Montag, 7. November 2011

Der "Verfassungsschutz" als Nachfolgeorganisation der "Gestapo"

Rudolf Diels: 1933 baute er die Gestapo auf und kritisierte 1954 seinen "Nachfolger", den ersten Präsidenten des "Bundesamtes für Verfassungsschutz", weil sich dessen Behörde ebenso gefährlich verselbständigen würde wie 1933 die Gestapo. Solche Wahrheiten wurden 1954 noch weniger gern gehört als heute. Ansonsten aber fiel Rudolf Diels selten "aus dem Rahmen".

Buchtitel von 1954
Wer war dieser Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo? Im folgenden ein Beitrag, um sich mit diesem widersprüchlichen Mann näher bekannt zu machen. Schon in mehreren Beiträgen hier auf dem Blog war von ihm die Rede gewesen (1 - 3). Eine abschließende Einordnung dieses Mannes fällt aber schwer. Sie ist auch durch die neu erschienene Biographie über ihn (4) nicht unbedingt erleichtert. Denn diese hat sich z.B. nicht tief genug in die  Reichstagsbrand-Debatte eingearbeitet und scheint deshalb - unter anderem - den Historiker Hersch Fischler und seine Thesen gar nicht zu kennen. Aber der folgende Blogbeitrag zunächst einmal einfach, um einige vielleicht nicht ganz unwichtige Lesefrüchte und -eindrücke über die "Sphinx Rudolf Diels" festzuhalten.


Nach 1945 stand Diels - wie sein Nachfolger in der Gestapo Werner Best - in gutem Kontakt mit Rudolf Augstein vom "Spiegel". Er stand - wie sein Nachfolger in der Gestapo Werner Best -  in gutem Kontakt zu dem Freimaurer und Bundesjustizminister Thomas Dehler. Dehler besuchte Diels sogar Ende 1954 (4, S. 312). Diels stand auch mit dem Hochgradfreimaurer Franz von Papen in freundlichem Briefkontakt (4, S. 287). Ebenso besaß er einen guten Kontakt zu Robert Kempner (siehe voriger Beitrag). Alle diese Freundschaften charakterisieren einen Menschen zunächst einmal ja schon deutlich genug. An einer grundsätzlichen Einbindung in hier auf dem Blog schon häufiger behandelte, das Jahr 1945 überdauernde Seilschaften scheint es bei ihm keineswegs gefehlt zu haben. 1946 etwa hatten sich nach der Darstellung der Historikerin Christiane Kohl (4, S. 262),
die sich auf Schilderungen der Gräfin Kalnoky stützt, viele Besucher im Nürnberger Zeugenhaus gewundert über die "schützende Hand", die der amerikanische Anklagevertreter Robert Kempner über Diels gehalten habe.
Und dementsprechend reihen sich auch Aussagen von Diels in den Nürnberger Prozessen als Be- und Entlastungszeuge völlig ein in das ein, was man von so vielen ähnlichen Leuten wie Diels kennt, die sich da im gegenseitigen Beschuldigen und Entschuldigen nach 1945 vor der Weltöffentlichkeit gütlich taten. Und die das zumeist auch konnten, ohne mit schlimmeren persönlichen Folgen rechnen zu müssen (auch hier wieder vergleichbar: Werner Best oder auch Friedrich Hielscher).

Robert Kempner hielt eine "schützende Hand" über Rudolf Diels (1946)

So zitiert der Historiker und Journalist Wallbaum die Historikerin Christiane Kohl über Diels folgendermaßen (zit. n. 4, S. 266):
"Von Anfang an bestritt er die unter Zeugen und Angeklagten weit verbreitete Behauptung, man habe ja nichts von den Vorgängen in den Konzentrationslagern gewußt. Wer sich damals informiert habe, dem konnten nach Meinung von Diels auch 'die Vergasungen' nicht verborgen geblieben sein."
Und Wallbaum ergänzt selbst:
Am 26. November 1946 nahm er Stellung zum Gas "Zyklon B" und dazu, daß die Existenz dieses Mittels, mit dem Juden ermordet wurden, allgemein bekannt gewesen sei. Diels berichtete über die Massenerschießungen in der Ukraine ...
Zivilist mit Pistole: Gestapo und Schutzpolizei im "Einsatz"
Seinen vormaligen Dienstherrn und Bruder seines Freundes Herbert Göring, Hermann Göring, belastete Diels in Nürnberg nicht gerade wenig (4, S. 267). Göring hatte sich verteidigt, er hätte mit den SA-Verbrechen des Jahres 1933 nichts zu tun gehabt. Diels stellte demgegenüber richtig, daß Göring sie sehr wohl hätte verhindern können. Dennoch reichlich irrsinnig: Als hätte Diels nicht selbst in diesen Zusammenhängen Verantwortung auf sich genommen durch Involviertsein, durch Handeln und Unterlassen! Insbesondere konnte er auch später den Vorwurf, Görings Befehl weiter gegeben zu haben, Gregor Strasser zu ermorden, nicht glaubwürdig entkräften.

Aber Diels belastete auch merhere andere höhere Persönlichkeiten des Dritten Reiches. Zum Beispiel SS-General Gottlob Berger. Darunter - ebenfalls typisch! - insbesondere solche, mit denen Diels vor 1945 in persönlicher Rivalität gestanden hatte, (denen gegenüber er also "persönliche Rechnungen abglich"). In all dem hob sich Diels wirklich nur wenig von dem ab, was diese Zeit insgesamt kennzeichnete.

Diels gelingt es nicht wirklich, im nach-1945er politischen "Establishment" Fuß zu fassen

Andererseits aber wurde Diels von den Politikern aller Parteien von einigen Ausnahmen abgesehen nach 1945 in auffallender Weise zurückgestoßen. So daß er beruflich in Deutschland nicht - wie viele seiner ehemaligen Kollegen - und wie von ihm selbst erstrebt - wieder wirklich "Fuß" fassen konnte. Die Gründe hierfür sind zunächst nicht recht ersichtlich. Klar ist aber, daß er es sich offenbar mit der katholischen Lobby rund um Bundespräsident Konrad Adenauer schon während der Zeit als Regierungspräsident in Köln (1934 - 1937) einigermaßen deutlich verdorben hat. Die antikirchlichen Maßnahmen der Nationalsozialisten waren von Diels nicht besonders stark abgebremst worden, oft sogar das Gegenteil.

Vielleicht liegt einer der Gründe für die rätselhaften Schwierigkeiten von Diels nach 1945 in seinen etwaig weiterbestehenden vormaligen Kontakten zu dem ersten Geheimdienstchef Adenauers Friedrich Wilhelm Heinz begründet. In der Diels-Biographie von Wallbaum ist Heinz und der Geheimdienst von Heinz nirgendwo erwähnt, der in Konkurrenz sowohl zum Geheimdienst von Gehlen wie zum Geheimdienst von Otto John stand, welchen letzteren nun wiederum Diels als Konkurrent empfand.

Aber auch die Sozialdemokraten hielten nach 1945 nach außen hin größtenteils auf Abstand zu Diels. Diels hatte sich - ähnlich wie Friedrich Wilhelm Heinz - Hoffnungen darauf gemacht, als erster Präsident des neugegründeten Bundesamtes für Verfassungsschutz "wiederverwendet" zu werden. Aus heutiger Sicht: Was für ein Hohn! Aber angesichts der vielen parallelen Fälle von Eliten-Kontinutität in allen höheren Ämtern der jungen Bundesrepublik wäre das für die damaligen Zeiten "so außergewöhnlich" nun auch nicht gewesen. Es drängt sich der Eindruck auf, daß man Diels nicht als ausreichend zuverlässig erachtete, sich seiner nicht ausreichend sicher gewesen ist. 

Jedenfalls die - für die nach-1945er Jahre grundsätzlich ungewöhnliche - "Entfremdung" zwischen den herrschenden Eliten und dem vormaligen ersten Gestapo-Chef Rudolf Diels mag sich auch "aufgeschaukelt" haben. Diels mag um so "unangepaßter", "hämischer" agiert haben, um so mehr Ablehnung er erfuhr und um so mehr Ablehnung erfahren haben, um so "unangepaßter" und "hämischer" er agiert hat. Ob auch eine gewisse Naivität im Denken und Handeln von Diels gegenüber den  eigentlichen Hintergründen der Geschichte  eine Rolle gespielt hat, ob er sie unterschätzt hat, kann man derzeit nicht so recht sagen.

Diels kritisiert Geheimdienst-Herrschaft und "gelenkte Demokratie"

Diels hat nun aber immer wieder - und offenbar von Jahr zu Jahr entschiedener - Äußerungen von sich gegeben, die aus heutiger Sicht als außerordentlich unverfroren und enthüllend angesehen werden müssen. Äußerungen allerdings, in denen er ausnahmsweise einmal - und in sehr deutlichem Widerspruch zu stillschweigenden Übereinkünften in der jungen Bundesrepublik - schlicht "die Wahrheit" sagte über Kernvorgänge der jüngsten deutschen Geschichte, die er selbst an entscheidender Stelle miterlebt hatte. 

Der hier auf dem Blog als sehr hellsichtig empfundene Reichstagsbrand-Historiker Hersch Fischler stellt Rudolf Diels als jenen dar, der führend an der Vertuschung der eigentlich Schuldigen am Reichstagsbrand von 1933 beteilgt gewesen wäre (1). Daß Diels über eine solche Rolle irgendwann ein schlechtes Gewissen bekommen hätte, ist nirgendwo erkennbar. Nach 1933 und nach 1945 hat sich Diels vielmehr immer wieder schwankend über die eigentlich Schuldigen am Reichstagsbrand geäußert, hat einmal die Kommunisten, ein andermal die Nationalsozialisten und dann wieder die Alleintäterthese van der Lubbe's unterstellt. So handelt nicht einer, der ein echtes schlechtes Gewissen verspürt, sondern viel mehr jemand, der manches weiß, sich damit aber dann letztlich doch nicht so recht "heraustraut". (Vergleichbar wohl übrigens zu Heinrich Brüning, siehe gleich.)

Und als es zur Zusammenarbeit zwischen Rudolf Diels und dem "Institut für Zeitgeschichte" in München zur Aufklärung der wahren Hintergründe des Reichstagsbrandes kommen sollte - - - "starb" Diels so ganz plötzlich bei einem "Jagdunfall". 

Historiker des "Instituts für Zeitgeschichte" - wie etwa der berüchtigte Professor Hans Mommsen - haben klar an einer damals und auch heute noch politisch gewollten Version zu den Hintergründen des Reichstagsbrandes gearbeitet und dabei die Freiheit der Forschung übelst geschädigt, wie ja heute bekannt ist. Fühlten sie sich einem Diels nicht gewachsen in diesen Dingen und mußten deshalb den Fall Diels "andere" übernehmen? Etwa gar ehemalige Kollegen von Diels, bzw. seine "Nachfolger", wie er sie so unverfroren nannte - im Bundesamt oder in einem der Landesämter für Verfassungsschutz, mit denen auch die Historiker des Instituts für Zeitgeschichte so eng zusammenarbeiteten?

Diels zeigte so gut wie kein schlechtes Gewissen

Wer sonst ist denn in Deutschland zuständig für - - - "Jagdunfälle"? (Oh je, das klingt vielleicht ein wenig gar zu zynisch! Aber man lese doch gegenwärtig regelmäßig den Blog von Michael Buback. Wer das tut, wird den eben geäußerten Zynismus mehr als verstehen.) In einem früheren Beitrag hatten wir schon geschrieben (3):
Man kann schon in dem die eigene Verantwortung beschönigenden und verschweigenden Erinnerungsbuch des ersten Chefs der Gestapo, Rudolf Diels, benannt "Lucifer ante portas" nachlesen, welchen Blutdurst und welche Mordlust vor allem der SA-Männer die Gestapo schon im Jahr 1933 deckte, ja, sich an ihnen mitbeteiligte.
Auch diesbezüglich kann man bei Diels nirgendwo ein echtes schlechtes Gewissen bemerken. Da scheint sogar Werner Best, Diels Nachfolger, anders gestrickt gewesen zu sein, der beispielsweise in seiner langen Haftzeit in Dänemark schwere psychische Zusammenbrüche erlebte, und dessen öffentliches Stillschweigen nach 1945 ebenso ein klarer vorhandenes schlechtes Gewissen erkennen läßt als Rudolf Diels, der nach 1945 fröhlich sich öffentlich weiter äußerte. Diels hatte sich in seinem Leben übrigens schon 1933 von Heydrich durch Mordabsichten bedroht gefühlt. In seinen Kreisen belauerten 1933/34 offenbar alle alle: Wer kommt mit auf die Mordlisten, wer nicht ... Warum soll das 1957 anders geworden sein?

Außerdem hatten wir geschrieben (2):
Daß Adolf Hitler und seine Bewegung in wesentlichen Teilen vom Ausland aus finanziert worden sind, hat schon der vormalige Reichskanzler Heinrich Brüning nach dem Zweiten Weltkrieg behauptet. Der preußische Innenminister Severing hat seinen Ministerialrat Wilhelm Abegg 1930 aufgefordert, den ausländischen Geldgebern von Hitler nachzugehen. Der erste Chef der Gestapo, Rudolf Diels, machte in seinen Erinnerungen, die 1950 erschienen, ebenfalls auf diese Vorgänge aufmerksam. Diese These ist inzwischen in vielen weiteren Darstellungen übernommen worden.
Die "Kastration der deutschen Staatlichkeit" und die "Marionettenbühne des Unwirklichen" (1954)

Erschienen 1954
All solchen Äußerungen von Diels wird aber die Krone aufgesetzt, wenn man in der neu erschienenen Biographie die Ausführungen liest über jene politische Kampfschrift, die Diels 1954 über seinen "Amtsnachfolger" (wie Diels ihn nannte), den ersten Präsidenten des "Bundesamtes für Verfassungsschutz", Otto John, schrieb aus Anlaß von dessen damaligen überraschenden Hinüberwechseln in die DDR. Diese Ausführungen zeigen, daß es Diels leicht fiel, den antiamerikanischen Impetus deutscher Patrioten, von dem man sonst in der Biographie Diels nicht sehr viel verspürt, in Worte zu fassen (4, S. 319 - 321):
Diels nannte John an mehreren Stellen "meinen Nachfolger", ignorierte so nebenbei den Systemwechsel, der sich mit dem Übergang vom NS-Staat zur Bundesrepublik ergeben hatte. Dann richtete er scharfe Angriffe gegen den Einfluß der West-Alliierten. Im Bundesamt für Verfassungsschutz herrsche "der Unfug der Wildwest-Organisation". In den folgenden Absätzen attackierte Diels die Bemühungen der Alliierten, die Deutschen an die Demokratie heranzuführen: "Die Substanz des Deutschen ist fast nicht mehr zu erkennen. Ist er wirklich umgeformt worden nach dem Vorbilde der widerlichen Modellfiguren der Reeducation, oder schweben ihm noch im Geiste hoch über lärmenden Musterdemokraten und literarische Tugendbestien, den Hassern und den Betulichen, edlere Vorbilder aus seiner Geschichte vor Augen? Ist er wirklich unter der Dollaratmosphäre des Wirtschaftswunders in eine satte Apathie verfallen, die sein nationales Bewußtsein ausgelöscht hat?" (...)
Auch Konrad Adenauer wurde von Diels direkt angesprochen. Es sollte wie ein Lob klingen, war aber beißende Kritik, weil Diels die Mitglieder der Bundesregierung verunglimpfte: "Allein der alte Bundeskanzler, der auf der deutschen Marionettenbühne des Unwirklichen seine Rolle mit Leben erfüllt und die Kastration der deutschen Staatlichkeit zu verbergen versteht, erinnert die Deutschen an die staatsbildenden Männer der Vergangenheit." (...)
Lesen sich diese Ausführungen nicht wie von einem beliebigen Infokrieger-Blog von heute entnommen? Auch von unserem Blog selbst (GA-j!) könnten diese Ausführungen entnommen sein, die von uns in fast jedem Wort dick unterstrichen werden können. 

Aber auffällig überhaupt, wie schnell sich eine Kritik von Diels am "Bundesamt für Verfassungsschutz" erweitert auf die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik überhaupt. Das klingt geradezu so - - - aber, aber, lieber Leser, lies bitte lieber nicht weiter: - - - als ob für die Ausgestaltung des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland unter dem annäherungsweise "staatenbildenden" Bundeskanzler Adenauer insbesondere das Bundesamt für Verfassungschutz verantwortlich gewesen wäre. 

Wie kann denn der erste Chef der Gestapo von 1933, Geheimdienstchef in einer Zeit, in der ebenfalls "staatenbildend" ein neues politisches System ausgestaltet wurde, auf solch einen, Verzeihung!, schrägen Gedanken kommen. Als ob in der damaligen Bundesrepublik die heutigen Verhältnisse im "demokratischen" Rußland vorgelegen hätten, in denen auch aus - Systembrüche kontinuierlich überstehenden - Geheimdienstkreisen heraus ein "neues" "demokratisches" System gestaltet wurde, wir wollen ja gar nicht sagen "scheindemokratisches" System "lupenreiner Demokraten". Aber es rutscht uns das alles so von selbst heraus. Schließlich faßt ja die Politikwissenschaft das alles unter den emotionsloseren Begriff "gelenkten Demokratie". Was natürlich ein Euphemismus hoch Zehn ist. Wie kann eine "gelenkte Demokratie" "Demokratie" genannt werden? "Lupenreiner Demokraten" noch dazu!

Die Amerikaner benutzten Hitler nur als Vorwand, meint Diels

Nein, wirklich. Wie kann Rudolf Diels es wagen! Die geheiligten Werte unseres demokratischen Staatswesens so grundlegend infrage zu stellen? Und zwar mit einem Verweis auf den innerdeutschen Geheimdienst und auf seinen, Diels' - - - "Nachfolger"!? Un-glaub-lich! Und so etwas ist "Beamter im Wartestand". Un-glaub-lich! (So ähnlich reagierte man dann auch auf Diels Schrift im Bundestag.) Weiter lesen wir und bekommen immer mehr Lust, diese Schrift von Rudolf Diels im Original zu lesen:
Diels startete in seiner Broschüre sodann Angriffe auf die Amerikaner, die in Hitler "nur einen Vorwand" gesehen hätten, "um dem preußisch-deutschen Wesen endgültig den Garaus zu machen". Gegenstand der Nürnberger Anklage sei "das Deutsche schlechthin" gewesen.
Warum Diels selbst dann in Nürnberg überhaupt so bereitwillig kooperiert hat, erklärt er hier nicht. Otto John war ja damals, 1954, überraschend in die DDR geflohen, was eine Zeit lang den Ministersessel des CDU-Bundesinnenministers Gerhard Schröder ins Schwanken brachte, ein Schwanken, das dann stabilisiert wurde durch einheitliches Einhauen der Bundestagsparteien auf Diels' Schrift. Sie müssen allen Grund dafür gehabt haben, hören wir doch weiter ein Originalzitat aus dieser Schrift:
"Johns Flucht hat nicht die Deutschen, sondern das wahre Gesicht der Gewalten demaskiert, die uns Freiheit und politisches Handeln im eigentlichen Sinne nur soweit konzedieren, als es ihnen, unseren wahren Herren gefällt, was denn bedeutet, daß uns Politik als eine uneingeschränkte Funktion der Souveränität überhaupt versagt ist - woran denn wieder der Mann auf der Straße die Frage knüpfen mag, warum dann so viel Geräusch um ein Omelett. Verfassungen, Verfassungsschutz, Parlamente, Kabinette, Abgeordnete - ein Mammutgebilde, alles noch verschwenderischer aufgebaut als bei souveränen Nationen, und alles ein Riesentrugbild, aus genialer Teufelei erdacht, und doch nur anwendbar auf das autoritätsgläubigste Volk der Erde, die Deutschen?" Diels wünschte sich "ein Regulativ gegen die Entartung unseres öffentlichen Lebens" und rief nach der ordnenden Hand des Preußentums.
Preußentum ist in erster Linie eine geistig-moralische Haltung. Diels fordert hier also so ungefähr jene "geistig-moralische Wende", mit der Helmut Kohl 1982 an die Regierung kam, ohne sie dann durchgeführt zu haben (in der typischen Blendermanier heutiger Politikgestaltung). Daß Diels mit diesen Worten hingegen auf eine autoritäre Staatsordnung abgezielt hätte - wo doch Preußen 1919 bis 1932 nach heutigem Verständnis und dem Verständnis des Jahres 1954 wirklich eine "lupenreine" Demokratie war - ist eine Unterstellung, die der heutige Leitende Journalist Wallbaum, der Verfasser dieser Biographie, an dieser Stelle nicht belegt, und die Diels an späterer Stelle, wie Wallbaum auch zitiert, ausdrücklich zurückgewiesen hat.

Ein Geheimdienst darf sich nicht verselbständigen, meint Diels (1954)

Wallbaum aber nun weiter (4, S. 320f):
Aufschlußreich sind in Diels' Buch jene Passagen, die sich mit dem Aufbau des Verfassungsschutzes beschäftigen. Zu John gewandt schrieb er: "Ich riet ihm warnend, mit einem Studium der deutschen Verwaltungsorganisation zu beginnen und die Einrichtung eines 'selbständigen Apparates' zu unterlassen. Der führe unweigerlich zum Hexensabbat eines unkontrollierbaren Agentenbetriebes. Auf keinem Gebiet sei der bloße gute Wille so gemeingefährlich wie auf diesem. Korrektes Sachverständnis müsse als Auswahlprinzip für seine Mitarbeiter gelten, da er andernfalls ein Opfer der finsteren Gestalten würde, die sich seit je zu diesem Dienst gedrängt hätten. John konnte mich nicht begreifen. Als er mich wieder traf, berichtete er von den ersten Mißhelligkeiten. Die Bürokraten bereiteten seiner endgültigen Ernennung Schwierigkeiten." (...) Diels bekannte sich als jemand, der großen Wert auf die Einbindung des Geheimdienstes in die allgemeine Verwaltungshierarchie befürwortet. Dies unterstrich er noch einmal: "Ihre Selbständigkeit und Loslösung von der allgemeinen staatlichen Verwaltungstätigkeit ist das Kennzeichen der Diktatur. In der Diktatur nehmen Gesinnungsüberwachung und Gesinnungsjustiz einen Umfang und eine Bedeutung an, die die Politische Polizei zu einem Haupt- und Staatsorgan aufrücken lassen und die, auf den freiheitlichen Rechtsstaat übertragen, auch diesen zu einem verkappten Terrorismus führen müssen ...
Wir können an dieser Stelle nur atemlos einfügen: Was für hellsichtige Worte! Richtete sich dieser "verkappte Terrorismus" nur wenig später auch gegen Diels selbst, anläßlich seines Jagdunfalls? Diels weiter:
Bei der Selbständigkeit des Verfassungsschutzamtes bedarf man dazu eines überdimensionalen Spitzelapparates. Dieser führt unmittelbar in das Niemandsland der Rechtsverwirrung
-  man lese dazu beispielsweise die gegenwärtigen Einträge auf dem Blog von Michael Buback. Atemlos liest man weiter:
und der Wilkür. Es bedürfte wiederum eines Heeres überlegener und rechtschaffener Geister
- ja, wo sind sie? Auch heute? -
um die ihrer Natur nach fragwürdigen Spitzel im Zaume zu halten. Es gibt nur einen Schutz gegen die Ausuferungen politischer Bespitzelung. Das ist die Übertragung der Aufgaben des Verfassungsschutzes an die normalen Staatsorgane und ihre Polizei."
Der ehemalige Gestapo-Gründer als Wahrer der besten Prinzipien unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung? Kann man das glauben? Welche taktischen Absichten verfolgte Diels mit diesen Ausführungen, so muß man sich unwillkürlich fragen. Und man erinnert sich daran, daß Diels ursprünglich, vor 1932 den demokratischen Parteien nahegestanden hatte. Aber dann wieder: wie konnte er selbst 1933 so abgleiten in seinem Handeln?

Verfassungsschutz und Gestapo - ähnliche Gefahren?

Denn Wallbaum macht wohl sehr berechtigt auf die Widersprüche dieser Ausführungen zu Diels eigenen Handeln 1933 aufmerksam:
Diese Darstellung ist deshalb bemerkenswert, weil Diels unter Göring genau diese Verselbständigung des Gestapo-Amtes erlebte, sie sogar selbst praktiziert hatte. Im "Lucifer ante Portas" hatte er noch angegeben, daß ihm dies damals durchaus zupaß gekommen war: "Es war das Ergebnis der 'Reform' der Politischen Polizei, die Nebe und dessen Trabanten durchgesetzt hatten: Sie sah die Trennung von der allgemeinen Staatsverwaltung vor, die völlige Selbständigkeit der Spitze, des preußischen Geheimen Staatspolizeiamtes, und dessen Stellung als die einer Landeszentralbehörde. Damit war die Unterstellung unter den Minister des Innern, und in den Provinzen die Personalunion mit den Polizei- und Regierungsbehörden aufgehoben. Das war zwar gegen jeden Grundsatz der Verwaltungseinheit; doch ich konnte nun freier handeln. Ich wollte ja das Richtige, sagte ich mir. Ich hatte den Einfluß, alls später wieder zu revidieren." Im Otto-John-Buch klang Diels, als er diesen Vorgang beschrieb, anders: "Als Göring schließlich im November 1933 in meiner Abwesenheit dem Drängen eines ehrgeizigen Kriminalisten folgend, die völlige Loslösgung vollzog, war die Grundlage für die durch keinen verständigen Einwand mehr gehemmte Terror- und Kellerorganisation der Himmlerschen Gestapo geschaffen."
Den Umstand, daß Diels in dieser John-Schrift seine Darstellung in seinen vorher erschienenen politischen Erinnerungen "Lucifer ante Portas" nicht vollständig übernommen hat, eine "Verfälschung der historischen Wahrheit" zu nennen, muß man doch eigentlich als übertriebene Nörgelei bezeichnen. Denn "Lucifer ante Portas" war ja nun wirklich keine Geheimschrift, sondern jede konnte sie lesen.

Kooperationswillig gegenüber Demokraten und Diktatoren, mitunter aber  selbständig urteilend: Rudolf Diels

Rudolf Diels war schon bereit zu kooperieren, behielt aber in einem bestimmten Rahmen die Fähigkeit des selbständigen Denkens und Urteils, sowie auch des Aussprechens dieses Urteilens bei. Was dann - nach 1933 wie nach 1945 - als "Löcken wider den Stachel" empfunden werden mußte. Das ließ ihn längerfristig nicht gut auskommen mit Leuten wie Himmler, Heydrich oder Werner Best, die alle wesentlich zielbewußter, stromlinienförmiger und klarer "durchstilisiert" im Sinne der totalitären Orden im Hintergrund handelten, denen sie angehörten.

Diese totalitären Orden im Hintergrund waren Ausgliederungen des freimaurerisch-völkisch-totalitären "Germanenordens" wie (5, S. 235f): der "Thule-Orden" des okkultgläubigen Rosenkreuzers Freiherrn von Sebottendorf, der "Deutsche Orden" des okkultgläubigen Hochgradfreimaurers Paul Köthner, der jesuitische Skaldenorden, die freimaurerisch-jesuitisch-satanistischen Loge "Fraternitas Saturnis" oder die "panarische" "Vril-Gesellschaft" der okkult- und Shinto-gläubigen Karl Haushofer und Friedrich Hielscher, die wie viele in diesen Kreisen (siehe "Adolf Hitler und die Kommenden") im buddhistischen Osten die Zukunft Europas sahen. In ihnen waren also jesuitische Kräfte ebenso wirksam wie Shinto-tibetische wie traditionell-freimaurerische und theosophische.

Alle diese Kräfte bündelten sich bekanntlich in Personen wie dem okkult-verblödeten Heinrich Himmler und zahlreicher seiner engsten okkult-verblödeten Berater oder in dem okkult-verblödeten Rudolf Heß und seiner Berater (Karl Haushofer).

Ob Rudolf Diels von diesen Hintergründen besonders viel gewußt oder mitbekommen hat, was angesichts seiner guten Kontakte zu Dehler, Kempner oder Augstein gewiß nicht ausgeschlossen werden kann, stehe einstweilen dahin. Er kann auch gerne von diesen Kräften für eine Weile als ein "nützlicher Idiot" benutzt worden sein, dabei zum Teil gerne auch, soweit es das "Wissensgefälle" von Geheimlogen auf seiner Ebene zuließ, im Sinne der Bestrebungen dieser Logen gehandelt haben. Etwa bei der Vertuschung der eigentlichen Hintergründe des Reichstagsbrandes. Etwa bei dem Aufbau der Gestapo. Aber eben nur, solange er die deutlichen "Durchstilisierungen", die von diesen totalitären Logen für die praktische Politik ausgingen, und die aufgrund ihrer internationalen Verflechtungen solche "konzertierten Aktionen" hervorbrachten wie zum Beispiel die Machtergreifung von 1933 oder den Zweiten Weltkrieg, nicht als solche zu durchschauen begann.

Rudolf Diels bleibt einstweilen weiterhin eine "Sphinx".

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1. Bading, Ingo: Zur Frage nach dem Anteil der Freimaurer an der Machtergreifung Adolf Hitlers, an der Gestapo und damit am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (3. Teil). Auf: GA-j!, 23.11.2010
2. Bading, Ingo: Die Wallstreet kaufte Hitler - Allen Dulles, der CIA und seine Verbindungsleute in Deutschland erledigten alles weitere. Auf: GA-j!, 25.12.2010
3. Bading, Ingo: "Der Bruderschaftsgedanke wurde dem Individualismus entgegengestellt." Auf: GA-j!, 21.5.2011
4. Wallbaum, Klaus: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900 - 1957). Der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010 (Diss. Univ. Hannover 2009)
5. Bronder, Dietrich: Bevor Hitler kam. Eine historische Studie. Hans Pfeiffer Verlag, Hannover 1964

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