Donnerstag, 12. August 2010

Portrait einer Generation

"Servus Heiner" - Karl Springenschmid erinnert sich an seinen Freund Karl Heinrich Waggerl

"Servus Heiner" - ein Büchlein von Karl Springenschmid (1897-1981) (Wiki, Salzburg-Wiki) (1) - man kann es trotz seiner bescheidenen, knapp hundert schmalformatigen Seiten als Kostbarkeit im Schatz der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erachten. 

Abb. 1: Zeichnung von Pietro da Cortona (1596-1669)

Im Jahr 1979 ist es erschienen, sechs Jahre nach dem Tod des schon im Titel angesprochenen Karl Heinrich Waggerl (1897-1973) (Wiki) (Salzb). In ihm erschließt der Autor Springenschmid anhand der Erinnerungen an seine lebenslange Freundschaft mit dem gleichaltrigen Schriftsteller Waggerl ein geradezu ergreifendes Bild nicht nur dieses ausgesprochen "eigenen" und besonderen Menschen Waggerl, sondern im Grunde der ganzen Generation, der diese beiden, einstmals so jungen Schriftsteller angehört haben. Eine Generation, deren Angehörige mit 17 Jahren als Kriegsfreiwillige in den Ersten Weltkrieg gezogen sind, eine Generation, die von dieser Kriegserfahrung lebenslang geprägt geblieben ist.

Es handelt sich um eine Generation, deren wachere Angehörige in den frühen 1920er Jahren mit leidenschaftlichem Herzen nach neuen Formen des künstlerischen Ausdrucks suchten und die auch nach neuen, authentischeren Formen des persönlichen Lebens insgesamt suchten. Waggerl sollte später zwar als Schriftsteller bekannt werden, hat ab den 1920er Jahren aber auch mit eigenen Versuchen an den Entwicklungen der damals ganz neuen Technik der Fotographie teilgenommen (2). Auf diesen Umstand wurde die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Fotografie wohl er erst nach seinem Tod aufmerksam.

 - Welches Büchlein wohl könnte einem solche Umstände nachdrücklicher erlebbar machen, als diese hundert Seiten Erinnerungen von Karl Springenschmid (1)?

Während man in den frühen 1930er Jahren aus dem "Fronterlebnis" dieser Generation noch politisches Kapital zu schlagen versuchte oder aber genau das mit "desillusionierenden" auflagenstarken "Antikriegs-Romanen" zu unterlaufen suchte, schreibt Karl Springenschmid seine Erinnerungen an Waggerl in den 1970er Jahren aus der abgeklärten Sicht der Erfahrung auch noch eines zweiten Weltkrieges nieder. Eines Krieges, den man erstaunlicherweise "auch noch" überstanden hatte, wo doch schon das Überstehen des ersten als ein so überaus prekäres Geschehen erlebt worden war.

Abb. 2: Karl Heinrich Waggerl, 1930er Jahre
(Quelle)

Die Biographien und Lebenseinstellungen der beiden Freunde Springenschmid und Waggerl haben aber schon nach der Erfahrung des ersten Weltkrieges sehr unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Trotz lebenslanger äußerer geographischer - und natürlich auch der beruflichen - Nähe. Denn beide wurden zunächst Lehrer, dann Schriftsteller.

Karl Heinrich Waggerl nach 1945

Waggerl war, wie Springenschmid sagt, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich sehr populär, Neudeutsch: "in". Außer Herbert von Karajan konnte damals niemand die Säle so füllen wie Waggerl, wenn er aus seinen Büchern vorlas. Springenschmid sagt aber auch, Waggerl habe in jener Zeit nur noch die Erwartungen bedient, die die größere Öffentlichkeit ihm als gestandene Dichter-Persönlichkeit entgegen gebracht hätte. Er habe wie ein Schauspieler sich selbst "spielt", während er ansonsten sich innerlich schon längst wieder weiterentwickelt hatte und darum immer sparsamer in der Mitteilung auf dem Gebiet der Kunst geworden sei.

Springenschmid versucht also seinen Freund gegen die vielen - keineswegs unbegründeten - Kritiken, die Waggerl gerade auch nach 1945 aufgrund seiner großen Popularität auf sich gezogen hat, sozusagen in Schutz zu nehmen. Es gibt offenbar unzählige Ton- und Filmaufnahmen von und mit Karl Heinrich Waggerl aus dieser Zeit, insbesondere von seinem alljährlichen Lesen in Salzburg zur Adventszeit. Er war wohl in den 1950er und 1960er Jahren als "altersweiser" Mann eine ähnlich "legendäre" Figur geworden, als ruhender Pol in einer sich rasch verändernden Zeit empfunden worden, wie der in jenen Jahren ähnlich "allgegenwärtige", immer gut gelaunte Luis Trenker. (Mit letzterem war Springenschmid ja ebenfalls in guter Freundschaft verbunden.) Es fällt wohl heute schon schwer, die Begeisterung der damaligen Generation für einen Waggerl in ihrem ganzen Umfang nachzuvollziehen.

Im Internet kann man sich die damals berühmte und populäre Vorlese-"Stimme" Waggerls anhören (a, b). Diese Stimme mag für heutige Ohren etwas schläfrig, müde oder gar zu gekünstelt betulich wirken. Man möchte sich von ihr nicht mehr so recht - menschlich - überzeugen lassen. Sie wirkt vielleicht so ähnlich ein wenig übertrieben betulich, ein wenig unecht "altersweise" wie etwa der alte Heinz Rühmann zu gleicher Zeit in Deutschland. Gerade auch er kam ja insbesondere zu Weihnachten immer wieder zu Wort, als Deutschland gerade auch in jenen Jahren in besonders aufgesetzte Fernseh-Rührseligkeit versank.

Springenschmids Waggerl

Springenschmid sagt möglicherweise ganz richtig, daß Waggerl sich bei solchen Anlässen als Schauspieler gab, der Öffentlichkeit jenen Menschen und Dichter vorspielte, den sie sehen und hören wollte, während er selbst schon längst ein ganz anderer geworden war. Möglicherweise ist das ein typisches Kennzeichen jener 1950er und 1960er Jahre?

Abb. 3: Heirat 1919 mit 22 Jahren (Quelle)

Aber um wie viel wertvoller und kostbarer sind demgegenüber heute vielleicht die so ganz bescheiden daherkommenden Erinnerungen Springenschmids an Waggerl. Springenschmid zeichnet ein Bild seines Freundes Waggerl, das einen als Leser Waggerl gegenüber sehr eingenommen sein läßt. Das Büchlein ist überleuchtet von viel Liebe für seinen Freund. Deshalb gelingen Springenschmid so gelungene Erinnerungen, obwohl die genannte äußere Seite Waggerls, die man kalten Herzens eine Schwäche nennen könnte, in keiner Weise von ihm verschwiegen wird. Springenschmid erzählt ja sogar, wie er seinem Freund Heiner deshalb bitterböse Briefe geschrieben hat. Und diese Briefe werden in seinem Buch auch zitiert.

All das kann man als eine hohe Kunst, auch als eine hohe Lebenskunst Springenschmids ansehen: Trotz des Trennenden die große Gemeinsamkeit zwischen ihnen nacherlebbar zu machen. Und es spricht daraus vor allem eine sehr große Liebe zu diesem seinem alten Freund Heiner, die, wie man den dem Buch beigefügten Handzeichnungen Waggerls von seinem Freund "Springs" aus den 1920er Jahren glaubt entnehmen zu können, ohne Frage auch erwidert worden sein muß. Wenn es auch oft genug im Leben der beiden zu so grundsätzlichen Spannungen gekommen ist, daß eine Fortsetzung dieser Freundschaft jedes mal fast gar nicht mehr möglich erschien.

Ein aufwühlendes Büchlein. Was für eine Zeit. Was für ein Leben. Geradezu: Völkerschicksale konzentriert auf engstem Raum in zwei Menschenseelen. Denn wer wollte daran zweifeln, daß diese beiden Männer um das Schicksal ihres Volkes gerungen haben bis an ihr Lebensende? - Weitere Beiträge zu Karl Springenschmid: (3-5).

Ergänzung (1.8.2026): Die Stadt Salzburg hat 2020 eine Darstellung zum Leben von Waggerl gegeben (6). Diese macht einem erst klar, daß Waggerl 1930 durch die Veröffentlichung seines Romans "Brot" im Insel-Verlag in ganz Deutschland bekannt geworden war und daß er seit dieser Zeit viele Jahre auf langen Lese-Reisen in Deutschland unterwegs war. Von diesem Zeitpunkt an wies Waggerl offenbar eine weitaus größere Bekanntheit auf als sein Freund Springenschmid. Waggerl galt seit dieser Zeit quasi als "der" Repräsentant der Literatur Österreichs.

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  1. Springenschmid, Karl: Servus Heiner! Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Schneider, München 1979
  2. Karl Heinrich Waggerl: ohne Titel, 1930er Jahre? Aus: Frauenmantel, Salzburg: Edition Fotohof im Otto Müller Verlag, 2 1993, S. 34, http://www.kritik-der-fotografie.at/foto/12/12-9.htm
  3. Bading, Ingo: Costabella - Berg meiner Jugend. Auf: Studium generale, 22. November 2007 (Stg2007)
  4. Bading, Ingo: "Das wiedergefundene Antlitz" von Karl Springenschmid (1944). Kunstraub, Kunstschutz und Massenmord aus ungewohnter Perspektive. Auf: Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 20.7.2010 (GAj2010)
  5. Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014) 
  6. Hofinger, Johannes: Karl Heinrich Waggerl, in: Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus. Biografische Recherchen zu NS-belasteten Straßennamen der Stadt Salzburg. Version 1, 29. 9. 2020 (Salzb)

Mittwoch, 11. August 2010

"Der Kampf um das Letzte, das der Mensch hat"

Josef Weinheber (1892 - 1945) - Einige neu veröffentlichte Briefe
Vorbemerkung: Unter der Rubrik "Literatur" erscheinen hier auf den Blogs seit 2007 in unregelmäßigen Abständen Beiträge. Hier eine kurze Übersicht über die deutschen Dichter (und Sprachwissenschaftler), die seit 2007 schon behandelt worden sind, bzw. die zu Wort gekommen sind. 19. Jahrhundert: Friedrich Schiller (a, b), Friedrich Hölderlin (a), Jacob Grimm (a), Annette von Droste-Hülshoff (a), Josef Freiherr von Eichendorff (a), Friedrich Hebbel (a). 20. Jahrhundert: Rainer Maria Rilke (a), Josef Weinheber (a, b), Agnes Miegel (a, b), Karl Springenschmid (a, b, c), Martin Walser (a), Bettina Wegener (a, b).

Eine zweibändige, über tausend Seiten starke Doktorarbeit über den Dichter Josef Weinheber (1892-1945) (Wiki) ist erschienen (1). Und zwar schon im Jahr 2006. Verfasser ist der Wiener Germanist Christoph Fackelmann (geb. 1970). Er hat unveröffentlichte Nachlaß-Bestände ausgewertet, und zwar sowohl von Josef Weinheber selbst wie auch von dessen Briefpartnern. 

In dem vorliegenden Beitrag sollen einige der Briefe, die dabei - soweit ersichtlich - erstmals der Öffentlichkeit bekannt geworden sind, angeführt werden. Und zwar in chronologischer Reihenfolge. Es geht nur darum, auf diese Briefe selbst aufmerskam zu mache. Es geht nicht um eine ihnen angemessene geschichtliche Einordung und Erläuterung, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann. 

"Inmitten einer verrotteten Zeit ..." 

Josef Weinheber stellte sich selbst mit Verachtung über die Welt des Politischen und auch zumeist auch mit Verachtung über die Schickeria des Kulturlebens seiner Zeit. Das Schuschnigg-Österreich, in dem er lebte, war ein "autoritäterer Ständestaat", in dem nur eine Staatspartei erlaubt war, nämlich die "Vaterländische Front" (Wiki).

Zwei Wochen nachdem er am 21. Januar 1937 eine Rede vor dem "Vaterländischen Front-Werk 'Neues Leben'" in Wien gehalten hatte - also mehr als ein Jahr vor dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich - schrieb er am 6. Februar an einen Briefpartner, den Chemnitzer Arzt und "Literaturpfleger" Kurt Oxenius (1, S. 674):

Wenn ich nicht immer wieder, da und dort, Menschen wie Sie getroffen hätte, müßte ich verzweifeln. Das "Volk" hat ja keine Stimme. Und diejenigen, die die Stimme haben, reden wie die Blinden von der Farbe. Ich habe hier in Wien am 21. Jänner einen einstündigen Vortrag über Kunst, über die geistige Heimat des Künstlers gehalten, und alles, was in Wien Namen hat, hat sich den Vortrag angehört. Er hat in seiner Kompromißlosigkeit, in seiner monomanen Unerbittlichkeit vor den letzten Dingen des Geistes wie ein reinigendes Gewitter gewirkt. (...) Man darf ja nicht erlahmen. Man muß die Leute immer wieder zwingen, die Schuhe auszuziehen, "denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land". Ich habe nichts anderes zu tun. Das ist meine ganze Aufgabe. Inmitten einer verrotteten Zeit ist meine Sendung nicht Erneuerung, sondern Bewahrung. Ich bin mit meinem Gesicht, mit meinen Gesichten nach rückwärts gewendet. Aber jener, der kommt, um nach vorne zu schauen, wird mich brauchen: Er wird auf meinem Rücken stehen oder er wird nicht sein. Das wird mir alsbald den Ruf, die Marke eines Epigonen eintragen. Weil ja heute alles falsch gesehen wird und mein "Ruhm" natürlich ein Mißverständnis ist. Aber ich werde dann nicht schweigen. Ich habe mir fest vorgenommen, die Analphabeten zum Beweis ihrer kindlichen Formulierung anzuhalten. Wenn mir Gott neben der Gabe des Formens eine scharfe, polemische Intelligenz geschenkt hat, so wird er sie wohl auch zur richtigen Zeit genützt wissen wollen.

In der Dissertation ist an einer Stelle die Rede von einer "antibürgerlichen Dimension" im Werk Josef Weinhebers. Das könnte aber auch mißverstanden werden. Ein echter Künstler muß vieles als ambivalent empfinden. Welches Phänomen wohl mehr als das Phänomen "Bürgerlichkeit". 

Mit ähnlicher Berechtigung könnte man anhand des Lebens und Werkes von Josef Weinheber eine Dimension der "Sehnsucht nach Bürgerlichkeit" (in einem höheren Sinne verstanden) aufzeigen. Man denke nur an seine Sehnsucht nach eigenem Heim und Herd, nach eigenem Grund und Boden. Jedenfalls erfährt der Leser an dieser Stelle der Dissertation auch Neues über "Frauenbeziehungen" der Dichters, und zwar auch solche nach dem Jahr 1936.

"... Korrespondenzen in einer Komplexität und Tiefe" 

Nur deshalb gehen wir auf diese "antibürgerliche Dimnesion" ein. Ob das Wesen dieser Beziehungen unter der Begrifflichkeit "antibürgerliche Dimension" wirklich schon gut erfaßt ist, soll hier ebenfalls dahingestellt bleiben. Fackelmann schreibt jedenfalls (1, S. 446):

Die Indizien (für die "antibürgerliche Dimension") betreffen auch Phänomene wie jene Frauenbeziehungen Weinhebers, die mit den ausgedehnten Vortragsreisen durch das Deutsche Reich - und zwar schon mit den ersten, die Weinheber unternimmt - einsetzen. (...) (Es) bilden sich die relativ rasch (...) eingegangen (...) Liebesbeziehungen zu einzelnen Verehrerinnen. (...) Die Konturen der Beziehungen zu Eva Cartellieri (in Marburg a. d. Lahn, November/Dezember 1936), zu der Lektorin und Übersetzerin Elisabeth Ihle (in Teuthof bei Detmold, Dezember 1936/Anfang Januar 1937; der Briefverkehr reicht allerdings bedeutend weiter, ins Frühjahr 1936 zurück) und zu Gertrud Stöhr (in Augsburg, Ende 1938/Anfang 1939) entstehen aus den erhaltenen Materialien, insbesondere aus den Korrespondenzen, in einer Komplexität (und Tiefe), die sie deutlich über die Ebene von "Affären" hinaushebt.

Womit ja eigentlich schon gesagt ist, daß eine Kennzeichnung wie "antibürgerliche Dimension" an dieser Stelle im Grunde gar nichts sagt. Fackelmann ähnlich weiter:

Erst recht das Bild der (...) Beziehung zu der Germanistikstudentin Gerda Janota (...) aus Linz (ab November 1937 in Linz bzw. erst ab Anfang Dezember 1938 in Stuttgart und Tübingen, hernach in Inzersdorf, Salzburg, Wien).

Fackelmann zitiert als Beispiel die folgende Stelle aus einem der Briefe Weinhebers an Gerda Janota aus dem September 1940 (1, S. 446):

26. IX. 1940
Gestern auf der Heimfahrt (...) habe ich mein ganzes Leben überdacht: Das Verfehlte und das Gelungene. Und dann hatte ich am Ende doch das Gefühl, ich könnte ruhig vor Dich hintreten, weil neben vielem Bösen und Halben doch auch ein guter Wert da ist, auf den ich hinweisen kann: auf meine dichterische Figur und Leistung. Ohne mir gut zureden zu wollen, habe ich doch überdacht, wer ich eigentlich bin, und daß ich mit den Maßen des Bürgers nicht gemessen werden kann. Du hast das ja vom ersten Augenblick an gefühlt. Du hast vom ersten Augenblick an um Deinen Dienst an mir gewußt. Und so feige und zaghaft ich innerlich bin, hast Du doch erlebt, daß ich mich in den entscheidenden Momenten des Lebens durchaus als Herr empfinde und gebe. Diese eingeborene Eigenschaft der Persönlichkeit wird uns ja schließlich retten, trotz meiner Sentimentalität.

Es wird hier sofort deutlich, daß mit groben Einordnungen über Weinheber gar nichts gesagt ist.

"Es bilden sich schreckliche Vakuen"

Am 18. November 1940 schreibt Weinheber an den Germanisten Hans Rößner. Ob Weinheber sich der Tatsache bewußt war, daß dieser Germanist für den Sicherheitsdienst der SS arbeitete, ist bis heute unklar geblieben. Weinheber jedenfalls legt ihm gegenüber ein unverhohlenes Bekenntnis ab (1, S. 718):

Du weißt, welche herrscherliche Stellung im Organismus des Menschlichen ich der Sprache einräume. Du weißt, daß ich die Sprache für einen Ausdruck einer zweiten Natur halte, eben der menschlichen, die dadurch abgegrenzt ist von dem gesamten "animal". Du weißt auch, daß ich diese wichtige Unterscheidung wie kaum ein anderer lebender Europäer erfaßt habe. (...) In diesen Zeiten rücken die Dinge der Kunst ebenso wie die Dinge unserer sonst uns vertrauten Welt weit fort. Es bilden sich, mehr und mehr, schreckliche Vakuen. Wenige Menschen sehen das. Der wirkliche Künstler ist einsamer denn je. Nur in der göttlichen Bevorzugung des Menschen, die ihm in der Sprache verliehen ist, scheint mir in all dem Niederbruch ein geheiligter Halt zu sein. Und das einzige Vorrecht unseres Volkes, das Abendland repräsentieren zu dürfen, scheint mir in unserer wahrhaft herrscherlichen Sprache zu liegen. Ich denke hierbei nicht an unsere kümmerlichen Tagesgrößen, sondern an Luther, Herder, Grimm, Goethe, Rilke, und an jene noch Verborgenen unserer Gegenwart.

Gut bekannt ist ja, daß Weinheber in jenen Jahren auch sonst - und auch in seiner Dichtung selbst - an der flappsigen, oberflächlichen, bramarbasierenden, seelenlosen, schnauzigen, schreienden Barbarensprache der Nationalsozialisten die Seele wundgerieben hat. Schon allein in der Verwendung und Mißhandlung der Sprache selbst sah er die "Ursünde", den ganzen Niedergang seiner Epoche. Und das schon ganz unabhängig von den politischen Inhalten, die über diese Sprache transportiert worden sind. Und er bleibt - gerade auch demgegenüber - bei allem "Herrschenwollen" auf dem Gebiet des Sprachlichen, Kulturellen, bei allem Machtanspruch der Barbarei gegenüber zutiefst demütig, ja in Selbsteinsicht bescheiden:

Mich selbst habe ich immer nur als einen Bewahrer, nicht als einen Mehrer (Augustus) gesehen.

Weinhebers "heiße Vaterlandsliebe" sieht "schreckliche Vakuen" - im Jahr 1940 

Wahrhaft unbescheiden - gegenüber den Kulturschändern einerseits - und wahrhaft bescheiden gegenüber der Dimension des eigentlich Kulturellen zugleich: Wer hätte das mehr verkörpert als Josef Weinheber:

Das ist wohl zu sagen notwendig. Meine heiße Vaterlandsliebe, die weit über das Österreichische hinausgeht (obwohl hier dies Noûs ist!) will unsere Sprache als die - nicht "schönste", aber als die bedeutendste des Abendlandes eingesetzt sehen.
Und:
Ich jedenfalls bin mir meiner herrscherlichen Aufgabe zutiefst bewußt. Dieses Bewußtsein unterscheidet mich von allen deutsch schreibenden "Schriftstellern".
Und:
Ich wünsche Dir - nicht, daß es Dir gut gehe, es geht uns allen nicht gut - ...
im Jahr 1940,
aber ich wünsche Dir und Deiner lieben Frau jene letzte Tapferkeit des Herzens, worauf am Ende alles ankommt. Dein Ziel ist ein kleineres als das meine. Wenn ich mein größeres unbeirrbar im Auge behalte, so darfst auch Du nicht verzagen.

Diese letzten Sätze sollten auch Worte des Trostes sein gegenüber vielerlei klagenden Worten seines Briefpartners, auf die an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.  

"Mir fehlt in dieser menschlichen Stimme der zitternde Unterton der Gefährdung" 

Das Urteil Weinhebers selbst gegenüber völkischen Schriftstellern, denen er freundschaftlich nahesteht, wie etwa gegenüber seinem Freund Erwin Guido Kolbenheyer (1878 - 1962), bleibt bei aller Freundschaftlichkeit doch unerbittlich und damit im Letzten auch zurückhaltend. Denn Weinheber sieht einfach "zu viel" und empfindet, was anderen damals völlig scheint entgangen zu sein. So schreibt er jedenfalls am 21. November 1940 an seinen Briefpartner Hermann Pongs über Kolbenheyer (1, S. 454):

(...) Ich kann mich nicht recht hineinfinden. Meine Traditionen sind andere. Mir fehlt in dieser menschlichen Stimme der zitternde Unterton der Gefährdung. Sprache kommt nur dort zustande, wo ein Mensch vollkommen einsam ausgesetzt ist. Hier aber spricht nach meinem Gefühl noch immer der typische Bürger als einer, der in einem (sehr honorigen) Leben gelernt hat, über das Schreckliche des Lebens hinwegzusehen. - "Und Bürger sein macht schon ein Brandmal wett," was?

Hier ist natürlich wieder die Ambivalenz des Bürgerlichen angesprochen, in diesem Fall eine gewisse Flachheit, Bequemlichkeit. Ein halbes Jahr später schrieb Weinheber an die Germanistikstudentin Gerda Janota, die Mutter seines einzigen - unehelichen - Sohnes (1, S. 446):

11. VII. 1941
(...) Deine Eltern sollen nicht gegen Dich und gegen mich sein: Es wäre der größte Unsinn, den sie begehen könnten. Weder ich noch Du haben aus Abenteuerlust gehandelt, sondern mit dem Anspruch auf das primitivste Lebensrecht. (...) Sie haben kein Recht, Dich zu verdammen, wenn sie ihre bürgerlichen Moralbegriffe an wem reiben wollen, sollen sie es in Gottes Namen an meiner Person tun. (...)

Auch diese Worte weisen für den Doktoranten Fackelmann auf die "antibürgerliche Dimension" im Leben Josef Weinhebers hin. In einer Zeit, in der "bürgerlich" lebende Menschen dem kulturellen Anspruch gar nicht mehr gerecht werden, der einem groß aufgefaßten "Bürgertum" zugesprochen werden muß, ist es natürlich schwer für einen Künstler, angepaßt-flach "bürgerlich" zu leben.  

Schwarz-Weiß-Malerei nach 1945 

Die Zeit nach 1945 mit ihrer krassen Schwarz-Weiß-Malerei hat es als ganz unmöglich angesehen, daß in dem "barbarischen" System der Nationalsozialisten auch kulturerhaltende, zutiefst humane Kräfte regsam gewesen sein könnten. Wer nur immer auch nur leichte Sympathien mit dem Nationalsozialismus geäußert hatte, geriet in Verdacht. Aus diesem Grund mußten solche intellektuellen Hochstapler der Flakhelfer-Generation wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Jürgen Habermas, Walter Jens und so viele andere mehr allesamt - fast - bis an ihr Lebensende ihre jugendlichen Sympathien für den Nationalsozialismus ihren nächsten Familienangehörigen und der Öffentlichkeit gegenüber verheimlichen. Auch sie gaben damit ihre Ohnmacht oder ihren Unwillen kund, in dem Nationalsozialismus noch irgendwelche anderen Kräfte am Wirken sehen zu können (vom Wollen ganz abgesehen), als die des Bösen, des Verbrecherischsten, was die Weltgeschichte je gesehen hat.

Weinheber im Jahr 1940

Bemerkenswerterweise hat man diese Schwarz-Weiß-Malerei auf solche während des Zweiten Weltkrieges - sowie davor und danach - ebenfalls barbarische Politik verfolgende Staaten wie die Sowjetunion, Großbritannien, die USA, Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien niemals angewendet. Es ist diese Schwarz-Weiß-Malerei Teil der "political correctness", der "Zivilreligion" unserer Zeit. Sie verunmöglicht aber bestimmte Blickweisen auf die deutsche und europäische Geschichte und Kulturgeschichte, die auf solche politischen Tageserfordernisse ja schlichtweg keine Rücksicht nehmen dürfen, wenn ihnen der Anspruch auf Wahrheit nicht näher liegen soll. Auch alle diese genannten Staaten verfolgten in Methoden und Zielen barbarische Politik. Darüber besteht heute gar kein Zweifel. In diese "Reiche des Bösen", die in vielen Aspekten bis heute fortbestehen, verstrickt gewesen zu sein oder verstrickt zu sein, legte und legt den Menschen niemals so viel Rechtfertigungsdruck auf, als in das exklusive, geradezu "monotheistisch" verehrte "Reich des Bösen" verstrickt gewesen zu sein, genannt Nationalsozialismus. So vorzugehen, ist natürlich auch eine Form von "Relativierung", fragt sich, von was ...

"... Wie labil alle geistigen, seelischen und religiösen Fragen noch waren, als der Krieg begann ..." (Mai 1942) 

Aber sei all dem wie auch immer. Am 3. Mai 1942 schrieb Josef Weinheber an den schon angeführten Germanisten und SD-Mann Hans Rößner Worte, die aus dem Blickwinkel der genannten Schwarz-Weiß-Malerei immer nur wieder falsch verstanden werden würden (1, S. 715):

(...) Was die Männer an der Front geleistet haben in diesem Winter, ist unvorstellbar. Haltung und Stimmung in der Heimat versagen da in vielen Fällen doch recht erheblich. Aber man muß sich ja auch immer wieder vergegenwärtigen, wie labil alle geistigen, seelischen und religiösen Fragen noch waren, als der Krieg begann. In diesem Zwischenzustand - innerlich - haben wir den Kampf begonnen.

Hier spricht Weinheber nicht gerade den unwesentlichen Umstand der damaligen Zeit an. Einen Umstand, der nach 1945 ebenfalls fast völlig in Vergessenheit geraten ist: 1936/37 hatte als ein vorläufiges Ergebnis des "Kirchenkampfes" in Deutschland die bis dahin größte Kirchenaustritts-Bewegung in der deutschen Geschichte begonnen, die mit dem Anschluß von 1938 auch auf Österreich hinüberschwappte und in ihrer Größendimension nur mit der nach dem Jahr 1968 zu vergleichen ist. In breiten Schichten der Bevölkerung war hinsichtlich der religiösen und weltanschaulichen Fragen sehr viel Grundsätzliches in Bewegung geraten, ohne daß die Menschen dabei zwischen den Jahren 1939 und 1941 auch nur zu irgend einem neuen Gleichgewicht hingefunden hätten. Was sollte denn auch dieses neue Religionsbekenntnis "deutsch-gottgläubig" bedeuten? In welcher Weise sollten durch dieses neue, noch sehr verschwommene, unklare Bekenntnis die religiösen und weltanschaulichen Fragen des Menschen beantwortet werden? In welchem Verhältnis auch stand es zu dem Krieg, der da nun ausgebrochen war? 

"Nun ist ein großer innerer Hohlraum bei vielen entstanden ..." 

 Natürlich machte man sich beim Sicherheitsdienst der SS darüber viele Gedanken. Weinheber nun schreibt demgegenüber mit erschreckender Offenheit weiter:

Schulung und Propaganda der Partei sind äußerlich abgeglitten, weil sie die tieferen Fragen übersahen oder oft selbst keine sichere Antwort wußten. Man muß das heute, je leidenschaftlicher man zum Führer steht, desto nüchterner sehen.

Um so mehr man sich in der damaligen Zeit "zum Führer" bekannte, um so mehr Spielraum gewann man für die Kritik aller anderen führenden Nationalsozialisten:

Nun ist ein großer innerer Hohlraum bei vielen entstanden, eine Unsicherheit des Herzens vor der Härte des Kriegs. Dort beginnt aber, wie ich glaube, die entscheidende geistige Führungsfrage, nicht in Schulung und Propaganda, sondern in einer viel tieferen Schicht.

"... In diesem Hohlraum spricht die Kunst" 

Weinheber denkt hier natürlich daran, wie er als Dichter die "Heimatfront" im Kampf gegen den Bolschewismus im Osten und gegen den Kapitalismus im Westen von seiner Warte aus stärken kann. Und er hat natürlich seine ganz und gar eigene Antwort, geboren aus seinem Selbstverständnis als Künstler, das nun vergleichsweise wenig mit Krieg überhaupt zu tun hat:

Dort - in diesem großen inneren Hohlraum - spricht auch die Kunst, heute und morgen. Man soll sich auch hier keinen romantischen Illusionen hingeben, als ob das ganze Volk das so empfände oder verlangte. Aber es geht bei der ungeheueren Ordnungsaufgabe, die das Reich in Zukunft hat, ja auch immer nur um die Schicht der "Verantwortlichen" im tieferen Sinne und dann um die gläubige Sicherheit der besten Volksteile, die einen wirklich erfüllten Alltag leben, (die) alles das als "Lebensform" leben, was heute noch "weltanschauliche These" ist. Für die geistige Führungsschicht - die Künstler, Denker und Wissenschaftler - heißt das, daß die unselige Isolierung unseres Kulturbereiches aus dem politisch-geschichtlichen Zusammenhang, worin wohl einer der gefährlichsten Verfallsprozesse zu sehen ist, endgültig überwunden wird, wobei dann auch - richtig verstanden - der Begriff des "inneren Reichs" in sich zusammenfiele, weil seine Werte in dem einen Reich aufgehoben wären.

"Die unselige Isolierung unseres Kulturbereiches aus dem politisch-geschichtlichen Zusammenhang"  

Zu all diesen Sätzen wäre natürlich noch sehr viel zu sagen. Darauf muß in diesem Beitrag verzichtet werden. Abschließend soll noch ein Brief an Gerda Janota vom 1. September 1944 angeführt sein. Er soll den Abschluß dieses Beitrages bilden (1, S. 450):

1. IX. 1944
(...) Du hast mir unlängst ein so prachtvolles Wort gesagt. Du hast gesagt: Ich könnte alles machen, Du seist meiner sicher! Ich möchte Dir das Wort, das so recht Dein herrliches Wesen zeigt, zurückgeben können! Vielleicht darf ich Dir sagen, daß ich Dich innig liebe - wenn Dir das genügt, ich bin zu Geistreicheleien nicht aufgelegt, bin ein "alter" Mann - und vielleicht empfindest Du den Strom des Gefühls, das ich für Dich habe, noch in diesen dürftigen, rasch hingeworfenen Zeilen. Es ist sicher, Gerda, daß andere Frauen es besser getroffen haben. Aber sie haben ja keinen Weinheber. Sie gehen halt so durchs Leben, aber Dein Kampf ist ein Kampf um alles, um das Letzte, das der Mensch hat: um die echte Liebe. Ich habe geglaubt, Dich zu lieben, und jetzt erst beginne ich langsam zu begreifen, was Liebe ist. Diese Geistesgegenwart des Herzens lerne ich jetzt! Auch Du kannst mir nicht entgleiten. Was wissen denn Deine Eltern von einer solchen Liebe? Sie meinen es gut mit Dir, aber das Leben ist doch etwas anderes als einen wohlhabenden Bürger heiraten, der die "Schande" tilgen soll! Das Leben hat uns in die Kur genommen, wir gehören zusammen, und wir bleiben zusammen. Wenn Gott ein Bürger wäre, hätte er unserer echten Liebe wohl längst eine nette Legitimation verschafft. Er ist aber ein Künstler: Also ist der Endvers nicht abzusehen.

Acht Monate später, am 8. April 1945, nahm sich Josef Weinheber in seinem Haus bei Wien, während das Grollen der russischen Front schon zu hören war, das Leben. 

Die Briefe Weinhebers sind oft in ähnlicher Weise aussagekräftig, "Sprach"-kräftig wie seine Dichtungen selbst. Auch über so manche sehr wertvolle Erinnerung seiner Freunde (siehe 2) erhält man einen sehr persönlichen Zugang zu Josef Weinheber. Deshalb ergänzen diese Briefe und Erinnerungen in so besonders wertvoller Weise die von Weinheber geschaffenen Werke.

 

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  1. Fackelmann, Christoph: Die Sprachkunst Josef Weinhebers und ihre Leser. 2 Bände, Band 1: Darstellung, Band 2: Anhang. LIT Verlag, Münster 2006. (s.a.: Google Books) 
  2. Heinrich Zillich (Hrsg.): Bekenntnis zu Josef Weinheber. Erinnerungen seiner Freunde. Akad. Gemeinschaftsverlag, Salzburg 1950

Sonntag, 8. August 2010

Im Wald bei Tegel: Selbstmord oder Mord?

Zum Tod der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig (Teil 2)

Abb. 1.: Kirsten Heisig - Der Ort, an dem sie - mit ihrem Hund - zunächst notdürftig
verscharrt worden war? (Von der Wegekreuzung von Abb. 2 aus fotografiert.)

Das neu erschienene Buch der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig wird breit in der Presse erörtert (s. Google News). Darin ist viel von Kriminalität die Rede. Doch außer dem Journalisten Gerhard Wisnewski (s. früherer Beitrag) scheint sich in der Presse niemand weiter Gedanken zu machen über die dürftigen Angaben der Berliner Polizei- und Justizbehörden zu den Todesumständen von Kirsten Heisig. Folgt man Gerhard Wisnewski, ist der Öffentlichkeit noch nicht einmal der Baum selbst bekannt gegeben worden, an dem sich die Jugendrichterin in fünf Metern Höhe erhängt haben soll.

Der Tegeler Forst - Ein vielbesuchter Wald

Die weiteren Angaben von Gerhard Wisnewski (Kopp, Teil 3, Teil 4) wollte der Autor dieser Zeilen heute persönlich so weit als möglich überprüfen. Wisnewski schreibt:
Durch den Wald führen zahlreiche Spazierwege, auf denen Radfahrer unterwegs sind und Anwohner ihre Hunde spazieren führen.
Dieser Satz kann nach Ortsbesichtigung vollständig bestätigt werden (s. etwa Abb. 2). Das betroffene Waldstück liegt nur knapp vier Kilometer allein von Wald getrennt von dem Schloß Wilhelm von Humboldt's in Tegel entfernt.

Abb. 2: Die Wegekreuzung, an dem die abgesägten Baumstämme (links jenseits
des Bildrandes) liegen -
Blick in Richtung Schauflerpfad

Und es liegt in unmittelbarer Nähe eines Wohngebietes. Während der kurzen heutigen Besichtigung durch den Autor dieser Zeilen kam beispielsweise eine große "Nordic Walking"-Gruppe älterer Damen und Herren im eifrigen Gespräch vertieft fröhlich vorbeigewandert. Und in einem solchen Wald soll eine Leiche, nach der auch die Polizei in einer aufsehenerregenden Aktion intensiv sucht, fünf Tage lang unentdeckt fünf Meter hoch in einem Baum hängen? Soll man das für plausibel halten können? Auch von den frechen, im Wald herumlaufenden Wildschweinen konnte sich der Autor dieser Zeilen selbst ein Bild machen (s.a. a, b, c). Wisnewski berichtet:
In derselben Gegend wurde einmal ein junges Wildschwein überfahren – das habe wahnsinnig gestunken, sagen die Anwohner.
Ein vergrabener Hund

Und dann berichtet der Journalist Wisnewski:
Tatsächlich fand ein Spaziergänger drei Tage nach der Bergung der Toten am 3. Juli 2010 an der in den Medien angegebenen Stelle eine grüne Plastikplane mit Verwesungsgeruch, in der gut ein Mensch gelegen haben könnte, sowie einen mit Klebeband verschnürten Hundekadaver.
Es handelt sich um jene Stelle im Wald, die man in Verlängerung des Schauflerpfades auf einem Waldweg nach etwa 100 Metern an einer Kreuzung mit einem quer verlaufenden Waldweg findet. Der Informant informierte die Polizei, die wiederum die Kriminalpolizei informierte. Das weitere wird also, so wird man vermuten dürfen, mit Wissen, Zustimmung oder gar auf Veranlassung der Kriminalpolizei hin geschehen sein. Es fragt sich nur: Warum?

Mit frischen Baumstämmen abgedeckt - auf Wunsch der Kriminalpolizei?

Wisnewski weiter:
Außerdem geschah noch etwas Merkwürdiges: »Als ich am nächsten Tag dort vorbeischaute, war die Stelle mit frischen Baumstämmen abgedeckt«, schrieb mir mein Informant. Daneben seien noch Reifenspuren eines schweren Waldfahrzeuges zu sehen gewesen.
Wisnewski schreibt dann in seinem Teil 4:
Der Holzstapel ist kein Zufall, sondern eine Anomalie und wurde ganz bewußt an dieser Stelle platziert. In der Nähe des jetzigen Holzstapels lag nur ein umgelegter Baum, von dem die kurzen, aber sehr schweren Stücke abgesägt wurden.
Auch diese Angabe kann bestätigt werden. Es handelt sich allerdings nicht um einen von Menschen "umgelegten" Baum, sondern um einen entwurzelten und im Sturm umgeworfenen Baum (s. Abb. 3), wie es deren hier viele im Wald gibt und wie sie meistens offenbar mit Absicht vom Förster auch so liegen gelassen werden.

Abb. 3: Der schon seit längerem entwurzelte Baum, von dessen oberem Ende kürzlich
große Holzstücke abgesägt wurden (Blick Richtung Wegekreuzung von Abb. 2)

Der Wald sieht übrigens auch sonst erfreulicherweise wenig "aufgeräumt" und "ausgeräumt" aus, was ihn zusammen mit den hohen Dünen, die ihn untypischerweise durchziehen, sehr abwechslungsreich und sehenswert macht. Diese Besonderheit nutzen übrigens auch die Berliner Verkehrsbetriebe, um für den Wanderweg "Von Heiligensee durch den Forst nach Tegel" zu werben. Dafür haben sie sogar einen schönen Flyer ins Netz gestellt (BVG). Weiter Wisnewski:
Dafür wurde offenbar extra ein schweres Waldfahrzeug heran transportiert, dessen Spuren mein Informant gesehen hat. Dieses Fahrzeug wurde benötigt, weil die schweren Stämme sonst nur von mehreren Männern zu bewegen gewesen wären. Möglicherweise konnte das Fahrzeug auch gleich sägen.
Die Spuren eines schweren Waldfahrzeuges meint man auch heute noch zu erkennen, wobei man aber Zweifel zurückbehält: Die Zufahrt eines solchen Fahrzeuges über die vier Waldwege in der Nähe, ist heute nirgends (mehr?) zu erkennen, nur direkt unterhalb des Stapels sind deutliche Abdrücke zu sehen. (Auf den gemachten Fotos zu undeutlich zu erkennen.) Aber auch die Sägespäne sieht man heute noch in regelmäßigen Abständen neben dem früheren Fundort des Baumes liegen.

Hier ist gegraben worden - warum?

Am heutigen Tag lagen die abgesägten Baumstücke auch nicht mehr übereinander gestapelt, sondern waren auseinandergeworfen worden. Dadurch ist auf jeden Fall erkennbar, daß im Boden ein rechteckige Vertiefung ausgehoben worden sein muß (Abb. 4).

Abb. 4: Rechteckige Eintiefung in den Waldboden neben/unter den abgesägten Stämmen
(im Foto v.a. links unten)

Abb. 5: Wegekreuz mit dem entwurzelten Baum (links hinten) und den abgesägten Baumstücken noch
weiter rechts hinten (rechts oben von der Bildmitte)

Abb. 6: Links der entwurzelte Baum mit Sägefläche, davor die Arbeitsspuren (Sägespäne,
Vertiefungen/Wagenspuren im Waldboden), rechts hinten die abgesägten Baumstämme


Daß diese Baumstämme ausgerechnet vom Weg weggeschafft wurden, anstatt sie am Weg für den Abtransport aufzustapeln, ist schon hochgradig merkwürdig. Die Kriminalpolizei wird die Gründe dafür ja kennen ... - ?

Ein Blasenkatheter

Und ob man es für gewöhnlich oder für ungewöhnlich halten soll, daß man unweit dieser abgesägten Baumstämme links am Weg Richtung Schauflerpfad (20 Schritte vom Wegkreuz entfernt) die alte, geöffnete Hülle eines Blasenkatheters der Firma LoFric im Laub findet (s. Abb. 7) ("Astra Lofric H 20 Nelaton 10")*), stehe dahin. Eigentlich möchte man zunächst meinen, daß Leute, die derartige Dinge brauchen, diese nicht im Wald verlieren oder liegen lassen. (Erst Internetrecherche machte einem klar, daß es sich bis diesem Teil offenbar um die Hülle eines "Blasenkatheters" handelt.) Die durch Abriß geöffnete Spitze der Plastikhülle (im Foto unten) war durch die Aufhänge-(?)-Lasche (im Foto oben, im Foto nach oben abgenickt) gezogen worden. (Mehr dazu siehe: Nachtrag. *))

Abb. 7: Blasenkatheter der Firma LoFric im Laub neben dem Waldweg,
20 Schritte vom Wegekreuz der Abb. 2 Richtung Schauflerpfad

Oder hat die Kriminalpolizei diese Plastikhülle hier verloren? - Man kann die laienhaften, kriminologischen Beobachtungen dieses Beitrages für lächerlich halten. Die Berliner Behörden, insbesondere die Justizministerin müssen schlicht so umfassend Auskunft geben, wie es Gerhard Wisnewski verlangt. Dann macht man sich auch nicht als einfacher Bürger mit solchen Beiträgen wie diesen hier ... "lächerlich".

Abb. 8: Blick vom Wegkreuz Richtung Westen (rechts außerhalb des Fotos der gestürzte Baum und die abgesägten Baumteile): War dies der letzte Weg, den Kirsten Heisig ging?

_________

*) Nachtrag, bzw. Korrektur (nach weiteren Netzrecherchen,
9.8.2010): Der Name der Hersteller-Firma lautet "LoFric". Zugehörig zu der schwedischen Firma AstraTech. (Nélaton ist der Name eines berühmten französischen Chirurgen, nach dem diese Katheter-Art benannt ist.) Auf der Netzseite dieser Firma "LoFric" findet man eine Bedienungsanleitung (pdf.) für das "LoFric Hydrokit". Aus dieser geht hervor, daß das vorgefundene Teil nicht der Katheter selbst ist, sondern die Außenhülle, die den einzelnen Katheter selbst steril halten soll, und die als etwaiger Sammelbehälter für die abgelassene Blasenflüssigkeit dienen kann. Falls sie gefüllt wird, soll sie mit einem Knoten geschlossen werden (siehe im pdf. die Abb. 8). Ein solcher Knoten war bei der im Wald vorgefundenen Hülle nicht sichtbar.

Falls nun ein Zusammenhang mit dem Fall Kirsten Heisig und/oder mit ihrem - etwaig hier vergrabenen Hund - bestehen sollte: Natürlich spielt Urinentnahme in der Rechtsmedizin eine große Rolle. Aber ungewöhnlich wäre es wohl, wenn dieselbe gleich am Fundort einer Leiche, anstatt im gerichtsmedizinischen Institut durchgeführt würde. (- ?)

Deshalb wäre - nochmals betont: falls ein Zusammenhang bestünde - als ein schlimmstmögliches Szenario eher noch denkbar, daß der etwaig hier wieder ausgegrabenen Leiche von Kirsten Heisig, bevor sie, um einen Selbstmord vorzutäuschen, in einen Baum gehängt wurde, zuvor Urin entnommen worden sein könnte, um nachzuprüfen, ob eine etwaig eingegebene tödliche Substanz noch in ihrem Körper nachweisbar wäre.

Jedenfalls: Wer so wenig Auskunft gibt wie bis dato die Berliner Justizministerin, muß es sich gefallen lassen, daß sich die Leute derartige Gedanken machen wie im vorigen Absatz erläutert.

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