Mittwoch, 27. April 2016

Mein Genom: Es wurde sequenziert

Ein großer Tag
Your reports are ready!
heißt es vielleicht etwas unspektakulär in der Betreffzeile. Und doch ist es ein großer Tag heute. Soeben habe ich die Ergebnisse der Genom-Sequenzierung, die ich im Januar bei 23andMe für 150 Euro in Auftrag gegeben hatte, erhalten (GA-j! 01/2016, 02/2016). Lange genug hat es ja gedauert.

Ich protokolliere gleich das Lesen der Ergebnisse mit. Die Zusammensetzung meiner Vorfahren ("Ancestry Composition") ist laut der Ergebnisse zu 100 % europäisch.

Davon 30 % "französisch und deutsch" und 40 % "allgemein nordwesteuropäisch", weitere 11 % "britisch und irisch", 7 % "osteuropäisch". Das deckt sich womöglich alles recht gut mit meinem mir durch Ahnen- und Kirchenbücher-Forschung recht gut bekannten Stammbaum. In diesem Stammbaum gibt es nämlich in der Tat auch eine Urur...großmutter aus Leeds in England (Familienname Moore) und eine eben solche aus Ungarn. (Das werde ich in den nächsten Tagen noch genauer nachtragen welchen rechnerischen Anteil diese beiden Vorfahren-Linien in meinem Stammbaum haben.)

Mein Genom ist sequenziert - Die Ergebnisse sind da!

Weiterhin wird genannt: 2 % skandinavisch, 1,7 % allgemein südeuropäisch, 1,4 % Balkan. Das könnte sich decken mit der Tatsache, dass es auch eine Ururur...großmutter aus einer venezianischen Adelsfamilie gibt (der Familie Nobile Cicogna). Interessanterweise gibt es unter meinen Vorvätern und -müttern auch zu 0,5 % aschkenasisch-jüdische Vorfahren. Das muss in meine Vorfahrenlinien gekommen sein vor dem 17. Jahrhundert, denn soweit ich meinen durch Kirchenbücher bekannten Stammbaum überblicke, hat es dort niemanden mosaischer Religion gegeben.*)

Deine Gene sind da, kleiner Mann (Aufnahme von 1966)

Die Zusammensetzung meiner Vorfahren-Linien ist auch nach Chromosomen gegliedert. Auffälligkeiten: Die jüdische Vorfahren-Gruppe hat sich allein auf Chromosom 11 gehalten als Haplotyp. Das habe ich - vermute ich jetzt mal - wohl eher von meiner Mutter als von meinem Vater, meine Mutter ist eine europäische Mischung, während mein Vater nur Vorfahren aus dem westlichen Havelland hat. Ich glaube, ich sollte meiner Mutter zum Geburtstag mal ein Starterkit schenken, um diesbezüglich ein wenig weiter zu kommen! 

Mein X-Chromosom wird hier als einheitlich "osteuropäisch" angegeben. Osteuropäisch soll auch ein Strang des Chromosoms 9 sein. - Welches von den übrigen 22 Chromosomen ist aber nun eigentlich das Y-Chromosom, frage ich mich gerade.

Und wie passt das damit zusammen, dass mein mitochondriales Genom, das doch in ähnlicher Weise vererbt wird wie das X-Chromosom (.... oder nicht?) "I5a" ist? Haplogruppe I hat heute seine größte Häufigkeit weltweit in Norwegen (laut 23andMe). Weiter. Mein Y-Chromosom und damit das meines Vaters, Großvaters väterlicherseits und so weiter weist - laut 23andMe - Haplogruppe I2b1* auf:
Today the I2b1 branch of I2 is common in the Netherlands and Germany,
sagt "23andMe". Und das passt nun auch in der Tat hervorragend zu der Tatsache, dass der Familienname Bading (wohl) von dem Dorf Bading bei Stendal in der Altmark herstammt, höchstwahrscheinlich germanischen Ursprungs ist ("Bad-" für Bote oder Gebieter, "-ing" für jung), und dass die Mark Brandenburg und das Havelland bis zum Fläming im Hochmittelalter - bekanntlich - vor allem durch Siedler aus Holland und Flandern besiedelt worden ist. Das war schon seit längerem Wissen, bzw. Vermutung in unserer Familie, dass wir von diesen Siedlern aus Holland und Flandern abstammen - wie wohl auch sonst ein großer Teil der traditionellen größeren Bauern in den Straßendörfern der Mark Brandenburg (die 1953 und später zu großen Teilen nach Westdeutschland gegangen sind). (Unser Hof hatte 44 ha.)

- Das sind erst mal nur die ersten groben Ergebnisse ohne weitere eigene Recherche in der Forschungsliteratur oder auf Internetblogs und -foren, wo man sich über all das noch weiter austauschen kann.

Hallo Verwandte!

Nun klicke ich weiter zu "DNA Relatives - View 23andMe-members who share DNA with you". Und was entdecke ich dort? Einen männlichen Cousin ersten Grades in den USA. Nanu? Hat einer meiner beiden dortigen Cousins auch schon seine Gene sequenzieren lassen? Hätte ich ja gar nicht gedacht! 10,9 % des Genoms teilen wir laut Angaben von 23andMe, wobei ich mich grade frage, ob das reicht, uns Cousins ersten Grades zu nennen. Sollten echte Cousins aufgrund von familiärer Abstammung nich - zumindest rein rechnerisch - ein Achtel ihrer Gene teilen (laut Voland/Soziobiologie 2000, S. 6)? Das wären dann 0,125, also 12,5 %. Kann das ein echter Cousin sein, wenn er nur 10,9 % gemeinsame Gene mit mir hat? Aber wie könnte sonst noch eine solche Gemeinsamkeit zustande kommen? - ??? (Es wurde von 23andMe angeboten, dass ich eine Email-Anfrage an meinen namentlich unbekannten Cousin senden kann, das habe ich auch gerade getan, bin gespannt auf die Antwort.)

Eine Kanadierin (sogar mit Name!) wird mir genannt als Cousine 3. bis 5. Grades. Hallo, Cousine! Sie ist aber "nur" englischer, schottischer und irischer Abstammung. Spannend. Oder verrückt. Wir teilen 0,68 % unserer Gene. Cousins und Cousinen 3. bis 6. Grades nennt mir 23andMe noch allerhand mehr! :) Vor einigen Jahren hat ja eine für mich aufsehenerregende Studie herausbekommen, dass auf Island am häufigsten Heiraten geschlossen werden zwischen Cousins und Cousinen, glaube, 2. (oder 3.?) Grades. Und zwar ganz ohne dass diese Menschen um dieses Verwandtschaftsverhältnis wüssten. Also eher unbewusst. Das fand ich schon damals sehr spannend. Deshalb - vielleicht - schade, dass mir hier vorerst Verwandten 2. oder 3. Grades so sicher nicht genannt werden können.

Kein Gesundheitsbericht von 23andMe in Deutschland - Mist!

Ein Cousin 5. Grades allerdings wohnt in Deutschland, auch mit Name genannt! Sieben weitere Cousinen und Cousins, zumeist 5. Grades ebenfalls. In Polen sogar 9, in New York 26, Philadelphia 12 und so weiter. Sogar einer in Japan (?!?), fünf in Russland.

Ups, nach Nachnamen-Übersicht tragen die meisten meiner entfernten Verwandten (ab 5. Grades) jüdische Familiennamen: Friedman, Levy, Schwartz, Goldberg, Cohen. Hallo, Verwandte! (Womöglich spiegelt sich in dieser Angabe auch nur wieder, dass aschkenasische Juden bei 23andMe schon zu überproportional hohen Anteilen Kunden sind, was passen würde zu dem hohen Interesse, das es in dieser ethnischen Gruppe überhaupt gibt an Abstammungs- und genetischen Fragen.)

Im Gegensatz zum durchschnittlichen Europäer mit 2,6 % Neandertaler-Genabschnitten habe ich nur 2,5 % derselben. ... Ääähm, und nun bin ich gerade auch etwas verwirrt. Mit Cousins 3. Grades teile 0,68 % der Gene, aber mit Neandertalern 2,5 %? - ??? Als was für Verwandte soll ich denn dann die Neandertaler bezeichnen? - - - Aha, beim genaueren Überlegen dämmert's womöglich: Bei dieser Prozentangabe sind ja die individuellen Unterschiede zwischen Neandertalern gar nicht mitgerechnet, berücksichtigt, bei den Angaben zu meinen jetztmenschlichen Cousins und Cousinen aber schon ...

Das ist zunächst die letzte Angabe, die ich auf's erste finde. Wo aber finde ich nun Angaben zu Genen, die meine Gesundheit, Körpermerkmale, psychischen Merkmale bestimmen? Ich werde wohl noch weiter suchen müssen. Dies erst mal als ein erster Eindruck. - Aktualisierung, 29.4.16. Tja, erst mal große Enttäuschung. Das, was mir fehlt, ist sehr umfangreich und nennt sich "Health Report". Und erst indem ich auf dem Forum von 23andMe herumfrage, erfahre ich:
Germany is one of the countries that doesn't receive health reports (but where customers also pay a lower price excluding shipping). Unknown if they'll eventually be provided.
- Aktualisierung, 4.5.16: Gestern (3.5.) erhielt ich das auch von 23andMe selbst bestätigt:
Hello Ingo, Thank you for contacting the 23andMe Team. 23andMe does not provide health reports to customers in Germany. Customers in your region currently receive uninterpreted raw genetic data, as well as ancestry information. We apologize if the current product offering was not clear to you at your time of purchase. Note, however, that 23andMe has taken several measures to inform potential customers of the service they are purchasing. Customers must read through and agree to health report disclaimer on the order page prior to proceeding. A similar disclaimer is provided during the barcode registration process. You can review this disclaimer on the order page here: https://store.23andme.com/en-int/cart/ It is possible that additional reports or products may be available in the future. However, regulatory bodies in your region may have requirements that prohibit the sale of or require changes to specific reports or products. Additional charges for new products may apply. Please let us know if you have any additional questions. Best Regards, The 23andMe Team
Also erlaubt das die Gesetzgebung in Deutschland nicht? (???) Übrigens muss das unter dem Kleingedruckten geschrieben worden sein. Naja, das Geld ist nicht zum Fenster hinaus geworfen. Man hat die Rohdaten und jetzt gilt es, andere Orte zu suchen, wo man einen Gesundheitsbericht mit ihnen erhalten kann.

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*) Ergänzung 27.5.17. Wo dieser aschkenasisch-jüdische Vorfahre auftauchen muss, lässt sich ja ausrechnen. Von Generation zu Generation zurück gerechnet verdoppelt sich jeweils der Anteil jener, die zu meinem Genom beigetragen haben und halbiert halbiert sich jeweils der Anteil der Gene jedes einzelnen, die er zu meinem Genom beigetragen hat: In der ersten  Generation tragen zwei Eltern zu je 50 % bei. In der zweiten Generation vier Großeltern zu je 25 % .... In der sechsten Generation tragen 64 Vorfahren zu je 1,5625 % zu meinen Genen bei. In der siebten Generation tragen 128 Vorfahren zu je 0,78125 % zu meinen Genen bei. In der achten Generation 256 Vorfahren zu je 0,39 %. Das heißt: 0,5 % ist also zunächst einmal rein rechnerisch gar nicht möglich. Jedenfalls bedeutet das, dass etwa innerhalb der siebten Generation einer von 128 Vorfahren aschkenasisch-jüdischer Herkunft war. Wählt man einen durchschnittlichen Generationenabstand von 30 Jahren, sollte der- oder dieselbe vor grob 200 Jahren gelebt haben, sagen wir also grob zwischen 1750 und 1800 (eher früher). Es muss immerhin nicht ganz unmöglich sein, diesen Vorfahren im Stammbaum zu finden.

Montag, 14. März 2016

"Sei beseelt" - Ein neuer Internetblog

Am 13. März 2016 ist ein neuer Internetblog gegründet worden.  

Otto Ubbelohde - Kiefern im Wind
Auf diesem neuen Blog werden zunächst einige ältere Artikel, die schon verstreut auf anderen Blogs erschienen sind (etwa auf "Studium generale", auf "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" und auf "Studiengruppe Naturalismus"), noch einmal zusammengestellt, um sie für das auf diesem neuen Blog im Mittelpunkt stehende Thema - Seele und Beseelungswissen - zu sammeln und zu bündeln. Und um diese Beiträge nicht mehr zwischen den bisherigen vielen politischen, naturwissenschaftlichen oder zeitgeschichtlichen Artikeln untergehen und dadurch nebensächlich erscheinen zu lassen. Denn sie waren noch nie die nebensächlichsten, sondern sie waren und sind die wichtigsten Artikel unserer ganzen Blogarbeit in den letzten Jahren. Diese älteren Blogartikel werden auf dem neuen Blog mit dem Datum ihres Ersterscheinens eingestellt, um auch dort die ursprüngliche Chronologie zu wahren.

Auf diesem Blog gibt es eine weitere Neuerung, die wir schon vor sechs Jahren begonnen hatten, ins Auge zu fassen (2, 3): Er ist der erste Blog, den wir in Frakturschrift erscheinen lassen. //Ist leider derzeit nur auf normalen Rechnern so zu sehen, nicht auf Tablets oder Mobiltelefonen.//

Zur technischen Seite dieser Tatsache lässt sich zunächst sagen, dass das in einem ersten Schritt vergleichsweise leicht umgesetzt werden kann. Denn dazu muss man nur die Anweisungen auf dem "Fraktur-Forum" (1) befolgen. Allerdings ist allen kenntnisreichen Fachleuten, "Schriftgelehrten" und Schriftsetzern klar, dass eine automatische Eins-zu-Eins-Umwandlung von Antiqua-Schrift zu Frakturschrift dem Charakter der überlieferten deutschen gebrochenen Schriften, bzw. Frakturschriften nicht gerecht wird. Die deutschen Frakturschriften kennen nämlich viele Typen, die es in der Antiquaschrift gar nicht gibt. So vor allem das lange s, einzelne Typen für sch, ch, ck und so weiter. Und diese Typen können bei einer schnellen Eins-zu-Ein-Umwandlung gar nicht in angemessener Weise umgewandelt werden. Dieses Problem kann also einstweilen hier auf dem Blog keineswegs als gelöst erachtet werden. Aber um so mehr man so fehlerhaft Frakturschrift verwendet, um so eher wird man selbst oder werden andere sich veranlasst sehen, angemessenere technische Umsetzungen zu finden oder bereitzustellen.

Frakturschrift ein Ausdruck deutschen seelischen Erlebens

Denn irgendein Anfang muss doch damit endlich einmal gemacht werden. Außerdem: Es macht auch so schon Freude, moderne, aktuelle Texte in einer solchen Frakturschrift lesen zu können. Das Einlesen ist gar nicht so schwer. Um so weniger, um so mehr man auch sonst gelegentlich einmal "alte Bücher" liest. Also jene Bücher in Deutschland, die bis 1941 in ihrer großen Mehrheit fast immer nur in Fraktur und in gebrochenen Schriften gesetzt worden sind.

Aber warum überhaupt noch heute einen Internetblog in Frakturschrift erscheinen lassen? Zuletzt hat sich wohl der israelische "Deutschland-Philosoph" Yoav Sapir auf den Scilogs (Wissenschaftsblogs) von "Spektrum der Wissenschaft" darüber Gedanken gemacht (2, 3).

In einer wenig beachteten Zeitschrift der "Ludendorff-Bewegung" ist zu dieser Frage zuletzt 1990 ein inhaltsreicher Aufsatz erschienen (4). In Ergänzung zu diesem wurde auch einmal erneut ein Aufsatz des deutschen Verlegers Eugen Diederichs zu dieser Frage aus dem Jahr 1912 zum Abdruck gebracht (5). In diesen beiden Aufsätzen sind viele gute Argumente zusammen getragen, auf die wir uns auch bei der Verwendung der Frakturschrift für den neuen Blog beziehen. In Kurzform laufen diese Argumente darauf hinaus, dass die deutsche Frakturschrift, die in der Dürer-Zeit in Deutschland geschaffen worden ist und die bis zum Verbot durch Adolf Hitler im Jahr 1941 immer benutzt worden ist, ein Ausdruck deutschen seelischen Erlebens ist und als solches seelisches Erleben auch immer wieder neu weckt und wecken kann - wenn wir denn Worte in dieser deutschen Schrift schreiben oder lesen.

Darum wollen wir dieses wichtige Kulturgut deutsche Schrift, in der fast alle unsere großen Dichter, Denker und Kulturschöpfer geschrieben und publiziert haben - und zumal wenn es uns um Seele geht und um seelische Ansprechbarkeit - keinesfalls der Vergessenheit anheim fallen lassen. So viel sei hier zunächst nur in Kurzform zu dieser Frage festgehalten. Ein ausführlicher Gedankengang und eausführlichere Begründungen werden - wenn Zeit dafür bleibt - nachgereicht werden.

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  1. http://unifraktur.blogspot.de/2010/09/unifraktur-blog-in-frakturchrift.html, http://unifraktur.sourceforge.net/unifraktur-forum/viewtopic.php?p=258#p258 [14.9.2010]
  2. Sapir, Yoav: Sprache und Schrift - nicht zu überschätzen. Auf: Internetblog "Un/zugehörig - ein israelischer Blick auf Deutschland", 10. August 2010, http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/sprache-und-schrift-nicht-zu-untersch-tzen/
  3. Sapir, Yoav: “Korrektes” Deutsch mit Antiquaschrift? Auf: Internetblog "Un/zugehörig - ein israelischer Blick auf Deutschland", 12. August 2010, http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/korrektes-deutsch-mit-antiquaschrift/
  4. Schäfler, Wilhelm: Schrift und Sprache. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 65, Januar 1990, S. 1-10
  5. Diederichs, Eugen: Sollen wir die Fraktur abschaffen? In: Jahrbuch des deutschen Werkbundes, 1912, http://www.digitalis.uni-koeln.de/Werkbund/werkbund65-75.pdf; erneut abgedruckt u.a. in: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 65, Januar 1990, S. 12-15

Sonntag, 6. März 2016

Beseelungswissen (I) - Gerhard Roth - "Wie das Gehirn die Seele macht"

Seinen Mitmenschen kann man immer gerne das neue Buch von Gerhard Roth empfehlen "Wie das Gehirn die Seele macht". So auch schon mehrmals hier auf dem Blog. Warum? Weil in diesem Buch ein führender deutscher Hirn- und Neuroforscher ganz ungezwungen und unkompliziert den Begriff "Seele" in die exakte Naturwissenschaft hineinbringt, bzw. aus dieser heraus mit diesem Begriff Seele ganz unkompliziert und selbstverständlich umgeht.

Die Verwendung des Begriffes Seele ist von Gerhard Roth - sozusagen - als eine Art Kampfansage gemeint in Richtung der letzten Bastionen der Freud'schen Psychoanalyse und aller Verhaltenstherapeuten, die heute immer noch das "Seelische" nicht hervorgerufen durch physiologische Gehirntätigkeit begreifen wollen, sondern in irgendeiner verschwurbelten Weise als eine "Parallelerscheinung" von Gehirntätigkeit.

Roth sagt in der Einleitung von "Wie das Gehirn die Seele macht", dass dieser "psychophysische Parallelismus" vor zehn Jahren, zur Zeit des damals Schlagzeilen machenden "Manifests der Hirnforscher" zur Not noch als letzte Rückzugsbastion hatte aufrecht erhalten werden können, dass aber die Forschungsfortschritte der letzten zehn Jahre auch dieser letzten Rückzugsbastion den Garaus gemacht haben. Und deshalb proklamiert er jetzt so herausfordernd und kühn, dass die Hirnforscher jetzt tatsächlich erklären könnten, "wie das Gehirn die Seele macht". Die Erkenntnisbasis für dieses Postulat ist nach Gerhard Roth hierfür inzwischen breit genug und er versucht, sie in seinem Buch darzustellen.

Es geht ihm also gar nicht etwa darum, den Seelen-Begriff überhaupt in die psychische Forschung einzuführen. Er war darin ja nie verschwunden. Sondern es geht ihm um das kühne Postulat, Seelisches auf der höchsten denkbaren Ebene vollständig naturwissenschaftlich beschreiben zu können. Dies und nichts anderes will er sowohl naturwissenschaftlich wie immer noch rein geisteswissenschaftlich orientierten Psychologen und Therapeuten, sowie der interessierten Öffentlichkeit bewusst machen. Und hierfür stellt er in seinem Buch ganz jenseits gar zu vieler rein theoretischer oder gar philosophischer Erörterungen einfach sehr breit den aktuellen Forschungsstand von der tiefsten Grundlagenforschung bis hin zur konkretesten Anwendung im Einzelfall dar.

Denn so werden heute auch zutiefst philosophische Bücher geschrieben: indem einfach auf der Grundlage umfangreichster Forschungsliteratur der aktuelle Forschungsstand dargestellt wird.

Man muß dazu aber sagen, daß es sich bei diesem Buch - abgesehen von Einleitung und Schlussteil - um zum Teil recht zäh zu lesende typisch naturwissenschaftliche Ausführungen handelt. Es ist deshalb auch ein Buch, das über weite Strecken recht "trocken" herüberkommen kann. 

Nun haben wir uns hier auf dem Blog überlegt, man sollte zur Heranführung lieber auf jenen gleichnamigen Videovortrag verweisen, über den man auch selbst erst auf dieses Buch und seine Thematik aufmerksam geworden ist. Dieser Vortrag dauert eine Stunde und enthält inhaltlich wohl die wesentlichen Aussagen des Buches. Und zwar zum Teil sogar prägnanter und deutlicher auf den Punkt gebracht als im Buch selbst. Deshalb reicht es sicher, zunächst sich einfach diesen Vortrag anzuhören. Man verschwendet dabei keinesfalls seine Zeit.

Auch Herr Roth ist nun auf den ersten Blick nicht gerade der lebhafteste Vortragende oder gar eine Identifikationsfigur, mit der man sich besonders leicht emotional identifizieren kann. Sehr ruhig und auch emotional zurück genommen spricht er. Aber das mag eben auch eine Stärke sein. Von Gerhard Roth gibt es mehrere Vorträge im Internet, offenbar auch denselben Vortrag bei einer anderen Gelegenheit gehalten (Yt). Man mag immer jene Stellen in seinem Vortrag am "lebendigsten" empfinden, in denen er Beispiele aus seiner eigenen Familie bringt. Wobei man ihn dann auch als einen Menschen kennen lernt, der in familiäre Zusammenhänge eingebunden ist und aus diesen heraus argumentiert. Und das ist ja auch einer der wesentlichste Aussagen seines Vortrages: Nämlich dass gelingende soziale Beziehungen schon die wesentlichste Grundlage bilden für eine gesunde seelische Entwicklung des Menschen.

Gelingende soziale Beziehungen - die Hauptgrundlage für Seele

Was ist die Leistung von Gerhard Roth? Die Hirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten eine Fülle von Detail-Erkenntnissen hervorgebracht. Und es ist nicht einfach, aus diesen vielen - zum Teil auch widersprüchlichen - Detail-Erkenntnissen nun ein zusammenhängendes Bild des Funktionierens unseres Gehirns zu erarbeiten. Und genau daran arbeitet Roth. Nämlich die vielen Detail-Erkenntnisse auf gemeinsame Nenner zu bringen, in ein Gesamtbild vom Funktionieren unserer Seele zu bringen. Und bei der Erarbeitung dieser Thematik kommt er eben darauf, den Begriff Seele wieder ganz selbstverständlich zu benutzen. Ein Umstand, der sicherlich nicht selbstverständlich ist, sondern eben ein Ausfluß ist des Erkenntnisstandes der modernsten naturwissenschaftlichen Hirnforschung.*)

Bemerkenswert ist auch, daß Gerhard Roth, wie erwähnt, einen Vortrag mit demselben Titel schon vor mehr als zehn Jahren auf den angesehenen Lindauer Psychotherapie-Wochen gehalten hat. In dem Zusammenhang sagt er im Videovortrag:

Der Titel stammt nicht von mir, sondern von einem bekannten Psychiater.
Im Vorwort seines Buches sagt er über die Zeit irgendwann nach 1997 genauer (1, S. 10):
Ein besonderes Ereignis war die Einladung an Gerhard Roth, als erster Neurobiologe auf den angesehenen Lindauer Psychotherapiewochen einen Vortrag zu halten, der dann den Titel trug "Wie das Gehirn die Seele macht". Dieser Titel stammte von Manfred Cierpka, und wir haben ihn auch für das vorliegende Buch gewählt.
Im Videovortrag weiter:
Aber so einen Titel, den hätte man vor 50 oder 100 Jahren so nicht anbieten können. Das ist aber, wenn man es geistesgeschichtlich sieht, ein bisschen unverständlich. Denn wenn man ganz weit zurück geht, meint Seele ursprünglich Lebensprinzip. Odem, Pneuma, Ruach im Hebräischen. Ein Stoff, der das ganze Universum ausfüllt - Äther würde man heute sagen - den die Lebewesen einatmen, und der sie lebendig macht.
Der hier erwähnte Begriff im Hebräischen lautet Ruach (Wiki). Roth knüpft dann an Platon und Aristoteles an und sagt, daß auch noch die moderne Physiologie gewissermaßen - wie jene damals - von vegetativer, animalischer und rationaler Seele spricht oder sprechen kann. Die letztere ist - nach Aristoteles und Platon - unsterblich. Roth:
Diese Unsterblichkeit der Seele stammt also gar nicht aus dem Judentum oder Christentum, sondern aus der Antike.

An dieser Stelle sei der Gedanke eingefügt: Es ist unwahrscheinlich begeisternd, solche wesentlichen Gedanken von einem führenden Hirnforscher weltweit zu hören. Denn wie viel Quatsch in modernen Diskussionen sinkt allein mit diesen schlichten Ausführungen in den Orkus allen Geistes-Blödsinns. Als müßten wir etwa den Gedanken der Unsterblichkeit der Seele ablehnen, nur weil wir die mosaischen Religionen ablehnen. Solche Dinge sollen uns ja dauernd - seit Jahrzehnten - eingeredet werden. Er ist aber schlicht Quatsch. Der Gedanke der Unsterblichkeit der Seele ist eine Tradition der klassischen abendländischen Philosophie. Punkt. 

Die Unsterblichkeit der Seele - Sie stammt aus der Antike, nicht aus Juden- oder Christentum

Und: Begeisternd:

Und so ist auch die heutige Konnotation Seele direkt verbunden mit der Vorstellung, Seele ist etwas, was irgendwie uns belebt, aber auch unsterblich ist. Aber seit dem Altertum gab es ein Lager, das sagte, die Seele ist sterblich, sie stirbt mit dem Menschen. Und es gibt ein großes Lager, das sagt, die Seele ist etwas Unsterbliches. Und beide Lager haben sich bis heute nicht einigen können.
Sein Buch und so viele seiner Ausführungen können einem einfach wichtig sein, weil sie alle zusammen genommen den Stand der Diskussion heute zwischen Anhängern der Hirnforschung, der Psychotherapie, der Freudschen Psychoanalyse und vieler weiterer "Seelenärzte" markieren. Psychotherapeuten nämlich sind Seelenärzte, sagt Gerhard Roth an einer Stelle. Im Buch selbst findet man die spannendsten und allgemeinsten Ausführungen vielleicht erst im letzten Kapitel, in der Zusammenfassung, wo es heißt (1, S. 370, Hervorhebung nicht im Original):
In diesem Buch haben wir mit "Seele" die Gesamtheit der Vorgänge bezeichnet, die sich in unserem bewußten, vorbewußt-intuitiven und unbewußten Fühlen, Denken und Wollen ausdrücken. Hierfür gibt es im Deutschen kein besseres Wort, auch wenn "Geist" und "Psyche" wesentliche Teile davon abdecken. Die religiösen Vorstellungen von "Seele", etwa Unsterblichkeit oder göttliche Abkunft, haben wir bewußt nicht berührt. Die in unserem Sinne definierte Seele ist nach aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnis untrennbar an Hirnfunktion gebunden. Ihre Eigenschaften und Leistungen formen sich mit der Entwicklung des Gehirns, und mit dem Tod des Gehirns enden diese "Seelenvermögen". Wenn man also nach einer möglichen Unsterblichkeit der Seele fragt, so muß sich dies auf gänzlich andere Zustände und Eigenschaften beziehen, als diejenigen, die einer wissenschaftlichen Behandlung zugänglich sind.
Hier klingt bei Gerhard Roth offenbar mehr Pessimismus durch als bei dem Mainzer Philosophen Thomas Metzinger, der sich diesbezüglich schon eher in der Nähe der Einschätzung des deutschen Theologen und Philosophen Schleiermachers bewegt, und an dessen Einigungsvorschlag zu den beiden oben von Roth vorgetragenen Meinungen zur Frage der Unsterblichkeit der Seele, als Schleiermacher nämlich sagte:
Mitten in der Endlichkeit eins zu sein mit dem Unendlichen und darin ewig zu sein in jedem Augenblick - das ist Unsterblichkeit.

Dies ist übrigens auch der Begriff der Unsterblichkeit der Seele bei der deutschen Philosophin und Evolutionären Psychologin Mathilde Ludendorff. Und wer möchte auch bestreiten, daß ein solcher, hier genannter Seelenzustand etwa in der Liebe erreicht werden kann? In der Liebe zweier seelisch und körperlich starker Menschen?

Abb. 1: Stephan Abel Sinding (1846-1922) - Ein Mann und eine Frau

Übrigens hat sich der Bischof Franz Kamphaus (geb. 1932) (Wiki) von Limburg (der Vorgänger seines unseligen Nachfolgers) unter anderem auch in diesem Sinne zum Begriff Unsterblichkeit ausgesprochen. Auch diesen Gedanken spricht man - von christlicher Seite - gerne einmal an, läßt ihn dann aber weiter für sich im geistigen Raum stehen, ohne daraus weitere, größere Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wer möchte bestreiten, daß etwa Ludwig van Beethoven über solche Seelenzustände gesprochen hat? (Und natürlich aus solchen heraus komponiert hat?) Also müssen solche Seelenzustände auch der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sein. Und da gibt es ja auch schon viele Ansätze, die einmal zusammen fassend zusammen getragen werden sollten. Die amerikanische Anthropologin Barbara King spricht etwa aus ihren Erfahrungen der Primaten-Verhaltensforschung heraus von dem Seelenzustand des "belonging", des "Sich zugehörig Fühlens zu" ... einem anderen Menschen, ... einer Familie, ... einer menschlichen Gemeinschaft, ... einer Kultur. Dieser könnte eine evolutionäre Wurzel sein für religiöse, bzw. höherwertige seelische Erfahrung des Menschen, auch für - so möchte man einschieben: Sloterdijk'sche "Vertikalspannung". Auch der Autor Dean Hamer macht in seinem Buch "Das Gottes-Gen" zu solchen Fragen wertvolle Ausführungen. 

Roth jedenfalls gibt dann eine Zusammenfassung der Aussagen seines Buches (1, S. 370, Hervorhebungen nicht im Original):

Wie im ersten Kapitel gezeigt, war die Einengung des Seelenbegriffs von einem Lebensprinzip, anima, Spiritus oder Odem genannt, auf empirisch erfaßbare perzeptive, emotionale und kognitive Vorgänge ein Prozeß der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, der sich über zweieinhalb Jahrtausende hinzog, und ebenso lange dauerte die Suche nach dem "Sitz" dieser Vorgänge. (...)
Das Seelische findet seinen spezifischen Ausdruck in unserer Persönlichkeit, und deshalb waren weite Teile dieses Buches der Darstellung der verschiedenen Ebenen des Gehirns gewidmet, auf denen sich diese Persönlichkeit entwickelt: der unteren, mittleren und oberen limbischen sowie der kognitiv-sprachlichen Ebene. Hierbei ist die untere limbische Ebene, zu der Strukturen wie der Hypothalamus, die zentrale Amygdala und vegetative Zentren des Hirnstamms gehören, für die Regulation lebenswichtiger vegetativer Funktionen zuständig und bildet unter dem Einfluss von Genen und vorgeburtlichen Erfahrungen die Grundlage für unser Temperament. Die individuelle Funktion dieser Ebene kann durch spätere Erfahrung oder Erziehung nur schwer verändert werden.
Die mittlere limbische Ebene (...) ist die Ebene der unbewußten emotionalen Konditionierung und des individuellen emotionalen Lernen: Elementare Emotionen (z.B. Furcht, Ekel, Freude, Glück) werden hierbei an individuelle Lebensumstände angebunden. Die charakteristische Funktion dieser Ebene entwickelt sich in den ersten Lebensjahren vor allem im Kontext frühkindlicher Bindungserfahrungen und bildet zusammen mit der unteren limbischen Ebene den Kern unserer Persönlichkeit. Sie kann im Jugend- oder Erwachsenenalter nur über starke emotionale oder lang anhaltende Einwirkungen verändert werden.

Hier ist also sicher unter anderem die Herausbildung oder das fehlende Herausbilden von "Urvertrauen" angesprochen. Gerhard Roth weiter:

Die obere limbische Ebene (...). Auf dieser Ebene findet das bewußte emotional-soziale Lernen statt. Hier werden die emotionalen Reaktionen der beiden unteren limbischen Systeme verstärkt oder abgeschwächt, je nachdem wie es die Sozialisation vorgibt. Bewertungen auf dieser Ebene bilden die Grundlage für Gewinn- und Erfolgsstreben, für Freundschaft, Liebe, Hilfsbereitschaft, Moral und Ethik. Diese Ebene entwickelt sich in der späteren Kindheit und Jugend aufgrund sozial-emotionaler Erfahrungen und ist entsprechend vornehmlich durch solche veränderbar.

In diesen wenigen Sätzen steckt unglaublich viel drin. Und sie wären sicherlich noch einmal genauer zu erläutern anhand der entsprechenden Kapitel im Buch. Die Manipulatoren wissen um diese Veränderbarkeit. Das Buch ist dann insbesondere damit beschäftigt, aufgrund welcher Therapien, seelenärztlicher Verfahren eigentlich sprichwörtlich "Beseelungswissen" umgesetzt werden kann in praktisches Handeln, wie man Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen helfen kann.

Es wird darauf abgehoben, daß die Erfolge aller heute bekannten Behandlungsmethoden im Wesentlichen nicht auf den Methoden selbst beruhen (ob Kartenlegen, Freud'sche Psychoanalyse oder andere Verfahren), sondern schlicht darauf, daß nach dem Gelingen einer guten Therapeuten-Klienten-Beziehung bei beiden das Vertrauenshormon Oxytocin ausgeschüttet wird und daß dadurch vor allem auch beim Klienten eine bei allen Verfahren aufzeigbare durchschnittliche, erste Verbesserung seines Zustandes auftritt.

Soweit einmal erste Hinführungen zu diesem Vortrag und zu diesem Buch. Womit keineswegs gesagt sein soll, daß damit schon eine ausreichende Auswertung beider erfolgt wäre.

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*) Ein Gedanke, der noch wesentlich prägnanter im Zusammenhang mit seinem Buch - oder im Vortrag - heraus gearbeitet werden könnte, ist übrigens der, daß den Ersterfahrungen auf dem Gebiet des Geschlechtlichen (der Sexualität) - und zwar jetzt nicht die extremen Formen kindlicher Gewalterfahrung, sondern in der normalen Entwicklung der Geschlechtlichkeit von jungen Erwachsenen - von einer großen Zahl sehr unterschiedlicher Kulturen weltweit seit vielen Jahrtausenden eine besondere Bedeutung zugesprochen worden ist für die gedeihliche Entwicklung des einzelnen Menschen und ganzer kultureller Gemeinschaften. Die "Hochzeit" galt bei unseren Vorfahren - wie der Name schon sagt - als: "Hohe Zeit". Und sie wurde kulturell eingebettet. Es wurde Anteil daran genommen.
Ob diese hohe Bedeutung, die viele Kulturen diesem Geschehen gaben, der Grund dafür ist, dass Medien-Manipulateure und Lügenäther schon seit vielen, vielen Jahrzehnten genau diese Zielgruppe der Menschen im Auge haben, die ihre Ersterfahrungen noch nicht erlebt haben, wobei sie das Erlebnis dieser Ersterfahrung ganz offensichtlich massiv zu beeinflussen bestrebt sind. Und wobei von - - - "hoher Zeit" schon ganz gewiss nicht mehr die Rede ist? ... Jugendzeitschriften wie "Bravo" und Konsorten seligen Angedenkens. - ? (Aus den Erfahrungen des Jahrgangs 1966 heraus gesprochen.) Heute wäre ja da noch ganz anderer Dinge selig zu gedenken, als bloß Jugendzeitschriften wie "Bravo". Auch hier wäre die dringende Frage, wie gegengesteuert werden kann. Was da überhaupt noch möglich ist.
Denn seit vielen Jahrzehnten ist bekannt - und Gerhard Roth spricht auch davon, daß im Zusammenhang menschlicher Geschlechtlichkeit - insbesondere auch bei Frauen - Bindungshormone ausgeschüttet werden, Oxytocin, das "Treue-Hormon". Daß also unsere Physiologie - und insbesondere die von Frauen - auf langfristige, gelingende monogame Paarbeziehungen ausgelegt ist. Und daß Mißlingen großes Unglück hervorruft bis hin zu Depression. Warum sagt man das den jungen Frauen von heute nicht? Warum gehen wir mit einem solchen Wissen nicht kulturell wertvoll um? Warum gestalten wir nicht mehr "hohe Zeit"? Damit solches Unglück möglichst nur noch in begrenztem Ausmaß auftritt, in einem solchen Ausmaß, das gesellschaftlich noch verkraftbar ist. Und nicht mehr wie heute, wo sich Millionen Deutsche Kinder wünschen, sie aber nicht bekommen, weil der geeignete Bindungspartner nicht da ist. - ? Wo also schlicht: Liebe nicht mehr gelingt.
Machen wir uns denn nicht von vornherein unglücklich, wenn wir uns allerwärts durch Medien-Manipulatoren dahingehend manipulieren lassen zu denken, die Wahl und Austauschbarkeit unserer Geschlechtspartner, der Reife-Zeitpunkt des Eintritt ins Geschlechtsleben, die Art des Eintritts ins Geschlechtsleben und alle diese so wesentlichen Dinge in Bezug auf "hohe Zeit" - all das wäre gar nicht mehr wichtig für ein gedeihliches und glückliches Zusammenleben von Menschen? Und für die Entwicklung von Seele? Bei uns selbst. Bei unseren Lebenspartnern. Bei unseren Kindern. - ?

Wie gestalten wir "hohe Zeiten", Hochzeiten?

Wobei nicht in Plattheiten zu verfallen wäre, aus christlichen Attitüden heraus etwa irgendwelche Formen des Lebens von Geschlechtlichkeit - gleichgeschlechtlich, polygam, polyamor und wie sie alle heißen mögen - per se zu verdammen. Sondern wobei nur herauszuarbeiten wäre, daß das kulturelle Hochziel - zumindest europäischer Kulturen - immer schon die zweigeschlechtliche, lebenslange Einehe ist. So kann man doch argumentieren, ohne andere Lebensformen auf diesem Gebiet per se als minderwertig zu bezeichnen. Wie das so beliebt ist aus typisch monotheistischem Ressentiment heraus. Wir wissen doch alle, daß es Menschen geben kann, die lebenslang in Einehe leben, und die wir als Menschen für sich genommen für außerordentlich moralisch minderwertig empfinden. Daß - zum Beispiel - Einehe auch als eine Art von Prostitution gelebt werden. Einfach aus Bequemlichkeit heraus.
Daß es andererseits Menschen geben kann, die andere Formen der Geschlechtlichkeit lebten, und die wir als wertvolle Menschen erachten, etwa weil sie Künstler waren, die Ungeheuerliches geleistet haben. Oder die auch sonst wertvoll gelebte Geschlechtlichkeit leben außerhalb zweigeschlechtlicher lebenslanger Einehe. (Wobei dann nur eben auch die Bedürfnisse von Kindern zu berücksichtigen sind, die bezüglich des Wunsches nach einer "heilen Ehe" der Eltern nicht gerade gering zu veranschlagen sind, und die um so eher zu beachten sind, weil Kinder jene Bevölkerungsgruppe sind, die ihre eigenen Interessen am wenigsten selbst durchsetzen können.)
Warum jedenfalls all diese (christlichen, monotheistischen) "Ressentiments" heute immer noch in all solchen Debatten? Welche Art von Medien-Manipulatoren stecken hinter all diesem Aufputschen und diesem Ressentiment-Gerede und -Geschreibsel, das uns überall umgibt, und von dem sich auch politische Entscheidungen - wieder einmal - leiten lassen?

/ Um einleitende Absätze ergänzt 31.5.16;
Leicht umgestellt und überarbeitet: 16.4.2024 /

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  1. Roth, Gerhard; Strüber, Nicole: Wie das Gehirn die Seele macht.  Klett-Cotta, Stuttgart 2014 (danach wird zitiert; inzwischen, im Januar 2016, ist das Buch schon in 6. Druckauflage erschienen)

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