Montag, 9. November 2020

"Ein Lebemann, ein Spieler-Typ"

Die kalte Erinnerung des Björn Höcke an Jörg Haider

Jörg Haider (Wiki: bateman55)
Am 11. Oktober 2020 veröffentlichte Björn Höcke (Jg. 1972) auf seinem Facebook-Profil (Fb) erinnernde Worte an Jörg Haider (1950-2008). Diese erinnernden Worte an einen für kulturerhaltende Politik nicht gerade unbedeutenden Politiker wie Jörg Haider haben einen außerordentlich merkwürdigen Zungenschlag. Einerseits wird er ein "Ausnahmetalent" genannt, andererseits wird er als

"ein Meister der Selbstinszenierung" 

bezeichnet. Was soll diese Bezeichnung? Sie trägt einen falschen Zungenschlag in sich. Und dann kommen gleich noch weitere abwertende Charakterisierungen:

"ein Lebemann und Spieler-Typ, manchmal vielleicht auch etwas zu flexibel…"

Was soll das alles? Was soll das? Warum ist eine solche Charakterisierung durch Björn Höcke notwendig? Gerade durch einen Björn Höcke, der sich doch noch am ehesten als einen Politiker in den Fußstapfen von Jörg Haider sehen könnte? Warum geht gerade Höcke zu Haider innerlich so sehr auf Distanz? Außerordentlich merkwürdig. Oder warum diese Formulierung: Er verstand es

"Skandale in Erfolge zu verwandeln."

Was soll das? Ist das überhaupt die Denke eines Björn Höcke? Oder ist das doch eher die Denke seines "Medienberaters", des Journalisten Günther Lachmann (Wiki), der sich seit 2016 für Björn Höcke engagiert? Sieht er es als besser an, wenn sich Björn Höcke so innerlich distanziert und kalt über Jörg Haider äußert? Und wenn ja: warum? Oder eine Formulierung wie

"der von Erfolgen verwöhnte Haider".

Warum wird ständig - wie in typischster Mainstream-Presse - so geredet als ginge es Jörg Haider nur um sich selbst, um seine "Selbstinszenierung", um seinen "Erfolg" und nicht um sein Land? Wie ekelhaft ist denn das? Schreibt denn so etwas überhaupt jemand, der sich wichtigeren Anliegen eines Jörg Haider ebenfalls verpflichtet fühlt? Oder nicht eher jemand, der diesen wichtigeren Anliegen mit der aller größten Kälte gegenüber steht? Der viel mehr selbst ein "falsches Spiel" treibt? - Und dann die letzten Worte:

"Sein plötzlicher Tod befeuerte Spekulationen über ein mögliches Attentat. Politisch hatte er zu diesem Zeitpunkt aber wahrscheinlich seinen Zenit überschritten. Das freiheitliche Lager war in diesen Jahren gespalten und blockierte sich selbst."

Was für Worte. Als er starb, hätte er seinen Zenit sowieso schon überschritten gehabt. Und eine solche Aussage trotz all der Ungereimtheiten rund um seinen Tod? Oder sind das Worte und Einschätzungen, die auch Höckes "politischer Berater" Götz Kubitschek geschrieben oder angeregt haben könnte? Björn Höcke meint scheinbar hier, durch den Tod von Jörg Haider hätten wir nicht allzu viel verpaßt. Wie viele Geschmäckle auf einmal haben all diese Zeilen, all diese Äußerungen? Selbst mancher politische Gegner von Jörg Haider wird sich doch so kalt und distanziert zu dem Tod von Jörg Haider nicht geäußert haben wie hier jetzt ausgerechnet ... ein Björn Höcke. Warum? 

Erste Vermutung: Spricht aus diesen Zeilen die Ahnung, daß da jemand bis 2008 geradliniger war als man es selbst ist und auch künftig sein will?

Welche Hintergrundkräfte stehen hinter der AfD und Björn Höcke?

Aber womöglich noch einmal von ganz anderer Seite aus betrachtet: Es ist ja vielfach vermutet worden - insbesondere von Ewald Stadler - daß Jörg Haider die Freimaurerei, der er selbst angehört hatte, nicht ganz so ernst genommen habe wie es diese in der Regel von ihren Angehörigen wünscht, jedenfalls sich als eine Art "Abweichler" ihr gegenüber verhalten habe, also: nicht fähig gewesen sei zu freimaurerischer "Disziplin" (wie man das dann gerne einmal von interner, freimaurerischer Seite aus beurteilen mag).

Freimaurer, die selbst NICHT "Abweichler" von der Logen-Linie sein wollen, sagen dann - in ihrem okkulten Denken - gerne einmal, wenn ein solcher Abweichler ums Leben kommt, es hätte sich - geradezu - um ein "notwendiges" - - - "Bauopfer" gehandelt. Der ums Leben Gekommene wird ein wenig von oben herab und gerne auch gefühlvoll-mitleidig beurteilt.

Er wäre - vielleicht - nicht fähig gewesen, "Disziplin zu halten" und ähnliches. Genau so, genau aus einer solchen Denke heraus scheint uns nun dieser "Nachruf" von Björn Höcke (/Günther Lachmann?) geschrieben zu sein. Wo sich doch zumindest Björn Höcke (mit seinem Pseudonym "Landolf Ladig" und vielem anderem) als jemand zu erkennen gegeben hat, der den Thule-Okkult-Romanen von Wilhelm Ladig und "Arischen Bruderschaften", die sich gedanklich auf der Linie solcher Romane bewegen mögen, mancherlei Bedeutung zusprechen konnte und vermutlich kann.

Von solchen Hintergründen aus gesehen, mag man einen geradezu "unheimlichen" Geist aus diesen Worten von Björn Höcke (oder Günther Lachmann?) heraus hören. Und man fragt sich von den Ahnungen solcher Hintergründe her: Wann endlich werden die Machenschaften der Logen und Geheimpriesterschaften zu Ende sein, die - offenbar, womöglich - auch Politiker wie Björn Höcke in ihrer psychischen (und sonstigen) Abhängigkeit halten - so oder so? Wann?

Der Autor dieser Zeilen sprach einmal 2017 bei einem AfD-Stammtisch in Tempelhof auch über den etwaigen "Mord" an Jörg Haider. Auch ein anwesender, heute prominenterer Berliner AfD-Politiker (des sogenannten "gemäßigten Flügels") - Frank-Christian Hansel (Jg. 1964) (Wiki) widersprach der Annahme eines Mordes in keiner Weise. Überhaupt reagierte man nur mit beklommenem Schweigen auf diese Äußerung. Es wurde sogar die - schwer zu charakterisierende - Meinung geäußert, daß es vielleicht ganz gut sei, wenn es in der AfD keinen so charismatischen Politiker wie Jörg Haider gäbe - denn dann bestünde auch nicht die Gefahr, daß dieser ermordet würde (!!!). 

Und erst im anschließenden, persönlicheren Gespräch gab einer der Anwesenden seine Zustimmung zu der von mir aus geäußerten Empörung über solches Denken und über solche politischen Zustände (das mißliebige Politiker gerne auch mal ermordet werden können). An solchen Beklommenheiten ist doch allzu gut erkennbar, daß die AfD fest in den Händen von Leuten ist, die bestenfalls "beklommen" oder noch schlimmer reden, wenn von Vermutungen rund um politische Morde an Politikern (wie Uwe Barschel, Jörg Haider und vielen anderen mehr) die Rede ist. So wie hier auch - scheinbar und zusätzlich negativ beurteilend - Björn Höcke.

Psychologen, deutet euch das aus. ....

... Und hier noch einmal der vollständige Text ...

Es sei noch der vollständige Text vom Facebook-Profil von Björn Höcke hier eingestellt (Fb):

Vor 12 Jahren starb Jörg Haider.

Er war ein Ausnahmetalent, sehr volksnah und das mit Leidenschaft, ein Meister der Selbstinszenierung, mit einem sicheren politischen Instinkt. Er war aber auch der umstrittenste Politiker Europas zu seiner Zeit, ein Lebemann und Spieler-Typ, manchmal vielleicht auch etwas zu flexibel… Auf jeden Fall war Jörg Haider der Mann, der den Politikern der anderen Parteien seinerzeit das Fürchten lehrte. Regelmäßig stand er wegen irgendwelcher Äußerungen im Mittelpunkt von Medienskandalen, aber wie kein anderer verstand er es, solche Skandale in Erfolge zu verwandeln.

Bis zu dem Zeitpunkt, als Jörg Haider 1986 den Vorsitz übernahm, handelte es sich bei der FPÖ überwiegend um eine patriotische aber eher marktliberale Klientelpartei. Haider prägte seine Partei nicht nur durch einen neuen, moderneren Politikstil. Durch ihn bekam die FPÖ ein sozialeres Profil und konnte gerade in der Arbeiterschaft eine neue Wählerschicht erschließen. Das zeigte sich schon bei den ersten Nationalratswahlen nach diesem Kurswechsel: Die FPÖ konnte ihr Ergebnis gleich verdoppeln.

1989 wurde er erstmals Landeshauptmann von Kärnten, stolperte aber über eine skandalisierte Rede und mußte das Amt nach nur zwei Jahren durch einen Mißtrauensantrag wieder abgeben. Vorerst. Denn 1999 gewann Haider als Spitzenkandidat mit 42 % die Wahl zum Kärntner Landtag und konnte nun allein durch die Stimmen der FPÖ erneut zum Landeshauptmann gewählt werden. Im selben Jahr wurde die FPÖ bei den Nationalratswahlen zweitstärkste Kraft in Österreich. Jörg Haider war zu diesem Zeitpunkt längst zu einer international stark polarisierenden Symbolfigur geworden und es war die Bedingung für eine Regierungsbeteiligung der FPÖ, daß Haider diesem Kabinett nicht angehören dürfe. Haider machte den Weg frei, trat überraschend als FPÖ-Vorsitzender zurück und wollte sich nun ganz der Kärntner Landespolitik widmen.

Es kam zur Bildung des Kabinetts um den ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel, dem es gelang, dem Koalitionspartner FPÖ so viele politische Kompromisse aufzuzwingen, daß die Partei bei ihrer Wählerschaft unglaubwürdig wirkte. Aus Kärnten kritisierte Haider die eigene FPÖ-Regierung heftig und es kam zu dem folgenreichen Parteitag in Knittelfeld, was zum Bruch der Koalition in Wien führte. Nach nur zwei Jahren gab es Neuwahlen, die FPÖ verlor fast zwei Drittel ihrer Wähler von 1999 und stürzte von fast 27 % auf gerade einmal 10 %. Trotzdem wurde die schwarz-blaue Koalition fortgesetzt, die FPÖ verlor mehrere Ministerposten. Als die FPÖ bei den niederösterreichischen Gemeinderatswahlen 2005 auf nur noch 3,3 % zurückgeworfen wurde, kam Haider zu der Einschätzung, daß die Marke FPÖ zu ramponiert sei und drängte auf eine Neugründung und eine Rückkehr als Bundesvorsitzender. Als sich aber abzeichnete, daß es auf eine Kampfabstimmung mit H.C. Strache hinauslaufen würde, gründete der bisher von Erfolgen verwöhnte Haider kurzerhand eine neue Partei, das »Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ)«.

Sein plötzlicher Tod befeuerte Spekulationen über ein mögliches Attentat. Politisch hatte er zu diesem Zeitpunkt aber wahrscheinlich seinen Zenit überschritten. Das freiheitliche Lager war in diesen Jahren gespalten und blockierte sich selbst.

Samstag, 24. Oktober 2020

"Antes-Kurve" versus "Adolf-Kurve"

Deutschland und Kroatien im Vergleich bezüglich der Häufigkeit der Vergabe des Vornamens seines faschistischen Führers bis 1945 und seit 1970

Eine neue Vornamen-Studie

Eine positive Erinnerung der Teilnahme Kroatiens im Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands unter dem klerikalfaschistischen Ustascha-Regime (Wiki) blieb in Kroatien immer viel stärker erhalten, auch in der kommunistischen Zeit als dies bis heute für Deutschland der Fall geblieben ist.

Es zeigt sich dies - auch - daran, daß die Kroaten ab den 1970er Jahren ihren Kindern wieder verstärkt den Vornamen "Antes" gegeben haben, sowie Vornamen weiterer, vormals führender kroatischer Generäle des Zweiten Weltkrieges (1). Ante Pavelić war der Staatsführer des von den Deutschen im April 1941 in Kroatien errichteten Ustascha-Staates.

Abb. 1: Klerikalfaschismus - wieder und wieder geht er in der Geschichte mit der Unterdrückung Andersdenkender einher. In Deutschland gingen die Kircheneintrittszahlen 1933 bis 1935 in die Höhe, in Kroatien kam es nach 1941 zu Zwangskonversionen von orthodoxen Serben zum Katholizismus (Wiki) - Hier in Mikleuš (Slawonien), durchgeführt vom Priester Vlaho Martić. (http://znaci.net/damjan/fotogalerija.php?slika_po_strani=50&fraza=&stranica=86, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36994619)

Eine statistische Auswertung von Menschen mit solchem Vornamen nach Teilnahme und Tod während des kroatisch-serbischen Krieges 1991 bis 1995 und nach sonstigem Wahlverhalten (politischer Einstellung) zeigt, daß mit der Vergabe dieser Vornamen auch Einstellungen von den Eltern auf die Söhne weiter gegeben worden waren (1). Interessanterweise geschah dies in ländlichen Regionen Kroatiens häufiger als anderwärts in Kroatien und im Umfeld von vormaligen Konzentrationslagern seltener als anderswärts in Kroatien (1, Fig. 4).

Dazu muß man wissen, daß sich - schon - während des Zweiten Weltkrieges der Hauptkampf des kroatischen Staates gegen die Serben, insbesondere gegen die Tito-Partisanen, gerichtet hatte. Serben wurden als größte Gruppe - zusammen mit anderen "oppositionellen Gruppen" - in Konzentrationslagern ermordet, sie wurden auch zum Katholizismus zwangsmissioniert (Abb. 1). Es herrschte also eine Stimmung vor, wie sie häufiger aus der Geschichte überliefert wird: Tod oder Taufe. Man wird schon sehr katholisch gewesen sein müssen, wenn man ab den 1970er Jahren seinem neugeborenen Sohn immer noch den Vornamen Antes gegeben hat.

Aber insgesamt ist das natürlich so, wie wenn in Deutschland Geburtsjahrgängen zwischen 1970 und 1980 von den Eltern wieder Vornamen gegeben worden wären wie "Adolf". Oder auch Vornamen, die auf andere legendäre deutsche Militärs des Zweiten Weltkrieges verweisen könnten, sagen wir etwa "Erwin" (nach Erwin Rommel) oder meinetwegen "Heinz" (nach Heinz Guderian). Aber so etwas hat es - unserer Kenntnis nach - weder links noch rechts der Elbe in Deutschland ab den 1970er Jahren gegeben. Schweigen, aller größtes Schweigen zu den eigenen, etwaig positiven, nationalen Erinnerungen an die Zeit vor 1945 im Kernland Europas, hier auch ablesbar an den seither vergebenen Vornamen.*)

Von den 480.000 kroatischen Soldaten, die 1991 bis 1995 - freiwillig oder regulär eingezogen - an dem blutigen Krieg gegen Serbien teilnahmen, kamen 6060 ums Leben. Das waren 1,6 Prozent (1). Die meisten von ihnen sind schon gleich bei Beginn dieses Krieges 1991 ums Leben gekommen, weitere folgten dann noch einmal 1995 (1, Fig. 2). Von diesen 480.000 Soldaten waren aber nur 74 % katholisch und können darum noch heute als ethnische Kroaten identifiziert werden (vielleicht waren auch Abkömmlinge von Zwangsmissionierten dabei?). Jedenfalls sind das 350.000 Soldaten. Die anderen waren ethnische Serben (griechisch-orthodox, bzw. muslimisch). Von diesen 350.000 Soldaten nun trugen 8000 den Vornamen Antes, also 2,3 %. 26 % der Soldaten trugen weitere Vornamen, die von militärischen Führern des Ustascha-Regimes abgeleitet waren. 

Ante als Vorname - ebenso andere Vornamen des Ustascha-Regmies - waren bis 1945 sehr beliebt, sanken dann in ihrer Beliebtheit bis 1970 stark ab, um von diesem Tiefpunkt bis 1995 allmählich zu einem neuen Höhepunkt in der Häufigkeit der Vergabe anzusteigen (1, Fig. 3). Am Anfang des Krieges dann, im Jahr 1991, war die Wahrscheinlichkeit, als Soldat ums Leben zu kommen, für Soldaten mit dem Vornamen "Antes" gegenüber anderen Soldaten erhöht (1). Ein solcher Name "verpflichtete" also womöglich. Aber damit sind bis hier nur einige grobe Ergebnisse dieser neuen Namensstudie referiert (1).

... Und in Deutschland?  

Eine solche Studie läßt die Frage aufkommen, welches eigentlich die bekanntesten und beliebtesten deutschen Politiker und Militärs bis 1945 und/oder nach 1945 waren, nach denen Menschen - womöglich - gerne ihre Kinder benannt haben. Könnten dazu nicht auch Namen von "Fliegerassen" gehören wie Hans-Ulrich Rudel, Werner Mölders, Erich Hartmann (Wiki)? Es steht zu vermuten, daß es dazu schon wissenschaftliche Studien gibt. Diese wären noch einmal herauszusuchen.

Bei den häufigsten Vornamen der Jahre 1940 bis 1945 in Deutschland sind solche Vornamen nicht zu finden (2). Adolf kommt unter den 35 beliebtesten deutschen Vornamen jener Zeit gar nicht vor (2), auch nicht in dem Jahr der - vielleicht - größten "Beliebtheit" des "Friedens-Reichskanzlers" Adolf Hitler, also auch nicht im Jahr 1938 (3). An "Zeitgeistigem" ist in der Namensvergabe in Deutschland auf den ersten Blick das folgende zu erkennen (4):

So stieg während der Zeit des Nationalsozialmus der Anteil an germanischen Vornamen an. So waren in der Zeit zwischen 1930 die beliebtesten Frauennamen Helga, Ursula, Ingrid, Gisela, Christa, Inge, Renate, Karin, Erika und Gerda. Bei den Männern führte Hans vor Günter, Horst, Klaus, Karl, Werner, Peter, Heinz, Gerhard und Jürgen. 

Aber auch der Vorname Antes gehörte ja - offenbar - nie zu den beliebtesten vergebenen Vornamen in Kroatien, sondern bewegte sich in der Häufigkeit weit unter 10 Prozent. So auch der Vorname Adolf. Immerhin läßt sich aber auch in diesem geringen Prozent-Bereich eine Kurve der Häufigkeit über die Jahre hinweg erstellen und an dieser etwas über die Beliebtheit - womöglich Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus - in Deutschland ablesen. Der Historiker Götz Aly spricht diesbezüglich jedenfalls von einer "Adolf-Kurve". Diese Kurve sinkt aber schon seit 1890 kontinuierlich ab (5). Immerhin, aus dieser Kurve (4) wird das folgende heraus gelesen (4):

... Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, nahm der Name aber nochmals einen großen Aufschwung. Das gilt besonders für die Jahre 1933/34 und 1937. Im zweiten Halbjahr 1933, also wenige Monate nach Hitlers "Machtergreifung", bekamen mehr als drei Prozent aller damals geborenen deutschen Jungen den Vornamen des "Führers" verpaßt. Das lag wahrscheinlich an der Anfangseuphorie oder dem Opportunismus vieler Deutscher nach Hitlers "Machtergreifung". Der Schub von 1937 könnte auch aus Hitlers großer Beliebtheit im Jahr zuvor rühren, als er, unter anderem durch die Olympischen Spiele in Berlin, sein Ansehen nochmals hoch schrauben konnte. In den folgenden Monaten und Jahren gab es zwar Schwankungen, aber insgesamt hielt sich die Beliebtheit des Namens auf recht hohem Niveau. Die häufige Vergabe dieses Vornamens war so ein deutlicher Hinweis auf die große Beliebtheit Hitlers in weiten Teilen des Volkes. Bis 1942. In diesem Jahr schwante immer mehr Deutschen, daß der von Hitler vom Zaun gebrochene Krieg in einer Katastrophe enden könnte. Mit Folgen für die Namensgebung der Neugeborenen: Von nun an stürzte der Anteil Adolfs an allen Jungens-Vornamen ständig ab. Im zweiten Halbjahr 1945, also unmittelbar nach dem Kriegsende, lag er bei etwa 0,2 Prozent. Zurecht spricht daher der Historiker Götz Aly von der "Adolf-Kurve" - umso größer das Ansehen Hitlers war, umso häufiger wurde auch sein Vorname verwendet. Und umgekehrt.

Die "Adolf-Kurve" ist hier veranschaulicht (5, 6)**), wobei "Der Spiegel" bezeichnenderweise die Adolf-Kurve erst ab 1933 zur Darstellung bringt, was natürlich hochgradig fehlerhaft ist, wenn man in einer vollständigeren Adolf-Kurve sieht, daß die Beliebtheit des Vornamens Adolf in Deutschland 1890 am höchsten war und auch 1933 nicht mehr erreicht worden ist (5). Was sicher sein dürfte: Ein so starker Abfall der Adolf-Kurve nach 1942 kann nicht anders erklärt werden als daß die Deutschen merkten, bewußter oder unbewußter, daß sie einem Hijacking auf den Leim gegangen waren, einem mehr als folgenreichen. Aber die Deutschen merken das ja auch heute meistens noch viel zu spät. Viel zu spät, viel zu spät. Sie sind noch nicht wirklich klüger geworden.

Immerhin - sie merken sie es nicht ganz so spät wie die bäuerlichen Familien im ländlichen Kroatien der 1970er Jahre ..... Wenn man sich deshalb auf die Schultern klopfen möchte - bitteschön!

_______

*) Nun gut, um das vielleicht etwas "plumper" zu veranschaulichen: Björn Höcke heißt eben Björn Höcke und nicht Adolf Höcke. Vielleicht heißt er Björn, vielleicht - Hypothese!, Verschwörungstheorie! - weil er nach dem damals populären Tennisspieler Björn Borg benannt wurde. (Hm, Björn Höcke wurde am 1. April 1972 geboren, genau in dem Jahr, in dem Björn Borg anfing, international bekannt zu werden. - Der Autor dieser Zeilen weiß immerhin, wovon er spricht. In seiner Kindheit wollte er beim Federball-Spielen immer Aufschläge wie "Björn Borg" machen. Dieser Name ist tief in seinem Gehirn verankert. Spätschäden von seelisch krankmachendem und verblödendem Fernsehkonsum in der Kindheit ...)

**) Am häufigsten wurde der Vorname Adolf - nach dem Telefonbuch von 1998 - in Bayern vergeben, sowie in Süddeutschland, Rheinland-Pfalz und Westfalen, also vorwiegend in katholischen Gegenden (5). Auffällig ist, daß er "punktgenau" in den neuen Bundesländern nur sehr selten vertreten war 1998. Es darf vermutet werden, daß sich hier viele nach 1945 selbst andere Vornamen gegeben haben, um sich nicht verdächtig zu machen.

_______

  1. Jurajda, Š., & Kovač, D. (2020). Names and behavior in a war. Journal of Population Economics. Volume 34, Issue 1, Oktober 2020, doi:10.1007/s00148-020-00782-6 
  2. https://www.beliebte-vornamen.de/jahrgang/j1940
  3. https://www.beliebte-vornamen.de/jahrgang/j1938
  4. Armin Fuhrer: Vornamen im Dritten Reich, 23.11.2018, https://www.zeitklicks.de/nationalsozialismus/zeitklicks/zeit/81/4/welche-vornamen-tragen-die-kinder-zwischen-1933-und-1945/
  5. https://www.nameadolf.de/die-statistiken/
  6. https://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/hitler-und-die-deutschen-passive-mitlaeufer-mit-schlechtem-gewissen-a-454213.html

Sonntag, 11. Oktober 2020

Deutschlands Zukunft: Lenzen an der Elbe - Verfall und Leerstand

Eine Stadtbesichtigung

Ich war in Lenzen an der Elbe, einem schönen, stolzen, alten deutschen Bürgerstädtchen in der Prignitz im Norden des Landes Brandenburg. Ein Bekannter, der dort eine Radtour gemacht hatte (also genauer gesagt: mein Zahnarzt), hatte mir schon erzählt, was für einen heruntergekommenen, ausgestorbenen Eindruck Lenzen auf ihn machte, wie in seiner Absteige die Tapeten herunter hingen, wie es dort nach 18 Uhr keine Möglichkeit mehr gibt, irgendwo außerhalb der Wohnung unter Menschen zu kommen, wie es nur einen Supermarkt im Ort gibt.

 


 

Aber diese Erzählung hatte mich nicht vorbereitet auf das, was ich sah, als ich plötzlich selbst mitten auf dem Marktplatz von Lenzen stand. Auf Schildern zuvor war immer auf die Altstadt von Lenzen als einer Sehenswürdigkeit hingewiesen worden. Nun stand ich auf diesem uralten deutschen Marktplatz. Und was sah ich? Verfallene Häuser. Leerstand. Fast die Hälfte der Häuser stand leer, waren dem Verfall preisgegeben. Das war so etwas von schockierend, daß ich es erst gar nicht verarbeiten konnte.

Ich machte dann ein paar Videoaufnahmen davon. Aber in ihnen läßt sich der Eindruck dieser verlassenen Stadt nicht wirklich einfangen. Oder das müßte noch einmal gründlicher bildlich aufgearbeitet werden. Auf den ersten Blick finde ich niemanden, der das auf Youtube schon einmal getan hat, von den öffentlich-rechtlichen Medien zu schweigen. 

2008 priesen sie einmal die kostenaufwendige Restaurierung eines der Fachwerkhäuser in der Altstadt an (1). Aber nur dezent im Hintergrund sieht man dabei die Leerstände und den Verfall ringsherum. Sie waren damals nicht zum Thema gemacht worden - und scheinbar auch bis heute nicht. Immerhin, eine schriftliche Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2019 findet sich (2):

"Lenzen war eine blühende Stadt. Da vorne war ein Friseur, hier eine Kneipe, da hinten ein Gemischtwarenladen. Klamottengeschäfte, Schuhläden, hier gab es alles." (...) Einzelhandel eben. Und heute? Auch Einzelhandel, aber im wahrsten Sinne des Wortes: Deutschs Laden ist als Einziger in der Straße übrig geblieben, hier bekommt man mittlerweile notgedrungen fast alles. "Seit im vergangenen Jahr der Spirituosenladen zumachen mußte, sind wir auch eine Lotto-Annahmestelle, und die Post sowieso."

Machen wir uns es einfach klar: Das ist die Zukunft Deutschlands. Wie soll sie sonst aussehen bei der jetzigen Geburtenrate der Deutschen, bei der sich die einheimische Bevölkerung Deutschlands pro Generation halbiert? Das sind nach einer Generation die Hälfte, nach zwei Generationen ein Viertel, nach drei Generationen ein Achtel und am Ende dieses Jahrhunderts ist von einem Deutschland wie wir es heute noch kennen, nichts mehr übrig. Nur Städte wie heute schon Lenzen an der Elbe. 

Immerhin scheinbar ein guter Ort, für ... (2) ...

ältere Menschen, die ihren Lebensabend hier in der idyllischen Elbtalaue verbringen wollen, wo die Lebenshaltungskosten unschlagbar niedrig sind.

Ja, mit einer HartzIV-Rente halt. Deutschland, stirb mit HartzIV-Rente. - Immerhin wird in Lenzen an der Elbe im Barockgarten des dortigen Barockschlosses an einige schöne deutsche Barockgedichte erinnert (3).

________________

  1. Lenzen. RBB aktuell, 2008, https://youtu.be/xmvec6eqyN0.
  2. Julian Vetten, Lenzen (Elbe): Lenzen, wie es leibt und stirbt - Porträt, Wahlreise durch Brandenburg, NTV, 18. August 2019, https://www.n-tv.de/politik/Lenzen-wie-es-leibt-und-stirbt-article21206624.html.
  3. Bading, Ingo: Gedichte - In Lenzen an der Elbe, 2020, https://youtu.be/G0Etd53z4bA.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share