Sonntag, 7. September 2008

Paradigmenwechsel in der Anthropologie?

Der Anthropologe Brian Ferguson stellt sich den neuen Entwicklungen in der Humangenetik

Das folgende Interview von dem altbekannten und schätzenswerten Wissenschafts-Journalisten John Horgan und dem amerikanischen Anthropologen Brian Ferguson ist von nicht geringem Interesse.*)



Wie man von so vielem Spannenden oft zuerst auf dem Blog "Gene Expression" von Razib Khan erfährt, so ist es auch hier. (GNXP) Es geht darum, daß der Anthropologe Brian Ferguson sich mit der Forschungsarbeit der Humangenetiker Gregory Cochran und Herny Harpending zur "Naturgeschichte des aschkenasischen IQ's" auseinandergesetzt hat (siehe auch Wikipedia) und darüber einen 70-seitigen Artikel verfaßt hat, den aber keine Zeitschrift bisher angenommen hat.

Auf "Studium generale" ist das Thema schon oft behandelt worden, zuletzt wohl --> hier. Allgemein findet man vieles darüber unter der Kategorie "Intelligenz", besonders in den dortigen Einträgen des Jahres 2007.

Das Thema wird in den letzten sechs Minunten des 70-minütigen Interviews behandelt. Die Diskussion davor mag auch wichtig sein. Aber ob Ferguson da richtig liegt, soll hier nicht Thema sein (- man wird das wohl eher verneinen müssen). Besser man ruft die Seite des Video's selbst auf, weil dort das Interview - technisch wunderbar gelöst - in einzelne Abschnitte aufgeteilt ist. Der letzte Teil aber soll hier nun in den wichtigsten Passagen in Übersetzung aufgezeichnet werden (so gut das möglich ist - Verbesserungsvorschläge willkommen).

"Ein schönes, leichtes, unumstrittenes Thema"

"A nice, easy, uncontroversial topic" - so leitet Horgan diesen letzten Abschnitt des Interviews ein und das ist natürlich hochgradig ironisch gemeint. Horgan fragt, ob Ferguson vor allem deshalb die Arbeit zur "Naturgeschichte des aschkenasischen IQ's" so ernst nehmen würde, weil er die "Bell Curve"-Debatte der 1990er Jahre wieder aufnehmen will, in der es um den sogenannten "genetischen Determinismus" gegangen sei. (1) In dieser "Bell Curve"-Debatte war es um angeborene Intelligenz-Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien, Rassen und Sozialschichten gegangen. Ferguson antwortet (am Ende der 68. Minute):
"Ja, das" (die Bell Curve-Problematik) "ist ein Teil" (dessen, worum es hier geht bei der 'Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz'). "Aber ich glaube, das, was gegenwärtig passiert, besonders in der Behandlung durch die Presse, nachdem der Aschkenasi-Artikel erschienen war, das ist, daß sich dies alles auf eine ganz neue Ebene hinbewegt, viel bedeutungsvoller noch, als bloß das Thema 'Rasse und IQ'.

Der Punkt der gemacht worden ist von einem der Autoren dieser Arbeit" (2), "ist, daß kulturelle Unterschiede ganz allgemein, nicht nur im IQ, sondern auch in Dispositionen dahingehend, in der einen oder anderen Weise zu handeln, gar nicht das sind, was wir über so viele Jahre hinweg in der Anthropologie gedacht haben, nämlich Ausdruck erlernter Kulturen. Vielmehr drücken sie genetische Unterschiede aus. Unterschiede zwischen unterschiedlichen kulturellen Gruppen sind in ihre Gene eingeschrieben. Und das ist ein Gedanke des 19. Jahrhunderts, der jetzt zurückkehrt."
"Wohin das führt, ist um vieles, vieles bedeutungsvoller"

Horgan: "Right." Und Ferguson weiter:
"Und die 'Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz' ist ein Fallbeispiel gewesen, um dieses Argument vorzubringen. Also ja, wir können zurückblicken auf die 'Bell Curve'. Aber wir können ebenso vorwärts schauen dahin, wohin das führt. Und das, wohin das führt, ist um vieles, vieles 'bigger' (größer, bedeutungsvoller) als das. Und die Leute müssen sich damit auseinandersetzen, daß genau das passiert. Anthropologen wollen über diese Dinge nicht sprechen. Populationsgenetiker, mit denen ich gesprochen habe, während ich den Artikel geschrieben habe, die sagten mir: Dieser Artikel ist so 'bad' (schlecht), daß er keine öffentliche Antwort verdient. Und ich sagte, man kann darüber jetzt nicht nicht schreiben.

Niemand nimmt es ernst. Das ist es, was sie tun. Aber die Leute müssen anfangen, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Nicht politisch. Nicht mit politischen Gegenargumenten. Sondern wissenschaftlich. Sich das anschauen. Sorgfältig die Theorie beurteilen, sich die Beweise anschauen, sehen, ob es wasserdicht ist oder nicht. Das ist es, was ich mache in meinem Artikel 'How Jews became smart', der in einer Woche auf meiner Internet-Seite erscheinen wird."
Und Horgan sagt abschließend: Schön, die Zuhörerschaft kann es dann dort selbst studieren und diskutieren. Voraussichtlich --> hier. - Ferguson hat recht: Das Thema ist so "breit", so bedeutend, daß es auf ein so kleines Forum gar nicht beschränkt bleiben kann. "Studium generale" versucht ja, von der ganzen Breite des Themas immer wieder in Kenntnis zu setzen. Das Thema kommt in vielen, ganz unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder "hoch", wird immer wieder deutlich.
___________

*) Es wird dennoch nicht auf den "Hauptblog" von "Studium generale" gestellt, denn dieser soll sich ab jetzt mehr auf "Research Blogging" fokussieren. Viele bisherige Schwerpunkt-Themen werden deshalb jetzt mehr und mehr auf diesen neuen "Ergänzungsblog" von "Studium generale" "ausgelagert". Die allgemeine "Rundumbeobachtung" findet also künftig auf diesem Ergänzungsblog statt. Und dieses Interview gehört zu einer Berichterstattung im Sinne der bisherigen "Rundumbeobachtung".

(1) "Genetischer Determinismus" ist kein guter Ausdruck. Er impliziert, daß der Wert des einzelnen Menschen "als Mensch" - also nicht nur seine einzelnen Fähigkeiten - durch Gene, durch angeborenen IQ usw. "determiniert" sein könnte. Das aber wäre Ideologie - sogar sehr schlechte. Und hat mit Wissenschaft nichts zu tun.
(2) Gemeint ist sicherlich Gregory Cochran's Äußerung auf "The Edge", bzw. in Interviews Äußerungen mit NYT-Journalist Nicholas Wade.

Kommentare:

Ingo Bading hat gesagt…

Aha, der Artikel ist da:

http://andromeda.rutgers.edu/~socant/How%20Jews%20Became%20Smart%20(2008).pdf

Hier wird er diskutiert:

http://www.gnxp.com/blog/2008/09/brian-ferguson-and-ashkenazi-iq.php

Ingo Bading hat gesagt…

Und so weit ich sehen kann, macht Ferguson seine Sache sehr, sehr gut. Er schreibt ganz klar, ganz logisch aufgebaut, er gibt seinem Standpunkt jede wissenschaftliche Stärke, die er sich (noch) wünschen kann. Man kann also aus diesem "Anti"-Paper auch viel über das eigentliche Paper dazu lernen und über seine Argumentation.

Über weite Strecken halte ich ihn dann letztlich doch nicht für überzeugend. Aber noch einmal: er macht seine Sache gut. Klar, strukturiert aufgebaut. Ganz streng bei der Sache. Das spricht an.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts

Social Bookmarking

Bookmark and Share

Follower

Regelmäßige Leser dieses Blogs

Wichtige Bücher