Sonntag, 6. November 2011

Männer des konservativen Widerstandes gegen Hitler 1944 vor dem Volksgerichtshof

Zwei Filmdokumentationen

Historische Fotografien können einem oft schon einen Eindruck von einem Menschen geben. Aber bewegte Bilder, Filmaufnahmen, zumal solche, auf denen ein Mensch spricht, geben noch einen wesentlich deutlicheren Eindruck.

Es gibt vergleichsweise ausführliche Filmaufnahmen von dem Prozeß gegen die Verschwörer vom 20. Juli 1944 vor dem "Volksgerichtshof" Roland Freislers. Dem normalen Bürger werden zumeist höchstens wenige, sekundenlange Ausschnitte von diesen bekannt sein. Über die Prozesse wurde aber ein 180 Minuten langer Propagandafilm gedreht, der als Gesamtdokument nur wenig behandelt und bekannt ist.
General Hoeppner vor dem Volksgerichtshof
Wohl von wenig anderen Filmaufnahmen kann man sich einen besseren Eindruck von der persönlichen Haltung, auch der Stimmung und dem gedanklichen Umfeld jener Menschen machen, die dem Kreis der Attentäter vom 20. Juli angehörten oder die dessen Umfeld bildeten, als durch diese Filmdokumentation der Aussagen der Verschworenen des 20. Juli 1944.

Im Netz sind dazu gegenwärtig zwei gekürzte Versionen verfügbar. Eine tonlich überarbeitete, und aus heutiger Sicht sparsam aber treffend kommentierte Filmdokumentation:
Volksgerichtshof 1 (H.G. Klamroth, Erich von Witzleben u.a.), Teil 2 (Ulrich von Hassell, Beichtkind und Beichtvater: Ludwig Freiherr von Leonrod und Hermann Wehrle, auch der folgende:), Teil 3, Teil 4 (Adam von Trott zur Solz, Goerdeler) Teil 5 (Vorgänge im Bendler-Block und Tod des Generals Beck, Polizeipräsident Graf Helldorf, General Hoepner, Graf Schwerin von Schwanenfeld, Hans Bernd von Haften), Teil 6 (Albrecht von Hagen, Bernardis), Teil 7
Sowie eine zweite, gar nicht kommentierte Dokumentation, die offenbar von den westlichen Siegermächten aus dem Material des Propagandafilmes nach 1945 zusammengeschnitten worden ist:
"Verräter vor dem Volksgericht" Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 (Beichtvater und Beichtkind), Teil 5, Teil 6 (General Erich Hoepner am 7. und 8. 8. 1944 über die Vorgänger im Bendler-Block und den Tod des Generals Beck), Teil 7 (Oberbürgermeister Goerdeler), Teil 8.
Das Ansehen dieser Filme ist sehr anstrengend, da man sich ständig das Schreien des Roland Freisler anhören muß.*) Selten aber erlebt man Menschen, in diesem Fall die Angeklagten, unter einem solchen Druck. Fast alle sind noch am gleichen Tag dieser Verhandlung zum Tod verurteilt und erhängt worden. Und die Angeklagten wußten, daß sie nichts anderes zu erwarten hatten.

Unwillkürlich ist der Zuschauer veranlaßt sich zu fragen, wie er selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte. Hätte er zurückgeschrieen? Scheinbar tat das keiner der Angeklagten. Trotzig und nichts als trotzig geantwortet hat auch nur ein Teil der Angeklagten.

General von Witzleben vor dem Volksgerichtshof
Neville Chamberlain fällt dem deutschen Widerstand 1938 in den Rücken

Die erstgenannte Dokumentation macht an mehreren Stellen sehr richtig auf die sehr bedeutende Mitschuld der Westmächte am Mißerfolg des deutschen Widerstandes aufmerksam. Insbesondere schon durch die Reise von Neville Chamberlain nach Berchtesgaden genau zu jenem Zeitpunkt, als der deutschen Widerstand mit General Erich von Witzleben an der Spitze schon zum Losschlagen in Form eines Militärputsches rund um Berlin bereit stand (Teil 2, 2'38).

General Franz Halder
Dabei spielte auch General Franz Halder einen Rolle (1, S. 33, zit. n. 2, S. 259):
Halders Staatsstreichpläne vom September 1938 scheiterten, weil die von den Verschwörern selbst gesetzte Prämisse für eine Aktion, nämlich Hitler gegenüber der deutschen Bevölkerung als Kriegstreiber entlarven zu können, aufgrund der politischen Lösung durch das Münchener Abkommen vom 29. September 1938 (...) nicht gegeben war. Die Mitteilung über die bevorstehende Münchener Konferenz brachte Halder, der stündlich mit der Auslösung des Putsches gerechnet hatte, völlig aus dem Gleichgewicht. Er brach sofort alle Staatsstreichvorbereitungen ab.
Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo, der noch 1933 von Himmler und Heydrich von seinem Posten Verdrängte, der 1938 das Amt eines Regierungspräsident in Hannover einnahm, behauptete 1954 übrigens (2, S. 259),
als Attentäter auserkoren gewesen zu sein beim Putschversuch von General Franz Halder und dem Leiter des Büros von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentropp, Erich Kordt.
(Rudolf Diels spielte eine eigene Rolle vor, während und nach dem Dritten Reich, die demnächst noch genauer thematisiert werden soll.) Die Westmächte fielen also schon damals - in der Sudetenkrise des Jahres 1938 - dem deutschen Widerstand "in den Rücken". Und das sollte nicht bewußt geschehen sein von britischer Seite?

Ein weiterer Versuch wurde von dem deutschen Widerstand nach den von Hitler gegenüber den Westmächten durchgesetzten außenpolitischen Erfolgen beim Ausbruch des Krieges im September 1939 nicht mehr unternommen. Obwohl Staatssekretär Ernst von Weizsäcker auch zu diesem Zeitpunkt über einen Mord an Hitler nachdachte.

Carl Goerdeler und Adam Trott zur Solz

Daß die führenden Kräfte der Westmächte an einer Zusammenarbeit mit dem deutschen Widerstand sozusagen "nicht im geringsten" interessiert waren, und auf die Angebote höchstens lauwarm reagierten, geht übrigens auch sehr gut aus der Vernehmung des Leipziger Oberbürgermeisters Goerdeler hervor, in der Kontakte zu Churchill über schwedische Mittelsmänner erörtert werden (Teil 4, 9'20). Die Aufnahme der Vernehmung von Goerdeler und Adam Trott zur Solz gehört sicherlich zu den politisch interessantesten. Auch ist die Haltung sowohl von Goerdeler wie von Trott von der Solz eine offensichtlich ungebrochene.

Schon wenn man sich vor Augen führt, daß von Claus von Stauffenberg solche Aufnahmen wie diese nicht existieren, man also nur auf Fotografien angewiesen ist, um sich von seiner Persönlichkeit ein historisch zutreffendes Bild zu machen, wird deutlich, wie bedeutungsvoll diese historischen Aufnahmen sind.

Immer wieder, wenn man sich mit der Thematik insbesondere des militärischen Widerstandes gegen Hitler beschäftigt, stellt sich einem die Frage: Wie hätte man selbst an Stelle dieser Männer gehandelt? - Wenn sich übrigens heutige deutsche Politiker der führenden Parteien auf diese Männer berufen, dann ist das in jeder Hinsicht eine Farce.

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*) Das Schicksal von Roland Freisler (lt. Wikip.):
Roland Freisler starb am 3. Februar 1945 während eines schweren US-amerikanischen Bombenangriffs auf Berlin, als er auf dem Weg zum Keller des Volksgerichtshofs von einem herabstürzenden Holzbalken erschlagen wurde. Bei seinem Tod hielt er noch die Akte des späteren Bundesrichters Fabian von Schlabrendorff in der Hand. Freislers Tod rettete unter anderem Schlabrendorff das Leben.
Freisler selbst starb also früher als viele von ihm Angeklagte.
(ursprünglich verfaßt am 27.12.2009)


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1. Ueberschär, Gerd R.: Generaloberst Franz Halder. Göttingen 1991
2. Wallbaum, Klaus: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900 - 1957). Der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010 (Diss. Univ. Hannover 2009)

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