Sonntag, 3. Oktober 2010

"Sie leiten den großen Paradigmenwechsel ein, Herr Sarrazin," sagt Frank Schirrmacher

Schirrmacher interviewt Sarrazin

Als Einleitung drei aktuell wichtige Bücher ...


... alle in der Signalfarbe rot.

- - - Frank Schirrmacher hat vorgestern in der FAZ ein deutlich weiterführendes Gespräch mit Thilo Sarrazin veröffentlicht. Darin sagt Schirrmacher:
Jetzt, wo die Leute das Buch überhaupt erst lesen, beginnt eine neue Phase der Rezeption. Viele, das merke ich täglich, verstehen meine Einwände nicht. (...)
Diese Einwände von Schirrmacher verstand dieser Blog auch nicht (siehe frühere Beiträge). Um so schöner, diese Worte nun auch aus Schirrmachers Mund selbst zu hören! Sehr schön! Aber Schirrmacher weiter zu Sarrazin:
Eine der leider von der Kritik gar nicht beachteten Passagen Ihres Buches findet sich ganz am Anfang. Dort sagen Sie: Sie hätten genau das Gegenteil schreiben können. Sie wissen, wie das geht. Denn Sie haben Jahrzehnte – seit dem Arbeitsminister Herbert Ehrenberg – der politischen Klasse gedient und mussten dafür sorgen, dass Ihre Chefs politisch überleben. Ich finde das fast einen Satz für die Geschichtsbücher.
"Einen Satz für die Geschichtsbücher"

Ein Satz für die Bücher über die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ja. In der Tat. Das findet allerdings dieser Blog auch. Auch ihm ist dieser Satz aufgefallen. Absolut schrecklich, wie Politische Korrektheit Menschen korrumpiert. Absolut schrecklich. Sarrazin selbst hat sich Jahrzehnte lang korrumpiert. Kein Wunder, daß ein korrumpierter Mensch nicht mit einem Schlag, mit einem Buch alle Korruptheit ablegen kann. Aber schon der Versuch selbst ist lobenswert. Und deshalb ist sein Buch ein Buch des Übergangs, nur ein Buch des Übergangs - aber immerhin. Schirrmacher weiter:
Und ich frage mich: Was haben Sie eigentlich die ganze Zeit getan, wenn Sie das wussten?
Na, wie Sarrazin darauf antwortet, kann sich jeder an allen seinen zehn Fingern selbst abzählen: Vielleicht, weil er seinen Job nicht verlieren wollte? Nur mal so ganz blöd gefragt. Wer verliert schon gerne seinen Job? Nicht wahr?

Ja, das ist ein sehr, sehr wichtiges Interview. Auch Frank Schirrmacher bessert sich zunehmend in Bezug auf die Äußerung seines Problembewußtseins hinsichtlich des Buches von Thilo Sarrazin.
Lassen Sie uns über das achte Kapitel reden, in dem Sie meiner Meinung nach den großen Paradigmenwechsel einleiten. Eine soziale Frage wird biologistisch beantwortet – das beginnt bei der Fertilität bestimmter Schichten, geht über in die Vererbung von Individuen und Ethnien und greift dabei auf die Idee einer „Zuchtwahl“ zurück. Wir kennen diese Debatte aus einer Ihrer wesentlichen Quellen, dem Buch „The Bell Curve“.
Sarrazin antwortet darauf ganz und gar angemessen - und im Grunde hätte Schirrmacher genauso auch selbst schon von Anfang an argumentieren müssen, da er ja weiß, wie auf diesem Gebiet zu argumentieren ist:
Biologismus meint, dass Soziales auf Biologisches oder meinetwegen Genetisches reduziert wird. Das lehne ich ab. Mich interessiert das Zusammenspiel von „Nature“ und „Nurture“, von Angeborenem und Umweltfaktoren.
Gunnar Myrdal und Gerhard Mackenroth - beide Sozialreformer wurden durch den Idealismus und den Aufbruchgeist der Jugendbewegung geprägt ...

Lange wird gesprochen über den schwedischen Sozialreformer und Nobelpreisträger Gunnar Myrdal. Dazu wäre die nicht uninteressante Anmerkung zu machen, daß der bedeutendste deutsche Bevölkerungswissenschaftler und Sozialreformer des 20. Jahrhunderts, Gerhard Mackenroth mit dem Ehepaar Myrdal seit den späten 1920er Jahren, seit den Studienjahren befreundet war. Beide stammen aus der Jugendbewegung. Myrdal wurde Sozialdemokrat, Mackenroth 1933 Nationalsozialist (was das Ehepaar Myrdal nicht verstehen wollte). Hätten sie jeweils im anderen Land gelebt, möchte man mutmaßen, daß Mackenroth Sozialdemokrat und Myrdal Nationalsozialist geworden wäre. Beide haben wesentliche Lebensleistungen erst nach 1945 erbracht. Insgesamt ein ganz spannendes Thema (siehe andere Beiträge auf "Studium generale" zu Gerhard Mackenroth).

... und von monotheistischen Lobby's bis heute ausgebremst

Sehr wesentlich erscheint in diesem Zusammenhang, daß das Wort von Konrad Adenauer "Kinder bekommen die Leute von allein" gesprochen wurde im Zusammenhang mit der Zurückweisung der Vorschläge Gerhard Mackenroths zu einem modernen Familienlastenausgleich, wie er auch heute von vielen vernünftig denkenden Menschen (etwa von der Familienpartei Deutschlands) gefordert wird. Es waren monotheistische Kräfte rund um Adenauer, die seit 60 Jahren zu dem Reformstau auf dem Gebiet der Bevölkerungspolitik beigetragen haben, der durch die allerchristlichste Politik unserer Ursula von der Leyen und ihrer allseitigen Förderung von frühkindlicher "Kollektiverziehung" nur noch verschärft wurde.

Gunnar Myrdal war zudem Berater des großen Sozialdemokraten Olof Palme, der mit aller Wahrscheinlichkeit nach in ähnlichen politischen Zusammenhängen ermordet wurde wie Uwe Barschel, sprich vom israelischen Geheimdienst Mossad.

"Über sieben Brücken mußt du gehen, Frank Schirrmacher ...."

An späterer Stelle sagt Frank Schirrmacher:
Oder, und auch das halte ich für möglich: Ihr Buch ist eine Zäsur und ein Geschichtszeichen dafür, dass wir Thesen nicht mehr dahingehend diskutieren, wohin sie historisch geführt haben.
Schirrmacher muß noch über sieben Brücken gehen, bis er ganz bei der Sachdebatte selbst angekommen ist. Man verfolgt mit mancherlei Interesse sein kindliches Verwundern darüber, wie sich alle Vorzeichen des politischen Diskurses derzeit verschieben. Vor allem sein unausgesprochenes Verwundern darüber - offenbar -, daß dieser Verschiebung der Vorzeichen von bestimmten Lobby's nicht mehr in der alten Vehemenz widersprochen wird. (Warum diese alten Lobby's heute so handeln, dazu werden wir demnächst hier auf dem Blog noch ein paar Thesen vorschlagen. Kurz gefaßt: Sie könnten sich vor "Zornbanken", vor Wechselbeziehungen zwischen "Zorn und Zeit" fürchten ...) - Sarrazin sagt unter anderem:
Wir haben in Deutschland 1,4 Millionen Fünfundvierzigjährige, weniger als eine Million Zwanzigjährige, 650.000 Null- bis Einjährige und davon einen wachsenden Anteil aus bildungsfernen Schichten - wie soll das funktionieren?
- Peter Mersch meldet sich übrigens in den Leserkommentaren zu Wort. (Auch im Handelsblatt gibt es interessante neue Äußerungen von Thilo Sarrazin.)

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(4.10.10: Dieser Beitrag konnte erst nach und nach fertiggestellt werden, da es schwer ist, mit einem Neugeborenen auf dem Arm mit zwei Händen zu schreiben ... - So viel übrigens als Lösungsvorschlag zur deutschen demographischen Krise und des deutschen Facharbeitermangels ...)

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