Dienstag, 28. April 2009

Gregory Cochran und Yake Young im Interview mit Razib Khan

Im September 2008 hatten wir schon einmal auf ein Video-Gespräch zwischen dem Wissenschafts-Journalisten John Horgan und dem Anthropologen Brian Ferguson auf der Seite "bloggingheads.tv" hingewiesen. (Stud. gen.) Nicht nur inhaltlich können solche Video-Gespräche spannend sein. Durch sie bekommt man auch - und vielleicht erstmals - einen recht persönlichen Eindruck von Wissenschaftlern und Autoren, von denen man zuvor - möglicherweise jahrelang - nur in schriftlicher Form erfuhr. Es ist, als ob man mit ihnen zusammen in der Mensa oder Cafeteria sitzen würde.

Bei Bloggingsheads.tv sind zwischenzeitlich in fast täglicher Folge unzählige weitere Gespräche veröffentlicht worden. Offenbar wird diese Seite auch von der "Templeton Foundation" unterstützt, einer christlichen Wissenschafts-Stiftung, ohne daß atheistische Wissenschaftsjournalisten wie John Horgan (oder Razib Khan) ihre Zusammenarbeit eingestellt hätten. (John Horgan hatte die Frage, wie man mit der Templeton Foundation umgehen sollte als Journalist, auf "The Edge" schon einmal zur Diskussion gestellt.)

Auf zwei Gespräche, nämlich auf diejenigen, die der Humangenetiker Razib Khan vom Wissenschaftsblog "Gene Expression" dort führte, soll im folgenden hingewiesen werden. Im Januar dieses Jahres sprach Razib Khan mit Humangenetiker Gregory Cochran über das von ihm zusammen mit Humangenetiker Henry Harpending herausgegebene Buch "The 10.000 Year Explosion".




Es geht in dem Gespräch um effektive Bevölkerungsgrößen, also um die Tatsache, daß es Familien mit vielen Kindern und Enkelkindern gibt, die erheblich mehr zum Genbestand künftiger Populationen beitragen als Familien mit wenigen oder gar keinen Enkelkindern. (Gregory Cochran wird als vermutlich erster Gesprächsteilnehmer auf Bloggingheads vorgestellt, der fünf Kinder hat.)

Genetische Evolution beim Menschen seit 10.000 Jahren

Cochran erwähnt z.B. (in 22:20 Min.) die Tatsache, daß es acht mal mehr (erblich) Farbblinde unter Menschen in bäuerlichen und industriellen Gesellschaften gibt als in Jäger-Sammler-Gesellschaften. Und das ist für ihn ein Zeichen unter vielen dafür, daß auch in modernen Gesellschaften noch genetische Selektion stattfindet. Es wird auch über Veränderungen der Schädelmorphologie seit dem Mittelalter gesprochen. Dabei wird die Grazilisierungs-These der Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky nicht erwähnt. Aber solche und viele andere Gesprächsinhalte machen deutlich, daß ein Studium dieses Buches von Cochran und Harpending trotz seines sicherlich in weiten Teilen noch recht spekulativen Charakters viele weitere spannende Anregungen bereit hält.

Man sollte in das Video-Interview auf jeden Fall einmal hineingesehen und hineingehört haben und sich von ihm anregen lassen.

Was heißt es, wenn ein Körper- oder Verhaltensmerkmal erblich ist?

In dem Interview des Humangenetikers Razib Khan mit Humangenetiker Yake Young, einem weiteren humangenetischen Wissenschaftsblogger auf Scienceblogs.com, wird unter anderem über die Erblichkeit von Übergewichtigkeit gesprochen. Razib erklärt, daß 70 % Erblichkeit des Phänotyps Übergewichtigkeit heißt, daß 70 % der Unterschiedlichkeiten im Phänotyp einer Population durch genetische Faktoren erklärt werden kann. Das heißt aber nicht, daß bei gleichbleibenden Genfrequenzen in einer Population nicht dennoch sich über die Jahrzehnte (genauso wie beim IQ) der Phänotyp dramatisch ändern kann. Auch ein Merkmal, das zu 100 % erblich wäre in seiner Variabilität könnte eben dennoch auf Umweltunterschiede (andere Ernährung, andere geistige Anregungen und dgl.) reagieren und würde sich nicht immer gleich ausprägen.

Yake Young macht dann (ab 7:13 Min.) anhand der erblichen Neigung zu Depression (aufgrund von Serotonin-Transporter-Genen) noch auf weitere Zusammenhänge aufmerksam. Die Neigung zu Depression ist nur bei jenen erhöht, die in ihrer Kindheit schlechte (traumatische) Erfahrungen gemacht haben. Bei jenen, die diese erbliche Variante nicht haben, ist die Neigung zu Depression auch bei schlechten Erfahrungen in der Kindheit nicht erhöht.

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