Freitag, 23. September 2011

Der Papst auf Seiten von Steven Pinker?

Der Mensch ist kein unbeschriebenes, weißes Blatt - - - sagt der Papst

Es mag nur wenigen aufgefallen sein: Aber in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag (Domradio: pdf.) erkennt der Papst die Bedeutung unseres heutigen ("positivistischen") Naturverständnisses voll und ganz an. Vielleicht noch niemals so ausdrücklich und an so prominenter Stelle wie hier. Er sieht in ihm aber ein "Zimmer mit geschlossenen Fenstern"!!! :-) Also zum Ersticken!!! Die ökologische Bewegung, in der die katholische Lobby inzwischen stark an Boden gewonnen hat (- deshalb auch das durch und durch berechtigte Gelächter der Abgeordneten an dieser Stelle seiner heuchlerischen Rede), hätte wenigstens die Sehnsucht geäußert, diese Fenster zu öffnen. (- Mehr nicht! Womit er wiederum recht hat! Und daß in ihr nicht mehr geschehen ist, daran hat er, der die Deutschen laut "Spiegel" "vom Glauben abfallen läßt", Jahrzehnte lang kräftig mitgearbeitet!) Aber der "Sünder" Papst Ratzinger kann ja jederzeit umkehren. Und deshalb sagt er jetzt:
Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.
Das sind gute und schöne Worte. Ist das endlich der lange erhoffte Beitrag des Papstes zur Sarrazin-Debatte? ;-) Ruft er endlich seine christ-katholischen Schafe unter den Abgeordneten in die Schranken, was ihr Handeln gegenüber Thilo Sarrazin betrifft? Und erkennt er an, daß der aus der Kirche ausgetretene Thilo Sarrazin etwas Wesentliches zur Natur des Menschen gesagt hat? Wir wollen es hoffen. An Leute wie Steven Pinker wird er bei dem eben gebrachten Zitat auf jeden Fall gedacht haben.

"Positivistisches Naturverständnis" und "Ökologie des Menschen"

Da bleibt natürlich auch an diesen Sätzen noch viel auszulegen. Es wird aber erkennbar, daß dem Papst das Kernanliegen dieses Blogs - die Naturalisierung des Menschenbildes durch die Evolutionäre Anthropologie - ebenfalls ein Kernanliegen ist. Er will dieses Thema breiter diskutiert wissen - so wie wir. Und der Papst stellt dann sogar - so wie wir schon lange - den bislang weithin so streng postulierten Dualismus zwischen Sein und Sollen infrage. Er sagt:
Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu. Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?
Bei dem letzten Satz kann man eigentlich mitgehen, solange hier keine übernatürlichen Kräfte vorausgesetzt werden wie in den Sätzen zuvor, wo von einem Schöpfergott die Rede ist. Es entsprechen solche Anliegen  schon den Anliegen der Predigten des Wiener Kardinals Christoph Schönborn vor einigen Jahren über Evolution und Schöpfung. Aber wie Schönborn schlingert er ständig hin und her zwischen naturalistischem (postivistischem) Menschenbild und Supernaturalismus und dem typisch katholischen Denken.

Papst zitiert "Vernichtung der Feinde" aus der Bibel (im Bundestag!) und das Verbrennen von abgedorrten Rebensträuchern (im Olympiastadion) - alles außerordentlich zeitgemäß und seinem Denken entsprechend!

Etwa wenn er die Wurzeln der abendländischen Kultur nur in Jerusalem, Athen und Rom sieht. Das ist lächerlich und völlig überholt. Schließlich wissen wir inzwischen - zum Beispiel - von einer mehrtausendjährigen bronzezeitliche Religionsgeschichte in Europa zu einer Zeit, als es jene geistigen Phänomene, die der Papst mit Rom, Jerusalem und Athen anspricht, noch gar nicht gab und in der die abendländische Kultur ebenfalls wurzelt, also sich so wie mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft auch - etwa - mit den Erkenntnissen der Archäologie und in Anknüpfung an diese weiterentwickelt.

Klobürstenschwingender Vatikantreuer gestern am Potsdamer Platz bei der Anti-Papst-Demonstration
Wir wollen den Papst also ab diesem Punkt wieder seinem lächerlichen Schicksal überlassen und jener christ-katholischen Lobby, die seinen Worten zumeist bloß noch aus Gründen eigener politischer Machterhaltung, ethischer Gedankenlosigkeit, Hilflosigkeit und daraus geborenem ethischen Versagen zuhört. Also um Phänomenen willen, über die der Papst, selbst ein "Sünder" (wie er mit seinem ekelhaften Lächeln im Olympiastadion sagt), natürlich gern hinweg sieht. Und dabei dann auf die zu verbrennenden, nicht fruchtbaren Strauchteile am Rebenstrauches des Herren verweist, also auf uns Ungläubige. Nicht die Sünde ist das Entscheidende, sondern der Glaube. Geh, schleich dich, Papst.

Ist Uta Ranke-Heinemann noch Christin?

Gestern auf dem Potsdamer Platz wies übrigens die frühere Katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann darauf hin, daß auch das Neue Testament homosexuellen-feindlich ist im Gegensatz zu dem von ihr als vorbildlich hervorgehobenen Sokrates. Das habe man unter deutschen Theologen nur noch nicht verstanden, da sämtliche Bibelübersetzungen auch hier wieder einmal völlig falsch seien. - Man fragt sich: Sagt sie das noch als Christin?

Kommentare:

Ingo Bading hat gesagt…

Bei Michael Blume

http://www.scilogs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/vatikan/2011-09-22/die-rede-von-papst-benedikt-xvi.-im-deutschen-bundestag

haben wir die hier behandelte Thematik noch ein bischen ausgelotet. Und dabei wird mir erst bewußt, wie wenig die Evolutionäre Religionswissenschaft eines Michael Blume bislang einer solchen katholischen Kirchenbewegung wie "Wir sind Kirche" Argumente aus Sicht der Evolutionären Anthropologie gegeben hat. Viel mehr hat Michael bislang mit der evolutionsbiologischen Erklärung des Pflichtzölibats vor allem dem Papst Argumente an die Hand gegeben.

Wo er doch als Protestant ganz andere Argumentationsstränge favorisieren müßte. Man gewinnt damit mehr als bisher den Eindruck, daß der Michael auf vielen Gebieten wohl doch sehr stark mit dem Papst "fühlt" und viel weniger mit dem Protestantismus Luthers.

Auch diesen Umstand kann man für bemerkenswert halten. Hat denn Michael jemals mit Stolz aus evolutionsbiologischer Sicht die "protestantische Ethik" im Sinne von Max Weber verteidigt, wo doch für ihn als Protestanten nichts naheliegender sein könnte?

Ingo Bading hat gesagt…

Unglaublich, die außerordentlich "differenzierten" Stellungnahmen des katholischen Grünen, Herrn Kretschmann, die sich in zwei Überschriften wiederspiegeln:

"Unfassbar" – Kretschmann kritisiert Ströbeles Boykott

und:

Kretschmann nimmt Kirchenkritiker in Schutz

Unglaublich, was sich dieser Katholik herausnimmt.

Und was er mit dem Papst bespricht:

"Unseren neuen Tübinger Lehrstuhl, wo Imame und islamische Religionslehrer ausgebildet werden, hat er sehr positiv gewürdigt, weil auch die Hoffnung besteht, dass sich eine Art europäischer Islam entwickeln kann."

Es ist alles derart schrill, daß es nur so kracht.

Der Kretschmann, ein Grüner? Nein, ein zweiter Joschka Fischer, sonst nichts. Ein Karrierist und von (christ-katholischer) Lobbykräften Getragener wie kein zweiter.

Es drängt sich der dringende Verdacht auf, daß man es bei diesem Kretschmann mit einem der bösartigsten Politiker zu tun hat, die es heute in Deutschland gibt. Was nimmt er sich raus! Reiner Wahnsinn.

http://de.nachrichten.yahoo.com/kretschmann-vermisst-papst-aussage-zu-%C3%B6kumene-044904326.html


http://de.nachrichten.yahoo.com/kretschmann-nimmt-kirchenkritiker-schutz-035924793.html

Martin hat gesagt…

Deutsche Neuauflage von "Wie das Denken im Kopf entsteht (Steven Pinker)" zu erschwinglichem Preis im Fischerverlag. Auch heute noch aktuell, oder bereits in vielen Punkten überholt? Ist Ihnen das Buch (bzw. 'How the Mind works') bekannt? Was halten Sie davon?

Ingo Bading hat gesagt…

Hm, das ist lange her, daß ich da mal einen Blick hineingeworfen habe. Von den dicken Büchern von Steven Pinker habe ich noch nie etwas profitiert. Mehr von kürzeren Aufsätzen und Vorträgen, etwa über die Evolution des aschkenasischen Judentums.

Steven Pinker kann man halt gut zitieren, weil er besonders populär die Sichtweise des Menschen als ein "unbeschriebenes Blatt" zurückgewiesen hat.

Allerdings sein neuestes Buch über die Evolution des Gewaltverhaltens des Menschen ist sehr, sehr spannend. Den Grundgedanken dieses Buches hat er schon vor Jahren auf "The Edge" bekannt gemacht (auf meinem Blogs behandelt).

Jetzt endlich ist das Buch da und auch schon an diversen Stellen recht positiv rezensiert (etwa vom Humanistischen Presseverband).

Martin hat gesagt…

Danke für die Antwort! Dann werde ich mal eher einen Blick in das neueste Buch von Pinker werfen.

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