Sonntag, 22. Mai 2016

Beseelungswissen (III) - Gerhard Roth - Wie das Gehirn die Seele macht

Das schon in einem früheren Beitrag beandelte Buch von Gerhard Roth "Wie das Gehirn die Seele macht" findet erfreulicherweise auch anderenorts manche Aufmerksamkeit. Dabei ist mitunter noch das Missverständnis festzustellen, dass die von Roth behandelten Inhalte nur dem Menschen Seele zusprechen. Das ist natürlich nicht so, auch wenn Roth in seinem Buch keine ausgesprochene Tier- oder gar Pflanzenpsychologie betreibt. Ich schrieb diesbezüglich an einen Leser dieses Buches:

"Ich habe das Gefühl, dass Du Gerhard Roth ein bisschen Unrecht tust, wenn Du sagst, Roth würde sagen, Seele würde NUR durch Gehirn, Nervenzellen hervorgebracht werden. Das ist zunächst nahe liegend, da er ja Hirnforscher ist und von der menschlichen Seele spricht. 

Ich selbst hatte mich ja auch schon mit dem Buch von Gerhard Roth beschäftigt:
http://studgenpol.blogspot.de/2016/03/beseelungswissen-ii-gerhard-roth-wie.html

Wobei mir bewusst ist, dass ich das Buch von Roth auch in diesem Aufsatz noch längst nicht ausrdeichend ausgeschöpft hatte. Vor allem hatte ich auch den mündlichen (Video-)Vortrag von Roth zum gleichen Thema ausgewertet und zitiert, wo er manches vielleicht ein bisschen deutlicher und prägnanter sagt als im Buch. 

Und dort hatte ich mich ja gerade auch darüber gefreut und das hervorgehoben, dass er - gerade auch im Video-Vortrag - so oft von Seele im Sinne der von Dir zitierten Brockhaus-Definition spricht. So dass ich das Gefühl habe, dass man ihm schon von daher unterstellen darf, dass er die Frage nach der Seele von Lebewesen ohne Nervenzellen durchaus mit bedacht hat und mit bedenkt (wenn das auch nicht der Schwerpunkt dieses Buches und Vortrages ist - vielleicht ist das auch anderswo behandelt).

Ich bringe aber auch ein Zitat von Seite 370 des Buches, wo mir scheint, dass doch recht deutlich wird, dass Roth diese Sichtweise in seinem Buch insgesamt mitbehandelt. Dort schreibt er:
In diesem Buch haben wir mit "Seele" die Gesamtheit der Vorgänge bezeichnet, die sich in unserem bewussten, vorbewusst-intuitiven und unbewussten Fühlen, Denken und Wollen ausdrücken. Hierfür gibt es im Deutschen kein besseres Wort, auch wenn "Geist" und "Psyche" wesentliche Teile davon abdecken.
Hier klingt doch auch eine Antwort auf diese Frage mit, insofern er ja von "vorbewusst-intuitivem und unbewusstem Fühlen, Denken und Wollen" spricht. Ein unbewusstes Wollen hat ja auch eine Pflanze oder ein Mehrzeller ohne Nervenzellen. Aber wenn man auch sonst das Buch genauer durchgeht, wird ja klar, welche immense Rolle nicht nur Nervenzellen für das (menschliche) Seelenleben haben, sondern eben auch Hormone, Stresshormone, Glückshormone, Bindungshormone und so weiter. Und zwar sowohl Produktionsorte wie auch Rezeptionsorte (Zahl der Rezeptoren im so wesentlichen "Belohnungszentrum" des Gehirns zum Beispiel). Und HORMONE haben ja auch Pflanzen (Phytohormone). Und es gibt gewiss mancherlei auch aktuellere Literatur, die aus dieser Sicht der Pflanzenwelt ebenfalls Seele zuspricht. 

Das sollte sicher noch einmal überprüft werden. In diesem Bereich ist in der Naturwissenschaft allerdings weiterhin der Seelenbegriff sicher noch eine Minderheitenmeinung. Ich glaube aber, dass das Buch von Gerhard Roth mittelfristig auch in DIESE Richtung Schritt für Schritt Wirkung zeigen wird. Und zwar um so mehr, um so mehr auch das religiöse Erleben und das Erleben des Wahren, Guten und Schönen (siehe Manfred Spitzer) Thema der Hirnforschung wird."


Und dem möchte ich hier noch hinzufügen: 

Wenn man das Buch von Gerhard Roth verstehen will, sollte man sich zunächst schon im Vorfeld klar machen, über welche Schritte die Evolution eigentlich das Seelische evoluiert haben kann. Wie kommt ein beliebiges, sich von seiner Umwelt abschließendes und gegenüber einer Umwelt seine eigene Identität behauptendes Einzelwesen überhaupt dazu, ein Einheitsgefühl mit seiner Umwelt, mit der Welt überhaupt zu entwickeln? Sollte ein solches Einzelwesen nicht in großer Gefahr stehen, für immer und dauerhaft ein Leben isoliert für sich zu leben? Genau das ist ja in der Evolution nicht geschehen. Die Umwelt-Beziehungen der Einzelwesen wurden ja mit jedem Evolutionsschritt komplexer und komplexer. Und zwar nicht nur über Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung, nicht nur über Einatmen und Ausatmen, sondern auch durch Sinnesrezeptoren, die dem Einzelwesen Auskunft über die Außenwelt geben, über Nervenzentren, die diese Auskünfte verarbeiten und möglichst sinnvolle Handlungsantworten erarbeiten, wobei sie kontrolliert und gesteuert werden von Verhaltenshormonen, die die Verrechnungsprozesse mit Gefühlen begleiten, verstärken oder abschwächen, mit Gefühlen der Lust, der Unlust, mit dem Aufbau von Erwartungen, mit dem Gefühl von Befriedigung und Bestätigung, wenn die Erwartungen erfüllt werden, mit dem Gefühl von Enttäuschung und Unlust, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Was dann wieder in von Roth beschriebenen Rückkopplungen Lernprozesse in den Nervenzentren auslösen kann. 

Diese Verhaltenshormone bewirken aber noch mehr. Sie lassen das Einzelwesen insbesondere gegenüber Artgenossen, Paarungspartnern und Nachkommen Empathie und Einfühlsamkeit erleben, Mitleid und Mitfreude. Die US-amerikanische Primatologin Barbara King vertritt die These, dass diese Empathie und das damit einhergehende Gefühl der Zugehörigkeit zu den Eltern, zur Verwandtschaft oder zur sozialen Gruppe eine der stärksten Wurzeln war und ist für jenes seelische Erleben der Einheit des Einzelwesens mit seiner Umwelt, das der Mensch, der zur Sprache gefunden hat und bewusst über solche Dinge nachdenken kann, seit Jahrtausenden religiöses Erleben genannt hat.

Wenn wir aber nun von Gerhard Roth erfahren, dass und wie Oxytocin, Vasopressin, Serotonin, Dopamin, Cortisol und andere Verhaltens-, Vertrauens-, Misstrauens-, Glücks-, Bindungs-, Stress- und so weiter -hormone und ihre jeweiligen Rezeptoren in den Nervenzellen des Gehirns zusammenwirken, um das zustande zu bringen, was Gerhard Roth und mit ihm die moderne Hirnforschung das Seelische nennt, dann wissen wir damit auch, dass das so definierte Seelische nicht etwas ist, was sich auf den Menschen beschränkt.

Das geht ja schon daraus hervor, dass wesentlichste Erkenntnisse über alle hier vorliegenden Zusammenhänge an Tieren erforscht werden und auch werden können. Denn Tiere, insbesondere Säugetiere, zeigen alle grundlegenden, von Roth beschriebenen Zusammenhänge insbesondere des limibischen Systems -nach Roth der Sitz des Seelischen - beim Menschen auch schon. 

Ihnen fehlt nur das Bewusstsein und die Sprache, um sich mit uns über solches Erleben austauschen zu können. Also auch das Gehirn von Tieren macht natürlich Seele. 

1 Kommentar:

ankita rathore hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
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