Donnerstag, 8. März 2018

Ein wenig Kunst

Heute: Bilder des norwegischen Malers Edvard Much

Die Bilder des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) (Wiki) und das Lebensgefühl, das sie zum Ausdruck bringen, gehören schon lange zum Grundkanon - sozusagen - des abendländischen Kulturbewußtseins. Aber auch für sie gilt, was für alle Kunst und Kultur gilt, und was Goethe in die Worte gefaßt hatte:

"Was du ererbt von deinen Vätern (und Müttern) - erwirb es, um es zu besitzen."

Damit soll gesagt sein: Kultur, die nicht von jeder Generation neu mit- und nacherlebt wird und über dieses Nacherleben zum eigenen Besitz gemacht wird, ist tot.

Edvard Munch - Am Sterbebett

Edvard Munchs eigene Mutter starb, als er selbst gerade einmal sechs Jahre alt war.

Edvard Munch - Trost

Edvard Munch hatte noch fünf Geschwister, von denen die meisten - wie Edvard - von Kindheit an immer wieder unter schwerer Depression litten.

Edvard Munch - Tod des Bohemiens (1915/17)

Kulturell war sein keineswegs wohlhabendes Elternhaus anregend, vor allem aber sind es Eindrücke von Krankheit, Tod und Trauer, zu denen Munch in seiner Kunst immer und immer wieder zurück kehrt. Auch zur gefühlsmäßigen Zerrissenheit in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern.

Edvard Munch - Die tote Mutter und das Kind (1901)

Natürlich hat es vor allem etwas mit dem Zeitbewußtsein zu tun, wenn Edvard Munch einerseits gerade diese Erfahrungen zum künstlerischen Ausdruck drängen und wenn es andererseits ein Publikum gibt, das dem Ausdruck dieser Erfahrungen große Aufgeschlossenheit entgegen bringt - und auch bringen kann, weil es dafür noch genügend seelische Widerstandskraft und Stärke gibt.

Edvard Munch - Vorfrühling in Åsgårdstrand (1905) 

Es ist ja klar, daß eine Gesellschaft, in der "Dressur durch Verwöhnung" vorherrschend ist, solche Kunst heute nur noch auf wenig volle Aufgeschlossenheit und innere Anteilnahme stoßen kann.

Edvard Munch - Kniender weiblicher Akt

Schon sein erstes bedeutendes Gemälde war 1885/86 das berühmte Gemälde "Das kranke Kind".

Edvard Munch - Tot des Marat (1907)

In dem Gemälde "Tod des Marat" ist es vor allem die Figur der Frau, der das Interesse des Künstlers gilt, ihre Erfahrung, ihr Erleben.

Edvard Munch - Am Sterbebett (1915)

Wieder und wieder kam Edvard Munch in neuen Varianten und Versionen auf ähnliche Themen zurück.

Edvard Munch - Melancholie 

Es ist die tiefe Wahrhaftigkeit, die einen aus den Gemälden von Edvard Munch anspricht. Und sie ist den Menschen heute notwendiger den je.

Sonntag, 11. Februar 2018

Charakterbildung als Wissenschaft - Der "Wirtschaftswoche" wird sie wichtig

Die "Behavioral Economics" 
- Sie beginnen zu verstehen, daß es auf Charakterbildung ankommt

Schon seit vielen Jahren kann man beobachten, daß der Soziobiologe Ernst Fehr (geb. 1956) (Wiki) (1, 2) in Zürich in seinem Fachbereich "Behavioral Economics" hervorragende wissenschaftliche Arbeit leistet. Er publiziert in führenden Wissenschaftsjournalen der Welt. Und das nicht nur über nebensächliche Themen, sondern darüber, wie Altruismus, Aufopferungsbereitschaft in modernen Gesellschaften eigentlich funktionieren kann, ohne daß diese Handlungsmotivationen durch die in Gesellschaften ebenfalls vorhandenen Handlungsmotivationen zur Bosheit (engl. "spite") oder durch die mangelnde Fähigkeit zum Belohnungsaufschub ("Geduld") außer Kraft gesetzt werden. Er erforscht also, um es einfacher zu sagen, wie sich das Gute gegenüber dem Bösen behaupten kann oder durchsetzen kann in Gesellschaften, wie das Gute verteidigt werden kann gegen die überall zu beobachtenden boshaften Handlungsantriebe wie: Betrug, Täuschung, Lüge, Verschwörung, Trittbrettfahren, organisierte Kriminalität, Regierungs-Kriminalität, sowie Verrat an den eigenen Landes- und Volksinteressen.

Abb.: Ausschnitt eines Wandgemäldes 1913/14, von Arthur Kampf (1864-1950):
“Fichtes Rede an die deutsche Nation” (Gehalten Winter 1807 bis 1808).

Ernst Fehr hat einen Bruder Gerhard Fehr (3). Dieser berät Journalisten und Marketing-Leute auf der Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse seines Bruders im Bereich der "Behavioral Economics". Hier findet also ein sehr intensiver Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis statt. Und zwar auf einem Gebiet, das im Grunde das zentrale Gebiet der gesamten alternativen Öffentlichkeit ist. Nur hat die gesamte alternative Öffentlichkeit davon noch gar nicht Kenntnis genommen. Noch nicht einmal - soweit übersehbar - der am meisten akademisch ausgerichtete Teil derselben, als welcher vielleicht die "Wissensmanufaktur" von Andreas Popp gekennzeichnet werden kann. (Womöglich beschäftigt man sich auch dort lieber mit abseitigeren und esoterischeren Themen - ?) Auch im Zusammenhang mit dem Suchwort Ken Jebsen finde ich derzeit keine Hinweise im Internet auf das gleichzeitige Suchwort Ernst Fehr.

Die Frage von Ernst Fehr lautet so schlicht wie möglich: Wie können wieder Redlichkeit und Ehrlichkeit und Vertrauen in der Öffentlichkeit, in der Politik und im Wirtschaftsleben hergestellt werden? Und da ist es doch sehr schön, zugleich bei dem Einsatz von zwei Brüdern auch das Phänomen des Verwandtenaltruismus eine Rolle spielen zu sehen. Von Ernst Fehr findet sich jedenfalls ein aktuelles Interview in der Wirtschaftswoche (1). In diesem wird er zu seiner provokanten Aussage befragt, daß er "Ökonomie (versteht) als Wissenschaft von der Charakterbildung". Sollte man nicht sehr glücklich sein, wenn man merkt, daß man in Zeiten lebt, in denen in der Wissenschaft (noch? - oder schon wieder? oder erst jetzt?) Erkenntnisse gewonnen werden, die um solche Themen kreisen? Diese Frage wird ganz und gar ohne Zynismus gestellt. Oftmals stellen fortgeschrittene Gesellschaften die ihnen wesentlichsten Fragen erst ganz zuletzt.

Die zitierte Erkenntnis von Ernst Fehr trifft voll ins Schwarze, wenn man mich nach den innersten Anliegen auch dieses Blogs und seines Bloginhabers fragen würde. Und man kann sogar bereit sein und noch einen Schritt weiter gehen und Wissenschaft selbst verstehen als Charakterbildung. Aber das ist noch einmal ein anderes Thema. Aber dieser Gedanke ist natürlich auch kurz und schnell erläutert: (Natur-)Wissenschaft fragt - im besseren Sinne ideologiefrei - nach der Wahrheit. Dadurch formt sie ja ohne Frage Charakter. Zumindest bei denen, die sich durch sie entsprechend formen lassen wollen. Wie begründete Ernst Fehr im Oktober 2017 seine Meinung in der Wirtschaftswoche:

Es gibt etwa eine Korrelation der durchschnittlichen Geduld der Menschen in Regionen und Staaten und deren Volkseinkommen pro Kopf. Geduldige Menschen sparen mehr und investieren mehr in Human- und Sachkapital. Ein zentraler Wirtschaftsfaktor ist zudem Vertrauenswürdigkeit. Vertrauen - etwa in Geschäftspartner und Institutionen - führt volkswirtschaftlich zu geringerer Regelungsdichte und höherer Flexibilität. Wo Unehrlichkeit verbreitet ist, kommen viele wechselseitig vorteilhafte Tauschakte mangels Vertrauen nicht zustande, die Vertragsgestaltung wird aufwendig und teuer. Wichtig ist auch, was Ökonomen positive Reziprozität nennen: Wenn ein Chef seine Mitarbeiter fair behandelt, reagieren die mit höherer Produktivität. Überwiegt dieses Verhaltens- und Vertrauensmuster in einer Volkswirtschaft, wächst sie stärker als andere. (...) Wo die Leute besonders unehrlich sind, liegt auch das Wirtschaftswachstum besonders niedrig.

Geduld im Sinne der Spieltheorie ist (lt. Wiki) "die Fähigkeit oder Bereitschaft, etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen". Dieses Konzept wird auch gerne in Bezug gesetzt zu dem wissenschaftlichen Konzept von der Fähigkeit zum Belohnungsaufschub (4) ("delayed gratification") (Wiki). Es kann also durchaus noch ein bisschen mehr umfassen als nur im engeren Sinne "Geduld" und "abwarten" und "ertragen". Es kann umfassen das Inkaufnehmen von Entbehrungen, von Mühen, von Entsagung, also so etwas wie das, was der Begründer der Soziologie Max Weber einstmals als "Askese" benannte, als die "außerweltliche" (des Mittelalters) und die "innerweltliche" (der Neuzeit). Aber auf Wikipedia werden noch viele andere schöne, passende Begriffe dazu in Bezug gesetzt. So etwa das Konzept der "Zeitpräferenz" (Wiki).

Insgesamt möchte man glauben, daß es für die alternative Öffentlichkeit großen Sinn machen könnte, die Aktivitäten der Brüder Fehr unter Beobachtung zu halten und dabei lernend mitzunehmen, was dort mitzunehmen sein könnte, bzw. dasselbe selbständig weiter zu denken. Natürlich formulieren sie ihre Gedanken so, daß sie möglichst "politisch korrekt" klingen. Denn das stellt ja eine gewisse Überlebensrationalität in der heutigen Wissenschaft dar. Aber Ernst Fehr ist keiner, der wissenschaftlich besonders viel Blatt vor den Mund nimmt vor den Egoismen und egoistischen bis korrupten Einstellungen heutiger Banker. Er hat diese nämlich wissenschaftlich untersucht. Im tiefsten sachlichen Inneren dessen, was hier erforscht und in der Praxis auch erprobt wird, handelt es sich um eine der wesentlichsten Auflehnungen gegenüber der Korruptheit des heutigen politischen und wirtschaftlichen Systems auf der Nordhalbkugel, an die ich mich innerhalb der Wissenschaft erinnern kann.

Charakter wird viel mehr durch Emotionen als durch Wissen gebildet

Denn die Auflehnung geschieht durch (naturwissenschaftsnahe) Wissenschaft. Dazu wird vermutlich in nächster Zeit noch mehr zu sagen sein. Der wesentlichste Gedanke zu all dem ist zunächst einmal: Es kommt - wie schon anklingt - noch viel mehr auf Charakter als auf Wissen an. Dieser Gedanke wird seit etwa einem Jahr verschiedentlich hier auf dem Blog ventiliert. Charakter aber, so soll dieser Gedanke hier ein wenig weiter fortgedacht werden, wird durch Emotionen gebildet. Wenn wir unseren eigenen Charakter bilden wollen - und was wäre denn eigentlich notwendiger als das? - dann kommt es darauf an, an unseren Emotionen zu arbeiten. Der wesentlichste Punkt erscheint mir dabei: Das bestehende politisch-hedonistische System im eigenen Innern nicht mehr mit zustimmenden Emotionen zu belohnen. Vielleicht mag das auf den ersten Blick banal klingen.

Aber es ist keineswegs gesagt, daß derjenige, der von der tiefen Korruptheit unseres Systems weiß, deshalb auch schon seine Emotionen ihm gegenüber innerlich umgestellt hätte. Emotionen liegen viel tiefer und werden - schon biographisch gesehen - im vorrationalen Raum geformt. Sie werden etwa durch Musik und Rhythmus geformt, lang bevor im menschlichen Leben überhaupt das Denken anfängt. Dies ist auch der Grund, weshalb griechische Philosophen wie Sokrates der vorherrschenden Musik in einem Staat eine so große Bedeutung zugemessen haben. Auch chinesische Staatsphilosophen haben das getan. Sie wußten, daß wenn man die Musik in einem Volk, in einer Gesellschaft verändert, man dadurch einen Staat leichter zum Zusammenbruch bringen kann als durch äußere Kriege.

Unsere Emotionen werden außerdem durch Geschichten geformt, die wir uns erzählen - in Büchern und sehr früh im heutigen Leben auch in bewegten Bildern (vor allem vor der "Flimmerkiste"). Und ist es denn nicht wirklich so? Haben wir in uns nicht alle positive Emotionen gegenüber den Filmen, die wir in der Kindheit und Jugend gesehen haben? Sei es die "Sesamstraße", sei es "Flipper", sei es "Lassie", sei es "Unsere kleine Farm"? Der Autor dieser Zeilen ist Jahrgang 1966 - bitte gerne auf den eigenen Jahrgang anwenden. Andere Jahrgänge mögen früh in der Jugendzeit zum Beispiel positive Emotionen gegenüber der Krimiserie "Derrick" entfaltet haben. Bekanntlich hat auch das starke Aufwühlen der Jugend während des Dritten Reiches die Emotionen noch lange danach bestimmt. (Etwa auch jener "zornigen, jungen Männer", die in ihrem antifaschistischen Zorn immer gerne verschwiegen, daß sie vor 1945 sehr stramme Nationalsozialisten waren.) Auch die DDR wirkt emotional massiv nach. All das nur als erste Beispiele. Diese Emotionen bestimmen auch sehr umfangreich politische Stimmungen und Entscheidungen mit - in die eine oder in die andere Richtung.

Es gilt also mehr noch als das Wissen die Emotionen in uns so umzustellen, daß man dabei nicht in Bitterkeit, in Zynismus oder in unflätiges, andere Menschen provozierendes, beleidigendes, herabsetzendes Verhalten "überreagiert". Bekanntlich gelingt das auch vielen AfD-Politikern und Pegida-Rednern oder Internet-Kommentatoren - bewußt oder unbewußt - nicht immer. Auch all die vielen Lehren der Zeit von 1968 vom "zivilen Ungehorsam" und vom "subversiven Aktionismus" müssen heute nicht in jedem Fall dazu verleiten, Handelnde und Zuschauende zu edleren Menschen zu machen. Woran vielleicht schon ein wenig erahnbar wird, um welche Herausforderungen es sich handeln könnte. Wenn wir genauer hinschauen, dann sind wir heute alle mit dem zeitgeistig vorherrschenden Hedonismus durchtränkt, imprägniert und belohnen das bestehende System mit zustimmenden Emotionen, selbst wenn wir rein vernunftmäßig demselben schon lange ablehnend gegenüber stehen sollten.

Der Kakao sind - Emotionen

Erich Kästner hat das einmal genannt: Den Kakao trinken, durch den wir vorher gezogen worden sind.

Genau das ist gemeint. Mit Kakao meint er Emotionen, nicht vornehmlich Wissen.

Diese Neuausrichtung von Emotionen ist deshalb so schwer, weil fortlaufend ablehnende Emotionen gepflegt werden müssen in einer Umwelt, in der die sogenannte Dienstleistungs-Mentalität nach außen hin gelebt wird, die ständig von dem Angehörigen das Zeigen von positiven, freundlichen, zustimmenden Emotionen fordert. Und das ist schwer. Genau über solche womöglich gesellschaftlich noch längst nicht genug begriffenen Dinge muß künftig hier auf dem Blog noch genauer nachgedacht werden. Es geht das - im Grunde - immer nur durch die eigene Innenschau und das Arbeiten an sich selbst, an der Ausrichtung und Neuausrichtung der eigenen Aufmerksamkeit, der Wahrnehmungen und dadurch dann auch der auf diese reagierenden Emotionen.

Es sind das zugleich auch Dinge, die wissenschaftlich gut erforscht sind und noch weiter erforscht werden in den evolutionär ausgerichteten Verhaltenswissenschaften aller Wisssenschaftsdisziplinen. Sie ranken sich um wissenschaftliche Konzepte, die erstmals etwa von Robert Trivers in die Wissenschaft eingeführt wurden und rund um Begriffe kreisen wie "moralistische Aggression" ("moralistic aggression"), altruistisches Bestrafen ("altruistic punishment") (Wiki) oder "teure Bestrafungen" ("costly punishment"). Aber nun bei alle dem mehr auf innere Aufrichtung von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und - damit - emotionale Reaktionen und Bewertungen bezogen als - wie gegenwärtig in der Wissenschaft noch vorherrschend - auf gar zu überwiegend äußeres Handeln und Reagieren. Und genau eine solche Neuausrichtung von Aufmerksamkeit, Wahrnehmungen und damit emotionalen Reaktionen würde sich sicherlich auf Charakterbildung auswirken.

Man muß Ernst Fehr dankbar sein für seine Forschungen und ebenso Gerhard Fehr für seine Öffentlichkeitsarbeit. Erst jüngst wieder wurde durch "FehrAdvice" auf einen wesentlichen Forschungsartikel hingewiesen (6), wodurch aufgezeigt ist, wie sehr die Brüder Fehr am Puls der Zeit sind. In diesem Forschungsartikel wird gezeigt, daß beim "altruistischen Bestrafen" der Mensch dazu neigt, bei kleineren Vergehen heftiger zu reagieren als bei größeren. Das ist erneut auf äußeres Verhalten bezogen. Aber genau das ist der Punkt. Auch unsere Aufmerksamkeit und unsere Wahrnehmungen und darauf reagierenden Emotionen - oder vor allem diese - können mit größeren Vergehen oft weniger angemessen umgehen als mit kleinen. Oft sind sie viel zu groß für unsere bewußt klein gemachten und gehaltenen "Teddybär-" oder "Teletubbies-"Emotionen. Unsere Emotionen kommen angesichts der Größe der Vergehen oft kaum noch mit. Wir ertragen es höchstens noch, im politischen Kabarett von der Größe derselben zu hören. Und nur selten machen wir uns bewußt, über was wir im politischen Kabarett alles zu lachen fähig sind.

Alles Zeichen dafür, daß wir mit großen Vergehen "rational" recht gut umgehen können. Unsere Vernunft arbeitet da gut. Aber das heißt noch lange nicht, daß wir sie emotional verdaut hätten oder ihnen gerecht würden, daß wir also wie erwachsene, reife Menschen damit umgehen würden. Oder möchte man es als erwachsenes, reifes Verhalten bezeichnen, "alles zu zerschlagen" ("Macht kaputt, was euch kaputt macht" - wieder so ein destruktiver 1968er-Spruch). Kaputt-Machen ist für sich gesehen - und zumal unter heutigen Umständen - das Gegenteil von Charakterbildung. Die Gemengelage der Emotionen im eigenen Innern könnten bei allem äußeren Zerstören ganz unverändert bleiben oder sogar noch flacher und noch banaler werden dadurch.

Anarchische Tendenzen sind kontraproduktiv

Die anarchischen Tendenzen, mit denen man oftmals schon glaubte, die Gesellschaft voranbringen zu können, sie wirken sich zerstörend aus - wohin man nur blickt.

Vielmehr könnte es darauf ankommen, die nicht-kooperierenden und bestrafenden Emotionen auf die größeren und größten Vergehen zu richten, die wir heute in unserer Gesellschaft erkennen können. Wo erkennen wir sie eigentlich? Eher bei uns oder eher bei anderen? Es könnte durchaus auch Sinn machen, den weisen Grundsatz zu beachten, daß man eher den Dorn im Auge eines anderen sieht, als den Balken im eigenen Auge, daß also jeder - jeder! - dazu neigt, die eigenen Fehler erst einmal bei den Mitmenschen zu entdecken, im "feindlichen" System, bevor man sie - günstigstenfalls und spätestens über diesen Umweg - dann womöglich auch einmal bei sich selbst entdeckt. Es dürfte sogar gesagt werden, daß das der menschlich normale Weg ist, daß man leichter die Fehler der anderen sieht als seine eigenen. Auch darüber, über die Selbsttäuschung (self deception) hat Robert Trivers schon nachgedacht.

Hat man diese Fehler bei anderen oder "im System" entdeckt, merkt man (vielleicht), daß man die Emotionen nicht nur auf die Fehler der Mitmenschen richten muß, sondern auch auf die eigenen Fehler. Freilich, die Mitmenschen sind eine Hilfe, können eine große Hilfe sein, wenn man den genannten Zusammenhang beachtet. Aber sie können es nur, soweit sie stark sind und zu "Fehlermanagement" gewillt und befähigt. Auch diese Fähigkeit hat nicht sehr weite Verbreitung heute. Denn sie setzt ja schon emotionale Askese, Entbehrung voraus. Aber wollen wir nicht alle "happy" und "fröhlich" sein und erst einmal und vor allem und vorwiegend positive, angenehme Gefühle haben? Und wollen wir deshalb oft nicht zu viel über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt nachdenken? Lieber gedankenlos sein?

Doch ohne die genannte innere Distanz, ohne die genannte innere Neuausrichtung der Gefühle gegenüber eigenen Fehlern und denen anderer erscheint Charakterbildung im Sinne einer Veredelung des Menschen kaum möglich. Nur so könn(t)en wir wieder Deutsche werden im Sinne - etwa - von Johann Gottlieb Fichte (1742-1814) (Wiki). Dieser sagte in einer völkischen Aufbruchbewegung vor 200 Jahren in seinen "Reden an die deutsche Nation" (Abb. 1) etwas, was von patriotischen Dummbratzen gerne in der plumpest möglichen Weise verstanden wird, nämlich: "Deutsch sein und Charakter haben, ist ohne Zweifel gleichbedeutend."

Aber ganz ohne Frage dachte er dabei an andere Dinge als heute in der Politik so gemeinhin als "Charakter haben" verstanden wird und werden kann. Wenn es überhaupt noch Sinn macht, über ein solches Phänomen gerade im Bereich der Politik zu sprechen. Es dürfte sehr schwer sein, sich selbst gegenüber diesen Zustand aufrecht zu erhalten oder zu erwerben, wenn man Politiker ist. Aber Politiker sind ja keineswegs die einzigen, die es damit schwer haben.

Halten wir also fest: Es könnte die primäre Notwendigkeit heute darin bestehen, nicht irgendwelche äußeren politischen Veranstaltungen zu besuchen oder zu stören oder sich an einzelnen Politikern abzuarbeiten. Sondern: daran zu arbeiten, bessere Menschen zu werden. Und zwar jeder von uns für sich selbst. Gewiß: Eine Parole, für die man nicht so leicht Zustimmung bei vielen Menschen wird finden können. Was ja genau das Problem ist, das hier erörtert wurde.

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  1. “Politisch nicht sehr korrekt” - Interview mit Ernst Fehr in der WirtschaftsWoche, 4.11.2017, http://www.wiwo.de/my/erfolg/campus-mba/ernst-fehr-politisch-nicht-sehr-korrekt/20521672.html; erneut auf FehrAdvice, 10. Dez. 2017, https://fehradvice.com/blog/2017/12/10/politisch-nicht-sehr-korrekt-interview-mit-ernst-fehr-in-der-wirtschaftswoche/
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fehr 
  3. https://fehradvice.com/ueber-uns/fehradvice-im-video-portraet/
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Belohnungsaufschub
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Strafe_(Spieltheorie)
  6. https://fehradvice.com/blog/2016/11/10/altruistic-punishment-im-sinne-der-allgemeinheit-warum-grobe-verstoesse-seltener-geahndet-werden-als-kleine/
  7. https://en.wikipedia.org/wiki/Punishment
  8. https://en.wikipedia.org/wiki/Third-party_punishment
  9. Bading, Ingo: Um so größer die Gesellschaft, um so geringer die Großzügigkeit? - Oder bestätigen auch Ausnahmen die Regel? Studium generale, 31. August 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/01/um-so-grer-die-gesellschaft-um-so.html
  10. Bading, Ingo: Ist Gott der "Bestrafer" "von dritter Seite" im allgegenwärtigen sozialen "Third party-punishment"-Spiel? Studium generale, 28. Januar 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/01/ist-gott-der-bestrafer-von-dritter.html

Donnerstag, 9. November 2017

Lauter Weite Wege

Der Weg des Rechtskonservativen Bernhard C. Wintzek und seiner Zeitschrift "Mut"

Unsere Reihe "Lauter Weite Wege" (frühere Beiträge: 1-3) soll durch einen weiteren Beitrag ergänzt werden, nämlich einen zu dem rechtskonservativen Publizisten Bernhard C. Wintzek (geb. 1943) (Wiki). Mit etwa 16 Jahren wird es gewesen sein, um das Jahr 1983 herum, als der Blogautor ein eifriger Leser seiner Zeitschrift "Mut" (Wiki) gewesen ist. Damals kam er sich dabei irrsinnig toll vor. Er hat, wenn er sich recht erinnert, dem Empfang einer neuen Folge teilweise sogar entgegen gefiebert. Das war alles so bunt, so neu, so frisch, was da geschrieben wurde. Es war die gleiche Zeit, in der man auch Karl Hoeffkes' (geb. 1954) (Wiki) "Träumer, Streiter, Bürgerschreck" (1982) in die Finger bekommen hatte und in der man sich von diesem das eigene Lebensgefühl nicht unbedeutend hat beeinflussen lassen.
Laßt mich nur in meinem Sattel gelten
bleibt in euren Hütten euren Zelten
und ich reit froh in alle Ferne
über meiner Mütze nur die Sterne.
So sagte man sich mit Johann Wolfgang von Goethe, sattelte seine Haflingerstute Lilofee und tat es diesem Goethe gleich. In der jugendlichen Stimmung jener Zeit nahm man auch die Zeitschrift "Mut" wahr. Sie flößte einem manches Selbstbewußtsein ein. Das führte zum Beispiel dazu, daß man im Geschichtsunterricht die Politik Bismarcks gegenüber den Einschätzungen derselben durch den linksliberal sozialisierten, aber sehr differenziert argumentierenden Lehrer Lechler widersprach. Noch erstaunter war man, als einer der Kollegen von Herrn Lechler, im Geschichtsunterricht Kopien eines Aufsatzes ausgerechnet aus dieser Zeitschrift "Mut" verteilte. Er sagte nicht, woher er den Aufsatz hatte. Aber es war einem völlig klar und es war einem zumute wie im Wilhelm Busch-Wort:
"Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid - und allen macht's Vergnügen!"
Abb. 1: Büchlein des Jahres 1975
In der aktuellen Ausgabe des "Informationsbriefes der Bibliothek für Konservatismus" wird man nun darauf hingewiesen (4), daß diese Zeitschrift ihr Erscheinen im August 2017 eingestellt habe. - Was, jetzt erst? Sie war schon lange der Wahrnehmung entglitten. Wohl noch in den 1980er Jahren, als sich die Zeitschrift äußerlich immer mehr in eine Kunstzeitschrift verwandelte und in ihr vermehrt vor allem betulich Schöngeistiges zu lesen war. Auch drang einem das Gerücht an das Ohr, daß der Herr Wintzek teure Autos fahren würde. Anfangs war man ja noch begeistert, in der Zeitschrift so reichhaltig Gemälde der europäischen Kunstgeschichte zu finden. Aber irgendwann einmal nahm das Ganze doch überhand. - Wie auch immer: Erinnert man sich an "Mut", assoziiert man damit ... "der Jugendzeiten für und für", assoziiert man damit den Stimmungsgehalt, von dem man damals erfüllt war. Die Wiedervereinigung war noch in weiter Ferne, niemand glaubte mehr an sie oder erwartete sie. Bis auf einen selbst, bis auf Prinzessin Lilofee - und die Zeitschrift "Mut".

Ja - und was aus Träumen alles werden kann. - Und was liest man heute auf Wikipedia? Zum Schluß hat sogar "Extremismusforscher" Armin Pfahl-Traughber höchstselbst in dieser Zeitschrift publiziert, da sie sich schon seit langem zu einer "liberal-konservativen" gewandelt hätte!! Wenn das kein Lackmus-Test für staatsnahe Linientreue ist, welcher soll es dann noch sein? Wahrlich ein weiter Weg von der NPD zu Armin Pfahl-Traughber, wahrlich, wahrlich. Er ist also möglich. Und es ist nie zu spät, auf den Weg der Tugend zurück zu kehren. Zahlreiche CDU-Politiker wie Friedrich Zimmermann, Helmut Kohl, Horst Köhler haben für diese Zeitschrift geschrieben oder auch Leute wie Ralf Dahrendorf, Ralph Giordano. Nun, 10.000 Abonnenten wollen unterhalten sein. Und mit Deutschen kann freilich allerhand gemacht werden, zumal, wenn sie sich in ihrem Gemüt ein "patriotisches" Hinterstübchen aufbehalten haben, wohlgemerkt: ein Hinterstübchen, so wie es damals üblich war in CDU-Kreisen und den ihnen nahe stehenden Kreisen.

Die Zeitschrift weckt Jugenderinnerungen


Es beschleicht einen ein komisches Gefühl, zwischen einstigen "Träumern, Streitern und Bürgerschrecks" nun solche Leute wieder zu finden. Gott hab sie alle - und den Herrn Bernhard C. Wintzek - selig. Der genannte Bericht im "Informationsbrief", verfaßt sicherlich von Karlheinz Weißmann, läßt die Geschichte dieser Zeitschrift folgendermaßen Revue passieren (4):
Kaum eine politische Zeitschrift in Deutschland hat in den Jahren ihres Bestehens weltanschaulich einen so weiten Weg zurückgelegt wie die Monatszeitschrift Mut.
Und eine solche Beurteilung will etwas heißen, wenn man die ach so vielen "weiten" Wege vor dem inneren Auge Revue passieren läßt der vielen rechtsrevolutionären Denker der Generation von Bernhard C. Wintzek. Von diesen Wegen haben wir ja hier auf dem Blog schon einige szenisch beleuchtet (1-3). Weiter erläutert der - - - "Hohepriester der Konservativen Revolution" Karlheinz Weißmann (4):
Mit Beginn der 1980er Jahre dann wandelte sich das Blatt: Schrille politische Töne traten mehr und mehr in den Hintergrund,
... "schrille politische Töne", gemeint sind Aussagen wie "Unsere Väter waren keine Verbrecher" (s. Abb. 1) ...
die Gestaltung wurde deutlich gediegener, so daß der Leser Mitte der achtziger Jahre ein inhaltlich wie  optisch hochwertiges Magazin in den Händen hielt - was sich fortan auch im Preis niederschlug. Die nun folgenden Jahre können als die  produktivsten des Blattes angesehen werden, zumal die Autorenschaft einem Who‘s who konservativer Publizistik glich: Von dem kaum 30jährigen Studienrat  Karlheinz Weißmann über die Germanistin Gertrud Höhler, den Politikwissenschaftler Klaus Hornung, den Sozialphilosophen Günter Rohrmoser, den Historiker Werner  Maser, den Soziologen Ernst Topitsch bis hin zu Ernst Jünger reichte der Reigen der Autoren. Eine  besondere  Note  erhielt Mut durch die regelmäßigen Beiträge des  konservativen Publizisten Gerd-Klaus Kaltenbrunner. Er verlieh den Heften eine „abendländische“ Grundierung, die sich in zahlreichen philosophischen, theologischen und kulturgeschichtlichen Betrachtungen niederschlug, aber auch von Esoterischem nie ganz frei war. Mit Beginn der neunziger Jahre häutete sich Mut ein weiteres Mal.  Konservative verschwanden zusehends aus der Autorenliste, und das Blatt öffnete sich immer mehr für liberale, später auch linke Autoren. Infolge einer schweren Erkrankung Wintzeks mußte Mut im August 2017 mit Heft 591 eingestellt werden.
Statt "Lauter Dritte Wege" wie Karlheinz Weißmann im Jahr 2000 einmal eine Festschrift für Armin Mohler benannt hatte (herrje, und wie weit führte auch von dort schon der Weg wieder weg), möchte man da doch heute schon eher sagen: Lauter Weite Wege. Und Wege immer Drumherum um nachhaltige kulturelle und demographische Sicherung des Überlebens der Völker auf der Nordhalbkugel.
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  1. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gerückt" - Früher, liebe Freunde, früher! Heute weiß er es besser! Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 7. Oktober 2015, http://studgenpol.blogspot.de/2015/10/alain-de-benoist-er-hat-biologische.html
  2. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 11. Oktober 2015, http://studgenpol.blogspot.de/2015/10/alain-de-benoist-ein.html
  3. Bading, Ingo: Henning Eichberg ist gestorben - Ein Rückblick auf seine mysteriöse geistige Entwicklung - Sein Weg von einem sehr fortschrittlichen, ja revolutionären politischen und wissenschaftlichen Denker hin zu einem immer noch - immerhin - anregenden Denker. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, Juni 2017, http://studgenpol.blogspot.de/2017/06/henning-eichberg-ist-gestorben-ein.html
  4. o.V.: Mut. In: Agenda, Informationsbrief der Bibliothek des Konservatismus, Ausgabe 8, Oktober 2017, https://www.bdk-berlin.org/wp-content/uploads/2017/10/AGENDA-9-Onlineversion.pdf 

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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