Sonntag, 18. August 2013

Intelligenz-Forscher Detlef Rost gibt Literaturempfehlungen

Viele Menschen - insbesondere auch Journalisten, Wissenschaftsjournalisten oder auch Wissenschaftsblogger - tun sich immer noch schwer, sich in die modernen Forschungen zur menschlichen Intelligenz und ihrer Erblichkeit einzuarbeiten. Diese Forschungen haben noch heute in Deutschland keinerlei Lobby. Das war zuletzt in der wüsten, zumeist von Halbwissen nur so strotzenden Sarrazin-Debatte erkennbar. Immerhin bekamen in dieser Debatte auch die beiden deutschen Intelligenzforscher Detlef Rost und Heiner Rindermann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" das Wort zugesprochen. Von ihnen stammte der sachlichste Beitrag zur ganzen Debatte. 

Und dieser Detlef Rost, einer der derzeit wohl bedeutendsten Intelligenzforscher Deutschlands, vor einigen Jahren auch gefördert von Hirnforscher Gerhard Roth, der die Erkenntnisse Rost's vollständig teilt, gibt in seinem inzwischen in 3. Auflage erschienenen Buch "Interpretation und Bewertung pädagogisch-psychologischer Studien", das auf Amazon nur beste Leserrezensionen erhalten hat, folgende Literaturempfehlungen zur Intelligenz-Forschung für alle interessierten Personengruppen, Zitat (Hervorhebungen nicht im Original):
  • Etwas älter schon, aber immer noch ausgesprochen lesenswert, ist das außergewöhnlich verständlich abgefasste und inhaltlich sehr solide Buch von Jensen (1981, englisch) zu Intelligenztests [Straight Talk about Mental Tests], welches sich expressis verbis an Laien wendet. Über den Stand der Intelligenzforschung informiert allgemeinverständlich Eysencks (2004) posthum erschienenes Buch Die IQ-BibelEist ebenfalls ein Sachbuch, also auch für Lehrer, Studienanfänger der Pädagogik, interessierte Bildungspolitiker, usw. geeignet. Aber auch Psychologiestudenten und praktizierende Psychologen lesen es mit Gewinn. Lernen macht intelligent - Warum Begabung gefördert werden muss, so heißt das flüssig geschriebene Sachbuch von Neubauer und Stern (2007), in dem auch praktische Schlussfolgerungen aus der Intelligenzforschung für das Lernen in der Schule gezogen werden. Man sollte es sich aber mit einer kritischen Grundhaltung zu Gemüte führen. Und noch etwas für Laien: Die Zeitschrift GEOkompakt hat als Nr. 28 (2011) ein Heft mit dem Titel Intelligenz, Begabung, Kreativität herausgebracht. Es enthält diverse Artikel zum Themenbereich für Nicht-Psychologen.
  • Gelungen ist das im Januar 2012 erschienene Buch von Zimmer Ist Intelligenz erblich? Der ehemalige Wissenschaftsjournalist der ZEIT hat eine rundum gut zu lesende und ausgewogen-kompetente Einführung als Mittelweg zwischen Sach- und Fachbuch geschrieben. Ein sehr schönes Buch, das jeder, der sich fürs Thema interessiert, lesen sollte.
  • Das absolute Standardwerk zur allgemeinen Intelligenz "g", allerdings wirklich nur für Fachleute (Psychologen) geschrieben, stammt von Jensen (1998, englisch) [The g Factor]. Es ist ein Resümee der jahrzehntelangen Forschungsbemühungen und des Erkenntnisstrebens eines weltweit angesehenen Experten. Es enthält zusätzlich zu zahlreichen inhaltlichen Befunden auch viele forschungsmethodische Anmerkungen. Wer sich intensiver mit dem Phänomen der Intelligenz auseinandersetzen will, kann an diesem Buch nicht vorbei gehen. Eine feine Ergänzung ist das 2003 von Nyborg zu Ehren von Jensen editierte Werk The scientific study of general intelligence. Eine Diskussionsgrundlage zu "g" bietet der von Sternberg und Grigorenko (2002, englisch) herausgegebene Band zur Frage, wie generell die generelle Intelligenz ist.
  • Gewissermaßen ein Vorläuferband zu Jensens Wälzer, mit vergleichbarer Zielsetzung und gleichem Titel, aber weniger als halb so umfangreich und auch für Laien verständlich, ist das Buch von Brand (1996, englisch). Dieses Werk ist vom Verlag Wiley aus rein ideologischen Gründen wenige Tage nach dem Druck, aber noch vor der Auslieferung an die Buchhandlungen, zurückgezogen worden. So viel zur Meinungsmanipulation durch Buchfabriken. Aber Wissenschaft lässt sich nicht unterdrücken: Brands Buch kann kostenlos aus dem Netz heruntergeladen werden. Was man auch tun sollte. Sofort!
  • Auch gut konstruierten Intelligenztests wird immer wieder vorgeworfen, sie würden bestimmte gesellschaftliche Gruppen (z.B. Farbige) systematisch benachteiligen, hätten also einen bias. Dieser Vorwurf ist jedoch nicht zutreffend. Der dicke Band von Jensen (1980, englisch) setzt sich sehr ausführlich mit diesem Problem auseinander. Es dürfte immer noch das weltweit solideste Buch zu diesem Thema sein. Zudem erläutert Jensen auch viele statistische Methoden und Verfahren - man kann also jede Menge lernen. Man sollte besonders aufmerksam die zahlreichen Anmerkungen am Ende eines Kapitels lesen - dort "verstecken" sich viele wichtige Hinweise.
  • Nur für Psychologen mit entsprechenden differentialpsychologischen, diagnostischen und methodischen Kentnissen ist das hervorragende, aber auch sehr anspruchsvolle Buch von Carroll (1993, englisch) [Human Cognitive Abilities] gedacht. Der Autor reanalysiert weit mehr als 400 Faktorenanalysen zur Intelligenz und entwickelt ein aktuelles hierarchisches Intelligenzstrukturmodell, welches einen vorläufigen Schlusspunkt unter fast 100 Jahre Intelligenzforschung setzt. Die besonders inhaltsreichen, von Sternberg (2000, 2011, englisch) sowie Wilhelm und Engle (2005, englisch, besonders empfehlenswert) [Handbook of understanding and measuring intelligence] herausgegebenen Werke zur Intelligenz wenden sich ebenfalls an Fachleute.
  • Die gesellschaftliche Bedeutung der Intelligenz für die USA diskutierten Herrnstein und Murray (1994, englisch) in ihrem Bestseller The bell curve, über in den USA außerordentlich heftig und polemisch gestritten wurde. Man sollte es lesen - und sich dann seine eigene Meinung bilden. Eine in der Diktion sehr klare und provozierende Schrift, Die IQ-Falle, ebenfalls mit gesellschaftspolitischer Zielsetzung verfasst, stammt von Weiss (2000). Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, fackelt nicht lange und fasst viele heiße Eisen an. Es ist gut zu lesen. Wie bei jedem Buch, so sollte man sich auch hier mit den Inhalten kritisch auseinandersetzen. Wer sich für übergreifende Zusammenhänge, insbesondere über die Rolle der Intelligenz in der Industriegsellschaft, interessiert, der sei auf das neue Buch von Weiss (2012) über Die Intelligenz und ihre Feinde hingewiesen. Wie bei diesem Autor nicht anders zu erwarten, ist auch dieser faktenreiche Band provokant geschrieben.
  • Last, but not least: Jeder Metzger lobt seine Wurst. Deshalb hier noch zwei Hinweise: Das dicke Handbuch Intelligenz (D.H. Rost, 2013) wendet sich vor allem an Studenten und Dozenten. Umfassend und kritisch werden diverse Facetten des Intelligenzbegriffs, klassische Theorien und alternative Modellvorstellungen zur Intelligenz diskutiert. Es behandelt die Trias "g", "Hochbegabung" und "Arbeitsgedächtnis" und enthält Kapitel zu Geschlechts- und Sozialstatusunterschieden, zur Relevanz und zu Korrelaten des IQ, zu biologischen und genetischen Aspekten sowie zur Konstanz und Veränderbarkeit der Intelligenz. Rund 3500 verarbeitete Quellen machen es zu einer Fundgrube für diejenigen, die tiefer in die Materie einsteigen möchten. Als Ergänzung dazu bietet sich Intelligenz, Hochbegabung, Vorschulerziehung, Bildungsbenachteiligung an (D.H. Rost, 2010).
So dieses Zitat, mit Dank übernommen (aus dem Blogartikel "Mein Naturwissenschaftsblog / My Science - Blog: Literaturhinweise zur Intelligenzforschung:"). Es werden hier einige Namen genannt, die noch vor wenigen Jahren den allergrößten Tabus in der Forschung, mehr aber noch in der Forschungs-Berichterstattung unterlegen waren. Oder es wurde ihnen übelster Rassismus vorgeworfen.

Wie ich auch schon in Diskussionen auf den Sciblogs letzte Woche den Eindruck gewinnen konnte (s. Yoav Sapir, 3.8.2013 und daraus folgend Ludwig Trepl 13.8.2013: "Der Rassismus der Guten"), ebbt die aufgeplusterte Empörung über derartige Forschungen (vielleicht!?!) doch allmählich ab. Die Kritiker werden allmählich schlichtweg die Lust verlieren am Herumkritisieren und Empört-Sein. Ständig mit dem Kopf gegen die Wände der Wirklichkeit zu rennen, tut ja nun auch wirklich niemandem gut.

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