Wenn das eigene Leben zum "Roman" wird, dann kann ja auch einmal ein Roman zum Leben selbst werden. Oder nicht?
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| Abb. 1: Eine Studien-Zeichnung des italienischen Malers Pietro da Cortona (1596-1669) |
"So etwas gibt es nur im Roman" - ? So etwas kommt "höchst selten" vor? Soll von vornherein ausgeschlossen sein, daß das eigene Leben ein Roman sein könnte? Oder kennen wir nur Romane, die mit dem wirklichem Leben nichts zu tun haben, daß wir so sprechen können? Spielen denn alle Romane - sozusagen - in Wolkenkuckucksheimen?
Die Zeit ist aus den Fugen!
Die Zeit nach 1945 war die Hochzeit des Existentialismus. Er wurde - und wird immer noch und weiterhin - allerseits propagiert. Ob das nun wahrgenommen wird oder nicht. Wenn man die Zeit vor 1945 ebenfalls mit einem Schlagwort kennzeichnen möchte, so würde wohl gesagt werden können, daß sie beherrscht war - sozusagen - von Idealismus. Zumindest kann das für Deutschland gesagt werden. Mit all dem ist nicht gemeint, was Politiker "reden". Damit ist gemeint, was Menschen - alltäglich - auf der Straße leben - zumindest auch leben. Es ist damit gemeint, welche Bücher gelesen werden. Und es ist damit gemeint, was in Schulen und in Ferienfreizeiten der Jugend als "Ideal" gelehrt wird.
Dem Zusammenbruch aller "idealistischen" "Illusionen" in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der "Trümmerliteratur" (Wiki), in der "Kahlschlagliteratur" - "nomen es omen" - im Geist der "Ohne mich"-Haltung nach all den erschütternden Erfahrungen von 1939 bis 1947 etwas entgegen zu stellen, das - dennoch - "Bestand" hat, das "trägt", einen Roman zu schreiben, dessen Inhalte es eben nicht nur "im Roman" gibt, sondern der das Leben selbst ist, dies war die Aufgabe, die der österreichische Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki) in den schweren Jahren nach 1945 sah.
Und diese Aufgabe hat er gelöst.
Als Leser ist man völlig "verdattert" und fragt sich: Wie schafft er das?
Noch heute ist das Leid, das 1945 zu tragen, zu verarbeiten war, völlig unverarbeitet. Noch heute stehen wir - als Volk, als Kulturraum, als Nation - genau dort, wo unsere Vorfahren im Jahr 1945 gestanden sind. Dem Wesen und der Sache nach hat sich seit 1945 nichts geändert: Vorherrschender Existentialismus, Materialismus, Zynismus, Desillusionierung, flüchten in seichte Oberflächlichkeit oder tiefste Verbitterung auf der einen Seite - und auf der anderen Seite: eine kleine, sehr kleine Minderheit, die - demgegenüber, sozusagen - danach strebt, "das Herz auf dem rechten Fleck" zu behalten, die danach strebt, daß Idealismus, Ideale, Werte, Anständigkeit, Redlichkeit, Liebe, Liebe zur Heimat, Liebe zum heimatlichen Boden keine leeren Worte bleiben, sondern gelebt sind, "authentisches" Leben bleiben.
Mit jedem Jahr wird die innere Not jener, die sich um Letzteres bemühen, größer.
Dabei war sie doch schon im Jahr 1945 so gar nicht zu begreifen - - -
Vom Hausruck und Linz in Oberösterreich über Mattersburg, Budapest nach Kikinda und Temeschwar und zurück (GMaps) - diesen Weg läßt der Schriftsteller Springenschmid seine Romanfigur "Novè" gehen. Er läßt sie gehen einen schweren, von tiefem Leid geweihten Weg. Ungefähr im Jahr 1949. Am Weg liegt das Massengrab, in dem ihre Eltern verscharrt liegen. Am Weg liegen Stätten des Grauens und der Verwüstung. Am Weg trifft sie auf Menschen, die durch den Kommunismus verändert wurden und auf solche, die unverändert blieben. Er läßt sie Schwerstes erleben. Und den Roman bewegt die Frage: Wird die Romanfigur durch dieses Erleben verändert oder bleibt sie - im tiefsten Innern - was sie war. Er zeichnet dabei - - - ein "Mädchenschicksal zwischen Ost und West".
Immer wieder erneut legt man den Roman zutiefst erschüttert beiseite.
Höchste Werte - aber nicht auf Propaganda-Plakaten vor sich her getragen, sondern in stiller, ehrlicher, unmittelbarer Trauer - oder Freude - ganz nach innen gelebt. Ohne zu beachten, ja, ohne überhaupt nur zu fragen, was "all die anderen" denken, reden, tun. Sich selbst der Maßstab sein. Sich über jene - wenigen - freuen, die noch "ein Herz haben". Mit jenen nachsichtig sein, denen das Herz - aus welchen Gründen auch immer - unter Verbitterungen oder Oberflächlichkeiten - zeitweise - verschüttet wurde.
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| Abb. 2: Blick vom Hausruck nach Süden zum Hochgebirge des Salzkammergutes (GMaps) (hier vom Botanischen Garten Frankenburg) |
Wer diesen schweren Weg nicht gegangen ist - mit der Romanfigur "Novè" - wie will der sich in der Zeit der Orientierungslosigkeit von heute noch zurecht finden? Wie will der noch den rechten Weg finden? Man legt den Roman so erschüttert weg, daß man eigentlich nur noch in diesem Roman weiter leben möchte. Weil man sich nur dort - in diesem Roman - "echt" fühlt. Weil das eigene Leben gegenüber diesem Roman sich so unendlich schal, hohl anfühlt, außerhalb des "Eigentlichen" stehend.
Ist dieser Roman nicht wie eine moderne "Bibel" oder besser: wie ein "heiliges Buch"? Da in ihm so durch und durch heilige Wege begangen werden, Inhalte behandelt werden - ? Ohne alle Aufdringlichkeit?
Wer möchte, könnte in dem Roman einen vergleichsweise seichten Mädchenroman sehen und lesen. Er könnte einen Roman darin lesen, der mit viel Oberflächlichkeit dahin plätschert. Die schweren, tragischen Inhalte drängen sich dem Leser nicht auf. Sie sind - wenn man so sagen will - fast "versteckt". Hat man sie aber einmal entdeckt, lassen sie einen nicht mehr los. Die schütteln einen durch und durch. Sie drehen das Inwendige nach außen.
Ein Roman kann wie Musik sein: leichte, fröhliche, heitere Töne --- und zwischendurch klingen dunkle, drohende, erschütternde Akkorde auf - aus tiefer Tiefe. Kontrabässe und Chelli steigen aus dem Dunkel, markieren das Dunkle, das Drohende, Abgründige. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Geigen und Flöten blickt erschreckt auf all das Drohende, bleibt aber doch in der Leichtigkeit, die ihnen eigen ist. Aber mag auch sein, daß die Musik zeitweise fast ganz abbricht. Weil so viel Grauen gar nicht mehr in Musik - oder Worte - gefaßt werden kann.
Der Roman spielt zu Anfang und am Ende im Hausruck, einem langgestreckten Höhenzug nördlich vom Salzkammergut zwischen Salzburg, Passau und Linz. Man blickt von dort über hügelige Bauernlandschaft auf das ferne Gebirge des Salzkammergutes (Abb. 2). Karl Springenschmid kannte diesen Hausruck sehr gut. Denn er beschreibt ihn auch in seinem autobiographischen Roman "Der Waldgänger" als verborgenen Weg all jener Menschen, die im Jahr 1945 auf der Flucht oder auf dem Weg in ihre Heimat waren und die dabei möglichst wenig mit den neuen Besatzungsmächten in Berührung kommen wollten. Ihnen fühlte er sich verbunden. Der Roman spielt zwischen Eberschwang und Pattingham (GMaps).
Der Roman spielt beim "Bauern in der Röth". Man könnte denken, daß das angespielt ist auf die Gemeinde Rödt (Wiki), neun Kilometer südlich von Ried im Innkreis. Fünf Kilometer nördlich von Rödt liegt "Schachen". Im Roman ist von einem "Schacha" die Rede. Beide können aber kaum identisch sein, denn zu dem "Schacha" des Romans kommt man nach langen Wegen durch den Wald und es hat Ausblick nach Süden, zum Gebirge zu. Vielleicht dachte Springenschmid bei dem Schacha im Roman an eine Waldinseln bei Oberedt, von wo man vielleicht einen ähnlichen Ausblick nach Süden hat wie in Abbildung 2 zu sehen.
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| Abb. 3: Die französische Schauspielerin Danielle Darrieux - der die Novè des Romans ähneln soll (S. 269) |
Erwähnt werden im Roman die Ortschaften: Riegerting, Waldzell, Pattingham, Rödt, Schachen, Eberschwang, Baumbach, Ried im Innkreis und Haag am Hausruck (GMaps). Diese Ortschaften sind gegenüber den anderen Inhalten des Romans so "nebensächlich", man liest so leicht darüber hinweg, daß man sie im Roman erst konzentriert suchen muß, um sich klar zu machen, wo dieser Roman eigentlich spielt. Spielt er nicht - eigentlich - "über" Raum und Zeit, spielt er nicht eigentlich jenseits von Raum und Zeit?
Man kann es auch so sagen: Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, das Schicksal nacherlebbar zu machen, das Tausende, Millionen erlebt und erlitten hatten, und es neu vor sie hinzustellen und sie es diesmal - wenigstens im Roman - "bestehen" zu lassen. Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, "leicht" an dieses Schicksal zu rühren, zu erschüttern - aber ohne die Gegenwart selbst dabei zu verlieren oder gar ins Abseits des Lebens zu geraten.
Als die "Trümmerliteratur" zur allein selig machenden Literatur erklärt wurde in Deutschland, lag darin schon beschlossen, was spätestens im Jahr 2015 mit so großer Macht - und scheinbar "plötzlich" - sichtbar werden sollte: nämlich daß ein Volk, das Herzvolk Europas, nicht mehr leben will. Daß es sich nicht mehr zum Leben aufraffen will. Daß ihm die Simulation eines Aufraffens - in Form von "Politik" - ausreicht. Alles das lag schon in dem Umstand, daß den Menschen Trümmerliteratur "genug" war. Daß sie nicht nach anderem fragten.
"Politik" beendet seit 2015 nur, was die Herzen schon zuvor in vielen Jahrzehnten entschieden hatten.
Der eigentlich repräsentative Roman der deutschen Nachkriegsliteratur, der möchte, daß die Deutschen als Volk lebendig bleiben, hieß und heißt "Novè". Er erschien im Jahr 1951. Er ist eingerahmt von zwei weiteren Romanen desselben Autors, nämlich von dem Roman "Das unerreichbare Herz" aus dem Jahr 1949 und von dem Roman "Das goldene Medaillon" aus dem Jahr 1953. Alle drei Romane behandeln Frauen- bzw. Mädchenschicksale.
"Novè" ist der Nachkriegsroman der Deutschen.
Denn man muß verstehen, auf wie vielen Trümmern von Leid unser Jahrhundert und das deutsche Schicksal seither errichtet ist. Diese Trümmer von Leid werden durch den Existentialismus nicht adressiert.
Und man muß verstehen, daß derjenige, der nicht wirklich froh ist, auch die unergründlichen Berge von Leid nicht ermessen kann, denen alle Fröhlichkeit und Leichtigkeit zu erliegen drohen.
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| Abb. 4: "Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West" |
Der Roman ist gewidmet "Dem Gedenken der Mädchen von Cernje". Was es damit auf sich hat, soll in einem anderen Blogartikel behandelt werden.




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