Samstag, 5. August 2017

1946 - Die USA verurteilten Deutsche wegen Menschenversuchen zum Tode, die sie selbst begingen ....

Karl Brandt - Der Leibarzt Adolf Hitlers 
- Eine Biographie über ihn wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet

Zur Mordmoral der Nazis, zu ihrer Euthanasie, ihren Menschenversuchen und zur Haltung der Kriegsgegner in diesen Fragen

Eine Biographie über Hitlers Beauftragten für die geheime Durchführung der Euthanasie an Geisteskranken und Schwerstbehinderten im Dritten Reich, also eine Biographie über seinen Leibarzt Karl Brandt (1904-1948) (Wiki) (1) macht nachdenklich. Sie macht schon allein deshalb nachdenklich, weil Karl Brandt - wie von vielen festgestellt wurde - auf allen überlieferten Fotografien als ein menschlich sympathischer, vor allem auch sehr ernsthafter und überlegter Arzt und Mensch zu sehen ist und weil es viele Anzeichen in seiner Biographie dafür gibt, daß sein Leben auch eine ganz andere Richtung hätte einschlagen können. So wollte Karl Brandt in seiner Jugend etwa Mitarbeiter von Albert Schweitzer in Afrika werden. Er führte eine sehr glückliche Ehe mit der mehrfachen deutschen Meisterin im Schwimmen Anni Rehborn (geb. 1904) (Wiki).

Abb. 1: Karl Brandt - Während seines Schlußwortes im Nürnberger Ärzteprozeß

Er gehörte lange Jahre zum engsten Kreis Adolf Hitlers. Was aber nicht verhindern konnte, daß er noch Anfang 1945 im Auftrag Adolf Hitlers von einem Standgericht zum Tode verurteilt werden konnte, weil er - angeblich - versucht hatte, die westliche Front hin zu den Amerikanern zu überschreiten und weil er seine Familie in Thüringen zurück gelassen hatte, das von den Amerikanern besetzt worden war und weil er den einen oder anderen tatsächlichen oder vermuteten Fürsprecher unter den Leuten des 20. Juli hatte.

In der Affäre rund um den Leibarzt Adolf Hitlers Theodor Morell im Herbst 1944, in der sich mehrere Ärzte - darunter Brandt - gegen Morell ausgesprochen hatten, hatte sich letzterer durchsetzen können, was auch zur Absetzung Brandts geführt hatte.

Dem Verfasser dieses Blogbeitrages will es scheinen, daß die Zugehörigkeit zum engsten Kreis um Adolf Hitler und der damit verbundene "Führerglaube" dazu führte, daß Karl Brandt kaum noch wahrzunehmen schien, welche Mordmoral von Adolf Hitler schon vor 1933 öffentlich vertreten worden war und im Röhm-Putsch 1934 praktiziert worden war, und daß gerade diese gelebte und praktizierte Mordmoral, daß das dabei gelebte Ausschalten des Rechtsstaates ihn als Arzt vor besonders schwere Entscheidungen stellen konnte, wenn er schließlich - im Auftrag Adolf Hitlers - leitende Positionen im deutschen Gesundheitswesen, bei der Durchführung der Euthanasie und bei Menschenversuchen übernehmen sollte. Daß es bei den ihm vorgeworfenen Taten keine einwandfreie Rechtsstaatlichkeit gegeben hatte, daß ihnen nicht der frei gebildete Konsens der deutschen Öffentlichkeit zugrunde lag, diese Umstände wiegen schwer.

Man hat das Gefühl, daß der "Führerglaube" dazu führte, daß bestimmte Gehirnregionen, die moralisches Verhalten kritisch bewerten, einfach ausgeschaltet wurden, auch bei so ernsthaft und überlegt erscheinenden Menschen wie dem Arzt Karl Brandt. Jedenfalls findet man in der Biographie über ihn (1) keinen wirklich deutlicheren Hinweis darauf, daß er sich des Prekären seiner Situation im Umfeld von Adolf Hitler überhaupt bewußt gewesen wäre. Aber ein rundes Bild ermöglicht diese Biographie schon deshalb nicht, weil aus den benutzten Lebenszeugnissen von Karl Brandt immer nur ausschnittsweise zitiert wurde und weil man den Gesamtzusammenhang des jeweiligen Originaltextes dieser Dokumente nicht auf sich wirken lassen kann.

Im Internet finden sich ausschnittsweise Filmaufnahmen des Prozeß-Schlußwortes von Karl Brandt (2) und es findet sich - leider nur auf zynischsten Nazi-Seiten - das Schlußwort wenigstens einmal im Gesamtzusammenhang, ebenso die letzten Worte von Karl Brandt kurz bevor er hingerichtet wurde, und nachdem eine Fülle von Gnadengesuchen - auch von deutschen Bischöfen - abgewiesen worden waren (3). Das Schlußwort zeigt, daß Brandt immer noch eine Beauftragung durch Adolf Hitler als "Motiv, das der Gemeinschaft gilt" empfand und als solches vor Gericht auch nicht hinterfragte. Dazu fehlte ihm sicherlich der zeitliche Abstand. Hätte er ein ähnlich langes Leben gehabt, wie Albert Speer, so hätte er sicherlich wie Albert Speer sein eigenes Verhalten vor 1945 mehr hinterfragt als es ihm bis 1946 möglich gewesen ist.

Das Schlußwort zeigt weiterhin, daß für Karl Brandt die Gespräche mit dem Pastor Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946) (Wiki) über das Thema Euthanasie 1940 und 1941 sehr wichtig waren. Nach der Biographie wird es nicht für unglaubwürdig gehalten, daß auch von Bodelschwingh in diesen Gesprächen für besonders schwere Fälle Euthanasie befürwortete, daß sich seine Kritik aber insbesondere gegen die damalige Art der Durchführung derselben, insbesondere ohne gesetzliche Grundlage richtete (1, S. 243). Es ist sehr schwer, sich über diese Biographie (1) zügig ein rundes Bild von Karl Brandt zu verschaffen, da diese Biographie Defizite aufweist, von denen einige in einer vor einigen Tagen veröffentlichten Amazon-Rezension wie folgt benannt worden sind (4).

Eine Einordnung in das internationale Szenario - Sie fehlt völlig (Amazon-Rezension)

Diese Biographie (1) weist eine Fülle von Defiziten auf. Auf drei wesentlichere soll im folgenden hingewiesen werden. So hätte zunächst schon einmal historisch eingeordnet werden müssen, wo die Mordmoral der Nationalsozialisten eigentlich herkommt, innerhalb dessen Rahmen sich diese Biographie bewegt.

Allen aufmerksamen politischen Beobachtern, insbesondere auch den vielen demokratischen deutschen Politikern, die 1933 dem Ermächtigungsgesetz Adolf Hitlers zustimmten oder die sich außerhalb Deutschlands positiv über den Unrechtsstaat Hitlers aussprachen, mußte die Mordmoral der Nationalsozialisten, die Adolf Hitler selbst öffentlich schon vor 1933 befürwortet hatte, bekannt sein. Sie wußten also, was sie taten, als sie den Rechtsstaat in Deutschland außer Kraft setzten oder seine Außerkraft-Setzung befürworteten. Diese Mordmoral war bekannt geworden etwa durch die "Boxheimer Dokumente" des Werner Best aus dem Jahr 1931, jenes nachmaligen, bis 1989 niemals in Deutschland verurteilten "dritten Mannes hinter Himmler und Heydrich", der in Vorbereitung des kommenden Krieges 1937 die Einsatzkommandos aufstellte, wozu zuvor das Reichssicherheitshauptamt in Berlin begründet werden mußte. Auch hatte Hitlers Reaktion auf den "Mord von Potempa" schon vor seiner Machtübernahme keinen Zweifel an seiner Mordmoral lassen können. Viel weniger noch dann die Durchführung der Morde während des sogenannten Röhm-Putsches.

Daß es nun weiterhin viele Hinweise darauf gibt, daß diese nationalsozialistische Mordmoral spätestens seit 1919 in eben jenen völkischen Okkultlogen gepflegt und unterschwellig propagiert wurde, aus denen auch die NSDAP hervorging (Thuleorden, Skaldenorden usw. usf.), wird ebenfalls nicht abgehandelt. Dabei kann man das etwa anhand der Person Ludwig Müller von Hausen schon auf Wikipedia nachlesen.

So hatte es jeder demokratische Politiker und aufgeweckte politische Beobachter eigentlich nur als eine Frage der Zeit ansehen können, wann im Dritten Reich Euthanasie an Geisteskranken und Schwerstbehinderten durchgeführt werden würde - natürlich im Geheimen, ohne Recht und Gesetz und unter fast größtmöglicher Rücksichtslosigkeit gegenüber den davon Betroffenen und ihren nächsten Angehörigen.

Warum es aber nun im Dritten Reich so viele deutsche Ärzte gab, die diesen Zusammenhang zwischen der Mordmoral der Nazis einerseits und dem Euthanasie-Programm andererseits NICHT sahen und sich auch noch nach 1945 zu sehen weigerten, hier einen Zusammenhang zu sehen, das schlüssig zu erklären, bleibt diese Biographie einfach schuldig. Soweit der erste Punkt.

Bemerkenswert ist aber besonders, aus welchen Gründen  Karl Brandt 1947 in Nürnberg zum Tode verurteilt worden ist und aus welchen Gründen nicht. Und hier werden weitere besondere Versäumnisse des Biographen deutlich.

Das Urteil war ja doch - so wie es darstellt wird - letztlich sehr "spitzfindig". Es ließ überraschenderweise offen, ob die durchgeführte Euthanasie als Ganzes würdig der Todesstrafe wäre oder nicht. Es betrachtete das (wenn man das als Leser recht versteht) quasi als "innerdeutsche" Angelegenheit. Karl Brandt wurde allein deshalb zum Tode verurteilt, weil er nicht scharf genug darauf geachtet hätte, daß nicht auch Nichtdeutsche, also ausländische Staatsangehörige unter die Euthanasie mit einbezogen werden würden. Natürlich, das geltende Völkerrecht läßt das - soweit man das als Leser erkennen kann - nicht zu. Ob aber die damalige Siegermacht - angesichts der zahllosen eigenen Kriegsverbrechen - befugt war, deshalb ein Todesurteil auszusprechen und ob es etwas mit menschlicher Größe zu tun hat, dass es auch ausgeführt wurde, stehe aber unter solchen Umständen wirklich dahin und man vermißt hier wiederum eine klare Einordnung von Seiten des Biographen.

Noch interessanter ist aber die erörterte Diskussion um die durchgeführten Menschenversuche im Nürnberger Prozeß, für die Karl Brandt mitverantwortlich war und um derentwillen er weiterhin zum Tode verurteilt wurde. Sein deutscher Verteidiger legte schlicht Belege vor, daß Menschenversuche in den USA zu gleicher Zeit an Gefängnisinsassen ebenfalls durchgeführt worden waren, die zum Tode führen konnten (Infizierung mit Malaria). Und nun wurde interessanterweise sogar jener Verantwortliche für die amerikanischen Menschenversuche als Gutachter vor das Gericht gezogen. Interessant. Wußte man ja gar nicht! Und die Versuche an sich wurden nun gar nicht in Abrede gestellt. Aber aufgrund des Hinweises auf sie wurde Karl Brandt nun nicht wegen Menschenversuchen an sich zum Tode verurteilt (!), sondern nur weil er nicht die "informierte Einwilligung" jener Menschen eingeholt hatte, die diesen Versuchen unterworfen worden waren, wie das - angeblich - zeitgleich in den USA geschehen sei.

Und die Brandt-Biographie, die von einem deutschen Historiker in Großbritannien verfaßt worden ist, hat nun überhaupt kein Interesse daran zu überprüfen, wie die Aussage dieses US-amerikanischen Gutachters vor dem Nürnberger Gericht eigentlich zu bewerten ist aus heutiger Sicht, entweder vom ethischen Standpunkt aus oder auch einfach nur dahingehend, ob sie überhaupt wahr war oder nicht. Welcher Gefängnisinsasse gibt denn freiwillig und informiert seine Zustimmung dazu, sich mit Malaria infizieren zu lassen? Man entschuldige schon einmal. So etwas muß doch erörtert und aufgeklärt werden.

Scheinbar hatte aber auch die westliche Öffentlichkeit damals kaum ein kritisches Interesse für das, was hier von dem US-amerikanischen Gutachter eingestanden worden war, nämlich daß es Menschenversuche in US-amerikanischen Gefängnissen gab.

All das ist in der vorliegenden Biographie überhaupt nicht ausgelotet worden. Man kann aber einmal - nachdem man hier ein Interesse entwickelt hat - einen Blick in Wikipedia-Artikel werfen wie "Unethical human experimentation in the United States". Da liest man, nachdem die eben schon erwähnten Malaria-Versuche an Gefängnisinsassen - wiederum - ganz unkritisch aufgeführt worden waren: "In related studies from 1944 to 1946, Dr. Alf Alving, a professor at the University of Chicago Medical School, purposely infected psychiatric patients at the Illinois State Hospital with malaria, so that he could test experimental treatments on them."

Und da wird man ja wohl schon einmal die kritische Frage stellen dürfen, ob ausgerechnet psychiatrisch erkrankte Patienten besonders geeignet sind, "informierte Einwilligungen" zu den an ihnen vorgenommenen Versuchen zu geben. Muß man das alles nicht behandeln, wenn man eine Biographie über Karl Brandt schreibt?

Das alles ist eine reichlich irre Thematik. Aber darüber muß es doch kritische historische Aufarbeitungen geben. Aber der Biograph von Karl Brandt bedient ausschließlich das übliche klischeehafte "germano-zentrische" Geschichtsbild. Er hat es scheinbar gar nicht nötig, die Biographie von Karl Brandt in ein internationales Szenario hineinzustellen. Das würde ja scheinbar wieder einmal die - vorgebliche - "Einzigartigkeit" der deutschen Verbrechen "relativieren" - - - ? Dabei haben das ja ganz eindeutig die Nürnberger Richter selbst schon getan, indem sie Brandt nicht für das verurteilten, was eingestandenermaßen zeitgleich gängige Praxis in den USA war.

Im übrigen ging das von Seiten US-amerikanischer Wissenschaft noch "fröhlicher", "informiert" und "freiwillig" weiter damals, direkt zeitlich parallel zum Prozeß in Nürnberg und zum Vollzug des Todesurteils an Brandt! Heißt doch schon der nächste Satz des zitierten Wikipedia-Artikels:

"In a 1946 to 1948 study in Guatemala, U.S. researchers used prostitutes to infect prison inmates, insane asylum patients, and Guatemalan soldiers with syphilis and other sexually transmitted diseases, in order to test the effectiveness of penicillin in treating the STDs."

Na, das wird ja doch wohl alles herrlich freiwillig und informiert gewesen sein. Daran wird man doch keinen Zweifel haben dürfen.

Schon aus diesen wenigen Anhaltspunkten entnimmt der Autor der vorliegenden Rezension: Das Todesurteil an Karl Brandt ist schlichtweg als heuchlerische "Siegerjustiz" einzuschätzen. Und der Gesamttenor der vorgelegten Biographie läßt eine gründliche Einordnung des Geschehens in Deutschland in das damals international "übliche" Szenario vermissen. Ein außerordentlich deutliches Versäumnis.

Solche unkritischen Biographien tragen zur Perpetuierung US-amerikanischer Verbrechen weltweit bis heute bei.

_____________________________________________________
  1. Schmidt, Ulf: Hitlers Arzt Karl Brandt. Medizin und Macht im Dritten Reich. Aus dem Engl. von Helmut Ettinger. Aufbau, Berlin 2009 (zuerst englisch 2007)
  2. Brandt, Karl: Ausschnitt aus seinen Schlußworten im Nürnberger Ärzteprozeß, https://www.youtube.com/watch?v=EcD12nO3BVA
  3. Brandt, Karl: Prozeß-Schlußwort und Letzte Worte. https://deutschesreichforever.wordpress.com/tag/dr-karl-brandt/
  4. Bading, Ingo: Rezension von "Hitlers Arzt Karl Brandt", 2. August 2017, https://www.amazon.de/review/R1EKKTXO6NJ2M4/ref=pe_1604851_66412761_cm_rv_eml_rv0_rv

Samstag, 29. Juli 2017

Dienen Menschenopfer der Stabilisierung menschlicher Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?

Neue Forschungsergebnisse zur Funktion von kultischen Männerbünden und Menschenopfern

Im folgenden wird auf zwei neue Themenkomplexe innerhalb der Wissenschaft hingewiesen:

  1. Kultische Geheimbünde - Haben sie indogermanische Ursprünge?
  2. Dienen Menschenopfer der Stabilisierung hierarchischer Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?
  3.  

1. Kultische Geheimbünde - Haben sie indogermanische Ursprünge?  

Männerbünde und -orden ebenso wie Männer-Geheimbünde und Männer-Geheimorden sind niemals schärfer in der Geschichte kritisiert worden als durch die deutsche völkische Bewegung der 1920er Jahre und innerhalb derselben selten schärfer als durch das Ehepaar Erich und Mathilde Ludendorff der 1920er und 1930er Jahre. In jener Zeit wurde die Rolle der Freimaurerei für die Herbeiführung, den Ausbruch, den Verlauf und das Ende des Ersten Weltkrieges sehr umfangreich erörtert und kritisiert. Es wurde unterstellt, sie würde durch Krieg und Revolutionen versuchen, die "Weltrepublik" herbeizuführen und die gewachsenen Völker und Kulturen zu zerstören und in eine asiatisch-negroide Zukunftsrasse umzuwandeln. Dasselbe unterstellte man dem Jesuitenorden und der katholischen Kirche. Und dasselbe unterstellte man - vor allem in den 1930er Jahren - auch östlich-esoterisch ausgerichteten Männerorden und Priesterkasten, die auf den Dalai Lama als äußeres Oberhaupt hin ausgerichtet seien.

Man stellte diesbezüglich auch bald fest, daß nicht nur das gesamte politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben zu großen Teilen von solchen Geheim-Orden und -Bünden, ihren öffentlich bekannten Ablegern unterwandert worden war, wenn nicht gar in wesentlichen Teilen erst hervorgerufen wurde und von den ihnen zugehörigen Astrologen beraten wurde, sondern daß dies insbesondere auch für die rechtskonservative Szene und die völkische Bewegung selbst gälte. Und so machte man schließlich diese Geheimbünde auch für die Machtergreifung der Nationalsozialisten verantwortlich, dessen Verbrechen und leichtfertiges Mit-dem-Krieg-Spielen man als ein beabsichtigtes Hijacking, eine Entführung des ursprünglichen völkischen Gedankens begriff, natürlich um ihn zu diskreditieren.

Aufgrund dieser vorherrschenden Stimmung in der damaligen völkischen Bewegung mußten sich hinwiederum die Nationalsozialisten, wenn sie erfolgreich sein wollten, nach außen und insbesondere auch gegenüber der eigenen Anhängerschaft das Aussehen geben, als ob sie die Freimaurerei und die katholische Kirche und den mit ihnen einhergehenden Okkultismus bekämpfen würden. Deshalb wurde die Freimaurerei offiziell im Dritten Reich verboten. Alle Männerbünde versuchten aber während des Dritten Reiches ein Verbot ihrer selbst und ihre sonstige Bekämpfung zu verhindern und zu unterlaufen, indem sie sich nach außen hin als "völkisch" tarnten und schließlich, indem sie den Männerbund-Gedanken kurzum als einen völkischen Gedanken propagierten.

Otto Höfler gegen Bernhard Kummer - 1933  bis 1945

Als solche Propagandisten spielten mehrere Autoren eine Rolle, keiner aber eine größere als der österreichische Katholik Otto Höfler (1901-1987) (Wiki). Dieser hat sich 1931 mit seinem Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" in Wien habilitiert und es 1934 erscheinen lassen - und zwar mit der ganz bewußten Absicht, den kultischen Geheimbund als etwas "Echt-Deutsches", "Echt-Germanisches" dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich unterzuschieben (1). Otto Höfler wurde deshalb auch durch eine breite Strömung innerhalb der nationalsozialistischen Partei gefördert und ließ sich von ihr fördern. Insbesondere im Männerorden SS selbst berief man sich auf den in diesem Buch behandelten Gedanken, daß schon die heidnischen Germanen "kultische Geheimbünde" gekannt hätten, die sogenannten "Einherrier". Und daran wollte man innerhalb der SS anknüpfen. Auch noch in der rechtskatholischen Zeitschrift "Sezession" wurde Otto Höfler als ernst zu nehmender Autor behandelt.

Abb. 1: Bernhard Kummer

Diesem Otto Höfler nun und der von ihm repräsentierten Geistesströmung stellte sich der deutsche Nordist Bernhard Kummer (1897-1962) (Wiki, engl.) entgegen, der der Ludendorff-Bewegung vor und nach 1945 sehr nahe stand, und der sich scharf gegen die Unterstellung aussprach, daß es bei den heidnischen Germanen kultische Männerbünde gegeben habe. Auf dem englischen Wikipedia-Artikel zu Bernhard Kummer ist sein Konflikt mit der SS ausführlicher dargestellt als auf dem deutschen:

Kummer's academic career was retarded by a conflict with Otto Höfler which became part of the conflict between the Ahnenerbe and the Amt Rosenberg, with which Kummer was affiliated. Höfler originally fanned the flames of their disagreement with a dismissive treatment of Kummer's work in his Kultische Geheimbünde der Germanen (1934), but Kummer fought back "with almost every weapon he could get." Kummer attacked Höfler's version of the Germanic Continuity Theory as based on the equation of the ancient Teutons with primitives and therefore inherently denigratory. He accused the Catholic Höfler, whose work emphasises initiatory cults and secret societies, of "an un-Nordic predilection for strange rites and ecstatic practices". Höfler was able to point out the potential destructiveness of such sectarianism in the Third Reich, and his viewpoint easily supported the notion of National Socialism as the culmination of Germanic history, whereas Kummer had to resort to a reawakening of suppressed cultural forces. Heinrich Himmler intervened in the quarrel and Kummer was forced to withdrew his attacks on Höfler and resign from the journal Nordische Stimmen, which he had founded; only then did his academic career advance.

Zu diesen Auseinandersetzungen hat der Tübinger Gerd Simon viele Dokumente zugänglich gemacht (2). Bernhard Kummer stand in diesem Kampf fast als "Einzelkämpfer" gegen die gesamte Staatsmacht, insbesondere gegen die SS. Wie er sich zu diesen Fragen gedanklich positionierte, hat er in den 1950er Jahren noch einmal in seiner Schrift "Gott Odin - Ein Chronist und sein Gefolge" dargestellt (3). Der Gott Odin war für ihn der Völkerwanderungsgott, ein Gott, der nicht zum ursprünglichen Kanon der Indogermanen und Germanen gehörte, sondern erst sehr viel später eingeführt worden sei. Er würde ganz ungermanische Züge tragen und mit ihm sei viel ungermanisches Geistesgut in die germanische Welt hineingeraten. All das hätte sie aufnahmebereiter gemacht für das Christentum und das damit verbundene Männerordens- und Priester-Prinzip, das den einzelnen Menschen aus Sippe und Familie heraus löst. Um das zu belegen, wurde auf viele Bibelzitate zurückgegriffen, etwa auf Matthäus 10.37 ("Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, ist mein nicht wert.").

Rituelle Hunde-Tötungen bei den Indogermanen - 1.900 bis 1.700 v. Ztr.

In einer soeben veröffentlichten Studie des Archäologen und derzeit angesehendsten archäologischen Indogermanen-Forschers David Anthony (4) werden Funde präsentiert, nach denen in der Urheimat der Indogermanen in der Zeit nach den ersten großen Abwanderungen der Indogermanen nach Süden (4.600 v. Ztr. nach Varna in Bulgarien, 4.000 v. Ztr. nach Maikop nördlich des Kaukasus), nach Westen (2.900 v. Ztr. als Schnurkeramiker/Glockenbecherleute in Mitteleuropa) und nach Osten (als Arier in Nordindien, als Perser in Persien), also in der Zeit 1.900 bis 1.700 v. Ztr. in der Winterzeit Hunde rituell getötet worden wären (5). Und Anthony stellt diesen Befund nun in einen großen Zusammenhang, nach dem es indogermanisches Gemeingut gewesen wäre, daß es jugendliche "Kriegsbanden" gegeben hätte, die in großer Wildheit gelebt hätten und große Freiheit gehabt hätten und die Einweihungsrituale hätten durchlaufen müssen, in denen Wölfe und Hunde eine Rolle gespielt hätten. Anthony erinnert an die - in diesem Zusammenhang vergleichsweise harmlosen - Lupercalien (Wiki) in Rom, beruft sich aber überhaupt auf eine vielfältige Forschungsliteratur seit 1945 zu den indogermanischen Mythen und Überlieferungen rund um diese Fragen, also auf Forschungsliteratur, so scheint es, in den Fußstapfen von Otto Höfler.

Es steht außer Zweifel, daß es auch heute noch völkische, logenartige, "ariosophische" "Bünde" gibt, die sich auf solche Forschungen berufen werden, wenn sie die Arbeiten in ihren eigenen völkischen Geheimlogen weiter betreiben werden. Man denke etwa an die Ariosophische Bruderschaft, in deren Thüringer Umfeld sich doch offenbar auch der Politiker Björn Höcke von der AfD zu bewegen scheint, was um so naheliegender ist, wenn er - wofür fast alles spricht - unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" geschrieben haben sollte, was deutlich genug auf die Thule-Okkult-Romane des ariosphischen, SS-nahen Okkultautors Wilhelm Landig (Wiki) zurück weisen würde.

Also gälte es einmal aufs Neue, in der Forschung scharf abzugrenzen, was dort wirklich sichere Erkenntnis ist und was Interpretation ist. Dazu müßte man die von Anthony angeführte Literatur sehr genau studieren. Wozu gerne aufgefordert sein soll. Beiträge zu diesen Fragen nehmen wir gerne für diesen Blog entgegen.

Gleichgültig, welches Ergebnis eine solche Untersuchung hätte, wäre natürlich im übrigen sowieso zu sagen, daß wir heutigen Nachkommen der Indogermanen uns nicht mit allen Verhaltensgewohnheiten unserer Vorfahren identifizieren können und wollen, sondern daß hier - wie immer - ausgewählt werden muß vom Standpunkt der heutigen Zeit, was erhaltenswürdig oder erneuerungswürdig wäre und was einfach Bestandteil früherer Zeiten war, und was heute nicht mehr zeitgemäß wäre.

Es deutet sich aber wohl schon von vornherein an, daß die kultischen und Lebens-Gewohnheiten der indogermanischen Völker von solcher Vielfalt waren, daß man einerseits als heutige verquastete Okkultloge immer irgendeinen Anknüpfungspunkt finden wird und sei er noch so konstruiert, und andererseits, daß diese niemals unter der Drohung von Todesstrafe mittels Geheimgerichtsbarkeit einem solchen totalitären Gehorsams-Prinzip unterworfen waren wie dies in von monotheistischem Geist Schwarzer Pädagogik geprägten Okkultlogen des 20. Jahrhunderts vom Jesuitenorden über die Freimaurerei bis hin zur tibetischen Priesterschaft hin üblich ist, verbunden mit all der Pädokriminalität und all dem elitären Satanismus, der dafür als "notwendig" erachtet zu werden scheint. Aus allen indogermanischen Kulturen spricht ein ganz anderer Geist. Insofern fragt man sich dann auch so ganz allmählich, welche Agenda eigentlich - - - David Anthony zu verfolgen scheint.

2. Dienen Menschenopfer der Stabilisierung hierarchischer Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?

Möglicherweise noch um manches spannender aber wird es, wenn man in der Zusammenfassung einer weiteren aktuellen Forschungsstudie von den Autoren Russell D. Graya und Joseph Watts aus dem Bereich der Evolutionären Anthropologie einen Satz wie den folgenden liest (6):

Ritual human sacrifice does play a causal role in promoting and sustaining the evolution of stratified societies by maintaining and legitimizing the power of elites.
Also: Rituelle Menschenopfer bedingen ursächlich die Förderung und Aufrechterhaltung der Evolution hierarchischer Gesellschaften, indem sie die Macht der Eliten befestigen und legitimieren.

Boah. Dieser Satz haut einen um. Der Satz stammt von jenen Forschern, die zuvor schon - 2015 - die Rolle von ("übernatürlichen") personalen Gottheiten ("supernatural" "big gods", "großen Göttern") für die Entstehung komplexer Gesellschaften erforscht hatten. Ihre diesbezüglichen Studien seit 2015 sind in ihrem Literaturverzeichnis angeführt. Da es sich bei diesen Forschungen um sehr ernstzunehmende Studien handelt aus dem Bereich der "third-party-punishment"-Theorien zur Erklärung der Entstehung von Altruismus in menschlichen Gesellschaften, dürfte er erhebliches Gewicht haben. Und im Text der Studie heißt es dazu dann ausführlicher (6):

Religious narratives in early human societies often legitimize the authority of those in power and involve rituals that benefit the elite at the expense of underclasses (64). A particularly gruesome example is the practice of ritualized human sacrifice that occurred in early human societies throughout the world (64–68). According to the Social Control Hypothesis (64, 66, 68), ritualized human sacrifice was used by social elites as a religiously sanctioned means of terrifying underclasses into obedience.
Zu Deutsch: Religiöse Narrative in frühen menschlichen Gesellschaften legitimieren häufig die Autorität der Machthaber und schließen Rituale mit ein, die der Elite nützen auf Kosten der Unterschichten (64). Ein besonders schreckliches Beispiel ist die Praxis ritueller Menschenopfer, die in frühen menschlichen Gesellschaften rund um die Erde aufgetreten sind (64-68). Gemäß der "Soziale Kontrolle-Hypothese" (64, 66, 68) wurden rituelle Menschenopfer von sozialen Eliten benutzt als eine religiös sanktionierte Methode, um die Unterschichten einzuschüchtern und zum Gehorsam zu bringen.  
_____________________________
64. Carrasco D  (1999) City of Sacrifice: The Aztec empire and the role of violence in civilization (Beacon, Boston)
65. Bremmer JN  (2007) The Strange World of Human Sacrifice (Peeters, Leuven, Belgium)
66. Turner CG, Turner JA  (1999) Man Corn: Cannibalism and Violence in the Prehistoric American Southwest (Univ of Utah Press, Salt Lake City)
67. Girard R  (1987) Violent origins: Ritual killing and cultural formation. Violent Origins, eds Hamerton-Kelly R, Burkert W, Girard R, Smith J (Stanford Univ Press, Stanford, CA), pp 73–105
68. Winkelman M  (2014) Political and demograpic-ecological determinants of institutionalised human sacrifice. Anthropol Forum 24:47–70

Das ist eine schrille These. Sie beruft sich auf eigene Forschungen an 93 traditionellen austronesischen Gesellschaften, die im letzten Jahr veröffentlicht worden sind. In der Zusammenfassung derselben heißt es (7):

We find strong support for models in which human sacrifice stabilizes social stratification once stratification has arisen, and promotes a shift to strictly inherited class systems. Whilst evolutionary theories of religion have focused on the functionality of prosocial and moral beliefs, our results reveal a darker link between religion and the evolution of modern hierarchical societies.
Zu Deutsch: Wir finden starke Belege für Modelle, in denen Menschenopfer die soziale Hierarchie stabilisieren, wenn sie erst einmal entstanden ist, und daß sie den Übergang zu streng erblichen Klassensystemen fördern. Während evolutionäre Theorien der Religion bislang ihr Augenmerk auf die Funktionalität von prosozialen und moralischen Glaubensinhalten gelegt haben, decken unsere Forschungsergebnisse eine dunklere Verbindung zwischen der Religion und der Evolution moderner hierarchischer Gesellschaften auf.

Und in ihrem neuesten Aufsatz schreiben sie dazu weiter (6):

We found human sacrifice to have been remarkably common in traditional cultures, occurring in almost half of those sampled. Typically, social elites orchestrated the sacrifices, with social underclasses becoming the victims. The results of our analyses showed that human sacrifice coevolved with social stratification and functioned to stabilize social inequality in general, as well as facilitated the emergence of rigid class systems. This result does not imply that human sacrifice was necessarily functional for the whole group, nor that it would have these effects in modern societies, which have developed more sophisticated methods of sustaining social inequality. What our results do show is that ritual human sacrifice was used by social elites as a tool to maintain their social standing in the early stages of social complexity.

Rot markiert wurden hier Ausführungen deshalb, weil die Forscher hier ausdrücklich auf Distanz gehen zur eventuellen Rechtfertigung von Menschenopfern zur Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Stabilität in modernen Gesellschaften.  In der Studie von 2016 heißt es im Text (7):

Evidence  of human sacrifice was observed in 40 of the 93 cultures sampled (43%).  Human sacrifice was practiced in 5 of the 20 egalitarian societies (25%),  17 of the 46 moderately stratified societies (37%), and 18 of the 27  highly stratified societies (67%) sampled.
Zu Deutsch: Belege für Menschenopfer wurden in 40 der 93 Kulturen gefunden, die ausgewertet worden sind (43%). Menschenopfer wurden praktiziert in 5 von 20 egalitären Gesellschaften (25%), in 17 von 46 moderat hierarchisch gegliederten Gesellschaften (37%) und in 18 der 27 stark hierarchisch gegliederten Gesellschaften (67%). 

Und sie illustrieren diese Zahlenangaben mit folgenden Ausführungen (7):

The practice of human sacrifice was widespread throughout traditional Austronesian cultures. Common occasions for human sacrifice in these  societies included the breach of taboo or custom, the funeral of an  important chief, and the consecration of a newly built house or boat. Ethnographic descriptions highlight that the sacrificial victims were typically of low social status, such as slaves, and the instigators were of  high social status, such as priests and chiefs. The methods of sacrifice included burning, drowning, strangulation, bludgeoning, burial,  being crushed under a newly built canoe, being cut to pieces, as well as  being rolled off the roof of a house and then decapitated.

Kritische Einwände und weiterführende Gedanken zu dieser Studie

Nun ist zunächst zu sagen, daß 43 % von allen Gesellschaften ein häufiges Vorkommen ist. Aber mehrheitlich sind auch traditionelle austronesische Gesellschaften frei von Menschenopfern gewesen. Das heißt schon einmal: Es geht durchaus auch ohne. Punkt. Weiterhin ist zu sagen, daß die Korrelation von Menschenopfern mit stark hierarchischen Gesellschaften zwar vorhanden ist, aber ebenfalls nicht besonders stark ausgeprägt ist. Das heißt: Auch stark hierarchisch strukturierte Gesellschaften können ohne Menschenopfer funktionieren. 33 % können das. Das sind doch schon einmal wichtige Fakten.

Soweit man das in Erinnerung hat, begreifen sich durchgängig Menschen eines Stammes auch in Austronesien als Menschen eines Stammes und nicht zuerst als Angehörige einer Schicht innerhalb dieses Stammes (Oberschicht oder Unterschicht). Die Bewertung der Angehörigkeit zu einer Schicht oder Klasse als bedeutsamer denn die Angehörigkeit zu einem Stamm ist eine außerordentlich moderne Bewertung, die natürlich vor allem auf Karl Marx zurück geht ("Arbeiter aller Länder vereinigt euch!"). Eine streng hierarchisch gegliederte Gesellschaft war gewiß zum Beispiel die traditionelle indische. Aber bekanntlich haben hier die "Kasten" oftmals quasi-ethnischen Charakter. Außerdem weiß man gut, daß als Menschenopfer auch sonst oft Kriegsgefangene benutzt wurden oder eben Sklaven, die vormals auch Kriegsgefangene gewesen sein können, also jeweils Angehörige ursprünglich eines anderen Stammes. Ebenso wurden sicherlich überdurchschnittlich oft Verhaltensauffällige "geopfert", die sich gegen herrschende Sitten oder Gesetze verbrochen haben. (Das nimmt man ja zum Beispiel mit guten Gründen von vielen germanischen "Mooropfern" an.) In diesem Fall wäre zu fragen, ob die Funktion des "Opfers" wirklich so stark hervorzuheben ist gegenüber der Funktion schlicht der "Strafe" (in diesem Fall eben der Todesstrafe). Aber das sind letztlich alles Detail-Diskussionen, die natürlich jetzt zu führen sind.

Insgesamt ist es jedenfalls auffällig, daß die Autoren Oberschichten und Unterschichten einander so kraß gegenüber stellen wie man das selten aus völkerkundlichen Berichten selbst heraus liest, zumal aus dem austronesischen Raum. Man glaubt gerade angesichts dieser Tatsache deutlich zu spüren, daß die Autoren sich über den elitären Satanismus und die elitäre Pädokriminalität im Umfeld der heutigen organisierten Kriminalität und Regierungskriminalität auf höchsten Regierungs- und Geheimdienstebenen auf der Nordhalbkugel so wie sie hier auf dem Blog seit 2011 zur Genüge behandelt worden sind, für die Namen wie Dutroux in Belgien und Jimmy Savile in Großbritannien stehen und wie sie - weitgehend erfolglos - versucht wurden, etwa von Renate Rennenbach (SPD) im deutschen Bundestag zur Sprache zu bringen (von anderen im britischen Parlament oder sonstigen Volksvertretungen) schon informiert haben. Über jene organisierte Pädokriminalität also, die - nach einigen Berichten in den alternativen Medien - neuerdings sehr deutlich auch Wladimir Putin zur Sprache gebracht haben soll als Problem der US-amerikanischen Eliten. Wobei Putin allerdings selbst von dem so spektakulär in Großbritannien ermordeten russischen Journalisten Alexander Litwinenko - und mit glaubwürdigen Argumenten - der Pädokriminalität beschuldigt worden ist. Diese traut man einem Politiker durchaus zu, der sich von politischen Beratern wie Alexander Dugin beraten läßt, der Okkultlogen verherrlicht, man traut sie einem Politiker zu, der über Tschetschenien ein Terrorregime verhängt hat, der dort seit Jahren einen Völkermord begeht wie er einigermaßen beispiellos ist für das beginnende 21. Jahrhundert.

Sicher ist jedenfalls, daß schon die Stadtdespoten des vorkeramischen Neolithikums im Levanteraum (PPNB), von deren einigermaßen zur Grausamkeit fähigen Gesichtszügen man sich über die sogenannten "plastered skulls" einen hinreichenden Eindruck verschaffen kann, und die ebenso grausam aussehende Kaffeebohnen-Augen-Göttinnen verehrten, Menschenopfer begangen haben. (So wurde zum Beispiel auf dem Boden eines Brunnens das Skelett eines Kleinkindes gefunden, das mit dem Gesicht nach unten lag und das alle Anzeichen eines bewußten Menschenopfers aufwies.) Zu solchen autoritär regierten Despotien passen Menschenopfer sicherlich besonders gut und in solchen Gesellschaften haben Menschenopfer sicher jene Rolle gespielt, die die Autoren als "notwendig" zur Aufrechterhaltung der Stabilität vieler Gesellschaften der Menschheitsgeschichte ansprechen.

Außerdem sei noch als auffällig erwähnt, daß die Autoren gar nicht mitzuberücksichtigen scheinen, daß Menschenopfer, ausgeführt durch "Eliten" natürlich zugleich auch dazu dienen, andere Angehörige der Elite selbst einzuschüchtern. Merkwürdig und auffällig genug auch das Übersehen dieser Funktionalität.

Und weiterhin wird - soweit übersehbar - nicht der "Teufelskreis" erörtert, der bezüglich solcher Gebräuche dadurch entsteht, daß Menschen, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen erlebt haben, etwa indem sie rituellen Menschentötungen beiwohnen oder gar als Mittäter herangezogen werden, besonders leicht dazu neigen, als Erwachsene selbst wieder anderen Traumata zuzufügen, und daß es vergleichsweise schwer für solche Menschen ist, aus solchen Teufelskreisen auszubrechen, zumal wenn eben der allgemeine kulturelle Einschüchterungsgrad dermaßen hoch ist wie er ja auch hier angenommen wird.

Ergänzung 4.5.2022: Der Wissenschafts-Blogger Razib Khan hat das von David Anthony erneuerte "Narrativ" von kriegerischen Männerbünden bei den Indogermanen aufgegriffen (8). Er schildert das alles zwar recht anschaulich. Aber soweit übersehbar, ist darin nichts Neues enthalten. Wenn er auf die jungen Krieger bei den Massai hinweist, die zehn Jahre in der Wildnis leben müssen, um anerkannte Mitglieder der Gemeinschaft zu werden, so wird mehr als deutlich, daß es sich hier insgesamt um kein besonders indogermanisches kulturelles Merkmal handeln kann.

_______________________________________________________
  1. Höfler, Otto: Kultische Geheimbünde der Germanen. Diesterweg, Frankfurt 1934 – nur Band 1 erschienen. ( Habilitationsschrift an der Universität Wien aus dem Jahr 1931 mit dem Titel "Totenheer - Kultbund - Fastnachtsspiel".)
  2. Simon, Gerd: Homepage, https://homepages.uni-tuebingen.de//gerd.simon/, u.a. pdf
  3. Kummer, Bernhard: Gott Odin - Sein Chronist und sein Gefolge. Ein missionsgeschichtliches Problem und eine politische Gefahr. Mit einem Nachtrag: Zur Textkritik der ersten Eddastrophe. 2. Auflage, Verlag der Forschungsfragen unserer Zeit, Zeven 1967
  4. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen Wie entstanden die modernen europäischen Völker?  - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. Auf: Studium generale, 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  5. Anthony, David; Brown, Dorcas: The dogs of war - A Bronze Age initiation ritual in the Russian steppes. In: Journal of Anthropological Archaeology, 2017, https://www.academia.edu/34065125/The_dogs_of_war_A_Bronze_Age_initiation_ritual_in_the_Russian_steppes  
  6. Russell D. Graya and Joseph Watts: Cultural macroevolution matters. In: PNAS, July 25, 2017 vol. 114 no. 30, http://www.pnas.org/content/114/30/7846.full
  7. Watts, Joseph; Oliver Sheehan,    Quentin D. Atkinson,    Joseph Bulbulia    & Russell D. Gray: Ritual human sacrifice promoted and sustained the evolution of stratified societies. In: Nature     532,     228–231     (14 April 2016), https://www.nature.com/nature/journal/v532/n7598/abs/nature17159.html
  8. Khan, Razib: Casting out the wolf in our midst How shepherd and wolf remade Eurasia in their image, 3.5.2022, https://razib.substack.com/p/casting-out-the-wolf-in-our-midst 

Donnerstag, 13. Juli 2017

"What is the enemy? - White supremacy!"

Vom naturalistischen Fehlschluß in naturwissenschaftsnahen politischen Erörterungen

Das Wichtigste in Kürze: Charles Murray (geb. 1943) (Wiki), Autor des Bestseller "Bell Curve" von 1994, in dem angeborene Intelligenzunterschiede zwischen aschkenasischen Juden, Ostasiaten, Europäern und Schwarzafrikaner behandelt werden in Bezug auf die soziale Schichtung in der mulitkulturellen Gesellschaft in den USA, sollte Anfang März an einer US-amerikanischen Elite-Universität, dem Middlebury College, einen Vortrag halten. Dieser wurde durch Studentenproteste verhindert. Die Vorfälle lösten in der amerikanischen Öffentlichkeit eine Erörterung aus darüber, was, wie, wo und warum rund um die von Charles Murray und andere aufgeworfenen Erkenntnisse der modernen Intelligenzforschung erörtert werden sollte. Ein wenig Fahrt aufgenommen hat die dortige öffentliche Erörterung der Fragen durch den Umstand, daß der bekannte Gotteswahn-Kritiker Sam Harris aus diesem Anlaß ein langes Interview mit Charles Murray führte. In Deutschland hat noch niemand (niemand!) auf diese aktuelle Erörterung in den USA hingewiesen, deshalb der folgende Blogbeitrag.

Der naturwissenschaftsnahe, rechtskonservative Thinktank "American Enterprise Institute" hat Studentengruppen an der einen oder anderen US-amerikanischen Universität. Nun gibt es das "Middlebury College" im US-Bundesstaat Vermont (Wiki) - gelegen etwa 300 Kilometer nördlich von Boston und 50 Kilometer südlich der kanadischen Grenze. Es gehört zu den Eliteuniversitäten der USA. Und dort hat eine solche Studentengruppe nun ein Mitglied des genannten Instituts, den schätzenswerten Autor Charles Murray (geb. 1943) (Wiki), gebeten, einen Vortag zu halten.

Von diesem Vortrag gibt es ein Video (1). Im Publikum ist aufgebrachte Stimmung, es läßt aber alle Vorredner von Charles Murray aussprechen. Als dann Charles Murray selbst an das Podium tritt, erhebt sich wohl etwa die Hälfte aller im Saal anwesenden Studierenden, kehrt ihm den Rücken zu und liest im Sprechchor einen Text ab. Am Schluß hämmert dieser Sprechchor sich selbst und den sonstigen Zuhörenden in oftmaliger Wiederholung den Satz ein: "What is the enemy? - White supremacy" (1; etwa ab Minute 23). Man fühlt sich an die Agitprop-Propaganda in kommunistischen Staaten erinnert. 

Und das ist natürlich ein hochgradig intellektuell differenzierter Debatten-Beitrag, würdig einer amerikanischen Elite-Universität.

Das Schlagwort "White supremacy" ist in Deutschland (noch) wenig gebräuchlich. Was mit ihm angesprochen sein soll, kann man auf Wikipedia nachlesen (Wiki). Es erfordert natürlich nur wenig intellektuellen Scharfsinn, sich klar zu machen, daß dieses Schlagwort den sogenannten "naturalistischen Fehlschluß" unterstellt, nämlich den vom Sein zum Sollen, also: Weil die aschkenasischen Juden angeborenermaßen das intelligenteste Volk der Erde sind, müssen sie auch über alle anderen Völker herrschen. Oder: Weil die Ostasiaten angeborenermaßen die zweit-intelligentesten Menschengruppe auf der Erde sind, müssen sie an der Herrschaft über alle anderen Völker mitbeteiligt werden. Oder: Weil die Weißen europäischer Herkunft angeborenermaßen die dritt-intelligenteste Menschengruppe sind - aber zugleich aufgrund der Geschichte die unverfrorenste von allen - muß sie über alle Völker herrschen. Oder: Weil die Schwarzafrikaner zu den angeborenermaßen weniger intelligenten Völkern gehören, müssen sie versklavt und beherrscht werden.

Das ist natürlich alles ganz und gar platt gedacht. Aber genau deshalb wird ja das Denken in solchen naturalistischen Fehlschlüssen von Religionsgesellschaften, Geheimgesellschaften, Geheimdiensten, Großbanken und sonstigen Hintergrundmächten seit gut hundert Jahren allerorten gefördert, wo es diesen dienlich erscheint, nämlich: um eine Beschäftigung mit den damit verbundenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aus humanem Geist heraus von vornherein in der bestmöglichen Weise zu diskreditieren.

Jedenfalls: Der Vortrag von Charles Murray mußte abgebrochen werden und an anderem Ort durchgeführt werden. Dabei scheint es zu Rangeleien gekommen sein, wobei Menschen verletzt wurden (Wiki). Übrigens hat Charles Murray in früheren Jahren auch schon ganz unbeanstandet Vorträge an deutschen Universitäten gehalten. Sein Buch "Human Accomplishment" läßt einen tiefen Blick werfen in die Tatsache, daß über 90 % aller kulturellen Errungenschaften der Menschheit 1. von Europäern, 2. von Männern hervorgebracht worden sind. Mit diesen Forschungen kann man sich wissenschaftlich seriös auseinandersetzen. Aber das geht natürlich nicht in Sprechchören.

Sam Harris führt ein Interview mit Charles Murray


Jedenfalls hat der ganze Vorgang nun in den USA eine Erörterung des Themas Meinungsfreiheit ausgelöst. Mehr oder weniger entscheidend ist aber, daß auch der Gotteswahn-Kritiker Sam Harris (geb. 1967) diesen Vorfall zum Anlaß genommen hat, um am 23. April 2017 mit Charles Murray ein über zweistündiges Interview zu führen (2).

Und dies hinwiederum führte dazu, daß die Erörterung nun auch ihren Weg in den angesehenen US-amerikanischen "National Review" gefunden hat (3, 4). Dort befürworten in zwei Artikeln Hochschullehrer, daß es keine Rede- und Forschungstabus zu diesem Thema geben dürfe. Immerhin! Will heißen: Der erste Artikel meint, das Thema könne gerne weiter in abseitigen Internetforen und -blogs (wie unserem) weiter diskutiert werden - aber bitteschön nicht in den großen Medien. Oder gar in Parteien, Verbänden und so weiter. Nun, hier wird offenbar nur das Faktum anerkannt, daß man eine Diskussion im Internet sowieso schwer verhindern kann! :) 

Aber auch gegen diese Nonchalance stellt sich der antwortende Artikel, der meint, das Thema müsse auch in den großen Medien offen behandelt werden (4).

An inhaltlichen Sachargumenten gibt es - soweit wir das übersehen - kaum neue, deshalb soll an dieser Stelle auf diese Erörterungen nur hingewiesen werden, ohne daß wir uns hier zunächst mit weiteren Einzelheiten befassen wollen. Das haben wir an früherer Stelle schon genügend getan hier auf dem Blog. (Etwa 2010 rund um die Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin "Deutschland schafft sich ab".)

Als auffällig sei noch vermerkt, daß - soweit übersehbar - dies der erste deutschsprachige Blog ist, der auf diese Erörterungen in den USA überhaupt hinweist, von anderen deutschsprachigen Medien ganz abgesehen. Und das, obwohl es doch auch in Deutschland viele Sympathisanten von Sam Harris in der kirchenfreien Szene gibt. Als auffällig sei weiterhin vermerkt, daß die ganzen deutschen Rechtskonservativen rund um Pegida, Identitäre Bewegung und AfD natürlich hochgradig wichtigere Dinge zu tun haben, als sich mit solchen grundlegenden Verschiebungen im Welt- und Menschenbild überhaupt zu befassen. Dort möchte man die Menschen - offenbar - lieber dumm lassen, damit man "später" dann um so besser als Rechtspopulist naturalistische Fehlschlüsse predigen kann. Ohne Frage.

Denn der Autor dieser Zeilen weiß aus verschiedenen Äußerungen, die er selbst gehört hat oder die ihm mitgeteilt wurden, daß den führenden Politikern der AfD bekannt ist, daß das naturwissenschaftsnahe Argument das stärkste Argument in der politischen Debatte ist. Es gibt da ganz klar irgendwelche Hintergrund-Stichwortgeber, die diesen Politikern "beratend" zuraunen, daß das Argument zwar vorhanden ist und grundsätzlich benutzt werden kann, daß man es aber - vorerst - (aus welchen taktischen Gründen auch immer) noch nicht benutzen dürfe. Es wird das erkennbar am Denken, Handeln und an (vereinzelten) Äußerungen von solchen Politikern und Politikberatern wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder Michael Klonovsky. Daß ein solches Bewußtsein und Denken zum Beispiel besonders prägnant bei Hans-Thomas Tillschneider (geb. 1978) vorliegt, ist uns von dritter Seite, von Seiten eines Leser dieses Blogs, sehr eindrucksvoll übermittelt worden. Wir wissen: Hans-Thomas Tillschneider ist sich der Kraft des naturwissenschaftsnahen Argumentes bewußt. Und benutzt es ganz bewußt nicht.

Da nun bei dem vielen Taktieren des Führungspersonals der AfD auch sonst allzu deutlich durchscheint, daß hier viele gruppenevolutionäre Strategien verfolgt werden - - - nur keine deutschen - ist es nur zwangsläufig, daß dies auch und insbesondere bezüglich des Umgangs mit dem naturwissenschaftsnahen Menschen- und Völkerbild so geschieht. Es könnte ja Völker retten. Und wer will das schon.

________________________________________________
  1. DiGravio, Will: Students Protest Lecture By Dr. Charles Murray at Middlebury, 2.3.2017, https://www.youtube.com/watch?v=a6EASuhefeI
  2. Harris, Sam: Waking Up With Sam Harris #73 - Forbidden Knowledge (with Charles Murray). 23.4.2017, https://www.youtube.com/watch?v=Y1lEPQYQk8s
  3. McWorter, John: Stop Obsessing Over Race and IQ - It serves no purpose. In: National Review, 10.7.2017, http://www.nationalreview.com/article/449208/race-iq-debate-serves-no-purpose
  4. Anomaly, Jonathan; Boutwell, Brian: A Reply to John McWhorter - We shouldn’t obsess about race and IQ, but we should openly discuss it. In: National Review, 12. Juli 2017, http://www.nationalreview.com/article/449388/race-iq-dont-obsess-over-it-do-discuss-it

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share