Dienstag, 11. September 2012

Paperblog, ade!

Dies wird mein letzter politischer Blogbeitrag auf dem Bloggerportal Paperblog sein. Einige der Gründe dafür kann die Paperblog-Redaktion in ihrem Email-Postfach finden, das sie schon seit Tagen scheinbar nur noch ungenügend, wenn überhaupt sichtet, oder dessen Spam-Einstellungen ihr wichtige Emails durch die Lappen gehen lassen. Also, Paperblog-Redaktion, bitte mal meine inzwischen schon drei Emails an Euch lesen!

Ansonsten: Es hat mir immer Spaß gemacht hier bei Paperblog. Aber der politische Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt" hat trotz der inzwischen recht langen Zeit, in der er parallel seine Beiträge auch auf Paperblog veröffentlicht, keinen solideren, festeren Leserstamm gewonnen, keine Leser, die sich regelmäßiger und öffentlich zu ihm bekennen würden. Er hat durch Paperblog vielleicht einige investigative Journalisten und Mitblogger auf sich aufmerksam gemacht, auch mitunter Redaktionen und Verlage - aber die wirklich richtigen waren noch nicht dabei!

Der Bloginhaber ist der Meinung, daß in künftigen Jahren die Bedeutung mancher Bloginhalte von vielen Lesern schon eher eingesehen werden, als das noch heute der Fall ist.

Soll er sich dennoch all der Widernisse aussetzen, denen sich Blogger heutzutage aussetzen, insbesondere, wenn sie ihre Beiträge durch solche Portale wie Paperblog multiplizieren lassen? Dieser Blog hat für sich genommen gar nicht das finanzielle Polster, um sich einem "Abmahnwahn 2.0" entgegenzustellen, den er selbst schon ansatzweise zu spüren bekommen hat, und der jederzeit erneut zuschlagen kann, ganz plötzlich, aus heiterem Himmel. So wie man früher im Wald von den Räubern überfallen wurde. Dieser Blog hat auch bislang so gut wie keine Solidarität von anderen, ähnlich ausgerichteten Bloggern erfahren, keinen regelmäßigeren Zuspruch. Jedenfalls nicht einen, der einen ermutigen würde, auch bei etwas schärferem Gegenwind hier bei Paperblog weiterzumachen. Jeder wurstelt nur so vor sich hin. So geht das alles erst mal nicht.

Ade, Paperblog - aber nur mit den politischen Beiträgen, nicht mit den kulturellen und wissenschaftlichen

Es wird immer deutlicher, daß bei der derzeitigen merkwürdigen Rechtslage man als Blogger doch ein nicht geringes Risiko eingeht. Und das will ich dann - wenn schon - hübsch bescheiden in meinem eigenen kleinen "Blogger-Eckchen" eingehen und nicht noch zusätzlich auf einem "mulitplizierenden" Portal wie Paperblog. Wer den politischen Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" und seine Themen sucht, der wird ihn finden - mit oder ohne Paperblog. Davon muß man einfach mal ausgehen.

Ich werde also die Paperblog-Redaktion in einer vierten Email auffordern, alle meine jüngeren politischen Beiträge hier auf dem Portal so bald als möglich aus dem Netz zu nehmen. Auf meinem eigenen Blog können sie alle immer noch gelesen werden. Dort können sie auch jederzeit ohne Umschweife vom Autor selbst verbessert werden oder gegebenenfalls unverzüglich aus dem Netz genommen werden, wenn dies als notwendig erscheinen sollte. Leider zeigt sich, daß das hier bei Paperblog oft nur mit zum Teil erheblicher Zeitverzögerung möglich zu sein scheint. Ein Blog ist keine Bibel und will nicht auf 2000 Jahre hinaus "ewige Wahrheiten" verkünden. Sondern er will einfach nur zur Diskussion, zum Nachdenken anregen, mehr nicht. Und dazu muß mitunter auch mal schneller reagiert werden können.

Meine Blogbeiträge wissenschaftlichen und kulturellen Inhaltes will ich gerne weiterhin auf Paperblog erscheinen lassen und wünsche mir auch weiterhin zu diesen aufbauende, freundliche und weiterführende Resonanz! Nein, natürlich noch mehr als bisher! :-)

Montag, 10. September 2012

Hans Zehrer - Ein Logen-Ideologe verführt zur Diktatur

Wie die Axel Springer-Leute vor 1933 ihre "Neue Wirklichkeit" von 1945 herbeiführten

Der folgende Beitrag behandelt einen einflußreichen Aufsatz des rechtskonservativen Publizisten Hans Zehrer (1899 - 1966) aus dem Jahr 1931. Dieser Beitrag soll nur einige Eindrücke, Gedanken und Mutmaßungen festhalten, die dem Autor dieser Zeilen beim Studium dieses Aufsatzes kamen. Da der Autor dieser Zeilen bisher noch keine anderen Aufsätze Zehrers kennt und auch keine gute Biographie über Hans Zehrer gelesen hat, kann es sich beim folgenden Beitrag nur um "Arbeitshypothesen" handeln, die durch künftige Lektüren und Forschungen zu bekräftigen wären oder sich durch dieselben als nicht haltbar erweisen könnten.

Natürlich sind Kommentare insbesondere von Lesern erwünscht, die sich womöglich schon umfangreicher mit Hans Zehrer beschäftigt haben und deshalb von ihrem Wissen her die hier beschriebenen Leseeindrücke entweder bestätigen können oder aber anhand anderer Ausschnitte aus dem Wirken von Hans Zehrer entkräften können.


Während man nämlich den im Oktober 1931 in der Zeitschrift "Die Tat" erschienenen und zur damaligen Zeit "vielbeachteten" Aufsatz "Rechts oder Links?" (1) des Herausgebers dieser Zeitschrift Hans Zehrer liest, taucht eine Frage im Hinterkopf auf: Für welche Aufgabe war der Herausgeber dieser Zeitschrift zuständig? Eine rechtskonservative Publizistin wie Gertrud Bäumer fühlte sich durch diesen Aufsatz angesprochen, verstand ihn aber bezüglich seiner eigentlichen, tieferliegenden Intentionen und Zielrichtungen offenbar gar nicht (2). Sie war ja auch eine Frau! Und dachte wohl nicht genügend darüber nach, was in Männerorden und -seilschaften geschah und geschieht. Auch heutige Veröffentlichungen kratzen nur an der Oberfläche der damaligen Intentionen und Zielsetzungen Zehrers (3).

Zehrers Aufgabe war es, so drängt sich als Eindruck auf, über Systemumbrüche wie den von 1933 hinweg die Kontinuität der Machtstellung der bisherigen Eliten sicherzustellen. Und wie konnte dies geschehen? Indem diese Eliten eben geistig darauf vorbereitet wurden, sich auf ein neues System einzustellen. (Und indem den Machthabern des neuen Systems nahegelegt und eingeredet wurde, daß sie auf wesentliche Bestandteile der bisherigen Eliten gar nicht verzichten könnten, auch gar nicht verzichten müßten, da diese schon geistig richtig ausgerichtet wären - dank der Schulung und Gehirnwäsche durch solche Logen-Ideologen wie Hans Zehrer.)

So werden Revolutionen und Umbrüche, bei denen "Fett immer oben schwimmt", von langer Hand vorbereitet! (Man darf ähnliche logen-ideologische Vorbereitungen deshalb auch bezüglich der von Zehrer in diesem Aufsatz thematisierten Umbrüche von 1914, von 1918, von 1923, 1925, 1929 etc. pp. unterstellen.) Und das Ergebnis dieser Schulungen wird dann womöglich in Büchern festgehalten wie dem 1957 erschienenen "Das verlorene Gewissen" von Kurt Ziesel. In diesem viel zu sehr wieder in Vergessenheit geratenen Buch wird nämlich dargestellt, daß die heftigsten Nazi-Verfolger nach 1945 im deutschen Medienwesen die allerschönsten Nazis vor 1945 gewesen sind! Und zwar immer mit Charakter und Verve!

Aber auf solche erstaunlichen "Umwertungen aller Werte" muß ja die Funktionselite, die Funktionselite bleiben soll, jeweils neu vorbereitet, eingestellt und ausgerichtet werden. Zehrer stellt der Funktionselite der Weimarer Republik als Beispiele für das, was in Bälde käme (oder worin man sich schon befände), die Französische Revolution von 1789 und die Russische Revolution von 1917 vor Augen (1, S. 67f) (Hervorhebung nicht im Original):
Bisher ist es in der Geschichte meist der große Einzelne gewesen, der in diesem Stadium der Entwicklung eingriff, Revolutionäre und Konterrevolutionäre beiseiteschob und rücksichtslos seine eigene Herrschaft stabilisierte. Ist dieser Einzelne bei uns vorhanden, so gehen wir mit klarer Konsequenz einem Cäsarismus, der Diktatur eines Einzelnen, entgegen. Die Sehnsucht nach diesem Einzelnen ist im Volk seit über einem Jahrzehnt vorhanden. Wir wollen uns doch nichts vormachen: wenn das erste scharfe, aber gerechte Kommandowort eines wirklich persönlichen Willens in das deutsche Volk hineinfahren würde, würde sich dieses Volk formieren und zusammenschließen, es würde einschwenken und marschieren, und es würde befreit aufatmen, weil es den Weg wieder wissen würde. Da dieser Führer, von welcher Seite er auch immer kommen mag, nur national sein kann, so wird sein Weg der richtige sein, da es der Weg der Nation sein wird. In diesem Augenblick aber wird uns eine Ordnung, die uns der Liberalismus als dumpfe Knechtschaft zu schildern versuchte, als Freiheit erscheinen, eben weil sie Ordnung ist, weil sie einen Sinn hat und weil sie Antwort gibt auf die Fragen, die der Liberalismus nicht mehr beantworten kann: warum, wozu, wofür?
Ganz deutlich ist "Nation" für Hans Zehrer hier nicht ein unhintergehbarer Wert, sondern bloß ein Ausdruck des Zeitgeistes, dem sich der einzelnen zu stellen hat, wenn er von diesem nicht überrollt werden will. Also nicht Zehrer selbst empfindet so, wie hier "glückliche Sklaven" geschildert werden. Nein, er schildert ja nur jenes Volk in seiner Gesamtheit, dessen Gestaltung seiner Geschicke er sich zur Aufgabe gestellt hat. Zehrer hat die Aufgabe, den - unklaren völkischen - Zeitgeist möglichst präzise in Worte zu fassen und die bisherigen, zögernden, zumeist liberalen Eliten in schönen Worten auf diesen einzustellen. Sie glücklich in diesen Zeitgeist "hinüberzuleiten". Weiter schreibt er über den künftigen "Revolutionsgeneral", bzw. Diktator:
Diesen Einzelnen kann man sich jedoch nicht erfinden. Er existiert oder er existiert nicht. Er spürt den stummen Anruf des Volkes und er gibt das befreiende Kommando, oder aber er ist gar nicht vorhanden.
Bis hierhin deckt sich die Analyse von Zehrer sicherlich mit der zahlreicher anderer seiner denkenden Zeitgenossen im Jahr 1931. Aber dann wird es besonders spannend (Hervorhebung nicht im Original):
Vielleicht muß man zwei Dinge einbeziehen, die unsere Zeit von den früheren unterscheiden. Einmal: die Kompliziertheit des technischen Überbaus, die heute von diesem Einzelnen ganz andere technische Kenntnisse verlangt, als frühere Zeiten, und die ihn und den Erfolg seines Eingreifens von einer zahlenmäßig sehr starken Schicht gleichgesinnter Sachverständiger abhängig macht, die wenigstens den Staats- und Wirtschaftsapparat in seinem Sinne bedienen können.
Das sind verräterische Sätze. Bzw.: Scherz beiseite, Hans Zehrer kommt! Bei der "Kompliziertheit des technischen Überbaus" denkt er natürlich gar nicht an die riesigen Schattenreiche der Geheimdienste und -logen, dieses "technischen Überbaus" moderner Staaten. Außerdem erinnern diese Worte schon sehr an jene französische "Synarchie" der 1950er Jahre, in der auch die "Fachleute", die "Technokraten", die "Sachverständigen" im Mittelpunkt des ideologischen Raisonements stehen.

"... Eine ziemlich breite, bewußte Eliteschicht ..."

Zehrer weiter:
Und zweitens: Das Alter des Kulturstadiums, in dem wir uns befinden. Dieses Alter hat durch seine größere Bewußtheit und unromantische Skepsis, mit der es allen heroischen Erscheinungen gegenübertritt, den Weg des Einzelnen zunächst außerordentlich erschwert. Es hat aber außerdem eine ziemlich breite, bewußte Eliteschicht geschaffen, die kraft ihres historischen Überblicks und ihres bewußten Einblicks in die Dinge
- (!) Scherz beiseite, Zehrer kommt -
ihren Standpunkt a priori auf einer sachlichen, neutralen Ebene gewählt haben
- aber hallo!, die nach Zehrers Diktion also erhaben "über" Liberalismus, Nationalsozialismus, Kommunismus usw. stehen - das ist natürlich für den Opportunisten und Wendehals immer das beste -
ohne damit auf die eigene Aktivität und den Anspruch auf die Führung zu verzichten.
- Aber hallo! Aber hallo! - 
Diese Schicht füllt sich umso stärker auf, je mehr Kräfte der Zerfallsprozeß der Zeit freigibt und herausschleudert. Beide, der große Einzelne und die breite Schicht einer bewußten Elite schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil wären sie notwendig auf eine Zusammenarbeit angewiesen. Sollte aber die Zeit für den großen Einzelnen vorüber sein und sollte er heute gar nicht existieren, so gewährleistet diese Schicht einen Neuaufbau auch ohne "Diktator".
Das heißt, auch ohne Diktator kann diese Schicht das Volk "formieren" und "zusammenschließen", es "einschwenken" und "marschieren" lassen. Wer, ich frage, wer wollte daran zweifeln, nachdem er auf viele Jahrzehnte demokratischer Geschichte von gelenkten Demokratien nach 1945 zurückblicken kann, gesteuert unter anderem von der "Springer-Presse"! Also ein wirklich kluger Mann, dieser Zehrer, das muß man ihm lassen. Er weiß, wovon er redet! Und weiter schreibt er:
Das evolutionäre Moment der Entwicklung, in der wir uns befinden, würde dafür sprechen, daß die Dinge in Deutschland eines Tages von dieser bewußten neutralen, aber dem Neuen zugewandten Schicht bestimmt werden, daß der Appell der Massen von diesem abseitsliegenden Standort aus erfolgen wird.
Genau: "Der Appell der Massen". Nach 1945 wird er von jener Springer-Presse ausgehen, in der wiederum wohl Hans Zehrer die zweiteinflußreichste Position (neben oder hinter Axel Springer) einnimmt! Leute wir Rudolf Diels, wohl auch Werner Best, Ernst Jünger, Friedrich Hielscher, Carl Schmitt und ähnliche scheinen genau diesen "erhabenen" Standpunkt eingenommen zu haben und sich zwischen extremen Rechten und extremen Linken frei vagabundierend bewegt zu haben. Und wie diese Elite organisiert ist, weiß Hans Zehrer natürlich auch:
Soviel läßt sich über diese Organisationsform bereits sagen: soweit sie zentralen und totalen Anspruch erhebt, muß sie weltanschauliche oder religiöse Werte der Gemeinschaft enthalten, um die sie sich gruppieren und sammeln, mit denen sie sich absondern und an denen sie sich erkennen kann. Die Form solcher Organisation wird die "Verbindung" sein, oder die "Gemeinde", oder der "Orden", oder die "Loge". Oder aber sie muß sich um ein zentrales und prinzipielles sachliches Problem der kommenden Epoche, soweit es sich heute schon fixieren läßt, gruppieren. Ein Problem, das der Forschung und der Diskussion Raum läßt, diese Diskussion aber andererseits durch die Fixierung des zu behandelnden Themas bereits begrenzt.
Ein hübsches Handlungs-Programm für den modernen Staatsdiener der ausgehenden Weimarer Republik. Sofort denkt man hier auch an die "Gesellschaft zum Studium des Faschismus" (Wiki), der so viele "Neue Nationalisten" im Umkreis von Ernst Jünger und Co. angehörten, und die womöglich Zehrer bei diesen Worten vor allem vor Augen stand. Oftmals aber die gleichen Kreise waren auch beteiligt an der gleichzeitigen "Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft" ("Arplan") (vgl. Heeke/Reisen zu den Sowjets, 2003, S. 73, 533), die gegründet worden war von Friedrich Lenz und Arvid Harnack. Beide gruppierten sich in der Tat - und welche Überraschung! - um jeweils "ein zentrales und prinzipielles sachliches Problem der kommenden Epoche, soweit es sich heute schon fixieren läßt"! Und beide Zusammenschlüsse weisen - oh Wunder! - personelle Verbindungen zum Tat-Kreis auf. Vor allem aber waren beide dazu angetan, von entgegengesetzter Richtung her auf ein solches "Zusammenrückens von Links und Rechts zur Volksgemeinschaft" hinzuwirken, welches noch heute mancher völkische Freimaurer aus dieser Schrift von Zehrer an Positivem glaubt herauslesen zu können (5). Zehrer weiter:
Alle diese Themen und Verbände würden integrierend wirken, sie würden vor allem eine siebende und aussondernde Aufgabe erfüllen.
Vor allem Siebung und Aussonderung. Nichts ist Logen wichtiger als dies. Völkische Graswurzelrevolutionäre müssen dem gärtnerischen Schnitt und der gärtnerischen Pflege der Logen anvertraut werden, Zierpflanzen müssen vom Unkraut gesondert und gesäubert werden ... So Auszüge aus Zehrers sinngemäßem "Handbuch für den treuen Staatsdiener und Opportunisten aus ernstestem, neutralem und sachlichem Logen-Idealismus heraus".

... kann auch an die "Grenzen ihrer Kraft" gelangen ...

Hans Zehrer hat aber auch viel Verständnis für die Probleme der Leistungsträger der Gesellschaft in diesen schnellebigen, umstürzlerischen Zeiten (1, S. 3ff):
Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit 26 Jahren (1914) in den Krieg zog. Dieser Mensch ist heute 42 Jahre alt. Er hat diese Zeit miterlebt vom ersten Schuß in Belgien bis zum letzten Schalterschluß der Banken vor wenigen Wochen. Die Dinge haben sich für diesen Menschen einfach überstürzt. Er hat zwar große Wandlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in sich,
- na klar, schließlich halten ihn die Logen und Logen-Ideologen "auf dem Laufenden"! -
aber er kommt schließlich doch irgendwann an die Grenzen seiner Kraft, wo er stehenbleibt und nicht mehr weiterkann. Dieser Mensch wird zwar theoretisch in diesem Augenblick beiseitegeschoben und zählt nicht mehr für die Entwicklung. Praktisch aber besitzt dieser Mensch eine Position, die ihm ein gewisses Maß an Einfluß und Macht verleiht.
Eine Position. Nichts ist diesen Leuten wichtiger als eine Position. Um eine solche zu erlangen, schließen sie sich ja Männer-Seilschaften an (siehe etwa den Beitrag hier auf dem Blog "Sei pfiffig, werde Freimaurer!"). Und es ist an dieser Stelle zu berücksichtigen, daß der Freimaurerkampf Erich Ludendorffs den Logen ein gewichtiges Nachwuchsproblem bescherte. Die junge Generation wollte nicht mehr so einfach in den traditionellen Logen mitmachen und mußte nun über unkonventionellere, zeitgeistigere "Orden", "Klubs" und "Logen" zum Dienst an den Staat herangezogen werden. Ob dies aber schnell genug und zuverlässig genug gelingen würde, darüber waren sich die Logen 1931 wohl noch nicht sicher genug geworden. Deshalb diese Ausführungen von Hans Zehrer an die bisherige, ältere Generation der Logenmitglieder, die - man kann es sich gut vorstellen! - wirklich an das Ende ihrer Kraft gelangt waren.

Man hatte die Angehörigen dieser Generation ja schließlich mit aller Mühe in den Logen für diese Position herangezogen und brauchte ihre weitere zuverlässige Mitarbeit. Aber der einzelne ist halt nur schon so "müde" von all den ideologischen Wandlungen, die ihm die Logen bisher schon zugemutet und abverlangt hatten, und denen sie auch der Gegenkampf gegen die Logen ausgesetzt hatte. 1914 sollte der typische Logenbruder oder Jesuitenhörige plötzlich Patriot sein. 1918 plötzlich nicht mehr. Zwischendurch immer wieder einmal doch. Oder auch nicht. Jetzt soll er es aber mit aller Entschiedenheit wieder werden, weil die Logen ihn weiter brauchen und nicht so schnell für die weiteren geplanten Vorhaben eine neue Generation zuverlässiger Staatsdiener heranziehen können.

(Diese neue Generation übrigens entnahm man vielfach jenen jungen idealistischen Freikorpskämpfern, die schon in den frühen 1920er Jahren im Ruhrkampf und in der Schwarzen Reichswehr im Dienst des deutschen Geheimdienstes der Weimarer Republik gestanden waren und dabei ihre Zuverlässigkeit erwiesen hatten. Womöglich auch erpreßbar geworden waren. [Man denke an Martin Bormann im Baltikum, man denke an Werner Best und sein Todesurteil in franzsöischer Gefangenschaft. Und so viele mehr.] Die Zugehörigkeit zum Dienst selbst schon ersetzte hier vielfach Logenzugehörigkeit, für die man dieselben natürlich parallel - sooft möglich - ebenfalls versuchte einzufangen.)

Logen - und Männerbünde - denken in Generationen

Man kann sich als Ansprechpartner der Texte von Hans Zehrer auch jemanden vorstellen wie den "verdienten" General von Schleicher, den "verdienten" General Groener und Leute ähnlicher Machart, etwa im Umkreis des alten Herrn von Hindenburg. Welche ideologischen Wandlungen hatte allein der Alte Herr von Hindenburg durchzumachen! Zum Schluß sollte er auch noch einen Gefreiten zum Diktator ernennen. Nun, auch die "Grenzen" der Wandlungsfähigkeit eines greisen Hindenburg wurden überwunden! Zehrer also weiter über die Besorgnisse der Logen solchen "treuen Dienern" gegenüber:
Er wird also zu einem retardierenden Moment, das die Entwicklung zeitweise verlangsamt, und er wird erst praktisch beiseite geschoben, wenn ihm derjenige, der 1914 erst drei Jahre alt war, heute also Zwanzig ist, und der schon als Kind dieser Krise unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen ist, die Stellung streitig macht und schließlich nachrückt.
Ja, Logen denken in Generationen! Die Generationenfrage - und, was hier nicht ausführlicher zitiert wird: die Sprache - wären - nach Zehrer - den Logen unliebsame "retardierende" Momente. Sie sehen, da drängt eine junge, völkische Bewegung an die Spitze mit einer Sprache, die die bisherigen Leistungsträger noch gar nicht sprechen können, weshalb sie in Gefahr stehen, beiseite gedrängt zu werden. Dieser Gefahr versuchen all die linksrevolutionär-rechtskonservativen Logen-Ideologen - wie Hans Zehrer, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Friedrich Hielscher usw. usf. - zuvor zu kommen. Sie arbeiten eben im "metapolitischen" Bereich.

Damals Hans Zehrer - heute "Institut für Staatspolitik"?

So wie heute, geht einem durch den Kopf, das "Institut für Staatspolitik", das sich sehr bewußt in die Tradition dieser Arbeit stellt und eine konsequente Naturalisierung der rechtskonservativen "Ideologie", die heute - nach Sarrazin - so naheliegend geworden ist, weiterhin so lange hinauszuzögern bemüht ist, wie immer ihm das möglich ist.

Das veranlaßt einen zu einem kurzen Exkurz zur heutigen Situation: Man läßt vereinzelte naturwissenschaftliche Anthropologen (etwa den verdienstvollen Andreas Vonderach) - und zwar sehr bewußt in Anknüpfung an die lange Zeit gerne vergessene Tätigkeit des Jesuitenpaters Muckermann in den 1930er Jahre - das heute vorliegende anthropologische Wissen referieren. Aber möglichst "isoliert" für sich, ohne irgendwo auch nur ansatzweise Schlüsse zu ziehen auf vorliegende Weltbilder überhaupt. Man versucht also solange wie möglich, eine Grundsatzdebatte über die daraus zwangsläufig früher oder später folgende umfassende Naturalisierung des rechtskonservativen Ideologiegebäudes insgesamt hinauszuzögern. Sozusagen ins zeitlich Unendliche. Gerne natürlich auch mit gezielten Tritten gegen die Schienenbeine jener, die in diesen Diskussionen etwas "zügiger" vorankommen wollen. Also alles noch ganz genauso wie schon in den 1920er und 1930er Jahren, als das Haus Ludendorff wohl am konsequentesten für eine Naturalisierung des rechtskonservativen Ideologiegebäudes stand, wodurch überhaupt alle Logen-Ideologie und -Herrschaft, ebenso wie die Ideologie und Herrschaft der Kirchen in Gefahr gebracht wurde - und heute womöglich wieder würde. (Letzteres wäre zu prüfen!)

Aber natürlich gibt es neben dem "Institut für Staatspolitik" noch zahllose andere "metapolitische" Vereinigungen, "Think Tanks", die ähnliches im "vor-" und "metapolitischen Raum" betreiben. Gerne auch im Umfeld der etablierteren Parteien oder darüber hinaus.

Dieses Vorgehen fällt nur noch den wenigsten Menschen auf, da auch unter den konsequenten Kirchen- und Christentumsgegnern heute (etwa im Umfeld der wissenschaftlich-elitären "Giordano Bruno-Stiftung") nur noch geringe Sensibilität vorhanden ist für die schlußendliche gesellschaftliche Durchschlagskraft umfassender, konsequent naturalistisch ausgelegter Weltbilder und Ethiken, die über bloße Einzelkritik an Christentum, Kirche, okkulter Scharlatanerie und der korrupten Ethik der derzeitigen Eliten hinausgehen. Die Thematisierung solcher umfassender ausgelegter konsequent naturalistischer Weltbilder und Ethiken könnte im wahrsten Sinne des Wortes "notwendig" sein, wenn man solche gesellschaftlichen Bewegungen wie die Occupy-Bewegung oder die 9/11-Wahrheitsbewegung nicht weiterhin so lächerlich machtlos sehen möchte, als wie sie es bisher noch sind im gesamtgesellschaftlichen Gefüge weltweit. Und zwar trotz der breiten Zustimmung in der Bevölkerung für diese. Sie werden auch weiterhin so lächerlich machtlos bleiben, so lange ihnen kein gültiges, umfassendes naturalistisches Weltdeutungs-Gebäude und eine damit einhergehende naturalistisch ausgelegte Ethik zur Seite stehen, die zugleich auch das grundlegende religiöse Bedürfnis des Menschen zufrieden stellen muß. (Auch von diesem grundlegenden Bedürfnis weiß ja übrigens der "kluge" Herr Zehrer!) - Exkurs-Ende.

"Zerstörung der alten, retardierenden Worte und Begriffe", indem man "Kompromisse" mit ihnen schließt, und sie dann "ad absurdum" führt

Aufgrund des "retardierenden" Moments der Sprache, so Zehrer,
muß sich die neue Entwicklung (die den Logen erwünscht ist) ihren Weg erst mühsam über die Zerstörung der alten Worte und Begriffe bahnen. (...) So können z.B. die geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen einer bestimmten Schicht restlos zerstört sein
- so weit glaubt man also womöglich schon zu sein auf Seiten der satanistischen Hochgradlogen, als deren Sprecher Zehrer womöglich ähnlich wie Hielscher fungierten, nämlich gegenüber dem kulturtragenden Bürgertum, das man als zu zerstörende Kraft erkannt hatte! - Zehrer weiter:
diese Schicht existiert trotzdem weiter, solange ihre Worte und Begriffe noch weiterexistieren.
Wiederum außerordentlich "kluge", geradezu "weise" Worte des Tat-Menschen und "Revolutionärs" Zehrer. Worte, die sogar noch für die heutige Zeit gelten. Und nun müssen auch noch diese weiterexistierenden Worte und Begriffe ausgehöhlt werden. Und wodurch? Nun, dadurch daß man sie ad absurdum führt! Und wie geht das am leichtesten? Nun, wohl vor allem durch solche zutiefst verbrecherischen Übertreibungen wie jenen des Dritten Reiches und der hohlen Sprache seiner Schreier und nachplappernden Opportunisten, die darauf von Logen-Ideologen zuvor "geschult" worden waren. Zehrer:
Infolgedessen müssen diese neuen (Logen-!)Kräfte zunächst Kompromisse mit der Sprache abschließen. Sie müssen sich Worte zulegen, die morgen bereits nicht mehr zutreffen. Sie verrennen sich in Begriffen, gehen mit ihnen unter und müssen wieder von neuen Generationen abgelöst werden, die nach ihnen kommen und über sie hinwegschreiten.
Ein verräterisches Wort: "Kompromisse mit der Sprache". Von diesen "Kompromissen mit der Sprache" weiß Kurt Ziesel 1957/58 allerhand Beispiele anzuführen (4). Damit umreißt Zehrer den Geschichtsablauf von 1933 bis 1945. Und 1945 konnte er als Springer-Ideologe und -Sprachschöpfer nahtlos anknüpfen an die bis dahin so glänzend erreichten Logen-"Erfolge", an die so glänzend erreichte "Desillusionierung" über alle bis dahin geltenen Worte und Begriffe (1, S. 5):
Wir nähern uns damit dem Zeitpunkt, wo die eigentlich treibenden Kräfte, die hinter der Krise stehen, sichtbar werden
- aber hallo! -
und sich nicht mehr in den Gewändern des Alten, der alten Werte und Begriffe, präsentieren,
- das will man ja als "Tat-Mensch" und "Revolutionär" auch gar nicht!, sondern man will das Gegenteil! -
sondern nackt und neu hervortreten.
- So wie ein in satanistischen Logen gezeugtes und geborenes Kind, möchte man ergänzen. In generationenübergreifendem Logen-Inzest werden ja auch künftige Bankiers etc. gezeugt, wie dem Buch "Vater unser in der Hölle" entnommen werden kann oder den Berichten der Cathy O'Brien. Wenn also physische Kinder gezeugt und geboren werden in Logen, warum nicht auch "geistige Kinder" ... Zehrer:
Erleichtert wird diese Klärung durch den Ablauf  der Generationsfrage und eine gewisse Tradition in der Krise, die auf ein Alter von fast zwei Jahrzehnten verweisen kann.
An welche zwanzigjährigen Logenzöglinge Zehrer wohl an dieser Stelle denkt? Bei den alten Worten und Begriffen denkt Zehrer allerdings zunächst nicht an Begriffe wie "Wahrhaftigkeit", "Zuverlässigkeit", "Ehrlichkeit", "Anständigkeit" usw., Begriffe also, wie sie in der deutschen Nationalhymne enthalten sind oder als die preußischen Tugenden gelten etc.. Das sind wohl sowieso schon überwundene Standpunkte für einen Zehrer.

Nein, es geht ihm hier zunächst nur um Worte und Begriffe wie "Liberalismus", "Sozialismus", "Konservatismus", "Katholizismus", "Faschismus", "Kommunismus", "Nationalsozialismus" - also lauter "hohle Gebilde", die er noch hohler sehen will, und zwischen denen frei flottierend er die neue Staatsgesinnung und Weltanschauung formulieren will.  Aber seine Worte haben eben doch noch einen tieferen Nebensinn, der aus der Rückschau viel mehr zählt, als das damalige Neubasteln einer Weltanschauung für den freimaurerischen Staatsdiener, die kompatibel ist zur kommenden nationalsozialistischen Diktatur und der ihr folgenden "gelenkten Demokratie" staatstragender Eliten.  Auch der Logen-Ideologe Hans Zehrer gewährt einem Einblicke in die Art, wie überstaatliche Geschichtsgestalter Ideologien und damit Geschichte gestalten. Seit zwei Jahrtausenden.

Woher man so sicher weiß, daß Hans Zehrer Angehöriger einflußreicher Logen und Orden war? Nun, würde er sonst so offen davon sprechen (siehe oben) als äußere Organisationsformen dieser Elite? Er selbst würde nur seiner Kirchengemeinde und der Gemeinschaft des "Tat-Kreises" angehört haben, wo sein Verleger Eugen Diederichs Freimaurer war und Ernst Horneffer, der Begründer der "Tat" ebenfalls?

Ist jeder Freimaurer per se ein schlechter Mensch?

Übrigens muß man für manche, die Logen und Männerorden verteidigen, und die voraussetzen, daß man als Kritiker alles in Bausch und Bogen ablehnen würde, was Freimaurer machen, noch einmal feststellen: Natürlich können *auch* Freimaurer gute Dinge tun. Natürlich! Bei so großen Gesellschaften wie der Freimaurerei gibt es die verschiedensten Möglichkeiten. Natürlich ist - etwa - das Lebenswerk eines Eugen Diederichs nicht dadurch infrage gestellt, daß er Freimaurer ist. Ebensowenig wie das Lebenswerk eines Friedrichs II., des Königs von Preußen, eines Lessing, eines Mozart und so weiter.

Es wird schwer zu glauben sein: Aber Kritiker können da sehr wohl differenzieren. Und sie sind auch fähig zu unterstellen, daß gerade auch insgesamt besonders positive Lebensleistungen den Logen sehr willkommen sind, können diese doch - ebenso wie ihre übrige Wohltätigkeits-Aktivitäten - gut darüber hinwegtäuschen, daß womöglich in Logen noch ganz andere Dinge geschehen. Eben solche wie in diesem Beitrag angedeutet. Daß in ihnen Gesellschaften "formiert" werden, auf Linie gebracht werden, "zum Einschwenken" gebracht werden, zum Marsch in Kolonnen gebracht werden ... Wohin? Nun, die Geschichte, die Gegenwart und die sich nur allzu klar andeutende Zukunft unserer Gesellschaft zeigen es.
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  1. Zehrer, Hans: Rechts oder Links? Die Verwirrung der Begriffe. In: Die Tat, Diederichs-Verlag, Jena, 7. Heft, Oktober 1931 (Google Bücher)
  2. Bäumer, Gertrud: Rechts und links? 1931
  3. Triebel, Florian: Der Eugen Diederichs Verlag, 1930-1949: Ein Unternehmen zwischen Kultur und Kalkül. C. H. Beck, München 2004 (Google Bücher)
  4. Ziesel, Kurt: Das verlorene Gewissen. Hinter den Kulissen der Presse, der Literatur und ihrer Machtträger von heute. J. F. Lehmanns Verlag, München 1958 (4. Aufl., 11. - 13. Tsd.) 
  5. Zehrer, Hans: Das Zusammenrücken von Links und Rechts zur Volksgemeinschaft. Hanse Buchwerkstatt, Faksimile-Verlag .·. Wieland Körner, Bremen 2011 [Nachdruck des Zehrer-Aufsatzes "Rechts oder Links" von 1931 unter neuem Titel]

Sonntag, 2. September 2012

Okkulter Zahlenaberglaube in der Kunst kurz vor der Machtergreifung Adolf Hitlers

"1914 - 1923 - 1932 - 1941" - Ein "Schicksalsrad" des Jahres 1932

In früheren Beiträgen hier auf dem Blog haben wir ausführlich die "Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler" behandelt und die zahlreichen Hinweise darauf, daß Adolf Hitler selbst - ganz so wie viele Personen seiner nächsten Umgebung - keineswegs immun gewesen sind gegen Astrologiegläubigkeit, Wahrsagergläubigkeit und ähnliche Dinge. Von um so größerem Interesse wird da, was eigentlich in den damaligen okkulten Kreisen so gedacht wurde, deren Denken nicht ohne Einfluß geblieben ist auf Adolf Hitler selbst und seine nächste Umgebung.

"10 + 5 = Gott" hieß im Jahr 2004 eine Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin (1). Sie machte schon im Titel auf den kabbalistischen Zahlenaberglauben aufmerksam, der im orthodoxen Judentum und auch sonst unter Okkultgläubigen eine nicht geringe Rolle spielt. Ein vierspeichiges "Schicksalsrad", dessen vier Speichen jeweils die römische Zahl XV tragen, veröffentlichte im November 1932 auch die "Österreichische Illustrierte Zeitung" (Abb. 1) (entnommen: 2, S. 132). Und zwar inmitten eines Holzschnittes des Wiener Künstlers Carl Pauer-Arlau (1880 - 1953).

Abb. 1: Carl Pauer-Arlau: "Das Schicksalsrad", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Dieser Holzschnitt ist im Jahr 1939 von dem Hintergrundpolitik-Kritiker Hermann Rehwaldt erneut veröffentlicht worden in seinem Buch "Weissagungen", weil er eine Voraussage enthält für das Jahr 1941. Und Rehwaldt zählt noch viele andere Voraussagen auf, die sich einig sind darin, daß im Jahr 1941 ein großer Krieg beginnen wird.
 
Dieses "Schicksalsrad" des 20. Jahrhunderts von Seiten des Wiener Künstlers Carl Pauer-Arlau beginnt mit seiner Zählung "um 6 Uhr morgens" mit dem Jahr 1914 (Quersumme von 1914 = Gott, bzw. XV). Über ein Schwert und Granateinschläge hinweg wandert es weiter bis "9 Uhr" in das Jahr 1923 (Quersumme von 1923 = Gott, bzw. XV). Von dort wandert es über einen Sowjetstern weiter auf 12 Uhr in die damalige Gegenwart des Jahres 1932 (Quersumme von 1932 = Gott, bzw. XV). Und von dort machen dieses Schicksalsrad, bzw. sein Künstler - im November 1932 - eine klare Prophetie, wenn der Künstler das Schicksalsrad über ein Hakenkreuz hinweg weiterwandern läßt auf 15 Uhr, nämlich in das Jahr 1941 (Quersumme von 1941 = Gott, bzw. XV). 

Gerne wüßte man - denn den Geschichtsablauf unter dem Zeichen des Hakenkreuzes von 1932 bis 1941 kennt man ja und gewinnt damit "Vertrauen" zu den Voraussagefähigkeiten dieses Künstlers -, was der Holzschnitt-Prophet über die Zeit nach 1941, in der das Schicksalsrad von 15 auf 18 Uhr weiterwandert, sagen will. Das ist - leider - schwer zu entziffern. Etwa eine Friedenstaube? Ein "roter Hahn"? - Oder ist es einfach absichtlich schwer zu entziffern?

Abb. 2: Carl Pauer-Arlau: "Vision 'Das Schicksalsrad", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Sieht man sich jedenfalls den Holzschnitt insgesamt an, in dessen Zentrum dieses "Schicksalsrad" steht, sieht man, daß dieses Rad von "mühselig beladenen", mühsam sich dahinschleppenden Menschen angeschoben wird. Mühselig schleppen sie sich vorwärts, fast als wären sie am Zusammenbrechen. Sie rollen das Schicksalsrad durch den Sternenhimmel. Natürlich! Denn nicht die Menschen auf der Erde selbst gestalten ihr Schickal - wenn auch noch so erschöpft. Sondern es rollt von weiter Ferne heran aus dem Sternenhimmel. Womöglich sollen diese Menschen dort oben schon Verstorbene oder "Wiederauferstehende" symbolisieren. Oder gar "Götter" anderer Sphären. Oder aber, klar, hallo: Außerirdische!

Auf diesen Sternenhimmel nun ist im Vordergrund ein Fernrohr gerichtet. Natürlich nicht das Fernrohr eines Astronomen, sondern das eines Okkultgläubigen. Denn gleich neben dem Fernrohr steht unübersehbar der Tierkreis der Astrologen. Der Sterndeuter sitzt vor alledem, starrt in das rollende Schickalsrad, also in das "kommende", heranrollende Hakenkreuz. Und er hat ein Buch aufgeschlagen, auf dem groß darauf steht: 10 + 5 = XV. 

Über der XV steht noch "2 x 2". Auf dieses "2 x 2" kann man sich als okkult "Unbeleckter" noch keinen "Reim" machen. (Darüber gab es noch keine Ausstellung im Jüdischen Museum.) Etwa "2 x 2 = Satan"? Wie auch immer! Hinter dem Lehnstuhl des Astrologen liegt ein Totenschädel. Womöglich, um ihn an seine ariosophisch-völkische Freimaurerloge zu erinnern, in deren Dienst er in die Sterne schauen mag und beobachtet, wie "Außerirdische" (!!!) am Schicksalsrad Europas drehen.

Im Gewölbe des Tempels hängt übrigens ein Leuchter in den Händen einer Meerjungfrau - womöglich hat auch das irgendeinen okkulten Sinnbezug.

Kulturschaffende und Okkultismus

Der Hofastrologe des Reichssicherheitshauptamtes und Heinrich Himmlers persönlich, Wilhelm Wulff, arbeitete hauptberuflich "eigentlich" als Bildhauer. Womöglich hätte er derartige Kunstwerke auch schaffen können. Immer wieder trifft man auf Künstler, die um ihrer okkulten Interessen willen ihre künstlerischen Arbeiten zurückstellen (wie Wilhelm Wulff) oder die neben ihrer Arbeit okkulten Interessen nachgehen. Und die diese Interessen dann gegebenenfalls auch in ihre Kunstwerke einfließen lassen. (Dazu gab es auch hier auf dem Blog schon einige Beispiele.) Zu letzteren scheint also auch der Wiener Künstler Carl Pauer-Arlau (1880 - 1953) gehört zu haben.

Die Angaben im Internet über ihn sind derzeit spärlich. Er wurde, sicherlich als Carl Pauer von Arlau, in Weißkirchen/Mähren geboren und hat lange Jahrzehnte in Wien gelebt und gearbeitet. Eine Übersicht von Kunstwerken von ihm, die derzeit im Netz zugänglich sind, ist in den Anhang dieses Blogbeitrages gestellt (siehe unten). Carl Pauer-Arlau war jedenfalls auch der christlichen Kunst gegenüber aufgeschlossen. Heißt es doch 1935 in der Monatsschrift "Die christliche Kunst" (Google Bücher Ausschnitt):
Pater Rupert Eberhard ließ von Carl Pauer-Arlau das Motiv „Die Mutter Gottes löst die Dornenkrone" bildlich gestalten. Pauer-Arlau, der sich durch seinen Holzschnitt-Zyklus „Die Predigt in Bildern" in Kunstkreisen einen guten Namen ....
Mehr läßt der Google-Bücher-Ausschnitt derzeit an Textstudium nicht zu. Jedenfalls kann man sich denken, daß Pauer-Arlau nicht nur Auftraggeber in katholisch-kirchlichen Kreisen hatte, sondern auch - wie gleich noch deutlicher werden wird - in den Kreisen von Okkultlogen. Wobei natürlich auch ein breites Übergangsfeld zwischen Katholizismus, Okkultismus und (Schicksalsräder-drehenden) Männerorden gibt.

"Österreichs Illustrierte Zeitung", in der dieser und noch weitere Holzschnitte von Pauer-Arlau im November 1932 erschienen, war keineswegs eine "Winkelpostille". Sie war weder eine astrologische "Fach"zeitschrift, noch ein Logenblatt. Sie war schlicht eine der meistgelesenen Illustrierten Österreichs in jener Zeit. Sie erschien von 1894 bis 1938 (auch unter dem Titel "Wiener Illustrierte Zeitung"). Ab 1899 nannte sie sich im Untertitel "belletristisches", ab 1922 "modernes", ab 1923 "deutsches Familienblatt". Ab 1936 "Wochenschrift für alle österreichischen Belange". Als Beilage enthielt sie eine "Kunst-Revue". Also eine der vielen beliebten "Illustrierten Zeitungen" der Zeit vor 1945. Und blättert man sich zugängliche Jahrgänge durch, allemal gehaltvoller, als die "Regenbogenpresse" von heute.

Offenbar hat sie nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 ihr Erscheinen eingestellt oder einstellen müssen. Was - ebenso wie der Titel ab 1936 - auf eine recht starke Nähe dieser Zeitschrift zum österreichischen Klerikalfaschismus hindeuten könnte. Und warum sollte man nicht gerade in solchen Kreisen auch besonders okkult gedacht haben?
 
Abb. 3: Als Beispiel - Eine Titelseite der "Wienern Illustrierten Zeitung" (vom 11. 9. 1921)
"Okkulter Kitsch"

Von "Österreichs Illustrierter Zeitung" erschienen im Jahr 1932 halbmonatlich insgesamt 24 Hefte. Mit mindestens zwei anderen Holzschnitten von Pauer-Arlau war das Heft Nr. 23 vom November 1932 geschmückt. Aber schon ein Heft zuvor, im Heft 22, war - womöglich "vorbereitend" - ein Holzschnitt Pauer-Arlau's erschienen (s. Abb. 4) (2, S. 20).

Abb. 4: Carl Pauer-Arlau: "Salomon und Sibylle", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Die biblische Seherin Sibylle in der Mitte prophezeit dem sagenhaften biblischen König Salomon, der rechts sitzt. Im Vordergrund sitzt womöglich der gleiche okkultgläubige, wahrsagergläubige, astrologiegläubige Schreiber und "Studierende", den wir schon von der "Vision 'Das Schicksalsrad'" aus Abb. 2 kennen (ein Selbstbildnis Pauer-Arlau's?). Sitzt die Sibylle auf einem Dreibein - oder um was für ein Gerüst handelt es sich vor ihr? Auf jeden Fall steht hinter ihr die Sonne so, daß der Eindruck eines buddhistischen Heiligenscheines erweckt wird. Auch die den Holzschnitt umgebenden und allerwärts schmückenden Schriftzeichen muten zumeist mehr östlich-orientalisch als europäisch an. Über der Sibylle dreht übrigens wieder ein "himmlischer" Mensch am vierspeichigen Schicksalsrad Europas oder der Menschheit.

Auch dieser Holzschnitt ist also, wie man sieht, "voller Zeichen und Wunder". Es soll ja auch ein "wundervoller" Orakelspruch dargestellt sein.  Der hintergrundpolitikkritische Autor Hermann Rehwaldt, der vor einem neuen Weltkrieg warnen will, der für das "Schickalsjahr" 1941 angekündigt ist, bringt diese Holzschnitte in seinem kurz vor Kriegsausbruch 1939 erschienenen und deshalb bis heute keineswegs unbedeutend gewordenen Buch "Weissagungen" und schreibt zu dem Holzschnitt "Salomon und Sibylle" (2, S. 20):
Diese Seite aus "Österreichs Illustrierter Zeitung" vom November 1932 kann die Geisteskost des "christlichen Ständestaates" und der "Vatikan-Kolonie" Deutschösterreich der Dollfuß-Schuschnigg-Zeit veranschaulichen. Hier schwelgt der Zeichner in der vollkommen induziert irren Kabbalistik des 6. und 7. Buches Moses. Ein (...) okkulter Kitsch, der lediglich den finsteren Zielen der "Weisen von Tibet" - und von Zion, sowie des okkulten Jesuitenordens - dient.
Diese Deutung klingt plausibel und wäre interessant, daß so viele westliche und östliche "esoterische" Geistesströmungen und Priesterkasten zugleich Einfluß zu nehmen auf die künstlerische Darstellung dieses Künstlers. Haben klerikalfaschistische Kreise auf diese Weise auch zwei konkurrierende Priesterkasten "mit ins Boot" nehmen wollen? So wie es im gleichen Jahr 1932 ja auch rund um die Machtergreifung Adolf Hitlers geschehen ist? Die vorausgesagt und ermöglicht worden ist durch Astrologen (Hanussen), Freimaurer (Schacht, von Papen), katholisches Zentrum und wohl nicht zuletzt auch durch allerhand "Weise von Tibet" ... - ?  

Abb. 5: Carl Pauer-Arlau: "Materialismus", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung" (s.a. Ebay)
Zu dem weiteren Holzschnitt "Materialismus" des Heftes 23 von "Österreichs Illustrierter Zeitung" des Jahres 1932 schreibt Hermann Rehwaldt (2, S. 137):
Dieses (...) Bild zeigt die okkulte Auffassung des Fischezeitalters. Christus, Alkohol, Nikotin, Geldwirtschaft, Dirnenwesen - das sind nach dieser Auffassung die Merkmale des Fischäons, die kurz und bündig mit Materialsimus bezeichnet werden und im Wassermannzeitalter "überwunden" werden sollen.
Und zum Übergang vom Fischzeitalter zum Wassermannzeitalter "muß" eben dieses Schicksalsrad gedreht werden - - - über Schwert, Granateinschläge, Sowjetstern, Hakenkreuz und sonstige "Geburtswehen" eines neuen Zeitalters hinweg. Wie Rehwaldt erläutert an anderer Stelle anhand der Schriften von damaligen Okkultgläubigen wie Hans Kunkel ("Das große Jahr", 1922) oder Karl Strünckmann ("Adolf Hitler und die Kommenden", 1932), letzterer sicherlich einer der vielen buddhistischen "Weisen aus Tibet".

Abb. 6: Carl Pauer-Arlau: "Der Tanz um das goldene Kalb", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Und auch zu dem Holzschnitt "Der Tanz um das goldene Kalb" des Heftes 23 von 1932 schreibt Hermann Rehwaldt (2, S. 139):
Dieser "Tanz um das goldene Kalb" (...) veranschaulicht den Übergang vom Fischezeitalter zum Wassermannzeitalter. Während im Abendland der wehrhafte Mensch (Offizier) Christus gegenüber ans Kreuz genagelt und orgiastische Tänze um das goldene Kalb-Kapital aufgeführt werden, geistert im Hintergrunde die Asiatenfratze der auferstehenden "goldenen Horde" des mongolischen Propheten Gaimar als Symbol der Vergeltung und Erlösung der sündigen Welt und ihrer restlosen Unterwerfung unter die Gewalt des "Herrn der Welt".
Tatsächlich liegen unter dem linken Kreuz ein mittelalterlich oder frühneuzeitlich anmutender Helm - oder ist es ein Stahlhelm des Ersten Weltkrieges? - und ein Degen. Auf dem linken Kreuz sind die Buchstaben "Offiz" zu erkennen. Und tatsächlich trägt die "Asiatenfratze" ein geflochtetes Mongolen- oder Asiaten-"Schwänzchen" als Haarschmuck. Wäre also für die Zeit nach 1941 innerhalb des eingangs behandelten Schicksalsrades eine solche Asiatenfratze hinzuzudenken?

In jener Zeit erwartete ja auch der einflußreiche Hochgradfreimaurer und völkische Okkultschriftsteller und Logengründer Paul Köthner eine Eroberung Europas "durch Asien" in seinem Okkultroman "Pandaimonion" (wozu noch Beiträge hier auf diesem Blog erscheinen sollen). - Diese Holzschnitte zeigen jedenfalls eine düstere Welterfahrung auf und lassen nicht den Eindruck aufkommen, als ob Okkultgläubige und Okkultlogen im Jahr 1932 besonders viel besonders Günstiges für die Zukunft des Menschen des europäischen Erdteils vorauszusagen hatten. Oder sicherlich angemessener gesagt: in Planung hatten.

(etwas überarbeitet 24.5.2013, 13.41h)
______________________
  1. Tyradellis, Daniel (Hg); Friedlander, Michel S. (Hg): 10 + 5 = Gott: Die Macht der Zeichen.  Dumont Buchverlag, Köln 2004 (318 S.)
  2. Rehwaldt, Hermann: Weissagungen. Ludendorffs Verlag, München (August) 1939
  3. Coster, Charles de: Herr Malewin. Mit Mit (einschl. Titel) 15 blattgr. Original-Holzschnitten von Carl Pauer-Arlau. Arthur Wolf, Wien 1921 (97 S.)  
  4. Pauer-Arlau, Carl: Was ist Original-Graphik? Wander-Ausstellung. 1933 (140 S.) 

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