Montag, 5. Oktober 2009

Philosophie heute: Nicht im Habermas-Stil - aber wie dann?

... "wholehearted", sagt Norbert Bolz

Im aktuellen "Cicero" wird der in den Medien häufig präsente Medienwissenschaftler Norbert Bolz zur aktuellen Lage der akademischen Philosophie in Deutschland und der Welt befragt. Und er sagt zu derem heutigen desparaten Zustand:
... Impulse kann man nur noch von großen Persönlichkeiten im antiken Sinne erwarten. Von Leuten, die sich nicht als Spaßphilosophen verstehen, sondern mit ungeheurem Ernst nach Antworten suchen. Harry Frankfurt hat für diese Haltung das Adjektiv "wholehearted" geprägt, also ein Erkenntnisinteresse "aus ganzem Herzen".
"Erkenntnisinteresse aus ganzem Herzen"? Und das hätte nicht jeder heutige Philosoph? - ? Wenn das wirklich der Fall wäre: Woran würde es liegen?

"Gestus latenter Bevormundung"

Offenbar unter anderem an einem "Gestus latenter Bevormundung" und "philosophischer Umerziehung", wie man es der Antwort auf die nächste Frage entnehmen kann:
- Würden Sie Jürgen Habermas als Vertreter einer solchen Richtung charakterisieren?
Nein. Jürgen Habermas gehört sicherlich zu den führenden Intellektuellen, andererseits hatte sein Ansatz verheerende Folgen. Er versteht sich als "praeceptor germaniae", er wollte von Beginn an die Deutschen aus ihrer Unmündigkeit befreien und ihnen die richtige Gesinnung beibringen. Er ist stolz darauf, ein Kind der "Reeducation" zu sein, und so ist er erfüllt vom Geist der "philosophical reeducation". Er wollte politisch wirken, deshalb hat er Proselyten gemacht und den Habermasismus nun schon in der zweiten Generation weitergegeben. Dieser Kometenschweif der Habermasisten ist immer noch präsent im Gestus einer latenten Bevormundung.
"Latent" heißt "nicht sichtbar, aber vorhanden". Damit wäre gesagt, daß "philosophische Umerziehung" im Sinne von Jürgen Habermas etwas anderes gewesen wäre als "Aufklärung" im Sinne von Immanuel Kant. Da täten sich dann gewiß Abgründe auf: Einerseits Umerziehung im Sinne der westalliierten Kriegspropaganda, um uns Deutsche und den Rest der Welt vor den offenbar mit großer Selbstsicherheit abschließend erkannten negativen Seiten der "Dialektik der Aufklärung" zu bewahren. Andererseits - Kant - Aufklärung zunächst ganz ohne jeden weiteren Nebengedanken, ohne Absicht, allein um der Aufklärung selbst willen. ... - Aber folgen wir der nächste Frage:
- Sehen Sie zurzeit andere Philosophen, die dem Anspruch gerecht werden, aus ganzem Herzen zu arbeiten?
Peter Sloterdijk erfüllt dieses Ideal. Ich habe keinen Zweifel daran, dass seine Haltung "wholehearted" ist, man spürt sie in seinen Schriften. Vor ihm hat Ernst Tugendhat solch einen Typus verkörpert, doch er hat keine Schule ausgebildet, er hat keine geistigen Nachfolger. In Amerika würde ich den bereits erwähnten Harry Frankfurt nennen. Er ist sich aller Probleme der Philosophie bewusst, lässt sich wie die antiken Philosophen den Anspruch auf Wahrheit jedoch nicht ausreden. Bei ihm geht es um die "logique de coeur", nicht um "la raison". Die Logik des Herzens könnte die Philosophie weiterführen - als Versuch, das absolute Wissen zu konstruieren.
"Große Persönlichkeiten im antiken Sinne" fehlen

Harry Frankfurt? Weder auf dem deutschen noch auf dem englischen Wikipedia steht besonders viel über ihn. Außer daß er - offenbar - einen "wegleitenden" Beitrag "Über Scheiße" geschrieben hat ("On Bullshit"). Das wird sicherlich auch mit einer "logique de coeur" zu tun haben. Sicherlich wird hier noch mancher Leser - selbst des "Cicero" - so seine Bildungslücken zu schließen haben, was Logik, Herz und Scheiße betrifft.

Und wie sieht es aus mit Peter Sloterdijk? Wirklich "ein großer Philosoph im antiken Sinne"? Wir bringen rechts einen Ausschnitt aus dem Gemälde "Das Gastmahl" von Anselm Feuerbach (Platon begrüßt Alkibiades, rechts - hier nicht abgebildet - sitzen weitere "große Philosophen im antiken Sinne", Sokrates zum Beispiel). Und mit einem solchen, aus ganzen Herzen gemalten Gemälde könnte angedeutet werden:

Um "große Philosophen im antiken Sinne" hervorzubringen, ist es sicherlich sinnvoll, zunächst auch eine Kultur insgesamt im "antiken Sinne" anzustreben. Das ergibt sich sicherlich als "zwangsläufige" Konsequenz des philosophischen Gedankens. Und dazu wäre noch viel zu tun. Anknüpfen kann man unter anderem an die philosophischen Ansätze Friedrich Hölderlins im Sinne Dieter Henrichs und an seinem von Philosophie geleiteten Dichten. Die auch schon von Friedrich Schiller vorausgeahnte Vereinigung von Geistes- und Naturwissenschaft muß früher oder später in eine Hölderlin-Rennaisance von "antikem Ausmaß" münden.

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