Samstag, 10. November 2012

Heinz Buschkowski für Kita-Pflicht ab dem 1. Lebensjahr

Überall wird Heinz Buschkowski, der Bürgermeister von Neukoelln, bejubelt. (... Nunja, nicht überall. Aber mitunter in Kreisen, die einem echten gesellschaftlichen Aufbruch nicht abgeneigt gegenüber stehen.) In einem Interview aus dem Jahr 2010 befürwortet Buschkowski Kita-Pflicht ab dem ersten Lebensjahr. Unter anderem unter Berufung auf eine Bertelsmann-Studie. Und mit ihm wird dann folgendes erörtert:
ErzieherIn.de: Wie wollen Sie Eltern, die ihren Kindern in den ersten Lebensjahren viel Zuwendung und Förderung geben, vermitteln, daß sie ihre Kinder in die Kita geben MÜSSEN? Konkreter gefragt: Ziehen Sie sich nicht den Zorn der Mittelschicht-Eltern zu, wenn Sie die Forderung nach einer Kita-Pflicht erheben?

Heinz Buschkowsky: Ihre Fragestellung suggeriert, dass Kinder, die eine Kindertagesstätte besuchen, keine Zuwendung und Förderung von ihren Eltern erhalten. Diese Schlußfolgerung halte ich für absurd. Die Kindertagesstätte vereinnahmt das Kind doch nicht. Im Gegenteil, sie nimmt den Faden der elterlichen Erziehung auf und gibt gleichzeitig für das familiäre Leben Anregungen und Impulse. Die Zeiten, in denen Kindertagesstätten Aufbewahrungsanstalten oder Kindergaragen waren, sind Gott sei Dank vorbei. Gerade Mittelschichteltern sind aufgerufen, sich in die Arbeit der Einrichtung einzubringen. Allerdings müssen Eltern auch den pädagogischen Aufbau der Arbeit der Einrichtung akzeptieren. Dazu gehört beispielsweise, dass sie die Kinder nicht beliebig zu unpassenden Zeiten bringen oder abholen. Im Übrigen bilden sich nur Eltern ein, dass ihre Kinder am liebsten mit ihnen spielen. Doch auch das beste Elternhaus kann die sozialen Erfahrungen und Lernprozesse unter Gleichaltrigen nicht ersetzen.
Mehr Mainstream als hier kann gar nicht geäußert werden. Wenn Bertelsmann, Technokraten und technokratisch denkende Pädagogen, bzw. wenn Deutsche allgemein, die, wohlgemerkt, heute in der Regel verkopfte Deutsche sind, sich über Kinderseelen Gedanken machen, dann kommt so etwas dabei heraus. Daß Urvertrauen vor dem 3. Lebensjahr nur in der Nähe von primären Bezugspersonen gewonnen werden kann und überall verloren wird, wo diese längere Zeit nicht da sind, solche dem Machbarkeits-Ideologien entgegenstehenden Erkenntnisse muß man ja bei Bertelsmann und als Bürgermeister von Neukoelln nicht berücksichtigen.

Wenn Menschen dem einen Wahn entfliehen - sagen wir dem Multikulti-Wahn -, dann heißt das noch lange nicht, daß sie sich nicht gleich in den nächsten Wahn verrennen würden.

Die Grunderfahrung von Kindern vor dem 3. Lebensjahr in der Kita ist schlicht Angst, da hilft auch das beste pädagogische "Rüstzeug" nichts. (Interessanter Ausdruck übrigens: "Rüstzeug"). Denn sie stehen einer ihnen fremden Umwelt gegenüber ohne Rückzugsmöglichkeit. Kita-Erziehung vor dem dritten Lebensjahr ist also schlicht Heranbildung von Angst-Bürgern. Aber es hilft nichts, verkopften Deutschen das zu erklären. Sie ekeln sich vor Essen, das nicht bei der Bio-Company eingekauft wurde und - - - geben ihre Kinder lachend und voller bestens Gewissens in die Kita. Solchen Deutschen ist einfach nicht zu helfen.

Übrigens stellt die Zeitschrift "Erzieherin.de" in dem Interview auch sonst Fragen, die auf viel Problembewußtsein schließen lassen. Naja, und vielen Dank noch mal an Bertelsmann. Überall, wo der gesellschaftliche und seelische Tod mit "wissenschaftlichen Studien" umherschleicht, dieser "Meister aus Deutscland", ja, nicht nur aber auch aus Deutschland, da ist Bertelsmann nicht weit.

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