Donnerstag, 29. Dezember 2011

"Zu viele V-Leute" - "Mußte" Siegfried Buback wegen seiner damaligen Geheimdienstkritik ermordet werden?

Gehörte Franz Josef Strauß zu den Auftraggebern des Mordes an Siegfried Buback?
Abb. 2: Murck, VS-Chef Hamburg


Abb. 1: Manfred Murck, Verfassungsschutz-Chef Hamburg
Im folgenden werden erste plausible Gründe dafür genannt, warum Siegfried Buback eigentlich hatte ermordet werden "müssen".

Doch an den Anfang dieses Beitrages sollen zunächst Fotos von Manfred Murck gestellt werden (Abb. 1 - 3), des derzeitigen Leiters des Landesamtes für Verfassungsschutz in Hamburg. Er hat im Herbst dieses Jahres ebenfalls im derzeitigen Prozeß gegen Verena Becker in Stuttgart-Stammheim ausgesagt.

Wenn wir Fotos von ihm an den Anfang stellen, hoffen wir, daß sie nicht zu abschreckend wirken und die Leser in diesem Beitrag dennoch weiterlesen werden. Hier am Anfang soll schon einmal gesagt werden: So sehen in Deutschland Menschen aus, die seine freheitlich-demokratische Grundordnung, seine Rechtsstaatlichkeit und vieles andere mehr - - - "schützen".

Aber eine viel ernstere Frage stellt sich: Sehen so Geheimdienst-Mitarbeiter aus, die Politikern wie Franz-Josef Strauß zuarbeiten?

Siegfried Buback war gegen zu viele V-Leute

In Stuttgart-Stammheim, im Prozeß gegen Verena Becker, geschehen in diesen Wochen und Monaten reichlich viele "unheimliche" Dinge auf einmal. Am 24. November 2011 sollte Michael Buback als Zeuge vor Gericht aussagen über alle Kontakte zu Zeugen des Attentates an seinem Vater, die er in den letzten Jahren in Zusammenhang mit seiner Buchveröffentlichung "Der zweite Tod meines Vaters" hatte. In diesem Zusammenhang kommt es zu folgender - außerordentlich merkwürdigen - Szene laut Bericht von Michael Buback (Buback bloggt, 20.12.11a, b, Hervorhebung nicht im Original):
... Ich nenne den Zeugen Willy K., wobei ich anfüge, dies sei nicht sein wirklicher Name. Aufgrund seiner Geheimdienst-Verbindungen und seiner gravierenden Angaben, für die ich allerdings bislang keine nachprüfbaren Belege kenne, habe er – wie die im Prozess aufgetretenen Verfassungsschützer Meerfeld und Sundberg – einen Decknamen genannt. Willy K. habe sich im Februar 2011 an Rechtsanwalt Dr. Endres gewandt und eine Handy-Nummer angegeben, unter der er seitdem erreichbar sei. Mit Willy K. sei ich drei Mal zusammengetroffen. Ein Kollege von Rechtsanwalt Dr. Endres sei beim ersten und Rechtsanwalt Rätzlaff beim zweiten Treffen dabei gewesen. Mein Bericht beruhe auf den Protokollen dieser beiden Rechtsanwälte. Willy K. habe berichtet, er sei 1975 mit meinem Vater zusammengetroffen. Damals sei viel Geld in das Einschleusen von V-Leuten in die linke und rechte Szene investiert worden. Das Bundesland Bayern sei für die Verteilung dieser Gelder zuständig gewesen. Mein Vater habe das Vorgehen missbilligt und Innenministerium sowie Bundeskanzleramt informiert. Er habe auf seine Frage, wer welches Geld bekomme, keine Antwort erhalten und sei isoliert worden. Franz Josef Strauß habe meinen Vater, der diese Zuwendungen hinterfragt habe, als Gefahr ausgemacht. Holger Pfahls habe mehrfach Kontakt mit Frau Becker gehabt und sie persönlich bezahlt. Frau Becker habe sich bereits 1971 schriftlich verpflichtet, für den Verfassungsschutz zu arbeiten. Auf die Frage, woher sein Wissen stamme, habe Willy K. erklärt, er sei mit dem damaligen militärischen Abwehrchef der Sowjetunion in der DDR befreundet. Dieser habe von Erich Mielke eine Fülle von Akten und Tondokumenten erhalten. Diese habe Willy K. für den Freund, der nicht deutsch spreche, durchgesehen. Darunter sei auch eine Tonbandaufnahme, auf der Verena Becker über meinen Vater sagte: “Ich habe den Hund erschossen.” Die beiden “Spiegel”-Mitarbeiter im Sitzungssaal lachen hörbar, Bundesanwalt Hemberger grinst, Frau Ritzert lacht und die Verteidiger von Frau Becker schauen geringschätzig, während ich berichte.
Das Lachen dieser Personen im Sitzungssaal ist nicht nur "merkwürdig". Auch angesichts der derzeitigen öffentlichen Debatte rund um zu viele V-Leute in der NPD und der rechten Szene. Nein, es ist weitaus mehr. Es macht den Eindruck von Mitwisserschaft. - Bei "Spiegel"-Redakteuren würde das angesichts all der Mitverstrickungen des "Spiegels" in die Vorgänge rund um den Todesfall Uwe Barschel keineswegs verwundern. - Doch der damalige Terrorismus-Ermittler Manfred Ridder behauptet ja in seinem in diesem Monat erschienen Buch (1) genau das Gegenteil des im Zitat Behaupteten, nämlich daß das "Unvermögen" des Verfassungsschutzes, V-Leute zu platzieren, auf seine damalige "schlechte Verfassung" hinweisen würde. Hier stehen Aussage gegen Aussagen. Wer ist glaubwürdiger - Verfassungsschützer oder Kritikern von Geheimdiensten? Was für eine Frage! Schon die Frage stellen, heißt, sie zu beantworten.

Abb. 3: M. Murck, Verfassungsschutz-Chef Hamburg
Wohin nun die V-Leute im Jahr 1975 mit dem vielen Geld reisten, hat Michael Buback ebenfalls vor Gericht mitgeteilt:
Vor wenigen Tagen habe mich Bernd S. noch auf das Buch von Ulrich Kienzle, “Abschied von 1001 Nacht”, hingewiesen. Auf Seite 140 beschreibe der Autor, dass es ihm gelungen sei, 1975 ein Interview mit George Habash, dem Chef der Volksfront zur Befreiung Palästinas, kurz PFLP, an geheimem Ort zu verabreden. Im Vorzimmer des Terroristen habe er zwei junge Leute gesehen: Günter Sonnenberg und Verena Becker. Ulrich Kienzle schreibe, das sei damals eine Spitzenmeldung gewesen, die er aber für sich behalten habe, da sie schwer wiegenden Einfluss auf seine Arbeit hätte nehmen können. Ich meine, es ist auch heute noch eine Spitzenmeldung, dass Sonnenberg und Becker im Jahre 1975 gemeinsam reisten und den Chef der PFLP besuchten.
Die Sensibilität des Journalisten Ulrich Kienzle für Meldungen, die - natürlich negativen! - "Einfluß auf seine Arbeit" nehmen können, ist auffallend. Und Kienzle hätte diese Meldung auch nicht an Polizei oder Verfassungsschutz weitergegeben? Hätte dann nicht auch er aktiv an der Ermöglichung von weiteren Straftaten, von weiterem Terrorismus mitgewirkt?

Minuten nach dem Attentat: Kripo überzeugt sich von "gut getaner" Arbeit?

Um so mehr man über alles erfährt, um so mehr macht auch der von Michael Buback schon vielgenannte Polizeihubschrauber Sinn, der 1977 schon wenige Minuten nach dem Attentat auf Siegfried Buback am Tatort gelandet sei. Polizeibeamte hätten sich kurz ein Bild von der Lage verschafft, und seien dann wieder abgeflogen. M. Buback:
... Weiterhin habe mir der Zeuge erklärt, dass wenige Minuten nach der Tat ein Polizeihubschrauber gelandet sei. Aus diesem seien fünf Personen ausgestiegen und nach kurzer Betrachtung der Situation und Gesprächen mit Polizisten wieder abgeflogen. Um Vermutungen über eine Beeinflussung des Zeugen durch mich entgegenzutreten, füge ich an, auch hier gelte, dass meine Fantasie nicht ausreiche, um mir das auszudenken, was der Augenzeuge berichtet hat. Da sich der Zeuge bereits damals für Fliegerisches sehr interessierte und später Fluglehrer wurde, erscheint mir nicht bezweifelbar, was er über den Hubschrauber sagte, zumal er den Unterschied zwischen dem von Polizei und Rettungsdiensten benutzten Fluggerät genau kennt und seine Beobachtungen nicht nur auf Unterschieden in der Außenfarbe beruhen.
Alle Strafverfolgungsbehörden leugnen bisher diesen Polizeihubschrauber. Warum? Wollten sich hier nur Kriminalpolizeibeamte, die den Mord leiteten, vergewissern, daß alles "nach Plan" gelaufen war? Diesen Eindruck und keinen anderen jedenfalls macht die Landung dieses Polizeihubschraubers Minuten nach dem Attentat und das Leugnen desselben.

"Ach wie gut, das niemand weiß, daß ich Rumpelstielzchen heiß!"

Helmut Schmidt hält, wie seine typischen Polterworte inzwischen viel zitiert worden sind, nichts von Geheimdiensten (Elsässer):
„Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terrorismen, egal, ob die deutsche RAF, die italienischen Brigate Rosse, die Franzosen, Iren, Spanier oder Araber, in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus“. - Der Interviewer Di Lorenzo hakt konsterniert nach: „Ist das Ihr Ernst? Wen meinen Sie?“ - Schmidt antwortet: „Belassen wir es dabei. Aber ich meine wirklich, was ich sage.“
Helmut Schmidt war 1974 bis 1982 Bundeskanzler. Also auf dem Höhepunkt des RAF-Terrors. Und auch zu der Zeit der Morde an Siegfried Buback und Hanns-Martin Schleyer. Und dennoch - - - "läßt er es dabei". Darf er das? Es dabei "belassen". Im Grunde gerade aus seinem Munde eine ungeheuerliche Andeutung. Helmut Schmidt sagt auch:
"Ich traue inzwischen überhaupt keinem Geheimdienst mehr. Punkt.“ Die Geheimdienstler litten nämlich an einer „Krankheit“, die darauf beruhe, „dass sie tendenziell dazu neigen zu glauben, sie verstünden die nationalen Interessen des eigenen Landes viel besser als die eigene Regierung. Diese letztere Krankheit ist der Grund dafür, dass ich ihnen nicht traue.
Helmut Schmidt teilt also die Meinung dieses Blogs, daß Geheimdienste Demokratien lenken wollen, statt sich von Demokratien lenken lassen zu wollen. Über seine eigene Mitverantwortung, den Geheimdiensten vielleicht zu lang getraut zu haben während seiner Regierungszeit und später, spricht Schmidt nicht. Darüber, daß sich ein ehemaliger Bundeskanzler auch noch im Nachhinein durch Schweigen mitverantwortlich machen könnte, spricht er ebenso nicht. Im "Bohemian Groove" in Kalifornien, den Schmidt so begeisternd fand (siehe früherer Beitrag), hat er sich jedenfalls selbst recht freundlich mit so manchem Staatsterroristen zum Plaudern niederlassen können. Und nicht nur dort.

Vom Schutz  der Diktatur zum "Schutz" der Verfassung

Inzwischen haben in dem Prozeß gegen Verena Becker mindestens zwei Beamte des Verfassungsschutzes ausgesagt. Die Gesichter so manches leitenden Gestapo-Beamten kennt man aus manchen Prozessen seit 1945. Die Gesichter von leitenden Beamten der Nachfolgeorganisationen der Gestapo, nämlich des Bundesamtes und der Landesämter für Verfassungsschutz, des Bundesnachrichtendienstes und der Bundeskriminalpolizei, kennt man heute allzu oft noch viel zu wenig. Möglicherweise sind diese Gesichter aber, wie auch Helmut Schmidt andeutet, viel wichtiger als jene, die die Deutsche Bundespost oder zuvor die Reichspost auf ihre Briefmarken drucken, und die einem allerorten in den Medien "vorgeführt" werden.

Da ist nun zum Beispiel Winfried Ridder (geb. 1939), "Chefauswerter und Linksterrorismusexperte des Bundesamtes für Verfassungsschutz" während der RAF-Zeit und der Schmidt-Ära. Er arbeitete "seit 1977 im Referat Terrorabwehr, zuletzt als Referatsleiter":
"In seinem Büro liefen die Erkenntnisse aller Behörden über den Linksterrorismus zusammen."
In seiner Buchveröffentlichung, die vor drei Wochen erschienen ist (1) schützt er eine "schlechte Verfassung" seines Dienstes in den 1970er Jahren vor. In einem Focus-Interview im September hat er an so vieles keine Erinnerung mehr. Dennoch äußert er sich dann doch wieder in einem 3sat-Interview zu dem Mord an Siegfried Buback und zu dem derzeitigen Prozeß gegen Verena Becker. Dieses Interview wurde am 3. Oktober 2011 veröffentlicht und ist im Netz frei zugänglich.

Verfassungs"schützer" in "Grenzsituationen"

Man sollte sich diese 17 Minuten anschauen (3Sat).

Nein, man muß sie sich zwei mal anschauen. Diese 17 Minuten könnten einem wohl mehr über die Grundbefindlichkeit unseres Staates und unserer Gesellschaft sagen, als vieles sonstige stundenlange Geschwafel. Die "massive Konzentrierung von offenen Fragen" im Fall des Mordes an Siegfried Buback, so sagt Ridder - und man achte auf sein Stocken, sein Zögern, sein Absetzen, auf seine Satzverschachtelungen, auf sein Nicht-weiter-Reden, wie wir es versucht haben, in der Verschriftlichung anzudeuten:
"muß jeden, und auch für mich trifft das zu, nicht gleichermaßen, aber doch an den Punkt führen, daß er sich gelegentlich zurücklehnt und sagt: Kann es denn wirklich 'ne - -? Ganz ... [od.:] Kannst ... - - Hast du es so erlebt - - ? Traust du es denen wirklich zu, daß sie - - ? Solche Überlegungen kommen in Grenzsituationen in der Tat vor."
Da eiert ein Rumpelstielzchen schon ziemlich auffallend herum. Die Frage stellt sich: Wer ist denn in diesen Satzfragmenten "sie"? Andere müssen sich diese Frage stellen. Aber auch er selbst. Wenn auch nicht: "gleichermaßen" ...!Vom Sinn her können doch diese Sätze nur so gemeint sein, wie: Traust du denen wirklich zu, daß sie diese Verena Becker an der langen Leine führen, ihre Mordlust schüren, von ihren Mordabsichten erfahren und sie dieselben dennoch durchführen lassen und sie abschließend bis heute decken? Traust du ihnen das wirklich zu? Nur allein solche Überlegungen können es doch sein, die "nur" in "Grenzsituationen" an die Oberfläche kommen. Welche sonst? In - - - "Grenzssituationen"!? Offenbar hat Michael Buback durch seine Veröffentlichungen für manche "Verfassungsschützer" eine solche "Grenzsituation" geschaffen? Im genannten Focus-Interview von Ridder vom September hört man von solchen Selbstzweifeln allerdings nichts:
"Niemand hat eine schützende Hand über Verena Becker gehalten. Eine Verschwörung oder ein Schweigekartell zwischen vier beteiligten großen Apparaten mit Hunderten Mitarbeitern – Verfassungsschutz, Innenministerium, Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft – hätte einen Regisseur vorausgesetzt, der an den Zuständigkeiten und Strukturen gescheitert wäre. Es hätte einen Aufstand gegeben, wenn eine schützende Hand so etwas hätte organisieren wollen."
Aber von eben solchen "Regisseuren" scheint er doch in den zuvor zitierten Satzfragmenten gesprochen zu haben! Solche "Regisseure" kennt man auch aus anderen Bereichen. Seien wir unverfroren und nennen wir sie einmal (mit Guido Grandt): "Freimaurer"! Oder welche Seilschaft soll das "sie" in dem 3sat-Interview sein? Menschen aus der Umgebung von Franz Josef Strauß? Helmut Schmidt?

Abb. 4: Sohn eines RAF-Opfers und "Chefauswerter Terrorismus" des BfV
Am 18. November 2011 wurden auch die eben zitierten Satzfragmente aus dem 3sat-Interview im Gerichtssaal im derzeitigen Prozeß gegen Verena Becker vorgespielt unter Anwesenheit von Winfried Ridder selbst. Abbildung 1 zeigt links Michael Buback, rechts Winfried Ridder. Links Sohn eines Opfers und rechts einen damaligen Mitverantwortlichen für die  "merkwürdige" staatliche RAF-Behandlung in den 1970er Jahren.

Sein Lächeln "paßt" irgendwie zu dieser "merkwürdigen" staatlichen RAF-Behandlung, zu diesem "Staatsterrorismus" in den Worten des Helmut Schmidt.

"Hätte einen Regisseur vorausgesetzt ..." - Ja, wer war der Regisseur?

Michael Buback hat ebenfalls einige der wesentlichsten Passagen des 3sat-Interviews mit Winfried Ridder auf seinem Blog verschriftlicht (Buback bloggt a, b, c). Und auch schon im September 2009 hatte sich Ridder in einer ARD-Dokumentation zu dem Buback-Mord geäußert. Über die Kontaktaufnahme des Verfassungsschutzes zu Verena Becker im Jahr 1981 sagt Ridder etwa (Hervorhebung nicht im Original):
"Und wenn es wirklich zu einem Kontakt kommt, der über das hinaus geht, was gemeinhin denkbar ist,"
... Was geht denn für einen Geheimdienstmann bei einem Kontakt über das hinaus, "was gemeinhin denkbar ist"? Man wird wohl mutmaßen müssen, daß das mehr sein muß, als bloße Entgegennahme von Informationen ...
"dann ist natürlich auch eine Beteiligung der Länderbehörden, der Länder-Innenminister, wie im Fall Verena Becker, wo es das Land Nordrhein-Westfalen war, es ist ein sehr komplizierter Prozess. Vor allem dann, wenn man jemanden dann aus der JVA heraus holt. Das muss ja legendiert werden.
Ja, inzwischen hat Michael Buback auf seinem Blog auch Hinweise genannt, daß ein Verfassungsschützer in Kassel unter der "Legende" eines Pfarrers Verena Becker besuchte. Als ein Gefängnisbeamter darauf insistierte, daß es einen solchen Pfarrer in dem von ihm angegebenen Ort nicht gab, wurde er - mit 40 Jahren! - pensioniert! - Neben dem Rumpelstielzchen-haften Gesichtsausdruck, mit dem auch dies gesagt wird, sind diese Worte natürlich einmal erneut eine lehrreiche Begriffsverwendung: Ein Geheimdienstmann denkt ständig in den Kategorien von "Legendierung". Das kann man sich an diesem Zitat klar machen. Es heißt im Interview weiter:
"Es muß in einer umfassenden Weise eine Legende aufgebaut werden. Aber das ist nur nachrichtendienstliches Handwerkszeug, wie man so etwas macht."
Klar. Und Handwerkszeug ist es auch, daß ein 40-jähriger Gefängnisbeamter pensioniert werden muß, wenn er die Legende auffliegen läßt. Michael Buback schreibt:
In der ARD-Dokumentation wird noch erwähnt, dass Verena Becker dem Verfassungsschutz in einer konspirativen Wohnung Rede und Antwort gestanden habe. In den Akten findet sich für den Zeitraum dieser Befragung der Eintrag, dass Verena Becker zur Behandlung in einem Kasseler Krankenhaus gewesen sei. Man hätte demnach eine Legende in Akten eingefügt, die zur Klärung des dreifachen Karlsruher Mordes herangezogen werden. Muss man dann nicht, zumindest bei Angaben über Verena Becker, auch an anderen Stellen mit Unwahrem in den Akten rechnen?
Was für Fragen! Buback schreibt außerdem:
Ridder hat im 3sat-Interview die Frage gestellt, ob es denn nicht zu Zweifeln an der Kompetenz, der Zuverlässigkeit und der Wahrhaftigkeit der Behörden führen müsse, wenn es zu dieser massiven Konzentrierung offener Fragen komme.
Diese Sätze fallen gleich zu Anfang des Interviews. Diese kann er noch äußern, ohne bloß Satzfragmente vom Stapel zu lassen. Ridder im Wortlaut:
"Muß es nicht zu Zweifeln führen an der Kompetenz, an der Zuverlässigkeit, an der Wahrhaftigkeit von Behörden, Apparaten und Mitarbeitern, wenn es zu dieser massiven Konzentrierung offener Fragen kommt?"
Er scheint damit manche internen gegenwärtigen Überlegungen seiner ehemaligen Behörde öffentlich wiederzugeben.

"Eine Fülle von Verdachtsmomenten ..."

Und ebenso auch am Ende des Interviews:
"Und wenn Kritiker an den Behörden, an den Sicherheitsbehörden massiv inzwischen, ja inzwischen sogar auf der wissenschaftlichen Ebene, der politikwissenschaftlichen Ebene, eine Fülle von Verdachtsmomenten formulieren, dann fragt sich natürlich auch ein unmittelbar Beteiligter an einem bestimmten Punkt: Sag mal, kannst du wie bisher stehen? Hast du möglicherweise doch etwas übersehen? Ist etwas an dir vorübergegangen? Könnte jemand wirklich, um es konkret zu sagen, eine bestimmte Person geschützt haben? Ist das denkbar?"
Lächel, lächel, grins, grins. Lächel, lächel, grins, grins. Lächel, lächel, grins, grins.

Und solche Worte sind eigentlich noch nicht einmal mehr aus dem Munde eines damaligen Chefauswerters ungewöhnlich, wo es doch inzwischen "die Spatzen von den Dächern pfeifen". Mit diesem Interview scheint man wieder ein Stück weit weiter gegangen zu sein in der "Gewöhnung" der Öffentlichkeit an eine vermutlich sehr berechtigte "Fülle von Verdachtsmomenten".

Allerdings stellt sich doch vor allem die Frage, ob ausgerechnet ein Mensch wie Winfried Ridder, der sein Leben lang in den Kategorien von "Legendierung" und "Legendenbildung" gedacht und gehandelt hat, also in den Kategorien von Lüge, Täuschung und Desinformation, ob gerade ein solcher Mensch geeignet ist, ein etwaig verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Ist nicht auch dieser Ridder ein "Wolf im Schafspelz"? Michael Buback schreibt auch:
Ein weiteres Ridder-Zitat lautet: “Wir haben uns im April 1977 gefragt: Wer kommt aus dem Bereich der Illegalen als Täter in Frage? Und wir sind sehr schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass eigentlich der gesamte sogenannte Kommandobereich potentiell als Täter in Frage kommt. Das waren etwa zwölf Personen.” Weiter heißt es: “Und eine fachlich saubere Fahndung hätte damals an diesen zwölf Personen ansetzen müssen. Stattdessen sind drei Personen herausgewählt worden, von denen man einen Tag nach dem Anschlag glaubte, sie seien in besonderem Maße für den Anschlag verantwortlich. Heute wissen wir, dass die gesamte Auswahl möglicherweise irrelevant war, nein, im Gegenteil, man muss schon fast sagen, dass es Züge von Desinformation hatte, ein solches Fahndungskonzept. Denn hier wurde auf eine Spur gelenkt, von der wir heute wissen, dass sie falsch war.
Also was denn nun? Desinformation: ja oder nein? Bundesanwalt Hemberger fragte im Gerichtssaal noch einmal nach. Antwort Ridder: Er würde diese Formulierung so nicht mehr aufrecht erhalten!!!! Ekelhaftes Geeier.

Was soll man denn nun noch glauben? Ein Mensch wie Winfried Ridder muß doch schon zu lügen anfangen in dem Augenblick, in dem er den Mund auftut. Er atmet die Lüge ein und aus. Und nennt das "Legendierung", "Legendenbildung", "Desinformation". Und auf solche Menschen stützen wir die Sicherheit unseres Staates, unserer Verfassung, unserer Gesellschaft? Sie arbeiten für uns - anstatt wir "für sie"?

Und all dies wird durch das unentwegte zynische Lachen unterstrichen, das diesem Winfried Ridder auf dem Gesicht steht, auch wenn er von eigener Verantwortung redet. Wenn man möchte, kann man dies gerne vergleichen mit dem süffisanten Lächeln eines vormaligen Geheimdienstchefs wie Markus Wolf. Lächelt man so penetrant, wenn man von eigener Verantwortung spricht? Ist das ein Mensch, der wirklich Verantwortung spürt? Oder ist es nicht doch das gequälte Lächeln eines Menschen, der ein Leben lang das ihm eingeborene Streben nach
"Kompetenz, Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit"
in sich unterdrücken mußte - aus Karriererücksichten oder gar aus Rücksichten des eigenen rein physischen Überlebens - und der darüber nur noch ein schmieriges Lächeln im Gesicht stehen lassen kann?

Der Ridder macht insgesamt den Eindruck, als ob er in den 1970er Jahren die Zusammenhänge schon geahnt hat aber gerne nicht zu  genau hingeschaut hat, was andere Kollegen, Vorgesetzte oder andere Behörden tun, oder der sogar bewußt weggeschaut hat. Der aber heute - quasi als Historiker und "Pensionär" - mit Lächeln die "spitzbübischen" Fuchs-Ideen verfolgt, die damals seine Vorgesetzten und jene verfolgt haben, die im Hintergrund eben doch die Zusammenarbeit der Behörden koordiniert haben, bzw. ggfs. eine "mangelnde Zusammenarbeit" als "notwendig" empfanden. Er sagt ja selbst gegen Ende des Interviews: "Ich habe mich lange gegen Zweifel gewehrt." So kann man Weggucken natürlich auch nennen.

Christian Lochte, der Abteilungsleiter im Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz

Abschließend sei noch der eingangs erwähnte Manfred Murck erwähnt, dieses markante Gesicht einer "lupenreinen Demokratie", eines "deutschen Putin". (Dies nur am Rande als kleiner Tipp für die Public Relation-Abteilung der Bundesregierung!) Michael Buback berichtete schon im September dieses Jahres über diesen Murck, diesen weiteren "Wolf im Schafspelz" unter anderem folgendes (Buback bloggt, zum 12.9.2011):
Ich hatte von einem Vortrag erfahren, den der Zeuge am 20. Oktober 2010 auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik gehalten hat. Der Zeuge erinnert sich nur schwach daran. Ich halte ihm seine dort gezeigte dritte Folie vor, auf der unter der Überschrift “Spezifische Stärken des Verfassungsschutzes” als erster Punkt steht: “Eigenständige Vertraulichkeitszusagen/kein Strafverfolgungszwang”. Ich frage den Zeugen, ob er sich an das Gespräch mit Professor Hans-Joachim Selenz erinnert, der bei dieser Tagung ebenfalls vorgetragen hat. Der Zeuge erwidert, er wisse nicht mehr, mit wem er dort gesprochen habe. Deshalb frage ich ihn, ob er in diesem Gespräch sinngemäß gesagt habe, der Verfassungsschutz sei eine familiäre Truppe, die so schön dicht halten kann, was man eben im Fall Buback sehr gut sehen könne. Der Zeuge Dr. Murck erklärt, daran habe er keine Erinnerung. Man sollte Professor Selenz laden, der sich gut erinnert.
Michael Buback berichtete in indirekter Rede auch über die Aussage des Journalisten Nils von der Heyde im Prozeß gegen Verena Becker (Buback bloggt, zum 11.8.2011):
Der Zeuge habe am Karsamstag (1977) seinen Freund Christian Lochte, der Abteilungsleiter im Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz war, aus Teheran angerufen und gefragt: “Stichwort Buback, wer war es?” Lochte habe spontan gesagt: “Die Sola.” Beide wussten, dass mit diesem Decknamen Verena Becker gemeint war. Der Zeuge habe entgegnet: “Aber seit gestern werden doch Folkerts, Klar und Sonnenberg gesucht?” Darauf Lochte: “Weiß ich doch. Entweder läuft da eine Intrige oder der Boeden hat es vermarmelt. Geballert hat die Sola.” Der Zeuge habe “Intrige” so verstanden, dass Verena Becker geschützt werden sollte.
Gleich nach seiner Rückkehr habe er sich mit Lochte getroffen. Dieser habe gesagt: “Ich war erschüttert, als ich das Ganze hörte, weil ich fest glaubte, der Meier [Richard Meier, der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz] würde sie kontrollieren, hätte sie im Griff.” Der Zeuge habe erstaunt reagiert: “Was, sie hat für euch gearbeitet?” darauf Lochte: “So ist es.” Auf die Frage: “Wie lange schon?” habe Lochte geantwortet: “Mindestens seit einem Jahr.” Lochte habe sich nicht dazu geäußert, zu welcher Stelle beim Verfassungsschutz dieser Kontakt bestanden habe.
Also von diesem Chef des Bundesamtes redet der Winfried Ridder in seinem Interview so "merkwürdig" herum. Natürlich hat auch Ridder geglaubt, sein Chef hätte die "Sola" im Griff. Natürlich! - Natürlich? Warum dann der "Schutz" bis heute? Da wäre etwas aus dem Ruder gelaufen anstatt "ganz nach Plan"? Wer glaubt denn das noch? Michael Buback weiter - und allmählich wird sein Vater Siegfried Buback sich im Grabe doch sagen können, daß er nicht ganz umsonst einen Sohn hat:
Der Zeuge Nils von der Heyde erwähnt, Lochte und er seien damals seit vier Jahren befreundet gewesen. Sie hätten sich auf einem Empfang von Lochtes Chef, Hans Josef Horchem, kennengelernt. Die Familien hätten Urlaubstage zusammen verbracht. Es sei vereinbart gewesen, dass alles, was ihm Lochte unter vier Augen sage, streng vertraulich sei. Die Rolle der Frauen bei der RAF und beim “2. Juni” sei für sie häufiger Gesprächsstoff gewesen. Sie wollten hierüber ein Buch schreiben.
Nachdem Verena Becker im Mai 1977 in Singen festgenommen worden war, mit der Tatwaffe und dem Schraubendreher des Tatmotorrads im Gepäck, war Lochte der Meinung, die Fahndung nach Bubacks Mördern würde eingestellt und Becker und Sonnenberg würden wegen des Karlsruher Attentats angeklagt. Als dies nicht geschah und die Strafverfolgung gegen Verena Becker beiseite geschoben wurde, habe Lochte in Anspielung auf Verena Beckers Informantentätigkeit für den Verfassungsschutz gesagt: “Das läuft nach dem Motto: ‘Was nicht sein darf, auch nicht kann sein’.” Lochte sei über die Entwicklung verärgert und deprimiert gewesen. Nachdem Verena Becker Ende 1977 wegen der Schießerei in Singen verurteilt worden war, habe er dies so kommentiert: “Jetzt ist sie wohl endgültig aus der Buback-Sache raus.” Der Zeuge habe daraufhin gefragt: “Und das willst du wirklich so auf sich beruhen lassen?” “Muss ich ja”, habe Lochte geantwortet. “Wenn ich sagen würde, was ich weiß, wäre ich meinen Job los und vermutlich auch meine Pension.” Nils von der Heyde berichtet noch, er habe später zufällig Hans Josef Horchem getroffen und darauf angesprochen, dass Verena Becker in Karlsruhe geschossen habe. “Ja natürlich, so war das”, sei die Antwort gewesen. Horchem habe vom engen Kontakt des Zeugen zu Lochte gewusst.
Der Vorsitzende fragt, warum die Information so lange beim Zeugen geschlummert habe. Er habe sich mein Buch gekauft, antwortet Nils von der Heyde. Dies habe ihn angestoßen sich zu äußern. Er sei von meiner Recherchearbeit beeindruckt und meine, mir mit einem Mosaiksteinchen helfen zu können, wobei er sich nicht anmaße, die Wahrheit zu kennen, zumal ja auch Lochte nicht “dabei” gewesen sei. Der Zeuge erwähnt noch, Lochte sei CDU-Mitglied gewesen, und das unter SPD-Bürgermeistern. Oft habe Lochte auch Bundeskanzler Helmut Schmidt berichtet. Lochte habe als der Fachmann für die RAF schlechthin gegolten. Der Zeuge kann sich nicht an Informationen von Lochte erinnern, die nicht zutreffend gewesen seien. Die Äußerung des früheren BKA-Abteilungspräsidenten Rainer Hofmeyer, Lochte sei ein Fabulierer gewesen, bezeichnet der Zeuge als lächerlich. Es sei schwer vorstellbar, dass sich Bundeskanzler Helmut Schmidt mehrfach von einem mittelmäßigen Beamten, einem Fabulierer, habe vortragen lassen. Lochte habe ihm, so der Zeuge, auch noch gesagt, Buback sei einer Reihe von Leuten ein Dorn im Auge gewesen, da er sehr erfolgreich Ostagenten aufgespürt habe. (...)
Der Bundesanwalt fragt den Zeugen noch, ob er mit Lochte über andere RAF-Morde gesprochen habe. Lochte habe ihm über den Mord an Alfred Herrhausen gesagt: “Das war nicht die RAF.” 
Wie können all diese Menschen noch denken, die Fassade würde noch allzu lange aufrecht erhalten werden können, daß sie für eine "gute Sache" eingestanden wären? Daß wir in einer "lupenreinen Demokratie" leben würden, in der das Vertrauen auf die Kompetenz, die Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit der Behörden berechtigt wäre?
_________________
1. Ridder, Winfried: In schlechter Verfassung. Das Unvermögen der Geheimdienste im Kampf gegen den Terror. ISBN 9783940461179, Flexibler Einband, 208 Seiten, erschienen am 01.12.2011 bei adatia Verlag 

1 Kommentar:

Ingo Bading hat gesagt…

Was in diesem Artikel noch nicht behandelt worden ist, was sich einem aber immer stärker als Eindruck aufdrängt:

Der Einfluß ausländischer Geheimdienste auf die Tätigkeit der inländischen. Weshalb auch immer wieder vom BND die Rede ist/ sein muß.

Wenn der Buback-Mord stattfand auf Druck ausländischer Dienste, würde das Verhalten der inländischen Dienste noch heute einem plausibler erscheinen. In dem Sinne: Wir mußten und müssen ja Rücksicht nehmen auf die Wünsche "dritter". ...

So hört sich vieles an, was so alles geäußert und dabei zugleich wieder verheimlicht wird und das würde auch gut zu all dem passen, was rund um den Barschel-Mord seit Jahren und Jahrzehnten passiert.

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