Montag, 16. März 2015

"Beseelungswissen" - Bei Peter Sloterdijk und bei Mathilde Ludendorff

Peter Sloterdijk's "Du mußt dein Leben ändern" (2009) und Mathilde Ludendorff's "Selbstschöpfung" (1927)
- Einige erste Vergleichspunkte

2009 - Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern
Das Buch von Peter Sloterdijk aus dem Jahr 2009 über die Selbständerungsmöglichkeiten des Menschen enthält viele ungewöhnliche, begeisternde Grundgedanken und Sichtweisen. Als einen Mangel des Buches mag man es empfinden, dass die Begeisterung für diese Grundgedanken und Sichtweisen durch eine intensive und gründliche Lektüre der vielen hundert Seiten dann nicht in jedem Fall vergrößert wird, sondern eher die Tendenz hat, sich zu verflüchtigen. Legt man es dann aber für ein paar Tage - oder Wochen oder Jahre (der Autor dieser Zeilen sogar für sechs Jahre) - erschöpft zur Seite, kann es gut sein, dass man nach dieser Zeit feststellt,  dass man die genannten Grundgedanken und Sichtweisen immer noch so begeisternd findet wie zuvor.

Auf diese Weise kann eine Art Hassliebe zu diesem Buch entstehen. Vielleicht die beste Voraussetzung, um sich an einem Buch "abzuarbeiten" und dabei - zu "üben", sprich, sich weiterzuentwickeln, sich menschlich zu ändern und zu reifen - also um das Kernthema dieses Buches gleich selbst in die Praxis umzusetzen.

Die deutsche Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) hat übrigens schon im Jahr 1927 für den Begriff "Anthropotechnik", also für die übende Selbsterschaffung, Selbstgestaltung des Humanen durch den Einzelmenschen den Begriff "Selbstschöpfung" verwendet. Sie ist eine geistig zentrale Figur der deutschen völkischen Lebensreform-Bewegung der 1920er und 1930er Jahre und es gibt viele Hinweise darauf, dass ein nicht geringer Teil ihres Gedankengutes und ihrer Erkenntnisse noch heute große Bedeutung haben. Vielleicht ist das ja auch der Hauptgrund, weshalb ihr Gedankengut zumeist in Bausch und Bogen als unseriös und "höchst gefährlich" abgetan wird. Zumindest eine kritische, alternative Öffentlichkeit sollte sich solche Tabuisierungen nicht mehr gefallen lassen. Dieser Blog jedenfalls bemüht sich, sie zu vermeiden.

Bei genauerem Hinsehen macht der genannte Vergleich nämlich außerordentlich viel Sinn. Und dazu sollen im folgenden einige erste Andeutungen, Versuche gegeben werden. Es macht Sinn, diese beiden Denker einander gegenüber zu stellen, sie miteinander zu konfrontieren, sie zu vergleichen und sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin zu prüfen. Das ist aber ein fast unerschöpfliches Thema. Im vorliegenden Beitrag sollen dazu zunächst nur vier Themenbereiche behandelt werden und auch diesbezüglich sollen bestenfalls einige Ideen angedeutet und umrissen werden: 1. zum Thema Vertikalspannung, 2. zum Thema Sezession und Ruhephasen, 3. zum Thema Brainwashing, 4. zum Thema Sinn des Weltalls und Lebens überhaupt, 5. zum Thema Altruismus.

Man könnte sicherlich einen großen Teil des Inhaltes des genannten Buches von Mathilde Ludendorff ("Selbstschöpfung", 1927) in den Begrifflichkeiten von Sloterdijk's "Anthropotechnik" neu formulieren. Vielleicht werden wir das auch noch einmal ausführlicher versuchen. Im folgenden jedenfalls erste vortastende Erkundungen auf diesem Gebiet.

1. Zum Genie-Begriff - Thema "Vertikalspannung"

Vielleicht läßt sich sagen, dass es wenige Übungsprogramme gibt, die eine ähnlich große Vertikalspannung in sich bergen wie dasjenige von Mathilde Ludendorff. Dieser Umstand lässt einen unter anderem die Frage stellen: Warum benutzt Sloterdijk nicht - wie Mathilde Ludendorff (1) - den Genie-Begriff? Würde er die Vertikalspannung, an der ihm doch - und mit Recht - so viel liegt und gelegen sein muss, nicht erheblich vergrößern, verdeutlichen und explizit machen? Die großen Künstler, Komponisten, Dichter und Denker der Geschichte, die großen Politiker der Geschichte, sie waren doch ohne Zweifel Genie's. Und wer wenn nicht sie waren die Vorbilder, die "Trainer", die Übungsanleiter der Sich-selbst-ändern-Wollenden in der Geschichte und auch noch heute.

Nur weil wir solche heute nicht mehr anzutreffen glauben, "Genie's" also, heißt das doch nicht, dass wir auf den Genie-Begriff an sich verzichten müssten. Auch heute noch können wir doch Michelangelo, Beethoven, Rilke, Kant "Genie's" nennen? Wer hindert uns daran? Und dann stellt sich doch die Frage: Wie "übt" eigentlich ein "Genie"? Darüber sagt Sloterdijk, soweit ich sehe, herzlich wenig. Er redet lieber über Sportler, Behinderte, "Artisten", Mönche, also alles Berufsgruppen, die sich gerade nicht im Kernbereich der Kultur und der Kulturgeschichte bewegen, im Kernbereich auch des "Human Accomplishment" eines Charles Murray.

1927 - M. Ludendorff - Selbstschöpfung
Ein Genie übt doch ganz anders als all diese anderen Berufsgruppen. Und auf sein Übungsprogramm fokussieren, hieße doch erst, die ganze Problematik des "übenden Menschen" in ihrem vollen Umfang zu übersehen und zu behandeln. Und zwar in ihrer Bedeutung für das Überleben unserer Kultur. Hier erst würde das "Prekäre" sichtbar (1). Nämlich dass Genie-Sein, dass das Geniale sich niemals so wenig von selbst verstanden hat wie heute. Aber warum eigentlich?

Weil wir längst genau dort angekommen sind, wohin Nietzsche in seiner Vorrede zum Zarathustra die Menschheit sich hinentwickeln gesehen hat. Wir glauben gar nicht mehr ans Geniale, ans Geniehafte. Wir wollen auch selbst - in dem uns gegebenen Rahmen - keine Genies sein, keine echt genialen Lebenskünstler. Oder? Denn ein genialer Lebenskünstler könnte doch letztlich jeder sein. Und allein schon eine solche Möglichkeit würde uns doch sehr viel Verantwortung auferlegen, etwa, mit uns selbst und anderen achtsam umzugehen.

Und könnte man denn nicht jene Sehsucht aller "Rennaisance-Menschen" und damit offensichtlich auch Sloterdijk's sein, dass es in der Welt wieder eine ähnliche Genie-Dichte gäbe wie im antiken Griechenland? Als fast jedes Dorf, jede Stadt ein Genie hervorbrachte? Und das innerhalb weniger Jahrhunderte? Wäre dies nicht das einzig Notwendige, wäre womöglich nicht genau das jene "Mindestproduktion innovativen Wandels" ("marginal production of innovative change"), die Joseph A. Tainter als notwendig ansieht, um dem "Collaps of Complex Societies" (so der Titel seines wertvollen Buches, erschienen lange vor dem viel oberflächlicheren Buch zu diesem Thema von J. Diamond) zu entgehen?

Genial, das ist doch das, was Sloterdijk zum Ausdruck bringen will, wenn er an ziemlich zentraler Stelle seiner Argumentation auf die "Gipfel des Unwahrscheinlichen" Bezug nimmt, die von der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf dieser Erde immer wieder erreicht worden sind nach der eingängigen Deutung von Richard Dawkins. Ist nicht jede Tier- oder Pflanzenart für sich und jedes echte Kulturwerk, jede echte Kulturtat eine Genialität auf seine Weise? Dementsprechend auch ähnlich gefährdet wie alles Geniale in dieser Welt? Und kann dementsprechend nicht jeder Mensch ebenso genial werden als der einzigartige, nie wiederkehrende Mensch, der er ist?

Und wie will man denn dem auch von Sloterdijk favorisierten "Prinzip Verantwortung" des Hans Jonas (und der Mathilde Ludendorff) gerecht werden - ohne Genialität? Wurde jemals etwas Entscheidendes und Durchbrechendes geleistet in der Menschheitsgeschichte - ohne Genialität? Ob man es nun jeweils so genannt hat oder nicht.

2. Sezession, Immunsystem

Natürlich setzt sich das Genie in Gegensatz zu den Menschen um es herum, die keine Anflüge ans Geniale haben und haben wollen. Und genau damit fängt die Problematik erst wirklich an, wie Sloterdijk ebenfalls ganz richtig erkennt. Nämlich mit der schlichten Frage: Wie hält man es aus, einsam zu sein? Auch diese Thematik behandelt Sloterdijk dann aber völlig unzureichend. Natürlich braucht man ein gesundes Immunsystem, um seine Separation, seine Einsamkeit, seine "einsame Höhe" aufrecht zu erhalten. Aber wie hält man es in Gang? Woran erneuert sich das Geniale, das Genie? Womit läßt es sich auffrischen?

Was ebenfalls viel zu unzureichend von Sloterdijk herausgearbeitet wird, ist die Erkenntnis Mathilde Ludendorffs, dass nichts die Menschenseele so verändert, wie die Art ihrer Wahl in Bezug auf das Leben beseelter Sexualität (Mathilde Ludendorff benutzt hierfür die Begriffe Erotik oder Minne). In diesem Umstand vor allem wurzeln all die vielen wesensunterschiedlichen "Askesen", die im Rahmen von Übungsprogrammen in der Menschheitsgeschichte ausgebildet wurden, zuletzt die "innerweltliche Askese" des Protestantismus nach der auch für die Interpretation der Geschichte der Neuzeit so einflussreich gewordenen Deutung von Max Weber. Auf den übrigens Sloterdijk - merkürdigerweise, so weit übersehbar und offenbar folgenreich - kein einziges mal Bezug nimmt in seinem Buch.

Auch fehlen bei Sloterdijk so wesentliche Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs wie die "Nicht Kampf ist Leben allein, nein, jenseits des Kampfes erst ist das Erleben der Seele". Also die Betonung der entscheidenden Bedeutung von Ruhephasen und - sozusagen - der Kontemplation im menschlichen Leben für allen seelischen Wandel, für jede Form von Beseelung.

Aus dieser Erkenntnis heraus kann sie dann auch sagen, dass Seelenwandel und Selbstgestaltung, Selbstschöpfung vor allem in diesen Ruhephasen stattfinden, die sicherlich nicht primär als "Übungen" (etwa gar Meditationsübungen!) aufzufassen sind. Hiergegen  verwahrt sie sich ja mit einer Entschiedenheit, die sichtlich geschult ist an der Tatsache, dass sie mehrere Jahre als Assistentin des Begründers der naturwissenschaflichen Psychiatrie, Emil Kraepelins, gearbeitet hat und dabei viele anschauliche Erfahrungen in psychiatrischen Anstalten machen konnte. Nein, sie betont: Das Erleben der Seele lässt sich - im Gegensatz zur Behauptung vieler Esoteriker, Okkultgläubiger und eben auch vieler psychisch Erkrankter - nicht "üben". Da sein Wesen grundsätzlich die Freiheit, die Spontaneität, die Akausalität ist. So sagt zumindest Mathilde Ludendorff.

Aber sicherlich könnte auch dieser Punkt - angesichts massiver seelischer Beeinflussungen durch die Umwelt von Kindheit an (siehe gleich) - heute noch mancherlei Modifizierung erfahren.

3. Langsamer und schneller Wandel der Seele

Selbstgestaltung und seelische Reifung ist aus der Sicht von Mathilde Ludendorff nun also das langsame Erstarken des - das Geniale, Göttliche erlebenden - Ichs der Menschenseele durch Gewissensprüfungen in Ruhephasen. Und durch das Überprüfen, ob Fürwahrgehaltenes (über einen selbst) auch tatsächlich wahr ist. Diesem langsamen, allmählichen Reifen der Seele stellt sie den selteneren schnellen seelischen Wandel gegenüber, ausgelöst durch seltenes, gottwesentliches Handeln und Erleben. Etwa aus Anlass der Konfrontation mit dem eigenen Tod oder mit dem Tod von Angehörigen, etwa der schon erwähnten Art der Wahl im Leben beseelter Geschlechtlichkeit. Ausserdem bewirkt beim begabten Künstler auch das geschaffene Kunstwerk und die Frage, ob das übrige Leben des Künstlers diesem gerecht wird, ihm würdig ist, Wandel in seiner Seele. So sagt Mathilde Ludendorff.

Auch die große, riesige Thematik des "Brainwashing", der Gehirnwäsche gehört übrigens in den Bereich der Selbst- und Fremdgestaltung menschlichen, seelischen Wandels. Hierzu hat der britische Psychiater William Sargent einen wissenschaftlichen Klassiker geschrieben, dessen Lektüre und Auswertung Sloterdijk's Blickwinkel auf die von ihm gewählte spannende Thematik ebenfalls noch wesentlich hätte erweitern können. Über dieses Thema wäre es in diesem Rahmen wert, noch einen ganz eigenen, weiteren Beitrag zu schreiben. Weil nämlich eine Schlussfolgerung daraus lautet, dass Übung auch heißen könnte, negativen seelischen Wandel dadurch zu vermeiden, dass man sich gegebenenfalls selbst die Anweisung gibt, "not to get emotionally involved", sich in einem gegebenen Fall emotional gerade nicht erregen zu lassen. Hierzu gehört ein ganzes Bündel von Lebenstechniken, die noch einmal genauer zu erörtern wären.

Schnellen Wandel bewirkt im übrigen - nach Mathilde Ludendorff - auch Empörung über teuflische Antriebe in der eigenen Seele oder in der Seele insbesondere nahestehender Mitmenschen. Die Seele entflammt sich, sagt Mathilde Ludendorff, kann sich entflammen mitunter - so vorhanden - an einer "Teufelei" in der eigenen, von den Eltern übernommenen, angeborenen Charakterstruktur. (Mit diesem Entflammtsein an Teufeleien in der eigenen Seele mag auch manches im Zusammenhang stehen rund um das kulturgeschichtlich bedeutsame Phänomen der "Femme fatal". Aber das nur am Rande.) All dieser schnelle Wandel ist - wie jeder Wandel - jeweils auch in beiderlei Richtung möglich. Und wohin - zumal heute - in der Regel diese Richtung bei den meisten Menschen zeigt, bedarf sicherlich keiner Erörterung mehr. Wobei erwähnt werden könnte, dass natürlich schlicht auch Mangel an Empörung über Teufeleien in der eigenen Seele oder in der Umwelt seelischen Wandel bewirken können ... Nämlich gerne auch den heute allzu weit verbreiteten seelischen Tiefschlaf.

4. Überleben - aber wozu eigentlich?

Das Übungsprogramm von Mathilde Ludendorff ist natürlich viel stringenter, viel einheitlicher und darum auch eingängiger auf ein Ziel ausgerichtet, als das Sloterdijk für das kulturgeschichtliche Sammeln von Übungsprogrammen in seinem Buch in Anspruch nimmt und überhaupt nur nehmen kann. Sein Buch bleibt ja eigentlich hinsichtlich der entscheidensten Fragen - soweit übersehbar und typisch existentialistisch? - im Vagen und Ungefähren. - - - Was ist denn nun das Ziel aller Übungen bei Sloterdijk? Nur allein das Überleben der Menschheit hier auf dieser Erde? Klar, er sagt, unhintergehbar ist die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss. Darauf sagt ein Mensch wie - der von Sloterdijk auch ausführlich behandelte - Cioran doch nur zynisch: Und warum sollte dieses Überleben einen Wert haben? Zu dieser Frage nun sagt zwar der von Sloterdijk am Ende seines Buches positiv erwähnte Hans Jonas manches (und das zumeist auch in Übereinstimmung mit Mathilde Ludendorff). Nicht aber, soweit übersehbar, Sloterdijk selbst. Und darauf käme doch nun alles an.

Auch der große unserer Zeit noch nahestehende "Trainer" Konrad Lorenz hat sich um eine Beantwortung dieser Frage nicht herumgedrückt. Er hat dazu sein "Der Abbau des Menschlichen" geschrieben. Alle Bemühungen Sloterdijk's scheinen mir unabgeschlossen zu sein, ungenügend zu bleiben, solange er hierzu nicht zumindest ähnliche Antworten gibt wie Hans Jonas.

Denn sonst könnten doch alle Übungen und Askesen irgendwie zu Übungen des Hamsterrades werden. Üben nur allein um des Übens willen? Um in Form zu bleiben? Damit es nicht langweilig, niveaulos und ohne alle Vertikalspannung bleibt hier auf dieser Erde? Damit "Gipfelpunkte des Unwahrscheinlichen" erreicht werden hier auf dieser Erde? All das bliebe doch alles noch reichlich nebulös und kann in dieser Form doch keinen gesellschaftlichen Aufbruch bewirken.

Für Mathilde Ludendorff dagegen ist die ganze Sache sehr viel unzweideutiger. Das Weltall ist nach ihr entstanden, Leben und bewusstes Leben sind nach ihr in diesem Weltall entstanden, damit das im Weltall sich nur unbewusst manifestierende Göttliche, Geniale (das sich im Gipfel des Unwahrscheinlichen Ausdrückende) von einem Einzelwesen bewusst erlebt wird. Das ist - nach ihr - der Sinn des Weltalls, der Evolution und des Menschenlebens. Da das Wesen des Göttlichen aber Freiheit ist, kann das Göttliche unmöglich allein per Instinkt und zwanghaft erlebt werden. Evolution und Geschichte sind also - nach Mathilde Ludendorff - Bewusstwerden der Freiheit. Sicherlich fast überflüssig zu sagen, dass sie in vielen solchen Dingen natürlich in großen Übereinstimmungen mit den Philosophen des deutschen Idealismus steht, die man sich ja im übrigen auch einmal als Formulierer von wertvollen Übungsprogrammen ansehen könnte. (Ich würde dabei dann mit Hölderlins Gedicht "Zornige Sehnsucht" anfangen und dann weiterhin die Bücher Dieter Henrich's zur Rate ziehen. Auch von diesem wichtigen Autor liest man bei Sloterdijk nichts.)

Jedenfalls: von diesen Grundgedanken her leiten sich bei Mathilde Ludendorff die Selbstschöpfungsmöglichkeiten und das damit verbundene "übende Leben" des Menschen ab. "Der Mensch, das einzige Bewusstsein Gottes" benennt sie eine ihrer intuitiven philosophischen Grundeinsichten, formuliert vor bald hundert Jahren und bis heute von der naturwissenschaftlichen Forschung nicht widerlegt. Im Gegenteil, immer mehr Astrophysiker und -biologen scheinen davon auszugehen, dass bewusstes Leben in diesem Weltall ebenfalls einen "Gipfelpunkt des Unwahrscheinlichen" darstellt und deshalb womöglich nur sehr selten ist (vgl. Buchtitel wie "Rare Earth", deutsch "Einsame Erde"). Und dann vielleicht auch nur ähnlich zeitversetzt, wie dies auch von Mathilde Ludendorff für möglich gehalten worden ist.

4. Altruismus - Kulturheroen, Leistungsträger

Ein anderes wichtiges Thema des Buches von Peter Sloterdijk ist das Thema Altruismus. Vielleicht wird dies deutlicher als im Buchtext selbst anhand des ursprünglichen Buchumschlags (siehe oben) und der Erläuterungen von Sloterdijk zu diesem Buchumschlag in Interviews. Sloterdijk geht nämlich realistischerweise davon aus, dass es in der Menschheit immer nur eine Minderheit von Menschen sind, die den Aufruf "Du mußt dein Leben ändern" ernst nehmen. Sie aber sind die eigentlichen Träger allen kulturellen Wandels und aller kulturellen Weiterentwicklung. Sie bewirken die "Mindesproduktion innovativen Wandels" im Sinne von Tainter. Letztlich sind sie die "Kulturheroen", die "Lichtbringer", auf deren Schultern die nachfolgenden Generationen und die Menschheit überhaupt stehen und an denen also sozusagen "alles hängt" (das bringt das Umschlagbild zum Ausdruck).

Und genau für solche "Menschheitsretter" überhaupt scheint Sloterdijk realistischerweise insbesondere zu schreiben. Es sind immer nur wenige, die die Kultur und die die Menschheit überhaupt retten und weiter voranbringen. Und deshalb ist es so wichtig, dass genau diese wenigen Begabten auch wirklich in Form und in Übung bleiben und sich nicht von den nivellierenden Einflüssen, die sie umgeben, herabziehen lassen und ebenfalls in die allgemein verbreiteten "Horizontal-Entspannungen" verfallen. Dass sie "Inseln des Bestandes" bilden, so wie Werner Heisenberg sein Handeln im Deutschland in der Zeit des Dritten Reiches charakterisiert hat. Und genau dies scheint eines der wesentlicheren und zugleich begeisternden Anliegen auch von Peter Sloterdijk in seinem Buch zu sein.

Und dann erhält es doch gleich noch einmal so viel wert, wenn man es vor diesem Hintergrund aus betrachtet. Deshalb ist auch das ein Gedanke, der künftig noch weiter gedacht werden kann, und der ja auch in der Altruismusforschung der naturwissenschaftlichen Anthropologie, die wir schon häufig auf unseren Blogs behandelt haben, manche Hintergründe findet.

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  1. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung?, auf: Studiengruppe Naturalismus, 25. Dezember 2012

Kommentare:

Herr Schütze hat gesagt…

Vier Antworten zu vier Fragen, die Peter Sloterdijk auch umtreiben:


1) Was treibt die Menschheit voran?

Das Leben und die jeweilige Kultur.

2) Entwickelt die Menschheit sich von Niederem zu Höherem?

Sie entwickelt sich mittels verschiedener Kulturen und in verschiedenen Kulturgruppen in Zyklen, genauer gesagt: in Spiralzyklen. Die Entwicklung verläuft also sowohl zu Höherem als auch zu Niederem. Das ist besonders gut an der Geschichte zu erkennen, aber auch an der Evolution. Die Evolution wird diesbezüglich häufig falsch gedeutet, weil die einzelnen Entwicklungsschritte länger dauern als in der Geschichte.

3) Orientiert sich Fortschritt an Lehren aus der Geschichte?

Genau genommen gibt es den „Fortschritt“ so nicht, und auch dann, wenn es ihn so gäbe und er sich an den Lehren aus der Geschichte zu orientieren vorhätte, würde es ihm zumindest langfristig nicht gelingen, weil er immer wieder von stärkeren Bewegungen zermalmt würde.

4) Ist Geschichte als Progression der und in der Freiheit zu begreifen?

Nein.

Herr Schütze hat gesagt…

„Genie-Dichte ...im antiken Griechenland? Als fast jedes Dorf, jede Stadt ein Genie hervorbrachte?“

Das ist absolut übertrieben. Es gab eine „Dichte“ in dem Ausmaß dort nie.

„Wäre dies nicht das einzig Notwendige, wäre womöglich nicht genau das jene »Mindestproduktion innovativen Wandels« ...?“

Ja und nein.

Ja, weil wir es tasächlich brauchen könnten.

Nein, weil wir es nicht mehr brauchen können.

Der Unterschied liegt eben in dee Möglichkeitsform und in der Wirklichkeitsform.


„Ist nicht jede Tier- oder Pflanzenart für sich und jedes echte Kulturwerk, jede echte Kulturtat eine Genialität auf seine Weise?“

Ja.

„Dementsprechend auch ähnlich gefährdet wie alles Geniale in dieser Welt?“


Es ist ja nicht jede Tier- oder Pflanzenart gefährdet, sondern „nur“ viele, aber eben nicht jede. Diejenigen Arten, die am besten in Form, also am fittesten sind, werden dieses Desaster überleben.

„Und kann dementsprechend nicht jeder Mensch ebenso genial werden als der einzigartige, nie wiederkehrende Mensch, der er ist?“

Nein, nicht jeder Mensch, denn das können nur wenige Menschen, und gegenwärtig sieht es so aus, als könnten es - trotz oder eher wegen der Tatsache, daß die Bevölkerungszahl weltweit enorm steigt - fast keine Menschen mehr.

„Sloterdijk geht nämlich realistischerweise davon aus, daß es in der Menschheit immer nur eine Minderheit von Menschen sind, die den Aufruf »Du mußt dein Leben ändern« ernst nehmen. Sie aber sind die eigentlichen Träger allen kulturellen Wandels und aller kulturellen Weiterentwicklung.“

Ja, und genau die fehlen oder/und werden von anderen Interessen unterdrückt.

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Peter Sloterdijk hätte vielleicht Ähnliches geschrieben wie Mathilde Ludendorff geschrieben hat, wenn er es in etwa zur selben zeit geschrieben hätte wie sie es getan hat.

Ingo Bading hat gesagt…

Zur Geniedichte im antiken Griechenland gibt es sicher genauere Untersuchungen, als ich sie gerade in der Hand habe (vielleicht Charles Murray's "Human Accomplishment"), aber schauen wir allein auf Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Antikes_Griechenland

"Was die Größe der Bevölkerung betrifft, gibt es nur äußerst grobe Schätzungsversuche. Für den Zeitpunkt, an dem die Bevölkerungszahl ihren Höhepunkt erreichte, schätzt man für das gesamte antike Griechenland 4 Millionen Menschen (davon 2 Millionen in den Kolonien). Die Polis Athen erstreckte sich über ganz Attika auf 2600 Quadratkilometer und hatte im Jahr 435 v. Chr. grob geschätzte 250.000 bis 300.000 Einwohner (darunter 100.000 Sklaven und 60.000 männliche erwachsene Bürger), im Jahr 325 v. Chr. nur noch etwa 150.000 bis 250.000 Personen (darunter 50.000 Sklaven und 20.000 männliche erwachsene Bürger). Die Region Attika hatte die höchste Bevölkerungsdichte Griechenlands, nämlich zwischen 45 und 80 Einwohner pro Quadratkilometer (im Jahr 2005 waren es 3812). Insgesamt kann man von ca. 1000 griechischen Poleis im Mittelmeerraum und am Schwarzen Meer ausgehen, von denen weniger als die Hälfte mehr als 2000 Einwohner hatte und nur 15 % mehr als 5000."

Diesen 4 Millionen Einwohnern des antiken Griechenland stehen 180 Millionen Bewohner Europas um 1800 gegenüber - um nur IRGENDEINEN Vergleich zu nehmen. Bekanntlich stieg die Zahl nach 1800 rasant an und ist dann auch Nordamerika, Australien etc. hinzuzurechnen.

Insofern dürfte die Geniedichte Griechenlands bei weitem die der Europäer und Europäischstämmigen seit der Frühen Neuzeit übersteigen.

Ingo Bading hat gesagt…

"Höher" und "niedriger" in Bezug auf Evolution und Kulturentwicklung könnte missverständlich sein. Wahrscheinlich ist es richtiger zu sagen komplexer und weniger komplex. Dann natürlich ist auch schon einzelliges Leben gegenüber der unbelebten Natur unvergleichlich "hochstehend". Würde aber für sich überhaupt keine Ahnung davon geben, was alles "DANACH" noch kommen kann.

Die Evolution verläuft zu weniger Komplexem, ohne Frage. Die GESAMTTENDENZ der Weltall-Entwicklung, der Entwicklung des Lebens auf der Erde und der Entwicklung menschlicher Kultur auf der Erde war bis HEUTE immer die zu MEHR Komplexität. Auch "Fortschritt" so verstanden, ist natürlich als GESAMTTENDENZ aller Entwicklungen in diesem Weltall unübersehbar.

Und es ist ebenso unübersehbar geworden, dass noch niemals der Mensch selbst so viel Verantwortung für die weitere Entwicklung selbst trägt als heute.

Herr Schütze hat gesagt…

„»Höher« und »niedriger« in Bezug auf Evolution und Kulturentwicklung könnte missverständlich sein. Wahrscheinlich ist es richtiger zu sagen komplexer und weniger komplex.“ - Ingo Bading.

Nein. „höher“ und „niedriger“ sind schon genau die richtigen Wörter. Außerdem kann sich fast jeder darunter etwas ganz Konkretes vorstellen. Dagegen sind die Wörter „komplexer“ und „weniger komplex“ mißverständlich, weil zu allgemein und zu ungenau. Außerdem ist der Ausdruck „weniger komplex“ für den Komparativ, um den es geht, nicht gut genung geeignet.

„Und es ist ebenso unübersehbar geworden, dass noch niemals der Mensch selbst so viel Verantwortung für die weitere Entwicklung selbst trägt als heute.“ - Ingo Bading.

Der Mensch? Welcher? Es ist doch so, daß überhaupt kein Mensch Verantwortung übernehmen will, also auch keine übernimmt und von daher de facto keine trägt. Zwar ist Verantwortung de jure gefordert - also: auf dem Papier (!) -, aber de facto schert sich kein Mensch darum.

„Insofern dürfte die Geniedichte Griechenlands bei weitem die der Europäer und Europäischstämmigen seit der Frühen Neuzeit übersteigen.“ - Ingo Bading.

„Geniedichte“ ist eine viel zu sehr verwissenschaftlichte Komposition, als daß man sagen könnte, was beide Wortteile im wissenschaftlichen Sinne genau bedeuten. Der eine spricht von „Genie“ und meinet einen „Bekloppten“, der andere spricht von einem „Genie“ und meint einen „Gottmenschen“, wieder ein anderer kann mit dem Wort gar nichts anfangen. Das verwissenschaftlichte Wort „Dichte“ verweist zunächst auf die Physik, wo das Wort „Dichte“ seine Wissenschaftsgeburt hatte. Wie will man aber exakt bestimmen, was „Geniedichte“ bedeutet, wenn man sich noch nicht einmal einig darüber ist, was ein „Genie“ überhaupt ist? Sollen wir über die „Autistendichte“ oder lieber über die „Gottmenschendichte“ sprechen? Sollen wir den Begriff im Sinne des Deutschen Idealismus und speziell im Sinne der Deutschen Romantik verwenden? Die Komposition „Geniedichte“ ist viel zu komplex (siehe oben), als daß man wirklich wissenschaftlich Brauchbares mit ihr gewinnen könnte. Mein Einwand in meinem letzten Beitrag bezog sich insbesondere auf Ihre Aussage, daß in den klassischen Zeiten des antiken Griechenlands „fast jedes Dorf, jede Stadt ein Genie hervorbrachte“. Ich finde nach wie vor, daß es übertrieben ist zu sagen, jedes Dorf des antiken Griechenlands habe zu klassischen Zeiten ein Genie hervorgebracht.

Heute werden Genies weggesperrt, mit der chemischen Keule behandelt, zu Opfern der pharmazeutischen Industrie gemacht und ansonsten völlig ausgemerzt. Das politische Programm der negativen Eugenik, der Dysgenik also, läuft auf Hochtouren. Wer wagt es da noch, eine möglichst hohe Geniedichte anzupeilen?

Ingo Bading hat gesagt…

Sie scheinen sehr pessimistisch zu sein, was die weitere Kulturentwicklung in Europa und der Welt betrifft. Das ist ihr gutes Recht. Pessimistisch zu sein, kostet nicht viel und hat alle "Realitätsnähe" auf seiner Seite.

Wie Sie ja vielleicht gesehen haben, argumentieren Peter Sloterdijk, Mathilde Ludendorff, der genannte W. Heisenberg, auch Hans Jonas - und so auch ich - NICHT von einem "bloß"-pessimistischen Standpunkt aus.

Es wird anerkannt, dass die Zeiten schwer sind, fast zu schwer. Und es wird dennoch mit Luther oder Hoimar von Dithfurt gesagt: "... So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen". Was kann sonst Sinn machen? Ich wüsste es nicht. Lamentieren jedenfalls wenig.

Ich entnehme dem bisherigen Verlauf der Evolution und der Kulturentwicklung, dass das Wertvollste immer auch über die schlimmsten Krisen und Umbrüche hinweg gerettet wurde und dann Ausgangspunkt wurde von - sozusagen - "herrlichen" Weiterentwicklungen. Es ist ein hoher Anspruch, das von der eigenen Gegenwart und näheren Zukunft zu erwarten. Meine Ausführungen sollte dabei verstanden werden als im Einklang stehend mit dem Wort von Wilhelm von Humboldt:

"Aller wahren Moral erstes Gesetz: bilde dich selbst - und erst ihr zweites: Wirke auf andere durch das, was du bist."

Wir sollen also an uns selbst arbeiten. Sich da an anderen Menschen zu orientieren, zumal in heutiger Zeit, könnte sehr in die Irre führen und öffnet natürlich dem Pessimismus Tür und Tor. Erst recht, wenn man in sich selbst nichts anderes findet als bei anderen.

Von "Gottmenschen" übrigens weiß ich nichts. Solche Ausdrücke lassen mich hindurchspüren, dass Sie von anderem Boden aus argumentieren, als ich und die genannten Autoren.

Herr Schütze hat gesagt…

Ich beschreibe nur, und das hat mit Pessimismus und Optimismus erst einmal gar nichts zu tun.

Kennen Sie das neue Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ von Peter Sloterdijk und einige Rezensionen dazu? Viele Rezensenten glauben in dem Buch einen „pessimistischen“ Peter Sloterdijk gesehen zu haben. „Pessimismus“ wird viel zu oft als ein Totschlagargument benutzt. Da auch Sie dieses benutzt haben, werden Sie es mir sicherlich nicht verübeln, wenn auch ich es jetzt benutze: Ihre Texte beinhaltet viel Pessimismus, besonders im Sinne einer Prämisse. Aber mich stört es nicht, weil es darauf gar nicht ankommt. Möchten Sie lieber ein Optimist sein? Optimismus wurde und wird ja auch stets in Diktaturen verordnet, ja befohlen.

Mir geht es um die Wirklichkeit, um die gewordene, um die werdende und um die werdend werdende Wirklichkeit.

Herr Schütze hat gesagt…

„Von »Gottmenschen« übrigens weiß ich nichts. Solche Ausdrücke lassen mich hindurchspüren, dass Sie von anderem Boden aus argumentieren, als ich und die genannten Autoren.“ - Ingo Bading.

Sie scheinen ja eine sehr lockere Interpretation zu bevorzugen. Ich habe lediglich von Beispeilen gesprochen und zuvor bei der Auswahl darauf geachtet, daß sie möglichst unähnlich sind. Ihre willkürlichen Interpretationen lassen mich bestimmte Schlüsse ziehen und hindurchspüren, daß Sie von einem anderen Boden als dem der Wissenschaft aus „argumentieren“.

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