Dienstag, 11. Dezember 2012

Freimaurerkunst - Hieronymus Bosch, 15. Jahrhundert

Älter als offiziell angegeben - Die Freimaurerei

Im Jahr 1938 erschien im hintergrundpolitik-kritischen Ludendorffs Verlag eine kleine Schrift über den niederländischen Maler Hieronymus Bosch (1450 - 1516) (1). Aufgrund von einigen Bild-Interpretationen gelangte die Autorin zu der außerordentlich gewagt erscheinenden Vermutung, daß dieser Maler menschlicher Unzulänglichkeiten und Skurrilitäten, Hieronymus Bosch, Erfahrungen mit freimaurerähnlichen Logen gehabt haben mußte. Ja, daß Freimaurer-Gebräuche in diesen Logen schon damals, im 15. Jahrhundert, üblich gewesen seien.

Abb. 1: Hieronymus Bosch - "Der verlorene Sohn" (vermutlich Selbstbildnis)
Am überzeugensten in der Schrift ist die Interpretation des Bildes "Der verlorene Sohn" (siehe Abb. 1). Über dieses Bild heißt es nämlich (1, S. 12f):
Zugleich aber zeigt uns das Bild – wie viele andere auch -, daß die bei der heutigen Freimaurerei üblichen Rituale und Symbole bereits im 15. Jahrhundert bei Geheimbünden üblich waren. (…) Ob Rosenkreuzer, Gnostiker oder Alchimisten, ihr Ritual scheint sich auf jeden Fall auf die Freimaurer vererbt zu haben. (…) Ein Bein ist entblößt, trägt das Taschentuch umgewickelt und hat den Pantoffel, das andere aber trägt den Schuh! Die Kleidung deutet also darauf hin, daß der „verlorene Sohn“ soeben in die Logen aufgenommen wurde.
- Kann sein, kann sein nicht, sagt man sich beim ersten Lesen dieser Worte.

"Geschworenes Mitglied eines elitären, inneren Zirkels"

- Aber mit welcher Verblüffung stellt man fest, was heute, mehr als siebzig Jahre nach dem Jahr 1938, über Hieronymus Bosch bekannt ist, und was die Autorin der soeben zitierten Schrift nur auf sehr indirektem Weg über Bildinterpretationen erschlossen hatte. Auf Wikipedia ist über Hieronymus Bosch zu lesen:
1488 trat er der religiösen Bruderschaft Unserer Lieben Frau bei, erst als äußeres, dann als geschworenes Mitglied des elitären inneren Zirkels (etwa 60 Personen). Diese geschworenen Brüder kamen in der Regel aus der höchsten (aristokratischen beziehungsweise patrizischen) städtischen Schicht und waren alle Geistliche verschiedenen Weihegrads. Fast die Hälfte davon waren (meist weltliche) Priester, die teilweise zugleich Notare waren. Ferner gab es unter ihnen Ärzte und Apotheker sowie einige wenige Künstler (Musiker, einen Architekten und nur einen Maler: Bosch). Die Bruderschaft pflegte Kontakt zu den höchsten Kreisen des Adels, der Geistlichkeit und der städtischen Eliten in den Niederlanden. Neben dieser politisch-gesellschaftlichen Seite waren sie gleichermaßen religiös ausgerichtet und wurde von den Dominikanern betreut. Sie trafen sich einmal im Monat zum Mahl, zweimal die Woche zur Messe, Johannes-, Marien- und andere Festtage wurden unter anderem durch geistliche Spiele und Prozessionen begangen. In den Reihen der Brüder und durch ihre Kontakte zum Hof fand Bosch seine Auftraggeber.
Elitäre Schnöseleien im 15. Jahrhundert ganz so, als befände man sich am Beginn des 21. Jahrhunderts. Hieß es auch damals schon: "Sei pfiffig, werde Freimaurer!" - ? Und ebenso bemerkenswert scheint hier der Umstand zu sein, daß der Mönchsorden der Dominikaner diese freimaurerähnliche, religiöse Bruderschaft betreut hat. Womöglich gibt es auch diesbezüglich - - - "Kontinuitäten"? Wer hätte eigentlich Zweifel daran? Zumindest soweit es verschworene, elitäre, innere Zirkel betrifft?

Spiegeln also die zahllosen drolligen, skurrilen, absurden, grotesken "Wimmelbilder" des Hieronymus Bosch, die von Symbolhaftigkeit nur so strotzen und gerade heute wieder Künstlern so viele Anregungen geben, einen Geist wieder, den man aufnimmt, wenn man als "verlorener Sohn" in einer religiösen, freimaurerähnlichen Bruderschaft und dort in ihrem "geschworenen, elitären inneren Zirkeln" landet? Ein neuer Fall von "Königlicher Kunst"? "Freimaurer-Kunst"?

(Ergänzung 30.5.2013:) In einer Buchveröffentlichung des Jahres 1974 heißt es (2, S. 9):
Andere haben in dieser Kunst den Widerschein esoterischer Praktiken des Mittelalters gesehen und sie mit Alchemie, Astrologie und Hexerei in Verbindung gebracht. Die provozierendsten Interpretationen sind aber vielleicht diejenigen, die Bosch mit verschiedenen mittelalterlichen häretischen Bewegungen in Verbindung zu bringen suchten. Ein Beispiel dafür ist die These Wilhelm Fraengers. Fraengers Theorien verdienen besondere Beachtung wegen der großen Verbreitung, die sie gefunden haben. (...)

Nach der These Fraengers gehörte Bosch den Brüdern vom Freien Geiste an, einer häretischen Gruppe, die nach ihrem ersten Auftreten im 13. Jahrhundert mehrere Jahrhunderte lang in ganz Europa verbreitet war. Man weiß über diese Sekte nicht viel, nimmt aber an, daß sexuelle Promiskuität einen Teil ihrer religiösen Riten bildete, durch welche sie versuchten, in den Zustand der Unschuld zurückzugelangen, den Adam vor dem Sündenfall besaß. Aus diesem Grunde werden sie auch Adamiten genannt. Fraenger nimmt an, daß der "Garten der Lüste" für eine in s'Hertogenbosch, dem Heimatort des Malers, ansässige adamitische Gruppe gemalt wurde und daß die offenkundig erotische Szene des Mittelbildes nicht, wie allgemein angenommen wird, eine Verurteilung zügelloser Sinnenlust darstellt, sondern im Gegenteil die religiösen Praktiken dieser Sekte. Fraenger hat auch andere Arbeiten Boschs mit den Adamiten und ihren Lehren in Verbindung gebracht.
Diese Buchveröffentlichung führt im Literaturverzeichnis noch weitere Schriften mit ähnlicher Zielsetzung an (3 - 6). Im Internet findet sich eine esoterische Interpretation der Werke von Bosch, offenbar von einem Anhänger des Magiers Gurdiew (7) und sicherlich noch zahlreiche andere Hinweise auf Verbindungen zwischen Bosch und Esoterik.

Ergänzung (14.6.14:) In einer neueren Veröffentlichung heißt es (8, S. 280):
Zwar liegen die bis heute dunklen Ursprünge der Freimaurer-Bewegung im Hochmittelalter (die frühesten Spuren sind das Regius-Gedicht um 1390 und das Cooke-Manuskript um 1430-1440), und die ältesten Konstitutions-Handschriften datieren aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, doch den öffentlichen Raum betraten diese Gruppen erst im siebzehnten Jahrhundert ...
____________________
  1. Hals, A.: Die Rätsel der Bilder von Jeroen Bosch. Ludendorffs Verlag, München 1938 (29 S.) (Scribd)
  2. Gibson, Walter S.: Hieronymus Bosch. Ullstein, Frankfurt/M.u.a. 1974 (engl. 1973)
  3. Fraenger, Wilhelm: Das tausendjährige Reich. Grundzüge einer Auslegung. Coburg 1947; engl. 1952; Castrum Peregrini Press, 1969; 1994 (Google Bücher
  4. Combe, J.: Jerome Bosch. Paris, London 1946, Neuauflage 1947 (Gibson: "Nützliche Arbeit, doch sind die alchemistischen Interpretationen der Werke irreführend.")
  5. Wertheim, Aymes, C. A.: Hieronymus Bosch. Eine Einführung in seine geheime Symbolik. Amsterdam, Berlin 1957
  6. Wertheim, Aymes, C. A.: Die Bildersprache des Hieronymus Bosch. Den Haag 1961 (Gibson: "Beide Werke dieses Autors interpretieren die Malerei Hieronymus Boschs als Darstellungen der Lehre der Rosenkreuzer."
  7. van Laer, Lee: "The Esoteric Bosch" - Commentaries on the esoteric meanings in the paintings of Hieronymus Bosch". 2013
  8. Stuckrad, Kocku von: Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C.H.Beck, München 2007

Kommentare:

Belinda P hat gesagt…

Spannender Beitrag. Ich recherchiere gerade über Bosch. Gibt es genauere Hinweise in seinen Bildern für die Freimaurer-Theorie?

Ingo Bading hat gesagt…

Nein, ich halte keine Auskünfte zurück. Alles, was ICH an mich Überzeugendem bislang gefunden habe, habe ich hier zunächst auch referiert.

In der von mir genannten Literatur wird natürlich noch vieles andere gemutmaßt, was ich selbst aber zunächst nicht so überzeugend fand.

Soweit ich sehe, ist die Kunst von Bosch ja VOLLER Symbolik.

Aber ich hatte auch noch gar nicht Zugriff auf alle zitierte Literatur. Da muß man reinschauen, wenn man mehr wissen will.

Ich habe das Thema nur so am Rande mitbehandelt. Bin kein Kunsthistoriker.

Aber laß mich was wissen, wenn Du mehr rauskriegen solltest!

Freue mich immer über Rückmeldungen!

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