Mittwoch, 3. Dezember 2008

"SNPedia" - Eine Revolution der näheren Zukunft

Die wissenschaftlichen Revolutionen der letzten etwa 200 Jahre haben zumeist nur mittelbare Auswirkungen auf den Menschen, auf die technischen Fortschritte und auf das Weltbild und Selbstverständnis des Menschen gehabt. Sie haben sich bisher fast nie unmittelbar aus der Wissenschaft heraus auf jeden einzelnen Menschen, auf seine Individualität und sein jeweils sehr spezielles Menschsein ausgewirkt. Der einzelne Mensch war nicht in jedem Fall veranlaßt, sich unmittelbar mit Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen, da sie ihn selten sehr persönlich und individuell betroffen haben.

All das könnte sich jetzt mit der neuen Humangenom-Forschung und der neuen Wissenschaftsrichtung "Personal Genomics" in sehr auffälliger Weise ändern. (Nature, Editorial, 23.10.08, sowie 6.11.08, S. 11)

Und das könnte einer der Gründe dafür sein, daß sich derzeit oft die beiden größten Wissenschafts-Zeitschriften der Welt, "Science" und "Nature", spannender lesen als jedes andere heute erscheinende Publikationsorgan, da dort noch wichtigere Dinge behandelt werden, als sie derzeit etwa die gegenwärtige weltweite Finanzkrise darstellt. Und da muß man es als um so auffälliger empfinden, daß "Science" und "Nature" derzeit frei zugänglich immer noch nur an Universitäten gelesen werden können - bzw. nur über universitären Internet-Zugang.

Auf Wikipedia folgt SNPedia

Die letzte große Wissenrevolution, von der wohl fast jeder Mensch in der westlichen Welt recht unmittelbar profitiert hatte und auch mitbetroffen war, war vielleicht mit dem Namen "Wikipedia" verbunden gewesen. Die nächste große Wissensrevolution, die, was das Selbstverständnis des Menschen betrifft, noch viel grundlegender sein könnte, wird wohl mit dem Namen "SNPedia" verbunden sein. SNPedia ist praktisch die Wikipedia-Fortsetzung der OMIM-Datenbank, die wir auf "Studium generale" schon sehr häufig gepriesen haben. Derzeit gibt es SNPedia nur auf Englisch und es findet sich dort auch noch nicht allzu viel anschauliche Information. Das sagt aber nichts über die eigentliche Ausbaufähigkeit solcher Datenbanken.

Während die OMIM-Datenbank eigentlich nur von und für Wissenschaftler angelegt worden war, ist SNPedia wie Wikipedia für alle Menschen gedacht. Denn alle Menschen haben Gene. Und alle Menschen haben auch Interesse an ihren Genen. Zumindest wenn diese ihr Leben in auffälligerer Weise beeinflussen. Und besonders wenn dies recht präzise aufgezeigt werden kann oder wenn es zumindest begründete Vermutungen dafür gibt.

Die Sequenzierung jedes einzelnen menschlichen Genoms wird immer billiger, bald wird sie in den Bereich der Finanzierbarkeit durch Krankenkassen kommen - zumindest in der westlichen Welt. Und es ist voraussehbar, daß die Sequenzierung durch die Krankenkassen gefördert werden wird, höchstwahrscheinlich sogar verpflichtend wird. Denn das Wissen um das menschliche Erbgut, jedes einzelne, ist unschätzbar bei der Behandlung fast jeder physiologischen oder psychologischen Krankheit, bzw. zur Gesunderhaltung jedes einzelnen Menschen.

Persönliche Genomforschung bald durch Krankenkassen finanziert?

Aber auch einzelne Menschen ganz für sich könnten großes Interesse bekommen, ihre eigenen, persönlichen, genetischen Merkmale zu kennen und sich mit anderen Menschen zu treffen, die genau die gleichen genetischen Merkmale haben. Denn dann hat man mit diesen gleiche Interessen und gleiche Interessen an der Erforschung dieser genetischen Merkmale und an dem Wissen darüber, wie mit diesen genetischen Merkmalen umgegangen werden könnte und sollte - sowohl von Seiten des einzelnen wie von Seiten der Mitmenschen und der Gesellschaft insgesamt.

Nur ein Beispiel: Wir berichteten auf "Studium generale" schon, daß bei Männern eine bestimmte Gen-Sequenz mit einer auffällig höheren Rate von Problemen in Ehen und eheähnlichen Beziehungen einhergeht. Und dabei ist sogar ein Unterschied feststellbar zwischen homozygoten und heterozygoten Trägern dieses Merkmals. Menschen, die Probleme in Partnerschaften haben, könnten also künftig daran interessiert sein zu wissen, ob sie ebenfalls Träger dieses Merkmals sind. Sie können ihr Genom daraufhin heute schon überprüfen lassen (kostet allerdings derzeit noch allerhand) und können sich dann - z.B. auf SNPedia - mit anderen Menschen darüber informieren und austauschen, was mit diesem Merkmal alles zusammen hängt und wie mit diesem Merkmal am sinnvollsten umgegangen werden könnte.

Neue, genetisch-orientierte "Interessen-Gemeinschaften" im Internet

Hier kann künftig jeder einzelne sehr effizient zur Erforschung des Humanum an sich, des Menschseins an sich beitragen, indem er seinen eigenen invididuellen Beitrag und seine Erfahrungen im Umgang mit "seinen Genen" beisteuert.

Da es aber tausende, zehntausende von solchen unterschiedlichen genetischen Merkmalen gibt, die weltweit in den Genomen von Menschen zu finden sind (und die künftig alle auf SNPedia wie bisher schon auf OMIM gesammelt werden sollen), und die die Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten, auch die Einzigartigkeit und Individualität von Menschen sehr entscheidend beeinflussen, ja, das Menschsein überhaupt, wird sich künftig das Interesse an Seiten wie SNPedia ganz gewaltig vergrößern und inflationieren. Man kann sich vorstellen, daß sich im Internet "Interessen-Gemeinschaften" bilden werden, die bestrebt sein werden, die Erforschung des jeweils eigenen ("auffälligeren") genetischen Merkmals weiter voranzutreiben. Diese Gemeinschaften könnten auch ein wichtiges Forschungs-Potential für die künftige medizinische und psychologische Forschung darstellen, sozusagen "Versuchsgruppen".

Und Philosophen, Sozial- und Kulturwissenschaftler aller Art werden viel zu tun haben, in- und außerhalb dieser Online-Gemeinschaften Beiträge zu einem sinnvollen Umgang mit all dem neu gewonnenen Wissen beizusteuern. Einem Wissen, das jeweils ganz speziell diese Online-Gemeinschaften, jene Gemeinschaften von Menschen betrifft, die an einem ganz bestimmten SNP, einer ganz bestimmten Gensequenz interessiert, bzw. von ihr betroffen sind. Mögen das nun IQ-Merkmale, Verhaltens-Merkmale oder physiologische (Körper-)Merkmale, Krankheits-Neigungen oder was auch immer sein.

Auf all diese Gedanken und Zukunfts-Szenarien kommt man, wenn man in den letzten Wochen "Science" und "Nature" studiert hat.

Einige speziellere Fragestellungen derzeit

"Nature" hatte auch einen schönen Artikel darüber, daß die Genetiker anfangen umzudenken, da sie für viele menschliche Eigenschaften, von denen sie gut wissen, daß sie hochgradig erblich sind (zum Beispiel die Körpergröße oder der IQ), noch die eigentlichen Gene, die diese Erblichkeit hervorrufen, trotz umfangreichster Genom-Scan's bislang nicht gefunden haben. Sie glauben immer mehr, nach diffizileren genetischen Unterschieden suchen zu müssen als bislang etwa Merkmale wie Blauäugigkeit, Rohmilch-Verdauung, Alkohol-Verträglichkeit, ADHS und die dafür entdeckten Gene aufgezeigt haben.

Man darf gespannt sein, worauf sie dabei kommen werden. Offenbar - oder höchstwahrscheinlich - handelt es sich jeweils um deutlich polygenetische Merkmale, bei denen man viele diffzile genetische Signaturen im jeweiligen Genom zugleich in Betracht ziehen muß. Das gilt offenbar auch für die Erforschung der menschlichen IQ-Gene. (Science)

"Science" berichtet über eine neuerliche Diskussion unter Wissenschaftlern zur Thematik "Rasse und Genetik" - mit den üblichen "Vorbehalten", Tabus und Sorgen. An ihr nahm offenbar auch der chinesisch-amerikanische Humangenetiker Bruce Lahn teil, über den auf "Studium generale" schon verschiedentlich berichtet worden war. Über ihn wird nun berichtet:
Later, Lahn commented that some scientists 'are almost like creationists' in their unwillingness to acknowledge that the brain is not exempt from selectionpressures.

Aber im gleichen Heft findet sich dann eine gute Übersicht zur gegenwärtigen Erforschung der Genetik menschlicher Verhaltens- und Gehirnhormone überhaupt, hier vor allem Vasopressin oder Oxytocin. Ein Thema, das schon ausführlich auf "Studium generale" behandelt wurde.

Im gleichen Heft wird die unglaublich spannende und neue Thematik der Genetik menschlicher politischer Partizipation behandelt. - Grundlegende Frage: Wie kann das demokratische Prinzip der "Gleichheit" in Einklang gebracht werden mit dem Prinzip der Natur, nämlich dem der genetischen Ungleichheit, auch zwischen Menschen? Träger bestimmter Gene haben größere Neigung politisch zu partizipieren als Träger anderer Gene. Wird damit nicht ein sehr grundlegendes Prinzip, ja, eine Voraussetzung von Demokratie infrage gestellt? Denn jeder verfolgt ja - nach dem Postulat der Biologie - auch auf dem Gebiet der Politik seine eigenen "Gen-Interessen". - Wer genau hinschaut, merkt, daß sich hier eine Fülle von Fragen anschließen. Denn natürlich verfolgen wir zugleich auch die Interessen der Gene jener, die die gleichen Gene wie wir selbst haben ... Wahnsinn! Aber dann käme es darauf an, danach zu fragen, ob bestimmte Gene "zur politischen Partizipation" in auffälliger Weise gekoppelt sind mit Genen zu beliebigen anderen Merkmalen, denn dann werden ja die Interessen dieser gekoppelten Gene vermutlich ebenfalls in der Politik mitverfolgt. Ein irres Thema, das wohl zum Teil auch noch recht spekulativ behandelt werden kann, bzw. muss.

Auch beispielsweise das sogenannte "Krieger"- oder Aggressions-Gen (MAOA) ist Thema dieser Ausgabe. (Science) Besonders wichtig könnte einem erscheinen, daß bei der Ausbildung von solchen Merkmalen auch frühkindliche Erfahrungen oder starke Streßzeiten im Leben entscheidend mitbeteiligt sind, wie erwaehnt wird, was sehr deutlich aufzeigt, daß wir nicht nur genetisch, sondern eben auch umweltmäßig sehr deutlich "determiniert", festgelegt sein können - und zwar vor allem in der Kombination beider "Determinations"-Arten miteinander, nicht in Ausschluß des einen Prinzips vom anderen. Dieses Schwerpunkt-Heft "Verhaltensgenetik" von "Science" enthält noch viele andere wertvolle Anregungen, die hier aus Zeitgründen alle gar nicht im einzelnen referiert werden können.

1 Kommentar:

Ingo Bading hat gesagt…

In der "New York Times" macht sich Steven Pinker anschauliche Gedanken über die neue Ära des Wissens um das eigene, persönliche Genom.

Er hat selbst schon mehrere Genomscans hinter sich und sie zum Teil ebenfalls öffentlich gemacht.

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