Freitag, 18. November 2011

Ist Evolutionärer Humanismus "völkischer Humanismus"?

Vor vier Wochen hatten wir im Zusammenhang mit Diskussionen rund um die Facebook-Bewegung "Generation Giordano" einen wohl nicht ganz unwesentlichen Satz der Giordano Bruno-Stiftung (GBS) zitiert: "Die Anerkennung biologisch-kultureller Evolution mit allen ihren beobachtbaren Unterschieden gehört zum Wesen des Humanismus." (1) Aus diesem Anlaß soll erinnert werden an Diskussionen, die sich schon im Jahr 2008 rund um die Giordano Bruno-Stiftung abgespielt hatten. Der folgende Beitrag ist im wesentlichen schon vor zwei Jahren geschrieben worden. Nun wird es Zeit, daß er endlich einmal veröffentlicht wird.

Die Giordano Bruno-Stiftung in der Diskussion (2008)

Gegen die Giordano Bruno-Stiftung (GBS) ist von verschiedener Seite aus vorgegangen worden mit dem Vorwurf "völkisch" zu sein (wenn nicht gar "braun"). Etwa in "Jungle World" ("Die linke Wochenzeitung") (12.6.2008) von seiten Peter Bierls. Dieser Beitrag wurde auch thematisiert von dem Blog "Naturalismuskritik" von Benno Kirsch (19.6.2008). (Leider ist der Beitrag von Kirsch nicht mehr allgemein öffentlich zugänglich.)

Zu den Kontrahenden: Peter Bierl ist Autor des Anthroposophie-kritischen Buches "Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister", in dem die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik kritisch untersucht wird. Zu den weltanschaulichen Grundlagen der Giordano-Bruno-Stiftung vergleiche man etwa diesen Artikel --> pdf. (bzw.: 2). Aufhänger Peter Bierls ist das von der GBS herausgegebene Kinderbuch "Wo bitteschön gehts zu Gott, fragte das kleine Ferkel". Zu diesem und zu der GBS im Allgemeinen wurde auf dem Wissenschaftsblog "Studium generale" schon verschiedentlich Stellung genommen (siehe a, b, c, d, e - wer diese Beiträge liest, dem wird das folgende vielleicht noch ein bischen leichter einzuordnen sein).

Benno Kirsch schreibt nun über den Anti-GBS- und Anti-"Ferkelbuch"-Artikel von Peter Bierl:
Das Milieu, in dem Bücher wie das „Ferkelbuch“ gedeihen können, beschreibt Bierl sehr anschaulich. Hier tauchen Linke wie Rechte auf, dumpfe Esoteriker, Tierrechtler und völkische Humanisten. Bierl nennt Karlheinz Deschner und Schmidt-Salomon, Karl Schachtschneider und Ernst Topitsch, Peter Singer und Norbert Hoerster. Da taucht der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ebenso auf wie die Sekte Universelles Leben. (...)

Was sich in diesem Milieu so alles links nennt, kann man, Bierl zufolge, kaum noch von den Rechten unterscheiden; jedenfalls scheinen die Grenzen fließend zu sein. Schmidt-Salomon etwa sei unfähig, sich mit Kritik an seiner eigenen Ideologie auseinanderzusetzen (...).
Wo stammt eigentlich der hier verwendete Begriff "völkischer Humanismus" her? Ist er hier in der angegebenen, vielleicht eher flappsigen Weise überhaupt zum ersten mal formuliert worden? Daß dieser Begriff angesichts der modernen Entwicklungen in der Evolutionsforschung naheliegend ist, wo man mit Charles Darwin auch heute wieder in die Nähe des Denkens in völkischen Kategorien kommt, ist unübersehbar (siehe zuletzt hier und hier nebst Kommentaren). Denn es wird auch im menschlichen Genom inzwischen ganz unübersehbar, daß Gruppen und Völker in den letzten 200.000 Jahren Einheiten der Humanevolution waren, und daß auf ihrer Ebene für den Menschen und menschliche Kultur wesentlichen Selektion stattgefunden hat (3). (Gut zu verstehen etwa bei der Entstehung des Volkes der aschkenasischen Juden vor erst etwa 1000 Jahren.)

Zugleich aber scheint durch die Kombination des Wortes "völkisch" mit dem Wort "Humanismus" doch von vornherein alles Inhumane ausgeschlossen zu sein, was man bis dato mit dem völkischen Denken zu assoziieren geneigt gewesen war? Es ist ja klar, daß nicht nur Bibel-Kritiker, sondern schon die Bibel selbst tief im völkischen Denken verwurzelt ist. Nicht nur das Alte, auch das Neue Testament. Jesus bevorzugt an mehreren Stellen des Neuen Testamentes eindeutig Juden gegenüber Nichtjuden. Ob es sich in der Bibel um einen völkischen Humanismus handelt, das werden Bibelgläubige und Bibelkritiker wahrscheinlich unterschiedlich sehen.

Aber gerade Bibelkritiker könnten sich doch auch in der Pflicht sehen, endlich einmal - vielleicht zum ersten mal in der Weltgeschichte - so etwas wie einen völkischen Humanismus wirklich praktisch umzusetzen! Sind die geschichtlichen Erfahrungen der letzten 100 Jahre vielleicht genau darauf ausgelegt, daß die Menschheit endlich einmal lernt, mit dem völkischen Gedanken human umzugehen, anstatt inhuman?

Auch in der Bibel herrscht Denken in völkischen Kategorien vor

Abseits aller Spiegelfechtereien, "Ferkelbücher" und Islamkritiken: Kann eigentlich die Giordano-Bruno-Stiftung, die sich schließlich in ihrem Weltbild nur auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gründet und einen Evolutionären Humanismus vertritt, etwas dafür, wenn es in diesem Weltbild eine Komponente gibt, die man immer mehr, deutlicher und dezidierter "völkisch" nennen kann oder sogar muß? Doch dann auch wiederum von anderen Seite her betrachtet: Wenn es eine solche Komponente tatsächlich geben sollte: Würden dann sowohl die GBS als auch ihre Kritiker wirklich sensibel genug damit umgehen?

Wer sich geistig mit der vordersten Front der Genetik und Soziobiologie beschäftigt, aber auch sonst ab und an noch einmal über den Tellerrand der naturwissenschaftlichen Detailforschung hinaus schaut, kommt früher oder später wohl gar nicht umhin, sich solche Fragen zu stellen.

"Völkische" Komponenten im heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild

Auf diesem Blog ist schon verschiedentlich auf solche "völkischen" Komponenten im sich derzeit weiterentwickelnden naturwissenschaftlichen Weltbild hingewiesen worden. Ja, das Mitverfolgen des Schicksales dieser Komponenten in der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung bildet sogar einen Schwerpunkt dieses Blogs. Und es regt sich doch um so länger um so mehr der Verdacht, daß hier das Ende der Fahnenstange im wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß noch längst nicht erreicht ist. Daß hier noch so "manches" auf uns zukommen könnte. Durch die Sarrazin-Debatte des Jahres 2010 ist dann wohl auch Millionen anderen Menschen, die unseren Blog bedauerlicherweise (!) noch gar nicht gelesen haben, wohl so ein bischen bewußt geworden, was da noch alles auf uns zukommt oder zukommen könnte.

Es sei nur erinnert an die vielen gegenwärtigen Diskussionen in der Naturwissenschaft und in der naturwissenschaftlichen Anthropologie um das Phänomen der "Gruppenselektion", heute passender genannt "Mehr-Ebenen-Selektion" (multilevel-selection), um das Phänomen der Gen-Kultur-Koevolution, um Phänomene der "jüngsten", "lokalen" Humanevolution und viele Dinge dergleichen mehr, wie sie sich durch die vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms und des Abgleichs der daraus abgeleiteten Erkenntnisse mit schon zuvor gewonnenen und dabei weiter zu entwickelnden Erkenntnissen in der Theoretischen Biologie, in der Soziobiologie und - etwa - in der Historischen Demographie ergeben haben und künftig noch konkreter ergeben werden (3).

Eine "neue Religion auf wissenschaftlicher Grundlage"

Abb. 1: Gegen rechten Okkultismus
Menschen wie Peter Bierl sind aber nun - abseits all der Erkenntnisfortschritte in der Naturwissenschaft - offenbar zunächst vor allem interessiert an den vielen gefährlichen ideologischen Übergängen von einem säkularen Humanismus und der Religionskritik der Giordano-Bruno-Stiftung hin zu esoterisch-okkulten, pantheistischen, neuheidnischen, rechten und konservativen Positionen und Gruppierungen, die sich daran anschließen oder die sich doch zumindest daran anschließen könnten (wenn in diesen Gruppierungen überhaupt wissenschaftliches Interesse vorhanden wäre).

Wenn nun Peter Bierl über den von der GBS herausgestellten Ernst Haeckel schreibt, so hört sich das beispielsweise so an:
Anstelle des Christentums wollte der Zoologe Ernst Haeckel (1834 bis 1919), der Darwins Lehre in Deutschland verbreitete und den Begriff "Ökologie" einführte, eine neue "Religion auf wissenschaftlicher Grundlage" setzen. Auch Haeckel stand weit rechts. Er war Mitglied des Alldeutschen Verbands, der Kolonialgesellschaft und des Flottenvereins. Er teilte die Menschen in "wollhaarige" und "schlichthaarige" "Rassen" ein und wähnte, eine "indogermanische Rasse" habe alle anderen "in geistiger Hinsicht mehrfach überflügelt".
Und wenn Peter Bierl über Giordano Bruno selbst spricht, so denkt er auch dabei keineswegs an einen Rennaisance-Philosophen des 16. Jahrhunderts, sondern zunächst und vor allem an rechte Esoteriker des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich auch an der einen oder anderen Stelle an das Denken von Giordano Bruno angeschlossen haben:
Anhänger Haeckels gründeten einen Giordano-Bruno-Bund. Der Mönch Bruno (1548 bis 1600), von der Kirche in Rom verbrannt, wurde von den völkischen Vordenkern Paul de Lagarde (1827 bis 1891) und Houston Stewart Chamberlain (1855 bis 1927) gefeiert, später von Hauer und Sigrid Hunke (1913 bis 1999). Die langjährige Ehrenvorsitzende der Deutschen Unitarier-Religionsgemeinschaft (DUR) propagierte ein "Neuheidentum" als "artgemäße" Religion. Dabei wurde und wird Bruno nicht bloß wegen seines Märtyrertums von völkischen Spinnern, Nazis und Esoterikern missbraucht. Sein Pantheismus und der Vorwurf, Judentum und Christentum hätten Magie und Mystik zerstört, bieten inhaltliche Anknüpfungspunkte.
Mathilde Ludendorff, naturalistische, völkische Vordenkerin, Mitglied des Monistenbundes von Ernst Haeckel und Okkultismus-Kritikerin könnte natürlich an dieser Stelle ebenso erwähnt werden. Auch sie hat immer wieder auf die siebenjährige Kerkerhaft des Giordano Bruno Bezug genommen. Das ist ja naheliegend für jeden Kirchenkritiker, ob er nun politisch links oder rechts eingestellt sein mag.

Daß die GBS bislang mit dem "Ferkelbuch", das der Aufhänger für Bierl ist, und mit so vielen anderen Dingen nicht gerade auf die glücklichste Art und Weise ein am naturwissenschaftlichen Wissen orientiertes Weltbild popularisiert, das ist uns hier auf dem Blog schon länger klar (siehe dazu nochmals  abcde).

"Wir wollten das nicht wissen. Beim besten Willen nicht."

Abb. 2: Gegen allen Okkultismus
Aber was für Probleme sehr grundsätzlicher Art hier insgesamt zutage treten, kann vielleicht auch anhand des  Blogs "11 Freunde" - und damit ganz unabhängig von solch "tiefgründigen" Debatten - in die leicht spöttisch-lächelnden Worte gefaßt werden (siehe hier), die dort verwendet wurden, als es um den ("naturalistischen") Vergleich der Vogelart der Baumhopfe mit menschlichen Fußballfans ging (siehe Stud. gen.):
Wir wollten das nicht wissen. Beim besten Willen nicht. Aber Forschungsergebnisse flattern einem ja selten auf Bestellung ins Haus. Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen. Denn immerhin: Das Schicksal, einem Vogel ähnlich zu sein, trifft uns alle gleichermaßen. Es macht uns zu Brüdern. - Steh auf, wenn du ein Baumhopf bist!
Es gibt sehr vieles in der Wissenschaft, was man kaum noch geneigt ist, überhaupt wissen zu wollen. Da man es sich schon lange abgewöhnt hat, in diesen Kategorien zu denken. Und dazu gehört bestimmt auch das Denken in völkischen Kategorien. Aber wenn die Forschungsergebnisse ein solches eben bekräftigen - sollte man sich dann nicht auch zusammennehmen und mit den 11 Freunden ausrufen: "Steh auf, wenn du ein völkischer Humanist bist!" - - - ? Ups?! Fühlt sich ... - - - "nicht so gut" an? Vielleicht gibt es noch bessere Begrifflichkeiten, um auf die Einsicht zu reagieren, daß Völker Einheiten der Humanevolution waren und höchstwahrscheinlich auch künftig sein werden.

(erster Entwurf, 19.6.09)

_______________
  1. Bading Ingo: "Die Anerkennung biologisch-kultureller Evolution mit allen ihren beobachtbaren Unterschieden gehört zum Wesen des Humanismus." Auf: GA-j!, 21.10.2011
  2. Schmidt-Salomon, Michael: Auf dem Weg zur Einheit des Wissens. Die Evolution der Evolutionstheorie und die Gefahren von Biologismus und Kulturismus Schriftenreihe der Giordano Bruno Stiftung, Band 1 (2007). Siehe --> Homepage.
  3. Darwin in Mind (J.J. Bolhuis et. al., PLoS Biology, 2011)

Kommentare:

Freidenker Galerie - Bilder, Zitate, Sprüche hat gesagt…

Der Artikel und Ihre Webseite gefallen mir. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg damit. Vor einem Jahr habe ich die Freidenker Galerie gegründet. Es würde mich freuen, wenn Sie auch bei mir mal reischauen.

Schöne Grüsse aus München
Rainer Ostendorf
http://www.freidenker-galerie.de

Ingo Bading hat gesagt…

Oh, vielen Dank für die Rückmeldung!

Ich hab ja auch mal Philosophie studiert. Zuerst in Konstanz. Und da bin ich weggerannt.

Dann war ich an der Universität Mainz bei Professor Rudolf Malter, dem damaligen Vorsitzenden der Schopenhauer-Gesellschaft. Ein ganzes Proseminar nur, wenn ich mich recht erinnere, über die VORREDE zur Einleitung der "Kritik der reinen Vernunft". Da schlackern einem die Ohren. Aber es bleibt doch auch eine ganze Menge Respekt zurück.

Und das Wesentliche an der Auseinandersetzung mit Philosophie für MICH ist, daß man sich das Leben nicht madig machen läßt von denen, also diesen Philosophen.

Die abendländische Philosophie-Geschichte hat einen langen Weg genommen. Hegel glaubte schon, sie wäre mit ihm an ihr Ziel gelangt. (Und diese Idee hatte er eigentlich von Hölderlin. Sagt Dieter Henrich.)

Wir haben heute mehr Zweifel als je, daß die Philosophie an ein - zudem noch gutes - Ende kommen könne. Und daß sie uns AUS philosophischer Erkenntnis heraus zu lebensbejahenden, zuversichtlichen, nicht-zynischen Menschen machen könnte.

Erstaunlicherweise waren aber nicht gerade die Philosophen des 20. Jahrhunderts selbst (in ihrer Mehrheit), aber insbesondere viele der bedeutendsten Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts der Meinung, DASS die Philosophie so etwas leisten könnte. Ich denke nur an Werner Heisenberg. Oder an Konrad Lorenz. Und viele andere mehr.

Zur Willensfreiheit hab ich auf meinen Blogs übrigens auch was geschrieben. Ich finde, daß Manfred Eigens Buch "Das Spiel" noch zu wenig Berücksichtigung gefunden hat auf philosophischer Seite. Sein Grundgedanken ist: "Das Leben ist ein Spiel, in dem nichts fest liegt, außer den Regeln."

Und wenn so unser Weltall überhaupt beschaffen ist, könnte es in diesem eben doch viele Spielräume für Spontaneität geben - auch in der komplexesten Struktur unseres Weltalls, dem menschlichen Großhirn. Aber das sind alles lange Themen! :-)

Ich schreibe hier auch nur so lange, weil ich auf zu VIEL Skepsis und Zynismus immer ein wenig allergisch reagiere. Die Naturwissenschaft selbst legen solche Grundhaltungen eigentlich nicht nahe.

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