Dienstag, 23. November 2010

Zur Frage nach dem Anteil der Freimaurer an der Machtergreifung Adolf Hitlers, an der Gestapo und damit am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (1. Teil)

Dieser Aufsatz handelt ... 

... von unerwarteten personellen Kontinuitäten, die sich von rechskonservativen Politikern und Steigbügelhaltern Adolf Hitlers - wie Paul von Hindenburg oder Alfred Hugenberg - über leitende Gestapo-Beamte - wie Rudolf Diels oder Werner Best - bis hin zu bundesdeutschen Eliten - wie Rudolf Augstein oder Bundesjustizminister Thomas Dehler - ziehen. Er handelt vom Osthilfe-Skandal von 1933 als einer der Hintergründe für die Machtergreifung Hitlers und für den Reichstagsbrand. Er handelt vom Kampf der Gestapo gegen den militärischen Widerstand. Und er handelt von der wohlwollenden Aufnahme vieler Staatsbeamter, die sich bei diesen Geschehnissen schuldig gemacht haben, bei den bundesdeutschen Eliten nach 1945. Er handelt von der wohlwollenden juristischen und geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung der Mitverantwortung dieser Beamten seit 1945. Und er fragt, wo die "Regie" für all diese sehr disparaten Geschehensabläufe und "Seilschaften" zu suchen ist. Er vermutet sie in der Logenzugehörigkeit der meisten der hier beteiligten Personen.

(Bei diesem und den folgenden beiden Beiträgen handelt es sich bislang nur um Aufsatzentwürfe, -skizzierungen, die noch durch weitere Recherchen ergänzt und dabei veri- oder falsifiziert werden müssen.)

Kürzlich stieß der Autor dieser Zeilen auf das Buch "Der Sturz der Generäle" von Fritz Tobias aus dem Jahr 1994. Die merkwürdige Tendenz dieses Buches, nämlich die Gestapo von einer ausdrücklichen Mitschuld am Sturz der kriegsunwilligen, NS-kritischen deutschen Generäle Blomberg und Fritsch im Jahr 1938 reinzuwaschen zusammen mit dem Wissen um die merkwürdige Rolle dieses Verfassungsschutzmannes Fritz Tobias rund um die "Aufklärung" der Hintergründe des Reichstagsbrandes, zusammen mit dem Wissen um den merkwürdigen Versuch von Fritz Tobias, einen "prophetischen Brief" des Freimaurer-Kritikers Erich Ludendorff an Paul von Hindenburg anläßlich der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler für unhistorisch zu erklären - all diese Dinge schienen irgendwie auf einem gemeinsamen Nenner zu beruhen. Man war sich zu Anfang nur irgendwie nicht klar: auf welchem?

Aber schließlich stellte man sich die Fragen so: Steht die Arbeit des Hobbyhistorikers Fritz Tobias im Dienste der deutschen Freimaurerei und im Dienste ihrer Reinwaschung von der Schuld am Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg? Ist Fritz Tobias das personifizierte "schlechte Gewissen" der deutschen Freimaurerei? Ist Fritz Tobias selbst Freimaurer? Wie sonst bekommt man einen roten Faden in die merkwürdig disparaten und dann doch wieder irgendwie alle auf einen ähnlichen Nenner hinauslaufenden geschichtswissenschaftlichen Anliegen und Zielsetzungen dieses Fritz Tobias, sowie seine Einbindung in die bundesdeutsche Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches?

Freimaurerei und Nationalsozialismus

Es gibt nun viel kritische Aufklärungsliteratur über die Freimaurerei. Sehr dicht liegt diese Aufklärungsliteratur vor insbesondere über ihr politisches Wirken bis zum Jahr 1933. Aber über die Wege und Ziele der politischen Einflußnahmen der deutschen Freimaurerei in den Jahren seit 1933 gibt es auffallend wenig genaue Daten und Hinweise, selbst in einer Literatur, die sich in der dezidierten Nachfolge jener Freimaurer-kritischen Aufklärungsliteratur bis zum Jahr 1933 sieht (Beispiele etwa: 1, 2 oder auch: 3).

Wer aber nun mit dem Wissen um diese Freimaurer-kritische Aufklärungsliteratur der frühen 1930er Jahre, etwa jene Ludendorff'scher Provenienz, sich mit dem geschichtswissenschaftlichen Wirken des Verfassungsschützers und Hobbyhistorikers Fritz Tobias (geb. 1912) beschäftigt, sowie mit der Kritik  des Journalisten Hersch Fischler an den Versuchen dieses Fritz Tobias, ein Umschreiben der deutschen Zeitgeschichte zu bewirken, der glaubt, einen völlig neuen Schlüssel, Zugang zu vielen weiteren Zusammenhängen der Geschichte des Dritten Reiches und der frühen Bundesrepublik gefunden zu haben. Der gemeinsame Nenner der Jahrzehnte langen Bemühungen des Hobbyhistorikers und Verfassungsschutzmannes Fritz Tobias und jener einflußreichen Kreise, die hinter ihm zu stehen scheinen, scheint nämlich der zu sein, das den Nationalsozialismus und mit ihm den Kriegsausbruch fördernde Wirken führender Gestapo- und Kriminalpolizei-Beamter während des Dritten Reiches gegen innerdeutsche NS- und Kriegsgegner zu entschuldigen oder zu verharmlosen - und zwar von Beamten, die oft nach 1945 in führenden Positionen blieben -, und zugleich solche scharfen Kritiker der Freimaurerei einerseits und des Nationalsozialismus und seiner Kriegsabsichten andererseits und eines von ihnen unterstellten Bündnisses zwischen beiden zum Zwecke der Herbeiführung eines Zweiten Weltkrieges, wie es Erich Ludendorff war - oder vielleicht auch führende sozialdemokratische Beamte in der Kriminalpolizei Preußens (Wilhelm Abegg etwa), ihres bis in die 1980er Jahre noch verbliebenen minimalen Resteinflusses auf die Formung des deutschen Geschichtsbewußtseins noch weiter zu berauben. Zu all dem - und vielem weiteren - später noch mehr. 

Diese auf den ersten Blick unerwarteten und merkwürdigen Zusammenhänge und vieles weitere, was dazu zu sagen ist, drängen einem jedenfalls den Gedanken auf, daß Fritz Tobias Freimaurer ist und daß seine Einbindung in den bundesdeutschen Beamtenapparat, in das bundesdeutsche Medienwesen und in den bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb nur verständlich wird, wenn man eine freimaurerische "Bruderkette", sprich "Seilschaften" annimmt, die einerseits nicht nur mehrere Systemwechsel (1933, 1945) überbrückten, sondern die andererseits zu allen Zeiten sich auch jeweils über viele gesellschaftlliche Institutionen zugleich erstreckten und sie damit quasi "gleichschalteten" (nämlich über sich normalerweise gegenseitig konrollierende Institutionen wie Medien, Wissenschaft, Politik, Beamtenapparat, Rechtswesen, Kriminalpolizei, Staatschutz usw. ...).

Aufhebung der Gewaltenteilung in unserem Land

Letzteres ist aber eine Annahme, die man auch ableiten kann aus Geheimdienst-kritischer Literatur, die in den beiden letzten Jahrzehnten erschienen ist, etwa zum Mordfall Uwe Barschel, zum Linksterrorismus in Deutschland und Italien der 1970er, 80er und 90er Jahre, zum islamischen Terrorismus seither oder auch zum Mordfall Jörg Haider.

Diesen Umständen gegenüber ist es um so auffallender, wie sehr sich die deutsche Freimaurerei heute umgibt mit dem Nimbus, im Dritten Reich verfolgt worden zu sein (s. Wikip.). Dabei bestreitet heute niemand, daß der Freimaurer und Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht erklärtermaßen einer der wichtigsten Steigbügelhalter bei der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und Mitglied seiner Regierung gewesen ist! Schon von daher fällt diese Entschuldigung der Freimaurerei in sich zusammen. Auch von vielen anderen führenden, rechtskonservativen Politikern und Steigbügelhaltern Adolf Hitlers ist in verschiedenen Zusammenhängen - und zumal in der Freimaurer-kritischen Literatur jener Zeit - die Vermutung geäußert worden, daß  es sich um Freimaurer handele, und daß diese "Freimaurer-Politik" betreiben würden. 

Da von vielen Politikern offiziell nicht bekannt ist, ob sie Freimaurer waren, bzw. sind oder nicht, läßt sich der Anteil der Freimaurerei an der Machtergreifung Adolf Hitlers möglicherweise heute immer noch in ähnlicher Weise bestreiten wie er etwa für die Geschehnisse der Französischen Revolution oder für den Ausbruch (8) und den Verlauf des Ersten Weltkrieges bestritten wird. 

In dem vorliegenden Beitrag wollen wir aber wie gesagt einige neue Indizien dafür bringen, daß dieser Anteil nicht nur nicht vernachlässigbar gewesen sein muß, sondern mindestens ebenso entscheidend gewesen sein kann wie die Mitwirkung des katholischen Zentrums am Ermächtigungsgesetz und damit an der Reichskanzlerschaft Adolf Hitlers.

So wie sich die christ-katholische Partei des "Zentrum" als Gegenleistung 1933 unter anderem von Adolf Hitler das "Reichskonkordat" versprechen ließ, so wurde auch die Freimaurerei - entgegen der eigentlichen nationalsozialistischen Ziele - im Dritten Reich nicht sofort verboten. Sondern ihr wurde sogar erlaubt, sich ein anderes äußeres Aussehen zu geben, also bloß auf ein paar Bezeichnungen  und Benennungen zu verzichten, die sie gar zu deutlich als Freimaurer kenntlich machen würden. Davon abgesehen aber konnten sie unbehelligt "weiterarbeiten" (s. Wikip.). Bis 1935, bzw. 1937 als sie dann endgültig verboten worden sind.

Nun wird aber niemand so naiv sein zu glauben, die Freimaurerei hätte die Jahre bis 1935 und 1937 nicht weidlich genutzt, um ihre Fortexistenz auch über ein Gesamtverbot hinweg sicherzustellen. Daß dem so war, kann zunächst allein daran abgelesen werden, daß die Freimaurerei nach 1945 sehr schnell wieder auch äußerlich so blühend auflebte, wie sie auch bis 1933 oder 1935 bestanden hatte.

Nach 1945 werden viele frühere Nationalsozialisten durch die Freimaurerei "entnazifiziert"

Der Buchautor Guido Grandt und der österreichische Politiker Ewald Stadler behaupten, viele österreichische Politiker, die vor 1945 dem Nationalsozialismus nahestanden, seien nach 1945 durch die Freimaurerei "entnazifiziert" worden (3, S. 263). Da die Zeitgeschichte nach 1945 viele Beispiele für ein enges Zusammengehen von Freimaurerei und Geheimdiensten kennt, etwa dem CIA, wird man nicht allzu fehl gehen, wenn man für die Zeit des Dritten Reiches und danach ein ähnliches Zusammengehen voraussetzt wie für andere Bereiche der deutschen Gesellschaft. Viele führende vormalige Gestapo-Beamte wurden vom CIA, vom BND, vom Verfassungsschutz und von der Staatssicherheit der DDR übernommen. Viele führende vormalige Beamte der Reichskriminalpolizei wurden von der Bundeskriminalpolizei und den Landeskriminal-Ämtern übernommen. Und zwar unter der kräftigen publizistischen Fürsprache eines Rudolf Augstein im "Spiegel", wie wir noch hören werden und bei kräftigen Fußtritten gegen nicht mehr willkommene, schon 1933 abgehalfterte, hohe, Nazi-kritische, sozialdemokratische Polizei-Beamte. 

Auch sonst fanden viele ehemalige Beamte aus den NS-Ministerien den Weg in die neuen bundesdeutschen Ministerien, etwa in die für Herrschaftsausübung immer so wichtigen Innenministerien. Und natürlich viele vormals nationalsozialistische Journalisten wirkten in den führenden Verlagen und Publikationsorganen der jungen Bundesrepublik fort, so unter anderem im "Spiegel" oder in der "Zeit". Oftmals muten einem die führenden Publikationsorgane der Bundesrepublik Deutschland heute noch an wie bloß die Sprachrohre des deutschen BND oder des deutschen Verfassungsschutzes. Dies gilt insbesondere für den "Spiegel" und zahlreiche Fälle, in die er verwickelt gewesen ist (Beispiel: Mordfall Uwe Barschel). Geheimdienste können auch bei weitem nicht so laut- und reibungslos arbeiten, wenn sie nicht über hervorragende Kontakte zu den wichtigsten Institutionen der Medienlandschaft verfügen (... würden dazu führende "Staatsschützer" entschuldigend sagen ...).

Es wird die vorliegende Forschungsliteratur noch genauer zu konsultieren sein hinsichtlich von Daten dahingehend, inwieweit für die hier sich abspielenden personellen Kontinuitäten oder Diskontinuitäten über das Jahr 1945 hinweg Freimaurermitgliedschaft oder -nichtmitgliedschaft ein Hauptmovens gewesen sein kann bei der Frage: Wer wird beiseite gestellt? Wer darf weiter mitmachen? - Vermutet werden muß ein solches Kriterium jedenfalls allemal.

In diesem Beitrag wollen wir aber noch auf ganz andere Indizien für "Seilschaften" und personelle Kontinuitäten über zwei Systembrüche hinweg hinweisen, die einem zugleich Hinweise auf verborgene freimaurerische Zusammenhänge zu geben scheinen. Erst diese Indizien ließen einen wieder dieses alte Thema Freimaurerei in diesem Beitrag aufgreifen. Denn nach langem Hin- und Herschieben, wie man all diese Indizien eigentlich historisch richtig einordnen soll, wurde einem irgendwann klar: Die ergeben in ihren merkwürdigen äußerlichen Widersprüchlichkeiten nur dann einen "Sinn", wenn man das Zusammenhalten von Freimaurern über zwei Systembrüche hinweg unterstellt und wenn man unterstellt, daß die Freimaurerei ein Anliegen hat, ihre Ankläger in ein schlechtes Licht zu stellen, sich selbst aber und seine eigenes Wirken in der Gestapo und bei der Kriminalpolizei in ein Gutes.

Freimaurer-Kritiker Erich Ludendorff (1927)

Der erst zum Hitler-Anhänger, dann zum scharfen Hitler-Gegner gewendete führende General des Ersten Weltkrieges, Erich Ludendorff, wurde Ende der 1920er Jahre - auch nach Zeugnissen vieler Freimaurer selbst - zu einem Gegner der Freimaurerei, wie ihn dieselbe in dieser existenzgefährdenden Weise zuvor in ihrer Geschichte noch niemals kennengelernt hatte (s. Wikip. a, b). Sein Buch "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" aus dem Jahr 1927 machte erstmals für eine größere Öffentlichkeit die bis dahin geheimen Rituale der Freimaurer öffentlich. Dieses Buch forderte allseits, zumal auch unter der deutschen Studentenschaft und in den nationalen Wehrverbänden, sowie im Pressewesen zu Stellungnahmen heraus und machte vielen Menschen klar, wie nicht nur die linksliberalen Kräfte in der Weimarer Republik von der Freimaurerei durchsetzt waren, sondern - beispielsweise - auch die in konservativen Kreisen einflußreiche "Stahlhelm"-Führung.

Auch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und viele ihm politisch Nahestehende, ihn lobbyistisch Unterstützende (auch in der deutschen Geschichtswissenschaft) verdächtigte Erich Ludendorff nach und nach mit größerer Sicherheit der Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge.

"Weltkrieg droht auf deutschem Boden" aufgrund eines Bündnisses von Nationalsozialismus und deutscher Freimaurerei - sagt Erich Ludendorff (1929)

Ludendorff behauptete schließlich im Jahr 1929, die deutsche und internationale Freimaurerei hätte den Plan, Deutschland mit Hilfe der alten, verfreimaurerten konservativen Kräfte (Stahlhelm, DNVP, Hindenburg) und mit Hilfe der Nationalsozialisten in einen neuen Weltkrieg zu führen. Dazu veröffentlichte er sein in viele Sprachen übersetztes Weltkriegs-Szenario "Weltkrieg droht auf deutschem Boden", in dem er den Zweiten Weltkrieg in den wesentlichen Umrissen und in seinem vernichtenden Verlauf, insbesondere was den Vormarsch der Roten Armee nach Mitteleuropa betrifft, schon im Jahr 1930 klar vorausgesagt hat.

Ludendorff warf der Freimaurerei vor, die konservativen deutschen Kräfte mit nationalen Phrasen zu umnebeln - ähnlich wie vor 1914, um sie so um so leichter in einen neuen Krieg führen zu können, der dann schließlich die endgültige Vernichtung Deutschlands bringen sollte, auf die die internationale Freimaurerei schon 1914 abgezielt hätte. Er schrieb zum Beispiel wie zu seiner Zeit dieser Krieg vorbereitet wurde (4, S. 19):
(...) So konnte schließlich die faschistische Diktatur von allen Seiten als Rettung für Deutschland gepriesen werden, nachdem auch altpreußische Logenkreise entsprechend Weisungen erhalten hatten.
Und in einer Anmerkung dazu:
Hierfür liegen Beweise vor. Die altpreußischen Logen sind vom faschistischen Stahlhelm, dem faschistischen alldeutschen Verband und der deutschnationalen Volkspartei nie bekämpft worden. Die Freimaurer aus den altpreußischen Logen saßen mitten darin. Die Nationalsozialisten führten den Kampf nur mit äußerster Zurückhaltung. So ist das Eintreten altpreußischer Logenkreise nur zu erklärlich. Es deckt sich mit den Absichten, (...) Deutschland in einen Krieg zu führen und den Freiheitwillen dort zu erschlagen. Es entspricht das auch dem Streben der Freimaurerei, ihre erschütterte Stellung in Deutschland wieder zu festigen.
Ludendorff sprach (4, S. 91) von
solch hirnverbrannter faschistischer Außenpolitik, die den Weltkrieg erst ermöglicht und uns der Vernichtung aussetzt.
Viele national und völkisch gesonnene Menschen in Deutschland hörten Ludendorff zu. Halb ungläubig, halb entsetzt, halb einfach nur "fasziniert"-schaudernd, oft sehr feindselig angesichts solcher "schriller" Thesen. Daß das militärische Fachurteil Ludendorffs in allen großen europäischen Militärmächten etwas galt, glaubten die Ludendorff-Anhänger und Ludendorff selbst damals an vielen Anzeichen erkennen zu können. Aber auch solche rechtskonservativen Publizisten wie Carl Schmitt, Ernst Jünger, Ernst Niekitsch hörten Ludendorff halb zustimmend, halb Kopf schüttelnd zu. Und so natürlich auch lange Zeit führende Generäle des deutschen 100.000-Mann-Heeres.

Ludendorff selbst behielt nun um solcher von ihm vermuteter Absichten willen die innenpolitischen Vorgänge in Deutschland scharf im Auge und kommentierte sie allwöchentlich scharf und pointiert in seiner Zeitung "Ludendorffs Volkswarte". Diese Wochenzeitung mit einer Auflage von knapp 100.000 Stück wurde deshalb auch folgerichtig 1933 von den Nationalsozialisten verboten.

"Osthilfe-Skandal" von 1932/33 - entscheidend für die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler? 

Es war nun auch Erich Ludendorff, der als einer der ersten auf den Osthilfe-Skandal rund um die Person des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg hinwies (s. Wikip.). Dies ist um so bedeutsamer, als der Reichstagsbrand-Forscher und Tobias-Kritiker Hersch Fischler ebenfalls den eigentlichen Grund für das von ihm behauptete vornehmlich rechtskonservative (!), nicht vornehmlich nationalsozialistische Anzünden des Reichstages nicht zuletzt im Osthilfe-Skandal vermutet (siehe später). Das wären völlig neue Perspektiven, auch was die Reichstagsbrand-Forschungen betrifft.

Von dem Osthilfe-Skandal behauptete Ludendorff, er würde das deutsche Staatsoberhaupt, den Reichspräsidenten, trotz dessen Ablehnung des "Gefreiten Hitler" erpreßbar machen im Sinne der von Ludendorff der Freimaurerei unterstellten Ziele, nämlich um die Machtergreifung Adolf Hitlers zu fördern. Der derzeitige Wikipedia-Eintrag (21.11.10) zum Osthilfe-Skandal bewertet den Osthilfe-Skandal und die Enthüllungen Ludendorffs viel entscheidender, als man sich erinnert, das bis dato irgendwo in Gesamtdarstellungen zur deutschen Geschichte gelesen zu haben. Es heißt dort nämlich:
(...) General Ludendorff startete am 27. November 1932 in seiner „Volkswarte“ eine Kampagne, in der er auf Unregelmäßigkeiten bei Finanzierung und Sammlung für das (Hindenburg'sche) Gut Neudeck aufmerksam machte und Hindenburg die Beeinflussbarkeit durch „bestimmte Kreise“ vorwarf. Reichskanzlei und Büro des Reichspräsidenten äußerten nur, dass „die Verdächtigungen gegenstandslos seien und man bewusst auf offizielle Dementis verzichtet habe.“ Oldenburg-Januschau reagierte auf die Anschuldigungen mit einem offenen Brief an die Kreuz-Zeitung. Dieser wurde darauf in allen großen Zeitungen besprochen: die Affäre weitete sich in den folgenden Tagen zur „Steuersache Neudeck“ aus („wer zahlte eigentlich die Schenkungssteuer?“)
Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen über die Entlassung Brünings durch Hindenburg (5, S. 353f):
(...) Ich wandte mich gegen (...) den Staatsstreich des Reichspräsidenten v. Hindenburg, als er mir-nichts-dir-nichts Brüning entließ (...). Ich zeigte, wie der Staatsstreich im Reich auch recht persönliche Gründe für den Reichspräsidenten hatte. (...) Der wesentliche Grund lag doch in der Besorgnis, daß die Regierung Brüning (...) große Siedlungsmaßnahmen im Osten durchführen könnte, die auch den Großgrundbesitz des Reichspräsidenten zur Abgabe von Siedlungsland in Mitleidenschaft ziehen würden.
Später war ich selbst gezwungen, auf recht ernste Erscheinungen der Verwendung von Geldern der sogenannten Osthilfe hinzuweisen, die die schwierige Lage der Landwirte im Osten erleichtern sollten, aber in einer Weise verwendet waren, die zu den schwersten Bedenken Veranlassung gab.

Ja, ich mußte mich entschließen, sehr ernst auf die Tatsache hinzuweisen, daß von seiten von Banken bei Großindustriellen und Banken für den Reichspräsidenten Geld gesammelt wurde, um seinen Großgrundbesitz Neudeck zu entschulden. (...) Durch Sammlungen, die Herr v. Oldenburg-Januschau angeregt hatte, (...) war dem Reichspräsidenten das Gut geschenkt worden. Umbauten des einfachen Hauses zu einem Schloß und der Stallungen hatten das Gut verschuldet. Durch Aufbringung von 500 000 Mark sollten die Schulden gedeckt werden. Ich fand das ungeheuerlich. Zu leicht "erhalten kleine Gaben die Freundschaft" und veranlassen Gegendienste. In anderen Staaten wäre dies als Korruption bezeichnet worden.  (...)

Ich glaube zu wissen, daß Reichskanzler v. Schleicher nicht gesonnen war, mir-nichts-dir-nichts an den Vorgängen vorbeizugehen, die ich aufgedeckt hatte. Ob dies einer der Gründe war, daß der Reichspräsident v. Hindenburg ihn fallen ließ, muß ich dahingestellt sein lassen. (...) Sei dem allem nun wie es sei, der Reichspräsident flüchtete sich in die Arme der Herren Hugenberg und Hitler; und Herr Hugenberg brachte das Gerede über die Osthilfe zum Schweigen, und ich hatte keinen Anlaß mehr, auf die so bedenkliche Affäre Neudeck noch einmal zurückzukommen.
Auf Wikipedia heißt es nun dies illustrierend noch weiter zum Osthilfe-Skandal:
Der Abgeordnete Joseph Ersing (Zentrum) hielt am 19. Januar 1933 im Haushaltsausschuss des Reichstags eine Rede mit Enthüllungen von Einzelheiten über den Missbrauch öffentlicher Mittel im Zusammenhang mit der Osthilfe: „[U]nd wenn die vom Reich gegebenen Gelder nicht zur Abdeckung von Schulden, sondern zum Ankauf von Luxusautos und Rennpferden und zu Reisen an die Riviera verwendet würden, dann müsse das Reich die Rückzahlung der Gelder verlangen. Die Großgrundbesitzerkreise seien bemüht, eine weitere parlamentarische Verhandlung unmöglich zu machen. Deshalb werde hinter den Kulissen die stärkste Aktivität für eine sofortige Auflösung des Reichstages entfaltet."
"Weitere parlamentarische Verhandlungen unmöglich" machen
Wie macht man "weitere parlamentarische Verhandlungen unmöglich"? Vielleicht dadurch, daß man den Reichstag einfach anzündet. Dies ist jedenfalls die These des Journalisten Hersch Fischler zu den Motiven rechtsnationaler Kreise für das Anzünden des Deutschen Reichstages. Fischler sagt nämlich,  wie wir noch zitieren werden, daß vom Reichstagsbrand die hier angesprochenen rechtskonservativen Kreise noch weitaus mehr profitieren konnten, als sogar die Nationalsozialisten selbst. Auf Wikipedia heißt es weiter:
Die Vorwürfe stießen nicht zuletzt deshalb auf Interesse, weil zuvor im Zusammenhang mit Ludendorffs Enthüllungen der Name Hindenburgs und der seines Freundes Elard von Oldenburg-Januschau in der Presse auftauchten. Auch diese Familien sollten bei der Zuteilung öffentlicher Mittel begünstigt worden sein. Auch war im Umfeld von Ludendorffs Recherchen schon Ende 1932 bekannt geworden, dass Gut Neudeck zur Vermeidung der Erbschaftssteuer direkt auf den Sohn des Präsidenten, Oskar von Hindenburg, überschrieben worden war. Dies war sicher rechtlich nicht anzufechten, beschädigte aber doch erheblich das Bild Hindenburgs als „ehrlichem und korrektem Preußen ohne Fehl und Tadel“ und verstärkte das Interesse an den neuerlichen Enthüllungen. (...)
Und dann kommen ganz erstaunliche Passagen, die inhaltlich zumindest dem Autor des vorliegenden Beitrages völlig neu sind, obwohl er sich als nicht gerade unbelesen bezeichnen möchte, was zeitgeschichtliche Forschungsliteratur betrifft. Womit dem Erstaunen Ausdruck gegeben werden soll, daß diese Vorgänge bislang offenbar noch nicht stärker ins deutsche Geschichtsbewußtsein, ja überhaupt nur in zeitgeschichtliche Überblicksdarstellungen eingeflossen sind. Schließlich hören sie sich einigermaßen entscheidend an:
Am 22. Januar 1933 fand ein Treffen zwischen Hitler, Frick, Göring, Körner, Papen, Staatssekretär Meißner und Oskar von Hindenburg im Haus Ribbentrops statt. Thema war die Bildung eines Kabinetts Hitler/Papen und Sturz des Kabinetts Schleicher. Hitler und Oskar von Hindenburg sprachen etwa zwei Stunden unter vier Augen im Nebenraum. Meißner berichtete später in Aussagen zum Wilhelmstraßen-Prozess, Hindenburg habe auf der Rückfahrt im Taxi gesagt: „es gebe nun keine andere Möglichkeit mehr“, als Hitler zum Kanzler zu machen. Einige Historiker vermuten, dass Hitler ihn mit einer Mischung aus Drohungen (mit weiteren Enthüllungen den Skandal auszuweiten) und Angeboten (Papen sei ja selbst damit einverstanden, Vizekanzler zu sein – DNVP und Stahlhelm machen die Mehrheit des Kabinetts aus – außerdem das Verhindern weiterer Enthüllungen) bearbeitete. (...)
Und weiter:
Hugenberg wurde Reichsminister für Wirtschaft und Ernährung, in dieser Funktion auch Kommissar für Osthilfe.

Das Berliner Tageblatt berichtete über die Abholung der bereits zugestellten Akten zum Osthilfeskandal durch Beamte des Reichskommissariats für Osthilfe am Morgen des 2. Februar 1933. Fünf Tage später folgte im gleichen Blatt ein Artikel über Randale und Krawallszenen, die die Fortführung der Untersuchung zum Osthilfeskandal verhinderten. Die sozialdemokratische Zeitung Vorwärts veröffentlichte am 25. Februar 1933 einen Bericht mit dem Titel „Der Osthilfesumpf“ über das Verbot der Veröffentlichung einer Broschüre des SPD-Abgeordneten Kurt Heinig, dem Berichterstatter des Untersuchungsausschusses über den Osthilfeskandal, durch den Berliner Polizeipräsidenten wegen angeblicher Gefährdung der öffentlichen Ordnung.
Randale und Krawallszenen, die die Fortführung der Untersuchung zum Osthilfeskandal verhinderten

Dieser Polizeipräsident war der rechtskonservative, 1931 der NSDAP beigetretene Admiral Magnus von Levetzow, der zuvor zwischen Göring und dem deutschen Kaiser in Holland vermittelt hatte. In der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 brannte dann der Deutsche Reichstag. Wikipedia weiter:
Das Ermächtigungsgesetz wurde am 23. März 1933 im Reichstag beschlossen (...). Der Untersuchungsausschuss zur Osthilfe beendete am 3. Mai 1933 seine Arbeit und stellte in seinem Abschlussbericht keinerlei Unregelmäßigkeiten fest.

Aus Anlass der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Schlacht von Tannenberg am 27. August 1933 bekam Hindenburg von Göring, dem Ministerpräsidenten Preußens, eine Urkunde, mit der die Domäne Langenau (früher schon einmal in Besitz der Familie Hindenburg) und der Forst Preußenwald nahe Gut Neudeck als Geschenk an Hindenburg übereignet wurden. Beide wurden danach von Hitler und Göring für steuerfrei erklärt, solange sie sich im Besitz männlicher Nachfolger der Familie Hindenburg befinden. Auch übernahm das Reich den weiteren Ausbau und die Sanierung von Gut Neudeck. Drei Wochen später bat das Büro des Reichspräsidenten um eine schriftliche Bestätigung dieser Zusage und um baldige Auszahlung. Brüning meinte in seinen Memoiren 1970 in diesem Zusammenhang: „[D]ass der Reichspräsident überzeugt war, dass Papen Hitler nur an die Macht gebracht hätte, um die Monarchie wieder einzuführen. Als im Sommer zum erstenmal Bedenken nach dieser Richtung hin entstanden, wurde Hindenburg ein Nachbargut von Neudeck geschenkt […] es gelang Oskar von Hindenburg, die Bedenken seines Vaters zu zerstreuen."
Merkwürdigerweise wird diesen ganzen Vorgängen und Zusammenhängen in der ansonsten glänzenden und ausführlichen neuen Hindenburg-Biographie von Wolfram Pyta kaum ein Augenmerk geschenkt. Zwar ist immer wieder von einem "zu renovierenden Kuhstall" auf Gut Neudeck die Rede, aber, soweit übersehbar, nirgends der hier auf Wikipedia geäußerte Verdacht, daß Hindenburg durch  finanzielle Abhängigkeiten und Unregelmäßigkeiten sich zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler könnte haben erpressen lassen.

Der Wikipedia-Artikel zum Osthilfe-Skandal lautet jedenfalls zusammengefaßt: Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, damit der Sohn von Paul von Hindenburg ein Schulden- und Erbschaftssteuerfreies, zusätzlich um eine Domäne erweitertes, auf Staatskosten renoviertes, vormals fast verlustigt gegangenes Familiengut in Ostpreußen behalten konnte und mit seinen Gutsnachbarn an die Riviera fahren konnte.

Die Empörung Erich Ludendorffs am 30. Januar 1933

Von all solchen Umständen liest man in dem Artikel von Fritz Tobias über den "prophetischen" Brief Erich Ludendorff nichts. Hans Frank war es, der als bayerischer Justizminister nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler mit "staats-", will heißen NS-feindlichen Umtrieben a la Erich Ludendorff zwangsläufig befaßt sein mußte ("Gegnerbeobachtung" und "-bekämpfung" nannte man das in Partei- und Gestapokreisen). Dieser Hans Frank berichtete 1945 in seinen Memoiren von einem Telegramm, das Erich Ludendorff anläßlich der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler an Paul von Hindenburg geschrieben haben sollte. Der Wortlaut paßt sehr genau zu Ludendorff und in Art und Inhalt zu allem, was von Ludendorff auch sonst in dieser Zeit geschrieben worden ist. Allerdings ist für diesen Wortlaut selbst bislang kein Originaldokument gefunden worden, ein Umstand, aufgrund dessen sich Fritz Tobias bemüßigt fühlte, darauf zu drängen, daß dieses vielgebrachte Zitat aus den deutschen Geschichtsbüchern verschwände:
Sie haben durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unser heiliges deutsches Vaterland einem der größten Demagogen aller Zeiten ausgeliefert. Ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unsere Nation in unfassbares Elend bringen wird. Kommende Geschlechter werden Sie wegen dieser Handlung in Ihrem Grab verfluchen.
Warum war es dem Verfassungsschutzmann Fritz Tobias so wichtig, daß es für diese doch durch und durch wahren Worte kein Originaldokument gibt? Warum machte Fritz Tobias nicht klar, daß wenn schon für diese Worte kein Originalzeugnis vorliegt, doch jedes einzelner dieser Worte sich in anderen schriftlichen Äußerungen Ludendorffs in dieser oder ähnlicher Weise wiederfindet? Was stört ihn daran? Welches schlechte Gewissen dem Freimaurer-Kritiker und Osthilfe-Skandal-Aufdecker Erich Ludendorff gegenüber spricht sich in den Bemühungen des Pro-Nazi-Justizmord-Vertuschers Fritz Tobias aus?

Und auch die Vorgänge rund um den Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 verfolgte Ludendorff sehr genau. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er darüber (6, S. 22):
Am 27.2.1933 ging der Sitzungsssaal des Reichstagsgebäudes in Flammen auf. (...) Ich habe an die Mär, daß der Reichstagssaal von Kommunisten angezündet worden sei, nie glauben können und habe gespannt die Verhandlungen vor Gericht erwartet. Sie haben sich sehr lange hingezogen, und was sie brachten, war keine Aufklärung des Falles. Durch meine Zweifel, die ich äußerte, hatte ich mir natürlich den besonderen Zorn der regierenden Partei und der Regierung zugezogen. (...) Die Angriffe gegen einzelne Tannenberger nahmen im ganzen Reiche zu.
Nach dem Tod Paul von Hindenburgs am 2. August 1934 suchten die obersten Wehrmacht-Generäle, insbesondere General Ludwig Beck (7), Erich Ludendorff als Gegengewicht gegen den Kriegswillen Adolf Hitlers aufzubauen. Da Ludendorff im Jahr 1935 aber selbst den General Beck als zu kompromisslerisch und zu wenig konsequent in seiner Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus beurteilte, blieb die Zusammenarbeit nur eine sehr lose. Es blieb allerdings eine Zusammenarbeit, die die Gegnerbeobachtung und -bekämpfung von Seiten der Gestapo und anderer "Staatschützer" der damaligen Zeit scharf im Auge behalten mußte.

Daß "seine Politik zum Weltkrieg führen müsse" (1937)

Der Wortlaut des Gespräches, das Erich Ludendorff - letztlich auf Wunsch der Wehrmacht-Generalität - am 30. März 1937 mit Adolf Hitler hatte, ein Wortlaut, den die Witwe Erich Ludendorffs nach 1945 aus dem Gedächtnis festhielt (6, S. 164f), deckt sich inhaltlich auffallend genau mit den Einwänden des Außenministers Konstantin von Neurath ein knappes Jahr später auf die im Hoßbach-Protokoll geäußerten Kriegsabsichten Adolf Hitlers. Schon auf Wikipedia heißt es zu Neurath:
Nach der Hoßbachkonferenz vom November 1937 zeigte sich von Neurath tief bestürzt über die dort offenbarten Kriegspläne Hitlers. Bald darauf wurde er im Zuge der Blomberg-Fritsch-Krise am 4. Februar 1938 als Außenminister abgelöst und durch seinen Konkurrenten Ribbentrop ersetzt.
Und der Historiker Klaus-Jürgen Müller berichtet (7, S. 260f):
Der Reichsaußenminister war von den in ihrer Gesamttendenz aggressiven Absichten Hitlers zutiefst schockiert. Er entschloß sich zu dem Versuch, Hitler umzustimmen. Zwei Tage nach der Sitzung nahm er mit Fritsch und Beck Kontakt auf. (...) Die beiden Generäle teilten Neuraths sorgenvolle Einschätzung. Nicht so sehr der Gedanke an eine Aggression gegen den südöstlichen Nachbarstaat (Tschechoslowakei) schockierte sie, was sie fürchteten, war ein daraus entstehender großer europäischer Krieg, ein Krieg mit Frankreich und Großbritannien. Hitlers Konzept enthielt für sie ein unverantwortliches Risiko. (...) Dem Reichsaußenminister gelang es erst Mitte Januar, bei Hitler vorgelassen zu werden. Auch Neurath versuchte dem "Führer" klar zu machen, daß "seine Politik zum Weltkrieg führen müsse". Abwiegelnd fügte er hinzu, man könne doch "viele seiner Pläne ... auf friedlichem Wege - allerdings etwas langsamer - lösen." Der Diktator erwiderte nur, "er habe keine Zeit mehr."
Während der Historiker Klaus-Jürgen Müller auch sonst vielfältig auf die große Sorge der Wehrmachtgeneralität hinweist vor einem neuen Weltkrieg, versucht Fritz Tobias diese grundsätzliche Gegnerschaft gegen die "halsbrecherische" Politik Hitlers herunterzuspielen mit dem Hinweis darauf, daß die Generäle durchaus bereit gewesen waren, begrenzten Kriegen zur Revision des Versailler Vertrages zuzustimmen, die mit Gewißheit nicht in einen großen Weltkrieg münden würden. Als wäre dadurch die Gegnerschaft gegen die Politik Hitlers und gegen das leichtsinnige Riskieren eines neuen Weltkrieges entwertet.

Tobias zitiert gleich zu Anfang seines Buches "Der Sturz der Generäle" (S. 16) aus den Memoiren von General von Blomberg, niedergeschrieben zwischen 1940 und 1943 die Worte:
Ich wäre den Weg des Führers nach Österreich auch gegangen, aber dann hätte ich mir eine Frist von zehn Jahren gesetzt, um das neue Großdeutschland und eine totale Rüstung auszubauen. Denn daß Deutschland noch einmal um sein Erstarken kämpfen mußte, schien nicht vermeidbar.
Und das wären Gründe genug gewesen, es nicht schlimm zu finden, daß - etwaig - die Gestapo an dem Sturz solcher Generäle arbeitete? Wäre Europa mit einer Politik Blombergs nicht bedeutend besser gefahren? Was alles hätte sich innerhalb von zehn Jahren ereignen können? Die gestürzten Generäle verfolgten schlicht die Politik des Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker, der ebenfalls - nach dem Buchtitel des deutschen Historikers Rainer A. Blasius - "Für Großdeutschland - gegen den großen Krieg" gewesen ist.

Warum Fritz Tobias diese sehr differenzierte Haltung dem Leser nicht bewußt zu machen bestrebt ist, und sie dann auch nicht in positivem Licht zu sehen gewillt ist, muß hier dahin stehen. Jedenfalls scheint er es nicht besonders zu bedauern, daß Generäle, die einen Kriegsausbruch um zehn Jahre hinauszuzögern bemüht waren, im Jahr 1938 gestürzt worden sind, so daß der Zweite Weltkrieg schon im Jahr 1939 ausbrechen konnte. Das ist in seiner Haltung im Grunde schon bezeichnend genug. (Fortsetzung dieses Beitrages in --> Teil 2.)


Literatur:

1. Müller, Gerhard: Überstaatliche Machtpolitik im 20. Jahrhundert. Hinter den Kulissen des Weltgeschehens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1972, 1982
2. Beer, Hugo Manfred: Moskaus As im Kampf der Geheimdienste. Die Rolle Martin Bormanns in der deutschen Führungsspitze. Verlag Hohe Warte, Pähl 1987
3. Grandt, Guido: Logenmord Jörg Haider. Freimaurer und der mysteriöse Tod des Politikers. Kopp-Verlag, Rottenburg 2010
4. Ludendorff, Erich: Weltkrieg droht auf Deutschem boden. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931 (151. bis 200. Tausend)
5. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. 2. Band. Meine Lebenserinnerungen von 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1951
6. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. 3. Band. Meine Lebenserinnerungen von 1933 bis 1937. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1955
7. Müller, Klaus-Jürgen: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biographie. Hrsg. mit Unterstützung des Miltiärgeschichtl. Forschungsamtes, Potsdam. 2. durchgesehene Auflage, Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2009 
8. Dedijer, Vladimir: Die Zeitbombe - Sarajewo 1914. Wien 1967 

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