Montag, 18. August 2014

"Die Gleichförmigkeit der deutschen Presse auflockern"

Wie der Schriftsteller Ehm Welk sich öffentlich gegen den Wahrheitsminister Joseph Goebbels stellte

Es könnte ja sein, lieber Leser, dass beim Titel dieses Aufsatzes der Eindruck entsteht, es könnte sich um die deutsche Presse der Gegenwart handeln. - Kleiner Scherz am Rande: Nein! Die zitierten Worte des Titels stammen von einem Mann Joseph Goebbels. Und dieser äußerte sie im April 1934! - Und sie wurden zum Anlass dafür, dass ein deutscher Schriftsteller sich über sich selbst so ärgerte, dass er Joseph Goebbels einen öffentlichen Brief schrieb.

Aber alles der Reihe nach. Im folgenden soll es um diesen Joseph Goebbels gehen und um einen deutschen Schriftsteller namens Ehm Welk (1884-1966), der aus Anlass dieser Worte wider den Stachel löckte und, ach naja, halt: im Konzentrationslager landete. Joseph Goebbels hatte nämlich im April 1934 die wahrhaft glorreiche Idee, dass er die "Gleichförmigkeit der deutschen Presse" auflockern wollte. Jene Gleichförmigkeit, die durch Entlassungen, Morde, Drohungen, Einweisungen in Konzentrationslager, Drängen zur inneren und äußeren Emigration und zahlreiche sonstige Einschüchterungsmaßnahmen herbeigeführt worden war von ihm selbst, bzw. die die deutsche Presse eingenommen hatte in vorauseilendem Gehorsam diesen Drohungen und Einschüchterungen gegenüber. Nachdem ihre katholischen und liberalen politischen Führer für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten und Logen- und Kirchenvorgesetzte hinter den Kulissen ihre Stichworte ausgegeben hatten darüber, ähm, nun halt: wie man als Fett immer oben schwimmt ....

Abb. 1: Ehm Welk nach einer Karikatur seines Freundes Willi Steinert (wohl aus dem Buch "Mustafo")  (aus 1, S. 367)
Selbst einem Joseph Goebbels war sie nun zu "gleichförmig" geworden durch so viel vorauseilenden Gehorsam. Und das sollte ja dann doch etwas heißen. Der Pressediktator und peitschenschwingende Zirkusdirektor im Reichspropagandaministerium sah kaum noch "Nuancen" in den einzelnen Programmpunkten seiner Show. Und gar so krass sollte die geistige Uniformität und Sklaverei in Deutschland nun doch nicht aussehen. Die Äußerung dieser glorreichen Idee durch Herrn Goebbels brachte aber nun für den deutschen Journalisten und Schriftsteller Ehm Welk das Fass zum Überlaufen. Er hatte - als Begründer und Leiter der ersten deutschen Sonntagszeitung, der bei Ullstein erschienenen "Grünen Post" - seit der Machtübernahme unter innerem Aufbäumen versucht, sich "gleichzuschalten", "gleichförmig" zu werden, geistig Uniform anzuziehen.

Doch damit war nun Schluss. Insbesondere dass auch die von Goebbels bei seinem Vorhaben erneut so offen zynisch Gedemütigten und Gemaßregelten die glorreiche Idee ihres peitschenschwingenden Zirkusdirektors beklatschten, ließ Ehm Welk speiübel werden. Er verließ die Veranstaltung des Herrn Goebbels mitten in der Rede, setzte sich zu Hause hin und schrieb seinen Leitartikel

"Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!"

Ein Artikel, um dessentwillen er gleich nach Veröffentlichung desselben für eine Woche im Konzentrationslager landete und um dessentwillen er Jahre langes Berufsverbot erhielt.

Ehm Welk zog sich in die "innere Emigration" aufs Land zurück, woher er einstmals gekommen war, und für das er in seiner Sonntagszeitung auch Jahre lang geschrieben hatte. Und er überließ dem Asphaltliteraten und -schreier Joseph Goebbels - gezwungenermaßen - das Feld. Für die deutsche Literatur war das kein Verlust, sondern ein Gewinn. Es scheint das gewissermaßen die richtige Entscheidung des Ehm Welk gewesen zu sein. Denn schon drei Jahre später kam er mit jenem Roman heraus, um dessentwillen er heute überhaupt noch bekannt ist.

Auf dem Höhepunkt der ersten großen deutschen Kirchenaustrittsbewegung des Jahres 1937 trafen seine "Heiden von Kummerow" den Geist der Zeit. Sie sollten noch während des Zweiten Weltkrieges Ehm Welk zum Auflagenmillionär machen. In Feldausgaben an der Front und in der Heimat wurde sein ländlicher Roman zu Hunderttausenden gelesen. Und auch in DDR-Zeiten und bis heute hat er von seiner Popularität nichts verloren.

Der Diktator also hatte seine Untergebenen aufgefordert, sich zu räuspern. Einer hatte es getan - und war im Konzentrationslager gelandet. Er hatte Berufsverbot bekommen, das freilich wieder aufgehoben wurde, als er sich auf unpolitische, aber zeitlose Romane konzentrierte. Ein typisches "Märchen aus modernen Zeiten"?

Und wie ich hier darauf überhaupt komme? Nun, mitunter macht man doch auf Grabbeltischen noch so den einen oder anderen Fund. So fand ich dort die Ehm Welk-Biographie (1) von Konrad Reich (1928-2010), die erstmals 1967 in der DDR erschienen ist. Und es gibt bis heute, wie schnelle Recherche feststellen lässt, keine andere Biographie über Ehm Welk als diese. Was angesichts der Reichhaltigkeit und Vielfältigkeit dieses Lebens doch Erstaunen erweckt. Doch diese eine Biographie hat bis zum Ende der DDR zahllose Auflagen erlebt, weshalb sie auch gegenwärtig günstig zu haben ist.

Der "behördlich gelieferte Spaten" - Ehm Welk und die Gleichschaltung

Die Anschaffung lohnt sich in jedem Fall. (Vielleicht noch mehr die letzte Überarbeitung derselben durch den Autor selbst aus dem Jahr 2008 [2].) Und eines der spannendsten Kapitel darin ist das über den genannten offenen Brief von Ehm Welk an Joseph Goebbels Ende April 1934 "Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!". Welk stammte aus dem Kleinbauerntum in Brandenburg und fühlte sich, wie man seinen Romanen leicht entnehmen kann, der Lage der sozial Benachteiligten allezeit verpflichtet. Er neigte deshalb auch früh - allerdings niemals konsequent - kommunistischen Anschauungen zu. Von diesen findet sich nun gar nichts in seinem öffentlichen Brief an Goebbels vom 29. April 1934. Denn Ehm Welk dachte nicht in Kategorien von Parteidoktrinen. Dazu hatte er viel zu viele Seiten. Seiten, die ihn fast als einen Vorläufer moderner politischer "Querfrontler" erscheinen lassen.


Da nun dieser berühmte Brief von Ehm Welk derzeit nirgendwo im Internet zugänglich ist, soll er hier einmal vollständig zitiert werden. Auch soll die Vor- und Nachgeschichte desselben dokumentiert werden. Joseph Goebbels hatte vor Pressevertretern eine Rede gehalten, die sich auch Ehm Welk anhörte. Goebbels bezeichnete sich in dieser Rede als "ein Freund der schönen Künste und des freien Wortes", und warf der Presse "charakterliche Gleichförmigkeit und Langweiligkeit" vor. So viel Zynismus in so wenigen Sätzen findet sich selten. Goebbels sagte dann aber noch weiter:
Ich kann doch nichts dafür, wenn Zeitungen, die früher gegen die nationalsozialistische Bewegung Sturm gelaufen sind, heute päpstlicher sein wollen als der Papst. Wir zwingen sie doch nicht zur Charakterlosigkeit. Wir verlangen doch nicht, dass sie hurra schreien, wenn ihnen nicht zum Hurraschreien zumute ist. Wir verlangen nur, dass sie nichts gegen den Staat unternehmen. Es wäre uns durchaus recht, wenn sie für das jeweils wechselnde Publikum eine jeweils wechselnde Nuance hätten.
"Eine jeweils wechselnde Nuance". Kommentar überflüssig. Parallelen zu heute sind natürlich leicht erkennbar. Wenn etwa der "nuancierte" "Cicero" als "konservative Zeitschrift bezeichnet wird. Aber das nur am Rande. Goebbels sagte weiter:
Der Vielgestaltigkeit der öffentlichen Meinungsbildung ist durchaus kein Hindernis entgegengesetzt. Es liegt nur an der Phantasie und Begabung des einzelnen Schriftleiters, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Wenn er es nicht kann, nicht will, und wenn er sich in den öden Lobeshymnen wohler und sicherer fühlt, als in einer aufrichtigen und charaktervollen Haltung, so ist das seine Sache.
Statt nun dazu zu klatschen wie all seine Kollegen, verließ Ehm Welk mitten in der Rede den Saal. Und schrieb:
"Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!"
Sie haben, Herr Reichsminister Dr. Goebbels, sich kürzlich in einer großen Rede vor Presseleuten über die Presse beklagt: über ihre Gleichförmigkeit, ihre Langweiligkeit, über den Verzicht auf Kritik, über den Mangel an Mut. Und sie haben an jenem Abend etwas erlebt, das dem Verfasser des "Mucker-Briefes" sicher ein Schmunzeln entlockt hat: Sie erlebten, dass die von Ihnen nicht gerade Gestreichelten durch lauten Beifall die Berechtigung Ihrer Unzufriedenheit anerkannten. Glauben Sie aber bitte deshalb nicht, dass der Fall Presse nun wirklich, wie Sie annehmen, "für diese Generation hoffnungslos ist"!
Nun, auf Zynismus antwortet Ehm Welk hier mit Zynismus. Es muss darauf hingewiesen werden, denn sonst übersieht man es womöglich. Ehm Welk sagt ja der Sache nach: weil die Presse Goebbels Beifall geklatscht hat, könnte ihr Fall "für diese Generation hoffnungslos" sein. Und solchen Zynismus mochte der Herr Goebbels aber nun gar nicht. Ehm Welk weiter:
Er ist nicht hoffnungslos, weil uns die alte Erkenntnis vom Menschen sagt, dass der Mensch einmal jede neue Erscheinung gern vervielfältigt, ohne um die Gleichheit der Kräfte besorgt zu sein, welche die Erscheinung bedingen und bewegen: dass er zum andern aber auch bemüht ist, allen aus der gleichen Kraft wachsenden Erscheinungen das gleiche Gesicht zu geben. Für diesen Zweck vergewaltigt er eine Zeitlang sogar gern das Leben und die Natur. Bis die bunte Vielfältigkeit des Lebens sich als mächtiger erweist und auf Tausenden und Millionen von verschiedenen Gesichtern den einen mächtigen Lebenswillen und die eine geistige Kraft eines erwachenden Volkes offenbart. Und so darf ich von meinem Redaktionstisch aus die Gleichförmigkeit der Presse auch so sehen: Wir gaben der Grünen Post als der ersten großen deutschen Sonntagszeitung einen bestimmten Inhalt und eine bestimmte Gestalt. Einen Inhalt, der sich im Kampf für den großdeutschen Gedanken, in Heimat- und Tierliebe, in der Pflege des deutschen Brauchtums und deutscher Sitte kundtat. Wenn man heute in so vielen deutschen Ländern die von uns gefundene Form des Blattes bis in zufällige Einzelheiten kopiert und den Inhalt zu kopieren versucht und so eine traurige Gleichförmigkeit auch noch der Sonntagszeitungen in Deutschland schafft - Herr Reichsminister, sollen nun wir wieder eine neue Form suchen?
Das ist bös. Es waren nämlich von Mitgliedern der NSDAP Sonntagszeitungen gegründet worden, die in Konkurrenz zu der von Ehm Welk gestalteten standen, die auch die Auflagenzahl seiner Zeitung schnell senkten, weil Partei-nähere Presseerzeugnisse nun lieber gekauft wurden. Die aber die von ihm begründete Sonntagszeitung nur kopierten. Also die gleiche Erscheinung wie mit den Autobahnen und so vielem anderen mehr: das Dritte Reich schmückte sich mit vielen Federn, die gar nicht die seinen waren. Ehm Welk weiter:
Ein Zweites: Wenn man sieben Jahre lang für die Beseitigung der Kluft zwischen Stadt und Land gekämpft hat;  rücksichtslos war selbst gegen Kleinigkeiten, wie gegen das meist gedankenlos gebrauchte Wort "Bäuerlein"; wenn man die heimatliche Ackererde an den Schuhen noch über den Asphalt der Großstadt trug - Herr Reichsminister, dann empfand man es schon vor Ihrer Feststellung als öde Gleichförmigkeit, wenn nun jedes Blatt in jeder Nummer von "Blut und Scholle" redet und so tut, als wäre der stadtgeborene Mensch zweitrangig. Menschen, von deren Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits nie einer in der Stadt zur Welt kam, dürfen die literarischen Versuche, aus Bauern besondere Tugendhelden und Engel zu machen, schon belächeln; sie dürfen bei der Flut dieser bombastischen Schollen-Literatur an den Vergleich denken, den sie früher bei der Asphalt-Literatur mit einem landwirtschaftlichen Produkt zogen.
Auf welches landwirtschaftliche Produkt hier angespielt ist, dürfte klar sein. Nennen wir es: Mist. Und wir werden noch sehen, wie sehr sich die Nationalsozialisten von diesen Worten getroffen fühlten. Ehm Welk weiter: 
Tatsächlich kam mal ein Mann und offerierte: "Ich kann Ihnen alles liefern, was heute geht, alles so mit 'tum' und 'brauch'!" Können wir das Übel abstoppen? Es muss sich von selber totlaufen. Unsereins freilich ist gezwungen, in seinem Blatte liebgewordene Sachen abbremsen zu müssen. Zur Vermeidung der Gleichförmigkeit.
Ebenso ist es nun plötzlich mit dem Auslandsdeutschtum. Ihr Ministerium, Herr Reichsminister, weiß, wie sehr dieses Blatt sieben Jahre lang für Hunderttausende im Ausland die Brücke zur Heimat war. Aus welchem Grunde es ja auch in vielen Ländern verboten wurde. Schon damals, vor Jahren. Wenn nun heute für jedes Blatt das Auslandsdeutschtum Trumpf geworden ist, so wirkt das wohl nur dadurch eintönig, dass nicht der Atem der Heimat mittelbar durch Veröffentlichung deutscher Volks- und Landschaftsschilderungen übermittelt wird, sondern dass der propagandistische Wille oft zu plump und zu uniform sichtbar gemacht wird.
Sie sind, Herr Reichsminister, ein Freund des Witzes und der Ironie. Wer so arbeitet, wird nicht leicht gleichförmig. Unsere Grenzen sind da aber enger gezogen. Früher, da konnten wir z. B. diese geistige Übung gelegentlich auch an behördlichen Maßnahmen und behördlichen Personen erproben - Herr Reichsminister, bei aller Aufforderung von Ihnen: ich weiß nicht so recht - -
Vielleicht kenne ich Sie zu wenig. Aber das ist nicht meine Schuld. Sie gehen zwar immer wieder unters Volk, aber mit uns, den Angehörigen der Nichtparteipresse, kommen Sie nicht so in Berührung, denn mir scheint doch, wir sind alle ohne Unterschied für Sie die "alte Presse". Da ich aber auch nicht zu Ihnen kommen kann, denn Sie wohnen in einem großen Haus mit tausend Zimmern, da sitzen tausend Männer drin, und tausend Vorzimmer sind da, da sitzen wahrscheinlich schon zehntausen Menschen drin, schrieb ich das hier auf.
Es soll Ihnen eigentlich nur ganz respektvoll sagen, dass auch diesseits des Tores der Boden unseres Vaterlandes mit der gleichen innigen Liebe zum Volk betreut wird wie jenseits des Tores. Und dass es nicht immer Mangel an Mut ist, wenn man den eigenen Spaten weglegt und mit dem behördlich gelieferten gräbt. Das Entscheidende ist doch: das Saatgut!
Ehm Welk war ein völlig freier Mann, als er diesen Brief schrieb. Innerlich war er völlig frei. Man könnte ihm zum Vorwuf machen, dass er in den Mittelpunkt der Gedanken seines Briefes nicht irgendeine weltanschauliche Doktrin stellt, sondern seine Sonntagszeitung quasi als Angelpunkt der Welt ansieht. Aber das ist sein gutes Recht. Wer wollte ihm das abstreiten?

Abb. 2: Eine Titelseite von "Die Grünen Post" (als Beispiel, November 1932)
Und es musste natürlich kräftig "Doppeldenken" angeschaltet werden, wenn Ehm Welk selbst, ebenso Konrad Reich und so zahlreiche ihrer Leser in der DDR diese Worte aus dem Jahr 1934 irgendwann einmal erneut lasen. Hätte da nicht auch leicht ein Satz in den Sinn kommen können wie: "Herr DDR-Minister für Kultur, bei aller Aufforderung von Ihnen: ich weiß nicht so recht" - ? Dieser Satz schreit einem ja auf fast jeder zweiten Seite der Ehm Welk-Biographie von Konrad Reich entgegen. Wie mühsam es Konrad Reich oft hat, einzelne Stationen des Leben und Werkes von Ehm Welk in das ausreichend ausgewogene Licht der Parteidoktrin zu bringen.

Nun, damals, 1934 jedenfalls hatte Welk Joseph Goebbels schlicht "beim Wort genommen" und damit ganz schlicht aufgezeigt, dass Goebbels keineswegs so deutlich beim Wort hat genommen werden wollen. Was ja im Grunde schon vorher allen klar war hinsichtlich dieser Asphaltschnauze, auch Ehm Welk selbst. Aber es anhand der Reaktion von Goebbels noch einmal so drastisch ins Bild zu rücken, war doch sicher nicht ohne allen Sinn. Bravo, Ehm Welk! Man wünschte sich mehr von solchen Ehm Welk's heute, will heißen: in den Ullstein-Verlagen von heute ...


"Die Gleichförmigkeit in der deutschen Presse auflockern ..."

Im "Berliner Tagblatt" wird bereits 36 Stunden nach Veröffentlichung des Offenen Briefes von Ehm Welk festgehalten, was sich bis heute nicht ohne innere Komik liest (zit. n. 1, S. 215):
Die im Verlag Ullstein erscheinende Zeitung "Die Grüne Post" ist auf die Dauer von drei Monaten wegen des Artikels "Herr Reichsminister, ein Wort, bitte!" von Thomas Trimm (...) verboten worden. Hierzu wird von zuständiger Stelle erklärt, dass dieses Verbot notwendig war, um die Autorität der nationalsozialistischen Regierung zu wahren. (...) Der Artikel stellt eine einzige verantwortungslose Verunglimpfung der Absicht des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels dar, die Gleichförmigkeit in der deutschen Presse aufzulockern.
Andere Schriftleiter hätten in Artikeln zum Thema
ein aufrichtiges Ringen um die Probleme erkennen lassen.
Ein "aufrichtiges Ringen" um das Problem der "Charakterlosigkeit". Es ist alles so ein Witz und Hohn. Ehm Welk lässt diese Bande durch sein schlichtes Handeln so nackt da stehen. Der Rest war dann typisches Niedermachen mit billigen Argumenten "ad personam", immer wieder gerne und erfolgreich angewandt, auch heute:
Der Verfasser des Artikels ist zu feige, mit seinem wahren Namen an die Öffentlichkeit zu treten.
Das dürfte nicht stimmen, schließlich konnte man vom Inhalt des Artikels leicht darauf schließen, dass sein Autor der Schriftleiter der Zeitung selbst war, der als solcher auch im Impressum angegeben war. Und weiter:
Er gebraucht ein Pseudonym, das schon im Gleichklang der Anfangsbuchstaben an die üblen Zeiten der Peter Panter, Theobald Tiger usw. erinnert. (...) Durch gekünstelte Wortbildungen versucht er in diesem Artikel, nationalsozialistische Begriffe, die heute jedem deutschen Bauern heilig sind, zu verdrehen und lächerlich zu machen.
Wieder verhöhnen sich hier die Nationalsozialisten selbst. Dass auch "heilige Begriffe" zur Phrase verkommen können, scheint der Asphaltschnauze Goebbels und seinen Anhängern noch nicht einmal flüchtig bewusst geworden zu sein. Ja, dass schon in dieser Entgegnung selbst alles Phrase ist, nicht. Weiter:
Darüber hinaus wagt es dieser Mann, ein Ministerium, das stolz darauf ist, in besonderem Maße volkstümlich zu sein ...
- ja, volkstümlich sein, das wollen sie alle ... -
in der Öffentlichkeit dadurch herabzusetzen, dass er es so darstellt, als ob eine direkte Verbindung zwischen Volk und Ministerium nicht möglich sei.
"Sie feierten Lenin als den folgerichtigen Überwinder Tolstois"

Aber nein, nicht genug, am 15. Mai 1934 glaubte auch das NS-Parteiblatt "Die Brennessel" nachtreten zu müssen und seinem angegriffenen Minister beistehen zu müssen, indem es sich die Vergangenheit von Ehm Welk - sachlich scheinbar durchgehend richtig - vorknöpfte (zit. n. 1, S. 218):
Lassen Sie uns zurückdenken bis in das Jahr 1927, da Sie noch als zukunftsträchtiger Poet Moskaus am Theaterhimmel der Berliner Volksbühne strahlten. Dort starteten Sie Ihr Drama "Gewitter über Gottland", suchten das Land der Sowjets mit der Seele und mussten es doch erleben, dass Erwin Piscator Ihrem gesinnungsträchtigen Bilderbogen einige grandiose Einfälle aus seiner Klamaukkiste zusetzte. Entsinnen Sie sich? Es wurde ein Zahlabend-Gaudi. Noch sehe ich den kleinen Ostjuden Granach in der Maske Lenins, tragisch umwittert, an die Rampe marschieren. Es war bitter. Ihnen gefiel deshalb auch Ihr eigenes Stück nicht.
Über einen damaligen offenen Brief Ehm Welks an den biederen SPD-Vorstand der Volksbühne heißt es weiter:
Wenn Sie diesen offenen Brief aus dem Jahre 1927 aber noch einmal durchlesen, so werden Sie finden, dass Sie es trotz aller künstlerischen Einwände an einem Bekenntnis zur kommunistischen Weltanschauung nicht fehlen ließen. In dieser Hinsicht wollten Sie keinen Irrtum aufkommen lassen. Und so haben Sie es gehalten, bis Sie im Jahre 1929 Ihr zweites Stück in der "Volksbühne" zur Debatte stellten. Sie nannten es "Kreuzabnahme" und feierten Lenin als den folgerichtigen Überwinder Tolstois. Dann wurde es still um Sie.
Und dann wird Ehm Welk zum Vorwurf gemacht, dass er zwar "bereits 1928 für Blut und Scholle geschrieben" habe, aber dies - leider, leider! - nicht "im Zeichen des Hakenkreuzes" getan hätte. So kleingeistig kann Parteidoktrin machen:
Wer einst im Lager der Katze und Cohne Ullsteinsche Agrarpolitik betrieben hat, der darf nicht aufstehen und weltanschauliche Grundsätze des Nationalsozialismus als längst bekannte, stets vertriebene Artikel aus eigenen Lagerbeständen erklären. Das war nicht Mut, sondern Unverfrorenheit.
Man spürt noch durch diese Worte durch, wie punktgenau Ehm Welk die Heuchelei der Nazis getroffen hatte. Die "Brennessel" macht Ehm Welk im Jahr 1934 eine Vergangenheit zum Vorwurf, die vielen anderen Menschen zur gleichen Zeit nicht zum Vorwurf gemacht worden ist. Schließlich wurden damals ganze Rotfrontbanner-Züge in die SA eingegliedert und ähnliche Dinge mehr. Nun, auch nach dieser Angelegenheit wurde es still um Ehm Welk. - - - Und sein eigentliches Schaffen begann.

Weiteres über Ehm Welk vielleicht noch in einem zweiten Blogartikel. Die beiden in diesen Blogbeitrag eingebundenen Videos sollen übrigens Ehm Welk im Originalton zu Gehör bringen. In ihnen spricht er in den ersten eineinhalb Minuten jeweils selbst einige Worte bzw. liest sie vor. 

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  1. Reich, Konrad: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Hinstorff Verlag, Rostock 1976, 5. Aufl. 1983 (OA. 1967)
  2. Reich, Konrad: Ehm Welk. Der Heide von Kummerow. Die Zeit. Das Leben. Hinstorff Verlag, Rostock 2008

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