Samstag, 3. Juli 2010

Parvus Helphand, Hitler und Morell ...

Die Insel Schwanenwerder in Berlin

Das von der Stadt Berlin und einer Trägerschaft betriebene Kinder- und Jugendgästehaus Schwanenwerder scheint ein echter Geheimtipp für Jugendgruppen oder Betriebsausflüge zu sein (1, 2, 3) (siehe Fotos). Es wartet derzeit auch immer noch mit auffallend günstigen Übernachtungskosten auf. An so sommerlich warmen Tagen wie den letzten ist dieser Ort auch sehr geeignet zum ausgiebigen, außerordentlich entspannenden, ruhigen Baden im "Badewannenwasser-warmen" Wannsee, zum Tretbootfahren, zum Grillen und auch für Freizeitsport aller Art.

Und zugleich wird der Besucher darauf gestoßen, sich mit der "Geschichtsträchtigkeit" dieser Örtlichkeit, der Insel Schwanenwerder, auseinanderzusetzen (1, 2, 3). Wenn die Villenviertel von Schmargendorf, Dahlem, Nikolassee oder Wannsee schon vor dem Ersten Weltkrieg innerhalb Berlins zu den ersten Adressen der Wohlhabenden zählten, wenn dort die Rathenaus in der Nähe der Verlegerfamilie Fischer wohnten und nicht weit davon wiederum Angehörige des deutschen Widerstandes gegen Adolf Hitler oder die Nietzsche- und Rilke-Freundin Lulu von Strauß und Salome, so muß eine solche "Betuchtheit" hinsichtlich der Insel Schwanenwerder offenbar noch dreimal so stark betont werden.

Über dieses schöne Stück Berlin ist unter anderem zu erfahren (1):
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Insel zu einem Refugium für wohlhabende Kaufleute, Industrielle und Bankiers. So ließen sich etwa die Warenhausbesitzer Berthold Israel und Rudolph Karstadt auf der Insel nieder. Bankdirektoren wie Schlitter, Goldschmidt, Salomonsohn und Solmssen ließen sich auf Schwanenwerder ebenso prachtvolle Landsitze errichten wie der Generaldirektor der Schultheiss-Patzenhofer Brauerei, Walter Sobernheim oder der Inhaber der Schokoladenfabrik „Trumpf“, Richard Monheim.

Nach Krieg und Inflation verschwanden viele angesehene Namen (...). Neue Einwohner Schwanenwerders wurden nun Kriegsgewinnler, neureiche Aufsteiger und stadtbekannte Spekulanten wie etwa der Wettbetrüger Max Klante, der in kürzester Zeit auf den Berliner Rennbahnen ein Vermögen gemacht und es ebenso schnell wieder verloren hatte.
Doch viel bedeutender war wohl noch der Finanzier Lenins und der russischen Revolution, der Parvenü Parvus Helphand, sicherlich einer der berühmt-berüchtigtsten Bewohnern dieser Insel, neben so vielen anderen:
Auch die Brüder Julius und Henry Barmat, die durch Millionenanleihen bei öffentlichen Kreditinstituten einen Konzern mit Niederlassungen in ganz Europa aufgebaut hatten, residierten auf der Insel. Beim Zusammenbruch des Barmat-Konzerns Mitte der zwanziger Jahre wurde ein Korruptionsskandal ungeheuren Ausmaßes öffentlich, der sich zu einer Staatsaffäre ausweitete. Völkisch-nationale Kreise nutzten die jüdische Herkunft mancher Inselbewohner für ihre antisemitische Hetze gegen die „Judenrepublik“ im allgemeinen und die Reichen auf „Barmatwerder“ im besonderen.
Auf Parvus Helphand folgten Goebbels, Hitler und Morell

Nach 1933 wurden diese Grundstücke "arisiert" und Josef Goebbels wiederum andere "Größen" einer anderen Zeit erwarben hier ihre Villen. Über das heutige, so schön gelegene und erholsame Kinder- und Jugendgästehaus ist zu erfahren:
Villa und Gründstück des jüdischen Bankdirektor Salomonsohn in der Inselstraße 20/22 wurden 1939 von der Reichskanzlei erworben und sollen angeblich für Hitler persönlich reserviert gewesen sein. Auf dem Nachbargrundstück hatte sich sein Leibarzt Theodor Morell niedergelassen. Auch er war 1939 durch die „Arisierung“ zu diesem Besitz gelangt: Villa und Grundstück hatten dem Bankier Georg Solmssen gehört.
Die Salomonsohn-Villa wurde im Gegensatz zu vielen anderen Villen der Insel nicht abgerissen und ist deshalb heute noch im ursprünglichen Zustand erhalten:
(...) Ganz im Zeitgeist der fünfziger bis siebziger Jahre wurden viele Villen und Nebengebäude auf der Insel abgerissen und Neubaupläne genehmigt, so daß heute kaum noch etwas an den einst mit noblen Villen durchsetzten Landschaftspark erinnert.
Ein so unheimliches und doch zugleich so schönes Stück Berlin: die Insel Schwanenwerder, die bis zum Beginn des 20. Jahrhundert noch ganz unbebaut war und schlicht "Sandwerder" hieß.

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