trossen,
da war für uns klein Platz im Rate frei.

II

Da sitzen sie und mischen ihren Brei:
Der sprach kein Wort, das nicht sein Wohlsein galt.
Der lügt sogar im Schweigen. Der ist treu
dem Pfeffersack und der ist kindischalt.

Der ist ein Schaf und schwänzelt wie ein Leu.
Der lächelt süß, sein Herz ist dürr und kalt.
Der weiß sehr viel, drum sitzt er auch dabei.
Und der ruft nach, was ihm entgegenschallt.

Und jeder dreht des Volks Kolumbusei.
Im Hirne kriecht der Hoffart nasser Wurm.
Hier ist für uns kein Platz im Rate frei.

Wir standen kühl und schweigend vor dem Turm.
Die Uhr schlug an. Wie spät es denn wohl sei,
wir fragten nicht, wir wußten: Vor dem Sturm.

                                         Heinrich Zillich

Im Dritten Reich sind um 1935 herum Gedichtsammlungen erschienen (Beispiele: 1, 2), die einen so ganz andersartigen Geist atmen als alle Gedichte, die nach 1945 veröffentlicht worden sind. Gedichte wie das vorstehende (aus 1) können aber eine geistige Haltung verständlich machen, bringen sie auf den Punkt, aus denen heraus das Dritte Reich entstanden ist und die zumindest in seinen Anfangsjahren auch seine emotionale Grundhaltung bildete.

Abb. 1: Aus: Frontbilder 1918 von Litographien von Elk Eber (1892-1941) (Wiki)

Es ist der sogenannte "Frontkämpfergeist". Es gab ja sogar den "Roten Frontkämpferbund" (Wiki), den paramilitärischen Wehrverband der Kommunistischen Partei Deutschlands. In diesem wurde vermutlich gar nicht einmal so ganz anders gedacht als es in vorstehendem Gedicht wiedergegeben worden ist (Wiki):

Die Spannungen im Alltagsleben in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ergaben sich neben der Niederlage, dem Verhalten der Siegermächte sowie der politischen Zerrissenheit und Radikalisierung auch aus der großen Zahl (um die 5 Millionen) von meist demobilisierten Soldaten. In ihren Reihen entwickelte sich eine spezifische Frontkämpferkultur, die unabhängig von der politischen Richtung der jeweiligen Gruppe oder Formation über gleiche Rituale und ein bedingt gleiches Selbstverständnis verfügte.

Diese "Frontkämpferkultur" und dieser "Frontkämpfergeist" bildeten also einen ganz wesentlichen Teil der emotionalen Grundlagen der Anfangsjahre des Dritten Reiches. Der Dichter Heinrich Zillich (1898-1988) (Wiki), von dem diese "Sonette an die Zeit" stammen, stammte aus Siebenbürgen. Er hatte am Ersten Weltkrieg bei den Tiroler Kaiserjägern teilgenommen.

Ein weiterer Dichter, der zu dieser Literatur beigetragen hat, war der Marineoffizier Bogislav von Selchow (1877-1943) (Wiki). Er hatte sich als Angehöriger der Kaiserlichen Marine während des Ersten Weltkrieges zum Marinekorps nach Flandern versetzen lassen und dort am Krieg teilgenommen. Von ihm stammen Gedichte wie:

Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag

Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag,
Mit heißem Blut
Und harten Händen.
Er kann durch einen starken Schlag,
Er kann an einem starken Tag,
Hat er nur Mut,
Das Schicksal wenden.
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag. 

Von ihm stammt auch das folgende Gedicht:

Du

Die deutschen Berge brennen
Rot vor Scham,
Weil sie es nicht fassen können,
Wie alles kam.

Es glühen die deutschen Fluren
In wehem Leid,
Seit sie die Schande erfuhren,
Die Schande der Zeit.

Es bäumen sich deutsche Meere
Gegen den Strand;
Sie haben deutsche Ehre
Anders gekannt.

Und ob der Schmach, der feigen,
Die alles nahm,
Deutsche Eichen neigen
Ihr Haupt vor Gram.

Nur einer sieht der Schande
Gelassen zu;
Deutscher in deutschem Lande,
Das bist Du!

Der Idealismus und der heiße Wille, Gutes für Deutschland tun zu wollen und das unendlich große Unrecht, das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zugefügt worden ist, "wiedergutzumachen", der aus all diesen Gedichten spricht, dieser wird seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als "sinnlos" erachtet. Er wird sogar für das ganze Unheil verantwortlich gemacht, das während des Zweiten Weltkrieges über Deutschland, Europa und die Welt gekommen ist.

Nun, es ist ja immer gut, wenn ein Schuldiger gefunden ist.

Alle sonstigen Mitschuldigen sehen durch diesen dann plötzlich wie die reinsten Unschuldslämmer aus - und betreiben ihr unheilstiftendes Handwerk weiter. Noch dazu lächerlich billig vertarnt.*) Und es ist ihnen nur recht, daß sich ihnen kein Idealismus und kein heißer Wille mehr entgegen stellt.

Die Dichter solcher Gedichte freilich hatten dazu schon nach dem Ersten Weltkrieg das Ihrige zum Ausdruck gebracht. Ist ein solcher heißer Wille wirklich so "sinnlos"? 

__________

*) Aber wie kann überhaupt noch von "Tarnung" die Rede sein, wenn ein Blick - sagen wir - auf die Epstein-Files gerichtet wird?

__________

  1. Kampfgedichte der Zeitenwende. Eine Sammlung aus deutscher Dichtung seit Nietzsche. Albert Langen / Georg Müller, München 1935
  2. von Selchow, Bogislav: Von Trotz und Treue. N. G. Elwert Verlag, Marburg 1936

Samstag, 11. Juli 2026

"Der" deutsche Nachkriegsroman

Wenn das eigene Leben zum "Roman" wird, kann dann ein Roman nicht auch einmal zum Leben werden?

Abb. 1: Eine Studien-Zeichnung des italienischen Malers Pietro da Cortona (1596-1669)

Der Beginn des 7. Kapitels auf Seite 87 las sich so:

Ein Wunder war geschehen. Über dem Hofe in der Röth lag ein neuer, nie gehörter Klang.
Novè sang!
Professor Klaar richtete sich erstaunt von seinem Lager auf. ... An diesem Morgen, einem ganz gewöhnlichen Morgen, zwischen Kühemelken und Schweinefüttern, sozusagen mitten hinein in die unterschiedlichen Geräusche eines landwirtschaftlichen Betriebes erklang "Solveig's Lied", gesungen von einer Magd, keiner gewöhnlichen Magd allerdings; vielmehr von einem Mädchen, das, wie er selbst, vom bitteren Schicksal dieser Zeit wahrhaftig nicht verschont worden war. Und doch - dieses Mädchen sang, sang so unbekümmert, so selbstverständlich, wie sich die Knospen der Sonne auftaten, wie die ersten grünen Halme aus dem Acker brachen ... 
Unwirsch schob er die Aspirintabletten zur Seite ...

"Solveig's Lied"? Aus Peer Gynt von Henrik Ibsen? Vertont von Edvard Grieg? Der Leser fragt sich vielleicht: Wie klang das eigentlich noch mal (Yt)? Und wie lautete eigentlich noch einmal der Text (... "Der Winter mag scheiden")?

Warum ergreifen uns Romane so? Oder genauer: Warum ergreifen uns manche Romane so stark? Etwa weil sie schildern, was es - sowieso - "nur im Roman" gibt? 

Nein, darauf kann es doch eigentlich nicht beruhen.

Die Zeit ist aus den Fugen!

Die Zeit nach 1945 war die Hochzeit des Existentialismus. Er wurde - und wird immer noch und weiterhin - propagiert. Wenn man die Zeit vor 1945 ebenfalls mit einem Schlagwort kennzeichnen möchte, so würde wohl gesagt werden können, daß sie beherrscht war - sozusagen - von Idealismus. Zumindest kann das für Deutschland gesagt werden. Mit all dem ist nicht gemeint, was Politiker "reden". Damit ist gemeint, was Menschen in ihrem Lebensalltag leben - zumindest auch leben. Damit ist gemeint, welche Bücher gelesen werden. Damit gemeint, was in Schulen und in Ferienfreizeiten der Jugend als "Ideal" gelehrt und vorgelebt wird. 

Dem Zusammenbruch aller "idealistischen" "Illusionen" in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der "Trümmerliteratur" (Wiki), in der "Kahlschlagliteratur" - "nomen es omen", im Geist der "Ohne mich"-Haltung nach all den erschütternden Erfahrungen der Jahre 1939 bis 1947, all dem etwas entgegen stellen, das - dennoch - "Bestand" hat, das "trägt", einen Roman schreiben, dessen Inhalte es eben nicht nur "im Roman" gibt, sondern der das Leben selbst ist, dies mag sich als Aufgabe gestellt haben der österreichische Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) (MetapediaWiki, Salzburg-Wiki).

Hat er diese Aufgabe gelöst?

... Nachdem er die Aspirintabletten zur Seite geschoben hatte?

Abb. 2: Blick vom Hausruck nach Süden zum Hochgebirge des Salzkammergutes (GMaps) (hier vom Botanischen Garten Frankenburg)

Ja. Als Leser steht man völlig "verdattert" vor dieser Lösung. Man fragt sich: Wie schafft er das?

Reichte es, auf "Solveigs Lied" zu hören?

Noch heute ist das Leid, das 1945 zu tragen, zu verarbeiten war, völlig unverarbeitet. Noch heute stehen wir - als Volk, als Kulturraum, als Nation - genau dort, wo unsere Vorfahren im Jahr 1945 gestanden sind. Dem Wesen und der Sache nach hat sich seit 1945 nichts geändert: Vorherrschender Existentialismus, Materialismus, Zynismus, Desillusionierung, flüchten in seichte Oberflächlichkeit oder tiefste Verbitterung auf der einen Seite - und auf der anderen Seite: eine kleine, sehr kleine Minderheit, die - demgegenüber, sozusagen - danach strebt, "das Herz auf dem rechten Fleck" zu behalten, die danach strebt, daß Idealismus, Ideale, Werte, Anständigkeit, Redlichkeit, Liebe, Liebe zur Heimat, Liebe zum heimatlichen Boden keine leeren Worte bleiben. Sondern daß sie gelebt sind, daß sie "authentisch" bleiben.

Mit jedem Jahr wird die innere Not jener, die sich um Letzteres bemühen, größer. 

Dabei: Sie war doch schon im Jahr 1945 .... gar nicht zu begreifen - - -

Vom Hausruck und von Linz in Oberösterreich über Mattersburg, Budapest nach Temeschwar, nach Kikinda und zurück (GMaps) - diesen Weg läßt der Schriftsteller Springenschmid seine Romanfigur "Novè" gehen. Er läßt sie gehen einen schweren Weg. Einen Weg, der von tiefem Leid geweiht ist. Ungefähr im Jahr 1949. An diesem Weg liegt das Massengrab, in dem ihre Eltern und tausende anderer Banater Schwaben verscharrt liegen. An diesem Weg liegen Stätten des Grauens und der Verwüstung. An diesem Weg trifft sie auf Menschen, die durch den Kommunismus verändert wurden. Und sie trifft auf solche, die unverändert geblieben sind. Der Weg läßt sie Schwerstes erleben. Und den Roman bewegt die Frage: Wird die Romanfigur durch dieses Erleben verändert? Oder bleibt sie - im tiefsten Innern - diejenige, die sie war? Findet sie ins Leben zurück? Ist es die Liebe, die ihr Leben trägt - weiterhin, trotz allem? Der Roman zeichnet dabei - - - ein "Mädchenschicksal zwischen Ost und West".

Immer wieder und immer wieder erneut legt man den Roman zutiefst erschüttert beiseite.

Höchste Werte - aber nicht auf Propaganda-Plakaten vor sich her getragen, sondern in stiller, ehrlicher, unmittelbarer Trauer - oder Freude - nach innen gelebt. Ohne zu beachten, ja, ohne überhaupt nur zu fragen, was "all die anderen" denken, reden, tun. Sich selbst der Maßstab sein. Sich über jene - wenigen - freuen, die noch "ein Herz haben". Mit jenen nachsichtig sein, denen das Herz - aus welchen Gründen auch immer - unter Verbitterung oder Oberflächlichkeit - zeitweise - verschüttet ist.

Wer diesen schweren Weg gegangen ist - mit der Romanfigur "Novè" - ist derjenige in der Lage, sich in ein "besseres" Verhältnis zu stellen zu der orientierungslos gewordenen Zeit von heute? Hat er einen Standpunkt gefunden, der trägt? Man legt den Roman so erschüttert weg, daß man eigentlich nur noch in diesem Roman weiter leben möchte. Weil man sich nur dort - in diesem Roman - "echt" fühlt. Weil das eigene Leben gegenüber diesem Roman sich so unendlich schal, hohl anfühlt, so außerhalb alles "Eigentlichen" stehend.

Abb. 3: Blick vom Hausruck nach Süden - Frankenburg am Hausruck, Aussichtsturm (Fotograf: Thomas Ledl, 2017) (Wiki) 

Ist dieser Roman nicht wie eine moderne "Bibel" oder besser: wie ein "heiliges Buch"? Da in ihm so durch und durch heilige Wege begangen werden, da sich in ihm so durch und durch Gehaltvolles ausspricht - ? Ohne alle Aufdringlichkeit?

Wer möchte, könnte in dem Roman einen vergleichsweise seichten Mädchenroman sehen. Er könnte einen Roman darin sehen, der mit viel Oberflächlichkeit dahin plätschert. Die schweren, tragischen Inhalte drängen sich dem Leser nicht auf. Sie sind - wenn man so sagen will - fast "versteckt". Hat man sie aber einmal entdeckt, lassen sie einen nicht mehr los. Sie schütteln einen durch und durch. Sie drehen das Inwendige nach außen.

Ein Roman kann wie Musik sein: leichte, fröhliche, heitere Töne --- und zwischendurch klingen dunkle, drohende, erschütternde Akkorde auf - aus tiefer Tiefe. Kontrabässe und Chelli steigen aus dem Dunkel, markieren das Dunkle, das Drohende, Abgründige. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Geigen und Flöten blickt erschreckt auf all das Drohende, bleibt aber doch in der Leichtigkeit, die ihnen eigen ist. Es mag aber auch sein, daß die Musik zeitweise fast ganz abbricht. Weil so viel Grauen gar nicht mehr in Musik gefaßt werden kann. Und in Worte schon gar nicht.

Der Roman spielt zu Anfang und am Ende im Hausruck, einem langgestreckten Höhenzug nördlich vom Salzkammergut zwischen Salzburg, Passau und Linz. Man blickt von dort über hügelige Bauernlandschaft auf das ferne Gebirge des Salzkammergutes (Abb. 2 und 3). Karl Springenschmid kannte diesen Hausruck sehr gut. Denn er beschreibt ihn auch in seinem autobiographischen Roman "Der Waldgänger" als verborgenen Weg all jener Menschen, die im Jahr 1945 auf der Flucht oder auf dem Weg in ihre Heimat waren und die dabei möglichst wenig mit den neuen Besatzungsmächten in Berührung kommen wollten. Ihnen fühlte er sich verbunden. Der Roman spielt zwischen Eberschwang und Pattingham (GMaps).

Abb. 4: Danielle Darrieux, eine französische Schauspielerin - der die Novè des Romans ähneln soll (S. 269)  

Der Roman spielt beim "Bauern in der Röth". Man könnte denken, daß das angespielt ist auf die Gemeinde Rödt (Wiki), neun Kilometer südlich von Ried im Innkreis. 

Erwähnt werden im Roman ansonsten die Ortschaften: Riegerting, Waldzell, Pattingham, Pramet, Eberschwang, Baumbach, Ried im Innkreis und Haag am Hausruck (GMaps). Auch Marienkirchen (S. 85). Diese Ortschaften sind gegenüber den anderen Inhalten des Romans so "nebensächlich", man liest so leicht darüber hinweg, daß man sie im Roman erst konzentriert suchen muß, um sich klar zu machen, wo dieser Roman eigentlich spielt. Spielt er nicht - eigentlich - "über" Raum und Zeit, spielt er nicht eigentlich jenseits von Raum und Zeit?

Fünf Kilometer nördlich von Rödt liegt "Schachen". Im Roman ist von einem "Schacha" die Rede. Beide können aber kaum identisch sein, denn zu dem "Schacha" des Romans kommt man nach langen Wegen durch den Wald und es hat Ausblick nach Süden, zum Gebirge zu. Dieses Schacha ist nicht leicht zu finden. Fürs erste tippen wir auf eine der Waldinseln bei Oberedt  bei Frankenburg am Hausruck, von wo man vielleicht einen ähnlichen Ausblick nach Süden hat wie etwa in den Abbildung 2 und 3.

Man kann es auch so sagen: Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, das Schicksal nacherlebbar zu machen, das Tausende, Millionen erlebt und erlitten hatten, und es neu vor sie hinzustellen und sie es diesmal - wenigstens im Roman - "bestehen" zu lassen. Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, "leicht" an dieses Schicksal zu rühren, zu erschüttern - aber ohne die Gegenwart selbst dabei aus den Augen zu verlieren oder gar ins Abseits des Lebens zu geraten. Sondern vielmehr umgekehrt die Menschen fest ins Leben hinein zu stellen.

Als die "Trümmerliteratur" zur allein selig machenden Literatur erklärt wurde in Deutschland, lag darin schon beschlossen, was spätestens im Jahr 2015 mit so großer Macht - und scheinbar "plötzlich" - sichtbar werden sollte: nämlich daß ein Volk, das Herzvolk Europas, nicht mehr leben will. Daß es sich nicht mehr zum Leben aufraffen will. Daß ihm die Simulation eines Aufraffens - in Form von "Politik" - ausreicht. Alles das lag schon in dem Umstand, daß den Menschen Trümmerliteratur "genug" war. Daß sie nach anderem - scheinbar - nicht mehr fragten. 

Abb. 5: Soltur im serbischen Banat - Das Heimatdorf von Novè (GMaps) heute (Serbisch "Banatsko Veliko Selo")

"Politik" beendet seit 2015 nur, was die Herzen schon in vielen Jahrzehnten zuvor entschieden hatten. Und was sie jeden Tag neu entscheiden.

Denn wir - wir heute - sind die Totengräber Deutschlands.

Der eigentlich repräsentative Roman der deutschen Nachkriegsliteratur, der möchte, daß die Deutschen als Volk lebendig bleiben, heißt "Novè". Er erschien im Jahr 1951. Er ist eingerahmt von zwei weiteren Romanen desselben Autors, nämlich von dem Roman "Das unerreichbare Herz" aus dem Jahr 1949 und von dem Roman "Das goldene Medaillon" aus dem Jahr 1953. Alle drei Romane behandeln Frauen- bzw. Mädchenschicksale.

"Novè" ist der Nachkriegsroman der Deutschen.

Denn man muß verstehen, auf wie vielen Trümmern von Leid unser Jahrhundert und das deutsche Schicksal - seither - errichtet ist. Diese Trümmer von Leid werden durch den Existentialismus nicht adressiert. 

Und man muß verstehen, daß derjenige, der nicht wirklich froh ist, auch die unergründlichen Berge von Leid nicht ermessen kann, denen alle Fröhlichkeit und Leichtigkeit leicht zu erliegen drohen.

Hat nicht Deutschland also tatsächlich einen "Roman" erlebt, der noch viel zu wenig erzählt worden ist? Aber warum ist er viel zu wenig erzählt worden? Weil das, was Deutschland erlebt hat, nicht "als Roman" erlebt werden konnte?

Abb. 6: "Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West"

- - - In Teilen ist das gewiß so. Aber in anderen Teilen auch nicht.

Der Roman ist übrigens gewidmet "Dem Gedenken der Mädchen von Cernje". Was es damit auf sich hat, muß - wenn überhaupt - noch einmal in ganz anderen Zusammenhängen aufgegriffen werden (s. Hrastovac).

Man kann allerdings die Frage auch anders stellen: Warum mutet die Weltgeschichte den Menschen so außerordentlich Schweres zu? Was ist damit "beabsichtigt"? Welchen Sinn hat das?

Diese Frage wird man nur beantworten können, wenn man nach und nach an diesem schweren Leid wächst, um ihm schließlich auch wirklich "gewachsen" zu sein. Nicht jeder wird dazu bereit sein. Millionen von Menschen waren es bislang nicht. Aber die Antwort wird für den, der dazu bereit ist, vielleicht irgendwann tatsächlich lauten: Ja, die Weltgeschichte hat einen Sinn. Dieser Sinn mag allerdings Äonen-weit entfernt sein von jenem Unsinn, der sich heute so trampelig und dummbröselig in den Vordergrund drängt und der welche Art von "Fortschritt" auch immer angeblich repräsentieren will.

***

Anhang

Der Weg von Novè führt von Szeged und Kiszombor in Ungarn über Tschanad in Rumänien nach Hatzfeld, von dort nach Lenauheim und von dort nach Temeschwar (GMaps). Hatzfeld liegt nur wenige Kilometer von Soltur entfernt, allerdings jenseits der serbisch-rumänischen Grenze. Temeschwar (Wiki) ist das kulturelle Zentrum des Banats. Es war bis 1880 eine mehrheitlich von Deutschen bewohnte Stadt. Deshalb wird seine Innenstadt auch heute noch als "Klein-Wien" bezeichnet, da sie an das alte Wien erinnert. Wie in Wien gibt es auch in Temeschwar zahlreiche Palais aus dieser Zeit. 
1910 lebten dann fast ebenso viele Ungarn wie Deutsche in Temeschwar. Ab 1941 waren die Rumänen die größte Sprachgruppe in Temeschwar. Die 33.000 Deutschen von 1930 gingen bis 1977 auf 28.000 zurück und bis 1992 auf 13.000. Heute leben dort nur noch 2000 Deutsche.
Von Temeschwar ist im Roman sonst eigentlich nicht die Rede. Aber ein Teil der Handlung spielt in einer "Villa Prochaska" in Temeschwar (S. 176ff). Eine solche Villa ist in Temeschwar auch vorhanden (Heritage). Die Fassade dieser Villa könnte zu der Villa des Romans passen. Allerdings liegt die Villa im Roman abseits in einem großen Park, während die wirkliche Villa Prochaska inmitten der Stadt direkt an der Straße - und umgeben von weiteren Stadtvillen des einstigen wohlhabenden deutschen Bürgertums - liegt (GMaps). Ursprünglich war die Villa Prochaska erbaut worden von einer Mühlenbesitzerfamilie Prochaska (Wiki). Auch sie waren Banater Schwaben. Aber das wird im Roman gar nicht erwähnt.
Der Autor spricht außerdem von einer Zuckerrübenfabrik in Hatzfeld. Eine solche hat es nach der KI in Großbetschkerek gegeben, aber nicht in Hatzfeld.

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