Freitag, 30. September 2016

Gerwald Claus-Brunner (1972-2016)

"Er wirkte immer so, als hätte er eine multiple Persönlichkeitsstörung"

Gerwald Claus-Brunner (1972-2016). Dieser Politiker war für den Bloginhaber bislang ein Politiker wie jeder andere. Da der Bloginhaber 2012 sehr mit den "Piraten" sympathisierte (5, 6), fand er auch diesen Politiker damals überdurchschnittlich sympathisch. In den Jahren seither geriet er einem aus dem Blickfeld. Mit Entsetzen nahm man dann die Berichte von seinen letzten Lebenstagen zur Kenntnis. Die ganze Sichtweise auf Gerwald Claus-Brunner ändert sich, seit man gestern durch das Stern-Interview seines Bruders (1) erfahren hat, dass die Eltern von Claus-Brunner der Ludendorff-Bewegung angehören.

Wahlkampfplakat der "Piraten" mit Gerwald Claus-Brunner
(Vorschaubild eines Youtube-Videos)
Denn damit ist klar, dass der Bloginhaber seit Herbst 2015 mit diesem alten Ehepaar in Email-Kontakt steht, auch schon mehrmals mit ihm telefoniert hat, um Detailfragen aus der Geschichte dieser weltanschaulichen Bewegung zu klären.

Auch dieses Ehepaar war ihm bisher immer sympathisch. Von dem, was der Bruder erzählt und was auch schon Gerwald Claus-Brunner 2012 der TAZ erzählte (2), war dem Bloginhaber dabei nichts bekannt. Ihn wundert ein wenig, dass die TAZ nicht schon im Mai 2012 den Namen Ludendorff ins Spiel gebracht hat. Da mit Informationen Politik gemacht wird - und zwar Politik im Sinne jener, die solche Informationen natürlich über jeden (insbesondere Oppositions-)Politiker sammeln -, darf man schon fragen, wie diese Tatsache eingeordnet werden soll. Die TAZ schildert sehr anschaulich, wie Claus-Brunner im Frühjahr 2012 wegen seines Palästinenser-Kopftuches von Charlotte Knobloch kritisiert wurde, und dass dies sich zur ersten großen Krise seines Politikerlebens auswuchs und wie viel Selbstbeherrschung diese von ihm verlangte. Es bleiben aber nicht nur deshalb viele Fragen. Im folgenden einige Lese-Eindrücke vor allem aus dem Stern-Artikel vom Montag (1, S. 49):
Irgendwo im Dunkeln des Vergessens nagt eine alte Missbrauchsgeschichte. Ein Landarbeiter soll Gerwald betatscht haben. Der Vater jagte ihn vom Hof, man verzichtete auf eine Anzeige.
Und (1, S. 51):
"Er wirkte immer so, als hätte er eine multiple Persönlichkeitsstörung," sagt ein Fraktionskollege.
Hier sind die Fraktionsmitglieder. (Es ist ja interessant, dass eines von diesen immerhin diese Krankheit dem Namen nach kennt. Es wäre aber auch interessant zu erfahren, ob es weiß, wie diese Krankheit hervorgerufen wird, nämlich einzig und allein in Zusammenhängen organisierter elitärer Kriminalität in satanistischen Logen durch Gewalt an Kindern von Geburt an.) Und es heißt (1, S. 49):
Die Mutter will den Sohn schon als Kind zum Psychiater schicken. Er weigert sich. "Ich geh doch nicht zum Irren-Doktor." Ein Satz, den er später oft wiederholen wird.
Sein erster Liebhaber kam bei einem Unfall ums Leben. Sein älterer Bruder fuhr mit einem geklauten Auto nach Luxemburg und nahm sich dort - mit der Schrotflinte des Vaters - das Leben. Seine Schwester kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Am 5. Mai 2012 schrieb die TAZ (2):
Aufgewachsen ist Claus-Brunner auf einem Bauernhof in einem Dorf in Niedersachsen. Die Eltern waren streng, haben die fünf Kinder geschlagen, mit Stöcken, mit einem Gürtel, was gerade zur Hand war, knurrt Claus-Brunner. In der Schule wurde er gehänselt, weil er nach Kuhstall roch. „Ein Aggrokind“, sagt er. Mit 13 zündete er im Wald 50 Kilo Ammoniumnitratdünger an, „das gibt schon eine ganz ordentliche Detonation“, immer wieder schlug er andere zusammen. Er hörte erst auf, als er zwanzig war, als schon Gefängnis drohte. „Auskoppelung aus der Gesamtgruppe“, fasst Claus-Brunner seine Jugend zusammen. Noch in Niedersachsen machte er eine Lehre zum Fernmeldeelektriker, ging drei Jahre zur Bundeswehr, fand heraus, dass er schwul ist, wurde versetzt. Als sein erster Freund bei einem Autounfall ums Leben kam, hätten seine Eltern gesagt: Gut, dass er tot ist. Den Kontakt zu ihnen hat er abgebrochen.
Claus-Brunner und/oder sein letzter Freund haben einen Twitter-Account gehabt mit dem Namen "Ludosophicus" (1, S. 50). Es gibt den Begriff "Ludosophie" für die philosophische Auseinandersetzung mit Spielen*), in dieser Begriffswahl könnte man aber auch einen Bezug zu "Ludendorff" heraushören. Auf diesem Account ist der letzte (Re-)Tweet vom 8. September (3):
Christopher Lauer ‏@Schmidtlepp 8. Sep. Wäre Politik auf Piraten eigegangen wie auf AfD, hätten wir jetzt fahrscheinlose Bundesbahn, kein Urheberrecht, BGE und Weltraumaufzug.
Anhänger der AfD werden auf diesem Account durchgängig als "Faschisten" bezeichnet. Der offizielle Twitter-Account von Gerwald Claus-Brunner ("Realdeuterium") ist derzeit nicht öffentlich einsehbar. (Nur wer bestätigter Follower ist, kann ihn lesen.) Er hat 2.800 Follower. Sein Vorstellungstext:
Battle without Honor or Humanity ! Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin 17. Wahlperiode. Bisexuell, אני יהודי G. F. Brunner.
Das F. steht wohl für seinen Spitznamen "Faxe". Seit wann dort das Losungswort "Kampf ohne Ehre und Menschlichkeit" steht, wäre auch noch einmal interessant zu erfahren. /(Ergänzung 3.10.16:) Die hebräischen Buchstaben vor seinem Namen übersetzt "Google Übersetzer" mit "Ich bin ein Jude". Seit den Angriffen der Charlotte Knobloch auf sein Palästinensertuch trug er ja auch - nach diversen Zeitungsberichten - einen Davidstern um den Hals./

Der Inhaber dieses Blogs hat erst jüngst auf seinem Parallelblog davon geschrieben, dass die Eltern von Gerwald Claus-Brunner in den 1980er Jahren eine schöne Schallplatte mit nichtchristlichen Weihnachtsliedern herausgegeben haben (4). Soweit ihm seine Eltern seit letzten Herbst bekannt geworden sind, sind sie zutiefst politische Menschen. Wenn man sich recht erinnert, erzählten sie, dass sie erst in den 1960er Jahren zur Ludendorff-Bewegung dazu gestoßen sind als sie auf der Suche nach weltanschaulicher Orientierung waren. Innerhalb derselben fielen sie durch großes Engagement auf, standen aber wohl - aufgrund diverser Streitfälle (die dem Bloginhaber so gut wie gar nicht bekannt sind) - zumeist sehr am Rand derselben. Sie schrieben dem Bloginhaber am 1. November 2015:
Viele sogenannte "Ludendorffer" haben wir verabscheuen und verachten gelernt. Leider.
Am Telefon wirkten sie geistig noch sehr wach, aufgeweckt und anteilnehmend. Somit sollte man es nicht für ganz unwahrscheinlich halten, wenn sie auch von sich aus noch einmal zu den Aussagen ihrer beiden Söhne in der Presse Stellung nehmen. Allerdings haben sie das ja auch zu einem früheren Zeitpunkt - soweit übersehbar - nicht getan (auch nach dem TAZ-Artikel vom Mai 2012 vermutlich nicht.) Und auch, als der Bloginhaber im Januar 2016 auf seinem Parallelblog (7) den Fall des Journalisten und Übersetzers Einar Schlereth behandelt hat, dessen Lebenserinnerungen tief vom Hass auf seine Eltern durchtränkt sind, die Ludendorff-Anhänger waren und die ihr Sohn nur als prügelnde Eltern in Erinnerung hat, zeigten sie keine Reaktion.

Andererseits möchte man ihnen auch Zudringlichkeiten irgendwelcher Art - etwa von Seiten von Journalisten - zumindest in der nächsten Zeit nicht wünschen.

Insgesamt: Dieser Blog würde ihnen für eine Stellungnahme zur Verfügung stehen.

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*) Eingefügt am 2.10, mit Dank für den Hinweis an einen Leser und Bloggerkollegen.

Letzte Änderungen: 2.10.16
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  1. Kerstin Herrnkind, Dominik Stawski: Interview mit Claus-Brunner-Bruder: „Alarmsignale ziehen sich wie ein roter Faden durch Gerwalds Leben“. Stern 40/2016, 26. September 2016, online 30. September, abgerufen am 2. Oktober 2016, http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/claus-brunner-bruder---alarmsignale-ziehen-sich-wie-ein-roter-faden-durch-gerwalds-leben--7079216.html (Online am 26. September: http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/gerwald-claus-brunner--bruder-spricht-ueber-ihre-traumatische-nazi-kindheit-7077472.html)
  2. Küppers, Kirsten; Bergt, Svenja: Politik in Latzhosen - Pirat Gerwald Claus-Brunner sitzt seit Oktober im Berliner Parlament. In: TAZ, 5.5.2012, http://www.taz.de/!595043/  
  3. https://twitter.com/Gropiuslerche  
  4. http://studiengruppe.blogspot.de/2016/05/aus-weiter-ferne-komm-ich-her.html
  5. Bading, Ingo: Die Piratenpartei - scheitert sie wie alle an mangelnder Geheimdienst-Kritik?, GAj!, 23. April 2012, http://studgenpol.blogspot.de/2012/04/die-piratenpartei-scheitert-sie-wie.html
  6. Bading, Ingo: Ein "überzeugter Katholik" wird Vorsitzender der Piratenpartei - Ist Regierungsdirektor Bernd Schlömer wirklich "klar zum Ändern"?, GAj!, 29. April 2012, http://studgenpol.blogspot.de/2012/04/ein-uberzeugter-katholik-wird.html
  7. Bading, Ingo: "Nobodies Memories" - Ein Leben als Sohn von prügelnden Ludendorff-Eltern - Der Journalist und Übersetzer von "Geheimakte Mossad" Einar Schlereth. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 23. Januar 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/01/nobodies-memories-ein-leben-als-sohn.html

1 Kommentar:

Ingo Bading hat gesagt…

Na toll. Dieser Artikel wird zum ersten mal dafür zum Anlass gewählt, dass auf einen unserer Blogs "in der Zeitung" Bezug genommen wird. Dafür hätte man sich früher auch schon mal gerne einmal andere Anlässe auswählen können, liebe Lückenpresse ... Jedenfalls geschah es gestern hier:

Claudia Becker: Gerwald Claus-Brunner † - Eine Kindheit zwischen Schlägen und Verschwörungswahn. In: Die Welt, 02.10.2016, https://www.welt.de/vermischtes/article158505653/Eine-Kindheit-zwischen-Schlaegen-und-Verschwoerungswahn.html

Da heißt es an einer Stelle:

"Wie eng Claus-Brunners Vater, der Tierheilpraktiker Walter Claus, und seine Frau mit der Bewegung verbunden waren, zeigt auch deren Verlagsarbeit. Dieser Verlag veröffentlichte nicht nur Walter Claus’ Werk über veterinärmedizinische Medikamente, sondern unter anderem auch eine Langspielplatte mit dem Titel 'Deutsche Weihnacht', auf der ein Kinderchor mit Liedern zur Wintersonnenwende zu hören ist. 'Nichtchristliche Weihnachtslieder', die, wie es in dem Blog der Ludendorff-Studiengruppe heißt, den 'heidnisch-germanischen Mythos besingen."

Leider ist auch das nicht ganz richtig zitiert. Nicht "der" (heidnisch-germanische Mythos) wird besungen, sondern nur EIN Kernmythos aus dieser mythischen Welt, nämlich der von der Weltenesche. Und nur von EINEM Lied dieser Schallplatte hatten wir geschrieben:

"Das Lied bringt den in der vorchristlichen, skandinavischen Edda-Dichtung enthaltenen heidnisch-germanischen Mythos von der Weltenesche in ein eindrucksvolles, fassliches Gedicht."

Ansonsten haben die Gedichte und Lieder dieser Schallplatte unserer Erinnerung nach wenig mythische Inhalte, sondern besingen einfach die Weihnachtszeit, die winterliche Natur, den Weihnachtsmann, den Knecht Rupprecht, vielleicht noch Zwerge und was es da alles geben mag in schönen nichtchristlichen Weihnachtsliedern.

Ich werde jetzt aber hier auch nicht jede einzelne sonstige Schieflage dieses Artikels durchgehen. Es darf aber zum Beispiel gut und gerne darauf hingewiesen werden, dass Erich Ludendorff schon Anfang der 1930er Jahre nicht gegen die Homosexualität des ihm persönlich vormals als Fraktionskollegen gut bekannten Ernst Röhm Stellung genommen hat - das sei seine Privatsache, so führte Ludendorff aus - sondern vor allem, dass er als ein so veranlagter militärischer und politischer Führer von Jugend nicht geeignet sei. Will sagen, dass man prinzipiell "gegen Homosexualität" sei, ist einem in der Literatur der Ludendorff-Bewegung noch nicht begegnet.

Vielmehr ist bekannt, dass es auch in den Familien von Anhängern dieser Bewegung vereinzelt diese Neigung gibt. Die offenbar sehr extreme Reaktion der Eltern von Gerwald Claus-Brunner auf das Bekanntwerden seiner Homosexualität dürfte deshalb deutlich aus dem Rahmen fallen (ganz abgesehen davon, dass die Befürwortung des Todes eines homosexuellen Liebhabers völlig außerhalb der moralischen Grundlagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff liegt).

Mathilde Ludendorffs eigener Vater und viele Verwandte waren Pfarrer und sie war schon deshalb eindeutig GEGEN alles "Predigen". Beseeltheit läßt sich auch ja schon aus Prinzip nicht "predigen". Insgesamt also leider einmal erneut die typische zu oberflächliche Recherche. Als "Mainstream" muss man ja auch bekanntlich auf Genauigkeit keinen Wert legen ....

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