Samstag, 30. August 2008

Asiaten sehen und erleben die Welt und die Menschen anders als Europäer

Diese Abbildung zeigt, wie unterschiedlich Ostasiaten (blau) und Europäer (rot) sich Gesichter anschauen. (ScienceNOW, PLoS One) Der Blick von Ostasiaten (in der hier behandelten Studie 14 Londoner Studenten, die erst wenige Tage in England waren) richtet sich in die Mitte des Gesichts und versucht, das Gesicht "ganzheitlich" zu erfassen. Der Blick von Europäern (14 Londoner Studenten) wechselt hin und her zwischen der Augen- und Mundpartie und "analysiert" die Zusammenhänge. Die Autoren schreiben:

In general, Western Caucasian observers had significantly more fixations landing in the eye region, while East Asian observers had more fixations on the nose region. (...) Western Caucasian observers prominently fixated the eye region during learning and recognition. In contrast, East Asians consistently fixated the central region of the face. (...) This analysis highlights the consistency of the bias towards the eyes (and partially the mouth) by Western Caucasian observers and the nose, the central region of the face, by East Asian observers across time and tasks.
Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse als Folge kultureller Beeinflussung:
Direct or excessive eye contact may be considered rude in East Asian cultures and this social norm might have determined gaze avoidance in East Asian observers.

Diese Interpretation ist wohl noch ein bischen zu kurz gegriffen. Um eine genetische Komponente auszuschließen, müßten günstigstenfalls ostasiatische Adoptivkinder untersucht wurden, die seit der Zeit kurz nach der Geburt im Westen in westlichen Familien aufgewachsen sind. Studien an solchen Kindern zeigten ja schon vor einigen Jahren erstaunliche Beeinflussungen der unterschiedlichen Wahrnehmung durch die unterschiedliche Muttersprache. Die Wahrnehmungen waren nämlich bei ostasiatischen und europäischen Kindern gleich, solange sie noch nicht durch die Muttersprache geprägt worden waren.

Muttersprachliche Prägungen 

Deshalb werden es wohl nicht vornehmlich soziale Normen sein, die die Kinder erst im späteren Lebensalter lernen, sondern auch hier bei der Gesichtererkennung schon muttersprachliche Prägungen, die viel tiefer gehen, die viel unbewußter, vorrationaler und basaler sind, und denen sich die meisten Menschen gar nicht richtig bewußt sind. (Die Forscher betonen auch, daß die kulturellen Unterschiede in der Gesichtswahrnehmung anders sind als bei der Wahrnehmung von Menschen oder Tieren in einer natürlichen Umgebung, die schon zuvor von Robert Nisbett erforscht worden war. (Siehe Studium generale) 

Während bei der Gesichtererkennung Ostasiaten sehr genau einen Punkt (die Nase) fixieren, fixieren Europäer bei der Wahrnehmung von Lebewesen in der Landschaft diese einzelnen Lebewesen sehr genau. Ostasiaten sehen dagegen das Lebewesen mehr im Zusammenhang mit der Umgebung und verteilen die Blicke auch auf die Umgebung, während Europäer bei der Gesichtswahrnehmung mehr die Einzelheiten eines Gesichtes und ihre Zusammenhänge untereinander zu interessieren scheint und diese analysieren.) 

Man darf annehmen, daß eine andere Wahrnehmung von Welt und Menschen auch zu einem anderen Erleben von Welt und Menschen führt, auch zu anderen emotionalen Reaktionen darauf und darum auch zu anderen moralischen Bewertungen und damit auch zu anderem sozialen Handeln führt. Zwischen all diesen Dingen besteht ein Zusammenhang, bestehen Rückkoppelungs-Prozesse. Rückkoppelungs-Prozesse, die insbesondere schon durch muttersprachliche Prägung irreversibel vorgebahnt werden und später nur noch wenig verändert werden können. 

Siehe auch Studium generale: 1, 2, 3, 4.

Freitag, 29. August 2008

Alfred Wallace und Charles Darwin

Eine gelegentlich diskutierte Frage ist, ob nicht der Biologe Alfred Wallace ebenso berühmt sein sollte wie Charles Darwin, da er den Gedanken von der Evolution durch natürliche Zuchtwahl mindestens zur gleichen Zeit wie Darwin geäußert habe. (siehe etwa Michael Blume)

Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera hat in einem Leserbrief in "Nature" im Mai wie man finden kann recht klärend zu dieser Frage Stellung genommen. Er berichtet, daß Wallace selbst den Begriff "Darwinismus" benutzt hat. Man darf also annehmen, daß Wallace kein ruhmsüchtiger, sondern ein eher bescheidener Mensch gewesen ist, was doch eigentlich sehr sympathisch ist. Kutschera schreibt:

In their Correspondence 'Celebrations for Darwin downplay Wallace's role' (Nature 451, 1050; doi:10.1038/4511050d 2008), G. W. Beccaloni and V. S. Smith question why Alfred Russel Wallace's achievements have been overshadowed by those of Charles Darwin, despite their discovery together of natural selection and its significance for the transformation of species (C. Darwin & A. R. Wallace J. Proc. Linn. Soc. Lond. 3, 45–62; 1858). I think the reasons for this are threefold.

First, Darwin's 1859 book On the Origin of Species describes the theory of descent with modification by means of natural selection in much more detail than is found in his short essay with Wallace, published the previous year. The book became a bestseller and was translated into many languages. Nature's archives reveal the immediate impact of Darwin's monograph — see, for instance, T. H. Huxley's anniversary Editorial ('The coming of age of The Origin of Species' Nature 22, 1–4; 1880), but this made no mention of Wallace's contribution.

Second, Wallace had always acknowledged the priority of Darwin with respect to their joint discovery published in 1858. He used the term 'darwinism' as a synonym for 'the darwinian theory of natural selection' and popularized it (A. R. Wallace Darwinism Macmillan, London, 1889). To my knowledge, 'wallaceism' is a term that has never been coined.

Finally, Wallace was heavily involved with spiritualism by the 1860s. He confirmed his belief in miracles and defended so-called supernatural phenomena, such as 'table-tapping', for the rest of his long life. This seriously undermined his credibility as a scientist, and cast a shadow over his brilliant theoretical work of 1858 on the struggle for existence in wild animal populations.

What can we do to rehabilitate Wallace and to acknowledge his important contributions to evolutionary biology? The 'Darwin–Wallace principle of natural selection' could be substituted for the old-fashioned 'darwinism', which smacks more of a political ideology than a modern scientific theory. This simple change in terminology might restore balance to the Darwin-dominated view of the history of the life sciences.

Schade, daß der Wallace so sehr ins spirituelle Fahrwasser geriet ...

Donnerstag, 28. August 2008

Das Sommerlager des Varus an der Weser 9 n. Ztr. entdeckt

Höchstwahrscheinlich ist das Sommerlager des Varus aus dem Jahre 9 n. Ztr. entdeckt worden, jenes Sommerlager an der Weser, von dem er Anfang Herbst vor (nächstes Jahr) 2000 Jahren in seinen Untergang nach Kalkriese ins "Große Moor" gezogen ist. Das Sommerlager lag in Porta Westfalica-Barkhausen (Wiki).

Abb. 1: Ausgrabungen auf dem Areal des Römerlagers bei Porta Westfalica-Barkhausen, im Hintergrund der Wittekindsberg mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal - Fotograf: Ronald Reimann, 2008 (Wiki)

Hier ist ein schönes Video über die gegenwärtigen Ausgrabungen. Viele - und erschöpfende - Zeitungsberichte dazu findet man gegenwärtig hier.

Es wäre das eine glänzende Ergänzung zu der Entdeckung des eigentlichen Schlachtfeldes bei Kalkriese vor 20 Jahren.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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