Donnerstag, 15. Oktober 2015

Lasst sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition

Begreift Euch als Erben!
Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014)

Abb.: Peter Sloterdijk, 2009
Foto: Kurt Steinhausen (CC BY-SA 3.0 DE)
In einem Gespräch bemängelte Daniel, dass ein Buch wie "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" von Peter Sloterdijk es dem Leser nicht leicht genug machen würde, sich auf seinen Inhalt überhaupt nur einzulassen. Es würde zu oft eine zu schwierige, nicht leicht zugängliche Sprache verwendet, schon im Eingangssatz des Buches. Ja, warum sagt Sloterdijk nicht von Anfang an klar und deutlich, worum es ihm eigentlich geht? Warum verschlüsselt er sprachlich erst noch einmal das, was er gedanklich zu entschlüsseln sucht?

Auch ich musste erst lange in dem Buch lesen, bevor ich überhaupt glaubte, verstanden zu haben, worum es in dem Buch geht. Um einen Standpunkt zu gewinnen, an dem man sich "festhaken" kann, ab dem man seinem größeren Gedankengang überhaupt "folgen" kann. Und wenn man so über die Amazon-Rezensionen zu diesem Buch liest, hat man das Gefühl, dass die meisten Rezensenten noch nicht einmal den wesentlichsten Grundgedanken dieses Buches begriffen haben. Vielleicht reibt sich ja Sloterdijk dabei die Hände und ist froh darüber? Vielleicht will er gar nicht verstanden werden? Man weiß es nicht.

Nachdem man das ganze Buch aber einmal quer - und sich an der einen oder anderen Stelle fest - gelesen hat, nachdem man eine Nacht darüber geschlafen hat, ist einem - so möchte man meinen - der Ort jetzt einigermaßen klar, von dem ausgehend man die Lektüre angehen kann. Im folgenden soll versucht werden, diesen Ort zu benennen.

Worum geht es?

Es geht hier um das, um was es schon Konrad Lorenz in "Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit" ging. Nämlich um eine der schon von Konrad Lorenz benannten "acht Totsünden", um den Abbruch der Tradition, der Kontinuität. Dass die "Kinder der Neuzeit" sich des geistigen Erbes der Neuzeit, der Aufklärung, des Abendlandes gar nicht mehr vollumfänglich bewusst sind. Dass sie seine "Last" und seine Freuden nicht tragen wollen, sich diesen nicht verpflichtet sehen. Und das sowohl (!) auf genetischer wie (!) auf kultureller Ebene. Dass ihnen zunehmend mehr - - - "alles egal" wird.


Auf unserem Google-Plus-Profil hatten wir schon im Februar dieses Jahres auf ein auf Youtube dankenswerter Weise endlich veröffentlichtes Video hingewiesen "Konrad Lorenz - Bemerkungen zu Kultur und Evolution (1977)" (Youtube) und dazu geschrieben:
Lorenz spricht hier von der Gefahr unserer Kultur, wie eine Kerzenflamme auszulöschen, weil die junge Generation - manipuliert wie sie ist - eine ganz andere und neue schaffen will. 
Das sind genau "die schrecklichen Kinder der Neuzeit", von denen Peter Sloterdijk spricht. Auch wenn er sich leider nicht immer so deutlich ausdrückt wie hier Konrad Lorenz. - - - Man möchte übrigens meinen, der Leser würde - heutzutage - nichts Verkehrtes tun, wenn er sich als das gegenwärtig bekannteste Gesicht eines "schrecklichen Kindes der Neuzeit" das Gesicht von Angela Merkel vor Augen hält. Denn wie wichtig sind ihr, der angeblich "konservativen" Politikerin, noch kulturelle und genetische Kontinuität in Deutschland? Und in Europa? Haben sie für sie noch irgendeinen Stellenwert? Oder zerbröselt dieser Stellenwert gerade unter unseren Händen? Und gerade durch die Politik dieser Frau? (Man fühlt sich fast an den "notwendigen" "grünen" Kriegsminister Joschka Fischer erinnert, damit Deutschland Krieg führen konnte ohne zu viel parteiinternen - und damit auch außerparlamentarischen - Widerstand hervorzurufen. Unter der - - - "hedonistischen Linken", sprich, der zu Tode amüsierten und verwöhnten. In gleichem Sinne ist heute eine "konservative" Bundeskanzlerin "notwendig", um die parteiinternen und außerparlamentarischen Widerstände in der billigsten Weise auf kleiner Flamme zu halten. Und die Medien "gaukeln" uns vor, als gäbe es "Debatten" unter den etablierten Politikern um diese Dinge. Ja, "Debatten" schon. Monate lang. Doch wie schön: Ändern tut sich nichts. Terrormanagement in Paris sei Dank.)

Leben muss "reich" genug aufgefasst sein
Sloterdijk stellt in der "Vorbemerkung" dar, dass die geistige und moralische Welt des christlichen, augustinischen Europas auf dem Gedanken der Erb-Sünde beruht. Dass "Erbe" also als Sünde angesehen wird. Was für ein ungeheuerlicher Gedanke. Und dass die Ursünde ein - - - unhintergehbares "Erbe" ist. Darüber wäre wohl noch viel zu sagen. Und Sloterdijk tut das auch. Er stellt dann dar (S. 20), dass Denker der Aufklärung wie Immanuel Kant oder Friedrich Schiller diesen Gedanken der Erbsünde ins Positive gewendet haben. Dass sie die "Vertreibung aus dem Paradies" des mythischen Denkens des Menschen als notwendige Voraussetzung angesehen haben, dass sie die Arbeit der Vernunft und die "Arbeit des Begriffs" auf sich genommen haben - wie das Hegel (als Schüler Hölderlins) formuliert hat. Nietzsche hat dann den Begriff der Ursünde - so Sloterdijk - ganz beiseite geschoben. Und dann kommt so ein Satz, der sicherlich anspielt auf den Grundgedanken des Buches von Sloterdijk überhaupt (S. 22):
An die Stelle der Erbsünde tritt bei den Menschen der Neuzeit die janusköpfige Entdeckung des realen Erbes als Last und Chance. (...) Wo große Lasten zu tragen sind, dürfen entsprechende Vorteile nicht fehlen.
Sloterdijk spricht von großen Lasten und das erinnert in vielem an Grundgedanken seines Buches "Du musst dein Leben ändern". Dort wird ja ebenfalls auf die Last und die Mühe hingewiesen, die es bedeutet, sein Leben umzustellen und zu ändern, sich zu "trainieren", um die notwendigen (natürlich kulturellen) Leistungen erbringen zu können. Der "Vorteil" des Glaubens an die Erbsünde ist das "Leben nach dem Tod", so Sloterdijk. Und als den größten Ausgleich gegenüber der Last des Erbes sieht Sloterdijk dann für den modernen Menschen, der an dieses Leben nach dem Tod nicht mehr glaubt:
Wer modern empfindet, stimmt ohne langes Nachdenken der Forderung zu, das Leben in der Immanenz sollte reich genug aufgefasst werden, um alles, was vormals in der Transzendenz unterzubringen war, in seinen eigenen noch längst nicht ausgemessenen Umfang aufzunehmen.
Ein sicherlich begeisternder, wertvoller Gedanke. Man kann auch sagen, dass er übereinstimmt mit der Philosophie Mathilde Ludendorffs. Auch sie stellt die Forderung auf, dass der "Triumph des Unsterblichkeitwillens" des Menschen darin besteht, dass dieser seine Erfüllung, seinen "Reichtum" findet nicht in einem Leben nach dem physischen Tod, sondern nur vor demselben.

Die Gefahr des Abbruchs der kulturellen und genetischen Tradition

Sloterdijk denkt einfach, so wurde schon angedeutet, die Fragestellungen und Gedanken von Konrad Lorenz in "Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit" und in "Der Abbau des Menschlichen" weiter. Vielleicht ganz ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Da eben in bestimmten kulturgeschichtlichen Situationen Menschen von ganz unterschiedlichen gedanklichen Ausgangspunkten und Lebenserfahrungen zu ähnlichen Ergebnissen im Nachdenken kommen. Die einen (M. Ludendorff) schon 1921 (sie sprach von der "Todesnot des Gottesbewusstseins auf unserem Planeten"), andere (K. Lorenz) 1970 - und noch einmal andere (Sloterdijk) 2014. Sloterdijk konstatiert für den modernen Menschen (S. 23f):
Eher möchte man glauben, die Erblichkeit als solche erscheine jetzt als ein Makel, gegen den die Modernen sich auflehnen. Sie weisen immer öfter zurück, was sie an alten Mitgiften bedrückt - ob es die Verklavung durch biologische Determinierungen ist ...
So muss man es nicht nennen. So hat es Konrad Lorenz in der Regel nicht benannt. An dieser Begriffsverwendung wird erkennbar, dass Sloterdijk sich mit unserem biologischen Erbe und dem Wissen um dieses noch nicht genügend beschäftigt hat. Aber in den weiteren Ausführungen wird deutlich, dass der Begriff "Versklavung" bei Sloterdijk so eng nicht gefasst ist und auch auf solche Bereiche angewandt wird, in denen die notwendigen Spielräume und Freiheit mit inbegriffen sind:
... oder die Prägungen durch Klasse, Schule, Kultur und Familie. Dass solche "Versklavungen" (...) zugleich positive Bedingungen konkreten, geglückten, bestimmten Lebens sein könnten, mögen die Agenten der Losreissung nicht gerne wahrhaben. (...) Wo immer das Interesse an Enterbung und Neubeginn aufflammt, stehen wir auf dem Boden der authentischen Moderne.
Sloterdijk ist also auch im Jahr 2014 noch - oder wieder - mit jenem Traditionsabbruch beschäftigt, der das erste mal im Zusammenhang mit der Studentenrevolte  von 1968 vielen Menschen bewusst wurde ("Der Muff von tausend Jahren unter den Talaren" etc.). Der den Menschen aber schon in den Umbruchsjahren 1914, 1918, 1933 und 1945 erfahrbar geworden war. Damit mag ein oder sogar der wesentlichste Ausgangspunkt genannt sein, von dem ausgehend man dieses Buch verstehen kann. Im letzten Satz des Buches nimmt Sloterdijk Bezug auf einen Satz der Mutter von Napoleon über ihren Sohn, der da lautete "Wenn das nur auf die Dauer gut geht" und schreibt:
Schon zur Zeit seiner Formulierung war der Ausspruch mehr ein Bannwort gegen nahendes Unheil als ein Zeugnis der Zuversicht. Den schrecklichen Kindern der Neuzeit vermittelt er den Wink, es könne nicht schaden, sich in der verlernten Kunst des Dauerns zu üben.
"Sich in der verlernten Kunst des Dauerns zu üben". Sprich: Kinder zu haben, Tradition weiter zu geben, Gene weiter zu geben, Kultur weiter zu geben, den kulturellen Zusammenhang eines Volkes, einer Sprachgemeinschaft, einer Kultur über die Generationen hinweg und über die Klassen und Schichten hinweg zu wahren. Also sich in der durch die 1968er Generation verlernten Kunst zu üben, kulturelle und genetische Traditionen und Kontinuitäten nicht abreißen zu lassen.

Das Kapitel 1 ist dann dem Satz der Madame Pompadour gewidmet nach der französischen Niederlage gegen Friedrich den Großen in der Schlacht bei Roßbach: "Nach uns die Sintflut". Auch sie wird als ein "schreckliches Kind der Neuzeit" aufgefasst. Besonders spannend mag man auch Ausführungen finden im flapsig betitelten Kapitel "Im Copy-Shop der Evolution". Man mag es schade finden, dass schon in dieser Begriffsverwendung das Wunder der Evolution - also der Immanenz - bei Sloterdijk oft etwas abgewertet klingt. Sei es jedoch drum. Er spricht hier auch von vielem, was in allen traditionellen Völkern der Weltgeschichte selbstverständlich war. Nämlich dass man in kulturellen und genetischen Erben fortleben wollte. Und wie dieser Wille im einzelnen zum Ausdruck gekommen ist.

Spannend sind auch die vielen Ausführungen in diesem Buch zum "Bastard-Problem". Also zu dem Problem von als "illegitim" empfundenen Erben. All das ist es sicherlich wert, dass man es sich - ausgehend von dem hier genannten Grundgedanken - noch einmal sehr genau anschaut.

Wirkungsgeschichte des Buches in Amazon-Rezensionen

Von der oben geäußerten Kritik an den Amazon-Rezensionen möchte man die von F. Grossmann ausnehmen. Wir befinden uns im "Delta", sagt er mit Sloterdijk, wo kulturelle Traditionen,
die sich einst aus – jeder nach seiner Art - quicklebendig dahin sprudelnden Bächen und Flüssen speisten, zu behäbig auslaufenden Gewässern werden, Sumpflandschaften entstehen lassen, bevor sie ganz im konturlosen ozeanischen Einerlei aufgehen.
Dagegen lehnt sich Sloterdijk auf. Indem er diesen Vorgang einfach erst einmal nur analysiert und benennt. Vor dem Hintergrund des großen geistigen Erbes des Abendlandes. Schön - und im Geist von Sloterdijk - formuliert. Zumindest ehrlich auch ein Peter Oberschelp:
Sloterdijks sprachverliebte Art der Vortrags wirkt kurzfristig belebend, dann aber bald ermüdend, so dass man nur in kurzen Schüben vorankommt. Am Ende fällt es schwer, sich über den Ertrag der Lektüre klar zu werden.
Aber auch bei Durchsicht dieser zum Teil sehr belesenen und intelligenten Amazon-Rezensionen möchte man meinen, dass man Sloterdijk erst dann mit dem größten Verständnis liest, lesen kann, wenn man ihn vor dem Hintergrund der Philosophie von Mathilde Ludendorff liest und vor dem Hintergrund der heutigen Erkenntnis in der Humangenetik, dass die Humanevolution bisher immer in Völkern stattgefunden hat.

Freilich auch in neuen Volkwerdungen  (Ethnogenesen) nach dem Untergang großer Völker und Kulturen, nach dem weiträumigen Abbruch von genetischer und kultureller Tradition (siehe Buchtitel wie "collapse of complex societies"). Die Evolution arbeitet mit beidem. Und es gilt möglicherweise, sehr genau zu prüfen, ob es gegenwärtig das Ziel der Evolution sein kann, die Völker des Abendlandes untergehen zu lassen, damit in dem dann leer werdenden Raum genetisch und kulturell gänzlich neue Völker entstehen können, Völker, die auch genetisch besser an die Herausforderung moderner Zeiten angepasst sind. Aber zumindest mir geht es so: Wenn ich Hölderlin lese, kann ich es nicht glauben, dass das das Ziel der Evolution ist.

Nichts von den Verheißungen, von den sicheren Erwartungen, die in der Dichtung Friedrich Hölderlins enthalten sind, ist bis heute in Erfüllung gegangen.

1 Kommentar:

Ingo Bading hat gesagt…

Es wird natürlich schnell klar, dass man so wie Sloterdijk heute weder Politikwissenschaft, noch Geschichtswissenschaft, noch Philosophie betreiben kann und darf. Es geht heute alles doch wesentlich konkreter. Es kann benannt werden, dass die in der Menschenseele angelegten Triebe zum Bösen, zum abgrundtief Schlechten, zum Zerstören alles Erhaltenswerten SYSTEMATISIERT werden können in Männerbünden, die an archaischer Religiosität, archaischem Okkultismus, an archaischen Ritualen orientiert sind, sprich im Zusammenhang mit elitärem Satanismus. Hier sind die eigentlichen intellektuellen Eliten der oft nur halb- oder unbewusst agierenden, von ihnen gehirngewaschenen, manipulierten "schrecklichen Kinder der Neuzeit" zu suchen. Eigentlich sollte zu dieser Erkenntnis schon eine Lektüre von "1984" von George Orwell genügen. Oder ein Studium der Methoden, mit denen das Ministerium für Staatssicherheit arbeitete, mit denen "Terrorjahre" in Italien (Regine Igel) inszeniert wurden und so weiter und so fort. Also indem einfach die analytische Arbeit geleistet wird, wie sie hier auf dem Blog und auch sonst weit verbreitet in der alternativen Öffentlichkeit betrieben wird.

Peter Sloterdijk - auch DU sollst Dein Leben ändern! Auch DU sollst Dich mehr am Wissen und den intellektuellen Auseinandersetzungen der ALTERNATIVEN Öffentlichkeit orientieren als in jenen breiten, verdreckten geistigen Flüssen, die in dem von Dir beschworenen Delta der Beliebigkeit und des Nichts enden, WEIL das so beabsichtigt ist von den intellektuellen Eliten der westlichen Welt!

Als Peter Sloterdijk in "Zorn und Zeit" die archaischen Feindvernichtungsgebete des Alten Testamentes analysierte, kam er der Emotionalität, den Ideologien und den Zielsetzungen dieser archaischen Religiosität, die als Kräfte des Bösen "systematisiert" wurden mit Hilfe moderner Wissenschaft und Technik in "Thinktanks" und Geheimdiensten doch schon erstaunlich nahe.

An dem Punkt ist weiter zu arbeiten. Denn auch dies muss gesagt werden, Peter Sloterdijk, und Sie sagen es selbst: Wir haben nicht mehr viel Zeit.

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