Mittwoch, 14. Oktober 2009

Wolfgang Harich: Der Geist ist ein Wühler ...

Das faszinierende und zugleich groteske Leben des bekennenden deutschen Kommunisten Wolfgang Harich (1923 - 1995)


So wie er in seiner Jugend Frauen gegenüber ein "Hochstapler" gewesen ist (2, S. 92f), ein "Blender", um sie - immer wieder neue - für sich zu gewinnen - seit seinem siebten Lebensjahr gibt er vor, keinen einzigen Tag in seinem Leben nicht verliebt gewesen zu sein (5) - so scheint der deutsche kommunistische Intellektuelle Wolfgang Harich (1923 - 1995) auch dem Kommunismus gegenüber zeit seines Lebens ein "Hochstapler" gewesen und geblieben zu sein. Er, der 1956 die DDR und ihre Nomenklatura reformieren wollte, indem er den Marxismus-Leninismus und seine Parteidoktrinen noch intelligenter, will heißen "hochstaplerischer", offensiver auslegte, als das irgend ein anderer Kommunist seiner Zeit tun konnte, er, der sich dabei zeit seines Lebens naiver stellte, als er es überhaupt hätte sein brauchen.

Aber auch naiv verhalten sich mitunter intelligente, vergeistigte Männer Frauen gegenüber. Warum also nicht auch einmal dem Kommunismus und seiner Nomenklatura gegenüber, wenn man einmal in solche Verrücktheiten hineingeraten ist durch etwaige einschneidendere Prägungen in frühreifer Jugend?

In jedem Fall: Was für ein verwegenes, hochstaplerisches Leben und Denken! Das Leben und Denken dieses deutschen Kommunisten Wolfgang Harich.

Die Ausbreitung des Kommunismus in Europa 1945

Die Ausbreitung des Kommunismus bis nach Mitteleuropa, bis in die Mitte Deutschlands hinein, bis an die Elbe und eine damit einhergehende Zweiteilung Europas waren das Kriegsziel der westlichen Alliierten spätestens seit 1941, als von westalliierter Seite zu gleicher Zeit der unterschiedslose Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung immer größere Dimensionen annahm und noch bevor von der Ermordung der europäischen Juden etwas im Westen bekannt geworden war. (1)

Den Westalliierten war bewußt, daß mit der Tolerierung und Förderung der Ausbreitung des Kommunismus einem verbrecherischen Regime Vorschub geleistet würde, das verbrecherische Methoden anwendete gegenüber allen Menschen, die in seinem Herrschaftsbereich lebten oder die in diesen hineingeraten würden.

In der Geschichtswissenschaft gibt es bis heute auffallend wenig Auseinandersetzungen darüber, ob es zu dem Geschichtsverlauf der Ausbreitung des Kommunismus im Jahr 1945 nach Mitteleuropa hinein realistische Alternativen gegeben hätte. Aber zum Teil wurde die Ausbreitung des Kommunismus nach Mitteleuropa von westlichen Politikern auch deshalb gefordert, weil die eigenen westalliierten Truppen nicht so rücksichtslos und erbarmungslos gegen die Zivilbevölkerung würden vorgehen können, wie man dies von den sowjetischen Truppen würde erwarten können.

Denn die eigenen Truppen würden von Journalisten begleitet und würden Rücksicht nehmen müssen auf die öffentliche Meinung im Westen (so der amerikanische Kriegsminister Simpson und viele andere). (1) Solche und viele andere Erwägungen zeigen auf, daß man ab einem bestimmten Zeitpunkt, in maßgebenden Kreisen seit 1941, gar nicht mehr ernsthaft über Alternativen zu dem schon 1941 "vorausgesehenen" und dann auch eingetretenen Kriegsende von 1945 nachdachte, sondern genau dieses Kriegsende für das Wünschenswerteste hielt, das der Welt überhaupt passieren könnte.

Man kann also sagen, daß der "Eiserne Vorhang", der nach dem 8. Mai 1945 östlich der Elbe niederging, letztlich vom Westen mit eingeplant gewesen und von diesem bewußt vorausgesehen worden war. Nicht anders war ja auch die berühmte und so tief menschen- und kulturverachtende "Westverschiebung Polens" zu bewerkstelligen und all die ungeheuerlichen Verbrechen, die damit neuerlich impliziert waren.

Bewußt wurden auch alle Kontakte zu Widerstandsgruppen innerhalb Deutschlands zurückgewiesen oder auffallend lauwarm gepflegt. Stattdessen wurde die Forderung nach der bedingungslosen Kapitualtion Deutschlands sowohl gegenüber der Sowjetunion als auch gegenüber den westlichen Kriegsparteien (gleichzeitig) gestellt. Damit war der Möglichkeit eines "Separatfriedens" im Westen der Boden entzogen.

Und damit der unberechenbare, mißtrauische Stalin nicht seinerseits einen Seperatfrieden mit Deutschland schließen würde, konnte man die ganze Kriegszeit über mit dem gefangen genommenen Rudolf Heß "wohldosiert" drohen, nämlich daß man im Falle eines Falles mit ihm schneller zu einem Seperatfrieden mit Deutschland kommen würde, als Stalin seinerseits mit Deutschland.

1955 wurde dem vormaligen britischen Kriegspremier Winston Churchill der "Karlspreis" der Stadt Aachen verliehen. Winston Churchill war es Jahrzehnte lang gelungen, die Geschichtsfälschung zu verbreiten, er hätte ja - erfolglos - eine alliierte Landung auf dem Balkan angestrebt, um der Sowjetunion in Osteuropa zuvorzukommen. Daß er dies niemals ernsthaft angestrebt hat, ist schon vor mehreren Jahrzehnten von der Geschichtswissenschaft aufgedeckt worden. (1) Von dieser Tatsache hat sich aber bisher das geschichtliche Bewußtsein niemals in deutlicherer Weise beeinflussen lassen.

Mit unserem Geschichtsbewußtsein denken wir deshalb heute noch immer in den Schienen der Denkmuster des Kalten Krieges in der Art und Weise, in der sie nach 1945 eingestellt worden sind.

Welche Folgen hat die Ausbreitung des Kommunismus?

Aber wie haben sich Menschen im zweigeteilten Deutschland und Europa innerhalb der letzten 50 Jahre - und auch heute noch - in dieser soeben geschilderten, fast alternativlosen, zubetonierten, starr festgelegten geschichtlichen Situation, auf die sie selbst kaum Einfluß nehmen konnten, zurechtgefunden? Wie haben sie gehandelt? Welche Langzeitwirkungen an seelischen Verwüstungen waren die Folgen a) des Nationalsozialismus, b) der die Ausbreitung des Kommunismus erbarmungslos fördernden Kriegszielpolitik der Westalliierten und c) des Kommunismus selbst?

Menschen wie Rudi Dutschke lehnten sich gegen die Zweiteilung Deutschlands und Europas auf. Menschen wie Heinrich George starben in sowjetischen "Speziallagern". Menschen wie der vormalige deutschen General bei Stalingrad, Walther von Seydlitz, schlossen sich dem Nationalkommitee Freies Deutschland an und unterstützten den Kommunismus. Und Menschen wie Wolfgang Harich (1923 - 1995) genossen während der Kriegsjahre zum einen Teil das süße Leben in der Heimat und durchlebten zum anderen Teil "Schweijk-mäßige" Odyseen als sich vor dem Kriegsdienst drückende Wehrmachtsangehörige. Und sie wurden - noch während des Krieges - Kommunisten. Und sie blieben dies zeitlebens.

Andere Menschen "warteten auf Antwort" ein Leben lang. Wiederum andere Menschen lehnten sich gegen das System auf. Menschen wie Roland Garve, Jürgen Fuchs, DDR-Dissidenten, prominente Opfer der Stasi, Inhaftierte in Hohenschönhausen etwa. Wieviele tausende von unterschiedlichen Schicksalen!

Und der eine oder andere von ihnen - wie etwa Wolfgang Harich - bewahrten sich dennoch, obwohl sie zeit ihres Lebens eher auf Seiten der Täter als der der Opfer standen, auf dem einen oder anderen Gebiet ihres Denkens und Handelns eine innerseelische - und zum Teil auch äußere Freiheit -, wie dies der Mehrheit ihrer Mitmenschen - und zumal in der Nomenklatura der DDR - noch nicht einmal einen Fingerbreit gelang. Dies war allerdings - allzu oft - nur unter persönlichen Opfern zu erkaufen. Wolfgang Harich saß dafür, daß er sich 1956 in der DDR in "hochstaplerischer" Weise zu viele "Freiheiten" herausgenommen hatte, acht Jahre in Einzelhaft in Bautzen.

Der Kommunist und Schöngeist, der feurige Liebhaber

Wolfgang Harich. Der Kommunist und Schöngeist, der feurige Liebhaber vieler Frauen, der fast stolz darauf war, daß seine Ehefrau eine der Geliebten von Bertold Brecht war, der DDR-Dissident und Stalinist, der acht Jahre lang in Bautzen in Einzelhaft einsaß, weil er 1956 - während des ungarischen Aufstandes - die Absetzung Walter Ulbrichts und die Wiedervereinigung Deutschlands auf sozialistisch-demokratischer Grundlage gefordert hatte.

Er, der von seinen Unterdrückern in der DDR verachtet wurde, weil er sich nach seiner Haft dennoch wieder an sie anbiederte, der noch in den späten 1980er Jahren ein staatliches Verbot aller Bücher Friedrich Nietzsches in der DDR forderte, worüber sogar die verhärtetsten Parteibonzen der Nomenklatura nur noch mit dem Kopf schütteln konnten, und der um solcher und anderer Haltungen hinwiederum von anderen DDR-Dissidenten ebenfalls verachtet wurde. Dessen Ruf schlecht gemacht wurde auch in den Augen vieler westlicher Sympathisanten, da er sich an das System anbiederte in einer Weise, in der es damals zumeist noch nicht einmal mehr die verhärtetsten Stalinisten taten. Und dessen Parteilinien-programmatische Gespräche über die Einbeziehung der Philosophen Nicolai Hartmann und Geroge Lukacsz in die philosophische Programmatik des von der DDR vertretenen Marxismus-Leninismus in den Jahren 2000 und 2004 posthum in dem renommierten westdeutschen Verlag Königshausen und Neumann veröffentlicht worden sind. Nicolai Hartmann war der Hochschullehrer Wolfgang Harichs in Kriegszeiten in Berlin gewesen. Deshalb sind diese Bücher Hartmann's auch ein wichtiger Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Philosophen Nicolai Hartmann.

Wolfgang Harich - was war das für ein merkwürdiger Mensch?

Und mußte man wirklich so "schwierig" gestrickt sein in seiner eigenen Charakterlage, wenn man sich - wenigstens - Inseln von seelischer Lebendigkeit in einem solchen System wie dem der DDR erhalten wollte? Daß sich Wolfgang Harich viele solcher Inseln seelischer Lebendigkeit zeitlebens erhalten konnte, davon zeugen - nicht zuletzt - die Lebenserinnerungen seiner letzten Frau, einer "unstudierten" Krankenschwester. Diese lesenwerten Lebenserinnerungen sind vor zwei Jahren erschienen. (2)

Wolfgang Harich, Philosoph und Literaturwissenschaftler

Durch ihr Buch lernt man viele interessante Seiten der Persönlichkeit Wolfgang Harich kennen. Was scheibt Harich etwa über Heinrich Heine? Heinrich Heines Schrift "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" wird von den bürgerlichen Historikern der Philosophie nicht genügend gewürdigt (2, S. 71):
Tatsächlich handelt es sich hier aber um den ersten Versuch, die historisch-gesellschaftliche Funktion der klassischen deutschen Philosophie von Leibnitz bis Hegel zu erfassen, ihren revolutionären Kern herauszuarbeiten und gleichzeitig ihre philisterhaften Seiten, ihre Abhängigkeit von der deutschen Misere, ihre idealistische Verschrobenheit zu kritisieren.
Welch treffende Charakterisierung! Harich versteht es auch, wenn Leser ungeduldig und wütend werden auf den deutschen Schriftsteller Jean Paul, den er im letzten Jahr seiner Haftzeit in Bautzen so stark lieb gewonnen hatte (2, S. 44):
... weil sie seine übermütigen, albernen, ausschweifenden Phantasien, die in groteske Metaphern münden, nicht verstehen und mit ihnen nicht zurechtkommen. Und wenn ich (Anne Harich) ihn (Wolfgang Harich) frage: Hat er dich auch manchmal genervt?, dann sagt er: Ja, na selbstverständlich, Jean Paul kann furchtbar sein, Jean Paul läßt sich nicht schnell lesen, der zwingt einen, seine Mitteilungen genau zu verfolgen, man muß sich mit ihm beschäftigen, er verlangt einem Zeit ab, und er verlangt Mitdenken; aber dann, hat man sich erst einmal durchgebissen, dann ist es etwas Herrliches. Die Jean Paulschen Charaktere bleiben einem unvergeßlich, und man begegnet ihnen überall. Er lehrt einen das Beobachten, das Näherhinsehen. Katzenberger, der nur sein wissenschaftliches Ziel sieht, und Nies, der eitle Schriftsteller, werden in unseren Unterhaltungen zu feststehenden Begriffen und Vorstellungen, wenn es darum geht, jemanden mit einem Wort zu charakterisieren.
Harich selbst schreibt über Jean Paul 1965 in einem Brief (2, s. 298f):
Ich kann heute ohne Übertreibung sagen, daß ich dem Jean-Paul-Studium in meinem letzten Haftjahr eines der herrlichsten Bildungserlebnisse meines ganzen bisherigen Lebens verdanke. (...) Diese 'heroischen Romane' Jean Pauls, die im Zeichen der Französischen Revolution das edle Pathos des 'Werther' und des 'Hyperion' mit grandiosem Humor und sieghaftem Optimismus verbinden.
Harich hat nach eigener Aussage in seinem umfangreichen Werk über Jean Paul den "heroischen Romanen" dieses deutschen Schriftstellers eine neue literaturgeschichtliche Deutung gegeben, die größtenteils vom deutschen und europäischen Kulturbewußtsein noch nicht aufgenommen worden ist. Oder - aus dem Bericht von Anne Harich (2, S. 43):
Wissend um meine Vorliebe für die russische Literatur, fragt er (Harich) mich, ob ich den "Oblomow" kenne. Ich kannte ihn nicht. Oh, raunte er, das ist etwas Wunderbares, den solltest du kennenlernen! Soll ich dir daraus etwas vorlesen? Ich sage ja, und durch Harich erfahre ich "Oblomows Traum", und er stimmt mich ein auf einen der schönsten und ergreifendsten Romane. Ich lese und bin ganz für Oblomow, und ich lege das Buch erst beiseite, als es zu Ende ist. Und Harich genießt meinen Genuß und meine Freude an und meinen Kummer um Oblomow, und wir reden die ganzen neun Jahre über Oblomow, über Sachar, über Stolz und über Olga, über die Liebe und über uns, und wir liegen auf dem Sofa und oblomowieren, das heißt: Wir liegen rum und machen gar nichts, oder wir lesen oder reden miteinander oder hören Musik.
Im April 1946 schon schrieb Harich in einem Brief an einen Kollegen (2, S. 81f):
Dabei wäre es unsere Aufgabe, eine linksradikale Einheitsfront des Proletariats zu schaffen, die den revolutionären Bolschewismus und die eherne Konsequenz des Marxismus-Leninismus mit dem fairen, freiheitlichen Geist der westlichen Demokratie zu einer höheren Synthese aussöhnt.
Ein groteskes Leben im Jean Paul'schen Sinne?

Von solch einer fast schon Jean Paul'schen "Groteske" in der Zielsetzung läßt er sich sein Leben lang leiten und muß damit - wohl mehr oder weniger zwangsläufig - grandios scheitern. Aber da es eben Jean Paul-mäßig grotesk ist, bleibt eine Spur von Faszination, wenn ein im deutschen Großbürgerum aufgewachsener, frühreifer Mensch, ein früherer, ungeheuer lebhafter und geistig lebendiger Briefpartner einer solchen liberal-konservativen Schriftstellerin wie Ina Seidel (2, S. 94 - 113) schon kurze Zeit später - 1946 - von der "ehernen Konsequenz des Marxismus-Leininismus" spricht. Und wenn ein solcher in dem ganz und gar unfreiheitliche Geist dieser "ehernen Konsequenz" noch in den späten 1980er Jahren ein Verbot sämtlicher Bücher Friedrich Nietzsches in der DDR fordert. Was für eine Groteske! (Und wie "fair" sollte das alles dann wohl sein?)

Zu seinen Plänen von 1956 äußerte sich Harich auch in einem kurzen Video, das ins Netz gestellt wurde und einen Video-Eindruck von der Person Wolfgang Harich gibt:



Und was für eine Groteske, wenn Harich auf dieser Linie der Stasi 1956 "ironisch", wie er im Nachhinein rechtfertigend sagt, "dankt" dafür, daß sie ihn rechtzeitig festgenommen habe, bevor er der Todesstrafe würdige Dinge getan hätte (siehe auch --> MDR). Und wenn er sein Leben lang an den Jahrestagen des ungarischen Aufstandes schwer depressiv wird (2, S. 147). Und zwar offensichtlich nicht, weil er traurig über den erfolglosen Verlauf desselben ist, sondern weil er es tief bereut, damals so gehandelt zu haben, wie er gehandelt hat, nämlich als Freigeist! - Als er 1952 eine Tochter bekommt, schreibt er fröhlich an einen Kollegen (2, S. 87):
Wir haben sie Katharina genannt, erstens ist das ein Name, mit dem man überallhin emigrieren kann, ohne Anstoß zu erregen: Jekaterina, Cathrean, Caterine. Zweitens kann man den Namen je nach Entwicklung modeln: Wird sie ein Hausmütterchen, nennt sie sich Käthe oder Käti, wird sie ein Vamp - Katja oder Katinka, wird sie eine Bardame - Kat oder Kath, wird sie kunstgewerblich mit Bastmatten an der Wand und gedrechselten Holzknöpfen an der Bluse - Kattrin. Außerdem je nach Vogel: Kathrin, Catharina, Katrina, Catarina, Catrina usw. Man kann sie auch "Trine" schimpfen, falls sie sich als Schlampe entpuppt. Kurz: Es ist alles drin.
So, wie bei Harich selbst wohl immer - - - "alles drin" war - außer daß er jemals wieder davon abweichen sollte, daß es eine "eherne Konsequenz des Marxismus-Leninismus" gäbe. Anne Harich schreibt über ihren Mann:
Sein Vorhaben war ein gesellschaftliches, das bestimmte sein Dasein, und das war mir fremd, daß einer hauptsächlich für ein gesellschaftliches Vorhaben lebte. (...) Er hatte etwas, das wenige Menschen besitzen: Er hatte ein Ziel im Leben.
1975 schreibt er anläßlich des 90. Geburtstages des marxistischen Philosophen Ernst Bloch an diesen (2, s. 306):
Lieber Ernst, in der Hölle, Abteilung Kommunisten, warten Brecht, Eisler und Lukacs vorwurfsvoll auf Dich. Ihnen unter die Augen zu treten, möge Gott, milder gestimmt dank Thomas Münzers Fürsprache, Dir noch lange ersparen. Für mich bleibt die Trennung von Dir ein chronisches Leiden, verschlimmert durch häufiges Lesen Deiner Bücher, gemildert durch den Zorn über Dein Weggehen aus Gegenden, die ohne Dich ärmer sind, als sie sein müßten. ...
Welche Rolle spielte die Stasi?

Welche Rolle die Stasi und vielerlei sonstige bewußte oder unbewußt geführte Intrigen gespielt haben mögen bezüglich des Umstandes, daß sich Wolfgang Harich und Rudi Dutschke nie in ihrem Leben begegnet sind, schon gar nicht zusammen bei George Lukacz zu Besuch waren, bezüglich des Umstandes, daß Wolfgang Harich nach 1956 niemals mehr sein großes Vorbild Georg Lukacz sprechen konnte, ebensowenig seinen Freund Ernst Bloch, und bezüglich des Umstandes, daß Wolfgang Harich in der westdeutschen Umweltschutzbewegung der frühen 1980er Jahre nicht festen Fuß hat fassen können, worum er sich so sehr bemühte in Enttäuschung und Abwendung von der DDR-Nomenklatura und ihrer Haltung gegenüber der Umweltschutzbewegung, und bezüglich des Umstandes, daß Wolfgang Harich im Oktorber 1989, kurz vor der Maueröffnung, geradezu "synchronisiert" der öffentliche Ruf auch und gerade innerhalb der Reihen der DDR-Regimegegner neuerlich schwer geschädigt worden ist (2, S. 386 - 393), all das ist ganz offensichtlich bis heute nicht vollständig aufgeklärt worden.

Aber die Masche scheint auch hier zu durchsichtig: Letztlich war eben Wolfgang Harich ein unberechenbarer, für die - Vereinigten Geheimdieste aller Länder - gefährlicher, weil viel zu intelligenter, geistreicher, selbständiger Denker. Er durfte niemals mehr zu Einfluß kommen. Er hätte ja die Leute zu allzu ernsthaftem Nachdenken bringen können, sie auch durch sein gar zu groteskes Leben, das ebenso Mitleid erregen kann wie das eines gar zu intelligenten Clowns, zu stark emotional bewegen können ...

Und auch deshalb darf man es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht wirklich wagen, ein abschließendes Urteil über den Menschen Wolfgang Harich zu fällen. Darum ist ein vollständig schlüssiges und abgerundetes Lebensbild Wolfgang Harichs, das seinem Handeln voll gerecht werden würde, wohl heute noch gar nicht möglich. - Ist er "die" Inkarnation der DDR? Ist er das schlechthin Beste, was sie auf dem Gebiet der Geistigkeit überhaupt noch hatte an Lebendigkeit hervorbringen können? Denn diese Faszination an dem kombinierten "Hochstaplertum" von Intelligenz, Geistigkeit und grenzenloser kindlicher Naivität, die bleibt. Und wie wird auf die eine oder andere Weise nicht aus der Erinnerung zu tilgen sein, wenn auf die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Rede kommen sollte.

"Der Geist ist ein Wühler," sagte Jacob Burckhardt. Und er wühlt manchmal auf gar zu unerwartete und darum auch gerne einmal aufregende Weise. Und dadurch wird der Geist - fast - wieder zu einem Stück Natur: Unbändig, ungezähmt, niemals vollständig erfaßbar, niemals vollständig verstehbar ....

(erarbeitet im Wesentlichen bis 26.7.09)

Literatur:

1. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit an der Universität Mainz 1993
2. Harich, Anne: "Wenn ich das gewußt hätte ..." Erinnerungen an Wolfgang Harich. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2007
3. Harich, Wolfgang: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Zur nationalkommunistischen Opposition 1956 in der DDR. Dietz Verlag, Berlin 1993
4. Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs. Dietz, Berlin 1997
5. Harich, Wolfgang: Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999
6. Harich, Wolfgang: Nicolai Hartmann. Leben, Werk, Wirkung. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000
7. Prokop, Siegfried: Ein Streiter für Deutschland. Auseinandersetzung mit Wolfgang Harich 2002
8. Harich, Wolfgang: Nicolai Hartmann — Größe und Grenzen. Versuch einer marxistischen Selbstverständigung. Königshausen und Neumann, Würzburg 2004

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