Montag, 8. März 2010

Katholisches Innenleben in moderner Zeit

Die fremde Welt des Katholizismus

Die Welt des Katholizismus und der Jesuiten ist vielen Menschen eine so fremde, daß man leicht unterschätzt, welche Bedeutung die Dinge, die hier vorgehen, für die gesamte Gesellschaft haben oder doch haben können.

Und zwar immer noch trotz all der Kirchen- und Religionskritik der letzten Jahrzehnte, trotz all der massiven Kirchenaustritte, trotz all des Priestermangels auf der Nordhalbkugel dieser Erde.

In der Fernsehunterhaltung spielen überzeugtere Katholiken fast eine dominierende Rolle, wie wir schon in früheren Beiträgen zum Thema "Sacro pop" aufgezeigt haben. Und man kann von hier darauf schließen, daß dies auch an vielen anderen Stellen der Fall sein wird.

Und spätestens seit Richard Sosis wissen wir: religiöse Institutionen wie die katholische Kirche haben ein viel zäheres Leben als atheistische Institutionen, als etwa jener Marxismus-Leninismus in Osteuropa und weltweit bis 1989. Letzterer ist längst zusammengebrochen. Wo findet er in heutiger Zeit noch überzeugungsfestere Vertreter?

Das zähe Leben der katholischen Kirche

Und hätte man nicht ähnliches längst auch vom Katholizismus erwarten können angesichts der grenzenlos hoffnungslosen Unangepaßtheit der katholischen Lehrinhalte, der katholischen Moral und eines traditioneller katholischen Lebensstils innerhalb der heutigen Zeit?

Und dennoch quält sich das Leben dieser reptilienhaften, Jahrtausende alten Institution in ganz merkwürdigen, schillernden Erscheinungen weiter fort in der Weltgeschichte.

Aber genau dieser Umstand ist es, der zu würdigen ist und der zunächst einmal auch nur erst in seinen Ursachen und von seinem Wesen her gültiger zu verstehen ist.

Erinnerungen eines Jesuiten-Schülers (2004)

Gerade aus diesem Grund wird man ein Buch wie jenes von Miguel Abrantes Ostrowski ("Sacro pop - Ein Schuljungen-Report", 2004) über seine Erinnerungen an einem jesuitische Elite-Internat zwischen 1981 und 1991 gerade auch für Nichtkatholiken und für solche Katholiken, die vielen Erscheinungen innerhalb des Katholizismus kritisch gegenüber stehen, sehr zur Lektüre empfehlen müssen.

Jesuiten-Schüler Miguel Abrantes Ostrowksi, geb. 1972
(Schauspieler, Buchautor)


Nicht unbedingt deshalb, weil man damit irgend einem Mitmenschen eine erbauliche Lektüre empfehlen möchte oder kann. Sondern einfach, weil man an solchen Erinnerungen lernt, welche Psychologie offenbar hinter dem Verhalten vieler überzeugterer Katholiken auch heute noch steht oder stehen kann. Fast hat man das Gefühl, daß der Katholik Abrantes Ostrowski gar kein Gefühl mehr dafür hat, von welchem Ausmaß an Unmoral er in seinen Erinnerungen Kenntnis gibt. Und wenn er es haben sollte: warum äußert sich dann von seiner Seite aus nirgends deutlicheres Entsetzen über dieselbe? Warum bestimmt stattdessen nur eine so süßlich-zynisch-wohlwollende Stimmung all seine Erinnerungen, mag da das Ungeheuerlichste erzählt werden, was immer möglich ist und in einer Sprache, die abgebrühter nicht sein kann?

Um es deutlich zu sagen in seiner Sprache: Er berichtet von einem Schülerleben zwischen Messen und Ficken.

"Spannung zwischen Askese und Weltbejahung"

Nach dem, was man zuvor schon über diese Erinnerungen gelesen hatte, etwa in der TAZ (TAZ, 10.2.05), war man eigentlich davon ausgegangen, daß sich Abrantes Ostrowski längst von der katholischen Kirche abgewandt hätte. Das scheint aber nun keineswegs der Fall zu sein. Auf Seite 55 berichtet er etwa:
Kürzlich bei der Priesterweihe eines guten Freundes ...
- Daß jemand, der der Kirche ablehnend gegenüber steht, einen guten Freund hat, zu dessen Priesterweihe er geht, wird man nicht gerade für den "gewöhnlichsten" Fall halten. Und dementsprechend heißt es dann auch weiter:
... sang der Vorsänger mehr als zwanzig Minuten eine Aufzählung aller Heiligen: Heiliger Hieronymus, (Alle) bitte für uns - Heilige Barbara, (wieder Alle) bitte für uns ... Konsequenterweise müßte ich eigentlich das gesamte Programm aufzählen. (...) Aber ersparen wir uns die schönen Namen aller heiliggesprochenen Personen. Ja, so eine Priesterweihe ist schon etwas ganz Besonderes, ein Muß für jeden Liebhaber endloser Zeremonien.
Die endlose Zeremonie der Priesterweihe: 2009 in St. Blasien

Daß er selbst die Liebe zu solchen Zeremonien in seiner zehnjährigen Internatszeit mit all ihren Meßbesuchen verloren hätte, hört man wiederum bei Abrantes Ostrowski an keiner einzigen Stelle. Hingegen gibt er in einer fünfseitigen (!) kleingedruckten Fußnote ausführlich und ganz sachlich-unkritisch-wohlwollend Auskunft über das Leben des Ordensgründers der Jesuiten, des Ignatius von Loyola. Und dann folgt das Resümee:
Ignatius ist es gelungen, in seiner Person die Spannung zwischen Askese und Weltbejahung, innerlichem Gebet und aktivem, öffentlichen Engagement auszuhalten und fruchtbar zu machen.
Vielleicht sollen wir auch seine Schulerinnerungen zwischen - Messen und Ficken - als Ausdruck einer solchen "gelungenen Spannung" lesen? Erinnerungen, in denen aber - die TAZ gibt das richtig wieder - ständig nur von Pimmeln, von Ficken, von Schwänzen, von Frauen-Flachlegen und ähnlichen Dingen die Rede ist?

Jesuitische Priesterweihe in St. Blasien 2009

Jedenfalls folgen noch weitere Lobpreisungen des Ignatius in dieser Art. - War dieser "Schuljungenreport", so stellt sich beim Lesen dieser Abschnitte die Frage, schon im Jahr 2004 die Vorausnahme der (Selbst-)Kritik früherer jesuitischer Erziehungspraktiken bei gleichzeitiger Beibehaltung des Kerns der "ignatianischen Botschaft", so wie das jetzt von den Jesuiten selbst - nur leicht seriöser - auch ganz offiziell betrieben wird? Sieht eigentlich Abrantes Ostrowski an seiner Schulzeit irgendetwas wirklich Kritikwürdiges? Oder überall nur Sünden, die leicht vergeben werden können? Letzteres ist das Naheliegendste. Aber glaubt man denn, das ließe sich eine kritische Öffentlichkeit einfach alles so unwidersprochen bieten? Einen solchen Sumpf voll Unmoral?

Weltoffene, moderne, zeitgemäße Jesuiten - ?

Jedenfalls: Unter derartigen Blickwinkeln nimmt das Thema "Sacro pop" ständig neue, ständig größere Dimension an. Weil sich einfach die Frage stellt: Was glauben überzeugtere Katholiken eigentlich alles, was weniger überzeugte Katholiken an ihrem Glaubensleben noch gut finden sollen? Etwa eine gelungene Spannung zwischen Messe-Gehen und Ficken? Welche Erwartungen bestehen da? Sollen wir es jetzt toll finden, in welcher Sprache da Jungen untereinander auf Jesuiten-Internaten "Thema Nummer eins" behandeln, in einer Sprache, die dem Autor dieser Zeilen in seiner Gymnasialzeit selbst zum Glück nie begegnet ist (außer in der Verfilmung der Blechtrommel von Günter Graß), und der er in seiner Bundewehrzeit so weit als möglich aus dem Weg ging - was leider in der Tat nicht immer möglich war - ? Jesuiten? Bundeswehr? Bestehen da immer noch Parallelen?

Vielleicht ist ja der "gute Freund", der da zum Priester geweiht wird, nun der Beichtvater von Abrantes Ostrowski. Und er - oder andere "gute Freunde" (... SJ) - haben ihm vielleicht gut zugeredet, seinen "Schuljungenreport" doch zu veröffentlichen? Als Zeichen dafür, wie "weltoffen", aufgeschlossen, modern, zeitgemäß man als Katholik in der heutigen Welt leben könne - zwischen Messe-Gehen und ... - und wie so ganz und gar "modern", "weltaufgeschlossen" und "zeitgemäß" es auf Jesuiten-Internaten zugehen würde?

Es muß guttun - und Abrantes Ostrowski scheint es noch heute gut zu tun -, auf die eingeschworene Gemeinschaft katholischer Schüler und auf eine Schulkameradschaft zurückzublicken, eingeschworen in den ähnlichen Sünden (oder "Sünden"), die man als Schüler beging und die man gegenseitig voneinander wußte, eingeschworen in der ähnlichen Haltung des halboffenen Verschweigens dieser Sünden in der Beichte, eingeschworen in der ähnlichen Haltung des Wissens, daß praktisch jede Sünde auch vergeben werden kann und vergeben wird, solang man nicht von der Schule fliegt ...

Und so wird auch die Sünde des Veröffentnlichens dieses "Sündenreportes" schon längst wieder vergeben worden sein ..., so wird man einmal ganz unbedarft als Nichtkatholik vermuten dürfen.

Denn auch zum Thema Beichte hören wir von Abrantes Ostrowski sehr ähnliche Töne, wie wir sie schon von dem Jesuitenschüler Matthias Matussek gehört hatten:
Ich fand es immer bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit einem bei Messen (...) Sünden vergeben wurden. (...) Machen es sich die die Katholiken nicht ein bischen einfach? Ich sage: Nein! Denn auf diese Art werden nur kleine Sünden, bzw. klitzekleine Sündchen vergeben.
Man achte zunächst einmal auf den Widerspruch zwischen dem Eingangssatz und den Folgesätzen. Vielleicht sagt dem Herrn Abrantes Ostrowski eine innere Stimme doch noch etwas anderes zu der Leichtigkeit der Sündenvergebung. Aber sonst: So, so. Oh, himmlische Güte: klitzekleine Sündchen sind also Gegenstand der erhabenen, katholischen Messe? So genau hatte man es nun auch wieder nicht wissen wollen. - Aber folgen wie Abrantes Ostrowski weiter:
Die wirklich schweren Todsünden (...)
- also laut Wikipedia: Mord, Ehebruch und Glaubensabfall, klar, Glaubensabfall ist eine Todsünden, wir halten das einmal fest, so schlimm wie Mord:
kann man nur bei einer persönlichen Beichte loswerden.
Aber loswerden kann man sie auch! Klar! Beichten, wieder gläubig werden - und alles ist OK. Und: Mord, Ehebruch und Glaubensabfall - das sind also jene Bereiche, wo es sich auch ein Katholik "nicht leicht" machen soll. Und bei allen anderen dann also wohl schon. Das scheint auch in der Tat dem Handeln der gegenwärtigen Verantwortlichen in der katholischen Kirche zu entsprechen. Hier scheint sowieso überhaupt niemand wirklich zur Verantwortung fähig zu sein. Bis zu höchsten Erzbischöfen hinauf, die sich alle innerlich sagen: Ist schon vergeben in dem Augenblick in dem ich meine Sünde ausspreche ...

Ist das Abnehmen von Kinderbeichten eine Straftat?

Freilich: Warum eigentlich aussprechen? Auch hier weiß Abrantes Ostrowski Bemerkenswertes hinsichtlich Beichtpraxis auf dem Jesuiteninternat mitzuteilen: Klug war es auf der Schule, so sagt er, einerseits nicht die schlimmsten und andererseits nicht die harmlosesten "Sünden" zu beichten, sondern irgend etwas "dazwischen", damit die Beichtväter etwas zu hören bekamen und irgendeinen "Ernst" heraushörten - aber eben doch nicht gerade so, daß es für einen selbst wirklich nachteilig werden könnte. Denn schließlich wäre auch nicht sicher gewesen, ob das Beichgeheimnis wirklich eingehalten worden wäre.

Haben alle diese Dinge noch etwas mit humaner, menschenwürdiger Pädagogik zu tun, die den Menschen in seiner Eigenverantwortung wirklich ernst nimmt? Oder sagt nur niemand etwas gegen eine solche "Pädagogik", weil man es schon seit vielen hundert Jahren so gewohnt ist?

- Das ist doch alles tiefste Unmoral. Muß man das noch erklären, warum? Das ist einfach alles nur: gräßlich, gräßlich, gräßlich. Auf dieser Unmoral im Wechselspiel zwischen Sünden, Beichten und Vergebung scheint der gesamte Katholizismus und all das Anrüchige, das damit verbunden ist, zu beruhen. All das mangelnde Verantwortungsbewußtsein, das überall stärker ausgeprägt scheint als innerhalb der katholischen Kirche, wenn es um bestimmten Gebiete geht. Wobei dann noch hinzutritt, was unter "Sünde" verstanden wird: Natürlich Sexual- und Frauenherabsetzung größten Ausmaßes.

Dem Autor dieser Zeilen sind Veröffentlichungen über eine würdige, weder irgendwie übersteigerte, noch irgendwie gar zu absprechende Wertung des menschlichen Geschlechtslebens aus den letzten Jahren aus dem katholischen Raum kaum bekannt geworden. Man kann diesbezüglich eine Autorin wie Christa Mewes sehr schätzen gelernt haben. Aber sie ist erst sehr spät zum Katholizismus übergetreten und ist Schülerin des Evolutionären Psychologen Konrad Lorenz.

Nur zwei Möglichkeiten der Haltung gegenüber der Geschlechtlichkeit?

Aber was schreiben, reden und tun da heute eigentlich Jesuitenschüler oder tiefer im Katholizismus verwurzelte Menschen vom Schlage Miguel Abrantes Ostrwowski (geb. 1972), Stefan Raab (geb. 1966), Daniel Kehlmann (geb. 1975), Matthias Matussek (geb. 1954), Harald Schmidt (geb. 1957) ...?

Offenbar scheint es in vielen Kreisen überzeugterer Katholiken, ob nun Laien oder Priester, nur zwei Möglichkeiten zu geben, insofern es um die Geschlechtlichkeit des Menschen geht:
1. entweder gar nicht davon reden, sie tabuisieren, sie als Feind christlicher Gläubigkeit zu betrachten, als etwas Sündiges, Abzulehnendes, Ungeistiges oder aber

2. wenn man davon redet, wie in der Fülle eines Wasserfalles von ihr ständig nur in der aller absprechendsten Weise zu reden, so daß man geradezu zum Vorreiter und Einpeitscher des abgebrühtesten, denkbar zynischsten Zeitgeistes auf diesem Gebiet wird.
Zeigt einem Miguel Abrantes Ostrowski in seinem "Schuljungen-Report" auf, daß er während seiner zehnjährigen Zeit am Jesuiten-Internat auch nur in irgendeiner Weise zu einem würdigen Umgang, ja, überhaupt nur zu einem würdigen Sprechen über seine eigene Geschlechtlichkeit hingefunden hätte?

Und zeigt das einer der vielen anderen Jesuiten oder Jesuiten-Schüler oder bekanntere, überzeugteren Katholiken auf, die man bei längerem Umhersuchen gefunden hat? Wie ist das etwa bei Daniel Kehlmann? Warum findet man in seinen Roman "Die Vermessung der Welt" über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt so viel Absprechendes über viele idealere Lebensinhalte, die ja gerade diese beiden Persönlichkeiten so ausgesprochen verkörperten? Warum ist ihm ganz entgangen, welche hohe Auffassung etwa Carl Friedrich Gauß von den Frauen hatte, mit denen er verheiratet war, vom Geschlechtsleben überhaupt?

Nein, an seiner katholischen, jesuitischen Erziehung wird es gewiß nicht liegen - ? Oder etwa doch? An was denn eigentlich sonst? Sind die Gemeinsamkeiten, die hier zutage treten, nicht allzu deutlich?

"Sex-Messen"?

Der Königsweg, den es hinsichtlich von Geschlechtlichkeit ja nun einmal auch noch gibt im menschlichen Leben, nämlich einfach, "das Beste daraus zu machen" - und natürlich wird das jeder Mensch in seinem Sinne verstehen - aber niemandem scheint dieser Königsweg krasser kaputt gemacht worden zu sein, als einem von Jesuiten oder von bewußteren Katholiken erzogenen Menschen. Man zeige doch einfach Gegenbeispiele auf, die diese These korrigieren würden. Gibt es edle Menschen unter den heutigen Katholiken? Ist es der Papst? Sind es die Bischöfe?

Findet man Menschen, die einfach nur anständig sind auf diesem Gebiet. Und von denen man nach jeder Richtung hin durch und durch Anständiges hört?

Pater Löwenstein, noch vor kurzem Leiter der katholischen Studentengemeinde in Frankfurt am Main, lädt Pornoproduzenten ein zu Gesprächsrunden. Hat er nichts Besseres zu tun? Wirklich nichts? Warum hört man von ihm nichts Besseres gerade zu dieser zentralen, wesentlichen Thematik? Warum berichtet die "Bild"-Zeitung nur über einen solchen Quark? Hat sie von Pater Löwenstein nichts anderes zu hören bekommen?

Und was erfährt man aus den USA? Auf vielen katholischen und jesuitischen Universitäten in den USA ist offenbar in den letzten Jahren mit besonderer Inbrunst das Theaterstück "Vagina-Monologe" aufgeführt und besucht worden (Good Jesuit - Bad Jesuit, 7.2.08):
More than half of the colleges hosting the play in 2008 are Jesuit.
Wirklich? Hat man als Jesuit und überzeugungsfesterer Katholik nichts Besseres zu tun, als solche Theaterstücke zu feiern? Was sollen derartige Verhöhnungen? Verlese man doch gleich die Vagina-Monologe in seinen Messen. Um es klar genug werden zu lassen für alle abergläubischen Katholikenkritiker, wie sehr Satanas in der Kirche anstelle von Gott den Platz eingenommen hat?

Auswirkungen auf machtpolitisches Handeln?

Warum nun aber ist dieses moralische Herabzerren möglicherweise auch politisch und auf dem Gebiet der Machtpolitik von so großer Bedeutung?

Nun, es könnte durch dieses moralische Herabzerren eine Aversion unter bewußteren Katholiken und insbesondere Jesuiten erzeugt werden oder erzeugt worden sein. Da sie selbst keinen würdigen Umgang mit ihrer Geschlechtlichkeit leben können, da man deshalb mit sich selbst zynisch umgeht, neigt man möglicherweise auch dazu, anderen Menschen gegenüber zynisch entgegenzutreten. Mit Aversionen. Mit instinktiver Ablehnung. Man könnte andere Menschen als eine Gefahr für den eigenen Seelenzustand empfinden.

Andere Menschen sehen vielleicht mit Distanz, ja, Abscheu und Ekel auf diese innerseelischen Zustände bei solchartig katholisch verwurzelten Menschen. Man könnte das als ein so von Kindesbeinen an mißbrauchter Katholik empfinden, diese Aversion, die einem entgegen gebracht wird. Und insofern man sich bewußter festgelegt hat auf den katholischen Glauben, der einem von Kindesbeinen an gelehrt worden ist, könnte man aus dieser Festlegung, aus dieser Starre heraus auch heftige Ablehnung gegenüber Menschen entwicklen, die über all diese Dinge ganz, ganz anders denken. Und die auf diesen Gebieten ganz anders handeln.

Man käme damit zur berühmten "Psychologie des Ressentiments", die auf Friedrich Nietzsche zurückgeht, und über die man so manches auch bei Peter Sloterdijk nachlesen kann. Nietsche laut Wikipedia:
Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt (...), so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren, alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.
Oh, Nietzsche, großer Psychologe, von so großer Aktualität bist du noch heute!

Aber immer dann, wenn man dieses Ressentiment in heutiger Zeit äußerlich und ehrlich zeigt - der Papst Ratzinger und der Bischof Mixa zeigen es ja auf -, weckt man nur Gegenkräfte. Das wissen der Jesuitenorden und die katholische Kirche aus vielhundertjähriger Erfahrung. Und sie wenden diese Provokation des Zeigens ihrer Aversion, ihres Ressentiments, ihres Mißtrauens, ihres Hasses auf die moderne Welt deshalb auch immer nur "wohldosiert" an. Aber sie steht ihnen jederzeit psychologisch zur Verfügung, da dies die Gefühle sind, aus denen dieser Glaube lebt.

Die Psychologie des Ressentiments

Ansonsten verbirgt man natürlich diese Aversionen und Ressentiments sehr häufig und sehr bewußt. Aber heißt das, daß man denselben deshalb auch im Geheimen, wo man ihnen nachgehen könnte, in Intrigen hinter den Kulissen, nicht Raum geben könnte? Wo man doch so häufig als katholische Kirche über Macht und Einfluß verfügt?

Alles das sind Gedanken, die sich aufdrängen, wenn man ein solches Buch wie "Sacro pop" von Abrantes Ostrowski liest. Man fühlt sich an den süßlich-zynischen Gesichtsausdruck eines der großen Morallehrer des Jesuitenordens und der katholischen Kirche erinnert, den er auf vielen "Heiligenbildern" zeigt, man fühlt sich an Alfons von Liguori erinnert:

Auf Wikipedia liest man zur Kritik der Moraltheologie von Liguori:
Liguoris Moraltheologie hat bis zum heutigen Tage einen großen Einfluss insbesondere auf die weltweite Beichtpraxis katholischer Priester. In diesem Zusammenhang wird der Umgang mit Minderjährigen und sexuell noch unerfahrenen Menschen kritisiert, die von manchen Beichtvätern zur Beschäftigung mit "sündigen Gedanken und Taten" geradezu gedrängt würden. Dies verstoße gegen die sexuelle Selbstbestimmung und grenze an eine strafbare Handlung. Der Umgang mit diesem Problem wird insbesondere unter Sexualwissenschaftlern diskutiert.

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