Samstag, 30. Mai 2015

Eine geheime Diktatur im Innern vorgeblich offener, freier Gesellschaften

Zur Totalitarismus-Theorie demokratischer Staaten und Gesellschaften
Politikwissenschaftler - Macht Euch endlich nützlich!

Macht es nicht Sinn, die Theorien zum "Totalitarismus" des 20. Jahrhunderts allmählich auch auf die angeblich so antitotalitär ausgerichteten "westlichen Demokratien" anzuwenden? Und auch bezüglich dieser Staaten von "totaler Politik" zu sprechen? Nämlich eine Politik, die die Menschen und Völker "total" erfassen will?

Orwell verstehen: Wichtige Biographie (1988)
In der etablierten Geschichtswissenschaft wird typischerweise nur das Vordergrundgeschehen behandelt und auf Hintergrundpolitik so gut wie gar nicht eingegangen. Schon das ist eine Geschichtsfälschung, wenn doch inzwischen gut bekannt und erforscht ist, welche Macht und welchen Einfluss seit 1917 beispielsweise der sowjetische Geheimdienst hatte, seit 1933 die Gestapo und ihre Nachfolge-Organisationen BND, MAD, „Bundesamt für Verfassungsschutz“1 und das Ministerium für Staatssicherheit und spätestens seit 1945 auch der amerikanische CIA. Wobei sich natürlich die Frage aufdrängt, ob der CIA tatsächlich erst 1945 - geradezu wie „Phönix aus der Asche“ - so machtvoll geworden sein soll. (Wenn man nämlich bedenkt, welch gute Kontakte Allen Dulles von der Schweiz aus vor 1945 zu den Führungskreisen des nationalsozialistischen Deutschlands hatte - nicht nur zu dezidierten Widerstandskreisen - drängen sich nämlich noch ganz andere Gedanken auf. Ebenso wenn man bedenkt, welche Rolle der britische Geheimdienst beim Flug von Rudolf Heß 1941 hatte und wie sehr er hierfür die Umgebung von Rudolf Heß "infiltriert" hatte. Aber diese Dinge hier nur am Rande.)

"Wollt ihr die totale Politik?"

Einer der frühesten Vordenker einer solchen Totalitarismus-Theorie wäre natürlich George Orwell, der ja - nach seinem Biographen Hans-Christoph Schröder (1988) - in seinem Roman "1984" gar nicht einen Zukunftsroman geschrieben hat, sondern seine Gegenwart und die jüngste Vergangenheit des Jahres 1948 in Großbritannien nachgezeichnet hat.

Diese Totalitarismus-Theorie hätte davon auszugehen, dass auch moderne demokratische Staaten "Wahrheitsministerien" kennen, dass die Gewaltenteilung faktisch aufgehoben ist und so weiter. Und sie hätte insbesondere die Mechanismen herauszuarbeiten, aufgrund derer diese Phänomene zustande kommen. Es wäre dann zu formulieren eine Theorie, wie Geheimdienste überhaupt funktionieren und arbeiten und damit "gelenkte Demokratie" betreiben (ein Euphemismus für Totalitarismus). Oder "gemanagte Demokratie" nach dem Ausdruck von Sheldon S. Wolin (2010).

Erstausgabe 1948
Noch heute wird auf dem Wikipedia-Artikel zu Totalitarismus gleich einleitend auf den Gegensatz zwischen Totalitarismus und westlicher Demokratie abgehoben. Ist das nicht ein Witz? Ein vielleicht immer schlechter werdender? Auch der englischsprachige führt nicht weiter, enthält aber immerhin einen "weiterführenden" Verweis auf das Stichwort "Totalitarian democracy". Genau, das ist der Grundgedanke, der in diesem Beitrag formuliert werden soll! Aha, und hier wird klar, dass der Autor F. William Engdahl den Grundgedanken dieses Blogartikels auch schon 2009 erörtert hat:
In "Full Spectrum Dominance - Totalitarian Democracy and the New World Order", Engdahl focuses on the American drive to achieve global hegemony through military and economic means. According to him, U.S state objectives have led to internal conditions that resemble totalitarianism: "[it is] a power establishment that over the course of the Cold War has spun out of control and now threatens not only the fundamental institutions of democracy, but even of life on the planet through the growing risk of nuclear war by miscalculation".
Sollten die 9/11-Wahrheitsbewegung, die alternative Öffentlichkeit und der investigative Journalismus seit etwa 2001 noch nichts Weitergehendes hervorgebracht haben zur Totalitarismus-Theorie westlicher Demokratien als diese beiden Autoren F. William Engdahl und Sheldon S. Wolin? Sheldon S. Wolin scheint noch wesentlich klüger zu sein als Engdahl, heißt es über Wolin doch auf dem genannten Wikipedia-Artikel:
While exploiting the authority and resources of the state, [inverted totalitarianism] gains its dynamic by combining with other forms of power, such as evangelical religions, and most notably by encouraging a symbiotic relationship between traditional government and the system of "private" governance represented by the modern business corporation. The result is not a system of codetermination by equal partners who retain their respective identities but rather a system that represents the political coming-of-age of corporate power.
Natürlich gibt es zu dieser Theorie inzwischen zahlloseste Ansätze. Aber wo findet man sie kompakt und treffend zusammengefaßt zwischen zwei Buchdeckeln? Diese Theorie hätte darauf abzuheben, dass es - nach Konrad Lorenz - Diktatur durch Gewalt und Diktatur durch Verwöhnung gibt.

Die psychologischen Abteilungen der Geheimdienste

Sie hätte darauf abzuheben, dass der innere Kern der großen Geheimdienste aus quasi-wissenschaftlichen, universitätsähnlichen Abteilungen gebildet wird (gerne auch geheimen oder halböffentlichen "Thinktanks"), in denen vor allem die begabtesten und bestgeschultesten Psychologen arbeiten (etwa dargestellt in Victor Ostrovsky's "Geheimakte Mossad" [1994]). Eine Ahnung davon vermitteln auch die Doktorarbeiten, die an der Hochschule der Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam-Eiche-Golm erstellt wurden.

Mit a) dem Wissen über jeden einzelnen Politiker, Journalisten, höheren Staatsbeamten und über jedes für einflußreich geltende Mitglied fundamentaloppositionellen Gruppen, das Geheimdienste generieren (beispielsweise die 30.000 Personalakten, die der CIA für Italien zusammengestellt hat [siehe "Terrorjahre" von Regine Igel]) und mit b) den Handlungsmöglichkeiten, die Geheimdiensten offenstehen (siehe das Agieren der Geheimdienste in den letzten Jahrzehnten, dargestellt in zahlreichen Büchern), steht diesen Abteilungen eine geradezu unbegrenzte Klaviatur der Machtausübung zur Verfügung. Diese Klaviatur hätte eine Totalitarismus-Theorie demokratischer Staaten und Gesellschaften abzubilden. Hier wären wohl vor allem zu unterscheiden
  1. die Geheimdienst-Abteilungen für Individualpsychologie einzelner Personen,
  2. die Geheimdienst-Abteilung für Gruppenpsychologie kleinerer oder größerer Gruppen, die gebildet oder zersetzt werden sollen (Bundestagsfraktionen oder Gruppierungen, die fundamentaloppositionelle Tendenzen vertreten, die "aufgefangen" werden müssen wie etwa die Ludendorff-Bewegung, NPD, Grüne, Bündnis 90, 9/11, Piraten, Pegida, AfD ... und so endlos weiter, sowie die dort bestehenden jeweiligen "Flügel" und ihre Flügelkämpfe [z.B. Fundis gegen Realos etc.]), also sprich Abteilungen zur Zersetzung von Gesellschaftsreform bei gleichzeitiger Simulation von ... "Gesellschaftsreform"
  3. die Abteilungen zur Massenpsychologie ganzer Gesellschaften, die über die Massenmedien seit Jahrzehnten in einen Zustand der Dauerbetäubung, der Denkfaulheit, Denkträgheit und damit der Handlungsunfähigkeit versetzt werden ("Wohlfühl-Demokratie" etc.). Auch hier ist natürlich jedes Volk, jeder Staat entsprechend seiner spezifischen Eigenarten zu behandeln und muss die ihm gemäße "Sonderbehandlung" und "Umerziehung" erfahren. Die Deutschen beispielsweise kann man seit 1918 gut mit der Vertiefung von "Schuldkomplexen", von "Kollektivschuld" und "-verantwortung" beharken. Und so jedes Volk, jedes Land ein wenig anders. Diese Abteilungen sind insbesondere auch mit dem Kulturleben befaßt, fördern beispielsweise (spätestens seit 1945) massiv "moderne" Kunst und Literatur, sowie seichte Unterhaltung, wobei zugleich echten kulturerhaltenden Bestrebungen und Personen das "Wasser abgegraben" wird.
Dies wären zunächst die mir derzeit am wichtigsten erscheinenden Teile einer solchen Totalitarismus-Theorie demokratischer Staaten und Gesellschaften. Dass das leitende Personal all dieser Abteilungen durch Regierungskriminalität und durch archaischste Religiosität und Okkultismus in Hochgradlogen und okkulten Priesterorden mitsamt elitärer Pädokriminalität und elitärem Satanismus auf ihre Ziele ausgerichtet und konditioniert wird ("Zombifizierung" nennt das der elitäre Satanist Ralph Tegtmeier, ebenso E. R. Carmin in "Das schwarze Reich"), ist ja hier auf dem Blog schon eingehend behandelt worden.

Diese natürlich sehr intelligenten Mitarbeiter sind oftmals im Grunde bemitleidenswerte Geschöpfe, die möglicherweise aufgrund eigener schwerer Kindheitserfahrungen, aufgrund von Erpressung und ähnlichem fast gar nicht anders können, als so konditioniert zu handeln, wie sie es heute eben tun und schon seit vielen, vielen Jahrzehnten. Sie können von ihrer Menschlichkeit her gesehen an wenig anderes erinnern, als an die Folterknechte des KGB, der Gestapo und US-amerikanischer Folterlager und Menschenversuche (etwa nach 1945 in Berlin-Lichterfelde in der ehemaligen preußischen Kadettenanstalt, wo noch heute nirgends an diese Verbrechen der US-amerikanischen Menschenversuche erinnert wird).

Ergänzungen, Korrekturen, Hinweise zu diesen Ausführungen willkommen!

________________________________________
1Vgl. etwa Schenk, Dieter: Die braunen Wurzeln des BKA. Fischer Taschenbuch 2003; siehe dazu auch viele Beiträge von Ingo Bading auf dem Internetblog „Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt!“

Sonntag, 19. April 2015

Emil Cioran - ein lesenswerter Autor

Ein Mensch, der verzweifelt

Hier einmal wieder nach langer Zeit ein "Videoblog". Und zwar - eher zufällig - über den rumänischen Schriftsteller Emil Cioran (1911-1995) (Wiki).

Abb. 1: Radiosendung von 2006, mit deutschen Tonaufnahmen von E.M.Cioran

Es scheint sich ja doch allmählich zu einer Bildungslücke auszuwachsen, wenn man Cioran und seine Essay's nicht kennt. Hier auf dem Blog war 2010 das erste mal von ihm die Rede aufgrund einer anonymen Zuschrift (GA-j! 2010). Seither lag einem dieser Cioran etwas quer im Magen, da er in Zusammenhängen erwähnt worden war, durch die nicht gerade das günstigste Licht auf ihn hatte fallen können.

Ergänzend zu dem im Videoblog Gesagten hier noch ein Verweis zu (kurzen) deutschen Tonaufnahmen von Cioran, sowie einige Zitate aus der genannten Einführung.

Cioran über Musik und Utopien

1936 schreibt Cioran so schöne Worte über die Musik wie die folgenden (zit. n. 1, S. 42f):

Der musikalische Zustand verknüpft in dem Einzelnen absoluten Egoismus mit höchsten Edelmut. Du willst nur du selbst sein, doch nicht um eines kleinlichen Dünkels, sondern um eines erhabenen Strebens nach Einheit, eines Aufbrechens der Schranken der Individuation willen, nicht jedoch im Sinne des Verschwindens des Individuums, sondern der Auflösung der vom Sein der Welt auferlegten einschränkenden Bedingungen.
Und:
Wenn wir mit Bach die Sehnsucht nach dem Paradies fühlen, so sind wir mit Mozart darin. Diese Musik ist wahrhaft paradiesisch. Ihre Harmonien sind Lichttanz im Ewigen. Mozart kann uns lehren, was der anmutige Begriff der Ewigkeit bedeutet. Eine Welt ohne Zeit, ohne Schmerz, ohne Sünde.
1960 schreibt er über die Utopie (zit. n. 1, S. 81):
Was in den utopischen Erzählungen am meisten auffällt, ist das Fehlen von Gespür, von psychologischem Instinkt. Die Personen darin sind Automaten, Fiktionen oder Symbole: keine ist wahr, keine geht über den Wirklichkeitsgrad einer Strohpuppe hinaus, einer mitten in weglosen Welten verlorenen Idee. (...) Die Utopie ist dem Anomalen, dem Formlosen, dem Unregelmäßigen feindlich gesinnt und strebt nach der Festigung des Homogenen, des Typischen, der Wiederholung und der Orthodoxie. Aber das Leben ist Bruch, Ketzerei, Abweichung von Normen der Materie. Und der Mensch ist im Verhältnis zum Leben eine Ketzerei zweiten Grades ...

Cioran über das Böse als Urgrund der Welt 

Deutlich wird, daß Cioran insgesamt daran scheitert, den Sinn der menschlichen Unvollkommenheit und des menschlichen Leides zu deuten. Dass er es für geraten hielt, bestimmten Erfahrungen nicht weiter nachzugehen, hat er einmal 1973 in folgende Worte gefaßt (zit. n. 1, S. 104):

Als ich zu später Stunde in dieser baumgesäumten Allee spazierte, fiel eine Kastanie mir zu Füßen. Das Geräusch, mit dem sie zersprang, das Echo, das es in mir weckte, und eine Ergriffenheit, die zu einem so winzigen Zwischenfall in keinem Verhältnis stand, tauchten mich ins Wunder, in die Trunkenheit des Endgültigen, als gäbe es keine Fragen mehr, nur noch Antworten. Ich war trunken von tausend unerwarteten Evidenzen, mit denen ich nichts anzufangen wusste … So rührte ich beinahe an das Äußerste. Doch hielt ich es für geraten, meinen Spaziergang fortzusetzen.

- - - Der Gedanke Mathilde Ludendorffs, daß die menschliche Unvollkommenheit und das von Menschen anderen Menschen zugefügte Leiden Folgen der letztlich notwendigen menschlichen Freiheit zu Gut und Böse sind und in diesem Sinne "Sinn" machen, in diesem Sinne - mitunter - mit ihnen versöhnen können, diesem Gedanken scheint Cioran womöglich sogar recht bewußt nicht nachgegangen zu sein. Dieser Gedanke hätte wohl sein Leben zu sehr "ändern" müssen ... 

Lieber hielt er da insgesamt an seinem tiefen und ehrlichen Verzweifeln an der Welt fest und an seiner 1969 erörterten Vermutung, die Schöpfung des Weltalls selbst könne nicht größtenteils aus dem Willen zum Guten, sondern müsse vor allem aus dem Willen zum Bösen heraus erfolgt sein (1, S. 93ff).

Letzteres natürlich ein Gedanke, dem alle elitären und schnöseligen Satanisten dieser Welt viel abgewinnen können. Weshalb der grundehrlich und aufrecht anmutende Schriftsteller Cioran offenbar so gerne von ihnen mißbraucht wird - sicherlich sogar zur Rechtfertigung ihrer Taten und ihres Nichttuns, sicherlich auch so wie es 2010 auch aus der genannten Zuschrift herausklang (GA-j! 2010). Und so wie es gerne bei vielen rechtskonservativen, rechtschristlichen Untergangspropheten herausklingt (etwa rund um "JF", "EF", "Sezession" usw.).

Gegen einen solchen Mißbrauch hat sich Cioran dann womöglich doch nicht mit genügender Schärfe verwahrt, ja, ihm etwa mit seiner Rechtfertigung der Röhm-Morde durch die Nazis (s. Wiki) sogar mitunter recht deutlichen Vorschub gegeben.

(Ergänzung, 1.5.15:) Vielleicht passen diese Worte Hölderlins aus dem "Hyperion" ganz gut auf Cioran:

Der Mensch, begann ich wieder, der nicht wenigstens im Leben Einmal volle lautre Schönheit in sich fühlte, wenn in ihm die Kräfte seines Wesens, wie die Farben am Irisbogen, in einander spielten, der nie erfuhr, wie nur in Stunden der Begeisterung alles innigst übereinstimmt, der Mensch wird nicht einmal ein philosophischer Zweifler werden, sein Geist ist nicht einmal zum Niederreißen gemacht, geschweige zum Aufbauen. Denn glaubt es mir, der Zweifler findet darum nur in allem, was gedacht wird, Widerspruch und Mangel, weil er die Harmonie der mangellosen Schönheit kennt, die nie gedacht wird. Das trockne Brot, das menschliche Vernunft wohlmeinend ihm reicht, verschmähet er nur darum, weil er ingeheim am Göttertische schwelgt.  Schwärmer! rief Diotima, darum warst auch du ein Zweifler. ...
 
________________________________________
  1. Reschika, Richard: E. M. Cioran zur Einführung. Junius, Hamburg 1995

Montag, 16. März 2015

"Beseelungswissen" - Bei Peter Sloterdijk und bei Mathilde Ludendorff

Peter Sloterdijk's "Du mußt dein Leben ändern" (2009) und Mathilde Ludendorff's "Selbstschöpfung" (1927)
- Einige erste Vergleichspunkte

2009 - Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern
Das Buch von Peter Sloterdijk aus dem Jahr 2009 über die Selbständerungsmöglichkeiten des Menschen enthält viele ungewöhnliche, begeisternde Grundgedanken und Sichtweisen. Als einen Mangel des Buches mag man es empfinden, dass die Begeisterung für diese Grundgedanken und Sichtweisen durch eine intensive und gründliche Lektüre der vielen hundert Seiten dann nicht in jedem Fall vergrößert wird, sondern eher die Tendenz hat, sich zu verflüchtigen. Legt man es dann aber für ein paar Tage - oder Wochen oder Jahre (der Autor dieser Zeilen sogar für sechs Jahre) - erschöpft zur Seite, kann es gut sein, dass man nach dieser Zeit feststellt,  dass man die genannten Grundgedanken und Sichtweisen immer noch so begeisternd findet wie zuvor.

Auf diese Weise kann eine Art Hassliebe zu diesem Buch entstehen. Vielleicht die beste Voraussetzung, um sich an einem Buch "abzuarbeiten" und dabei - zu "üben", sprich, sich weiterzuentwickeln, sich menschlich zu ändern und zu reifen - also um das Kernthema dieses Buches gleich selbst in die Praxis umzusetzen.

Die deutsche Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) hat übrigens schon im Jahr 1927 für den Begriff "Anthropotechnik", also für die übende Selbsterschaffung, Selbstgestaltung des Humanen durch den Einzelmenschen den Begriff "Selbstschöpfung" verwendet. Sie ist eine geistig zentrale Figur der deutschen völkischen Lebensreform-Bewegung der 1920er und 1930er Jahre und es gibt viele Hinweise darauf, dass ein nicht geringer Teil ihres Gedankengutes und ihrer Erkenntnisse noch heute große Bedeutung haben. Vielleicht ist das ja auch der Hauptgrund, weshalb ihr Gedankengut zumeist in Bausch und Bogen als unseriös und "höchst gefährlich" abgetan wird. Zumindest eine kritische, alternative Öffentlichkeit sollte sich solche Tabuisierungen nicht mehr gefallen lassen. Dieser Blog jedenfalls bemüht sich, sie zu vermeiden.

Bei genauerem Hinsehen macht der genannte Vergleich nämlich außerordentlich viel Sinn. Und dazu sollen im folgenden einige erste Andeutungen, Versuche gegeben werden. Es macht Sinn, diese beiden Denker einander gegenüber zu stellen, sie miteinander zu konfrontieren, sie zu vergleichen und sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin zu prüfen. Das ist aber ein fast unerschöpfliches Thema. Im vorliegenden Beitrag sollen dazu zunächst nur vier Themenbereiche behandelt werden und auch diesbezüglich sollen bestenfalls einige Ideen angedeutet und umrissen werden: 1. zum Thema Vertikalspannung, 2. zum Thema Sezession und Ruhephasen, 3. zum Thema Brainwashing, 4. zum Thema Sinn des Weltalls und Lebens überhaupt, 5. zum Thema Altruismus.

Man könnte sicherlich einen großen Teil des Inhaltes des genannten Buches von Mathilde Ludendorff ("Selbstschöpfung", 1927) in den Begrifflichkeiten von Sloterdijk's "Anthropotechnik" neu formulieren. Vielleicht werden wir das auch noch einmal ausführlicher versuchen. Im folgenden jedenfalls erste vortastende Erkundungen auf diesem Gebiet.

1. Zum Genie-Begriff - Thema "Vertikalspannung"

Vielleicht läßt sich sagen, dass es wenige Übungsprogramme gibt, die eine ähnlich große Vertikalspannung in sich bergen wie dasjenige von Mathilde Ludendorff. Dieser Umstand lässt einen unter anderem die Frage stellen: Warum benutzt Sloterdijk nicht - wie Mathilde Ludendorff (1) - den Genie-Begriff? Würde er die Vertikalspannung, an der ihm doch - und mit Recht - so viel liegt und gelegen sein muss, nicht erheblich vergrößern, verdeutlichen und explizit machen? Die großen Künstler, Komponisten, Dichter und Denker der Geschichte, die großen Politiker der Geschichte, sie waren doch ohne Zweifel Genie's. Und wer wenn nicht sie waren die Vorbilder, die "Trainer", die Übungsanleiter der Sich-selbst-ändern-Wollenden in der Geschichte und auch noch heute.

Nur weil wir solche heute nicht mehr anzutreffen glauben, "Genie's" also, heißt das doch nicht, dass wir auf den Genie-Begriff an sich verzichten müssten. Auch heute noch können wir doch Michelangelo, Beethoven, Rilke, Kant "Genie's" nennen? Wer hindert uns daran? Und dann stellt sich doch die Frage: Wie "übt" eigentlich ein "Genie"? Darüber sagt Sloterdijk, soweit ich sehe, herzlich wenig. Er redet lieber über Sportler, Behinderte, "Artisten", Mönche, also alles Berufsgruppen, die sich gerade nicht im Kernbereich der Kultur und der Kulturgeschichte bewegen, im Kernbereich auch des "Human Accomplishment" eines Charles Murray.

1927 - M. Ludendorff - Selbstschöpfung
Ein Genie übt doch ganz anders als all diese anderen Berufsgruppen. Und auf sein Übungsprogramm fokussieren, hieße doch erst, die ganze Problematik des "übenden Menschen" in ihrem vollen Umfang zu übersehen und zu behandeln. Und zwar in ihrer Bedeutung für das Überleben unserer Kultur. Hier erst würde das "Prekäre" sichtbar (1). Nämlich dass Genie-Sein, dass das Geniale sich niemals so wenig von selbst verstanden hat wie heute. Aber warum eigentlich?

Weil wir längst genau dort angekommen sind, wohin Nietzsche in seiner Vorrede zum Zarathustra die Menschheit sich hinentwickeln gesehen hat. Wir glauben gar nicht mehr ans Geniale, ans Geniehafte. Wir wollen auch selbst - in dem uns gegebenen Rahmen - keine Genies sein, keine echt genialen Lebenskünstler. Oder? Denn ein genialer Lebenskünstler könnte doch letztlich jeder sein. Und allein schon eine solche Möglichkeit würde uns doch sehr viel Verantwortung auferlegen, etwa, mit uns selbst und anderen achtsam umzugehen.

Und könnte man denn nicht jene Sehsucht aller "Rennaisance-Menschen" und damit offensichtlich auch Sloterdijk's sein, dass es in der Welt wieder eine ähnliche Genie-Dichte gäbe wie im antiken Griechenland? Als fast jedes Dorf, jede Stadt ein Genie hervorbrachte? Und das innerhalb weniger Jahrhunderte? Wäre dies nicht das einzig Notwendige, wäre womöglich nicht genau das jene "Mindestproduktion innovativen Wandels" ("marginal production of innovative change"), die Joseph A. Tainter als notwendig ansieht, um dem "Collaps of Complex Societies" (so der Titel seines wertvollen Buches, erschienen lange vor dem viel oberflächlicheren Buch zu diesem Thema von J. Diamond) zu entgehen?

Genial, das ist doch das, was Sloterdijk zum Ausdruck bringen will, wenn er an ziemlich zentraler Stelle seiner Argumentation auf die "Gipfel des Unwahrscheinlichen" Bezug nimmt, die von der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf dieser Erde immer wieder erreicht worden sind nach der eingängigen Deutung von Richard Dawkins. Ist nicht jede Tier- oder Pflanzenart für sich und jedes echte Kulturwerk, jede echte Kulturtat eine Genialität auf seine Weise? Dementsprechend auch ähnlich gefährdet wie alles Geniale in dieser Welt? Und kann dementsprechend nicht jeder Mensch ebenso genial werden als der einzigartige, nie wiederkehrende Mensch, der er ist?

Und wie will man denn dem auch von Sloterdijk favorisierten "Prinzip Verantwortung" des Hans Jonas (und der Mathilde Ludendorff) gerecht werden - ohne Genialität? Wurde jemals etwas Entscheidendes und Durchbrechendes geleistet in der Menschheitsgeschichte - ohne Genialität? Ob man es nun jeweils so genannt hat oder nicht.

2. Sezession, Immunsystem

Natürlich setzt sich das Genie in Gegensatz zu den Menschen um es herum, die keine Anflüge ans Geniale haben und haben wollen. Und genau damit fängt die Problematik erst wirklich an, wie Sloterdijk ebenfalls ganz richtig erkennt. Nämlich mit der schlichten Frage: Wie hält man es aus, einsam zu sein? Auch diese Thematik behandelt Sloterdijk dann aber völlig unzureichend. Natürlich braucht man ein gesundes Immunsystem, um seine Separation, seine Einsamkeit, seine "einsame Höhe" aufrecht zu erhalten. Aber wie hält man es in Gang? Woran erneuert sich das Geniale, das Genie? Womit läßt es sich auffrischen?

Was ebenfalls viel zu unzureichend von Sloterdijk herausgearbeitet wird, ist die Erkenntnis Mathilde Ludendorffs, dass nichts die Menschenseele so verändert, wie die Art ihrer Wahl in Bezug auf das Leben beseelter Sexualität (Mathilde Ludendorff benutzt hierfür die Begriffe Erotik oder Minne). In diesem Umstand vor allem wurzeln all die vielen wesensunterschiedlichen "Askesen", die im Rahmen von Übungsprogrammen in der Menschheitsgeschichte ausgebildet wurden, zuletzt die "innerweltliche Askese" des Protestantismus nach der auch für die Interpretation der Geschichte der Neuzeit so einflussreich gewordenen Deutung von Max Weber. Auf den übrigens Sloterdijk - merkürdigerweise, so weit übersehbar und offenbar folgenreich - kein einziges mal Bezug nimmt in seinem Buch.

Auch fehlen bei Sloterdijk so wesentliche Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs wie die "Nicht Kampf ist Leben allein, nein, jenseits des Kampfes erst ist das Erleben der Seele". Also die Betonung der entscheidenden Bedeutung von Ruhephasen und - sozusagen - der Kontemplation im menschlichen Leben für allen seelischen Wandel, für jede Form von Beseelung.

Aus dieser Erkenntnis heraus kann sie dann auch sagen, dass Seelenwandel und Selbstgestaltung, Selbstschöpfung vor allem in diesen Ruhephasen stattfinden, die sicherlich nicht primär als "Übungen" (etwa gar Meditationsübungen!) aufzufassen sind. Hiergegen  verwahrt sie sich ja mit einer Entschiedenheit, die sichtlich geschult ist an der Tatsache, dass sie mehrere Jahre als Assistentin des Begründers der naturwissenschaflichen Psychiatrie, Emil Kraepelins, gearbeitet hat und dabei viele anschauliche Erfahrungen in psychiatrischen Anstalten machen konnte. Nein, sie betont: Das Erleben der Seele lässt sich - im Gegensatz zur Behauptung vieler Esoteriker, Okkultgläubiger und eben auch vieler psychisch Erkrankter - nicht "üben". Da sein Wesen grundsätzlich die Freiheit, die Spontaneität, die Akausalität ist. So sagt zumindest Mathilde Ludendorff.

Aber sicherlich könnte auch dieser Punkt - angesichts massiver seelischer Beeinflussungen durch die Umwelt von Kindheit an (siehe gleich) - heute noch mancherlei Modifizierung erfahren.

3. Langsamer und schneller Wandel der Seele

Selbstgestaltung und seelische Reifung ist aus der Sicht von Mathilde Ludendorff nun also das langsame Erstarken des - das Geniale, Göttliche erlebenden - Ichs der Menschenseele durch Gewissensprüfungen in Ruhephasen. Und durch das Überprüfen, ob Fürwahrgehaltenes (über einen selbst) auch tatsächlich wahr ist. Diesem langsamen, allmählichen Reifen der Seele stellt sie den selteneren schnellen seelischen Wandel gegenüber, ausgelöst durch seltenes, gottwesentliches Handeln und Erleben. Etwa aus Anlass der Konfrontation mit dem eigenen Tod oder mit dem Tod von Angehörigen, etwa der schon erwähnten Art der Wahl im Leben beseelter Geschlechtlichkeit. Ausserdem bewirkt beim begabten Künstler auch das geschaffene Kunstwerk und die Frage, ob das übrige Leben des Künstlers diesem gerecht wird, ihm würdig ist, Wandel in seiner Seele. So sagt Mathilde Ludendorff.

Auch die große, riesige Thematik des "Brainwashing", der Gehirnwäsche gehört übrigens in den Bereich der Selbst- und Fremdgestaltung menschlichen, seelischen Wandels. Hierzu hat der britische Psychiater William Sargent einen wissenschaftlichen Klassiker geschrieben, dessen Lektüre und Auswertung Sloterdijk's Blickwinkel auf die von ihm gewählte spannende Thematik ebenfalls noch wesentlich hätte erweitern können. Über dieses Thema wäre es in diesem Rahmen wert, noch einen ganz eigenen, weiteren Beitrag zu schreiben. Weil nämlich eine Schlussfolgerung daraus lautet, dass Übung auch heißen könnte, negativen seelischen Wandel dadurch zu vermeiden, dass man sich gegebenenfalls selbst die Anweisung gibt, "not to get emotionally involved", sich in einem gegebenen Fall emotional gerade nicht erregen zu lassen. Hierzu gehört ein ganzes Bündel von Lebenstechniken, die noch einmal genauer zu erörtern wären.

Schnellen Wandel bewirkt im übrigen - nach Mathilde Ludendorff - auch Empörung über teuflische Antriebe in der eigenen Seele oder in der Seele insbesondere nahestehender Mitmenschen. Die Seele entflammt sich, sagt Mathilde Ludendorff, kann sich entflammen mitunter - so vorhanden - an einer "Teufelei" in der eigenen, von den Eltern übernommenen, angeborenen Charakterstruktur. (Mit diesem Entflammtsein an Teufeleien in der eigenen Seele mag auch manches im Zusammenhang stehen rund um das kulturgeschichtlich bedeutsame Phänomen der "Femme fatal". Aber das nur am Rande.) All dieser schnelle Wandel ist - wie jeder Wandel - jeweils auch in beiderlei Richtung möglich. Und wohin - zumal heute - in der Regel diese Richtung bei den meisten Menschen zeigt, bedarf sicherlich keiner Erörterung mehr. Wobei erwähnt werden könnte, dass natürlich schlicht auch Mangel an Empörung über Teufeleien in der eigenen Seele oder in der Umwelt seelischen Wandel bewirken können ... Nämlich gerne auch den heute allzu weit verbreiteten seelischen Tiefschlaf.

4. Überleben - aber wozu eigentlich?

Das Übungsprogramm von Mathilde Ludendorff ist natürlich viel stringenter, viel einheitlicher und darum auch eingängiger auf ein Ziel ausgerichtet, als das Sloterdijk für das kulturgeschichtliche Sammeln von Übungsprogrammen in seinem Buch in Anspruch nimmt und überhaupt nur nehmen kann. Sein Buch bleibt ja eigentlich hinsichtlich der entscheidensten Fragen - soweit übersehbar und typisch existentialistisch? - im Vagen und Ungefähren. - - - Was ist denn nun das Ziel aller Übungen bei Sloterdijk? Nur allein das Überleben der Menschheit hier auf dieser Erde? Klar, er sagt, unhintergehbar ist die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss. Darauf sagt ein Mensch wie - der von Sloterdijk auch ausführlich behandelte - Cioran doch nur zynisch: Und warum sollte dieses Überleben einen Wert haben? Zu dieser Frage nun sagt zwar der von Sloterdijk am Ende seines Buches positiv erwähnte Hans Jonas manches (und das zumeist auch in Übereinstimmung mit Mathilde Ludendorff). Nicht aber, soweit übersehbar, Sloterdijk selbst. Und darauf käme doch nun alles an.

Auch der große unserer Zeit noch nahestehende "Trainer" Konrad Lorenz hat sich um eine Beantwortung dieser Frage nicht herumgedrückt. Er hat dazu sein "Der Abbau des Menschlichen" geschrieben. Alle Bemühungen Sloterdijk's scheinen mir unabgeschlossen zu sein, ungenügend zu bleiben, solange er hierzu nicht zumindest ähnliche Antworten gibt wie Hans Jonas.

Denn sonst könnten doch alle Übungen und Askesen irgendwie zu Übungen des Hamsterrades werden. Üben nur allein um des Übens willen? Um in Form zu bleiben? Damit es nicht langweilig, niveaulos und ohne alle Vertikalspannung bleibt hier auf dieser Erde? Damit "Gipfelpunkte des Unwahrscheinlichen" erreicht werden hier auf dieser Erde? All das bliebe doch alles noch reichlich nebulös und kann in dieser Form doch keinen gesellschaftlichen Aufbruch bewirken.

Für Mathilde Ludendorff dagegen ist die ganze Sache sehr viel unzweideutiger. Das Weltall ist nach ihr entstanden, Leben und bewusstes Leben sind nach ihr in diesem Weltall entstanden, damit das im Weltall sich nur unbewusst manifestierende Göttliche, Geniale (das sich im Gipfel des Unwahrscheinlichen Ausdrückende) von einem Einzelwesen bewusst erlebt wird. Das ist - nach ihr - der Sinn des Weltalls, der Evolution und des Menschenlebens. Da das Wesen des Göttlichen aber Freiheit ist, kann das Göttliche unmöglich allein per Instinkt und zwanghaft erlebt werden. Evolution und Geschichte sind also - nach Mathilde Ludendorff - Bewusstwerden der Freiheit. Sicherlich fast überflüssig zu sagen, dass sie in vielen solchen Dingen natürlich in großen Übereinstimmungen mit den Philosophen des deutschen Idealismus steht, die man sich ja im übrigen auch einmal als Formulierer von wertvollen Übungsprogrammen ansehen könnte. (Ich würde dabei dann mit Hölderlins Gedicht "Zornige Sehnsucht" anfangen und dann weiterhin die Bücher Dieter Henrich's zur Rate ziehen. Auch von diesem wichtigen Autor liest man bei Sloterdijk nichts.)

Jedenfalls: von diesen Grundgedanken her leiten sich bei Mathilde Ludendorff die Selbstschöpfungsmöglichkeiten und das damit verbundene "übende Leben" des Menschen ab. "Der Mensch, das einzige Bewusstsein Gottes" benennt sie eine ihrer intuitiven philosophischen Grundeinsichten, formuliert vor bald hundert Jahren und bis heute von der naturwissenschaftlichen Forschung nicht widerlegt. Im Gegenteil, immer mehr Astrophysiker und -biologen scheinen davon auszugehen, dass bewusstes Leben in diesem Weltall ebenfalls einen "Gipfelpunkt des Unwahrscheinlichen" darstellt und deshalb womöglich nur sehr selten ist (vgl. Buchtitel wie "Rare Earth", deutsch "Einsame Erde"). Und dann vielleicht auch nur ähnlich zeitversetzt, wie dies auch von Mathilde Ludendorff für möglich gehalten worden ist.

4. Altruismus - Kulturheroen, Leistungsträger

Ein anderes wichtiges Thema des Buches von Peter Sloterdijk ist das Thema Altruismus. Vielleicht wird dies deutlicher als im Buchtext selbst anhand des ursprünglichen Buchumschlags (siehe oben) und der Erläuterungen von Sloterdijk zu diesem Buchumschlag in Interviews. Sloterdijk geht nämlich realistischerweise davon aus, dass es in der Menschheit immer nur eine Minderheit von Menschen sind, die den Aufruf "Du mußt dein Leben ändern" ernst nehmen. Sie aber sind die eigentlichen Träger allen kulturellen Wandels und aller kulturellen Weiterentwicklung. Sie bewirken die "Mindesproduktion innovativen Wandels" im Sinne von Tainter. Letztlich sind sie die "Kulturheroen", die "Lichtbringer", auf deren Schultern die nachfolgenden Generationen und die Menschheit überhaupt stehen und an denen also sozusagen "alles hängt" (das bringt das Umschlagbild zum Ausdruck).

Und genau für solche "Menschheitsretter" überhaupt scheint Sloterdijk realistischerweise insbesondere zu schreiben. Es sind immer nur wenige, die die Kultur und die die Menschheit überhaupt retten und weiter voranbringen. Und deshalb ist es so wichtig, dass genau diese wenigen Begabten auch wirklich in Form und in Übung bleiben und sich nicht von den nivellierenden Einflüssen, die sie umgeben, herabziehen lassen und ebenfalls in die allgemein verbreiteten "Horizontal-Entspannungen" verfallen. Dass sie "Inseln des Bestandes" bilden, so wie Werner Heisenberg sein Handeln im Deutschland in der Zeit des Dritten Reiches charakterisiert hat. Und genau dies scheint eines der wesentlicheren und zugleich begeisternden Anliegen auch von Peter Sloterdijk in seinem Buch zu sein.

Und dann erhält es doch gleich noch einmal so viel wert, wenn man es vor diesem Hintergrund aus betrachtet. Deshalb ist auch das ein Gedanke, der künftig noch weiter gedacht werden kann, und der ja auch in der Altruismusforschung der naturwissenschaftlichen Anthropologie, die wir schon häufig auf unseren Blogs behandelt haben, manche Hintergründe findet.

______________________________________
  1. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung?, auf: Studiengruppe Naturalismus, 25. Dezember 2012

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share