Dienstag, 2. Juli 2019

Das Verdrängen des Leids - Unserer Großeltern-Generation

Dies ist ein wilder, ein "schlimmer" Film (1). Man braucht eine Weile, um das alles zu verarbeiten, was in ihm enthalten ist. Auch den Schluß.

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Mitten aus dem Alltag heraus solche Traumata.

Jeder von uns mag in seinem persönlichen Leben Leid erfahren. Auch in seiner eigenen Familie. Aber es gibt da auch noch das größere Leid, das der Zweite Weltkrieg für das deutsche Volk und viele Völker mit sich gebracht hat. Das Leid des Zweiten Weltkrieges IST da. In ungebremster Stärke. Völlig ungebremst.

Dieser Film ist von einer Frau der heutigen mittleren Generation*) gemacht über ihre eigene Großmutter.

Er ist furchtbar und zutiefst erschütternd. Weil er mitten aus dem Alltag heraus kommt. Die Enkelin wollte - nachdem ihre Großmutter gestorben war - einfach wissen, was ihrer Großmutter widerfahren ist. Und darüber hat sie diesen Film gemacht. Nach einem halben Jahr auf Youtube hatte er erst 90 Aufrufe, keine Kommentare, kein "Gefällt mir" (1).

Aber es sind solche Erfahrungen, aus denen heraus wir leben. Welche sollten es sonst sein? Es ist ja auch sonst in dieser mittleren Generation recht häufig ein "Ahnen" da, daß das Verdrängen des Leides unserer Großeltern-Generation viel mit dem seelischen Zustand zu tun hat, in dem wir uns heute befinden.  Deshalb Dankeschön für diesen Film.

Der Bloginhaber stieß auf ihn, weil er - aus ganz anderen Zusammenhängen heraus - mehr über die Banater Schwaben lernen wollte, mit denen er sich bislang noch nie genauer beschäftigt hatte (5).**) 

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*) Diese heute mittlere Generation, zu der sich auch der Bloginhaber zählt, wird heute vielfach die Generation der "Kriegsenkel" (Wiki) genannt, nachdem unsere Eltern "Kriegskinder" (Wiki) genannt worden waren.
**) Der Film gehört im weiteren Sinne in den Zusammenhang der Thematik "Kriegskinder" und "Kriegsenkel" hinein. Diese Thematik ist 2004 und 2009 durch zwei Buchveröffentlichungen von Sabine Bode in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt worden (2, 3). Während dabei manche richtige Erkenntnis gewonnen wird, bestand und besteht doch auch die Gefahr, daß Thema zu zerreden. Aber etwa auch folgende Zusammenhänge wurden benannt (Wiki):
Eines der Probleme, mit dem vor allem Psychiater der Nachkriegszeit durch ihre Patienten konfrontiert wurden, habe darin bestanden, daß das Behandeln von deutschen Kriegsopfern gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus in den Hintergrund getreten sei. Das habe dazu geführt, daß die Betroffenen ihr Trauma oft jahrelang mit sich herumgetragen hätten, bis es dann - manchmal nach 40 bis 50 Jahren - unerwartet wieder aufgetreten sei. (...) Andere Erfahrungen der Kriegskinder, so die Autorin, verhalfen ihnen zu der Bezeichnung der "stillen Generation", die sich nicht über ihr Schicksal beschwerte, sondern im Gegenteil Deutschland stillschweigend wieder aufbaute. (...) Die Kriegsenkel, die in den 1960er/1970er Jahren geboren wurden, sind durch das Schweigen ihrer Eltern ebenfalls traumatisiert worden. Eltern und Kinder blieben sich oft fremd.
Weiter wird benannt (Wiki):
Der Begriff "Kriegskind" hat sich in Deutschland durch eine inzwischen große Zahl wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen etabliert, die insbesondere seit den 1990er Jahren erschienen. (...) Einigkeit besteht allerdings in der Überzeugung, dass die Folgen der Kriegskindheit über viele Jahrzehnte spürbar bleiben, zum Teil mit zunehmendem Alter wieder anwachsen und oft „stumm“ an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. (...) An einer Definition versucht hatte sich Matthias Lohre bereits 2014: "Für die zwischen 1930 und 1945 Geborenen hat sich der Begriff ‚Kriegskinder‘ etabliert: zu jung für den direkten Fronteinsatz, aber alt genug, um Hunger, Vertreibung und Bombenangriffe zu erleiden, den Verlust von Angehörigen, Trennungen und Todesangst."
Der Psychoanalytiker Michael Ermann stellte 2009 als Gemeinsamkeit aller Kriegskinder fest (Wiki):
Einen eklatanten "Mangel an Erschrecken und Betroffenheit über das eigene Schicksal".
In diesem Zusammenhang ist auch ein mangelndes Wohlwollen für die eigene völkische Zugehörigkeit feststellbar. Die Traumata wurden erlebt, "weil" man Deutscher war. Und das Erleben nach 1945 ging - wahrscheinlich nicht zuletzt als Folge dieser Traumata - mit einer inneren Distanzierung gegenüber dem eigenen Deutschsein einher. Ein gehaltvolles Annähern an die eigenen Traumata wird aber am ehesten möglich sein über ein möglichst großes Wohlwollen gegenüber dem eigenen Deutschsein.
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  1. Loeffler, Viola: Heimkehr in die Fremde. Ein donauschwäbisches Schicksal. Film, Deutschland, 2019, https://youtu.be/GcFTVtxpG2s (mit Unterstützung der film&medien-Nachwuchsförderung von Rheinland-Pfalz, dem Zentrum für interkulturelle Studien Mainz, dem Medienzentrum der Universität Mainz und dem Haus der Donauschwaben in Haar)
  2. Bode, Sabine: Die vergessene Generation - Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Klett-Cotta, Stuttgart 2004 (Wiki)(20. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2014)
  3. Bode, Sabine: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. 10. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2013
  4. Bode, Sabine: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (20. Auflage 2015)
  5. Bading, Ingo: Der erste Europäer war ein Banater Schwabe, 1.7.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/der-erste-europaer-war-ein-banater.html

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