Montag, 15. März 2010

Die katholische Kirche in ihrer tiefsten Sinnkrise seit 1945

Die derzeitigen Ereignisse und Entwicklungen sollen hier eigentlich nur noch protokolliert werden. Man steht nur noch wie vor einem grandiosen Naturschauspiel. Und dieses Schauspiel kultureller Evolution wird sicherlich in der Tat auch künftige genetische Selektionsereignisse auf humangenetischem Gebiet beeinflussen. Deshalb wird es sicherlich sinnvoll sein, die Tagesereignisse sogar für künftige Generationen festzuhalten.

Niemand soll "querfeldein" laufen, meint ein Erzkatholik im "Cicero"

Neuerdings hat sich auch Erzkatholik und Journalist Alexander Kissler, erklärter "Fehdegegner" der Anthroposophen und Atheisten, hinsichtlich der Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche geäußert (Cicero, 12.3.10). Die Art seiner Äußerung zeigt, wie wenig Argumente den Verteidigern von Papst und katholischer Kirche noch übrig bleiben. Er spricht von jenen, die er zu "Wegweisern" und "Stoppschildern des Zeitgeistes" erklärt, der - seiner Meinung nach - lieber "querfeldein" unterwegs ist und dem man deshalb "Stoppschilder" hinstellen muß. Sehr kennzeichnende, ja geradezu lächerlich verräterische Worte, über die man sich reichlich amüsieren könnte, wenn einem angesichts der Fülle der Ereignisse Zeit dazu bliebe:
Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.
Soll man das etwa auch als Anspielungen lesen auf eine Frau im Priesteramt, auf Frau Käßmann? Das gäbe diesen Worten noch eine besondere Note. (Natürlich schwingt da die Anspielung auf einen "neuheidnischen" Text von Martin Walser mit, der auch "Querfeldein" betitelt gewesen ist.) - Diese "Gegengesellschaft" katholische Priesterkirche soll nun also die "letzte Hoffnung" auf "Lauterkeit" in unserer Gesellschaft aufrecht erhalten. - Was für eine Lächerlichkeit. Was für ein Hohn. Was für eine absurde These angesichts all dessen, was sich derzeit abspielt. Und so etwas erscheint in der "seriösen", "neokonservativen" Zeitschrift "Cicero"? Wieviel Kirchensteuer-Gelder müssen da von der PR-Abteilung der Kirche ausgeschüttet worden sein, daß solche Artikel überhaupt noch an einem solchen Ort erscheinen können?

Da mutiert die katholische Kirche also zur "Gegengesellschaft". Warum nicht gleich "Parallelgesellschaft"? Das ist wohl ein sehr passender Begriff in diesem Fall. Oder auch: "Geheimgesellschaft", "Vertuschungsgesellschaft" ...

- Arme katholische Kirche, wenn sie keine besseren Verteidigungungen mehr vorzubringen hat als dertiges Wettern gegen Querfeldein-Laufen. Da erklärt Herr Kissler die Basisbewegung "Wir sind Kirche" zu einem "Seniorenverein" und ihre Forderungen als gleichbedeutend mit Forderungen, die ein "Gemeinderat von Neutraubling" einem Barack Obama stellen würde. - Und wenn wir statt Neutraubling einfach Bad Tölz setzen? Wird es dann gar so unstimmig? - Man hüte sich vor "Basisbewegungen", wenn man auf so wackligem Boden steht, wie derzeit die katholische Priesterkirche. Denn auch die Katholische Jugend äußert sich inzwischen ähnlich. - Etwa wieder nur ein "Gemeinderat von Neutraubling"? (Domradio, 15.3.10):
Die katholische Jugend verlangt eine Stellungnahme des Papstes zu den Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen. Das beschäftige die Menschen, ob sie gläubig sind oder nicht. Der Heilige Vater sollte sich dazu äußern, sagte der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Dirk Tänzler, der „Berliner Zeitung“. Die Kirche in Deutschland stecke „in einer ihrer tiefsten Sinnkrisen seit 1945“. Auch Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sprach von einer „schweren Krise der katholischen Kirche in Deutschland“.
Der Papst selbst direkt für Mißbrauchsfälle in Bayern verantwortlich

Die sich überschlagenden Entwicklungen scheinen also über die Einschätzungen eines Herrn Kissler sehr schnell hinwegzugehen. Denn der Papst selbst ist belastet (Salzb. Nachr., 15.3.10). Heute ist der Stand der Kenntnisse zu seinem belastenden Verhalten folgender (Reuters, 15.3.10):
Das Erzbistum München und Freising hatte am Freitagabend bestätigt, dass 1980 ein pädophiler Priester unter Zustimmung von Kardinal Joseph Ratzinger vom Bistum Essen nach München versetzt wurde, um dort eine Therapie zu machen. Entgegen dem Beschluss sei der Geistliche aber direkt in der Gemeindearbeit eingesetzt worden, wo er sich Jahre später erneut an Minderjährigen sexuell verging. Das Erzbistum sprach von einem schweren Fehler, für den der damalige Generalvikar Gerhard Gruber in der Erklärung die Verantwortung übernahm und sich bei den Opfern entschuldigte. "Wir wollten nicht, dass er den ganzen Tag nichts zu tun hat, außer einer Stunde Therapie", sagte Gruber der "Süddeutschen Zeitung". Nach Angaben des Erzbistums ist kein Missbrauchsfall des Priesters aus der Zeit bekannt, in der Ratzinger die Diözese leitete. 1986 wurde der Priester, der bis heute weiter als Geistlicher tätig ist, nach neuerlichen Übergriffen wegen sexuellen Missbrauchs 1986 zu 18 Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt.
Der Bruder des Papstes: "extrem cholerisch und jähzornig"

Also im Verantwortungsbereich des heutigen Papstes geschahen derartige Dinge. Und die Gemeinde Bad Tölz ist hochgradig empört, daß dieser Priester derzeit immer noch in ihr tätig ist. Empörung gegen den Papst in der Papst-treuesten Region Deutschlands! Man hört die Glocken klingen im Vatikan! Denn ebenso stark in Mißkredit geraten ist inzwischen der Bruder des Papstes (Oberösterr. Nachrichten, 13.3.10):

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete, Missbrauch bei den weltbekannten Regensburger Domspatzen, die Papst-Bruder Georg Ratzinger von 1964 bis 1994 leitete, habe es bis in die 90er Jahre hinein gegeben. Bisher ging es dort um Vorwürfe aus den 50er und 60er Jahren. Ein Ex-Schüler sagte, er sei in dem Internat bis 1992 von älteren Schülern vergewaltigt worden.

In der Wohnung eines Präfekten sei es zu Verkehr zwischen Schülern gekommen. Ratzinger habe er als "extrem cholerisch und jähzornig" erlebt. Vor ein paar Tagen hatte Ratzinger gesagt, von sexuellem Missbrauch nichts mitbekommen zu haben. Er bereute, früher geschlagen zu haben.
Was werden wir wohl bald noch an "Reue" von Seiten des Papstes selbst zu hören bekommen. Denn auch in Irland brodelt es hochgradig weiter:
Unterdessen gab der Vatikan bekannt, dass ihm 3000 Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aus den vergangenen 50 Jahren bekannt seien. Bei 300 davon handele es sich um pädophile Übergriffe, sagte Charles J. Scicluna von der Glaubenskongregation der Bischofszeitung "Avvenire". Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte die katholische Kirche und andere betroffene Institutionen auf, umfassendes und belastbares Zahlenmaterial zur Aufklärung von Missbrauch vorzulegen.
Hurra! - Jesuiten werden zu "Befreiungstheologen" in Deutschland

Zur gleichen Zeit versuchen sich offenbar die Jesuiten auf einem ganz anderen Gebiet in ein positives Licht zu rücken, in dem man sie bislang jedenfalls noch nie wahrgenommen hatte. Und auffälligerweise auch nicht gerade in einem "Kernland des Katholizismus", sondern in einem "Missionsgebiet" (Thüring. Landesztg., 14.3.10):
Es leben viele Menschen weit unter ihren Verhältnissen: Das sagte bei seiner gestrigen Weimarer TLZ-Rede der Jesuit Friedhelm Hengsbach. Damit zielte er nicht nur auf die Ärmsten, er meinte uns alle, die wir es - den Verhältnissen in einer kapitalistischen Arbeitswelt geschuldet - nicht schaffen, ein wahrlich gelingendes Leben zu führen. Partnerschaft, Familie, soziales Engagement - es bleibt so vieles auf der Strecke, weil wir dauernd in Hast und Eile sind. Getrieben von einem System, das als einigermaßen menschenfeindlich betrachtet werden darf. Hengsbach fordert die grundlegende Gleichheit und spricht von Menschenrechten, die es zu verwirklichen gelte. Er fordert Gerechtigkeit unter den Menschen und einen radikalen Eingriff in die Finanzwelt. Die Politik sei gefordert, Systemfehler zu überwinden. (...)

Eine andere Gesellschaft also. Eine wahre Demokratie. Das erfordert mutige Politiker. Politiker, die sich nicht nur dem Alltagsgeschäft widmen. (...) Aber ließe sich daneben nicht tatsächlich Grundlegendes entwickeln? Hengsbach hat diese Hoffnung geweckt - und viele Zuhörer haben ihm nach seiner TLZ-Rede gesagt, dass nun Handeln erforderlich sei. Abschied vom ungebändigten Finanzmarkt, Demokratisierung der Wirtschaftsentscheidungen - große Hoffnungen. Die Frage bleibt: Traut Merkel sich zu, die Geldmacht zu bändigen?
Warum gerade jetzt? Warum erst jetzt? Oder hatte man da vieles an Positivem bislang übersehen? Diese Äußerungen muten ja geradezu so an, als ob dieser Jesuit Hengsbach - endlich einmal? - diesen Blog sehr gründlich gelesen hätte! Etwa ein weiterer Cioran-Anhänger unter den Lesern dieses Blogs? ;-) (Scherz beiseite ...) (s.a. OTZ, 14.3.)

Aber immer noch hochgradig unfreie Menschen in Deutschland: katholische Kirchenbedienstete

Und in der österreichischen Presse schreibt ein Cornelius Hell (Die Presse, 12.3.10):
Die katholische Kirche als Ganzes müsste sich ändern; sie müsste öffentlich eingestehen, dass so ziemlich alles, was sie in den vergangenen Jahrhunderten zum Thema Sexualität von sich gegeben hat, obsolet ist. Es halten sich ohnedies selbst die innersten Kernschichten schon lange nicht mehr daran: Ein Großteil der nicht homoerotisch veranlagten Priester hat eine Partnerin, und selbst Theologen und kirchliche Angestellte kümmern sich kaum um das Verbot vorehelicher Sexualität, von der absurden Verurteilung einer „künstlichen“ Empfängnisverhütung ganz zu schweigen. Ich habe noch immer viele Freundinnen und Freunde im katholischen Milieu, kenne aber niemanden, der die Idiotien der Päpste gutheißt, wenn sie in Afrika (und selbst den Aidskranken) Kondome verbieten wollen. Doch wenn sie beruflich für die Kirche arbeiten, dürfen sie das nicht sagen.
Wer für die Kirche arbeitet - und sei es nur als Religionslehrer - hat keine Meinungsfreiheit mehr. Er hat keine Handlungsfreiheit mehr. Unglaublich. Und das im 21. Jahrhundert in Deutschland. Ist das überhaupt mit den Menschenrechten, mit der deutschen Verfassung und mit dem deutschen Strafgesetzbuch vereinbar? Wie kann man von jemanden, der innerhalb der Kirche seine Untergebenen so behandelt, jemals in der Geschichte erwarten, daß er freiheitlichen Geist in der Gesellschaft fördern würde?
Der Zwang, die eigene Meinung und die eigene Lebensform verstecken zu müssen, ist der eigentliche Schaden der rigorosen Sexualverbote. Die Lust konnten die allgegenwärtigen Verbote nämlich auch dann im katholischen Milieu nie ganz unterdrücken, als sie noch eine Wirkung hatten. (...)

Wer finanziell von der Kirche abhängig ist, wird oft zum Versteckspiel gezwungen: Priester müssen ihre Geliebten verstecken, wenn sie nicht die berufliche Existenz verlieren wollen; Religionslehrerinnen und Religionslehrer können sich gerade noch scheiden lassen, aber wenn danach eine Beziehung publik wird, sind sie ihren Job schnell los. Und vor allem dürfen sie allesamt nicht laut sagen, was sie über die kirchlichen Sexualvorstellungen denken.
Meinungsterror ist das. Was denn eigentlich sonst? Aber noch mehr.

Das Spitzel- und Verleumdungssystem der katholischen Kirche
Schon gar nicht die Theologen. Unter Johannes Paul II. ist nicht nur das Spitzel- und Vernaderungs-[=Anschwärzungs-]System ausgebaut worden: Wer heute (an staatlichen Fakultäten!) Theologieprofessor werden will, wird oft gezwungen, zu einem bestimmten Thema eine von Rom erwünschte Meinung zu publizieren; tut er es nicht, kann er seine akademische Karriere vergessen. Kein Wunder, dass in diesem Klima die Moraltheologie der kirchlichen Lehrmeinung nicht zu widersprechen wagt. So ändert sich trotz aller Ombudsstellen und öffentlichen Büßermienen nichts an dem System, das den sexuellen Missbrauch Abhängiger systematisch und aus sehr verständlichen Gründen gefördert hat. (...) Wo die Kirche als Arbeitgeber noch etwas zu sagen hat, bleibt die Doppelmoral.
Die größte transnationale Schwulenorganisation, genannt katholische Kirche

Und für den Jesuiten und Psychotherapeuten Hermann Kügler (im "Spiegel")
ist die katholische Kirche die "größte transnationale Schwulenorganisation".
Wie sie wohl aus diesem ganzen Schlamassel wieder herausfinden, diese ... "Wache gegen den Traum vom neuen Menschen", diese "Wache", dieses "Stoppschild", dieser "Wegweiser" gegen .... "Querfeldein-Laufen". Dabei gibt es immer mehr, die tun nichts lieber als das. Und finden dabei so viel mehr als innerhalb von: ... Kirchen.

Kommentare:

Ger hat gesagt…

Sehr gut, die ganze verlogene, trostlose, ratlose Katholiken-Misere zusammenzufassen.

Und solche Organisationen hat es Jahrtausende hindurch gegeben. Da sind die Jesuiten nicht die ersten und nicht die einzigen. Schon Sokrates' Schüler hatten sich erstmal zu ihrem Lehrer zu legen, ehe überhaupt so etwas Ähnliches wie Unterricht abging. Und selbst dabei gängelte er seine Lust-Knaben. Bei Platons Gelagen versammelten sich Männer und ihre Knaben. Dann die Ritterorden etc. - "Schwulenvereine". Und das System Schnüffeln, Anschwärzen, Vertuschen, Den-Andern-aus-der-Deckung-Beschädigen, das haben wir bei allen hierarchisch "geordneten" Zwangsorganisationen wie z. B. auch UdSSR, DDR, NS usw.

Haben Sie schon gelesen, was heute das Hamburger Abendblatt bringt unter der Überschrift: "Viele Deutsche liebäugeln mit Sozialismus"? Lt. BILD und Emnid-Umfrage glauben 80% der Ostdeutschen und 72% der Westdeutschen, daß im Sozialismus für sichere Arbeitsplätze, Sicherheit und Solidarität gesorgt sei. 28 der Ostdeutschen und 42 der Westdeutschen fanden die Freiheit nicht wert, politisches Ziel zu sein. Und für 5000 Euro würde jeder 7. Ostdeutsche und jeder 12. Westdeutsche seine Stimme einer beliebigen Partei verkaufen.

So sieht unser Schafstall aus. Laß mir meine Ruhe und meine Glotze und sorg dafür, daß der Laden sonst läuft. Das scheint demnach bei vielen die Lebenseinstellung zu sein. - Aber man weiß auch nie, wie die Umfragen gestaltet sind und in welcher Gegend sie stattfanden. Da kann man auch manipulieren.

I. B. hat gesagt…

Ich bitte mit großem Nachdruck, die Verhältnisse in der griechischen Antike nicht mit den Verhältnissen im bigotten Mittelalter (und in den mittelalterlichen Traditionsresten in der europäischen Neuzeit) zu verwechseln. Die heidnische Antike lebt aus einem so gänzlich anderen Geist heraus, daß eine Vergleichbarkeit schlichtweg nicht gegeben ist.

Bekanntlich hat der schöne Schüler des Sokrates, Alkibiades, Sokrates verführen wollen - es GELANG ihm aber nicht, OBWOHL er gegen den Willen des Sokrates sich eine ganze Nacht neben ihn gelegt hat.

All das wird von Platon in gelöster Heiterkeit erzählt. Eine Vergleichbarkeit ist hier schlichtweg nicht gegeben. Die griechische Antike ist von einem freiheitlichen und - sozusagen - "reinen" Geist in den Gesinnungen und Freundschaftsverhältnissen durchweht, von dem wir noch heute Lichtjahre entfernt sind.

Wir stehen in unserem Verständnis und in unseren Auffassungen selbst als Kirchenfreie dem Mittelalter immer noch viel näher als der Antike. Das muß mit viel Selbstkritik festgestellt werden, auch dann, wenn es schwer fällt.

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